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16. April 2008

Zettels Meckerecke: Da trommelt der Busch, bumm bumm!

Laut heutigen Meldungen zum Beispiel in der "Welt" soll eine EU-Verordnung zum Schutz gegen Lärm auch auf Musiker ausgedehnt werden. Auf Musiker in Klassik- Orchestern. Die Berliner Philharmoniker dürfen dann künftig nicht mehr spielen, wenn jemand ermittelt, daß sie dabei den zulässigen Lärmpegel überschreiten und nicht durch Ohrstöpsel geschützt sind.

Dazu fällt mir nun wirklich nichts mehr ein. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann fällt einem immer noch Wilhelm Busch ein. Wie war das doch gleich? "Musik wird störend oft empfunden ..."?

Nicht ganz. Auch dieses Zitat von Busch wird, wie so viele, meist verhunzt wiedergegeben.

Also dachte ich mir: Sich über diese Brüsseler Bürokraten zu erregen, die ihr Netz um uns zu spinnen versuchen, bis sie uns erst gelähmt und dann geschluckt haben, das ist öde und unergiebig.

Machen wir also aus der Not eine Tugend. Statt daß Sie sich mit mir über diese Sesselfurzer ärgern müssen - freuen Sie sich doch mit mir an dieser sehr schönen Geschichte von Wilhelm Busch, gegen den Tom und Jerry immer noch blasse Figürchen sind:
Der Maulwurf

In seinem Garten freudevoll
Geht hier ein Gärtner namens Knoll.
Doch seine Freudigkeit vergeht,
Ein Maulwurf wühlt im Pflanzenbeet.
Schnell eilt er fort und holt die Hacke,
Daß er den schwarzen Wühler packe.

Jetzt ist vor allem an der Zeit
Die listige Verschwiegenheit.
Aha! Schon hebt sich was im Beet,
Und Knoll erhebt sein Jagdgerät.
Schwupp! Da - und Knoll verfehlt das Ziel.
Die Hacke trennt sich von dem Stiel.

Das Instrument ist schnell geheilt;
Ein Nagel wird hineingekeilt.
Und wieder steht er ernst und krumm
Und schaut nach keiner Seite um.
Klabumm! - So krieg die Schwerenot! -
Der Nachbar schießt die Spatzen tot.

Doch immerhin und einerlei!
Ein Flintenschuß ist schnell vorbei.
Schon wieder wühlt das Ungetier.
Wart! denkt sich Knoll. Jetzt kommen wir.
Er schwingt die Hacke voller Hast -
Radatsch! - O schöner Birnenast!

Die Hacke ärgert ihn doch sehr,
Drum holt er jetzt den Spaten her.
Nun, Alter, sei gescheit und weise
Und mache leise, leise, leise!
Schnarräng! - Da tönt ihm in das Ohr
Ein Bettelmusikantenchor.

Musik wird oft nicht schön gefunden,
Weil sie stets mit Geräusch verbunden.

Kaum ist's vorbei mit dem Trara,
So ist der Wühler wieder da.
Schnupp! dringt die Schaufel wie der Blitz
Dem Maulwurf unter seinen Sitz.

Und mit Hurra in einem Bogen
Wird er herauf ans Licht gezogen.
Aujau! Man setzt sich in den Rechen
Voll spitzer Stacheln, welche stechen.
Und Knoll zieht für den Augenblick
Sich schmerzlich in sich selbst zurück.

Schon hat der Maulwurf sich derweil
Ein Loch gescharrt in Angst und Eil.
Doch Knoll, der sich emporgerafft,
Beraubt ihn seiner Lebenskraft.
Da liegt der schwarze Bösewicht
Und wühlte gern und kann doch nicht;

Denn hinderlich, wie überall,
Ist hier der eigne Todesfall.
Eigentlich, finde ich, hätte dieser Zweizeiler am Schluß es verdient, diese schöne Geschichte unsterblich zu machen. Unsterblich!



