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19. Juli 2009

Der EADS-Chef Gallois schlägt eine eigene europäische bemannte Raumfahrt vor. Warum ich das für grottenfalsch halte

Durch den bevorstehenden 40. Jahrestag der ersten Mondlandung ist in diesen Tagen wieder viel von bemannter Raumfahrt die Rede.

Der Chef des europäischen Raumfahrt- Konzerns EADS, Louis Gallois, hat also den Zeitpunkt für das Plädoyer günstig gewählt, das man seit gestern in "Spiegel- Online" lesen kann: Ein Plädoyer allgemein für eine Erweiterung der europäischen Raumfanrt und speziell dafür, daß Europa eine eigene bemannte Raumfahrt entwickelt.

Gewiß waren schon viele europäische Astronauten im All. Aber sie waren sämtlich Passagiere in Raumfahrzeugen entweder der Russen oder der Amerikaner. Zahlende Passagiere in der Regel, die noch dazu warten müssen, bis für sie einmal wieder ein Platz in einem Shuttle oder einer Soyuz- Kapsel frei ist.

Europa hat zwar sozusagen sein eigenes Appartement in der ISS - das Modul "Columbus"-; aber es kann dieses nicht ohne fremde Hilfe erreichen und verlassen. Was liegt also näher, als daß es ein eigenes Raumfahrzeug entwickelt, in dem Menschen transportiert werden können?

Es wäre etwas, das nach den Russen und den Amerikanern nun auch schon die Chinesen geschafft haben. Im Oktober 2003 flog der erste chinesische Astronaut in einem Shenzou- Raumschiff. Eine solche Leistung sollte doch auch dem hochtechnisierten Europa möglich sein.

Nicht nur möglich, sondern auch notwendig, meint Gallois:
Die zentrale Frage für die Zukunft der europäischen Raumfahrt lautet, wie viel Bedeutung wir bemannten Missionen beimessen: Haben wir den Mut - gemeinsam mit anderen - dieses größte aller Abenteuer zu wagen? Oder lassen wir uns von anderen abhängen?

Unsere gemeinsamen europäischen Anstrengungen müssen dem jahrhundertealten europäischen Geist gerecht werden, das menschliche Wissen zu erweitern und seine Grenzen zu überwinden. Bemannte Raumfahrtexpeditionen sind der beste Beweis für unser Vertrauen in die Zukunft, für unser Vertrauen in Europa.
Etwas pathetisch formuliert, aber einleuchtend, jedenfalls auf den ersten Blick. Zumal Europa bereits über die meisten Voraussetzungen verfügt: Eine hinreichend starke Trägerrakete, die Ariane 5, und auch schon ein großes Raumfahrzeug, das im Raum navigieren kann: Den unbemannten Raumtransporter ATV, dessen erstes Exemplar Jules Verne im Frühjahr 2008 Versorgungsgüter zur ISS brachte.

Mit Modifikationen (zusätzliche Sicherheitssysteme, Fähigkeit zur Rückkehr auf die Erde) könnte man daraus ein bemanntes Raumfahrzeug entwickeln, das geräumiger wäre als die russische Soyuz.



So weit, so gut. Nur beantwortet Gallois in seinem Artikel eine einfache Frage nicht: Wozu überhaupt bemannte Raumfahrt?

Die Raumfahrt hat in einem halben Jahrhundert unser Leben verändert. Das Satelliten- Fernsehen bringt uns eine Fülle an Sendern ins Haus, die zuvor undenkbar gewesen wäre. Daten aller Art fließen via Kommuniations- Satelliten rund um die Welt. Die Wettervorhersage hat sich dank Wettersatelliten dramatisch verbessert.

GPS, vor wenigen Jahrzehnten noch eine James- Bond- Utopie, ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Astronomie hat mittels Raumteleskopen und Raumsonden zu den Planeten gewaltige Fortschritte gemacht. Die Miniaturisierung von Geräten, die Entwicklung leistungsfähiger Rechner wurden durch die Raumfahrt vorangetrieben.

