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27. Februar 2008

Mein Gott, Walter! Der "Spiegel". Die Lüge. Und warum Zuverlässigkeit in der Politik unabdingbar ist

Lieber Leser, wir machen jetzt einen Assoziationstest. Ganz schnell: Nennen Sie spontan die Stammtisch- Weisheit über Politik, die Ihnen als erste in den Sinn kommt!

Sie haben "Die Politiker lügen"? Prima. Gratuliere. Sie haben Ihr Ohr am Mund des Volkes. Sie wissen, was auch noch der Doofste über "die Politiker" weiß.



Im aktuellen "Spiegel" (9/2008) darf ein Autor namens Franz Walter die gesamte Seite 22 damit füllen, diese Stammtisch- Weisheit auszubreiten.

In zwei Punkten allerdings unterscheidet sich Bruder Franz von den anderen Stammtischbrüdern.

Erstens redet er gebildet daher. Dazu ist er verpflichtet, denn er ist Professor.

Also sagt er nicht: "Die Politiker lügen, diese Gauner, diese dreckerten", sondern er schreibt:
Irreführung, Maskerade, das glanzvolle Theater verlangen weit mehr Geschick, Raffinesse, Phantasie als die komplexitätsscheue Wahrheitsliebe und die orthodoxe Werktreue.
Oder, auch schön:
Ein Stratege operiert geheim; er täuscht, legt falsche Spuren, hebt Fallgruben aus, lauert hinter Hecken. Ein Stratege und großer Politiker muß - ja, er muß - zuweilen Potemkinsche Dörfer errichten, ohne Skrupel von links nach rechts und zurück rochieren, mindestens den Gegner durch falsche Ankündigungen in die Irre führen.
Er muß, meint der Autor Walter. Und da haben wir den zweiten Punkt, in dem er sich von seinen Brüdern an den Stammtischen unterscheidet:

Nicht nur breitet er das, was diese auch wissen, aber kürzer sagen können, so geschwätzig aus, als hätte er bei Adorno studiert. Sondern er findet es vor allem gut, daß die Politiker lügen. Da geht er einen Schritt weiter als seine Brüder an den Stammtischen, wenn diese sich über die Lügen der Politiker empören.

Franz Walter empört sich nicht. Im Gegenteil: Er schnalzt sozusagen mit der Zunge, wenn er schreibt: "Nehmen wir Konrad Adenauer, Charles de Gaulle oder Otto von Bismarck - sie alle waren große Lügner vor dem Herrn".

Ja toll. Der Stammtisch darf sich freuen: Wußten wir's doch!



Was ist ärgerlicher an diesem - ja was? Essay? Kommentar? "Kasten"? Ist es die Art, wie da ein Autor einen einzigen Gedanken auf Seitenformat dehnt? Ist es der armselige Gehalt dieses Gedankens, der ungefähr so viel mit wissenschaftlicher Politologie zu tun hat wie die Weisheit "Alles ist relativ" mit der Relativitätstheorie?

Oder ist es die Weise, wie Walter seine Meinung zu einer aktuellen innenpolitischen Frage ins Bedeutend- Allgemeine hebt?

Denn er schreibt ja nicht deshalb etwas über die Lüge in der Politik, weil das doch mal gesagt werden mußte. Sondern er schreibt - der "Kasten" ist ja nicht zufällig in den Artikel über Becks "Wende zur Linkspartei" eingerückt - als flankierende Maßnahme zu dem, was er vor ein paar Tagen in "Spiegel Online" geschrieben hat.

Dort begeisterte er sich für "Becks Korrektur der alten Schwüre, von der Linken nicht einmal einen Kanten alten Brots anzunehmen". Die SPD dürfe "ein 'Rien ne va plus' in der Koalitionsbildung nicht noch durch Prinzipiendogmatismus und starre Abgrenzungsformeln festigen. Eine solche Partei muß sich intelligent, auch unorthodox bewegen, muß Optionen nutzen."