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24. November 2007

Zitat des Tages

Grönemeyer auf Platz 1. Platz zwei für Udo Jürgens, Platz drei für Mozart

Das ZDF über die gestrige Show "Unser bester Musikstar".
Da kann Mozart aber stolz sein! (Siehe auch hier)

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22. November 2007

Zettels Meckerecke: Ist Bach der Beste? Über U-Kultur und E-Kultur

Bach? Dirk Bach, oder der Johann Sebastian? Kommt nicht so drauf an. Nachdem das ZDF unseren besten Komiker gesucht und gefunden hatte, ist diesmal - gesendet wird morgen Abend - der beste Musiker dran.

Zuvor war schon beispielsweise der beste Deutsche gekürt worden (Konrad Adenauer), der beste Fußballer (Franz Beckenbauer) und die beste Erfindung (das Fahrrad).

Nun also, so schreibt das ZDF, werden wir erfahren, wen die Deutschen für den größten "Musikstar aller Zeiten" halten. "Ob Bach oder BAP, Mozart oder Modern Talking, Nena oder Nicole". Von Mitte September bis Mitte Oktober konnte, wer wollte, abstimmen.



Müssen einem da nicht die Haare zu Berge stehen?

Zum einen wegen der Mehrheits- Entscheidungen, wie sie zwar nicht von "den" Deutschen, aber doch jedenfalls von den abstimmenden Deutschen zu diesen Sendungen getroffen wurden.

Adenauer als der größte Deutsche - das mag noch angehen. Er war gewiß einer der größten deutschen Staatsmänner, und der einzige der ganz Großen, der noch innerhalb eines engeren Zeithorizonts vieler von uns gelebt hat.

Aber beim Lesen "Der Herr der Ringe" auf Platz eins: Nicht wahr, da hört der Spaß auf? Da beginnen sich nun wirklich die Augenbrauen zu heben, da legt sich die Stirn in besorgte Falten. Höre ich jemanden "Kulturlosigkeit" murmeln?

Nun also "Bach oder BAP, Mozart oder Modern Talking". Da sträuben sich nicht nur die Nackenhaare. Da könnte manchen, dem unsere Kultur am Herzen liegt, wohl schon ein Schreikrampf überkommen.

Das Volk wird befragt, und es darf sagen, ob es Mozart oder Bach schätzt, oder ob es doch vielleicht Nena oder Nicole bevorzugt! Wenn das kein Ende unserer Kultur ist, kein Untergang des Abendlandes!



Nein, ich meckere nicht gegen solche Sendungen. Ich meckere gegen die herablassende Kritik an ihnen. Ich teile keineswegs diese Reaktion, die von Haarsträuben und Stirnrunzeln begleitet ist.

Ich habe die erste dieser Sendungen gesehen, aus der Adenauer als Sieger hervorging; danach keine mehr. Sie werden aber wohl alle ähnlich gewesen sein.

An dieser damaligen Sendung hat mich geärgert, daß der Scharlatan Karl Marx einen ziemlich guten Platz erreicht hat. Aber nun gut - auch das ist ja ein Ergebnis, daß so viele Deutsche sich für ihn ans Telefon bemühten; was oder wer auch immer sie dazu motivierte.

Ansonsten habe ich mich darüber gefreut, daß viele meiner Mitbürger sich - sei es durch Abstimmen, sei es durch Einschalten der Sendung - überhaupt für die Frage interessiert haben, wer denn die größten Deutschen waren.

Und so geht es mir auch mit den Nachfolge-Themen.

Nehmen wir die Gebäude. Kölner Dom und Brandenburger Tor als Sieger bei den "Lieblingsorten" - das ist doch gut. Meine Lieblingsorte sind es gewiß nicht; ich hätte vielleicht die Frankfurter Paulskirche gewählt, das Symbol des liberalen, des freiheitlich- konservativen Deutschland. Aber was sich nun ergab, das ist doch eine respektable Entscheidung gewesen - der Kölner Dom als Symbol der rheinisch- demokratischen, des katholischen Deutschland, das Brandenburger Tor als Symbol des preußisch- rechtsstaatlichen, des protestantischen und aufgeklärten Deutschland.

