22. November 2023

„Heraus aus der Wiege, auf endloser Kreisbahn“: ISS@25




„Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber man kann nicht für immer in der Wiege leben.“ – Konstantin Ziolkowski

Oder, weniger konzise und nicht im Netzjargon gesagt: die Internationale Raumstation feiert Silberjubiläum.

I.

Mitunter gibt es solche Jahrestage, die selbst dem Interessierten nur dann ins Gedächtnis springen, wenn es sie vorher im Terminkalender rot markiert hat, weil sie sonst völlig unauffällig vorbeigehen. Und bei deren unverhofften Aufscheinen ein kleines Erschrecken mitschwingt: SO LANGE ist das schon her? Wo ist die Zeit geblieben?

Ein solcher Termin war vorgestern, am Montag, dem 20. November 2023, zu vermelden. Dort nämlich, genauer gesagt: um 09 Uhr und 40 Minuten nach Mitteleuropäischer Zeit, war es auf die Minute genau ein Vierteljahrhundert her, daß auf dem Kosmodrom Baikonur in Kasachstan, von uns aus gesehen noch 200 Kilometer jenseits der Aralsees gelegen, um 13:20 Uhr Ortszeit von der Startrampe 23 des Komplexes (Площадка) 81 eine Trägerrakete des Typs Proton-K in den strahlendblauen Spätherbst-Mittagshimmel stieg und das erste Wohnmodul des geplanten beständigen Außenpostens im All in eine Umlaufbahn in 400 Kilometern Höhe brachte: Das Modul Sarja (Заря, „Morgenröte) mit einer Länge von 12.5 Metern, einem Durchmesser von 4 Metern und einem Leergewicht von fast 20 Tonnen. Zwei Wochen später, am 4. Dezember 1998, beförderte der Space Shuttle Endeavour in Rahmen der Mission STS-88 das erste in Westen gebaute Modul, Unity, in die gleiche Bahn mit ihrer Neigung von 51,6 Grad gegen den Erdäquator (was nicht zufällig der nördlichen Breite des „fruchtbaren Braunlands“ – so die Bedeutung des Namens Байконур im Kasachischen – genau entspricht). Unity, mit seinen sechs Verbindungsstutzen des erste von drei zentralen Kopplungsmodulen für die insgesamt 16 unter Druck stehenden Wohn- und Arbeitsmodule der ISS, wurde zwei Tage später um 13:07 unserer Zeit angekoppelt, nachdem Kommandant Robert Cabana das Sarja-Modul mit dem Manipulatorarm Canadarm eingefangen hatte und durch eine kurze Zündung der Steuerdüsen des Shuttles die Flugbahn absenkte.

18. November 2023

Generation Z. Ein Gedankensplitter.

Als meine Wenigkeit vor langer, langer Zeit, als noch Dinosaurier auf Erden weilten, zur Uni ging, da schärfte man uns ein: "Ihr müsst immer dabei bleiben. Wenn in zehn Jahren, vielleicht auch schon in fünf, diejenigen, die nach euch kommen, in den Arbeitsmarkt strömen, dann wissen die soviel mehr als ihr, dass ihr mit denen nur konkurrieren könnt, wenn ihr permanent lernt und Euch weiter bildet. Und in 20 Jahren seid ihr raus."

12. November 2023

Randnotiz: Die moderaten Kräfte

Es begegnet mir als Schlagzeile in der Welt: "Man müsse jetzt die moderaten Kräfte in der Region stärken und nicht die Hamas." Ebenso gerne genommen ist, dass man jetzt die moderaten Palästinenser unterstützen müsse und nicht die Hamas. Und man müsse nun die armen Opfer, die alles verloren haben unterstützen, und -Sie werden es erraten haben, lieber Leser- nicht die Hamas.

Man soll also die Moderaten unterstützen. Welche Moderaten bitte? Hat sich jemand mal die Filmaufnahmen angesehen, als die Serienkiller aus Israel zurück gekehrt sind? Hat sich jemand mal die Begeisterung in Gaza angesehen, als die Taten der Mörder dort (im Details!) bekannt wurden? Hat sich jemand mal das Programm der PLO angesehen? Welche Moderaten bitte?

29. Oktober 2023

Streiflicht: Go woke go broke, die nächste

Victorias Geheimnis kennt bekanntlich nur Chuck Norris, was aber in der Vergangenheit dennoch Millionen von Frauen (und Männer) nicht daran gehindert hat die Produkte der Firma gleichen Namens zu kaufen. Gegründet 1977 stieg Victorias Secret zum größten Verkäufer von mehr oder minder intimer Damenmode des amerikanischen Marktes, wenn nicht der ganzen Welt, auf. 

25. Oktober 2023

Die AfD wirkt?

Es ist schon sehr, sehr lustig, was man dieser Tage von unserem memorial herausgeforderten Kanzler so hören kann: Es ist die Rede von Massenabschiebungen, Grenzkontrollen, Zurückweisungen, Ausweisungen, Zuwanderungssteuerung. Da reibt sich der Laie die Augen und der Fachman wundert sich: Olaf Scholz will uns gleichzeitig verkaufen, dass er das "schon immer" so gesehen hat und insofern das ja auch nichts neues ist. Was sicher der Grund dafür ist, dass er ein Frau zum Innenminister berufen hat, die seit Beginn ihrer Amtszeit eigentlich kaum etwas anderes getan hat, als das Gegenteil dessen umzusetzen und jeden Versuch die irrsinnige Zuwanderung von Unqualifizierten zu begrenzen, mit Gewalt torpediert hat.

