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6. November 2008

Zitat des Tages: "In Medwedews Rede herrschte ein scharfer Ton. Ob Obama diese Botschaft verstehen wird?" Ein russischer Hintergrundkommentar

Die neu gewählten Präsidenten der USA und Russlands, Barack Obama und Dmitri Medwedew, haben gleichermaßen mit ernsthaften Problemen zu kämpfen. Gerade deswegen werden beide mehrmals dazu gezwungen sein, Härte zu zeigen.

Dies war deutlich in dem außenpolitischen Teil der diesjährigen Jahresbotschaft des russischen Präsidenten an die Föderalversammlung zu spüren. In diesem Teil der Rede Medwedews herrschte ein scharfer Ton. Es ist gewissermaßen sogar sehr gut, dass Obama auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und am Tag, der der freudigste Tag für die nächsten Jahre sein sollte, so eine Botschaft aus Moskau kriegt. Die Frage aber ist die - ob er diese Botschaft verstehen wird?


Dmitri Kossyrew, politischer Kommentator der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti, unter der Überschrift "Medwedew zeigt Härte gegenüber USA" über die Jahresbotschaft des russischen Präsidenten Medwedew.

Kommentar: Der gewählte Vizepräsident Joe Biden hatte es am 19. Oktober vorhergesagt:
Mark my words. It will not be six months before the world tests Barack Obama like they did John Kennedy. (...) Watch, we're gonna have an international crisis, a generated crisis, to test the mettle of this guy.

Halten Sie fest, was ich jetzt sage. Es wird keine sechs Monate dauern, bis die Welt Barack Obama prüft, wie sie John Kennedy geprüft haben. (...) Geben Sie Obacht, es wird eine internationale Krise geben, eine herbeigeführte Krise, um dem Mann auf den Zahn zu fühlen.
Es scheint, daß Putin und sein Medwedew keine sechs Monate gewartet haben. Wohl nicht, was die eigentliche Krise angeht. Aber einen kleinen Vorgeschmack bekommt Obama schon jetzt.

Medwedew verkündete am Tag nach dem Wahlsieg von Obama nicht nur, daß Rußland im Gebiet von Kaliningrad (Königsberg) "Iskander"- Raketen aufstellen werde, die eine Reichweite von 300 km haben, also Polen unmittelbar bedrohen, und die dazu dienen sollen, "das geplante US-Raketenabwehrsystem in Europa zu neutralisieren".

Wichtiger - und in den hiesigen Medien wenig beachtet - ist der Zusammenhang, den Medwedew zwischen diesen Raketen, der Krise im Kaukasus und dem internationalen Finanzsystem hergestellt hat. Kossyrew schreibt dazu:
Einerseits sind in der Rede des russischen Präsidenten die Motive zur Sprache gebracht worden, die eigentlich schon allseits bekannt sind, insbesondere, was die Installierung des Raketenabwehrschildes in Polen und Tschechien betrifft. Obwohl, merkwürdig... In einem Satz sind quasi die Finanzkrise und die Krise im Kaukasus vereint worden. So etwas gab es noch nie. (...) Es gibt noch zwei Zitate, die deutlich zeigen, dass in Russland die beiden Krisen im Prinzip als etwas empfunden werden, was miteinander eng verbunden ist. (...)

Man kann also zu dem Schluss kommen, dass Russland - und nicht nur allein Russland - eine gewisse Angst verspürt, dass die USA versuchen würden, aus der Krise auf nicht ganz finanzielle Art und Weise herauszukommen, genau gesagt, dass Washington versuchen könnte, diesen "Knoten" militärisch durchzuschlagen. Wo konkret? Im Kaukasus? (...)

Der russische Vizeaußenminister Grigori Karassin kündigte bereits an, dass man in Moskau "frische Ideen und Herangehensweisen" vom neuen US-Präsidenten erwarte, insbesondere in Bezug auf die kompliziertesten Konflikte der Außenpolitik. Sobald dieser Prozess beginnt, werden die Töne aus Moskau einen sanfteren Klang haben.
Die Botschaft ist deutlich: Im Kaukasus wird sich Rußland von den USA nicht mehr hineinreden lassen. Falls die Polen glauben, sie seien durch die Aufstellung von US- Abwehrraketen auf ihrem Gebiet vor Rußland sicherer, dann irren sie; sie werden jetzt erst recht bedroht werden.