Aber für keinen dieser Fortschritte spielte die bemannte Raumfahrt eine nennenswerte Rolle. Gewiß, das Projekt Apollo lieferte der Wissenschaft Mondgestein. Aber schon 1970 kehrte die automatische russische Sonde Luna 16 mit Mondgestein zur Erde zurück.

Gewiß, in der ISS läuft manches interessante wissenschaftliche Experiment; wie zuvor schon in den russischen Stationen Salyut und Mir. Aber keines davon hat bisher einen wissenschaftlichen oder technologischen Durchbruch gebracht.

Viele dieser Experimente dienen im übrigen der Erforschung der Reaktionen des menschlichen Körpers im Weltraum. Sie untersuchen also Fragen, die ohne die bemannte Raumfahrt erst gar nicht gestellt zu werden brauchten. Andere Experimente könnten auch automatisiert in unbemannten Satelliten durchgeführt werden.

Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, daß ich immer wieder gegen die bemannte Raumfahrt Position bezogen habe - in Bezug auf die ISS, in Bezug auf einen bemannten Flug zum Mars sowie in diesem Artikel, den ich Ihrer Aufmerksamkeit empfehle, falls Sie erfahren wollen, warum die Titelvignette des jetzigen Artikels ein Werbeplakat zur Anwerbung von Reitern des Pony Express (ca 1860) ist.



Wenn das so ist - warum werden dann trotzdem viele Milliarden in die bemannte Raumfahrt gesteckt? Warum bereiten die USA jetzt sogar neue Flüge zum Mond vor, warum wird ernsthaft über einen Flug zum Mars diskutiert?

Mit Wissenschaft und Technik hat das wenig zu tun; umso mehr mit Politik.

Die UdSSR erkannte als erste Macht die ungeheure Propaganda- Wirkung, die mit der bemannten Raumfahrt zu erreichen war, und zwang damit die USA in einen Wettlauf um den ersten Menschen im All.

Die UdSSR gewann und lag danach noch jahrelang vorn; für viele damals der ultimative Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus. Die USA schlugen mit dem Projekt Apollo zurück und bewiesen mit der Mondlandung die Überlegenheit einer freien Gesellschaft.

Ein zweites Motiv für die bemannte Raumfahrt war ihre militärische Bedeutung. Was man über die Raumfahrt der UdSSR erfuhr, war sozusagen nur die zivile Spitze des Eisbergs. Innerhalb des Almaz- Programms gab es beispielsweise bemannte Raumstationen, die nicht nur mit Spionage- Geräten, sondern gar mit einer Kanone und Raketen ausgerüstet waren. Da wurde wirklich der "Krieg der Sterne" vorbereitet.

Vergangenheit? Jedenfalls weitgehend; allerdings gibt es Hinweise darauf, daß die chinesische bemannte Raumfahrt auch militärische Ziele verfolgt.

Dominierend ist aber hier, wie einst bei der UdSSR, die Propaganda- Dimension. Die Sowjetunion wollte mit den Erfolgen ihrer Raumfahrt die Überlegenheit des Sozialismus und die Macht ihres Staats zeigen. China will heute damit demonstrieren, daß es in den Kreis der Weltmächte gehört.

Und zwar nicht nur, indem man aufzuholen versucht. Sondern man will überholen; nämlich mit dem Mondprogramm. China hat eine umfangreiche Erforschung des Mondes begonnen, deren Ziel sehr wahrscheinlich die Landung von Menschen auf dem Mond ist; vielleicht zwischen 2025 und 2030.

Da wollen sich die USA nicht noch einmal von einem kommunistischen Konkurrenten schlagen lassen. Die erste bemannte Mondlandung innerhalb des Programms Constellation ist für den 19. Juni 2019 vorgesehen.



