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7. Februar 2008

Marginalie: Mitt Romney geht. Ist das gut oder schlecht für McCain?

Noch ist es nicht offiziell, aber CNN hat es aus offenbar informierten Kreisen der GOP erfahren: Romney scheidet aus dem Rennen aus.

Nach ihrer Satzung muß die Republikanische Partei jetzt in jedem Bundesstaat, in dem Romney aufgrund der Vorwahlen Delegierten- Stimmen gewonnen hatte, entscheiden, wie die Betreffenden abstimmen. Schwer dürfte das nicht werden, denn McCain ist durch.



Ist das gut oder schlecht für ihn? Auf den ersten Blick scheint es glänzend zu sein. Während sich bei den Demokraten Clinton und Obama ineinander verkrallt haben, kann McCain jetzt ausruhen und sich bereits auf den eigentlichen Wahlkampf gegen einen dieser beiden vorbereiten.

Und er kann seine Geldmittel schonen, während Clinton bereits jetzt in Finanznöten ist.

Das Ausscheiden Romneys kann McCain aber auch große Schwierigkeiten machen. Denn die Demokratische Partei wird von jetzt an die Schlagzeilen für sich haben.

Über ihre Primaries wird ausführlich berichtet werden. Ihre Themen werden diskutiert werden. Und eine solche Auseinandersetzung bringt ja auch neue Spendenmittel ein.

Es besteht für McCain die Gefahr, daß er jetzt ähnlich aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwindet wie Giuliani, nachdem er sich entschlossen hatte, zu den ersten Primaries nicht anzutreten. Das war das Ende seiner Kandidatur.

Es ist jetzt wie bei zwei parallel ausgetragenen Fußball- Spielen, von denen im einen Werder Bremen gegen Real Madrid spielt und im anderen Bayern München gegen Preußen Münster. Welches wird das TV wohl übertragen? Über welches werden die Menschen sprechen? Welches wird die höheren Werbeeinnahmen einspielen?

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31. Januar 2008

Marginalie: McCain, Romney und die anderen. Und Reagans Flugzeug

Anders als in früheren Kampagnen für die US-Präsidentschaft fallen heuer schon nach den ersten Vorwahlen und Caucuses die Kandidaten wie die Kegel beim Bowling. Der Januar ist noch nicht zu Ende, und es sind auf jeder Seite nur noch zwei - Obama und Clinton bei den Demokraten, und bei den Republikanern Mitt Romney und John McCain.

Formal gibt es noch ein paar mehr Kandidaten. Bei den Republikanern sind da noch zwei wackere Zählkandidaten, Mike Huckabee und der unverdrossene Ron Paul. Sie trafen sich vergangene Nacht mit Romney und McCain zu einer Diskussion; zu einer für diesen Wahlkampf sehr typischen Diskussion. Aus meiner Sicht war es eine enttäuschende Diskussion, vor allem, was John McCain angeht.

Das Ereignis war unter anderem von CNN und der Los Angeles Times organisiert und fand vor einer eindrucksvollen Kulisse statt: Im Air Force One Pavilion der Ronald Reagan Library in Los Angeles, einer Halle, in der leibhaftig eben jenes Flugzeug Air Force One steht, das Reagan und anderen Präsidenten für ihre Reisen gedient hatte.

Die etwas skurrile Idee, dieses Flugzeug in der Bibliothek aufzustellen, geht auf eine Bemerkung Reagans zurück, daß er es schön fände, das Flugzeug dem amerikanischen Volk zur Verfügung zu stellen. In Amerika, zumal in Californien, reagiert man auf solche Einfälle gern mit einem "Why not?"; und tut's.

Da saßen sie also, die zwei und die zwei. Die zwei wirklichen Kandidaten, Mitt Romney und John McCain, rechts am Tisch nebeneinander. Und links neben ihnen der sympathische Don Quijote Ron Paul, Kämpfer für die Freiheit und gegen den Staat, und der fröhliche Christenmensch Huckabee.