14. Oktober 2023

Streiflicht: Nazis, aber in dumm.

Nicht wenige Berichterstatter haben in den letzten Tagen auf einen interessanten Aspekt hingewiesen, wenn es darum geht, die Hamas mit den Nazis zu vergleichen, was im Moment ja sehr viel passiert. Beide verfolgen zwar die selben Ziele, beide verwenden ähnliche Methoden, aber den Nazis war, im Unterschied zur Hamas, der Völkermord wenigstens nach außen hin peinlich.
Die Nazis haben die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 nicht wiederholt, sie haben die Vernichtungslager ausschließlich im Osten gebaut und auch wenn sie zwar in ihren Hetzschriften permanent von der "Endlösung der Judenfrage" fabuliert haben, keine Bilder von Gaskammern, Krematorien oder Konzentrationslagern veröffentlicht oder geduldet. Und als das Ende des dritten Reiches absehbar wurde, haben sie noch alles versucht die Beweise zu vernichten.

10. Oktober 2023

Kenji Miyazawa, "Der Erdgott und der Fuchs" (1934)





   (一)

 一本木の野原の、北のはずれに、少し小高く盛りあがった所がありました。いのころぐさがいっぱいに生え、そのまん中には一本の奇麗な女の樺の木がありました。
 それはそんなに大きくはありませんでしたが幹はてかてか黒く光り、枝は美しく伸びて、五月には白い花を雲のようにつけ、秋は黄金や紅やいろいろの葉を降らせました。
 ですから渡り鳥のかっこうや百舌も、又小さなみそさざいや目白もみんなこの木に停まりました。ただもしも若い鷹などが来ているときは小さな鳥は遠くからそれを見付けて決して近くへ寄りませんでした。
 この木に二人の友達がありました。一人は丁度、五百歩ばかり離れたぐちゃぐちゃの谷地の中に住んでいる土神で一人はいつも野原の南の方からやって来る茶いろの狐だったのです。
 樺の木はどちらかと云えば狐の方がすきでした。なぜなら土神の方は神という名こそついてはいましたがごく乱暴で髪もぼろぼろの木綿糸の束のよう眼も赤くきものだってまるでわかめに似、いつもはだしで爪も黒く長いのでした。ところが狐の方は大へんに上品な風で滅多に人を怒らせたり気にさわるようなことをしなかったのです。
 ただもしよくよくこの二人をくらべて見たら土神の方は正直で狐は少し不正直だったかも知れません。

9. Oktober 2023

Business as usual? Ein Gedankensplitter.

In der heutigen Welt fand sich ein Artikel (inzwischen hinter der Bezahlschranke) zum Überfall der Hamas auf Israel vom Wochenende. Und der Autor, Deniz Yücel, hat seinen Artikel übertitelt mit der Überschrift: "Wir müssen diese furchtbaren Bilder zeigen". Vielleicht möchte man sagen: Immerhin. Aber eigentlich möchte man auch das nicht, denn das typische "Business as usual" der deutschen, aber auch internationalen Politik und den dazu gehörigen Medien ist bereits in vollem Gange. 

24. September 2023

OSIRIS-REx





(Künstlerische Darstellung der Probenentnahme von OSIRIS-Rex am. 20. Oktober 2020)

Während der ersten Jahrzehnte des Raumfahrtzeitalters, die mit dem Höhepunkt der Popularität der Psychoanalyse nach Sigmund Freud in den Vereinigten Staaten zusammenfielen, gab es nicht nur dort, sondern im gesamten Westen unter „kritischen Köpfen,“ denen der „Aufbruch ins All“ als eine weitere, fatale Manifestation von „männlichem Dominanz- und Eroberungsstreben“ galt, neben der Mahnung, man möchte sich doch lieber der irdischen Probleme annehmen, auch stets die durchaus nicht satirisch gemeinte Sicht auf die Raketen, die auf einer Feuersäule in den Himmel stiegen, ganz im Sinn der freud’schen Symbolik aufzufassen. Poul Anderson (1926-2001), einer der langgedienten Veteranen unter den amerikanischen Science-Fiction-Autoren, beklagte sich in Brian Ashs „Visual Encyclopedia of Science Fiction“ (1977), dem ersten Kompendium, das die Darstellungen und Illustrationen der Themen des Genres zusammenfaßte, in seiner Übersicht zu „Starships and Space Drives“ über „die Mode unter den Intellektuellen, jedes Raumschiff als Phallussymbol zu verhöhnen“: die Raketenstufen als künstliche Erektionen und die Nutzlast an Satelliten oder bemannten Raumkapseln als der (männliche) Samen, der die toten Weiten des Als befruchten soll. Am grellsten ist diese bewußt vulgäre Travestie in der letzten Kurzgeschichte von Kurt Vonnegut, „The Big Space F**k,“ gehalten, die er für Harlan Ellisons ebenso bewußt provokanter Anthologie „Again, Dangerous Visions“ (1972) verfaßt hat, und in Thomas Pynchons auf 800 Seiten aufgeblasenem Pennälerulk „Gravity’s Rainbow“ ( vor einem halben Jahrhundert, im Februar 1973, bei The Viking Press erschienen), dessen Antiheld Slothrop im London des „Blitz“ im Herbst 1944 genau an jenen Orten zum Orgasmus gelangt, an denen wenige Stunden später eine deutsche V2 einschlagen und explodieren wird. (In Vonneguts Titel steht ein „four-letter word,“ dessen Verwendung sich seinerzeit noch auf hektographierte Untergrundpostillen beschränkte.)

