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23. August 2007

Wladimir Putins Restauration vordemokratischer Verhältnisse: Drei aktuelle Beispiele

Drei Artikel zu Rußland sind mir in den letzten Tagen aufgefallen. Einer gestern in der auf englisch erscheinenden russischen Zeitung "St. Petersburg Times"; die beiden anderen vorgestern in der "International Herald Tribune".

Sie handeln von verschiedenen Themen. Aber es paßt zusammen, was dort zu lesen ist: Als Facetten einer Restauration, die in Rußland auf eine ähnliche Weise im Gange ist, wie die Rückkehr der Bourbonen nach dem Sieg über Bonaparte das Ancien Régime wiederhergestellt, es eben restauriert hat.

Nein, was da in Rußland restauriert wird, das ist nicht der Sowjetkommunismus; das nicht.

Aber es ist das autoritäre, manchmal bis ins Despotische gehende Herrschafts- System, das in Rußland besteht, seit Iwan IV Wassilijewitsch, der Schreckliche, sich als der erste gesamtrussische Zar etablierte.

1989 schien dieses System, das die Kommunisten von den Zaren übernommen und perfektioniert hatten, unterzugehen wie die Herrschaft der Bourbonen 1789.

Aber sie kehrten zurück, die Bourbonen. Und in unseren Tagen kehrt Rußland zurück dorthin, wo es sich politisch seit Jahrhunderten befunden hat: Zu vordemokratischen Verhältnissen.



In der "St. Petersburg Times" beschreibt David M. Woodruff die zunehmenden staatlichen Eingriffe in die russische Wirtschaft.

Die staatliche Bank Vneshtorgbank (VTB) schluckt private Konkurrenten. In der Rüstungs- und Luftfahrtindustrie schließen sich bisher private Firmen zu Konzernen unter staatlicher Kontrolle zusammen. Die staatliche Waffenexport- Firma Rosoboronexport kontrolliert inzwischen Teile der Automobil- und der Stahlindustrie. Gazprom hat beantragt, den Kohleproduzenten SUEK zu übernehmen; damit würde Gazprom zusätzlich zum Gasgeschäft 40 Prozent der Kohleförderung in Rußland in der Hand haben.

Woodruff hebt hervor, daß diese Ausdehnung des staatlichen Sektors nicht einfach die Rückkehr zur Sowjet- Wirtschaft ist. Es wird nicht per Dekret verstaatlicht, sondern die Staatsunternehmen kaufen private Firmen auf. Sie sind an den internationalen Börsen tätig, sie stehen in Rußland im Wettbewerb mit ausländischen Firmen.

Aus meiner Sicht ist das die Art, wie Putin dem chinesischen Modell folgt, das seinerseits nach dem Vorbild des chilenischen Modells konzipiert ist, das seinerseits viel Ähnlichkeit mit dem Nazi- System hatte: Ein staatlich kontrollierter Kapitalismus, dessen Rahmenbedingungen durch politische Repression stabil gehalten werden.

Es ist schon eine Ironie der Geschichte, daß der "staatsmonopolistische Kapitalismus" (Stamokap), als den die DDR-treuen Kommunisten der DKP und des MSB Spartakus in den siebziger Jahren die Bundesrepublik zu diffamieren trachteten, jetzt doch noch Wirklichkeit geworden ist. Freilich auf dem Boden des Kommunismus.



Wie sehr dieses sich in Rußland etablierende Stamokap- System Züge des Nazismus trägt, zeigen die beiden Artikel in der "International Herald Tribune".

Unter der Überschrift "Racists in Russia - Kremlin turns a blind eye to racism" ("Rassisten in Rußland - der Kreml verschließt die Augen vor dem Rassismus") schreibt Jeff Mankoff:
The list of racially motivated violent crimes in Russia - mostly but not exclusively directed against individuals from the Caucasus and Central Asia - is long and depressing. A nine-year old Tajik girl killed and her family beaten by skinheads in St. Petersburg in February 2004. A Vietnamese college student is beaten and stabbed to death by a gang of skinheads in October 2004. A neo-Nazi stabs eight people in Moscow's Chorale Synagogue in January 2006.

In the majority of such cases, the perpetrators - if prosecuted at all - have been convicted of nothing more serious than "hooliganism" and given short prison terms.