Die beiden fügten sich in ihr Schicksal, nicht mehr als die Staffage für die Diskussion zwischen Romney und McCain abzugeben. Paul mit der betrübten Mine desjenigen, der das gewohnt ist, Huckabee mit bissigem Humor.



Was sagten sie nun, McCain und Romney? Wie kamen sie rüber? Was sie sagten, hat CNN als Transskript ins Netz gestellt; man kann es sich dort auch, wenn man Zeit hat, als Video ansehen.

Mein Eindruck war, daß die beiden Kandidaten in erstaunlichem Maß das waren, was man im Fußball als nickelig bezeichnet.

Mit versteckten Anspielungen, die den Gegner herabsetzen sollten, mit dem Herumgehacke darauf, was wer wann gesagt hätte und was ihn wozu qualifiziere oder nicht qualifiziere.

Die beiden schenkten sich nichts bei diesen ständigen Tacklings und versteckten Fouls. Je mehr sie sich ineinander verbissen, umso mehr ließen sie Huckabee und Ron Paul als zwei ehrlichere und sachlichere Diskutanten aussehen.

Wer machte die bessere Figur bei dem Hickhack? Für die Zuschauer eindeutig Romney. Das war nicht nur am Applaus zu erkennen, sondern ein Panel von Zuschauern hatte auch Eingabegeräte, in die sie fortlaufend ihre Bewertung der Kandidaten tippten. An den kritischen Stellen der Debatte näherte sich Romney oft dem maximalen Wert hundert, während McCain auf unter fünfzig absackte.



Dabei hatte McCain Recht.

Jedenfalls an der wichtigsten Stelle, als es um den Irak- Krieg ging. (Anderson Cooper von CNN meinte nach der Debatte, die größte Überraschung für ihn sei gewesen, wie hartnäckig die beiden bei diesem Thema blieben).

McCain wirft schon seit Tagen Romney vor, in der kritischen Phase im Frühling 2007, als viele Demokraten den sofortigen Abzug forderten und Bush den Surge erwog, herumgeeiert zu haben. Er habe erst eine Stellungnahme mit dem Hinweis darauf verweigert, daß er ja Gouverneur von Massachusetts sei und kein Bundespolitiker, und dann habe er einen Zeitplan für den Abzug befürwortet, wie ihn die Demokraten verlangten.

Romney wies das entrüstet von sich, schwor Stein und Bein, es nie gesagt zu haben und gebrauchte das Wort "Lüge", wenn auch nicht direkt auf McCain bezogen. Wer als er selbst sei eigentlich der Experte dafür, wie er zum Irak-Krieg stehe? Und warum McCain nicht das ganze Zitat vorlese? Was McCain ihm da vorwerfe, das sei eines dieser typischen Manöver, wie sie in Washington an der Tagesordnung seien (Subtext: Er, Romney, dagegen, ist die ehrliche Haut aus Massachusetts).

Das kam bei den Zuschauern gut an, und McCain sah alt aus. Liest man freilich nach, was Romney an jenem 3. April 2007 wirklich gesagt hatte, dann sieht man, daß McCain im Kern Recht hatte: Romney eierte herum. Er sprach sich gegen einen öffentlichen Zeitplan aus, weil dies dem Feind nützen würde. Aber er deutete zumindest an, daß er für einen internen, mit den Irakern auszuhandelnden Zeitplan für einen Abzug der US-Truppen sei.

Nur hatten die Zuschauer, die da in der Ronald Reagan Library saßen und vor der Kulisse der Air Force One den Kandidaten zuhörten, ja nicht die Gelegenheit, das nachzulesen (auch wenn der Moderator Anderson Cooper ein Zitat aus dem Interview beisteuerte).

Sie hatten den Eindruck, die Zuschauer vor Ort (und ich hatte, nur den Auftritt der beiden Kandidaten betrachtet, auch diesen Eindruck), daß McCain seinem Gegner Romney das Wort im Mund herumzudrehen versuchte.

