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17. Januar 2008

Marginalie: Kollektive Führung beim "Spiegel"?

Als Stalin tot war und niemand den Kampf um die Nachfolge für sich hatte entscheiden können, erfanden die russischen Kommunisten die "kollektive Führung". Erst waren es Malenkow und Chrutschtschow, die kollektiv führten, dann Chruschtschow und Bulganin.

Natürlich dauerte das nur für eine Übergangszeit, bis einer gewonnen hatte. Von 1958 an war es wieder vorbei mit der kollektiven Führung; Chruschtschow war Alleinherrscher geworden.

Beim "Spiegel" soll - so besagt es das jüngste Gerücht - nun, nachdem die Suche nach einem Nachfolger Austs bisher wie eine Schnitzeljagd bei Neumond in der Sahara verlaufen war, ebenfalls eine kollektive Führung her. Matthias Müller von Blumencron, Dauerkandidat, seit Austs Vertrag nicht verlängert wurde, soll der eine Kollektive werden, der andere Georg Macolo, auch er schon lange als möglicher Nachfolger Austs im Gespräch. Der eine ein Kandidat der Linken, von der FR ebenso hochgeschrieben wie von der TAZ; der andere eher der Mann Austs, ein ideologiefreier Macher.



Doppelspitzen haben beim "Spiegel" Tradition. Die Ur-Doppelspitze waren Augstein und sein Zwilling Hans Detlev Becker, zuerst unter dem Herausgeber Augstein "Geschäftsführender Redakteur", dann Chefredakteur. Augstein war mehr für die große Linie zuständig, Becker war ein Detail- Fanatiker; der Hauptverantwortliche für die exzellente handwerkliche Qualität des "Spiegel".

Später wurde die doppelt besetzte Chefredaktion beim "Spiegel" üblich. Sie bestand aus einem mehr "politischen" Chefredakteur und einem, der für die weichen Themen zuständig war; Erich Böhme und Johannes K. Engel waren das erfolgreichste derartige Team.

Aber darüber, nein, nicht schwebte, sondern thronte Rudolf Augstein, der als Herausgeber im Grunde der Chef der Chefs in einer Dreier- Chefredaktion war.

Als Aust Chefredakteur wurde und er allmählich Augstein faktisch beerbte, der sich immer mehr zurückzog, wurde das Dreiermodell unter anderen Bezeichnungen fortgeführt: Aust in der Rolle Augsteins, aber nur mit dem Titel "Chefredakteur"; die beiden stellvertretenden Chefredakteure Doerry und Preuß in den Rollen, die einst Böhme und Engel als kollektive Chefredaktion zugefallen gewesen waren.



Das hatte sehr gut funktioniert. Die Last der Tagesarbeit war auf zwei Schultern verteilt; zugleich sorgte der über den beiden Thronende dafür, daß die beiden Chefs sich nicht in einem Rivalitätskampf à la "Kollektive Führung" zerrieben.

Wenn die jetzigen Gerüchte stimmen, dann soll es nun sozusagen Böhme und Engel geben, aber ohne Augstein; oder Doerry und Preuß, aber ohne einen Aust über ihnen.

Ungefähr wie die beiden römischen Konsuln scheint man sich das vorzustellen. Daß ein solches Modell funktioniert, wäre eine große Überraschung. Allenfalls zwei Busenfreunde könnten auf Dauer gleichberechtigt ohne einen ständigen Machtkampf miteinander auskommen.

Mag sein, daß er von der "Mitarbeiter KG" beabsichtigt ist, der Machtkampf, nach dem Motto: Wenn sich zwei Chefs streiten, dann freuen sich die Mitarbeiter.

Von einem "Kalb mit zwei Köpfen" schreibt ein Leserbrief- Autor zu dem Artikel von Michael Hanfeld in der FAZ. Mir fällt eher Platons Gleichnis für die Seele ein: Der Wagenlenker (der Verstand), der zwei Pferde (den Mut und die Begierden) steuert.

Was man, sollten die Berichte stimmen, beim "Spiegel" jetzt plant, das ist sozusagen Platon - nur ohne Wagenlenker.