Und Loriot als der beste Komiker - hätte man eine bessere Wahl treffen können? Schumi als bester Sportler, nun gut, da mag die Tagesaktualität durchgeschlagen sein. Das ist bei Sportlern vermutlich unvermeidlich; sie hinterlassen ja nichts für die Nachwelt, gar die Ewigkeit.



Musiker tun das. Also produzieren sie Kultur.

Jedoch richtige Kultur in Deutschland nur dann, wenn sie E-Musik machen. Denn bei uns zerfällt die Musik bekanntlich in U-Musik und E-Musik. Nena und Nicole, das ist U-Musik. Bach und Beethoven, das ist E-Musik. Beim Jazz wird es etwas schwierig; da er heute überwiegend in den Kulturprogrammen der Sendeanstalten gespielt wird, ist er wohl zur E-Musik avanciert.

Wir teilen nicht nur die Musik in E und U ein. Wir unterscheiden in Deutschland auch zwischen ernsthafter Literatur und Unterhaltungsliteratur. Wer U-Literatur produziert, der ist ein Schreiber, allenfalls ein Autor. Wer E-Literatur herstellt, der ist mindestens ein Autor, meist aber schon ein Schriftsteller, am Ende gar ein Dichter. Martin Walser hat es bisher nur bis zum Schriftsteller geschafft. Günter Grass hingegen ist ein Dichter.

Ich kann mit allen diesen Unterscheidungen wenig anfangen. Robert Gernhardt, einer meiner Lieblingsautoren - hat er E-Literatur oder U-Literatur produziert? Waren Walter Scott, Charles Dickens, Victor Hugo, Honoré de Balzac, Conrad Ferdinand Meyer, Theodor Storm, Lewis Carroll E- oder U-Autoren?

Natürlich gibt es gewaltige Unterschiede in der Qualität dessen, was Musiker komponieren und spielen, was Literaten zu Papier bringen.

Aber erstens ist das ein Kontinuum, keine Dichotomie. Und zweitens hat Qualität nichts damit zu tun, ob Musik oder Literatur unterhaltsam ist.

Also nehme ich mir die Freiheit, beispielsweise Loriot für kulturell bedeutsamer zu halten als unseren Nobelpreisträger Günter Grass.

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13. Mai 2007

Zettels Meckerecke: Ein Musik-Wettbewerb? Ein völkischer Zählappell

Zu der Veranstaltung, die in Deutschland seltsamerweise zunächst unter ihrem französischen Namen Grand Prix Eurovision de la Chanson firmierte, dann unter ihrem englischen Namen Eurovision Song Contest, habe ich eine sentimentale Beziehung.

Das geht auf die Zeit Ende der sechziger Jahre zurück, als ich vom Studenten zum Geldverdiener aufgestiegen war und mir - zum Preis von 498 Mark, in bequemen Raten zu bezahlen - einen Fernseher hatte leisten können.

Da erschloß sich eine mir zuvor völlig unbekannte Welt; denn in der Familie meiner Eltern hatte es kein TV gegeben. Also habe ich, im Alter von Anfang zwanzig, mit Kinderaugen in diese neue, aufregende Welt geguckt und mich an ihr gefreut.

Und da war dieser Grand Prix de l'Eurovision eben etwas Besonderes. Ein Highlight, ein Event würde man heute auf Deutsch sagen. Ich habe das genossen, wie das "Raumschiff Enterprise", wie die Mondlandung, wie die Berichte von Peter von Zahn.



Wie das so ist mit solchen emotionalen Beziehungen - die Jahre gehen ins Land, die Welt ändert sich, aber diese Verbindung, diese Besetzung, wie Freud es nannte, bleibt hartnäckig bestehen. Man ist halt konditioniert.

Also habe ich die "Kommissar"-Filme, als 3Sat sie kürzlich wiederholte, mit viel Bewegung gesehen. Also gucke ich mir Jahr für Jahr, wenn es irgend geht, diesen Grand Prix an, diesen Song Contest. Inzwischen läuft er allerdings nur noch im Hintergrund, während ich am Rechner sitze. Viel Aufmerksamkeit braucht er ja nicht.

Gestern Abend also war es wieder einmal so weit. Ich habe mich gewundert, wie schnell ein Jahr herum ist - gerade hatte doch erst Texas Lightning diesen hübschen Country Song gesungen.