Die Liste der rassistisch motivierten Gewaltverbrechen in Rußland - sie richten sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich gegen Personen aus dem Kaukasus und Zentralasien - ist lang und deprimierend. Ein neunjähriges tadschikisches Mädchen und ihre Familie im Februar 2004 in St. Petersburg getötet, ihre Familie zusammengeschlagen. Ein vietnamesischer Student wird im Oktober 2004 von einer Bande von Skinheads geprügelt und mit Messerstichen getötet. Ein Neo- Nazi sticht im Januar 2006 in der Moskauer Choral- Synagoge auf acht Menschen ein.

In der Mehrzahl derartiger Fälle wurden die Täter - wenn sie überhaupt verfolgt wurden - wegen nicht mehr als "Hooliganismus" zu niedrigen Gefängnisstrafen verurteilt.
Warum duldet Putins Regierung solche bestialischen Akte der Fremdenfeindschaft (bis hin zum auf Video aufgenommen Köpfen eines Opfers)?

Aufgrund einer zynischen Rechnung, meint Mankoff: Der Kreml föderere gezielt den Nationalismus als ein Instrument zu seinem Machterhalt. Die Regierung habe lange ihre schützende Hand über rechtsextreme Parteien wie die von Wladimir Schirinowski gehalten, später dann über die Rodina, die Vaterlands- Partei. Von dieser rechtsextremen Partei wird sogar behauptet, sie sei vom Kreml gegründet und finanziert worden.

Als die Rodina allerdings zu erfolgreich zu werden begann, schwenkte der Kreml selbst - so Mankoff - auf einen zunehmend rechtsextremen Kurs ein, um ihr das Wasser abzugraben.

Im April dieses Jahres wurde ein Gesetz verabschiedet, das es Einwanderern aus dem Kaukasus untersagt, im russischen Einzelhandel zu arbeiten. Nationalistische Einstellungen gegen Georgier wurden vom Kreml planmäßig geschürt, schreibt Mankoff, und fährt fort:
Given the Kremlin's cynical manipulation of nationalist passions, it is little wonder extremists feel they can abuse and kill non-Russians with impunity. As the success of Rodina shows, a substantial percentage of the Russian electorate is attracted to such extremism. By pandering to these passions, the Russian government is playing with fire, acknowledging that xenophobia is an acceptable political strategy.

Angesichts dieser zynischen Manipulation nationalistischer Affekte durch den Kreml ist es kaum verwunderlich, daß Extremisten glauben, sie könnten straflos Nicht- Russen mißhandeln und ermorden. Wie der Erfolg der Rodina zeigt, wird ein erheblicher Teil der russischen Wählerschaft durch derartigen Extremismus angezogen. Indem sie diesen Affekten Vorschub leistet, spielt die russische Regierung mit dem Feuer. Sie räumt damit ein, daß Fremdenfeindlichkeit eine akzeptable politische Strategie ist.


Auch Paul Kennedy, Direktor der Abteilung für Internationale Sicherheitsfragen der Universität Yale, zeichnet in der "International Herald Tribune" ein düsteres Bild der Lage in Rußland.

Nicht das militär- und außenpolitische Muskelspiel Putins sieht Kennedy als besonders besorgniserregend an - so sei Rußland immer gewesen, seit Iwan dem Schrecklichen -, sondern den Nationalismus, den Putin ermutige und pflege.

Kennedy nennt zwei Beispiele.

Erstens die Schaffung einer staatlichen Jugendorganisation, der "Naschi" (die "Unseren"). Die Jugendlichen werden dort indoktriniert in Vaterlandsliebe, Familiensinn, russischen Traditionen, der Verabscheuung von Fremden - von amerikanischen Imperialisten, tschetschenischen Terroristen, undankbaren Esten.

Die Kader der Naschi werden in Lagern trainiert. Sie waren es, die in Estland und vor der britischen Botschaft in Moskau als Unruhestifter auftraten. Rund 60 000 dieser Kader werden, so hat es die "Financial Times" recherchiert, dafür ausgebildet, die bevorstehenden Wahlen zu "überwachen". "I find this all pretty creepy", resümiert Paul Kennedy - er finde das alles ganz schön gruselig.

Kennedys zweites Beispiel ist ein neues russisches Geschichtsbuch, das Putins persönliche Empfehlung hat:
It's a bit more disturbing to learn that the new Russian history manual teaches that "entry into the club of democratic nations involves surrendering part of your national sovereignty to the U.S." and other such choice contemporary lessons that suggest to Russian teenagers that they face dark forces abroad.