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8. Dezember 2007

Marginalie: Claus Kleber soll neuer "Spiegel"-Chef werden

Das war gestern für mich eine der überraschendsten Nachrichten des Jahres. Eine der erfreulichsten auch; zumal ich die bevorstehende Entscheidung über die Nachfolge von Stefan Aust weitaus pessimistischer beurteilt hatte.

Ich habe mich geirrt. Jedenfalls sehr wahrscheinlich. Dann nämlich, wenn sich bestätigt, was seit gestern Nachmittag gemeldet wird: Claus Kleber soll Nachfolger von Stefan Aust werden.



Ihn hatte niemand auf der Liste gehabt; außer natürlich den innersten Insidern, die aber offenbar dichtgehalten haben. Da ist wirklich - wenn die Meldungen stimmen - ein Dark Horse als erster durchs Ziel gegangen.

Einer, der zum ersten und letzten Mal für ein Printmedium gearbeitet hat, als er als Schüler für eine Lokalredaktion des "Kölner Stadt- Anzeigers" jobbte: Mit Themen wie "Kleintierzüchter, Naherholungsheime, Tankstellenkrisen"; so erzählte er es im Februar dieses Jahres Matthias Hannemann von der FAZ.

Einer, zweitens, der zu den wenigen politischen Journalisten gehört, die sich nicht nur von keiner Partei vereinnahmen lassen, sondern die derart sachbezogen (wenn auch alles andere als unkritisch) berichten, daß man sie noch nicht einmal als "SPD-nah", als "CDU-nah" oder als "FDP-nah" etikettieren kann.

"In zehn Jahren sollen die Leute immer noch nicht wissen, auf welcher Seite ich stehe", zitierte ihn vor drei Jahren Sebastian Hammelehle in der "Welt am Sonntag. Das hätte auch Gerd Ruge sagen können, Stefan Aust oder Friedrich Nowottny, der auf eine Frage nach seiner Parteinähe einmal geantwortet hat, er sei "Nowottny-nah".

Kleber ist damit das genaue Gegenteil des erwarteten Aust- Nachfolgers, der - so schien es nicht nur mir, so schien es auch zum Beispiel Harald Staun in der FAZ, - "lieb, links und auf der Liste" sein würde; auf der Liste nämlich der starken linken Fraktion in der Mitarbeiter KG des "Spiegel".

Nein, links ist er nicht - jedenfalls nicht in seiner Arbeit -, der Claus Kleber. Und "lieb"? Hm, wenn damit eine gewisse Softie- Haftigkeit gemeint ist, dann spricht wenig dafür, daß Kleber wenigstens in dieser Hinsicht das Klischee eines Hätschelkinds der Linken erfüllt.

Seine Vita jedenfalls deutet auf Anderes hin: Kein Studium der Germanistik, der Philosophie, der Soziologie oder der Journalistik. Kleber ist promovierter Jurist; er hat als Anwalt gearbeitet. Er wollte einmal Pilot oder Astronaut werden. Als Matthias Hannemann ihn Anfang dieses Jahres in seinem Büro beim ZDF interviewte, entdeckte er in einem Regal den Bausatz für eine Saturn V- Mondrakete.



Fast sieht es aus, als hätte die Mitarbeiter KG des "Spiegel", nachdem man Aust gefeuert und allerlei linke Gedankenspiele veranstaltet hatte, am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen.

Als sei den Mitarbeitern, vielleicht beim Einkaufen ihrer Weihnachts- Geschenke und dem damit verbundenen Blick ins Portemonnaie, aufgegangen, daß ihnen ein Profi, der allein auf journalistische Qualität achtet, am Ende doch zuträglicher ist als einer, der nur lieb und links ist.

Sie haben mit einem Seitensprung geliebäugelt, die Damen und Herren von der Mitarbeiter KG. Und sind am Ende zurückgekehrt - zu einem, der dieselben Qualitäten hat wie Stefan Aust.

