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30. September 2009

Marginalie: Schon wieder muß ich Daniel Cohn-Bendit zustimmen. Anmerkung zur Affäre Polanski

Daniel Cohn-Bendit, wenn er im deutschen TV auftritt, ist mir schwer erträglich: Dieses Pathos, diese mit reichen Gesten unterstrichene Rhetorik, diese emotionale Färbung auch noch der trivialsten Feststellung. Einer, der ständig ein wenig zu aufgeregt ist. Nach deutschen Maßstäben.

Daniel Cohn-Bendit ist einer der wenigen Menschen, die wirklich binational sind. Er ist Sohn eines Deutschen und einer Französin. Er hat seine Kindheit in Frankreich verbracht, seine Gymnasialzeit bis zum Abitur in Deutschland. Als Student war er, wie man weiß, einer der Anführer der 68er Revolte in Frankreich; "Dany le Rouge". Der rote Dany - das mag auf seinen Haarschopf verwiesen haben, vor allem aber auf seine politische Haltung. Er soll zwecks Beförderung der Revolution die tolle Idee beigesteuert haben, die Trikolore durch eine rote Fahne zu ersetzen.

Aufgrund seiner Revoluzzerei wies ihn Frankreich aus; und in den nächsten Jahrzehnten war er ein Deutscher. Ein Frankfurter Sponti; einer dieser Polit-Intellektuellen, die nie etwas Anständiges gelernt und die nie einen richtigen Beruf ausgeübt haben. In der Partei "Die Grünen" konnte er nicht recht reüssieren; außer auf der Europa- Ebene. Inzwischen hat er das, was man gern den "Lebensmittelpunkt" nennt, wieder nach Frankreich verlagert.

Also hat man ihn in den letzten Jahren oft im französischen Fernsehen gesehen. Gesehen und gehört; auch in Sendern wie LCP und France24, die man auch in Deutschland empfangen kann. Und schau an: Da wirkte Cohn-Bendit auf mich ganz anders. Seine Rhetorik wird im lateinischen Kulturkreis nicht so wahrgenommen wie im teutonischen. Da ist nichts Clowneskes; da fügt einer sich ein in seine intellektuelle Umgebung.



Mich hat diese überraschende Erfahrung dazu gebracht, Cohn-Bendit mit anderen Augen zu sehen. Ein Kommunist war er ja nie, schon gar nicht ein Stalinist. Er war ein linker Anarchist. Zwischen den, sagen wir, nicht- spinnerten Anarchisten und uns Liberalen gibt es durchaus interessante gemeinsame Fragen; vielleicht sogar die eine oder andere übereinstimmende Antwort.

Zum Beispiel, was die Freiheit Osteuropas angeht, die durch den russischen Imperialismus bedroht wird. Dazu hat Cohn-Bendit sich bemerkenswert klar geäußert, im Verein mit keinem Geringeren als Otto von Habsburg; siehe Ein gemeinsamer Text von Otto von Habsburg und Daniel Cohn-Bendit - kann es das geben? Es gibt es; ZR vom 24.2.2009.

Und nun wieder: Es geht um die Affäre Polanski. Der Regisseur Roman Polanski ist bekanntlich seit Jahrzehnten auf der Flucht vor der amerikanischen Justiz, die ihm vorwirft, im Jahr 1977 eine Dreizehnjährige sexuell mißbraucht zu haben. Nun wurde er in der Schweiz festgenommen; über seine Auslieferung muß entschieden werden.

Eigentlich sollte man meinen, daß eine solche Affäre eine juristische Angelegenheit ist. Es geht da um Rechtssysteme, um Auslieferungsrecht, natürlich auch um die Schuld oder Nichtschuld Polanskis.

Aber in Frankreich - Polanski ist französischer Staatsbürger - erhob sich eine Welle der Unterstützung, die bis in die Regierung hineinreichte. Der Außenminister Kouchner setzte sich für ihn ein. Der Kultusminister Frédéric Mitterand fand gar - so zitiert ihn der Nouvel Observateur - die Festnahme Polanskis "absolument épouvantable"; ganz und gar entsetzlich. Und das wegen, so Mitterand, einer "histoire ancienne qui n'a pas vraiment de sens"; einer alten Geschichte, die eigentlich keinen Sinn hat.