Es ist ein wenig beunruhigender, zu erfahren, daß das neue russische Geschichtsbuch lehrt, daß "wer in den Club der demokratischen Staaten eintritt, damit einen Teil seiner nationalen Souveränität den USA ausliefert"; und dergleichen mehr heutige Lektionen, die russischen Jugendlichen finstere ausländische Mächte auf der anderen Seite suggerieren.
Professor Kennedys Bewertung dieser beider Beispiele: Die Aktionen der Naschis mögen Fußnoten der Geschichte bleiben, meint er. Hingegen:
... the deliberate campaigns to indoctrinate Russian youth and to rewrite the history of the great though terribly disturbed nation that they are inheriting might be much more significant for the unfolding of our 21st century.

... die bewußten Feldzüge, die russische Jugend zu indoktrinieren und die Geschichte dieser großen, wenn auch entsetzlich verunsicherten Nation umzuschreiben, die deren Erbe ist, könnten weit bedeutsamer für die Entwicklung unseres 21. Jahrhunderts sein.


Das sind drei Stellungnahmen aus der aktuellen internationalen Presse.

Und in Deutschland? Wird denn da gar nichts Beunruhigendes über Rußland berichtet?

Aber ja doch! Eine Russin hat den Penis ihres Ex- Mannes angezündet.

Das immerhin erfahren wir, wir Millionen Deutsche, die wir unser aktuelles Wissen aus "Spiegel-Online" beziehen.

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10. April 2007

Zettels Oster-LobhudelEi (7): Modell Deutschland. Eine Mini-Historie, Teil vier und Schluß

Während des Wahlkampfs 1998 dachte ich manchmal: Was wir jetzt brauchen, das ist der Wechsel zu einer CDU- geführten Regierung.

Aber die hatten wir ja, die CDU- geführte Regierung. Nur war sie ausgelaugt, am Ende.

Und für den Wechsel standen nur die Sozialdemokraten bereit. Ich habe mich damals manchmal gefragt, ob es nicht immer noch besser wäre, eine SPD- geführte Regierung zu bekommen, als diese Agonie der letzten Kohl- Jahre sich perpetuieren zu lassen.

Also war ich damals, im Frühherbst 1998, manchmal nahe daran, die SPD zu wählen. Auch angesichts der Verheißungen Schröders von einer "Neuen Mitte". Angesichts seiner Entscheidung für den Liberalen Jost Stollmann als Wirtschafts- Minister im Fall eines Wahlsiegs. Ein deutsches New Labour, das erschien mir durchaus attraktiv.

Aber ich kannte diesen Gerhard Schröder ein wenig, aus gemeinsamen Juso- Tagen. Also ahnte ich, daß das alles nur Schaumschlägerei war; wie alles bei Schröder. Und habe dann doch die FDP gewählt.



Kohls letzte Jahre als Kanzler: Das war ein Jammer. Helmut Kohl, dieser große Staatsmann, dem Deutschland so viel zu verdanken hatte, wollte und wollte nicht seinen Sessel räumen.

Das alte Syndrom: Der große Churchill endete politisch als ein Regierungschef, der kaum noch die Geschäfte führen konnte. Der große Adenauer, der in Ehren hätte abtreten können, mußte am Ende regelrecht aus dem Amt gemobbt werden.

Und Kohl hätte als großer Kanzler, von allen hochgeachtet, abtreten können, wenn er 1992, zwei Jahren vor den Wahlen 1994, den Stab an Wolfgang Schäuble weitergereicht hätte. Oder spätestens - aber wirklich allerspätestens - 1996, in der Mitte der nachfolgenden Legislaturperiode.

Stattdessen verhielt sich Kohl wie der Altbauer, der dem Jungbauern den Weg zur Übernahme des Hofs verbauen will, solange er noch japsen kann. Es war ein trauriges Schauspiel.



So sahen das wohl viele Deutsche; und so wurde ein Provinzpolitiker, der sich durch nichts hervorgetan hatte als durch populistische Aktionen und publikumswirksame Auftritte - so wurde dieser Gerhard Schröder aus Niedersachsen, in der Außenpolitik so unerfahren wie in der Wirtschaftspolitik, noch nicht einmal des Englischen mächtig, Bundeskanzler.

Er erwies sich als der einzige vollständige Versager in der Geschichte der deutschen Bundeskanzler. Auch Erhard war durch das Amt überfordert gewesen; aber er hatte zuvor doch als Wirtschaftsminister einen ausgezeichneten Job gemacht.