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6. Dezember 2007

Marginalie: Nach Aust jetzt Matussek. Der "Spiegel" wird auf Linie gebracht

Seit ein paar Tagen wird es gemunkelt, jetzt scheint es sicher zu sein: Nach Stefan Aust ist das nächste Opfer der Wende beim "Spiegel" Matthias Matussek, den Aust zum Kulturchef gemacht hatte. Zusammen mit Dr. Romain Leick, auch er keiner aus der In-Group der die Feuilletons bevölkernden Journalisten Publizisten, sondern zuvor Korrespondent in Paris, so wie Matussek in Rio und London stationiert gewesen war.

Ich kann nicht sagen, daß ich Matusseks meist etwas flapsige, oft oberflächliche, nur selten gut geschriebene Arbeiten sehr geschätzt hätte.

Aber er hatte erfrischende Ideen, er rührte nicht im faden Einheitsbrei linker Konformität herum, sondern servierte schon mal Gepfeffertes.

Und vor allem: Unter diesem Ressortleiter konnten Artikel erscheinen, die in den meisten Feuilletons nicht hätten gedruckt werden können.

Beispielsweise eine realistische, also vernichtende Reportage über die Absurditäten gewisser Formen des Regietheaters. Eine "Spiegel"- Story, über deren Entstehung und Schicksal der Autor Joachim Lottmann im Rückblick berichtet hat.

So etwas bringt man als Ressortleiter nicht in Deutschland, wenn man nicht als rückständig, ja als - horribile dictu - konservativ erscheinen will. (In Frankreich hingegen geht das schon; dort hat sogar der stellvertretende Chefredakteur des linken Nouvel Observateur, Jacques Julliard, kürzlich eine Philippika gegen das Regietheater vom Stapel gelassen, gegen die der Artikel im "Spiegel" ein schüchternes Zweifeln war).

Daß beim "Spiegel" so etwas immerhin nach deutschen Maßstäben Hoch- Ketzerisches erscheinen konnte, war sozusagen der gedruckte Beweis dafür, daß es dort unter Aust, daß es in Matusseks Kultur- Ressort liberal zuging; daß neben den selbstveständlich dominierenden Linken auch Unpolitische, ja Konservative zu Wort kommen durften. Eine seltsam zusammengecastete Redaktion halt, aus der Sicht eines Autors wie Oliver Gehrs, der es als gestandener Linker beim "Spiegel" einst allerdings nur auf zwei Jahre als Redakteur gebracht hatte.

Mit dem seltsamen Zusammencasten wird es jetzt vorbei sein. Denn es wird immer deutlicher, daß die Mitarbeiter KG sich die jetzige Gelegenheit, den "Spiegel" wieder auf eine linke Einheitslinie zu trimmen, nicht entgehen lassen wird.

Oder, wie es die "Taz" vor ein paar Tagen formuliert hat: Der "Spiegel" dürfte "wieder ein durch und durch lesbares Blatt" werden. Von einem "Taz"-Autor geschrieben ist das ungefähr die düsterste Prognose, die man dem "Spiegel" ausstellen kann.

Ich bin gespannt, wer die nächsten Opfer dieser Mitarbeiter KG sein werden, in der, wie gestern Wolf Lotter in der "Welt" schrieb, "typische Repräsentanten der in Deutschland so mächtigen Armee der eingebildeten Benachteiligten" das Sagen haben.

An Stelle von Joachim Preuß, von Gabor Steingart, von Georg Mascolo und von Henryk M. Broder würde ich mich schon mal ein wenig auf dem Arbeitsmarkt umsehen.

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18. November 2007

Randbemerkung: Rutscht der "Spiegel" jetzt nach links?

In den letzten Jahren haben sich der "Spiegel" und "Spiegel Online" immer weiter voneinander entfernt; sowohl, was die journalistische Qualität angeht, als auch in der politischen Linie.

Während der "Spiegel" unter Stefan Aust die Krise, in die er Anfang der neunziger Jahre geraten war, schnell überwand und heute wieder seinem Ruf als eines der international führenden Nachrichten- Magazine gerecht wird, gedeiht bei "Spiegel- Online" ein Agitations- Journalismus, der Nachricht und Kommentar vermischt.