Es geht also bei der bemannten Raumfahrt wieder, wie zur Zeit des Kalten Kriegs, überwiegend um Machtpolitik. Hat Europa es nötig, sich in dieses machtpolitische Spiel einzuschalten? Ich sehe dazu keinen Anlaß. Das Ansehen und der Einfluß Europas hängen nicht daran, ob wir eine eigene bemannte Raumfahrt betreiben.

Allenfalls könnte man argumentieren, daß wir, da wir nun einmal an der ISS mit Astronauten beteiligt sind, diese doch auch eigenständig transportieren können sollten; ohne weitergehende Pläne.

Aber das wird mit dem, was Gallois vorschlägt, kaum möglich sein. Denn die ISS ist für eine Lebensdauer bis 2015 ausgelegt. Wahrscheinlich wird man ihr noch ein paar Jahre mehr geben. Ein europäisches bemanntes Raumschiff könnte nicht früher als 2017 oder 2018 einsatzfähig sein.

Gerade rechtzeitig, um von dort aus der ISS beim Verglühen zuzuschauen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Werbeplakat für den Pony Express (ca 1860). Frei, da das Copyright erloschen ist.

7. Juli 2008

Kurioses, kurz kommentiert: ISS - Ex und hopp!

Russia plans to complete the energy and construction works on its segment of the ISS by 2015, when the station ends its on-orbit life. It just so happens that the country will not have time to conduct scientific research on board the station, although that was the reason why the station was actually built.

(Rußland plant, die Energie- und Bauarbeiten an seinem Segment der ISS um 2015 abzuschließen, wenn die Station ihr Leben im Orbit beendet. Es ergibt sich, daß das Land dann nicht mehr die Zeit haben wird, an Bord der Station wissenschaftliche Forschung vorzunehmen, obwohl das der Grund dafür war, die Station überhaupt zu bauen.)

Die russische Prawda über die internationale Raumstation ISS.

Kommentar: Die Lage der Russen ist besonders krass, aber viel anders geht es den anderen Betreibern der ISS auch nicht.

Durch diverse Verzögerung (aufgrund von Geldmangel bei den Russen, durch den Ausfall von Shuttle-Flügen bei den USA) hat sich der Bau der Station so sehr verlangsamt, daß man sie, kaum fertiggestellt, schon wieder stillegen wird; jedenfalls nach der bisherigen Planung. Sie wird sozusagen von der Volljährigkeit direkt ins Greisenalter übergehen.

Von den ausgedehnten Forschungen, die einmal bezweckt gewesen waren, kann keine Rede sein; schon weil die gegenwärtige dreiköpfige Besatzung (sie soll irgendwann auf sechs Personen erweitert werden) mit der Wartung und dem Betrieb der Station schon fast ausgelastet ist.

"As of 2007, little experimentation other than the study of the long- term effects of microgravity on humans has taken place", notiert die Wikipedia lakonisch; auf dem Stand von 2007 gebe es kaum experimentelle Untersuchungen auf der ISS, außer Arbeiten über die Wirkung minimaler Schwerkraft auf den Menschen. (Die, sollte man hinzufügen, nur deshalb interessant sind, weil man eben Menschen ins All schickt).

Vielleicht verlängert man das Leben der Station noch um ein paar Jahre. Ernsthafte Planungen für eine Nachfolgestation gibt es nicht. Dazu dürfte nach den Erfahrungen mit der ISS auch niemand Lust haben.

Die Gelder für bemannte Raumfahrt werden dann in die jeweiligen Mondprojekte fließen. Ein neuer Wettlauf zum Mond steht bevor; nur diesmal nicht zwischen den USA und der UdSSR, sondern zwischen den USA und China. Der wissenschaftliche Nutzen wird zwar auch dabei minimal sein; aber immerhin steht viel Prestige auf dem Spiel.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

9. Dezember 2007

Warum wurde der Shuttle-Flug verschoben? Über Sicherheitstechnik und Sicherheitsphilosophie

Nehmen wir an, ein Rally- Fahrer stellt kurz vor dem Start fest, daß die Anzeige seiner Tankfüllung nicht korrekt funktioniert. Würde er daraufhin den Start abblasen? Wohl kaum.