So, wie überhaupt McCain seltsam schwammig und stereotyp debattierte.

Fast formelhaft wiederholte er immer wieder die Versatzstücke, die man wieder und wieder bei seinen Auftritten hört: Daß er ein "Fußsoldat" in der Truppe Ronald Reagans gewesen sei, daß er das "größte Geschwader" der Marineflieger geführt habe, daß er "für diesen Surge gekämpft" habe, als es in Bezug auf den Irak- Krieg Spitz auf Knopf gestanden habe. Man meinte förmlich das Gähnen im Publikum wahrzunehmen.

Auf konkrete Fragen gab er selten konkrete Antworten, sondern er sprach seinen Text in monotoner Wiederholung. Oft lächelnd, mit seiner seltsam sanft schwingenden Stimme wie ein müder Schauspieler, der zum tausendsten Mal dasselbe Stück spielen muß.

Romney wirkte, braungebrannt und elegant wie immer, erheblich dynamischer und auch präziser. Man könnte auch sagen: Er wirkte glatt und geschniegelt.

Wenn es nur um die Art ging, wie jeder der Kandidaten herüberkam, dann war Huckabee der Sieger Er nutzte seine Rolle als Nebendarsteller mit Witz, einer fröhlichen Menschlichkeit, auch mit präzisen Aussagen. Man freute sich geradezu, wenn zwischen den Hinterhältigkeiten, die Romney und McCain austauschten, einmal wieder er oder Ron Paul mit einer Frage bedacht wurde.

Aber es geht ja bei den Wahlentscheidungen der Amerikaner nicht nur um solche Auftritte. Zum Glück nicht.



Weitere Informationen zu der Sendung, auch zum Medienecho darauf, im Blog Pennsylvania Ave, den ich bei dieser Gelegenheit allen empfehlen möchte, die eine ebenso schnelle wie präzise Berichterstattung zum US-Wahlkampf in deutscher Sprache suchen.

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30. Januar 2008

Marginalie: Ist John McCain "unstoppable"?

Soeben - um viertel nach drei in der Nacht zum Mittwoch MEZ - hat CNN John McCain zum Sieger der Vorwahl in Florida erklärt. Nach Auszählung von gut drei Viertel der Stimmen liegt McCain bei 36 Prozent und Romney bei 31 Prozent. Giuliani, der alle seine Hoffnung (und viel von seinem Geld) auf Florida gesetzt hatte, ist mit im Augenblick 15 Prozent abgeschlagen.

Bei CNN wird nur noch darüber spekuliert, wann Giuliani das Handtuch wirft - nach dem Super Tuesday in einer Woche oder schon zuvor. Tut er es zuvor, dann könnte er sein Gewicht für einen der beiden anderen in die Waagschale werfen. Und der wäre sehr wahrscheinlich McCain.



Warum hat McCain gewonnen?

Wie immer hat Bill Schneider die Antworten analysiert, die bei den Exit Polls gegeben wurden. Ergebnisse:
  • McCain liegt bei den Wählern, die sich als gemäßigt bezeichnen, weit vor Romney (41 zu 22 Prozent).

  • Er liegt ebenfalls vorn bei den Senioren, von denen es bekanntlich viele in Florida gibt (38 zu 18 Prozent), bei den Veterans, den ehemaligen Soldaten (40 zu 35) und den Einwohnern cubanischer Herkunft (50 zu 34 Prozent für Giuliani; Romney erreichte in dieser Gruppe nur 10 Prozent).

  • Romney liegt nur in einer Gruppe deutlich vorn: Bei denjenigen Wählern, die sich als konservativ einstufen.

  • Vielleicht am Überraschendsten ist, daß Romney keine größere wirtschaftliche Kompetenz zugeschrieben wird als McCain. Im Gegenteil: Selbst bei denjenigen Wählern, für die das Thema Wirtschaft ausschlaggebend für ihre Entscheidung war, liegt McCain vor Romney (38 zu 32 Prozent).