14. September 2023

Der grüne Komet





Komet Nishimura am 8. September 2023



"Ich bin heute morgen aufgewacht, bevor es hell wurde," sagte Bob Starr. "Ich weiß nicht, was mich geweckt hat. Aber ich konnte nicht wieder einschlafen. Als ich aus dem Fenster sah, bemerkte ich etwas Neues am Himmel - bloß einen kleinen grünen Fleck. Er befand sich im Sternbild Jungfrau, nahe dem Stern Vindemiatrix. Er war nicht sehr groß. Aber er war mir ein Rätsel. Und während ich dort lag, überfiel mich eine schreckliche Vorahnung. Es war, als ob mich ein furchtbares Auge aus dem Weltraum anstarren würde. (...) Aber es ist kein Stern. Er ist zu unscharf, um eine Nova zu sein. Und außerdem zeigt kein Stern solch eine merkwürdige hellgrüne Farbe. Vielleicht ist es ein Komet - aber jeder Komet hätte längst von den großen Observatorien draußen im Weltraum in der Schwerelosigkeit entdeckt werden müssen."


So beginnt der zweite Teil von Jack Williamsons Trilogie um die „Weltraumlegion,“ die „Legion of Space,“ mit dem Titel „The Cometeers,“ dessen Vorabdruck im Mai 1936 im Magazin „Astounding Stories“ (damals noch unter der Herausgeberschaft von F. Orlin Tremaine) anlief. Williamson legt sich nicht fest, in welchem Jahrhundert seine archetypische Space Opera spielt – nur daß die Menschheit vor kurzem einen überlichtschnellen Antrieb erfunden und als erstes Barnards Stern erreicht hat. Aber auch für uns, die wir uns kalendarisch eher in der Nähe der Star-Trek-Universums befinden, wo der erste Einsatz des Warpantriebs durch Zephram Cochrane am Donnerstag, dem 5. April 2063 stattfinden wird (so die Festlegung im achten Spielfilm de Serie, „First Contact“ von 1996 [*]) ist die en passant erfolgte Erwähnung der „big gravity-free observatories out in space“ keine Science Fiction mehr, sondern nüchterner Science Fact (als 1960 Tremaines Nachfolger John W. Campbell Jr. den Titel des Magazins von „Astounding Stories“ zu „Analog“ änderte, fügte er „Science Fact and Fiction“ als Untertitel hinzu). Zwar sind es nicht die Weltraumobservatorien wie das James Webb Space Telescope und Hubble, die mit anderen Beobachtungsprogrammen rund um die Uhr ausgelastet sind – aber von den bislang 37 Kometen, die im laufenden Kalenderjahr 2023 entdeckt worden sind, geht dies bei 15 davon auf eines der beiden Teleskope des Pan-STARRS-Programms zurück, die seit 2018 automatisch von Haleakala-Observatorium auf Maui, der zweitgrößten Insel von Hawaii, den Himmel nach Objekten durchmustern, die im Lauf einiger Stunden ihre Position leicht verändern – Asteroiden und Kometen eben. Seitdem das erste 1,8-m-Spiegelteleskop des (…holt tief Luft…) „Panoramic Survey Telescope and Rapid Response System“ im Dezember 2008 seinen Betrieb aufgenommen hat, hat das Programm fast 6000 Asteroiden neu entdeckt (davon im Februar 2011 19 in einer einzigen Nacht) – darunter am 28. März 2023 einen „zweiten Mond der Erde“ – ein Objekt mit gut 20 Metern Durchmesser mit der offiziellen Bezeichnung 2023 FW13 – allerdings ist die in den Medienmeldungen verwendete Bezeichnung des „zweiten Monds“ irreführend [**]. Der kleine Himmelskörper kreist nicht um Mutter Erde, sondern umläuft die Sonne in fast der gleichen Umlaufbahn und sich ihr dabei bis auf 14 Millionen Kilometer nähern. Nach den Berechnungen der Bahn tut er dies etwa seit dem Jahr 100 v. Chr., um das Jahr 3700 werden die Störeinflüsse der Sonne zu einem Ende dieses kosmischen Synchronschwimmens führen. Astronomen sprechen in einem solchen Fall von einem „Quasisatelliten.“ 2023 FW13 ist der fünfte solche Beinahe-Trabant der Erde, der bislang aufgefunden worden ist; der Asteroid 2003 YN107, der von 1996 bis 2006 eine solche Umlaufbahn beschrieben hat und sie ab dem Jahr 2066 wieder einnehmen wird, wird möglicherweise bei der größten Annäherung an die Erde im Jahr 2120 so von ihrer Schwerkraft abgelenkt, daß er tatsächlich, praktisch-faktisch, zu einem zweiten Erdmond wird.

3. September 2023

Die Affäre Söder

Söder hat sich jetzt "großzügigerweise" dazu entschlossen seinen Koalitionspartner Hubert Aiwanger nicht zu entlassen. Die Entlassung sei "nicht verhältnismäßig". Was übesetzt nichts anderes bedeutet, dass die Wetterfahne Söder inzwischen gemerkt hat, dass ihm das Ding selber um die Ohren fliegt und er zusehen muss, dass er so schnell wie möglich Land gewinnt, bevor er den freien Wählern noch mehr Stimmen zuschiebt. Bei der deutschen Presse kann er sich darauf verlassen, dass die selbst einem CSU Chef nie so unangenehme Fragen stellen wird, wieso er nach einer Woche zu dieser Entscheidung kommt, wo sich die Faktenlage ja nun nicht geändert hat. Merkel musste auch immer erst abwarten, was in der Presse stand, bevor sie die Dinge "vom Ende her" dachte.