Das löste, man kann es sich denken, Widerspruch aus. Und unter den deutlich Widersprechenden war Daniel Cohn-Bendit. Der Nouvel Observateur:
"C'est une des histoires les plus dures puisque c'est vrai qu'il y a eu viol sur une jeune fille de 13 ans qui elle-même dit : 'j'ai pas porté plainte' et à un moment elle dit 'j'ai reçu beaucoup d'argent'", a déclaré Daniel Cohn-Bendit sur Europe 1.

"C'est un problème de justice et je trouve qu'un ministre de la Culture, même s'il s'appelle Mitterrand, devrait dire : j'attends de voir les dossiers", a ajouté l'ancien leader de mai 68 prenant le contre-pied des nombreux soutiens en France apportés au réalisateur, y compris au sein du gouvernement et de la majorité.

"Das gehört zu den härtesten Vorfällen. Denn es ist ja wahr, daß ein dreizehnjähriges Mädchen vergewaltigt wurde, das selbst gesagt hat: "Ich habe keine Anzeige erstattet", und dann hat sie auch gesagt: "Ich habe viel Geld erhalten". Das sagte Cohn-Bendit auf [dem französischen Sender; Zettel] Europe 1.

"Es handelt sich um ein Problem der Justiz, und ich finde, daß ein Kultusminister, auch wenn er Mitterand heißt, sagen sollte: Ich möchte erst einmal die Akten sehen", fügte der einstige Anführer des Mai 1968 hinzu. Damit positionierte er sich gegen zahlreiche Unterstützungen, die dem Regisseur in Frankreich zuteil geworden waren; auch innerhalb der Regierung und der Regierungskoalition.
Gut tat er daran, der Daniel Cohn-Bendit, sich so zu positionieren. Wie auch im Fall der Freiheit Osteuropas.

Nein, so richtig ans Herz wachsen wird er mir damit nicht. Er kann sich bemerkenswert flegelhaft benehmen, wie zum Beispiel gegenüber dem tschechischen Staatspräsidenten; siehe Ein Dialog zwischen dem Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit und dem Staatspräsidenten Vaclav Klaus; ZR vom 8.12.2008.

Cohn-Bendit war und ist immer noch ein linker Phantast und ein Mensch mit außerordentlich schlechten Manieren. Einer von diesen Leuten, bei denen man den Eindruck hat, daß sie in der Pubertät steckengeblieben sind. Aber er ist auch ein Mann mit Courage und einer, von dem ich denke, daß er das meint, was er sagt. Sein Eintreten für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit nehme ich ihm ab.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

20. Februar 2009

Zitat des Tages: Eine "Karnevalsrede". Wie unsere Medien über die Rede des tschechischen Staatspräsidenten berichten. Und was er wirklich gesagt hat

Tschechiens Präsident sorgt für Eklat - "Karnevalsrede" im EU-Parlament

Überschrift des Berichts der Brüsseler Korrespondentin der ARD, Katrin Brand, im Internet- Auftritt der "Tagesthemen".

Kommentar: Der Staatspräsident des Landes, das gegenwärtig die Präsidentschaft der EU innehat, hat vor dem Europäischen Parlament eine Rede gehalten. Eine nachdenkliche, eine herausfordernde, eine kritische Rede. Am Ende dieses Artikels finden Sie die wichtigsten Passagen.

Nicht wahr, es wäre die Aufgabe eines öffentlich- rechtlichen, eines von unseren Gebühren finanzierten, eines zur Ausgewogenheit verpflichteten Senders, über den Inhalt einer so wichtigen Rede ausführlich zu informieren?

Tut das die Korrespondentin des WDR Katrin Brand? Sie tut das in einer nachgerade empörenden Weise nicht.