Etwas Derartiges hat aber die NASA nun schon dreimal getan, als sie den für vergangenen Donnerstag vorgesehenen Start des Shuttle "Atlantis" mit dem europäischen Raumlabor "Columbus" an Bord gestoppt und erst auf Freitag, dann auf Samstag und jetzt auf den heutigen Sonntag (geplanter Start: 3:21 PM EST; entsprechend 21:21 MEZ) verschoben hat.

Der Grund für diese wiederholten Startverschiebungen ist der Ausfall von zwei Sensoren, die die Füllung der Flüssiggas- Tanks für Wasserstoff und Sauerstoff anzeigen.

Warum deshalb gleich eine wiederholte Verschiebung des Starts? Kann man denn nicht auch ohne Sensoren berechnen, wieviel Treibstoff jeweils noch im Tank ist? Warum ist es überhaupt so wichtig, den jeweiligen momentanen Füllstand zu kennen?

Als ich diesen Fragen nachgegangen bin,habe ich Allerlei über Sicherheitstechnik und Sicherheitsphilosophie gelernt, das auch über den jetzigen Fall hinaus interessant ist.



Das Shuttle wird durch drei Raketenmotoren beschleunigt, die ihre Treibstoffe aus dem riesigen rostbraunen Tank beziehen, der seitlich am Shuttle aufgehängt ist. (Man könnte angesichts der Größenverhältnisse auch sagen: An dem das Shuttle aufgehängt ist). Das obere Drittel ist der Sauerstofftank, die unteren beiden Drittel enthalten den Wasserstoff. Beide sind so weit heruntergekühlt, daß sie sich im flüssigen Zustand befinden.

In der Startphase wird zusätzlicher Schub durch die beiden Feststoffraketen (Boosters) geliefert, die rechts und links neben diesem Tank angebracht sind.

Der Brennvorgang dieser Feststoffraketen ist nicht steuerbar. Sie brennen ab wie Sylvester- Raketen. In den Orbit gesteuert wird das Shuttle mit Hilfe der Raketen- Motoren, die noch weiterarbeiten, wenn die beiden Feststoffraketen bereits ausgebrannt und abgeworfen sind.

Eine kritische Rolle spielt dabei der Brennschluß, also der Zeitpunkt, zu dem diese Raketen- Motoren abgeschaltet werden.

Er entscheidet über die Geschwindigkeit, mit der das Shuttle in den Orbit eintritt und damit wesentlich über die Bahndaten. Für jeden einzelnen Flug des Shuttle wird der Brennschluß individuell festgelegt.

Wie wird nun dafür gesorgt, daß der Brennschluß zum richtigen Zeitpunkt erfolgt? Mit der Antwort auf diese Frage nähern wir uns, wie Mark Kirkman in einem ausgezeichneten Artikel in den Interspace News erklärt, der kritischen Rolle der Tank- Sensoren.

Sie heißen mit Namen ECOs (Low Level Engine Cutoff sensors). Und damit ist schon angedeutet, warum sie so wichtig sind: Sie haben etwas mit dem Brennschluß (engine cutoff) zu tun; und sie sollen einen low level melden, also einen (zu) niedrigen Füllstand.

Der Brennschluß erfolgt nicht, wenn das Shuttle eine bestimmte Höhe erreicht hat, auch nicht nach einer bestimmten Zeit ab dem Start. Sondern er wird dadurch definiert, daß das Shuttle die für den betreffenden Flug festgelegte Geschwindigkeit erreicht hat. Diese ermittelt ein Bordcomputer, der dann automatisch die Raketen- Motoren abschaltet.