  • Am wichtigsten aber war, so meinen Bill Schneider und das Team von CNN, die Persönlichkeit von John McCain: Viele Wähler gaben an, ihn nicht wegen seiner Kompetenz in einem bestimmten Bereich zu favorisieren, sondern weil sie in als Person schätzen.
  • McCain sei nicht mehr zu stoppen, unstoppable, wenn er erst einmal Florida gewonnen habe, meinten Leute aus seinem Stab vor dieser Wahl in Florida.

    Könnte sein. Denn er hat jetzt den großen Vorteil, daß Giuliani als Konkurrent so gut wie aus dem Rennen ist. Und in einem Zweikampf mit Romney hat McCain gute Chancen. Zumal Huckabee wohl auch nicht mehr lange wird mithalten können.

    Dann wird eine entscheidende Rolle spielen, welcher republikanische Kandidat eher in der Lage sein wird, auch unentschiedene und sogar demokratische Wähler auf seine Seite zu ziehen. Das ist eindeutig McCain. Wie die jüngsten Umfragen zeigen, könnte nur McCain sowohl Clinton als auch Obama schlagen. Romney würde gegen beide, wenn jetzt Wahlen wären, mit Pauken und Trompeten untergehen.

    Mit genau diesem Argument - der viability - haben die Demokraten vor vier Jahren John Kerry zu ihrem Kandidaten erkoren.



    Also, es könnte gut sein, daß ich mich geirrt habe, als ich fürchtete, daß McCain aufgrund seines Alters die Dynamik fehlt, die die Amerikaner von ihrem Präsidenten erwarten. Aber wie angekündigt - dieser Irrtum würde mich sehr freuen.

    Und noch ein Zitat aus der Rede, die McCain als Sieger eben gehalten hat: "We believe that the Government should do only those things that we cannot do ourselves"; wir glauben daran, daß die Regierung nur das tun sollte, was wir nicht selbst tun können.



    Nachtrag: Soeben meldet CNN, daß morgen Rudy Giuliani in Californien seinen Rücktritt als Kandidat erklären und John McCain unterstützen wird.

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    17. Januar 2008

    Marginalie: McCain, Michigan und Moneten

    Eine aktuelle Umfrage von Gallup für USA Today bestätigt, daß keiner der Kandidaten für die Präsidentschaft bei den Amerikanern so beliebt ist wie John McCain. 59 Prozent haben von ihm eine gute Meinung. Barack Obama erreicht zwar denselben Wert, aber von ihm haben 32 Prozent eine schlechte Meinung; von McCain nur 29 Prozent. Alle anderen Kandidaten liegen in den Beliebtheitwerten deutlich darunter.

    Dennoch hat John McCain in Michigan die Vorwahl verloren. Mitt Romney hat, wie die Washington Post schreibt, resoundingly gewonnen; frei übersetzt: Mit Pauken und Trompeten.

    Sein Sieg war so deutlich, daß CNN diesmal, ganz anders als bei den Vorwahlen in New Hampshire, schon wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale den Sieger vermeldete; der vorhergesagte Abstand Romneys zu McCain kam dem tatsächlichen (39 : 30 Prozent) schon sehr nahe.



    Warum hat McCain in Michigan so enttäuschend abgeschnitten? Liegt es daran, daß dort für ihn ein schlechteres Pflaster ist als anderswo?

    Keineswegs. Vor acht Jahren, als er bereits einmal als Kandidat für die Präsidentschaft angetreten war, hatte er in Michigan einen glänzenden Sieg errungen.

    Lag es daran, daß Mitt Romney in Michigan einen persönlichen Bonus hatte; in seinem Heimtatstaat, in dem sein Vater George Romney ein beliebter Gourverneur gewesen war? Mag sein, daß das eine Rolle gespielt hat. Wie auch der Umstand, daß diesmal weniger Independents zur Wahl gingen, bei denen McCain besonders stark ist.