Der Bericht ist so abgefaßt, wie es die reißerische, den Staatspräsidenten herabsetzende Überschrift ankündigt: Über den Inhalt der Rede erfährt man fast nichts; umso mehr über das, was die Überschrift als einen "Eklat" bezeichnet - also die unhöfliche, respektlose Art, wie Angehörige des Parlaments, vor dem der Präsident sprach, auf dessen Rede reagiert haben.

Der Bericht hat fünf Absätze. Gerade einmal eineinhalb davon befassen sich mit dem Inhalt der Rede; der Rest mit Kritik daran.
Daniel Cohn Bendit von den Grünen reagierte eher amüsiert: "Die Grünen werden Vaclav Klaus einen Preis vergeben: Die beste Karnevalsrede, die je im Parlament gehalten wurde." Martin Schulz von der SPD kommentierte trocken: "Der Mann hat keine Ahnung!" Und Bernd Posselt von der CDU meinte, das sei die "Provinzposse eines begnadeten Selbstdarstellers" gewesen, der "leider nach dem nationalistischen Libretto aus dem 19. Jahrhundert" gespielt habe.
So beginnt Katrin Brand ihren Bericht. Der Leser erfährt diese negativen Kommentare, bevor er auch nur mit einem Wort über das informiert worden ist, was der Präsident eigentlich gesagt hat. Die Information darüber beschränkt sich auf ein paar Sätze.

Nicht besser sieht es in den übrigen Leitmedien aus. "Spiegel- Online" vermischt wie meist Bericht und Kommentar, wenn es schreibt (oder aus den Agenturen zusammenschustert):
Nachdem der deutsche Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering die Tschechen für ihre wichtige Rolle in Europa gelobt und dabei sogar bis ins 14. Jahrhundert zurückgegangen war, legte Klaus los. Zwar betonte er zunächst, dass es für Tschechien "keine Alternative zum EU-Beitritt gab und gibt". Dann aber fragte er die Abgeordneten, ob sie sich bei Abstimmungen immer sicher seien, dass diese Entscheidungen tatsächlich in Brüssel und nicht besser in den einzelnen Mitgliedstaaten getroffen werden müssten.
Das nenne ich "loslegen" - Klaus wagt es, an das Prinzip der Subsidiarität zu erinnern; bekanntlich ein Bestandteil der Verträge von Lissabon.

Ähnlich die meisten anderen Medien. "Ratspräsident Klaus provoziert EU-Abgeordnete" titelt "Zeit- Online"; "Der beste Provokateur - Tschechiens Präsident Klaus poltert in Brüssel" die "Frankfurter Rundschau"; "Tschechiens Präsident sorgt für Eklat im EU-Parlament" ist die Meldung der Bericht der "Deutschen Welle" überschrieben. (Ob es nicht eher die sich echauffierenden Abgeordneten waren, die für den Eklat sorgten?).

Sachliche Berichte, aus denen wenigstens ein wenig von dem hervorgeht, was Klaus eigentlich gesagt hat, findet man in der FAZ und in der "Welt".



Und was hat Vaclav Klaus nun gesagt? Hier ist der Text der Rede in der offiziellen deutschen Übersetzung. Auszüge (aus Gründen des Copyrights muß ich mich auf einige Zitate beschränken):
Ich möchte aber auch auf diesem Forum ganz eindeutig und – für diejenigen, die das entweder nicht wissen oder auch nicht wissen wollen – ganz deutlich und laut wiederholen, dass es für uns keine Alternative zum EU-Beitritt gab und gibt und dass in unserem Land keine relevante politische Kraft existiert, die diese Aussage in Frage stellen könnte oder möge. (...)

Verschiedene Barrieren und Hindernisse bestehen weiter und es gibt mehr Entscheidungen auf Brüsseler Ebene, als es optimal wäre. Sicherlich gibt es mehr davon, als die Menschen in den einzelnen europäischen Ländern verlangen. Dessen sind Sie sich – meine sehr geehrten Damen und Herren – sicher auch bewusst. Ich stelle hier daher die eher rhetorische Frage, ob Sie sich – bei jeder Ihrer Abstimmungen – sicher sind, dass Sie über Sachen entscheiden, die gerade hier in diesem Saal und nicht näher am Bürger, das heißt in den einzelnen europäischen Staaten, entschieden werden müssen? (...)