Schröder dagegen hatte nichts vorzuweisen an politischen Leistungen, als er Bundeskanzler wurde. Und er hatte nichts vorzuweisen an politischen Leistungen, als er abtrat.



Es war eine nachgerade gespenstische Zeit, die 1998 begann. Was ich zu ihr zu sagen habe, das habe ich in früheren Beiträgen geschrieben: Hier, hier und hier.

Um es in einem Satz zusammenzufassen: Es war der Versuch einer Restauration des Geistes, der Werte, der Ziele der siebziger Jahre durch eine Regierung aus Menschen, die damals die prägenden Einflüsse ihres Lebens erfahren und sich danach nicht mehr geändert hatten.

So, wie die Bourbonen nach dem Ende Napoléons noch einmal das alte Köngreich, das Ancien Régime, zu restaurieren versucht hatten. Es war eine Metternich- Zeit, diese rotgrüne Periode.



Das Erstaunliche ist, daß auch in dieser Zeit, in der die Regierenden alle Erfordernisse der Gegenwart ignorierten, das "Modell Deutschland" nicht totzukriegen war.

Denn die Industrie arbeitete daran, Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung zu finden.

In den Medien waren immer deutlicher liberale und konservative Stimmen zu vernehmen. Journalisten wie Frank Schirrmacher und Henryk M. Broder wurden zu so etwas wie Meinungsführern.

Selbst in den Universitäten änderte sich das Meinungsklima. Man konnte auf einmal laut sagen, daß man Drittmittel aus der Industrie, ja aus dem Verteidungsministerium einzuwerben wünschte. Die neue Studentengeneration interessierte sich nicht mehr für Marx und den Konsumterror, sondern dafür, wie man sich am besten fit macht für die Berufswelt.

Während die Altgewordenen der 68er Generation als Spätberufene, sechzigjährigen Pfadfindern gleich, in der Bundesregierung ihre Programmatik von 1972 abzuarbeiten versuchten, wandelte sich die Gesellschaft.



Das wurde sichtbar, als auch die Regierung sich geändert hatte, im Herbst 2005. Seither hat sich die Stimmung in Deutschland gedreht. Die Jammerei überläßt man den pflichtgemäß Jammernden von der Linkspartei. Ansonsten herrscht zunehmend Optimismus; viele Umfragen zeigen das.

Alles also wieder im Geleise mit dem "Modell Deutschland"?

Jedenfalls im Ausland sieht man das so. Kürzlich habe ich im französischen Sender LCP die Übertragung einer Sondersitzung des französischen Senats gesehen, in der mit Experten über die Herausforderungen der mondialisation, also der Globalisierung, debattiert wurde. Immer wieder war davon die Rede, wie viel besser die Deutschen das bewältigten, und was man in Frankreich tun müsse, um ihnen nachzueifern.

Ein optimistischer Ausklang dieser kleinen Oster- Serie also? Schon. Nur mit einem caveat: Es ist nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern scheint zu einer realen Möglichkeit zu werden, daß 2009 eine Volksfront- Regierung in Deutschland an die Macht gelangt.

Wahrscheinlich überlebt das "Modell Deutschland" auch das ziemlich unbeschadet. Volksfront- Regierungen verlieren ja im allgemeinen nach kurzer Zeit die Unterstützung der Wähler; man sieht das gerade wieder in Italien.

Aber ein Rückschlag wird das schon sein, 2009. Es sei denn, daß wider alle momentanen Daten die Deutschen in zweieinhalb Jahren nicht mehr mehrheitlich links sind; oder aber daß die Grünen sich dann der Koalition mit den Kommunisten verweigern.

Daß die SPD sich den Kommunisten verweigert, glaube ich nicht.

6. Februar 2007

Was wird aus Wladimir Putin?

Was haben Friedrich Merz und Wladimir Putin gemeinsam? Beide stehen vor dem Ende ihrer politischen Karriere.

Merz hat angekündigt, daß er nicht noch einmal für den Bundestag kandidieren wird. Also scheidet er spätestens im Herbst 2009 aus dem Parlament aus; es sei denn, daß er sein Mandat schon früher niederlegt.

Putin kann gemäß der Russischen Verfassung nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Die Präsidentschaftswahlen sind in gut einem Jahr, im Frühjahr 2008. Daß Putin danach in einem minderen politischen Amt - als Ministerpräsident, als Minister, gar als einfacher Abgeordneter - weitermacht, ist sehr unwahrscheinlich. Kein amerikanischer, kein französischer oder russischer Staatspräsident hat das je getan.