    Aber die Wahlanalyse, die Bill Schneider aufgrund der Exit Polls in CNN vorgetragen hat, weist auf eine andere, wichtigere Ursache für dieses Wahlergebnis hin: It's the economy, stupid. Kein anderes Thema nannten die Befragten so oft als ausschlaggebend für ihre Wahlentscheidung wie die Wirtschaft.

    Genauer: Was die Amerikaner zunehmend umtreibt, und was das zentrale Thema des diesjährigen Wahlkampfs werden könnte, das ist die drohende, die wohl schon im Gang befindliche Rezession.

    Harold Myerson sieht sie in der Washington Post nicht als eine der üblichen konjunkturellen Rezessionen, sondern als eine Strukturkrise der US-Wirtschaft; als eine Krise des Finanz- Systems und der Löhne, die seit Jahren stagnieren.



    Warum wirkte sich die Angst vor einer Rezession besonders in Michigan aus, und warum schadete sie besonders McCain?

    Michigan ist der US-Staat mit der höchsten Arbeitslosigkeit; ein Staat mitten in einer Strukturkrise ähnlich der des Ruhrgebiets vor einigen Jahrzehnten. Die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen ist dort also besonders groß. (Die höchste Arbeitslosigkeit der USA ist, nebenbei gesagt, mit 7,4 Prozent eine, die in Deutschland schon fast als Vollbeschäftigung gelten würde).

    Auf die ökonomischen Sorgen der Wähler von Michigan haben nun McCain und Romney radikal verschiedene Antworten gegeben.

    Romney hat versprochen, er werde als Präsident den Arbeitern in Michigan helfen, ihre jetzigen Arbeitsplätze zu erhalten. McCain hat gesagt, der Verlust von Arbeitsplätzen in bestimmten Branchen sei aufgrund der Globalisierung unvermeidlich. Er werde als Präsident für strukturelle Verbesserungen sorgen, die neue Arbeitsplätze in neuen Branchen schaffen würden.



    Romney versprach den Einwohnern von Michigan eine leichtere Zukunft als McCain; und das wurde ihm offenbar honoriert. Als er seine Niederlage eingestand und Romney gratulierte, bemerkte McCain dazu trocken, er werde weiter die Wahrheit sagen, auch wenn sie unangenehm sei.

    Nur, wollen die Amerikaner sie auch hören? Jemanden sympathisch finden und ihn zum Präsidenten wählen, das sind zwei verschiedene Dinge. Man traut John McCain zu, daß er ehrlich sagt, wie es ist. Aber traut man ihm, dem 71jährigen, auch die Kraft zu, es zu ändern? Ich habe da weiterhin meine Zweifel.

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    6. Januar 2008

    US-Vorwahlen: Ein Blick auf vier Kandidaten, speziell auf John McCain



    Die VOA übertrug heute als Übernahme von C-Span kleinere Veranstaltungen der Kandidaten aus New Hampshire, jeweils in voller Länge. Ich habe John McCain, Hillary Clinton und Mitt Romney mit ihrem vollständigen Auftritt gesehen; von Barack Obamas Veranstaltung nur den Beginn.

    Romney sprach in einem Privathaus, in das Anhänger von ihm ihre Nachbarn eingeladen hatten. Hillary Clinton trat auf einer Versammlung von vielleicht hundert Leuten, McCain vor einem ähnlichen Publikum in der Townhall des Orts Peterborough auf. Obamas Auditorium war ungleich größer; eine Halle mit ansteigenden Rängen ringsum und dem Rednerpult in der Mitte.

    Alle vier habe ich das erste Mal in einem derartigen längeren Auftritt vor Publikum gesehen.



    Hillary Clinton wirkte müde, war aber dennoch ein wandelndes Lexikon. Ob jemand eine Frage zu seiner Gesundheitsvorsorge hatte, zur Abtreibung, zur Nuklearenergie - immer brillierte sie mit Fakten, Beispielen, einer Flut von Informationen.