Wenn ich gesagt habe, dass es für uns keine Alternative zu einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union gab und gibt, ist das nur die Hälfte von dem, was dazu zu sagen ist. Die zweite Hälfte ist ganz logisch die Behauptung, dass es für die Methoden und Formen der europäischen Integration im Gegenteil eine Reihe möglicher und legitimer Varianten gibt, genauso wie es sie auch in der letzten Jahrhunderthälfte gegeben hat. Die Geschichte hat kein Ende. (...)

Außerdem ist offensichtlich, dass die eine oder andere institutionelle Anordnung der Europäischen Union kein Ziel zum Selbstzweck ist, sondern ein Instrument zu Erreichung tatsächlicher Ziele. Und diese Ziele sind nichts anderes als die Freiheit der Menschen und so eine wirtschaftliche Ordnung, die Prosperität mit sich bringt. Und diese wirtschaftliche Ordnung ist die Marktwirtschaft. (...)

Das heutige System des Entscheidens in der Europäischen Union ist etwas anderes, als das von der Geschichte geprüfte und in der Vergangenheit erprobte System der klassischen parlamentarischen Demokratie. In einem normalen parlamentarischen System gibt es einen Teil der Abgeordneten, der die Regierung unterstützt und einen oppositionellen Teil. Doch das ist im Europäischen Parlament nicht der Fall. Hier wird nur eine Alternative durchgesetzt und wer über andere Alternativen nachdenkt, wird als Gegner der europäischen Integration angesehen. In unserem Teil Europas lebten wir noch bis vor kurzem in einem politischen System, in dem jegliche Alternative unzulässig war und wo es aus diesem Grund auch keine parlamentarische Opposition gab. Wir haben die bittere Erfahrung gemacht, dass dort, wo es keine Opposition gibt, die Freiheit verkommt. Deshalb muss es politische Alternativen geben. (...)

Ich sage das alles aus einem Gefühl der Verantwortung für die demokratische und prosperierende Zukunft Europas. Ich möchte an die Grundprinzipien erinnern, auf deren Grundlage die europäische Zivilisation seit Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden gebildet ist. Das sind Prinzipien von zeitloser und universeller Gültigkeit, die deshalb auch in der heutigen Europäischen Union gelten sollen. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Bürger der einzelnen EU-Länder Freiheit, Demokratie und Prosperität wünschen. (...)
Falls Sie die Zeit erübrigen können, lesen Sie die Rede bitte ganz und sorgfältig. Es ist eine der großen Reden in der Geschichte der europäischen Integration; eine kluge und differenzierte Rede.

Daß die von Katrin Brand zitierten Abgeordneten sich so flegelhaft geäußert haben, wie sie es taten, sagt nichts über diese Rede, aber viel über diese Abgeordneten. Von denen einer - Daniel Cohn-Bendit - sich übrigens schon einmal gegenüber dem tschechischen Staatspräsidenten als ein Flegel benommen hat.



Nachtrag (20.2. abends): Erst jetzt habe ich gesehen, daß gestern schon Stunden, bevor ich diesen Artikel publiziert habe, bei den Kollegen von B.L.O.G. Boche auf das Thema eingegangen ist und dazu auch ein weiteres Beispiel für die agitatorische Berichterstattung zitiert hat, den Artikel in der FTD. - Siehe auch die Artikel von Daniel Fallenstein und von Jo@achim vom Antibürokratieteam.



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8. Dezember 2008

Zitat des Tages: Ein Dialog zwischen dem Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit und dem Staatspräsidenten Vaclav Klaus

Daniel Cohn-Bendit: I am certain that the climate change represents not only a risk, but also a danger for the future development of the planet. My view is based on scientific views and majority approval of the EP and I know you disagree with me. You can believe what you want, I don't believe, I know that global warming is a reality.

