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14. November 2008

Zitat des Tags: Ein Gespräch unter Staatsmännern. Nebst Bemerkungen über die Neuorientierung der französischen Rußlandpolitik

Le président français interpelle Poutine et Medvedev: "Vous ne pouvez pas faire cela, le monde ne l'acceptera pas." Poutine réplique dans son langage ordurier habituel: "Saakachvili, je vais le faire pendre par les couilles." "Le pendre?" demande le président français, effaré. "Pourquoi pas? répond le Premier ministre russe. Les Américains ont bien pendu Saddam Hussein." "Oui, mais tu veux terminer comme Bush?", rétorque Sarkozy. Poutine est interloqué. Comme Bush? Il réfléchit puis lâche: "Ah, là, tu marques un point." C'est gagné: Saakachvili sauve sa tête et ses ...

(Der französische Präsident fährt Putin und Medwedew an: "Das könnt ihr nicht machen, die Welt wird das nicht hinnehmen". Putin antwortet in seiner üblichen ordinären Sprache: "Saakaschwili, den lasse ich an den Eiern aufhängen." "Ihn aufhängen?" fragt der französische Präsident erschrocken zurück. "Warum nicht?", antwortet der russische Ministerpräsident. "Die Amerikaner haben schließlich Saddam Hussein aufgehängt". "Ja, aber willst du wie Bush enden?", gibt Sarkozy zurück. Putin ist verblüfft. Wie Bush? Er denkt nach und läßt dann fallen: "Na, da hast du gepunktet." Die Sache ist gelaufen: Saakaschwili hat seinen Kopf gerettet, und seine ...).

Vincent Jauvert im aktuellen Nouvel Observateur über ein Gespräch unter Staatsmännern.

Kommentar: Das Interessante an diesem Dialog, der heute vielfach zitiert wird, zum Beispiel in "Spiegel- Online", sind nicht die Zoten von Putin. So ist dieser Mann halt, der sich vom Straßenjungen an die Spitze Rußlands hochgearbeitet hat.

Interessant ist erstens die russische Reaktion auf die Veröffentlichung. Und interessant ist zweitens vor allem der Hintergrund dieses Gesprächs.

Vincent Jauvert ist ein außenpolitischer Redakteur des Nouvel Observateur mit ungewöhnlich guten Kontakten; immer gut für einen Insider- Bericht. Die in dem Zitat geschilderte Szene - sie spielt am frühen Nachmittag des 12. August im Kreml - hat er aus einer Quelle, die er überraschenderweise sogar offenlegt: Jean- David Levitte, diplomatischer Berater des französischen Präsidenten, russischer Abstammung und Experte für Rußland. Levitte hat ihm das Gespräch "on the record" geschildert, also mit der Erlaubnis, ihn als die Quelle zu zitieren.

Nachdem gestern die aktuelle Nummer des Nouvel Observateur mit dieser Geschichte erschienen war, dementierte der Kreml nicht etwa den geschilderten schönen Dialog. In der Meldung von RIA Novosti heißt es in der deutschen Version lediglich, der Bericht löse "nichts als Befremden aus" und sei eine "vollständige und provokative Unterstellung". In der sehr viel ausführlicheren französischen Version wird der Kreml- Sprecher Preskow so zitiert:
Vladimir Poutine fait en effet usage d'une rhétorique rigoureuse à l'égard du régime Saakachvili. Mais la publication de telles citations en référence à un conseiller du président français suscite notre plus grande incompréhension (...) Globalement, la seule chose qu'on pourrait dire c'est que toutes les décisions définitives en matière de politique étrangère sont prises par le président russe Dmitri Medvedev.

Wladimir Putin verwendet in der Tat eine deutliche Sprache in Bezug auf das Regime Saakaschwilis. Aber die Veröffentlichung derartiger Zitate mit Verweis auf einen Berater des französischen Präsidenten löst unser größtes Befremden aus (...) Allgemein ist das einzige, was man sagen könnte, daß die letzten Entscheidungen in der Außenpolitik stets vom russischen Präsidenten Dmitri Medwedew getroffen werden.
Es ist also klar, was den Kreml an dem Bericht stört: Nicht, daß Putins Vulgärsprache zitiert wird. Sondern daß der Bericht erstens zeigt, daß Putin auch in der Außenpolitik das Sagen hat, und nicht sein getreuer Medwedew. Und zweitens, daß ein Berater Sarkozys offenbar die Veröffentlichung autorisiert hat.



Das Interessanteste an dem Artikel von Vincent Jauvert ist aber nicht diese Episode, sondern ihr Hintergrund. Jauvert schildert, wie Sarkozy anfangs gegenüber dem Kreml einen anderen Kurs hatte steuern wollen als sein Vorgänger Chirac; wie er aber inzwischen zu "Sarko dem Russen" geworden sei; so der Titel des Artikels.