Und nun kommt das im jetzigen Zusammenhang Entscheidende:

Der Brennschluß muß stattfinden, bevor die Tanks für Sauerstoff und Wasserstoff leer sind.

Denn die Turbinen würden sich, wenn kein Treibstoff mehr vorhanden wäre, so schnell drehen, daß sie heißlaufen und möglicherweise auseinanderfliegen könnten. Wäre der Wasserstoffvorrat erschöpft, aber noch Sauerstoff da, dann könnte das außerdem eine Explosion auslösen.



Wir verstehen jetzt, warum es so wichtig, ja lebenswichtig ist, den Füllstand des Sauerstoff- und des Wasserstofftanks ständig zu überprüfen. Es muß sichergestellt sein, daß keiner der beiden Tanks leer wird, solange sie noch mit dem Shuttle verbunden sind.

Das geschieht primär dadurch, daß ein Bordcomputer fortlaufend ermittelt, wieviel Treibstoff verbraucht wurde und ob also noch ein genügender Rest (performance margin) vorhanden ist.

Nun kann es aber passieren, daß durch ein Leck oder durch den Ausfall von Raketen- Motoren Treibstoff verlorengeht.

Dann stimmt diese Berechnung nicht mehr. Es könnte dann der Fall eintreten, daß einer der Tanks oder beide leer werden, bevor der Brennschluß erfolgt.

Und um das zu verhindern, gibt es diese Sensoren in den Tanks, die ECOs.

Im Prinzip sind es nichts anderes als Drähte, durch die Strom einer konstanten Stromstärke fließt. Je nachdem, ob sie sich in einer Flüssigkeit oder einem Gas befinden, ist der elektrische Widerstand verschieden und damit die Spannung. Diese wird fortlaufend gemessen und zeigt an, ob der Zustand "nass" oder "trocken" besteht.

Melden diese Sensoren "trocken" (ein Zustand, der eigentlich nicht eintreten dürfte, weil es ja immer noch Treibstoff in den Tanks geben sollte), dann schaltet der Computer die Triebwerke ab, und es wird eine transatlantische Notlandung (TAL) eingeleitet; also der Versuch, das Shuttle wieder zur Erde zurückzubringen, bevor es Orbital- Geschwindigkeit erreicht hat.



Der Funktionsfähigkeit der ECO-Sensoren kommt also eine zentrale Bedeutung zu:

Versagen sie und melden nicht den Zustand "trocken", obwohl ein Tank leer ist, dann kann es zum Verlust des Shuttle kommen.

Versagen sie andererseits und zeigen fälschlich den Zustand "trocken" an, dann könnte das zu einem Abbruch des Flugs führen, obwohl in Wahrheit alles in Ordnung ist.

Gegen einen solchen Fall gibt es zwar gewisse Vorkehrungen (zum Beispiel werden die Sensoren erst "scharf gemacht", wenn das Shuttle eine bestimmte kritische Masse erreicht hat; es sei denn, Raketenmotoren sind ausgefallen). Aber es bleibt doch das Risiko, daß just dieses zur Sicherheit eingebaute System selbst die Sicherheit gefährden könnte.

Und das ist vielleicht der interessanteste Aspekt dieses Themas: Jede Vorrichtung, die der Sicherheit dient, stellt selbst ein Sicherheitsrisiko dar.

Das - und damit sind wir von der Sicherheits- Technik zur Sicherheits- Philosophie gelangt - gilt für alle komplexen Systeme. "The logic behind the ECO sensor system’s operation is based on risk tradeoffs", die Logik hinter dem System der ECO- Sensoren basiere auf der Aufrechnung von Risiken, schreibt Kirkman.

"So viele Sicherheitssysteme wie möglich" ist deshalb eine ganz und gar falsche Sicherheits- Philosophie. Die Sicherheit ist umso größer, nicht je mehr solche Systeme es gibt, sondern je mehr ihr potentieller Nutzen den Schaden überwiegt, den sie anrichten können.