22. August 2023

Wettlauf zum Mond





(TIME Magazine vom 19. Januar 1959. Das Titelbild stammt von Boris Artzybasheff. Den Wettbwerb um die ersten Bilder von der bis dahin nie gesehenen Rückseite des Mondes gewann die Sowjetunion, deren Sonde Luna-3 am 7. Oktober insgesamt 17 Photos der Mondrückseite.)

Coda. Das Ende der Geschichte zuerst.

Wie es am Sonntag sämtliche Nachrichtenkanäle rund um die Welt gemeldet haben und wie es die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos vorgestern morgen um 10 Uhr 47 Mitteleuropäischer Sommerzeit offiziell bestätigt hat, ist das bizarre (und ungeplante) „Wettrennen zum Mond“ zwischen der indischen Mondsonde Chandrayaan-3 und ihrem russischen Pendant Luna-25 am Samstagmittag vorzeitig zu Ende gegangen. In meinem letzten Beitrag zum Thema an dieser Stelle habe ich damit geendet, „[ein] Auge darauf werfen, ob nicht auch diese Ausflüge nur mit zwei weiteren Trümmerfeldern am Südpol des Mondes enden“ (Zettels Raum vom 10. August). Diese flapsige Bemerkung hat sich leider als Prophetie erwiesen. Eingeleitet wurde dieses Ende durch das Kommando zur Zündung des Hauptriebwerks, durch das der Lander von seiner kreisförmigen Umlaufbahn in 100 km Höhe über der Mondoberfläche auf einen Orbit abgebremst werden sollte, der ihn bis auf 18 Kilometer während der größten Nähe absenken sollte. Von dort sollte heute, am 21. August, die Landung nicht weit vom Mondsüdpol entfernt erfolgen. Nachdem der Funkbefehl um 14:10 Moskauer Zeit (13:10 MESZ) von der Bodenkontrolle Центр управления полётами (oder kurz „TsUP“) an der Pionerskaja Ulitza in Koroljow, gute 20 Kilometer südlich der Moskauer Stadtgrenze an den Lander gefunkt wurde, soll es nach Angaben von Insidern, die gestern in russischen sozialen Medien zitiert wurden, zu einer Schubleistung des Treibwerks gekommen sein, die um 50 Prozent über dem vorgesehenen Wert lag. Durch diese viel zu hohe Abbremsung wurde die Sonde auf eine Bahn gebracht, deren Periselenum (oder größte Annäherung an den Mittelpunkt des Mondes) unterhalb der Oberfläche lag. Eine Dreiviertelstunde und einen halben Mondumlauf später zerschellte der 1,7 Tonnen schwere Lander um 14:57 MESZ, 7 Tage, 12 Stunden und 47 Minuten nachdem die Trägerrakete des Typs Sojus 2.1b von der Startrampe 1S im Raumhafen Wostochni im Fernen Osten Sibiriens abgehoben hatte. In einem jener gespenstischen Zahlen-Zufälle, in denen ich hier gerne (scherzhalber) die Signatur der Programmierer der Matrix vermute (die wir für „die Wirklichkeit“ halten) erfolgte diese Havarie auf den Tag genau 47 Jahre nach dem Datum, als unmittelbare Vorgängermission, Luna-24, mit 170 Gramm Mondgestein an Bord am 19. August 1976 um 8:25 Moskauer Zeit vom Mare Crisium aus zurück zur Erde startete. (Noch gespenstischer wird dieses kalendarische „Sich-Reimen,“ wenn man sich daran erinnert, daß es auch an einem weiteren 19. August, dem des Jahres 1960, war, als es der amerikanischen Air Force zum ersten Mal gelang, die Filmkapsel eines Satelliten aus dem Programm des CORONA-Aufklärungsprogramms, dem Kunstmond Discoverer XIV, mit Hilfe eines Flugzeugs – einer Fairchild C119J-FA, „Flying Boxcar“ genannt – in der Luft gute 600 Kilometer südwestlich von Hawaii zu bergen. Sieben der 17 Erdumläufe von Discoverer XIV hatten über „verbotenes Gebiet“ im Ostblock geführt – und zu den Aufgaben des Programms gehörte die Erkundung der sowjetischen Kosmodrome – damals drei an der Zahl: Baikonur, Plesetsk und Kapustin Jar. Auf das CORONA-Programm werde ich noch weiter unten zurückkommen.)



(Mitteilung von Roskosmos auf Instagram am 20. August über den Verlust von Luna-25)

12. August 2023

Zur amerikanischen Wahl(I)

Wer die deutsche Presse liest (oder gar den staatlichen Propagandafunk), der ist vermutlich ziemlich schockiert bis verwirrt wie "unlogisch" und "dumm" sich die Amerikaner verhalten, dass sie die Lichtgestalt Biden nicht toll finden und diesem "Unmenschen" Trump permanent zujubeln. Wo doch jeder weiß, dass der ein großer Verbrecher ist, der nur aufgrund der amerikanischen Micky-Mouse Justiz noch frei rum laufen darf. Das hat vor allem damit zu tun, dass deutsche Journalisten es für Journalismus halten, wenn sie die New York Times abonnieren und die Washington Post daneben legen und dann irgendetwas daraus abschreiben. Und CNN erzählt das ja auch. Es ist ungefähr genauso als wollte jemand ein reales Bild von Deutschland gewinnen, indem er die Tagespropaganda schaut.

10. August 2023

Chandrayaan-3. Indien auf dem Weg zum Mond







Und das bereits zum dritten Mal.