Im Stil der "Tageszeitung" ("taz") werden Nachrichten so formuliert - oder auch schon mal, wie gerade erst wieder, so umformuliert -, daß die LeserInnen gleich mitgeliefert bekommen, wie sie diese Nachrichten politisch zu bewerten haben. Parteilicher Journalismus also, wie er (in einer freilich extremeren Form) in der DDR in der Sektion Journalistik der Karl- Marx- Universität Leipzig allen Nachwuchs- Journalisten der DDR eingetrichtert worden war (der Journalist als "kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator").

Man kann zwar auch gegen die "Spiegel"- Story als Publikationsform einwenden, daß in ihr Nachricht und Meinung nicht getrennt werden. Hans Magnus Enzensberger hat das ja schon 1957 getan. Aber das ist dem Format "Nachrichten- Magazin" nun einmal eigen, seit Henry Luce 1923 das Time Magazine erfand.

In den international führenden Nachrichtenmagazinen wie Time und Newsweek wird das so gehandhabt, daß der Autor oder die Autoren einer Geschichte zwar die Freiheit haben, den Stoff unter einem bestimmten Blickwinkel darzustellen, daß es aber keine für alle verbindliche "politische Linie" gibt.

So hat es Augstein (trotz seiner Bemerkung aus der Zeit der turbulenten siebziger Jahre, der "Spiegel" sei ein "lberales, im Zweifel ein linkes Blatt") immer gehandhabt; wenn auch sein Einfluß auf das Blatt nachließ, je mehr er sich aufs Altenteil zurückzog. Als in den sechziger Jahren einmal Redakteure des "Spiegel" nach ihrer politischen Präferenz gefragt wurden, outeten sich viele als Sozialdemokraten, etliche als Freie Demokraten, einige als Christdemokraten.

Diese Vielfalt der Meinungen ist unter Aust im "Spiegel" allmählich wieder hergestellt worden. Unter seiner Leitung wurde der "Spiegel", der in den siebziger und achtziger Jahren immer weiter nach links gerückt war, wieder zu einem Nachrichtenmagazin nach dem Vorbild des angelsächsischen Journalismus. Das führte naturgemäß zu Konflikten. Es führte dazu, daß linke Redakteure wie Harald Schumann und Gerd Rosenkranz das Blatt verließen.



Nun also wird Aust gehen. Und die Linke wittert die Chance, den "Spiegel" wieder auf linken Kurs zu trimmen. Dazu muß man jemanden als Nachfolger pushen, dem man zutraut, eine solche Wende hinzubekommen.

Dieser jemand ist auch schon gefunden. Er heißt Mathias Müller von Blumencron. Unter seiner Verantwortung pflegt "Spiegel Online" diesen agitatorischen, vor allem gegen die USA gerichteten Stil. Ihm darf man zutrauen, auch den "Spiegel" auf diese Linie zu trimmen.

Also rührt die Linke die Trommel für ihn.

Die "taz" zerbrach sich am Freitag den Kopf über mögliche Nachfolger Austs. Alle (di Lorenzo, Schirrmacher, Franziska Augstein, Kleine- Brockhoff) wurden mehr oder weniger süffisant niedergemacht. Nur - aparte Idee - Gerd Rosenkranz und Harald Schumann als Doppelspitze kamen besser weg. Und dann derjenige, den die "taz" als "den Einzigen" bezeichnet: Mathias Müller von Blumencron: "Blumencron ist zudem im Grunde das Gegenmodell zu Aust. (...) Intern würde der Spiegel also nach links rücken."

Ja gewiß doch. Also rührt einer der Autoren des "taz"- Artikels, Oliver Gehrs, gleich auch noch in einem Interview mit "n-tv" die Trommel für Müller von Blumencron.

Unter Aust sei der "Spiegel", findet Gehrs, "restaurativ und bürgerlich und gestrig" geworden. Er sei "in seiner politischen Bewertung sehr erratisch" geworden, ja "politisch gesehen überhaupt nicht mehr verlässlich gewesen". Was wir wohl so verstehen dürfen, daß Gehrs die Parteilichkeit vermißt, die klare linke Linie. Was ist dagegen zu tun? Gehrs weiß es: "Der 'Spiegel-Online' - Chef Mathias Müller von Blumencron wäre der richtige Nachfolger".