Erst wenn Obama einsieht, daß er als Präsident in Ost- und Südosteuropa nichts verloren hat, werden "die Töne aus Moskau einen sanfteren Klang haben". Und die russische Bereitschaft oder Weigerung, bei der Lösung der Finanzkrise zu kooperieren, ist Zuckerbrot und Peitsche in einem, um ihn bei diesem Lernprozeß zu unterstützen.



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15. Mai 2008

Marginalie: Zar Putin und sein Hadschi Halef Omar

Als ich im russischen Nachrichtensender Russia Today die Szene sah, wußte ich, daß da etwas nicht stimmte. Aber es dauerte einen Augenblick, bis ich merkte, was da nicht stimmte.

An einem Schreibtisch saßen sich Präsident Medwedew und sein Premierminister Putin gegenüber. Putin war zum Präsidenten gekommen, um ihm seinen Vorschlag für die Kabinettsliste zu überreichen.

Aber es sah - das wurde mir nach einigen Augenblicken klar - nicht so aus, als suche Putin Medwedew auf, sondern als suche Medwedew Putin auf. Putin saß entspannt da, sozusagen breitbeinig, wenn man denn breitbeinig sitzen kann. Medwedew saß da, wie halt ein Besucher dasitzt: Fast auf der Stuhlkante, angespannt.

Als ich mich später an die Szene zu erinnern versucht habe, kam es mir so vor, als hätte Putin auch auf der Seite des Schreibtischs gesessen, auf der dessen Besitzer seinen Platz hat - wo also die Schreibmappe liegt, das Telefon steht usw. Und als hätte er im höheren, größeren Chefsessel gethront als sein Besucher Medwedew.

Der doch der Chef ist, und Putin war in dieser Szene sein Besucher.



Nicht so ganz. Über den Blog von Vincent Jauvert beim Nouvel Observateur (ich habe diesen ausgezeichneten Journalisten kürzlich hier zitiert) bin ich nämlich auf eine Bericht von Reuters über diese Szene aufmerksam geworden.

Illustriert mit einem Bild der Situation. Man sieht die beiden, wie sie sich gegenübersitzen; Putin herrisch, Medwedew beflissen. Allerdings fehlt das Schreibgerät und das Telefon auf dem Tisch. Das war eine typische Erinnerungstäuschung gewesen.

Warum typisch? Weil sie das sozusagen visualisierte, was in der Tat der Fall gewesen war.

Putin hatte auf der Seite des Tischs Platz genommen, auf der er bei solchen Ereignissen als Präsident immer gesessen hatte. Und Medwedew saß dort, wo er als Mitarbeiter Putins immer gesessen hatte.

Freilich hatte es zuvor einen kleinen Dialog gegeben. Putin hatte Medwedew den Platz des Präsidenten angeboten: "Das ist jetzt Ihr Platz". Worauf dieser antwortete: "Was macht das schon für einen Unterschied?". Und sich auf seinen alten Platz, den des Mitarbeiters, des Besuchers setzte.



Es wird viel darüber gerätselt, wie wohl das "Gespann", das "Tandem" Medwedew- Putin zusammenarbeiten wird. Mir scheint, die kleine Szene macht es deutlich: Wie Kara ben Nemsi und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.



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7. Mai 2008

Zitat des Tages: Ernannt!

Der ins Amt eingeführte russische Präsident Dmitri Medwedew hat seinen Vorgänger Wladimir Putin zum neuen Regierungschef ernannt. Das teilte der Kreml in Moskau mit.

Was diese dpa-Meldung zum Zitat des Tages macht, ist nicht ihr Inhalt, sondern ihr Zeitpunkt: 07.05.2008, 12:33 Uhr.

Um 12 Uhr Ortszeit, also 10 Uhr MEZ, hatte Medwedew das Amt des Staatspräsidenten von Putin übernommen. Rund zwei Stunden danach hatte er diesen bereits zum Ministerpräsidenten ernannt.

In dieser ganz auf Symbolik aufgebauten Amtsübergabe ein klares Signal. Medwedew hatte buchstäblich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als Putin zu ernennen.

Keine drei Stunden war dieser ohne Amt gewesen. Er legte den Hut des Staatspräsidenten ab und setzte sich stante pede den des Ministerpräsidenten auf; na gut, hielt ihn Medwedew hin, damit dieser ihn ihm aufsetze.

Es dürfte vermutlich noch nie in der Geschichte passiert sein, daß ein frisch inaugurierter Staatschef es so eilig hatte, seinen Regierungschef zu ernennen. Die Botschaft ist klar: Putin macht weiter.



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