Mit anderen Worten, sie muß vor der Wahl lügen. Und damit wir alle verstehen, daß das auch gut so ist, will Franz Walter uns jetzt erklären, daß derartige Lügnerei nun mal zum Wesen des Politischen gehört. Jener Franz Walter, der schon vor fast einem Jahr ein "rot- rot- grünes Bündnis" als eine der Möglichkeit für die Regierungsbildung 2009 ins Spiel gebracht hat.

Ein Politologe also, dem man sicher kein Unrecht tut, wenn man vermutet, daß er - Mitglied der SPD seit 1972 - seine politischen Präferenzen nicht verbirgt. Daß er nicht nur mit dem kühlen Blick des Wissenschaftlers, sondern auch mit dem heißen Herzen des politisch Engagierten an seinen Gegenstand herantritt.



In diesem Fall freilich nicht sehr nah an ihn herantritt. Denn was er über das Lügen in der Poltitik schreibt, hat eben nur Stammtisch- Niveau. Machiavelli im Comic- Format. Am Ende hat der die Nase vorn, der die anderen am besten übers Ohr haut.

Nur ist das ja nicht so. Was einen Wissenschaftler interessieren sollte, das ist die Frage, warum nicht ständig gelogen wird, obwohl es doch scheinbar für den Lügner nur vorteilhaft ist. Das ist die Frage nach der Evolution sozialen Verhaltens, nach der Notwendigkeit des Vertrauens für das Zusammenleben.

Eine Gesellschaft, deren führende Mitglieder sich so benehmen würden, wie Walter sich die Politik vorstellt, wäre nicht lebensfähig. Warum Gesellschaften trotzdem funktionieren, warum man dem Wort des anderen in der Regel vertrauen darf, darüber hat sich schon David Hume Gedanken gemacht. Die moderne Spieltheorie - beispielsweise die Forschungen des Nobelpreisträgers Robert Aumann zu wiederholten Spielen - befaßt sich damit.

Ein Kernbefund, auf den diese Theorien aufbauen, ist die Änderung des Verhaltens, wenn Spiele sich wiederholen: Wer am Anfang betrügt, der kann einen Vorteil haben. Aber der andere merkt das ja irgendwann. Je öfter ein Spiel wiederholt wird, umso weniger zahlt sich also Betrug aus. Am Ende gewinnt der Zuverlässige, nicht der Lumpenhund. Jedenfalls in der Regel. Jedenfalls, nachdem das Spiel hinreichend oft wiederholt wurde und jeder weiß, wie er den Mitspieler einzuschätzen hat.

So ist es auch in der Politik. Man kann vielleicht ein, zweimal lügen und davonkommen. Wer notorisch lügt, dem geht es - jedenfalls in einem demokratischen Rechtsstaat - wie Richard Nixon.



Große Staatsmänner waren deshalb, entgegen Walters Vermutung, keineswegs Lügner. Sie wußten, daß sie nur dann Erfolg haben konnten, wenn ihr Wort galt; wenn andere sich auf sie verlassen konnten. Denn wer sein Wort bricht - was ist dessen Wort noch wert? Wer sich nicht an Zusagen hält - wozu mit dem Betreffenden überhaupt noch verhandeln, um Zusagen von ihm zu bekommen?

Selbst von Adolf Hitler hat der britische Ministerpräsident Chamberlain erwartet, daß er sich an seine Zusagen von München 1938 halten würde. Er war - Churchill schildert das ausführlich im ersten Band seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs - regelrecht entrüstet, als sich herausstellte, daß Hitler ihn belogen hatte. Wozu hatte man dann überhaupt verhandelt?

Natürlich gehört zum Politischen das, was die Kunst der klassischen Diplomatie ausmacht: Seine Ziele nicht immer offenzulegen. Bündnisse zu wechseln, wenn die Situation es verlangt. Es gehört "Öffentlichkeitsarbeit" dazu, wie sie Bismarck mit seiner verkürzten Mitteilung über die Emser Depesche perfekt vorgeführt hat.

Aber das ist etwas anderes als Wortbruch. Es ist etwas vollkommen anderes, als ein Versprechen zu geben und sich dann nicht daran zu halten. Sei es die Zusagen gegenüber einem Verhandlungspartner. Sei es eine Garantie, wie sie Frau Ypsilanti ihren Wählern gegeben hat.