Und die "Frankfurter Rundschau" stimmt ein: Mathias Müller von Blumencron sei "ein gewandter Profi" dem mit "Spiegel-Online" "eine einzigartige Erfolgsgeschichte" gelungen sei und der ergo "gute Chance auf die Nachfolge Austs" habe.



In den gut dreißig Jahren, in denen das Modell der "Mitarbeiter KG" existiert, hat es meist funktioniert. Das lag im wesentlichen daran, daß erst Augstein selbst und dann Stefan Aust, den Augstein der Redaktion oktroyiert hatte, ein starkes Gegengewicht zu den jeweiligen Vertretern der Mitarbeiter bildeten. Beide haben immer auf Liberalität, auf Qualität und auf Verkäuflichkeit geachtet.

Jetzt werden erstmals die Mitarbeiter mit ihrem Anteil von 50,5 Prozent den entscheidenden Einfluß auf die Bestimmung eines Chefredakteurs haben. Wenn es nach der "taz", nach Oliver Gehrs, wenn es nach der "Frankfurter Rundschau" geht, dann wird das mit Müller von Blumencron einer sein, der die Tradition von Augstein und Aust wohl kaum fortsetzen dürfte.

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16. November 2007

Randbemerkung: Aus für Aust

Wievielen Kommentatoren wird dieses Wortspiel einfallen? Vermutlich allen. Nur werden sich nicht alle auf das Niveau begeben, es auch zu verwenden. Wortspiel und gehobenes Niveau - da ist auch heute noch für viele deutsche Journalisten wie Fisch und Messer.

Womit ich beim Thema bin. Was den "Spiegel", der sich selbst seit der ersten Nummer SPIEGEL schreibt, von dieser ersten Nummer an ausgezeichnet hat, das war etwas, das es damals - 1947 - in Deutschland nicht gab, und später auch nur sehr selten: Ein hohes Niveau mit Unterhaltsamkeit zu verbinden.

Wer für die "Zeit" schreibt, der wird es in der Regel (falls er nicht gerade zur Rätsel- Redaktion gehört) als nachgerade beleidigend empfinden, wenn man ihm attestiert, er schreibe unterhaltsam. Vom "stern" abwärts andererseits ist es für einen Autor ein vernichtendes Urteil, wenn seine Texte als nicht unterhaltsam eingestuft werden.

Der "Spiegel" befand sich von Anfang an an der Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten des Journalismus; sozusagen zwischen E-Journalismus und U-Journalismus.

Die "Spiegel"-Redaktion (immer mit einem erklecklichen Anteil von Promovierten) schrieb stets für ein intelligentes, wenn auch nicht unbedingt intellektuelles Publikum. Aber der Stil, die "Masche", wie das Hans Magnus Enzensberger in seinem berühmten Radio- Essay von 1957 nannte, war und ist frech, respektlos, mit einem Sprachwitz, der sich oft und gern in Richtung Kalau bewegt.



Dafür war zuvorderst Rudolf Augstein selbst verantwortlich, dem die Verkaufszahlen immer ebenso wichtig waren wie das Niveau. Verantwortlich dafür waren auch Chefredakteure wie Hans Detlef Becker, Claus Jacobi, Johannes K. Engel und Erich Böhme, die sich an der Frische und Direktheit des angelsächsischen Journalismus orientierten.

Aber es gab auch andere Tendenzen, andere Phasen in der Geschichte des Blatts. Es gab die Zeit des Chefredakteurs Günter Gaus, der dem "Spiegel" seine eigene Intellektualität und sein eigenes politisches Engagement aufzustülpen versuchte. Und es gab die Zeit, als das bunte, peppige "Focus" vorübergehend zu einer ernsthaften Konkurrenz zu werden schien. Gegen einen "Spiegel", dessen Redaktion alterte, der unter dem Einfluß rotgrün angehauchter Redakteure, teils auch Ressortchefs, zu einem drögen Weltverbesserer- Organ herabzusinken drohte.