Ist man zu sehr auf Sicherheit bedacht, dann kann das leicht mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen. Eine Einsicht, so scheint mir, die über den Bereich der Hochtechnologie hinaus von Bedeutung ist.

In Ernst Augustins Sammlung von Erzählungen "Der Künzler am Werk. Eine Menagerie" gibt es die Geschichte von einem Mann, der ein Sicherheits- Fanatiker war. Er ließ sein Haus auf alle denkbaren Arten gegen unbefugtes Eindringen sichern - Verriegelungen, Spezialfenster- und Türen, Spezialschlösser und dergleichen.

Als alles fertig war, trat er vor die Tür, um das Werk zu bewundern. Da fiel die Tür in Schloß. Die Schlüssel hatte er drin gelassen. Kein Schlüsseldienst konnte ihm helfen, wieder in sein Haus zu kommen. Der Mann zog ins Hotel.

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23. Oktober 2007

Randbemerkung: Discovery - "Ein schwieriges, riskantes Unternehmen"

In knapp zwei Stunden wird, wenn der Countdown wie bisher problemlos läuft, die Discovery zur ISS starten.

Besonderheiten dieses Flugs? Eine Frau ist Commander, Pamela Melroy. Das kann man bei Space.com und bei der NASA lesen, wo auch alle Einzelheiten des Flugs zu finden sind. Dort wird in Echtzeit fortlaufend über den Fortgang des Unternehmens berichtet.

Weitere Besonderheiten? Ja. Die heutige New York Times widmet diesem Flug ein Editorial, also einen namentlich nicht gezeichneten, somit von der gesamten Redaktion verantworteten Kommentar. Dessen Titel - "An Arduous, Risky Mission" - habe ich in die Überschrift gesetzt. Solche Editorials werden dann geschrieben, wenn die Redaktion ein Thema besonders wichtig findet.

Warum so wichtig? Warum schwierig, warum riskant?

Schwierig, weil kaum je eine Besatzung - zehn Leute werden an Bord der ISS sein, wenn die Shuttle- Besatzung umgestiegen ist - so viele, so anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen hatte.

Sie werden ein neues Modul an die Station anbauen, das erste seit sechs Jahren. Es ist eine Schleuse, an die später Labor- Moduln aus Europa und Japan andocken sollen, also auch das europäische Columbus- Modul. Sie werden einen riesigen Stahlträger mit seinen Sonnenkollektoren abbauen und anderswo wieder anbauen. Sie werden ein neues Gerät zur Reparatur von Schäden außenbords testen. Das alles wird fünf Außenbord- Aktivitäten verlangen (seltsamerweise auf deutsch "Weltraum- Spaziergänge" geheißen).

Warum riskant? Es gibt bei der NASA unabhängige, also nicht weisungsgebundene Sicherheits- Ingenieure. Diese haben darauf gedrängt, den Flug um mindestens zwei Monate zu verschieben, weil sie ein erhebliches Sicherheitsproblem sehen.

Wieder einmal geht es um den Hitzeschild. Diesmal sind es hitzebeständige Elemente an den Flügeln des Shuttles, die Ermüdungserscheinungen zeigen. Die Sicherheits- Ingenieure verlangen, sie zu ersetzen oder mindestens ausführliche Tests durchzuführen, bevor grünes Licht für den Start gegeben wird. Im schlimmsten Fall könnte sich sonst das Columbia- Szenario wiederholten: Heiße Gase dringen beim Wiedereintritt in das Shuttle ein, und es wird zerstört.

Die NASA hat dazu eine ganztägige Konferenz veranstaltet und ist danach zu dem Schluß gekommen, daß das "Risiko akzeptabel" sei. Die Astronauten haben alle zugestimmt, daß jetzt geflogen werden soll.