I.

… und wenn man die Wendung „sich auf den Weg machen“ wortwörtlich nehmen will, so kann für die Reise der indischen Mondsonde Chandrayaan-3 die Schlagzahl sogar noch erhöht werden, wenn man jede Zündung des Triebwerks des Antriebsmoduls als „einen Schritt auf dem Weg zum Erdtrabanten“ zählt. Als das Triebwerk vorgestern, am 5. August, 22 Tage nach dem Start der Sonde vom indischen Weltraumbahnhof Satish Dhawan Space Centre auf der Insel Sriharikota vor der südindischen Ostküste, um 15 Uhr 45 mitteleuropäischer Sommerzeit für 31 Minuten gezündet wurde, um sie in einer Entfernung von 369.000 Kilometern in eine langgestreckte Umlaufbahn um den Mond einschwenken zu lassen, war dies die insgesamt siebte Zündung. In fünf Etappen war zwischen dem 15 und dem 25. Juli der fernste Punkt der Erdumlaufbahn, das Apogäum, von zunächst 41.000 auf 127.000 Kilometer angehoben worden (also auf gut ein Drittel der durchschnittlichen Entfernung des Mondes mit 384.000 km) – und am 1. August war hatte ein 20 Minuten dauernder Schub den bisherigen Erdtrabanten vom erdnächsten Punkt seines Umlaufs in 288 km Entfernung auf Kurs zu seinem Ziel gebracht. Eine gewisse (freilich unbeabsichtigte) kalendarische Ironie besteht darin, daß man im Kontrollzentrum der Mission nach Indian Standard Time zu diesem Zeitpunkt seit einer Viertelstunde bereits den 1. August schrieb, während die „alte Welt“ im Geltungsbereich der Mitteleuropäischen Sommerzeit noch den letzten Juliabend verbrachte und die Uhren dort auf viertel vor zehn wiesen. Da auch die „korrigierte Weltzeit“ UTC, die das Eichmaß für Ereignisse außerhalb unseres Heimatplaneten darstellt, noch auf den Monat Juli wies, wird der „Abschied von der Erde“ in der offiziellen Chronik der Mission also unter „Juli“ registriert. (Der Unterschied zwischen 00:15 – IST – und 21:45 bzw. 23:45 rührt daher, daß die indische Zeitzone, anders als der Großteil, gegenüber der Greenwich-Zeit um eine halbe Stunde versetzt ist – die größte Zone dieser Art; solche Halbstundenzonen gelten ansonsten nur noch in Nepal, Afghanistan, in Burma, auf Neufundland und in der Mitte Australiens.) Diese etwas umständlich anmutende Anreise, die zur Folge hat, daß die Sonde vom Abheben bis zur vorgesehenen Landung in der Nähe des Mondsüdpols 40 Tage und 8 Stunden lang unterwegs sein wird, verdankt sich dem Umstand, daß die verantwortlichen Ingenieure sich für den Kurs entschieden haben, der den geringsten Treibstoffeinsatz ermöglicht. Bei den 5 Zündungen im Erdorbit ist der „spezifische Impuls“ – die Gesamt-Bewegungsimpuls – des Satelliten so gut wie gleichgeblieben, nur die Längsachse der Ellipse, auf der er sich bewegt, ist extrem gedehnt worden. Nach dem zweiten Keplerschen Gesetz (dem „Flächensatz,“ der besagt, „daß der ‚Fahrstrahl‘ eines umlaufenden Körpers“ - gleich, ob es sich hier um einen Planeten, einen Mond oder einen Satelliten handelt – „zur gleichen Zeit dieselbe Fläche bestreicht“) hat eine solche Dehnung zur Folge, daß der künstliche Erdbegleiter auf dem erdnächsten Punkt seiner Bahn eine so hohe Geschwindigkeit erreicht, wie sie auf durch direkte Beschleunigung durch eine Raketenstufe nur unter großem Treibstoffeinsatz zu erreichen gewesen wäre. Soweit ist bei einem solchen Manöver in Erdnähe, das zudem als ein sogenanntes „Swingby“-Manöver wirkt, der Aufwand für eine Änderung des Bewegungsvektors entsprechend geringer, um das Antriebmodul mitsamt dem über ihm montierten Lander mit einer Gesamtmasse von zusammen 3,9 Tonnen auf Kurs zu bringen.

23. Juli 2023

Streiflicht: You reap what you sow

Die Welt berichtet über eine Anfrage der SED zum Thema Rente: Nach 45 Beitragsjahren erhält der durchschnittliche Rentner in Deutschland 1543 Euro. Mit einem gewissen Verteilungsbias zugunsten von Männern gegenüber Frauen und von Westdeutschen gegenüber Ostdeutschen.

14. Juli 2023

Wo ist eigentlich jetzt der Gummiknüppel?

"Die Taktik von Querdenker:innen ist es, sich Stück für Stück die Straße zu erkämpfen. Polizei muss handeln und im Zweifelsfall Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzen. Wir dürfen ihnen kein Millimeter überlassen!"

                    - Saskia Weishaupt, Twitter, 22.12.201 (Schreibfehler nicht korrigiert)

Das waren noch Zeiten als "Schlagstock-Saskia" dem Bürger mal so richtig Bescheid stoßen wollte wo der Hammer hängt. Immerhin ging es ja um friedliche Demonstrationen gegen Grundrechtseinschränkungen, was könnte da passender sein als den Schlagstock zu benutzen, um dem Bürger mal so richtig zu zeigen, was man von seinen Grundrechten hält? Zumindest wenn es die falschen Bürger sind. 