Lisbon Treaty: I don't care about your opinions on it. (...)

I want you to explain to me what is the level of your friendship with Mr Ganley from Ireland. How can you meet a person whose funding is unclear? You are not supposed to meet him in your function. (...)

President Vaclav Klaus: I must say that nobody has talked to me in such a style and tone for the past 6 years. (...) If you are concerned about a rational discussion in this half an hour, which we have, please give the floor to someone else, Mr Chairman.

EU Parliament President Hans-Gert Pöttering: No, we have plenty of time. My colleague will continue, because anyone from the members of the EP can ask you whatever he likes. (to Cohn-Bendit:) Please continue.

President Vaclav Klaus: This is incredible. I have never experienced anything like this before.

Daniel Cohn-Bendit: Because you have not experienced me..

President Vaclav Klaus: This is incredible.



(Daniel Cohn-Bendit: Ich bin sicher, daß der Klimawandel nicht nur ein Risiko darstellt, sondern auch eine Gefahr für die künftige Entwicklung des Planeten. Meine Meinung basiert auf wissenschaftlichen Ansichten und wurde von einer Mehrheit des EP gebilligt und ich weiß, daß Sie anderer Meinung sind als ich. Sie können glauben, was Sie wollen. Ich glaube nicht, sondern ich weiß, daß die globale Erwärmung eine Realität ist.

Vertrag von Lissabon: Mir ist Ihre Meinung dazu egal. (...)

Ich fordere Sie auf, mir zu erklären, wie eng Ihre Freundschaft mit Mr. Ganley aus Irland ist. Wie können Sie mit einer Person zusammentreffen, deren Finanzierung unklar ist? Sie dürfen in Ihrer Funktion nicht mit ihm zusammentreffen. (...)

Präsident Vaclav Klaus: Ich muß sagen, daß niemand in den vergangenen 6 Jahren zu mir in einem solchen Stil und Ton gesprochen hat. [Anmerkung von Zettel: Klaus ist seit Februar 2003 Staatspräsident der Tschechischen Republik] (...) Herr Präsident, wenn Sie in der halben Stunde, die uns bleibt, eine rationale Diskussion wollen, dann erteilen Sie bitte jemandem anderen das Wort.

Hans-Gert Pöttering, Präsident des EU-Parlaments: Nein, wir haben viel Zeit. Mein Kollege wird fortfahren, denn jedes Mitglied des Europäischen Parlaments kann Sie fragen, was immer er will. (zu Cohn-Bendit:) Bitte fahren Sie fort.

Präsident Vaclav Klaus: Das ist unglaublich. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Daniel Cohn-Bendit: Weil Sie mich noch nicht erlebt haben ...

Präsident Vaclav Klaus: Das ist unglaublich.)

Dieser Dialog fand am vergangenen Freitag im Prager Schloß statt, wo sich Mitglieder des Präsidiums des Europäischen Parlaments mit dem Tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Klaus trafen.



Kommentar: Ein Dialog zwischen zwei Generationsgenossen; der eine 1941 geboren, der andere 1945. Ein Dialog zwischen einem Linken und einem Konservativen.

Ansonsten kommentieren vielleicht besser, als ich es könnte, die Lebensläufe von Klaus und von Cohn-Bendit diesen Dialog:

Lebenslauf von Präsident Vaclav Klaus: Geboren am 19. Juni 1941. Studium der Volkswirtschaft in Prag, Abschluß 1963 mit Schwerpunkt Außenhandel. Postgraduierten- Studium in Italien (1966) und in den USA (1969). Promotion 1968.

Tätigkeit an der Prager Akademie der Wissenschaften, die er 1970 aus politischen Gründen abbrechen mußte; danach Beschäftigung bei der tschechoslowakischen Staatsbank. 1987 Rückkehr an die Akademie der Wissenschaften. 1991 Ernennung zum Dozenten, 1995 Ernennung zum Professor an der Prager Karls- Universität.

Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes im Dezember 1989 Finanzminister. Oktober 1991 stellvertretender Ministerpräsident. Seit Ende 1990 außerdem Vorsitzender der Partei Bürgerforum (konservative Mitte), dann Vorsitzender der Nachfolgepartei Demokratische Bürgerpartei. Ab 1992 Ministerpräsident, 1996 wiedergewählt. Rücktritt 1997, nachdem seine Koalition zerbrochen war. Seit Februar 2003 Präsident der Tschechischen Republik; 2008 wiedergewählt.

Lebenslauf des Abgeordneten Daniel Cohn- Bendit: Geboren am 4. April 1945. Abitur 1965. Studium der Soziologie in Nanterre, Studienabbruch.

Erzieher an einem antiautoritären Kinderladen in Frankfurt- Sachsenhausen. Tätigkeit in einer Buchhandlung. Ab 1978 Redakteur des "Sponti-Magazins" "Pflasterstrand". Von 1994 bis 2003 Moderator der Sendung "Literaturclub" im Schweizer Fernsehsender DRS.

1984 Eintritt in die Partei "Die Grünen". 1989 Leiter des "Amts für multikulturelle Angelegenheiten" beim Senat der Stadt Frankfurt. Seit 1994 Abgeordneter des Europäischen Parlaments, zuerst für die deutschen "Grünen", 1999 für die französischen und 2004 wieder für die deutschen Grünen.



Zum Schluß noch eine Frage: Wie hätte wohl die deutsche Öffentlichkeit reagiert, wenn ein tschechischer Abgeordneter so unverschämt mit Bundespräsident Köhler umgegangen wäre, wie Cohn-Bendit das mit dem tschechischen Staatspräsidenten getan hat?



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20. April 2007

Präsidentschaftswahlen in Frankreich: Dolchstoß gegen Ségolène Royal

Ségolène Royal ist eine auch in der eigenen Partei wenig geliebte Kandidatin.

Sie hatte sich gegen zwei Partei- Elefanten durchgesetzt, gegen Laurent Fabius, den Mann des Apparats, der schon Vorsitzender der Partei war und Premier. Und gegen Dominique Strauss- Kahn, einen Sozialdemokraten (was keineswegs alle in der PS sind; überwiegend sind das Sozialisten). Strauss- Kahn war ein sehr erfolgreicher Wirtschafts- und Finanzminister unter Jospin gewesen.

Gegen diese beiden Schwergewichte - und damit zugleich die beiden Hauptströmungen in der PS - hat sich Royal durchgesetzt, die in dieser Partei zuvor hauptsächlich als Lebensgefährtin des Vorsitzenden Hollande eine gewisse Bekanntheit genossen hatte. Sie hat sich aus einem einzigen Grund gegen diese beiden behauptet: Weil sie plötzlich ungeheuer populär geworden war und man ihr am ehesten einen Wahlsieg zutraute.

Sie ist also aus demselben Grund Kandidatin geworden wie bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen John Kerry. Auch bei ihm hatten die Umfragen signalisiert, daß er am ehesten Bush würde schlagen können.



Eh bien, c'est fini. Durch einen Patzer nach dem anderen hat Royal ihre Beliebtheit geradezu systematisch zerstört. Auch in der Sozialistischen Partei hoben sich die Augenbrauen, runzelte man die Stirn.

Nach einer heute veröffentlichten Umfrage von Opinionways beurteilen 63 Prozent der Franzosen den Wahlkampf von Ségolène Royal als schlecht. Sie liegt damit noch hinter Le Pen (43 Prozent schlecht, 56 Prozent gut). Dagegen fanden 63 Prozent den Wahlkampf von Sarkozy gut, und sogar 74 den von Bayrou.

Ein gewinnendes Lächeln und ein spröder Charme allein tun es offenbar nicht. Nun ist Ségolène Royal aber halt einmal die Kandidatin der Sozialisten. Und da in Frankreich die meisten Wähler sich noch immer als entweder links oder rechts sehen, liegt sie seit vielen Wochen stabil an zweiter Stelle in den Umfragen; nur ganz kurz, Mitte März, konnte Bayrou einmal an sie herankommen.