Also wird er, wie sein Männerfreund Schröder, die Politik verlassen. Vielleicht wird er einen Job, sagen wir, im VW- Konzern annehmen. Mit seinen Deutsch- Kenntnissen ist er dafür sicher besser geeignet, als Ende 2005 Gerhard Schröder geeignet gewesen war, Angestellter eines russischen Staatskonzerns zu werden.

Alles klar also? Nein.



Vor ein paar Tagen hat Putin eine Pressekonferenz abgehalten. Sie wurde hier wenig beachtet, obwohl mehr als tausend Journalisten teilnahmen. Einen ausführlichen Bericht brachte gestern der Eurasian Daily Monitor, ein auf den früheren kommunistischen Machtbereich spezialisierter Nachrichtendienst der Jamestown Foundation.

Natürlich wurde Putin nach seinem Nachfolger gefragt. Er sagte, man solle darum nicht so viel Aufsehens machen ("cut the commotion around the event"), denn wer in ein hohes Staatsamt gehöre, der habe es schon inne ("everyone who should be is already working as high state officials"). Es werde keinen "Nachfolger" geben, sondern eine Reihe von Kandidaten.

Putin wolle sich jeden Einfluß offenhalten, meint dazu der Eurasian Daily Monitor.

Und schließt den Artikel mit einer interessanten Überlegung:"Putin may fancy a graceful exit from the Kremlin gates, but if a split decision would necessitate a continuation of his "reign," he would have to accept the verdict. No reporter dared to ask the question about a third term -- but it is still open." Putin liebäugle vielleicht mit einem eleganten Abschied aus dem Kreml, aber falls ein unklarer Wahlausgang die Fortsetzung seiner "Regentschaft" verlangen würde, dann müsse er halt diese Entscheidung akzeptieren.

Kein Reporter habe es gewagt, nach einer dritten Amtszeit zu fragen - aber diese Frage bleibe offen.



Besehen wir die Situation einmal unbefangen.

Da ist jemand Staatspräsident geworden, der sich als Nachfolger der Zaren sieht, als eine Mischung aus Iwan dem Schrecklichen und Peter dem Großen.

Er hat in sieben Jahren eine nahezu absolute Macht erlangt. Das Parlament wird von seinen bedingungslosen Parteigängern beherrscht. Er hat die Selbstregierung der Länder der Russischen Föderation weitgehend abgeschafft, indem er die Ernennung der Gouverneure an sich gerissen hat. Sein einziger ernsthafter Konkurrent, der Gouverneur Alexander Lebed, starb eines mysteriösen Todes bei einem Helikopter- Absturz.

Putin hat Schritte eingeleitet mit dem offensichtlichen Ziel, auch die Opposition vollkommen unter seine Kontrolle zu bringen. Er hat die Justiz so weit in seine Gewalt gebracht, daß sie den Finanzier der einzigen verbliebenen ernsthaften Opposition, Chodorkowski, ins sibirische Arbeitslager schickte. Jetzt soll Chodorkowski erneut der Prozeß gemacht werden mit dem Ziel, ihn weitere Jahrzehnte einzukerkern.

Hand aufs Herz: Wo in der Weltgeschichte hat es das je gegeben, daß jemand, der so eindeutig eine autokratische Herrschaft anstrebt und der auf dem Weg dorthin fast am Ziel ist, die Macht freiwillig abgibt, nur weil ein Artikel der Verfassung das verlangt?

Vielleicht tut er's ja und geht zum VW-Konzern oder aufs Altenteil. Ich halte das für ungefähr so wahrscheinlich, wie daß Paris Hilton der Heilsarmee beitritt und künftig singend für die Armen sammelt.



Mitte 2005 wurde in der internationalen Presse ausführlich diskutiert, wie denn Putin sich über diesen Artikel 81 der Russischen Verfassung hinwegsetzen könnte.

Im August 2005 nannte der Telegraph eine Möglichkeit, die Putin besonders attraktiv erscheinen dürfte: Eine Wiedervereinigung Rußlands mit Weißrußland - mit logischerweise einer neuen Verfassung, unter der Putin erneut zum Staatspräsidenten gewählt werden könnte. Lukatschenko könnte sich, so hieß es, dafür erwärmen, um sein Regime dauerhaft zu sichern.

