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15. März 2009

Marginalie: Erinnerung an einen Mehrfach-Mord. Aus gegebenem Anlaß

Im Juli 2006 trug sich ein Kriminalfall zu, über den damals die "Süddeutsche Zeitung" dies berichtete:
Student erschießt Eltern und Großmutter. Der 20-Jährige hat seine Verwandten im Schlaf getötet und ist seitdem verschwunden. An der Ulmer Universität beschaffte er sich hochgiftiges Zyankali – in einem Abschiedsbrief hatte er seinen Selbstmord angekündigt. (...)

Wahrscheinlich erschoss der 20-Jährige zunächst seinen 64 Jahre alten Vater und die sieben Jahre jüngere Mutter, die aus Korea stammt, in der gemeinsamen Wohnung im Schlaf. Anschließend brachte er seine in einem nahe gelegenen Altenheim wohnende 92 Jahre alte Großmutter mit mehreren Schüssen um.
Als der Bericht in der SZ erschien, wußte man noch nicht das, was dann später z. B. hier zu lesen war: Daß der Mörder anschließend sich selbst mit dem Zyankali das Leben nahm.



Der Fall entspricht in vielem dem Muster der Schulmassaker; nur daß die Aggression des Täters sich auf die Familie richtete. Auch hier sah sich dieser als Versager - er hatte das kaum begonnene Chemiestudium abgebrochen. Auch hier gingen lange Vorbereitungen der Tat voraus. Auch hier stand am Ende der Selbstmord des Täters. Er hätte statt seiner Familie ebenso eine Schulklasse oder Studenten als Opfer auswählen können.

Warum erinnere ich an diesen Fall "aus gegebenem Anlaß"? Weil niemand in der Familie des Täters Sportschütze war.

Wie er an die Pistole gekommen ist, das hat vergangene Woche sein Bruder in der Sendung des WDR "Domian" berichtet. Er rief an, weil er durch die Ereignisse von Winnenden innerlich aufgewühlt war.

Er hatte als einziger der Familie überlebt, war aber selbst in Lebensgefahr gewesen und von der Polizei in Sicherheit gebracht worden, weil man nicht wußte, ob der Mörder es nicht auch noch auf ihn abgesehen hatte. Dieser war, nachdem er mit vorgehaltener Pistole in der Universität das Zyankali erpreßt hatte, zunächst spurlos verschwunden.

Dieser Bruder also berichtete, wie der Täter an die Pistole gekommen war: Es handelte sich um eine historische, nicht mehr schießfähige Pistole, die er ganz legal im Internet erworben hatte. An dieser hatte er solange gefeilt und gebohrt, bis sie wieder verwendbar war.

Soll man also nun auch den Kauf solcher historischer Waffen verbieten? Wo würde das Verbieten enden, wenn man jeden nur denkbaren Weg, auf dem ein potentieller Täter an eine Waffe kommen kann, versperren wollte?



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13. März 2009

Zitat des Tages: "Konsequenzen des Amoklaufs" von Winnenden. Kontrollieren, Verbieten, Verschärfen. Warum aber wurde Tim K. zum Mörder?

Konsequenzen des Amoklaufs - CSU will Killerspiel- Verbot, SPD Kontrolle über Schützenvereine
Notruf- Funktionen für Internet- Nutzer, ein Killerspiel- Verbot, mehr Kontrolle in Schützenvereinen: Politiker der Großen Koalition streiten nach der Bluttat von Winnenden über politische Konsequenzen. Die Polizeigewerkschaft beklagt Sicherheitslücken bei der Waffenkontrolle.


Schlagzeile und Teaser eines heutigen Artikels in "Spiegel- Online"

Kommentar: Jetzt geht es also los mit dem, was zu erwarten gewesen war: Es wird über "politische Konsequenzen" diskutiert.

"Konsequenzen", von denen nicht zu erkennen ist, daß sie auch nur entfernt, daß sie auch nur indirekt etwas mit der Tat des Tim Kretschmer zu tun haben.

Von einem "neuen Anlauf" des bayerischen Innenministeriums berichtet "Spiegel- Online", "gewaltverherrlichende Spiele aus dem Verkehr zu ziehen". Ja, hat denn der Amoklauf von Winnenden etwas mit gewaltverherrlichenden Spielen zu tun? Es gibt dafür nicht das geringste Indiz. Noch nicht einmal daß Tim Kretschmer sich bei seiner Tat wie eine Figur aus solchen Spielen gekleidet hat, stimmt. Er ging so zum Töten, wie er sonst in die Schule ging.

Die unsägliche Justizministerin Zypries "rief Schützenvereine dazu auf, ihre Mitglieder künftig besser zu kontrollieren." Ja, ist denn der Vater von Tim Kretschmer schlecht kontrolliert worden?

Hätte ein Inspektor des Schützenvereins dessen Wohnung aufsuchen sollen, um herauszufinden, daß alle Waffen ordnungsgemäß im Waffenschrank verwahrt waren, bis auf die Beretta? Hätte er dann das Schlafzimmer des Ehepaars Kretschmer durchsuchen sollen, um diese Beretta zu ermitteln?

Eine "Verschärfung des Waffenrechts" schloß CDU- Generalsekretär Profalla nicht aus. Ja, wo will man denn da, bei einem der strengsten Waffengesetze der Welt, noch etwas verschärfen? Und gibt es auch nur den Schein eines Hinweises darauf, daß ein schärferes Waffenrecht den Amoklauf von Tim Kretschmer verhindert hätte?