Damals, Anfang der neunziger Jahre, wurde das Blatt von zwei Chefredakteuren geführt, dem gelernten Wirtschafts- Redakteur Dr. Wolfgang Kaden und Hans Werner Kilz, der sich vom Korrespondenten in Mainz und Frankfurt über die Leitung des Ressorts Deutschland II bis in die Chefredaktion hochgearbeitet hatte. Zwei fähige, aber glanzlose und ziemlich langweilige Journalisten, die recht gut zu dem Mausgrau paßten, mit dem der immer noch überwiegend schwarzweiß gedruckte "Spiegel" in der bunten Welt der Konkurrenz- Blätter immer dröger wirkte.

Augstein erkannte die Gefahr eines Abstiegs seines Blatts, und er handelte schnell, hart und mit Erfolg; wie immer, wenn er das für erforderlich hielt.



Gegen den Widerstand eines großen Teils der Redaktion tauschte er die Chefredaktion aus. An die Stelle der "Doppelspitze", die es seit 1973 gegeben hatte (im Grunde eine Dreierspitze mit dem Herausgeber Augstein als Ober- Chefredakteur) setzte er einen einzigen Chefredakteur: Stefan Aust.

Das verstand damals kaum jemand. Auch ich war sehr verwundert. Aust hatte als junger Mann allerlei Erfahrungen in mehr oder weniger windigen Printmedien gesammelt - "Konkret", den "St. Pauli Nachrichten". Er war als Chronist der RAF hervorgetreten und hatte ansonsten beim Fernsehen gearbeitet, erst beim NDR und dann als Chef von "Spiegel-TV".

Dieser Mann, aus dem linksextremen Milieu der sechziger Jahre hervorgegangen, dann ein TV-Mann, auch gar noch ein Pferdezüchter - dieser Mann ohne Erfahrungen in der Redaktion eines großen Blatts sollte den "Spiegel" wieder nach vorn bringen?

Er tat es. Er krempelte die Optik des Blatts um. Er sorgte für einen Generationswechsel. (Damals begann der "Spiegel" mit der Sitte, hinter die Namen seiner Redakteure, wenn sie in der "Hausmittelung" genannt wurden, stets das Alter zu setzen). Er setzte sich mit den rotgrünen Weltverbesserern auseinander, von denen ein Teil das Blatt verließ. Er machte den "Spiegel" (fast) wieder so frisch und so frech, wie er es in den fünfziger Jahren gewesen war.

Dabei sank das Niveau keineswegs. Das Ressort "Gesellschaft" wurde um etliche Edelfedern um Cordt Schnibben erweitert, die zuvor an einem gescheiterten Zeitschriften- Projekt des "Spiegel"- Verlags gebastelt hatten. Die Berichterstattung wurde überwiegend politisch neutraler, als das seit den späten sechziger Jahren der Fall gewesen war. (Mit der Ausnahme allerdings der USA-Berichterstattung). Wirtschaftlich geht es dem "Spiegel" heute bestens. Aust hat daran entscheidenden Anteil.



Er hätte wohl gern noch zwei Jahre weitergemacht. Jedenfalls hatte er bei den letzten Vertragsverhandlungen eine Option auf eine Verlängerung seines Vertrags über den 31. Dezember 2008 hinaus um weitere zwei Jahre durchgesetzt.

Jetzt hat sich die Geschäftsführung darauf verständigt, von dieser Option keinen Gebrauch zu machen. Das geschah, so wurde mitgeteilt, auf Initiative der Mitarbeiter KG - jener einzigartigen Konstruktion, die daraus hervorging, daß Augstein Anfang der siebziger Jahre den Mitarbeitern die Hälfte seines Anteils am "Spiegel"- Verlag geschenkt hatte; ein eleganter Schachzug, mit dem er den "Spiegel" unbeschädigt durch die damalige Revoluzzerei brachte.

Über die Hintergründe des jetzigen Schritts ist noch wenig bekannt. Von einem "Modernisierungs- Schub" und "frischer, neuer Kraft" ist die Rede.