Was auch dringend nötig ist, denn der Zeitplan bis zur Fertigstellung der ISS ist denkbar eng geworden. Bis 2010 muß sie fertig sein, denn dann sollen die letzten Shuttles eingemottet werden. Danach gibt es vorerst kein Transportsystem mehr, das solche Lasten zur ISS bringen kann.

Das Editorial schließt so:
We’ll keep our fingers crossed that these judgments prove right. Another shuttle catastrophe would not only cost the lives of astronauts, it would also probably end the shuttle program and greatly delay completion of the space station.

Wir drücken den Daumen, daß diese Beurteilung [der NASA] sich als richtig erweist. Eine weitere Shuttle- Katastrophe würde nicht nur Astronauten das Leben kosten. Sie würde wahrscheinlich das Ende des Shuttle- Programms bedeuten und die Fertigstellung der Raumstation in weite Ferne rücken.

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14. Juni 2007

Zettels Meckerecke: Der Wahnwitz der bemannten Raumfahrt

Vermutlich noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde soviel Geld für so wenig Ertrag verschleudert wie in der bemannten Raumfahrt.

In einem früheren Beitrag habe ich das hier zu begründen versucht: Es ist schlicht ein Atavismus, Menschen physisch dorthin zu befördern, wo es etwas zu erforschen gibt. So, als gebe es nicht andere Möglichkeiten der Informations- Übertragung als die durch einen Reitenden Boten, wie beim "Pony Express".

Die ISS, die Internationale Raumstation, ist sozusagen dieser Wahnsinn in Potenz. Niemand weiß, was die Leute da oben eigentlich sollen. Die meiste Zeit sind sie damit beschäftigt, die Station aufzubauen und zu warten.

Ja, sie machen auch wissenschaftliche Experimente. Die meisten dienen dazu, zu erforschen, wie sich der menschliche Organismus in der Schwerelosigkeit verhält. Warum ist es wichtig, das zu wissen? Nun, damit man Menschen auf immer längere Missionen ins All schicken kann.

Ein in sich geschlossenes Wahnsystem. Weil man Menschen ins All schickt, weil es demnächst einen Wettlauf zwischen China und den USA um den (erneuten) Flug zum Mond geben wird, weil es gar ernsthaft geplant wird, Menschen zum Mars zu schicken - deshalb muß man natürlich erforschen, was der menschliche Organismus im All aushalten kann.



Ich habe mich gefreut, daß heute in der Internet- Ausgabe des "Time Magazine" Jeff Kugler ähnlich radikal die ISS kritisiert. Die Shuttles müssen ihretwegen fliegen, Milliarden werden für sie verschleudert, Menschenleben aufs Spiel gesetzt, wie derzeit wieder zu besichtigen.

Nur scheint mir Jeff Kugler nicht konsequent zu sein. Er schreibt über das ISS- Programm:
Meantime, it's diverting billions from NASA's budget that could better be spent on the agency's brilliantly successful unmanned space program, as well as its promising efforts to return astronauts to the moon and eventually explore Mars.

Inzwischen verschlingt es Milliarden von Dollars, die dadurch dem NASA- Budget verlorengehen und die man besser für das glänzende Programm dieser Agentur zur unbemannten Erforschung des Weltalls einsetzen könnte - und ebenso für die vielversprechenden Versuche, wieder Astronauten auf den Mond zu bringen und schließlich den Mars zu erforschen.

Nein, es ist ebenso wahnwitzig, Menschen zum Mond, gar zum Mars zu schicken, wie sie in einer Station um die Erde kreisen zu lassen. Die bemannte Raumfahrt selbst ist ein Unfug sondergleichen.

Ja gewiß, vor einem halben Jahrhundert war das vielleicht nicht abzusehen. Heute ist es ebenso albern, Menschen zwecks "Erforschung" des Mars auf diesen zu verfrachten, wie es albern wäre, Techniker in eine geostationäre Bahn zu schießen, damit sie uns mit Satelliten-Fernsehen versorgen.