Es schien also alles gelaufen zu sein; und so habe ich das vor zwei Wochen auch geschrieben. Sarkozy vorn, Royal auf Platz zwei im ersten Wahlgang; Sarkozy der eindeutige Sieger im zweiten.

In den letzten Tagen ist aber etwas geschehen, was die Wahlen doch noch spannend macht: Gegen Royal wurde aus der Linken heraus der Dolch gezückt. Linke Strategen haben sich offenbar überlegt, daß der Spatz in der Hand besser ist als die Taube auf dem Dach.

Und dieser Spatz heißt - wenn man mir den Kalauer verzeiht - François Bayrou. Der frühere Premierminister Michel Rocard und der frühere Gesundheitsminister Bernard Kouchner, beide vom sozialdemokratischen Flügel der PS, haben eine Allianz mit Bayrou vorgeschlagen. Dritter im Bunde ist kein anderer als Daniel Cohn-Bendit, der seine Grünen gern in eine solche Allianz einbringen möchte.

Und Mitte dieser Woche nun wurde etwas bekannt, was in Frankreich eines der wichtigsten politischen Ereignisse überhaupt ist: François Bayrou à diné avec Michel Rocard. Bayrou hat mit Rocard gespeist, und er selbst hat das der Presse mitgeteilt.

Das Signal ist deutlich: Rocard bedeutet mit diesem tête-à-tête den Wählern der Sozialisten, daß ein Präsident Bayrou immer noch ungleich besser wäre als ein Präsident Sarkozy; wenn denn die Lage für Royal aussichtslos geworden ist. Jean-Pierre Chevènement, ein Sozialist jakobinischer Prägung, der Royal unterstützt, hat denn auch sarkastisch gefragt, welches Linsengericht den Rocard wohl zusammen mit Bayrou genossen habe.

Einen Präsidenten Bayrou können die Franzosen nur bekommen, wenn ein Teil der Sozialisten zähneknirschend Bayrou wählen, statt zähneknirschend Royal. Liegt Bayrou im ersten Wahlgang vor Royal, dann schlägt er im zweiten sehr wahrscheinlich auch Sarkozy.



Die Frage ist jetzt natürlich, wieviele sozialistische Wähler auf Rocard und Kouchner hören; und wieviele Grüne den Wink von Cohn-Bendit befolgen, nicht die eigene Kandidatin Voynet zu wählen, sondern Bayrou.

Vielleicht brauchen manche auch gar nicht den Rat dieser Strategen. Eben läuft in LCP eine Diskussion, an der auch der stellvertretende Leiter des Umfrage- Instituts CSA, Jean- Daniel Lévy, teilnimmt. Er hat auf die Rückwirkung von Umfrage- Ergebnisse auf die Wahlentscheidung des strategisch denkenden Teils der Wähler - also intelligenter Wechselwähler - hingewiesen.

Vor fünf Jahren signalisierten alle Umfragen, daß Chirac und Jospin den zweiten Wahlgang erreichen würden. Also konnten sich viele Wähler der Linken den Luxus leisten, im ersten Wahlgang einen linksextremen Exoten zu wählen; als kleiner Schuß vor den Bug der Sozialisten. Die Folge war bekanntlich, daß Jospin gar nicht erst in den zweiten Wahlgang kam.

Diesmal könnten die Umfrage- Ergebnisse zum zweiten Wahlgang kritisch sein. Sie besagen durchweg seit Wochen, daß Royal gegen Sarkozy verlieren würde, daß Bayrou ihn aber schlagen kann.

Das könnte - ganz unabhängig von dem, was Strategen wie Rocard sagen - für viele denkende Linke ein Grund sein, schon im ersten Wahlgang Bayrou zu wählen.

Spannend ist es jedenfalls durch den Dolchstoß in den Rücken von Ségolène Royal unerwarteterweise jetzt doch noch geworden.