    Wenn jemand sie nach ihrer Haltung zur Abtreibung fragte, dann veranstaltete sie einen tour d'horizon von der chinesischen Ein- Kind- Politik bis zur Abtreibungs- Politik der Volksrepublik Rumänien, die das Gebären befahl. Wenn sich eine Fragerin als Mitarbeiterin des Office of Homeland Security vorstellte, dann skizzierte sie eine Geschichte dieser Einrichtung, der einschlägigen Gesetze, des Aufbaus der Verwaltung.

    Lehrreich, keine Frage. Ob die Leute das aber eigentlich wissen wollten, schien sie nicht zu interessieren. Ob sie damit, daß sie diese Kenntnisse versprühte, die Sympathie ihrer Zuhörer gewann oder verstärkte - es schien sie nicht zu interessieren.

    Mir schien, daß ihre ganze Brillanz verpuffte, daß die Zuhörer spürten, wie verzweifelt diese Musterschülerin immer nur demonstrieren wollte: Ich bin perfekt.

    Am Ende passierte dann wieder etwas, das auf so peinlich Art inszeniert wirkte wie kürzlich der Auftritt einer alten Dame, die sich unversehens als ihre frühere Religions- Lehrerin erwies.

    Wie üblich, rief Clinton eine Fragerin auf. Die Kamera war auf Clinton gerichtet. Sie sagte: "That lady ..." und tat erstaunt, daß da noch eine zweite und eine dritte "Lady" daneben waren. Man sah diese immer noch nicht.

    Dann hatte Clinton - so sollte es erscheinen - plötzlich den Einfall, die drei Ladies, die etwas fragen wollten, könnten doch nach vorn kommen. Und nun sah man, daß es drei kleine Mädchen waren. Eigens aus Maine angereist, wie eines davon sagte, um Hillary eine Art KFZ-Schild zu überreichen, das für sie warb.

    In der letzten Einstellung der Übertragung sah man noch, wie sie sich für ein Foto mit den drei Mädchen arrangierte und hörte, wie sie nach dem Fotografen rief.



    Mitt Romney war - was aber auch an der intimen Atmosphäre dieser Zusammenkunft in einem Privathaus gelegen haben mag - unpathetisch, ruhig, ohne Effekthascherei, ohne diese ständige Plan- Übererfüllung, die Clintons Markenzeichen ist.

    Seine Antworten waren locker und zugleich präzise. Er wirkte - auch im Outfit, auch in der Körpersprache - wie ein britischer Country Gentleman, der sich aus Pflichtgefühl, aber ohne übertriebene Anstrengung, für das Gemeinwesen einsetzt.

    Er signalisierte, so schien mir: Ja, das wäre schön, Präsident zu werden. Aber wenn nicht, auch nicht schlimm. Ich kann mich auch anderswo nützlich machen.

    Nach einer kurzen Rede, und nachdem er ein paar höfliche Fragen höflich beantworet hatte, gab es noch viel Händeschütteln. Schon vorher war auf das Kalte Büffet nebenan hingewiesen worden. Man brach also plaudernd auf.



    Barack Obama war so, wie ich ihn schon bei seiner Rede nach den Caucuses in Iowa erlebt hatte: Ein begnadeter Volksredner, ein Mann mit dem Charisma von Kennedy. Aber das war's denn auch - jedenfalls, solange ich seine Rede gehört habe.

    Schon der Anfang war genial: Er stellte erst mal, mit Küßchen, zwei süße Wahlhelferinnen vor, die sich hinter ihm aufgebaut hatten. Die hätten jetzt, so erläuterte er, auch die Aufgabe, die noch zögernden Anwesenden dazu zu bringen, ihn, Obama, zu wählen.