Randbemerkung: ISS-Atlantis in einer kritischen Situation

Auf der WebSite der NASA klingt es, in der nüchternen Sprache der Ingenieure, nicht so schlimm. Der "Houston Chronicle", die über Themen des Raumflugs immer am besten informierte Zeitung, bringt im Augenblick einen AP-Bericht, der es deutlicher sagt:
HOUSTON — Russian computers that control the international space station's orientation and supply of oxygen and water have failed, potentially extending the space shuttle's mission — or cutting it short.

Russian engineers aren't sure why the computers stopped working. A failure of this type has never occurred before on the space station. (...)

Thrusters on the docked space shuttle, along with the space station's gyroscopes, have been fired periodically to help maintain the space station's positioning since the computers failed earlier this week. (...)

NASA managers decided Wednesday to use a spacewalk on Friday to repair a torn thermal blanket located over an engine pod near the shuttle's tail.

The astronauts will secure the blanket using staples found in the shuttle's medical kit and loop-headed pins that come from the shuttle's tile repair kit. If those methods don't work, NASA flight controllers will have the astronauts sew it into place using a stainless steel wire and an instrument that resembles a small needle. (...)

HOUSTON. Russische Computer, die die Lage der Internationalen Raumstation und ihre Sauerstoff- und Wasserversorgung steuern, sind ausgefallen. Das könnte die Mission des Shuttle verlängern - oder verkürzen. (...)

Seit die Computer zur Kontrolle der Lage im Raum vor ein paar Tagen ausfielen, werden die Triebwerke des angedockten Shuttle periodisch gezündet, um zusammen mit den Gyroskopen der Raumstation deren Lage zu stabilisieren. (...)

Die NASA-Verantwortlichen beschlossen am Mittwoch, einen für Freitag vorgesehenen Außenbord- Einsatz dafür zu nutzen, ein beschädigte Hitzeschutz- Matte zu reparieren, die sich über einem Außentriebwerk in Nähe des Hecks des Shuttles befindet.

Die Astronauten sollen die Matte mit Hilfe von Klammern befestigen, die sich in der medizinischen Erste- Hilfe- Ausrüstung der Station fanden, sowie mit Kopfnägeln aus der Ausrüstung zur Reparatur von Kacheln. Wenn diese Methoden nicht funktionieren, dann werden die Flug- Kontrolleure die Astronauten beauftragen, die Matte mit Hilfe eines Drahts aus Edelstahl und eines Instruments zu flicken, das einer kleinen Nadel gleicht. (...)

Es kommen also im Augenblick zwei kritische Situationen zusammen:

Das Shuttle wird nicht zur Erde zurückkehren können, wenn der Hitzeschutz nicht repariert ist.

Und die ISS wird überhaupt nicht weiterarbeiten können, wenn die russischen Computer nicht wieder funktionieren. Ihr Ausfall könnte mit der Belastung der Stromversorgung zusammenhängen, als neue Sonnenkollektoren eingebaut und alte stillgelegt wurden. Noch kann die Station durch das Zünden der Triebwerke des Shuttle stabilisiert werden. Ist dieses zur Erde zurückgekehrt und der Fehler bis dahin nicht behoben, dann taumelt die Station unkontrolliert.

Für eine Evakuierung der Besatzung gibt es zwei Möglichkeiten: Erstens könnte sie in das Shuttle umsteigen, das allerdings mit sieben Besatzungsmitgliedern bereits alle für die Mannschaft vorgesehenen Plätze belegt hat. Ob man da improvisieren könnte, weiß ich nicht. Es dürfte schwierig sein, weil die g-Kräfte bei der Rückkehr es erforderlich machen, daß alle Besatzungs- Mitglieder sich in speziell geformten Sitzen befinden.

Zweitens ist an die ISS ständig ein "Sojus"- Raumschiff angedockt, das die (gegenwärtig) dreiköpfige Besatzung im Notfall zur Erde zurückbringen könnte.