Was Walter an historischen Beispielen anführt, belegt überhaupt nicht seine These.

Nehmen wir Willy Brandt, dessen schnellen Vorstoß zur Bildung der sozialliberalen Koalition in der Wahlnacht des 28. September 1969 Walter am Ende seines Textes ausführlich darstellt; wohl in der Hoffnung, etwas vom Glanz Brandts auf Kurt Beck zu lenken. Hat Brandt sein Wort gebrochen, als er die Koalition mit Walter Scheel schmiedete? Hatte er den Wählern eine Garantie gegeben, in keiner Form mit der FDP zusammenzuarbeiten?

Nein. Im Gegenteil: Brandts Parteifreund Gustav Heinemann, zu dessen Wahl zum Bundespräsidenten sich bereits im März 1969 SPD und FDP verbündet gehabt hatten, sprach wenige Tage nach seiner Wahl von einem "Stück Machtwechsel (...) Das ist hier nicht in breiter Front der Fall, das wird sich erst bei den Bundestagswahlen ergeben." Deutlicher konnte er nicht sagen, daß die SPD eine Koalition mit der FDP anstrebte.

Als Willy Brandt in der Wahlnacht die Weichen für diese Koalition stellte, statt langwierige Verhandlungen in den nachfolgenden Tagen abzuwarten, handelt er geschickt. Er hat weder gelogen noch ein gegebenes Wort gebrochen, nicht einmal im Ansatz.

Oder nehmen wir Konrad Adenauer, den Walter für einen großen Lügner hält. In Wahrheit war er einer der verläßlichsten Politiker seiner Zeit. Die Geradelinigkeit, mit der er seine Ziele verfolgte, machte ihn zu einem starken Partner des Westens; viel stärker, als es dem tatsächlichen Gewicht der anfangs noch nicht souveränen Bundesrepublik entsprach.

Er war so vertrauenswürdig, der Alte Herr, daß er es sich leisten konnte, über seine rheinische Listigkeit selbst Witze zu machen. "Wie mein Freund Pferdmenges unterscheide ich drei Steigerungen der Wahrheit: Die einfache, die reine und die lautere Wahrheit. Ich will Ihnen jetzt die reine Wahrheit sagen ...", soll er einmal zum Besten gegeben haben.



Und zum Schluß noch ein Zitat:
Überdies hat der Wettbewerbs- und Entstrukturierungsfuror der Deutungseliten nach zwei Jahrzehnten der diskursiven Hegemonie nicht nur zu wünschenswerten Deregulierungen verknöcherter Bürokratien und zu einem löblichen Anstieg selbstverantwortlicher Individualität geführt, sondern eben auch zu einer massiven Denunziation und Entwertung sozialstaatlicher Normen - wie Fairness, Ausgleich, Integration, Verknüpfung, Zusammenhalt, Solidarität - sowie zu einer Destruktion sozialstaatlicher, klassenintegrierender, Bindungen stiftender Institutionen.
Wenn man sich an diesem Lindwurm eines deutschen Satzes entlanggearbeitet hat und bis ungefähr zum Ansatz des Schwanzes gekommen ist, dann erfährt man: Modernen Gesellschaften fehlt es an Fairness.

Schau an, schau an. Wer schrieb das? Sie werden es ahnen, lieber Leser; denn sonst hätte ich es ja nicht zitiert: Diesen schönen langen Satz schrieb, vor gut einem Jahr, Franz Walter.

Mit Dank an Enha. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

4. Juni 2007

Wir Achtundsechziger (1): Wie alles anfing

Wie peinlich mag das jemandem erschienen sein, der zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre alt ist?

Das "Philosophische Quartett" des ZDF befaßte sich gestern mit den Achtundsechzigern. Vier alte Männer, die in Früherem schwelgten, nach dem Motto: Weißt du noch, wie verrückt wir damals waren?

Freilich kluge alte Männer. Der sehr kluge Rüdiger Safranski, der sehr kluge Volker Schlöndorff. Und noch zwei andere, die auch das eine oder andere zu sagen hatten.