    Mit jungenhaftem Charme und verschmitztem Lächeln sagte er, das sei natürlich der Sinn der Veranstaltung - er wolle jetzt verführen, für ihn zu stimmen. Etwa zur Hälfte der Redezeit wolle er das erreicht haben, so ungefähr sagte er es.

    Und bat erst mal um das Handzeichen - honestly! - derer, die noch unentschlossen seien. An die werde er sich mit seinem Bemühen jetzt besonders wenden. Und wer am Ende überzeugt sei, der möge den lieben Helferinnen doch bitte einen dafür vorbereiteten Abschnitt eines Flyers abgeben. Damit er, Obama, sehe, was er mit seiner Rede geschafft habe. Und lächelte wieder ganz lieb.

    So ist er, der Barack Obama. Fast unwiderstehlich. Ich wüßte keinen deutschen oder französischen Politiker, der so lieb und zugleich so stark wirkt. Um noch eine Etage höher zu greifen als nur zu Kennedy: So ungefähr dürfte Alexander der Große auf seine Mazedonier, dürfte Totila auf seine Ostgoten gewirkt haben. Der geborene Anführer.



    Und John McCain, der aus meiner Sicht kompetenteste und sympathischste Kandidat von allen?

    Ja, er war kompetent und sympathisch. Nur eines war er bei diesem Auftritt nicht: Einer, dem man mit seinen einundsiebzig Jahren noch zutrauen könnte, den schwierigsten Job der Welt zu schaffen.

    Das Foto, das ich während seines Auftritts vom Bildschirm gemacht habe, drückt das, denke ich, ganz gut aus. In McCains Versammlung waren fast nur ältere Menschen; ein Teil Kriegsveteranen, von denen einige auf dem Podium Platz genommen hatten. McCain ging leicht gebeugt, fast schlurfend, mit dem Mikrofon auf und ab.

    Seine Antworten waren kurz, ehrlich wirkend, manchmal bissig; das Letztere vor allem, wenn es gegen die Verschwendung von Steuern ging. Er macht gern Witze, plauderte wie ein netter Opa, der für sein Alter noch bestens drauf ist.

    Das perfekte Gegenbild zu Clinton. Während Clinton auf jede Frage sozusagen Informationen für ein Dutzend Antworten lieferte, blieb McCain schon einmal die Antwort schuldig. Und er signalisierte fröhlich, daß ihm das keineswegs unangenehm war. So, wie er es mit einem Witz kommentiert hatte, daß von den Honoratioren, die er am Anfang begrüßen wollte, etlich gar nicht da waren.

    Eine Frau schilderte in ihrer Frage, daß sie nach einer diagnostizierten Infektion mit der Behandlung warten mußte, bis die Krankhreit ausgebrochen war, und fragte McCain, wie er zu den betreffenden Gesetzen stehe.

    Hillary Clinton hätte als Antwort eine Fülle von Kenntnissen über die Gesetzeslage herausgesprudelt und wortreich erläutert, wie sie diese als Präsidentin ändern werde, zum Wohle des amerikanischen Volkes. Wahrscheinlich hätte sie auch noch ähnliche Fälle, die an sie herangetragen worden waren, mit viel Detail geschildert.

    McCain sagte nur, das fände er aber sehr unvernüftig, was der Frau da widerfahren sei. Man müsse doch ärztlich helfen, sobald eine Diagnose vorliege. Und bat die Frau, nach der Veranstaltung zu ihm zu kommen, "to educate me on the subject", um ihn über dieses Thema schlauer zu machen.

    Sehr nett, wie der ganze Auftritt. Ein kompetenter, geradeliniger Mann, ein Weiser mit Ironie und Distanz.

    Hätten die USA einen Präsidenten mit den Aufgaben des deutschen Bundespräsidenten - McCain wäre die ideale Besetzung. Aber daß die Amerikaner ihn in den Knochenjob des Mannes an der Spitze des mächtigsten Staats der Welt wählen werden - daran habe ich nach diesem Auftritt meine Zweifel. Leider.

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