11. Juli 2023

Kleine Zeichen der Hoffnung

Durch die letzten Jahre sind viele Artikel in Zettels Raum, wie auch ein guter Teil der Posts in Zettels kleinem Zimmer, von einer nicht zu übersehenden Depression gekennzeichnet. Die linke Politik der letzten 20 Jahre hat so vieles zerstört, dass viele schon die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begraben haben und sich mehr oder minder damit abgefunden haben, dass das Zerstörungswerk immer weiter voran schreitet. Und es ist richtig, dass die Geschwindigkeit mit der sich der Zug auf den Abgrund zubewegt, wenigstens gefühlt durch die letzten drei Jahre noch einmal richtig Geschwindigkeit aufgenommen hat, was auch kaum verwundert, wenn man sieht, dass den "Lokführenden" auf jede neue von ihnen angerichtete Krise nur die Parole "Mehr Dampf" einfällt.

29. Juni 2023

Es muss rückgängig gemacht werden

Am Sonntag war es noch ein Witz: Nach der Wahl des ersten Landrates der AfD in dem beschaulichen Kreis Sonneberg in Thüringen, veralberten die Satiriker noch die die letzte große Wahl in Thüringen, die dann per Kanzleretten-Dekret rückgängig gemacht wurde. Ein bis dato wohl ziemlich einmaliger Vorgang, der vermutlich, auch wenn es dem politischen Mainstream nicht so ganz passt, wenigstens ein Sprach-Meme in der deutschen Sprache hinterlassen hat, welches das Unwohlsein vieler davon ausdrückt, dass das Merkel per Federstrich ganze Regierungen beenden konnte und das keinerlei negativen Folgen für sie hatte. 

Doch seit Deutschland sich dazu entschlossen hat politisches Kabarett zur Realität zu erklären (also so gut seit 20 Jahren) sollte man sich mit Witzen wohl doch eher zurück halten, denn wieder wurde ein zuvor recht müder Witz zur bitteren Realität. Die SPD bläst zum Halali auf den Kandidaten der AfD, den sie ernsthaft einem "Demokratie-Check" unterziehen möchte und tatsächlich einen Gummiparagraphen dafür im Kommunalwahlgesetz Thüringens gefunden hat, der ihr das scheinbar erlaubt. Dort wird verlangt, dass ein Landrat nicht gewählt werden kann, wenn er nicht die Gewähr dafür bietet, jederzeit für die FDGO im Sinne des Grundgesetzes und der Landesverfassung einzutreten. Eine interessante Hürde, an der vermutlich dreiviertel der Bundesregierung wiederholt scheitern würde und die uns allen zumindest die letzten acht Jahre mit der Heimsuchung aus der Uckermark erspart hätte.

18. Juni 2023

Wenn der Ofen ausgeht: Anmerkungen zu Stahl aus Wasserstoff



Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Wer sich ein bischen in der (deutschen) Stahlindustrie auskennt, der weiß das Stahlerzeugung aus Wasserstoff derzeit der "heisse Scheiss" schlechthin ist. Die Presse will es, die Regierung will, selbst die Anlagenbauer wollen es und so müssen es am Ende auch die Betreiber "wollen". Aber das hat so seine Tücken und es zeigt exemplarisch (mal wieder) was die Energiewende in der Praxis bedeutet und was die Kugel Eis am Ende kostet.

16. Juni 2023

Kein UFO





(Bruce Pennington, Titelbild für Kingsley Amis, "New Maps of Hell," New English Library, 1969)

Oh, it came out of the sky, landed just a little south of Moline.
Jody fell out of his tractor, couldn't believe what he’d seen.
Laid on the ground and shook, fearing for his life,
Then he ran all the way to town, screaming: "It came out of the sky!"

Well, a crowd gathered around and a scientist said it was marsh gas.
Spiro came and made a speech about raising the Mars tax.
The Vatican said, "Woe, the Lord has come!"
Hollywood rushed out an epic film.
Ronnie the Populist said it was a communist plot.

The newspaper came and made Jody a national hero.
Walter and Eric said they'd put him on a network TV show.
The White House said, "Put the thing in the Blue Room!"
The Vatican said, "No, it belongs to Rome!"
And Jody said, "It's mine, but you can have it for seventeen million."

(„It Came Out of the Sky“ - Creedence Clearwater Revival, 1969)



I.

Im zweiten Teil meiner kleinen Serie zum „aktuellen Sommerlochaufreger“ – nämlich der Behauptung, die der vorgebliche ehemaligen amerikanische Geheimdienstmitarbeiter David Grusch in der vorigen Woche auf der Internetseite „The Debrief“ und in zwei anschließenden Interviews mit dem amerikanischen Kabelfernsehkanal NewsNation und der französischen Tageszeitung Le Parisien aufgestellt hat – nämlich daß „die USA im Besitz von zwölf bis 15 großen Objekten einer nicht von Menschen stammenden Technologie“ sein sollen – will ich einmal von den Spezifika dieser sagen wir Münchhausiade absehen. Zum einen, weil Grusch seine ursprüngliche Erzählung mittlerweile etwa variiert hat. In der 40-minütigen Fassung seines Gespräch mit dem australischen Journalisten Ross Coulthart, das NewsNation am Sonntag, dem 11. Juni, ausgestrahlt hat, erklärte Grusch zum einen, daß er sich „nicht sicher sei, ob die ‚außerirdische Erklärung‘ zutreffend sei.“ Möglicherweise würde es sich auch im „Wesen aus höheren Dimensionen“ (im O-Ton „multidimensional beings“) handeln. Daraufhin hat die englische Boulevardpostille „The Week“ hat uns gestern stilgerecht darüber aufgeklärt, daß der Vulkan Popocatepetl in Mexiko von solchen Flugobjekten als „Wurmloch“ zur Abkürzung galaktischer Distanzen genutzt wird.