Es war also nicht nur das "Wißt ihr noch?", schenkelklatschend. Sondern es gab schon Überlegungen, Analysen vielleicht.

Locker-flockig freilich. Ein Geplauder in der heiteren Atmosphäre von Leuten, die prima aus dem allen herausgekommen sind, die sich ihre Ironie und Unverbindlichkeit bewahrt haben.



Mich hat das veranlaßt, über meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit nachzudenken. Es wird wohl eine kleine Serie werden.

Unser Thema heute lautet: "Wie alles anfing".

Es fing keineswegs 1968 an, auch nicht 1967. Es fing - jedenfalls in meiner Sicht - 1962 an. Nämlich mit der "Spiegel"-Affäre".



Ich habe die Adenauerzeit nicht als die "bleierne Zeit" erlebt, als die sie auch meine diskutierenden vier Generationsgenossen im "Philosophischen Quartett" wieder einmal geschildert haben.

Gewiß, es gab ein Ausmaß öffentlicher Kontrolle über das Leben des Einzelnen, wie es sich heute Sozialisten erträumen.

Man konnte "erledigt" sein, wenn man ein uneheliches Kind bekam. Homosexuelle standen mit einem Bein im Gefängnis.

Meine Mutter, die Gerichtsgutachterin war, hatte eine Frau zu begutachten, die der "Kuppelei" angeklagt war. Sie hatte es nicht verhindert, daß ihr Enkel mit einem Mädchen gemeinsam in ihrer Wohnung übernachtete. Darauf stand Gefängnis.

Von meiner Schule wurde ein Schüler verwiesen - consilium abeundi mit dem Verbot, ihn in irgendein Gymnasium des Bundeslandes aufzunehmen -, weil er Aktfotos in die Schule mitgebracht hatte.

Arno Schmidt wurde im Land Rheinland- Pfalz der "Gotteslästerei und Pornographie" angeklagt, wegen "Seelandschaft mit Pocahontas", einem seiner frühen Meisterwerke.



Aber verurteilt wurde er nicht, Arno Schmidt. Er zog nach Darmstadt, Hessen. Und er bekam ein Gutachten des Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Hermann Kasack, das nicht ehrender hätte ausfallen können. Damit war sein Freispruch klar.

So war das generell, in dieser heute so oft negativ dargestellten Adenauerzeit: Es gab ein Maß an "Gegenöffentlichkeit", von dem wir heute nur träumen können.

In Bonn herrschten die Schwarzen, das ist wahr.

Aber in vielen Ländern - im Hessen von Georg August Zinn, im Niedersachsen von Hinrich Wilhelm Kopf, im Berlin von Ernst Reuter, Luise Schröder, Willy Brandt zum Beispiel - herrschten ebenso unangefochten die Linken.

Der Geist stand links. Der "Spiegel" war das einzige Nachrichtenmagazin; mit einer Macht, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die Verlage, die meisten Zeitungen, das gesamte Geistesleben waren fest in linker Hand.

Die "Gruppe 47", eine Vereinigung von fast ausschließlich linken Schriftstellern, hatte ein Monopol, wie es heute niemand mehr aufbauen kann.

Wer dort durchfiel, der war erledigt. Wer die Protektion von Heinz Werner Richter genoß, der hatte es geschafft; wer nicht, der hatte es schwer. Koeppen und Schmidt haben das zu spüren bekommen; Grass und Böll wurden hochgeschrieben.



Das alles war also schön im Gleichgewicht. Die Macht Adenauers in der Politik, die von Pferdmenges in der Wirtschaft. Die von Augstein (und vielen anderen Linken und Liberalen) in der Publizistik. Die von Rowohlt und Unseldt in den Verlagen. Die von Richter, bald auch Grass, Enzensberger, Böll im "Geistesleben".

Aus den Fugen geriet das 1962 mit der "Spiegel"-Affäre: Die Politik versuchte dieses Gleichgewicht zu beseitigen, indem sie das wichtigste Presseorgan zu vernichten trachtete.