Gegen solche Versuche, an den Haaren herbeizuziehen, wo man nur ziehen kann, muten Überlegungen wie die des Pädagogen Dieter Lenzen schon fast rational an, der den Amoklauf mit der Benachteiligung von Jungen im deutschen Bildungswesen in Zusammenhang bringt. Immerhin sind solche Schulmassaker etwas ausgeprägt Geschlechtsspezifisches.



Bei allen diesen Versuchen, Zusammenhänge zu konstruieren, scheint mir das Offensichtliche zu kurz zu kommen: Ein Mensch hat moralisch versagt. Dieser Tim Kretschmer - ja kein Kind, sondern strafmündig, wenn auch dem Jugendstrafrecht unterworfen - hat sich entschieden, Menschen zu töten. Nach allem, was man weiß, so viele, wie er nur konnte.

Hat er sich aus freiem Willen entschieden, das zu tun? Wahrscheinlich ja. Hinweise darauf, daß er nicht schuldfähig war - daß also beispielsweise eine schizophrene Erkrankung vorlag oder eine tiefgreifende Bewußtseinsstörung zu dem Zeitpunkt, zu dem er sich für die Tat entschied - gibt es bisher nicht. Es ist davon auszugehen, daß Tim Kretschmer ein Mörder ist, ein Massenmörder.

Er hat sehr wahrscheinlich abgewogen, bevor er sich für das Morden entschied. Er muß sich im Klaren darüber gewesen sein, welches Leid er über viele Menschen bringen würde - die Opfer, deren Angehörige, seine Eltern.

Er kam zu dem Ergebnis, daß dieses Leid weniger wog als seine Wut, sein verletztes Selbstwertgefühl, sein Bedürfnis nach Rache - was immer ihn zu der Tat getrieben hat.



Wenn man "Konsequenzen" aus einer solchen Tat erwägt, dann wäre hier anzusetzen. Was ist in der Erziehung eines jungen Menschen schief gelaufen, daß er zu einem solchen moralischen Krüppel geworden ist? Wieso hat er nicht hinreichend die Fähigkeit erworben, Mitleid mit anderen Menschen zu haben, sich in ihr Leid einzufühlen? Wieso war bei ihm die Kontrollfunktion so offensichtlich schwach ausgebildet, die wir umgangssprachlich Gewissen nennen, die Freud Überich und die Immanuel Kant das "moralische Gesetz in mir" genannt hat?

Fragen, die seltsamerweise in der öffentlichen Diskussion des Falls kaum eine Rolle spielen.

Fragen, die ja in einem öffentlichen Diskurs generell eine geringe Rolle spielen, der ganz auf "die Gesellschaft" hin zentriert ist. Ein Diskurs, der bei solchen Ereignissen fragt "Was haben wir, die Gesellschaft, falsch gemacht?" Statt zu fragen: "Warum hat dieser Mensch eine solche Schuld auf sich geladen?".



Mit Dank an Califax. Für Kommentare bitte hier klicken.

11. März 2009

Marginalie: Anmerkungen zum Schulmassaker in Winnenden

Die Muster gleichen sich so sehr, daß diese Art von Verbrechen einen eigenen Namen bekommen hat: "School Shooting".

Der Täter ist ein Schüler, oft ein ehemaliger Schüler der betreffenden Schule. Er war unauffällig; wird als gehemmt und kontaktscheu beschrieben.

Ein Mensch, der als Reaktion auf Frustrationen, die er erlebt hat, Aggressionen entwickelt, die er aber lange Zeit in sich hineinfrißt. Einer, der sich als Verlierer sieht und dessen Denken zunehmend von Rachegedanken beherrscht wird.

Der Tat gehen, wie die Rekonstruktion ergibt, meist längere Vorbereitungen voraus. Der Täter plant alles im Detail, geht die Einzelheiten in seiner Phantasie durch. Manchmal macht er auch Andeutungen über sein Vorhaben oder macht es gar im Internet bekannt.

Wenn es dann zur Tat kommt, hat sie alle Merkmale eines psychischen Ausnahmezustands. Der Täter handelt wie im Rausch. Er tötet meist wahllos. In einem Teil der Fälle endet diese einem Amoklauf ähnelnde letzte Phase mit dem Selbstmord des Täters, oder er wird von der Polizei erschossen.



Spätestens seit Michael Moores Agitationsfilm Bowling for Columbine, der das Schulmassaker von Littleton mit den amerikanischen Gesetzen zum Waffenbesitz in Verbindung brachte, wird nach jedem "School Shooting" unweigerlich der Ruf nach einer Verschärfung der Waffengesetze laut.

Nach dem Massaker von Erfurt 2002 zum Beispiel wurde sofort eine Verschärfung des deutschen Waffenrechts angekündigt. Nicht anders verlief die Diskussion nach dem Massaker von Emsdetten im Jahr 2006; ich habe diesen Gesetzgebungs- Reflex damals kommentiert; siehe auch den Kommentar zum Amoklauf in Virginia im darauffolgenden Jahr.

Auch jetzt wird es aller Wahrscheinlichkeit nach wieder eine Diskussion über das Waffenrecht geben.

Ob aber überhaupt eine Verschärfung des Waffenrechts Taten wie die heutige verhindern oder auch nur ihre Häufigkeit senken kann, ist ganz unklar.

Von den 18 Schulmassakern, die die Wikipedia in der Rubrik "Worldwide" (d.h. außerhalb der USA und von Canada) auflistet, fanden vier (Erfurt, Coburg, Emsdetten, Winnenden) in Deutschland statt, das eines der strengsten Waffengesetze der Welt hat, fünf im gesamten Rest Europas.



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