Der amerikanische Politologe David Marples hat kürzlich darauf hingewiesen, daß eine erneute Union von Rußland und Weißrußland bevorstehen könnte - weil dies für Rußland eine ganze Reihe von Vorteilen hätte, und weil es Lukatschenko zum Vizepräsidenten einer solchen Union machen könnte. Referenden dazu sind in Vorbereitung.

Die GUS - wer kennt überhaupt noch den Namen dieser "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten"? - ist tot; sie könnte in Form eines neuen Staats aus Rußland und Weißrußland in anderer Form wieder auferstehen. Mit Putin als Präsidenten, wer sonst?



Falls das nicht klappen sollte, hätte Putin eine Reihe weiterer Optionen. Zwei davon hat der Guardian beschrieben: Die Verfassung könnte erstens so geändert werden, daß die faktische Macht auf den Premierminister übergeht; für dieses Amt könnte Putin dann kandidieren. Oder es könnte festgelegt werden, daß der bisherige Staatspräsident sich dann ein drittes Mal zur Wahl stellen kann, wenn der Versuch, einen Nachfolger zu wählen, wegen zu geringer Wahlbeteiligung gescheitert ist.

Ähnliche Überlegungen berichtete Mitte letzten Jahres Radio Free Europe / Radio Liberty. Danach könnte Putin einige Monate vor Ablauf seiner Amtszeit zurücktreten und das Amt einem Nachfolger übergeben. Wenn er sich dann im Frühjahr 2008 erneut bewerben würde, könnte man das juristisch so deuten, daß es keine dritte Amtszeit in Folge wäre.

Oder Putin könnte eine Auszeit von vier Jahren nehmen, in dieser Zeit eine Marionette regieren lassen und dann zurückkehren. Was freilich riskant ist, denn manche Marionette hat schon angefangen, sich selbst zu bewegen.



Wie auch immer: Mich würde es sehr wundern, wenn im Frühjahr 2008 die Russische Föderation ihren Präsidenten Putin auf Dauer verlieren würde. Trotz Putins wiederholten Versicherungen, er wolle keine dritte Amtszeit. Oder vielmehr just wegen dieser Beteuerungen.

Die oppositionellen russischen MosNews vergleichen das mit der Verve, mit der, so zitiert es Marc Anton in seiner berühmten Rede bei Shakespeare, Cäsar dreimal die Königskrone zurückwies.

Daran anknüpfend, schreibt Deliya Melyanova:
But how much are such refusals worth? Do they really mean what they say? It seems to me they only bring the third term closer. If Vladimir Putin is so dutiful and anxious – surely that implies that he is the very person to continue to bear the "President’s burden", the only man Russians can trust. (...) The Russian media embrace him as a celebrity and a symbol, but with a substratum of respect and even veneration. Exactly because he refuses it, he is the man to be trusted with any amount of power.

Aber wieviel sind solche Zurückweisungen wert? Bedeuten sie wirklich das, was gesagt wird? Mir scheint, sie bringen eine dritte Amtszeit nur näher. Wenn Wladimir Putin so pflichtbewußt und bemüht ist - dann bedeutet das doch gewiß, daß genau er der Richtige ist, weiter die "Bürde des Präsidentenamts" zu tragen, der einzige, dem die Russen trauen können. (...) Die russischen Medien nehmen ihn als eine Autorität an, als ein Symbol, gegründet auf Hochachtung, ja Verehrung. Genau deshalb, weil er das ablehnt, ist er der Mann, dem man jeden Machtumfang anvertrauen kann.



Eine meiner ersten Erfahrungen in politischer Taktik habe ich als Schüler gemacht. Wir Klassensprecher versammelten uns, um einen Schulsprecher zu wählen. Mehrere wurden vorgeschlagen, die die meisten aus anderen Klassen nicht kannten.

Alle hielten kleine Bewerbungsreden, in denen sie sich anpriesen. Einer, ein schlaksiger Jüngling, stellte sich hin und sagte: Eigentlich wolle er das nicht. Er hätte sich zwar immer für andere eingesetzt, aber das könne er doch viel besser auf andere Weise. Andere seien auch viel wortgewandter als er. Also nein, lieber wäre ihm eigentlich, wenn man ihn nicht wählen würde.

Wenn die anderen ihn aber wirklich als Schulsprecher wollten - nun, dann kenne er seine Pflicht und würde sich ihr nicht entziehen.

Natürlich wurde der gewählt. Auch von mir. Erst danach habe ich mir klargemacht, auf was und wen ich da reingefallen war.