Ich habe damals an meiner ersten Demonstration teilgenommen. Ich habe damals - was mir zuvor ganz ferngelegen hatte - zum ersten Mal den Verdacht gehabt, daß einige unserer Politiker keine Demokraten sein könnten.

Franz-Josef Strauß war, so sehe ich es heute, ein Demokrat. Aber ihm fehlte der Sinn für Maß und Proportionen. Er wollte den persönlichen Gegner fertigmachen, Rudolf Augstein. (Der das umgekehrt auch mit Strauß vorhatte).



Also, so schlimm war das im Grunde nicht, 1962. Aber für uns, die jungen Leute von damals, war es ein Wendepunkt.

Die "Spiegel-Affäre" war, aus meiner heutigen Sicht, das Ereignis, das zu den Verirrungen, zu den Maßlosigkeiten, zu den Dummheiten vieler Achtundsechziger führte. Damals begannen wir das Vertrauen in den demokratischen Rechtsstaat zu verlieren.

5. Januar 2007

Zum 60. Geburtstags des SPIEGEL: Eine Eloge auf Rudolf Augstein

Rudolf Augstein war ein ungemein belesener Mann. Er hatte eine seltene Fähigkeit zur Analyse, und er war ein bemerkenswerter Stilist. Er war ein Mann von großer Integrität.

Ich kenne eigentlich nur zwei Journalisten, die ihm in allen diesen Hinsichten ähnlich sind bzw. waren: Den Deutschen Sebastian Haffner und den Herausgeber des französischen "Nouvel Observateur", Jean Daniel.

Ein seltsamer Zufall wollte es, daß Augstein seine Kommentare jahrelang unter dem mit Jean Daniel fast identischen Pseudonym "Jens Daniel" geschrieben hat. Als er mit diesen Kommentaren - heute würde man sagen, seiner Kolumne - begann, war er noch keine dreißig.

Die Kommentare von Jens Daniel, später dann auch als "Moritz Pfeil" und unter Augsteins eigenem Namen verfaßt, habe ich mit Begeisterung gelesen, als sie erschienen, und später mit Bewegung und in nostalgischer Erinnerung wiedergelesen. Die SPIEGEL- Bände stehen in meiner Bibliothek, vom ersten Jahrgang bis in die sechziger Jahre, im Lauf der Jahrzehnte gesammelt und immer einmal wieder in die Hand genommen.

Welche Klarheit der Analyse! Welche Wortmacht! Welche Irrtümer freilich auch, was was die Beurteilung der Außenpolitik Adenauers, der Stalin- Note von 1952, des Rapacki- Plans, der Chancen und Risiken einer Wiedervereinigung anging.

Im Unterschied zu Sebastian Haffner und Jean Daniel, die ihre politische Haltung mehrfach geändert haben, hat Augstein eine geradezu unglaubliche Prinzipientreue gezeigt - von seinem ersten Kommentar im Jahrgang 1947 bis zu seinem letzten Kommentar 2002, also über 55 Jahre hinweg. Er hat Adenauer einmal den "gußeisernen Kanzler" genannt. Er selbst war das noch viel mehr, gußeisern: Ein deutscher Patriot, ein überzeugter Liberaler.



Er war ein deutscher Patriot.

Er hat Adenauers Politik der Westintegration bekämpft, weil er sah, daß sie die Wiedervereinigung auf Jahrzehnte blockieren würde. Er hat - im öffentlichen, im SPIEGEL ausgetragenen Streit mit seinem Chefredakeur Böhme - sofort für die Wiedervereinigung plädiert, als sie sich 1989 als Möglichkeit eröffnete.

Er hat in seinen Kommentaren wieder und wieder die deutsche Interessenlage analysiert und sie gegen hegemoniale Bestrebungen verteidigt, sei es von Seiten der Franzosen, der Briten, der Amerikaner oder der Sowjets.

Augstein, der von Friedrich II und von Bismarck Faszinierte, hat immer das Kräftespiel der Nationen gesehen, nicht zwei monolithische Blöcke, wie das in der alten Bundesrepublik viele taten. Er wollte die Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern, aber als gleichberechtigter Partner.