Nun ja. Die gefühlte Zeit zwischen Dinner for one und Dinner for one wird ja auch immer kürzer. Die wahrgenommene Zeit ist offenbar keine lineare Funktion der physikalischen Zeit; vielleicht eine logarithmische oder eine Potenzfunktion mit einem Exponenten kleiner eins.



"Zettels Meckerecke?" Ja. Denn nach dieser etwas nostalgischen Einleitung werde ich jetzt meckern. Und zwar kräftig.

Daß auch nationale Präferenzen bei der Abstimmung für diesen Preis eine Rolle spielten, das war immer so. Aber daß die Abstimmung dadurch ad absurdum geführt wird, daß praktisch nur noch nach nationalen Präferenzen abgestimmt wird, das ist eine Entwicklung der Zeit seit den neunziger Jahren.

Gewiß, die Holländer und die Österreicher haben selten viele Punkte an die Piefkes, an die Moffen vergeben. Die Skandinavier haben einander immer gut gefunden, die damals so genannten Benelux- Länder ebenso. Spanier mochten portugiesische Beiträge, und umgekehrt - das war halt der gemeinsame Geschmack gewesen.

Aber das waren doch nur kleine Einflüsse, die das Ergebnis nicht entschieden. Wer gewann, wer vorn lag - das hing von der Qualität ab.

Natürlich von der Qualität in Relation zum Zeitgeschmack. Also konnte Nicole 1982 gewinnen, als ganz Europa sich nach einem "bißchen Frieden" sehnte. Also lag man so gut oder so schlecht, wie man eben - mit hinreichender Qualität - das zu treffen wußte, was der Zeitgeist verlangte.



Vorbei. Heute kann man das Abstimmungsergebnis der meisten Länder vorhersagen, ohne auch nur den jeweiligen Beitrag gehört zu haben:
  • Erstens stimmt man für seine völkisch (politically correct: ethnisch) verwandten Nachbarn. Es gibt einen russischen Block, zu dem neben Rußland die sonstigen Nachfolgestaaten der UdSSR gehören. Es gibt, das gewissermaßen überwölbend, einen slawischen Block, zu dem beispielsweise auch Polen gehört. Es gibt einen Balkan- Block, der sich wieder in einen serbokroatischen und einen griechischen unterteilt. Es gibt einen kleinen rumänischen Block, zu dem die Länder mit rumänischer Bevölkerung gehören - also Moldawien, Ungarn, andere Anrainerstaaten Rumäniens. Und so fort. Man kann das quer durch ganz Europa verfolgen, für den skandinavischen Block, den iberischen.

  • Zweitens stimmen Auswanderer für ihre alte Heimat. Folglich bekommt die Türkei seit Jahren "von Deutschland" zwölf Punkte. Folglich schneiden die Nachfolgestaaten der UdSSR in Israel ganz vorn ab. Wo es einen erheblichen Anteil islamischer Einwanderer gibt, da liegt die Türkei - das einzige islamische Land, das an diesem Wettbewerb teilnimmt; Bosnien- Herzegowina ist ja noch nicht so weit - durchweg ganz vorn.


  • Kurzum: Diese Veranstaltung ist zu einer lächerlichen Farce geworden. Diejenigen Länder, in denen ja eigentlich keine schlechte Musik gemacht wird, die aber keinen dieser beiden Vorteile genießen - Frankreich, England, Deutschland, Italien zum Beispiel - landen auf den hinteren Rängen. Und diejenigen, die von dieser Blockbildung, die von den Stimmen von Auswanderern profitieren, liegen ganz vorn.

    Was soll das also? Was folgt aus dieser zunehmend absurder werdenden Situation? Meine sehr subjektive Reaktion ist: Laßt diese Lachnummer sein.

    Ja, zugegeben, mir würde etwas fehlen, wenn es diesen Event nicht mehr gibt.

    Aber ich glaube, ich könnte das verkraften. Während eine Abstimmung, die keine mehr ist, sondern ein völkischer Zählappell, Europa nur schaden kann. Und der Musik- Kultur noch mehr.