Bevor er Präsident wurde, gehörte Sarkozy zu den schärfsten Kritikern Rußlands, was beispielsweise Tschetschenien angeht. Davon ist nichts geblieben. Selbst als Unterhändler der EU während der Georgien- Krise hat Sarkozy die Position des Kreml übernommen, daß dieser ein Recht hätte, den "Russen" in Südossetien zur Hilfe zu kommen (also Personen, an die man zuvor russische Pässe verteilt hatte, die aber keine Russen waren).

Als einen der Gründe für diesen Kurswechsel Sarkozys sieht Jauvert die engen persönlichen Beziehungen zwischen Mitgliedern der außenpolitischen Mannschaft Sarkozys und ihren russischen Pendants an; Beziehungen, die zum Teil weit zurückreichen.

Die Außenminister Kouchner und Lawrow kennen sich zum Beispiel schon aus gemeinsamen Zeiten bei der UNO und sind Duzfreunde. Im Matignon, dem Amtssitz des Premierministers François Fillon, auch er ein alter Freund Rußlands, sitzen hohe Beamte wie Jean de Boishue und Igor Mitrofanoff, Rußland- Experten mit besten Kontakten in den Kreml.

Zweitens, schreibt Jauvert, verstünden Sakozy und Putin sich persönlich blendend. Sie lernten einander auf dem Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 kennen und waren auf Anhieb voneinander angetan. Über Sarkozys Reaktion auf Putin schreibt Jauvert:
L'homme l'impressionne. "Un vrai dur", dit-il. Même âge, même taille (ou presque), même démarche, même langage cru, ces deux-là semblent faits pour s'entendre.

Der Mann beeindruckt ihn. "Das ist ein ganz Harter", sagt er. Selbes Alter, selbe Körpergröße (fast jedenfalls), selbe Gangart, die selbe rüde Sprache - diese beiden scheinen wie gemacht dafür, einander zu verstehen.
Sarkozy ist von seinem neuen Freund so begeistert, daß er sogar seine damalige Frau Cécilia anruft, damit sie Putin kennenlernen und ein wenig mit ihm plauschen kann.

Und so geht es weiter: Sarkozy darf Putin in seiner Datsche besuchen und lobt ihn danach überschwänglich. Als Putins Partei die Parlamentswahlen 2007 unter fragwürdigen Umständen gewinnt, halten sich Angela Merkel und Gordon Brown zurück. Sarkozy aber gratuliert sofort, als erster Staatschef weltweit.

Das sind Symptome für einen allgemeinen Wechsel der franzöischen Rußland- Politik. Ohne daß das schon recht ins allgemeine Bewußtsein gedrungen ist, entsteht gegenwärtig eine Achse Moskau- Paris, die an die Zusammenarbeit zwischen Putin und Chirac im Vorfeld des Irak-Kriegs Anfang 2003 anknüpft.

Kein Wunder, daß Sarkozy, nachdem er für die EU während der Invasion Georgiens mit Putin verhandelt hatte, einen "Friedensplan" nach Georgien mitnahm, dessen entscheidende Passagen im Kreml formuliert worden waren.

Kein Wunder auch, daß unter dem Vorsitz Sarkozys die EU kein halbes Jahr nach der Invasion Georgiens wieder die enge Zusammenarbeit mit Rußland anstrebt.



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27. Juni 2008

Fußball-EM und Transitivität. Was passiert, wenn zwei hartgekochte Eier gegeneinander gestoßen werden?

Es kommt bei jedem Turnier vor, aber diesmal ist es besonders drastisch: Kaum wurde eine Mannschaft in den Olymp gehoben, da knallt sie schon wieder auf den Boden der Realität.

Die Niederlande galten nach ihren Siegen über den Weltmeister Italien und den Vize- Weltmeister Frankreich als der fast schon sichere Europameister - und wurden dann von den Russen erbarmungslos entzaubert.

Jenen Russen, die daraufhin ihrerseits als der kommende Meister gehandelt wurden; hatten sie doch schon gegen Griechenland und Schweden tollen Fußball gespielt. Gestern gingen sie gegen die Spanier unter.

Auch Portugal war einmal für die Medien der große Favorit, nach den Traumsiegen über die Türkei und Tschechien. Bis die Deutschen kamen.

Die nun freilich gleich zweimal diese Berg- und Talfahrt erlebt haben: Hervorragend gegen Polen; dann - rrrums! - von den Kroaten besiegt. Wieder rauf in den Olymp beim Sieg über Portugal, und dann nur ein glücklicher Arbeitssieg über die Türkei.

Was ist da los? Können droben über den Wolken die Götter sich nicht einig werden, wem sie ihre Gunst zuteil werden lassen?

Das ist wahrscheinlich die rationalste Erklärung. Ich nennen jetzt die zweitrationalste.



In der Mathematik gibt es den Begriff der Transitivität. Ist eine Relation transitiv, dann gilt: Wenn diese Relation zwischen A und B besteht sowie zwischen B und C, dann besteht sie auch zwischen A und C. Wenn Max größer ist als Moritz und Moritz größer als Achmed, dann ist Max größer als Achmed. "Größe" ist eine transitive Relation.