Er wurde freilich, wie so viele Patrioten, von seinem Patriotismus zu unrealistischen Urteilen verführt. Seine Hoffnung, in einem zu sowjetischen Bedingungen wiedervereinigten, neutralisierten und also von den USA nicht mehr geschützten Deutschland würde der demokratische Rechtsstaat weiter bestehen können, ein solcher Staat würde dem übermächtigen Druck der an seinen Grenzen stehenden Sowjetmacht standhalten können, war naiv.

Augstein war aber, mit seinem analytischen Verstand, auch Realist genug, frühere Irrtümer einzusehen.

Er hat am Ende wohl stillschweigend zugestanden, daß Adenauers Politik richtig gewesen war.

Er hat, trotz seiner Abneigung gegen den Kommunismus, die sozialliberale Ostpolitik befürwortet, ja sie publizistisch vorbereitet.

Er hat, trotz seines Patriotismus, immer vor einer Überschätzung der deutschen Möglichkeiten gewarnt.



Augstein war ein überzeugter Antikommunist.

Kein Blatt hat so umfassend über die Mißstände in der SBZ und später der DDR berichtet wie der SPIEGEL. Der erste SBZ- Korrespondent, Hans Holl, war im antikommunistischen Widerstand aktiv und mußte fliehen, um der Verhaftung zuvorzukommen.

Mehrere SPIEGEL- Korrspondenten haben später in der DDR den Widerstand gegen den Kommunismus in verschiedener Weise unterstützt, was scharfe Reaktionen der Kommunisten nach sich zog. Zeitweilig war der SPIEGEL deshalb in der DDR gar nicht durch einen offiziellen Korrespondenten vertreten.

In einer seiner "Lieber Spiegelleser!"-Kolumnen beschrieb Augstein einmal ein langes Gespräch mit dem brillanten kommunistischen Intellektuellen Wolfgang Harich. Und meinte dazu, am Ende des Gesprächs habe er gedacht: Wie kann ein so intelligenter Mensch nur Marxist sein. Und Harich, meinte Augstein, werde gedacht haben: Wie kann ein so intelligenter Mensch nur kein Marxist sein. (Ich zitiere das aus der Erinnerung; so wie alles, was ich in diesem Beitrag schreibe, aus der Erinnerung wiedergegeben ist).



Er war ein in der Wolle gefärbter Liberaler.

Er war liberal, was seine Redaktion anging. Es ist eine Legende, daß die SPIEGEL-Reaktion generell "links" sei oder gewesen sei. Es gab von Anfang an konservative Leitende Redakteure wie Leo Brawandt, Hans Dieter Jaene, Dr. Horst Mahnke und Georg Wolff. Die Chefredakteure Becker, Jacobi, Engel standen alle eher rechts als links von der Mitte.

Als Anfang der siebziger Jahre eine Redakteursgruppe um Hermann L. Gremliza, Dr. Bodo Zeuner und Dr. Alexander von Hoffmann den SPIEGEL in ein linkes Gesinnungsblatt umzufunktionieren versuchte, hat Augstein sie gefeuert.

Augstein war liberal in seinem unbeugsamen Eintreten für den demokratischen Rechtsstaat. Daraus resultierte sein Konflikt mit Strauß, den er anfangs geschätzt hatte und den der SPIEGEL in der erste Titelgeschichte über ihn (Titelbild: Die berühmten Zeichnung von Artzybasheff, auf der sich der Bayernhut über Strauß allmählich in einen Stahlhelm verwandelt) ausgesprochen positiv dargestellt hatte.

Als Augstein erkannte, daß Strauß ein unberechenbarer Machtmensch war, hat er ihn zu bekämpfen begonnen. Die Fama will es, daß Augstein diese Erkenntnis bei einem gemeinsamen Saufgelage kam, in dem er den wahren Strauß kennenlernte, oder kennenzulernen vermeinte.

Augstein blieb der FDP als Mitglied treu, auch wenn er sie oft attackierte und manchmal ihr "Totenglöcklein" hat läuten hören. Kurz saß er für die FDP sogar im Bundestag, aber er erkannte sehr schnell, daß er nicht zum Parlamentarier taugte, und er nutzte die erste Gelegenheit - man kann auch sagen, den ersten Vorwand- , sein Mandat niederzulegen und wieder Vollzeit- Journalist zu werden.