Ich wünsche dem "Spiegel", daß das funktioniert und daß man wieder einen wie Aust findet. Er war unter allen, die die Geschicke des "Spiegel" geleitet haben, Augstein selbst am ähnlichsten.

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25. Februar 2007

"So macht Kommunismus Spaß" (2): Lektüren

Es hat etwas gedauert, bis die vor fünf Wochen angekündigte Fortsetzung zu meiner Rezension von Bettina Röhls "So macht Kommunismus Spaß" jetzt anhebt. Oder fast.

Das liegt daran, daß ich zum Thema zuvor das eine oder andere lesen oder wiederlesen wollte; vor allem Klaus Rainer Röhls Fünf Finger sind keine Faust und Stefan Austs Der Baader- Meinhof- Komplex; ein Buch, an dem Bettina Röhl - leider ungenannt - bei den Recherchen mitgewirkt hat. Ich habe auch damals, zur RAF-Zeit, sehr viel an Zeitungsausschnitten und dergleichen gesammelt, was ich jetzt wieder durchgesehen habe.



Nun also kann es zügig vorangehen. Hopefully

In der jetzigen Folge kurz etwas über diese Quellen.

Dann, in Folge 3, der Versuch einer, sagen wir, subjektiven Sicht auf Ulrike Marie Meinhof. Es hat mich selbst einigermaßen überrascht, zu welcher Beurteilung ich gekommen bin.

Teil 4 geht es (so ist es jedenfalls geplant) um die RAF, die mir umso verbrecherischer, umso inhumaner erscheint, je mehr ich mich wieder mit ihr befaßt habe.



Das, was Bettina Röhl über ihre Mutter schreibt, ist sehr sachlich. Bemüht sachlich, fast erschreckend sachlich. Es ist offensichtlich, daß sie versucht, ihre eigenen Empfindungen beiseite zu lassen und die Biographie ihrer Mutter so zu schreiben, wie das eben eine Journalistin tun sollte.

Auch Klaus Rainer Röhl hat sich in "Fünf Finger sind keine Faust" erkennbar darum bemüht, Ulrike Marie Meinhof Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Sein Buch ist nicht das eines Historikers, auch nicht das eines Journalisten. Es ist ein Stück Memoiren- Literatur. Wie jeder, der Memoiren schreibt, schildert Röhl die Ereignisse aus seiner Perspektive; sich selbst hervorhebend und exkulpierend, seine Mitstreiter lobend, seine Feinde denunzierend. So sind Memoiren nun mal.

Aber was Ulrike Meinhof angeht, ist das nobel und - soweit ich es beurteilen kann - auch zutreffend, was Röhl schreibt. Manchmal flapsig, oft oberflächlich, wie Röhl halt ist. Aber fair; ich möchte fast sagen: bewundernswert fair.



Und das Buch von Stefan Aust ist geradezu das Musterbeispiel eines herausragenden Journalismus - eines Journalismus von fast schon amerikanischer Qualität.

Er nimmt nicht Stellung. Er interpretiert nicht. Er teilt einfach die Fakten mit, die er recherchiert hat. Nicht auf der Seite der RAF, nicht auf der Seite der Strafverfolgungsbhörden. Er schreibt nicht, um zu beeinflussen. Er schreibt, um zu informieren.

Wenn eine Interpretation auf der Hand liegt, dann trägt er sie freilich schon mal vor. Meist in Form eines trockenen, ironischen Kommentars. Nicht mehr. Wo Fragen offen sind, da spekuliert Aust nicht, sondern er schreibt, daß Fragen offen sind. Er versteht sich als ein Faktenhuber; er überläßt es dem Leser, Folgerungen zu ziehen.

Als ich jetzt dieses herausragende Buch wieder gelesen habe, da habe ich zum ersten Mal verstanden, warum Rudolf Augstein diesen Stefan Aust als seinen Erben ausersehen hat.

Und warum es Aust es gelungen ist, den "Spiegel" aus seiner seinerzeitigen Krise zu führen.

Ein großer Journalist. Ein demokratischer Journalist, der verstanden hat, daß seine Aufgabe als Journalist nicht die Beeinflussung ist, sondern die vorurteilsfreie Information.