11. Juni 2023

C. M. Kornbluth, "Die Sauregurkenzeit" (1950)





Es war ein heißer Sommernachmittag in unserer Abteilung der World Wireless-Nachrichtenagentur in Omaha, und die Zentrale in New York drängte auf neue Meldungen. Es gab aber nichts zu vermelden, weil des ein heißer Sommernachmittag war. Ein Bericht über die abgelaufenen Baseballsaison war vor einer Stunde rausgegangen, und damit hatte es sich. Außer Baseball fällt im Sommer nichts an. In den Hundstagen fahren die Politiker in die Wälder in Maine, um zu angeln und sich volllaufen zu lassen, Einbrecher sind zu erschöpft, um einzubrechen und Ehefrauen überlegen es sich noch einmal und schlagen ihren Männern erst später im Jahr den Schädel ein.

Ich blätterte einige Pressemitteilungen durch. Ein schludrig auf Matrize getipptes Blatt verkündete: „Wußten Sie, daß der sommergemäße Weg zu Erfrischung und Gesundheit durch Zitronen-Limonade von führenden Physiotherapeuten von Maine bis Kalifornien empfohlen wird? Der Bundesverband der Zitrusfruchtanbauer teilte heute mit, daß einer Umfrage unter 2500 Physiotherapeuten in 57 Städten mit mehr als 25.000 Einwohnern ergeben hat, daß 87 Prozent von ihnen zwischen Juni und September mindestens ein Glas Zitronenlimonade an Tag trinkt, und daß 72 Prozent von ihnen nicht das kühlende und köstliche Getränk nicht nur selbst genießen, sondern es auch verschreiben…“

7. Juni 2023

Aldous Huxley, "Proust und die Bestseller" (1920)





(Aldous Huxley. Portrait von Roger Fry, 1931)

„Marginalien“ (1920)

„Die Verdienste der Literatur“ – der Ausdruck hat etwas Gesetztes, nachgerade Feierliches an sich. Mit einem solchen Ehrentitel versehen, nehmen die dürftigen Groschen, die sie einbringt, einen Anschein von Bedeutung an. Aber leider nur zum Schein – denn wenn es darangeht, sie in Essen und Kleidung umzusetzen, erhält man für diese Groschen keinen Deut mehr als vor dieser Aufwertung. So wie es ist – arm, aber ehrenhaft (oder besser: klug und deshalb arm) – verschlimmert es die Sache noch, wenn man die kargen Früchte unseres Schweißes als „Lohn“ bezeichnet. Aber die großen „Verdienste der Literatur,“ die tausende und zehntausende von Pfund, von denen uns erzählt wird: bleiben die uns für immer verwehrt?

Schließlich, so sagen wir uns, sind wir alles andere als dumm; wir verfügen über Humor. Warum sollte es uns nicht möglich sein, die Verfasser von Bestsellern bei ihrem eigenen Spiel zu schlagen? Es sollte doch nicht so schwer sein, ein paar „ergreifende Liebesgeschichten“ zu verfassen oder einen Band von Preziosen à la Wilcox.

5. Juni 2023

Der Hammer und die Selbstjustiz




Der deutsche Blätterwald ist sich (bis auf den Kinderstürmer aus Kreuzberg) vergleichsweise einig: Selbstjustiz muss strafbar sein und so gehe es schon irgendwie in Ordnung, wenn auch mal Linksextremisten wie "Lina E." angeklagt und verurteilt werden. Die linke Szene ist nicht ganz so begeistert, schließlich handelt es sich bei den Opfern von Lina E. ja um "Rechtsradikale", "Nazis" oder einfach nur "Rechte", deren Menschenrechte ja mit ihrer politischen Positionierung nicht mehr gelten. Die selbe Linke übrigens, die ansonsten permanent von Menschenrechten palavert, so lange diese nur ins eigene Forderungssystem hinein passen.

Selbstjustiz? Wogegen eigentlich? Wenn Rechtsradikalismus eine Straftat wäre, dann stünde sie vermutlich im Strafgesetzbuch. Doch da ist sie nicht zu finden. Nicht einmal "Nazi sein" steht dort unter Strafe. Und am allerwenigsten steht darin, dass es verboten sein soll, bestimmte Kleidung zu tragen, die von Linksextremisten als "irgendwie Nazi" assoziiert wird. Die Unterstellung von Selbstjustiz ist nicht nur sachlich abwegig, sie ist zudem ehrabschneidend und verhöhnt die Opfer von schweren Straftaten. Denn sie unterstellt, dass diese etwas verbotenes getan haben, was aber nicht Gewalttäter wie Lina E. entscheiden sondern immer noch Gerichte. Der ganze Mumpitz um "Selbstjustiz" dient selbst der "normalen" Presse vor allem dazu die Taten von Lina E. zu verharmlosen.

31. Mai 2023

Aldous Huxley, "Candide, wiedergelesen" (1923)





(David Low, "Aldous Huxley," Kariketur für den New Statesman and Nation. Die Zeichnung ist auf den 25. Novemmber 1933 datiert.)