Er war eine intellektuell und charakterlich gleichermaßen beeindruckende Persönlichkeit.

Er war ein auch über Politik und Geschichte hinaus kenntnisreicher, übrigens auch ausgesprochen musikalischer Mensch. Vor allem ein ehrlicher, wie die meisten Skeptiker.

Ich habe in den Jahrzehnten, seit ich den SPIEGEL lese, niemals den Eindruck gehabt, daß er etwas aus taktischen oder sonstigen sachfremden Überlegungen geschrieben hat.

Alle Biographen beschreiben ihn als einen, der sagt, was er denkt. Ein gerader Charakter, der Taktieren und Finassieren gar nicht nötig hat, weil er mit seiner Persönlichkeit das, was er will, auch auf ehrliche Art durchsetzen kann. Das freilich sehr erfolgreich.



Er war ein Schöngeist und ein Machtmensch.

Er war ein Intellektueller, der in seiner Jugend Lyrik und ein Theaterstück verfaßt hat. Er war aber auch machtbewußt; und wie!

Er hat nicht nur linke Putschisten ohne viel Federlesens gefeuert, sondern ebenso seinen Chefredakteur Dr. Werner Funk, als dieser versuchte, Augsteins Macht auszuhebeln. Er hat in der SPIEGEL- Affäre wenige Stunden nach seiner Festsetzung ein Notprogramm für das Weitererscheinen des SPIEGEL auf die Beine gestellt.

Er hat alle Prozesse, von denen der SPIEGEL die meisten übrigens gewonnen hat, ohne Nachgeben durchgestanden.

Die Zeit der Studentenrevolution hat er souverän überstanden - indem er bereitwillig, aber unerbittlich mit deren Wortführern diskutierte; indem er im eigenen Haus durch die Schenkung an die Mitarbeiter, die das einzigartige Mitbeteiligungsmodell des SPIEGEL begründete, allen Rufen nach einer "Demokratisierung" zugleich entsprochen und ihnen den Wind aus den Segeln genommen hat.



Er war ein souveräner Mensch.

Das für mich Eindrucksvollste an der Persönlichkeit von Augstein war seine völlige Unfähigkeit, nachtragend zu sein.

Er hat sich mit Strauß versöhnen wollen, obwohl dieser versucht hatte, ihn ins Gefängnis zu bringen und den SPIEGEL zu vernichten.

Er hat sich mit Adenauer versöhnt (der das seinerseits erwidert hat, am Ende seines Lebens).

Er hat versucht, sich mit Kohl zu versöhnen. Mit einem Kommentar "Glückwunsch, Kanzler", in dem er ihn geradezu enthusiastisch für seine Leistungen bei der Wiedervereinigung lobte (bei Kohl freilich ohne Widerhall).



Er war ein Skeptiker und ein Träumer.

Augsteins Hauptschwäche war vielleicht, bei aller seiner Skepsis und seinem Zynismus, ein gewisses Wunschdenken.

Er glaubte, die diversen sowjetischen Lockungen zur deutschen Wiedervereinigung in den fünfziger Jahren könnten eine Chance bieten.

Er glaubte an die überzeugende Macht des freiheitlichen Rechtsstaats und hat die Niedrigkeit und Intriganz der meisten Politiker wohl unterschätzt. Er hat einmal gesagt, erst in seiner kurzen Zeit als FDP- Kandidat und dann im Bundestag sei er dahinter gekommen, wie es in den Parteien tatsächlich zugeht.

Er war ein Moralist, und wie viele Moralisten, die mit der Wirklichkeit zusammenstoßen, neigte er zum Zynismus.



Dies ist die überarbeitete Fassung eines Nachrufs auf Rudolf Augstein, den ich in der Nacht nach seinem Tod am 7. November 2002 in Infotalk geschrieben habe. Der Text ist stilistisch verbessert und hier und da ergänzt und korrigiert. Den lobenden Ton, der sich aus diesem Anlaß ergab, habe ich aber so gelassen.