Im Richtigen Leben gilt aber Transitivität oft nicht; eine Sammlung von Beispielen für Intransitivät findet man hier.

Das, was wir in diesem EM-Turnier erlebt haben, war eine sozusagen chronische Verletzung der Transitivität: Mannschaft A ist besser als Mannschaft B, Mannschaft B ist besser als Mannschaft C - aber wie ein Spiel A gegen C ausgeht, können wir daraus keineswegs vorhersagen.



Stellen Sie sich das folgende einfache, ja ein wenig dümmliche Spiel vor: Zwei Leute sitzen oder stehen sich gegenüber. Jeder hat ein hartgekochtes Ei in der Hand, der eine ein rotes und der andere ein blaues. Auf ein Kommando stoßen sie die Eier kräftig gegeneinander, sehr kräftig. Was passiert?

Wenn sie kräftig genug gestoßen haben, gibt es Bruch. Da beide Eier fragil sind, könnte man meinen, daß sie auch beide den Zusammenstoß nicht heil überstehen. Aber so ist das nicht.

Was passiert - Sie probieren es am besten aus - ist dies: Ein Ei geht zu Bruch, und das andere bleibt heil.

Warum? Die beiden Eier sind natürlich ein klein wenig verschieden in ihrer Festigkeit (das hängt z.B. vom Alter der Henne ab, die sie gelegt hat). Ist nun das rote Ei, wenn auch geringfügig, stabiler als das blaue Ei, dann erzeugt es in dessen Schale - wenn hinreichend fest gestoßen wurde - in den ersten Millisekunden des Kontakts einen kleinen Riß. Und sobald der da ist, hat das blaue Ei keine Chance mehr.

Es verliert schlagartig seine Festigkeit, fällt in sich zusammen und kann dem roten Ei nichts mehr antun. (Der Vorgang muß nicht unbedingt durch die Stabilität der Schale determiniert sein; vielleicht auch durch die Richtung des Stoßes oder dergleichen; aber jedenfalls bleibt ein Ei heil, und das andere geht zu Bruch).

Das ist ein klassisches Beispiel für ein nichtlineares System: Eine winzige Ursache - der kleine Unterschied in der Stabilität - hat eine massive Wirkung: Ein Ei bleibt völlig heil, das andere zerbricht.



Auch die Dynamik eines Fußballspiels ist diejenige eines nichtlinearen Systems. Hier kann nicht nur ein kleiner Faktor sich in seiner Wirkung potenzieren, sondern es kommt noch hinzu, daß sehr viele Faktoren wirken und miteinander interagieren, daß vor allem der Zufall eine große Rolle spielt.

Diese Faktoren, die jeweils die eine oder die andere Mannschaft begünstigen (und die sich im Tabellenstand ausdrücken, oder in den vorausgegangenen Erfolgen oder Mißerfolgen in einem Turnier), addieren sich nicht linear, sondern im Spiel entsteht eine Dynamik, in der kleine, in der oft auch zufällige Faktoren eine sehr große Wirkung entfalten können. Das Verhalten eines solchen Systems ist schwer zu prognostizieren.

In den Spielen dieses Turniers schien oft der Spielbeginn eine große Rolle zu spielen.

Gegen die Türkei war es zum Beispiel so, daß die deutsche Mannschaft in der ersten Viertelstunde "nicht zu ihrem Spiel fand" und danach verunsichert wirkte. Das mag zunächst an Zufällen gelegen haben - an ein paar Pässen, die nicht ankamen; Spielern, die zufällig ungünstig standen -, aber es wirkte auf die Spieler zurück und machte es wahrscheinlicher, daß sie erneut solche Fehler produzierten. Spieler, die eine schlechte Tagesform hatten, verunsicherten durch ihre Fehler die anderen.

So jedenfalls könnte es gewesen sein; so ähnlich wird es gewesen sein: Aus kleinen Ursachen werden große Wirkungen. Faktoren, die für sich selbst unbedeutend sind, können entscheidend werden, wenn sie sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken. Das ist eben die Dynamik eines nichtlinearen Systems.

Die Folge ist Intransitivität. Hinge das Ergebnis eines Spiels allein von der "Papierform" ab, dann würde Transitivität herrschen: Wenn Mannschaft A die Mannschaft B schlägt und B die Mannschaft C, dann wird auch A die Mannschaft C schlagen. Wegen der Dynamik des nichtlinearen Systems gilt das aber halt nicht.

Leider nicht, aus der Sicht guter Mannschaften. Zum Glück nicht, aus der Sicht der im Rang weiter unten Stehenden und des Zuschauers, der seine Spannung haben möchte.

Habe ich jetzt etwas anderes gesagt als Sepp Herberger mit seinem unsterblicnen Satz "Der Ball ist rund"? Nein.



Weitere Artikel zum Fußball findet man hier verlinkt. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.