Die Möbelwagen hatten ihre Fracht in unserem neuen Heim ausgeladen. Wir waren jetzt eingezogen – oder mußten uns zumindest so gut wie möglich in den Chaos, dem Schmutz und der Unordnung behelfen, so gut es ging. Einer der präraffaelitischen Maler (dessen Name mir gerade nicht einfällt), hat einmal ein Bild mit dem Titel „Der letzte Tag im alten Heim“ gemalt. Es bedürfte eines gröberen, härter geführten Pinsels, um die Schrecken des „Ersten Tags im neuen Heim“ zu schildern. Als ich mich voller Verzweiflung zwischen dem zusammengewürfelten Mobiliar hingesetzt hatte, fiel mir in einer offenstehenden Bücherkiste ein kleines ledergebundenes Büchlein ins Auge, der unter einer Menge größerer Bände hervorstach. Es war der „Candide“ – meine heißgeliebte Erstausgabe von 1759 mit seiner dezent albernen Titelseite: „Candide ou L‘Optimisme, Traduit de L‘Allemand de Mr le Docteur Ralph.“

Ein wenig Optimismus hatte ich dringend nötig – und da der gute Doktor Ralph bekanntlich einer der besten Lehrer in dieser Disziplin ist, nahm ich das Buch her und fing an zu lesen: „Il y avait en Westphalie, dans le Château de Mr la Baron de Thunder-ten-tronkh….“ Und legte den Band nicht aus der Hand, bis ich zum Schlußsatz „Il faut cultiver notre jardin“ gekommen war. Ich fühlte mich durch den Zuspruch von Dr. Ralph angeregt und aufgeheiert.

30. Mai 2023

Aldous Huxley, "Jahrhundertfeiern" (1923)





(Zigarettensammelbild der Firma Will's auf dem Jahr 1937, aus der Serie "40 Famous British Authors." Das Formet der Bilder betrug 7,9 x 6,2 cm.)



Vom Bocca di Magra bis zur Bocca d‘Arno, der Mündung des Arno, erstreckt sich der Sandstrand ohne Unterbrechung. Weiter im Land, von einem Gürtel aus Kiefern geschützt, liegt ein ebener Streifen Küstenland, flach wie die Niederlande und von träge fließenden Bächen durchzogen. Hier wachsen Getreide und Wein, getrennt durch Pappelreihen und Feuchtwiesen. Da und dort münden die Bäche in flache Teiche, deren Ufer geflutete Reisfelder bilden. Und hinter diesem Streifen Küste, vier oder fünf Meilen vom Meer entfernt, steigen die Berge auf, unerwartet und steil: die Apuanischen Alpen. Ihre Gipfel bestehen auf nacktem Kalkstein, der stellenweise von dem weißen Marmor durchzogen ist, der den Kleinstädten an ihrem Fuß Wohlstand gebracht hat: Massa und Carrara, Serravazza, Pietrasanta. Die Hälfte der Grabsteine der ganzen Welt sind aus diesem edlen Gestein gehauen worden. Ihre unteren Hänge zeigen das Grau der Olivenbäume und das Grün der Kastanienwälder. Auf ihren Gipfeln ruhen die wie gemeißelt wirkenden Wolkenmassen:

Von Kap zu Kap schlage die Brück‘ ich und rage
gewölbt über strömendem Meer.
Bin fest vor den Pfeilen der Sonn' und zu Säulen
Nehm ich die Gebirge umher.

Die Landschaft zitiert geradezu Shelley. Dieses Meer, mit seiner schimmernden Windstille und plötzlichen Sturmböen, diese blassen blauen Inseln am Horizont, diese Berge mit ihren phantastischen Wolkengebilden, die Flüsse und Wälder – das ist die Essenz seiner Dichtung. Sobald man einige Zeit an dieser Küste verbracht hat, wird man beständig an diese wunderbare und merkwürdig kindliche Poesie, an diesen wunderbaren und kindlich-unschuldigen Mann erinnert. Vielleicht geht sein Geist an diesen Ufern um. Auf diesem Meer hat er mit seiner Nußschale von einem Boot gesegelt, in einer Hand das Ruder und in der anderen den kleinen Aischylos-Band. So stellen wir ihn uns bei schönem Wetter vor. Und wenn der Sturm unverhofft losbricht, fällt er uns ebenfalls ein. Die Blitze fahren über den Himmel, die Donnerschläge sind wie schreckliche Explosionen, die Böen toben. Und was ist mit dem kleinen Boot? Niemand weiß es – nur daß ein paar Tage später die Leiche eines jungen Mannes an den Strand getrieben wird, entstellt, nicht mehr wiederzuerkennen; nur der kleine Band Aischylos in der Westentasche verrät uns, daß dies einmal Shelley war.

Ich habe den letzten Sommer an dieser verwunschenen Küste verbracht. Das möchte ich als Entschuldigung anführen, daß ich in dieser Zeit, die so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, hier einen Dichter erwähne, der seit hundert Jahren tot ist. Aber keine Bange: ich habe nicht vor, hier etwas über den machtlosen Engel, der in der Leere vergeblich mit seinen was-auch-auch-immer-Flügel schlägt. Ich werde mich hier nicht mit Gekrächze dem süßen Chor der übrigen Lobredner zu diesem Zentenar anschließen. Nein, der Geist von Shelley, der in Versilia und der Luniga wandelt, am Golf von La Spezia und bei Pisa an der Mündung des Arno, dieser Geist, dem ich die Hand geschüttelt und mit dem ich mich unterhalten habe, spornt mich nicht zu einer überheblichen und dummdreisten Laudatio an, sondern zu einem Protest gegen die Ergüsse dieser honigsüßen Lobhudler.