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2. August 2008

Zettels Meckerecke: Bsirske flog mit der Lufthansa in die Südsee. Ja und?

Empörung hat, so steht es zum Beispiel in "Spiegel- Online" und in "Welt Online", der Ver.di- Vorsitzende Bsirske ausgelöst. Von "unglaublichem" Verhalten ist die Rede; der FDP-Generalsekretär Niebel forderte gar den Rücktritt von Bsirske.

Was hat er gemacht? Er ist in den Urlaub geflogen. Zugegeben, etwas weit weg; in die Südsee, heißt es. Und mit welcher Gesellschaft? Mit der Lufthansa natürlich. In deren Aufsichtsrat ist er stellvertretender Vorsitzender; also stehen ihm und seiner Familie Freiflüge Erster Klasse zu.

Worauf gründet sich die Aufregung? Daß Bsirske - er verdient sich bei der Lufthansa durch seinen Aufsichtsrat- Job ein Zubrot von 210.000 Euro im Jahr, so wurde kürzlich gemeldet - von den Privilegien Gebrauch macht, die nun einmal einem Mitglied des Lufthansa- Aufsichtsrats zustehen? Daß er dort Urlaub macht, wo sich Leute seiner Einkommensklasse nun einmal gern in ihren Ferien vergnügen?



Bsirske hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet. Nicht alle, aber doch manche, die das geschafft haben, neigen zu einem Lebensstil, der es allen zeigt, wie weit sie es gebracht haben. Der eine baut sich, wie Oskar Lafontaine, eine nachgerade lächerlich protzige Villa, der andere posiert, wie Gerhard Schröder, mit unverhohlenem Stolz im Brioni- Anzug.

Gewiß hat das etwas Peinliches, Stilloses. Aber so ist es nun einmal. "Neureich" nannte man früher solche Leute, die ihren erlangten gesellschaftlichen Status so präsentieren wie andere ihren Body. Ja und?

Man muß Bsirske ja nicht mögen. Ich mag ihn ebensowenig wie Jürgen Trittin, den Umweltfreund, der sich als Minister einen besonders üppigen Dienstwagen leistete, oder wie Sahra Wagenknecht, die Kommunistin, die aus ihrer Vorliebe für Hummeressen keinen Hehl macht.

Nein, diesen Typus des protzenden, eitlen Salon- Bolschewisten schätze ich nicht. Aber jeder hat halt Leute, die er mag, und andere, die er nicht mag.

Etwas Vorwerfbares, etwas, das gar eine Rücktrittsforderung rechtfertigen würde, kann ich bei Bsirske nicht sehen.

"Spiegel- Online" zitiert den CSU- Wirtschaftsexperten Hans Michelbach: "Bsirske agiert nach dem Motto: links reden, rechts leben". Ja, natürlich tut er das, der Bsirske. Links reden ist halt eine der Möglichkeiten, im Kapitalismus Karriere zu machen. Und wer erfolgreich Karriere macht, der darf - auch das ist im Kapitalismus nun einmal so - auch die Früchte seiner Karriere genießen. Also rechts leben. Warum sonst macht er Karriere?

Wer so ungehemmt rechts lebt wie Wagenknecht, Trittin, Lafontaine und Bsirske, der muß freilich damit rechnen, vom Sozialneid getroffen zu werden. Von just dem Sozialneid, den Leute wie Wagenknecht, Trittin, Lafontaine und Bsirske schüren, indem sie links reden.

Das ist nun einmal das Risiko, wenn man über die Klassenkampf- Schiene Karriere macht. Ein Grund zum Rücktritt ist es nicht; und schon gar nicht sollte ausgerechnet der Generalsekretär der FDP ins Horn des Sozialneids stoßen.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

10. Dezember 2007

Die Deutschen und das Atom (5): Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?

"Im Umkreis von 30 Kilometern um die großen Dome und Kathedralen Europas - Nôtre Dame, Westminster Abbey, um den Kölner Dom, den Frankfurter Dom - wohnen mehr Moslems, als es dem Anteil der Moslems an der Bevölkerung des jeweiligen Landes entspricht."

Ich kenne keine Daten, die diese Aussage belegen, aber sie ist sehr wahrscheinlich zutreffend. Ob es so ist, das ist aber auch nicht kritisch für das, was ich diskutieren möchte:

Man könnte aus diesem statistischen Zusammenhang schließen, daß irgendetwas von den Domen ausgeht, das Moslems anzieht. Daß es Moslems sozusagen dazu drängt, sich in der Nähe eines Doms niederzulassen.

Das wäre natürlich keine sehr kluge Interpretation derartiger Daten, die vielmehr darauf beruhen (würden), daß Dome in Großstädten stehen und daß in europäischen Großstädten prozentual mehr Moslems wohnen als auf dem flachen Land.



Am Wochenende wurde eine Untersuchung in den Medien diskutiert, die sich mit Fällen von Leukämie bei Kindern befaßte, die im Umkreis von AKWs wohnen. Dazu berichtet die "Süddeutsche Zeitung":
Die Forscher unter der Leitung der Mainzer Epidemiologin Maria Blettner stellten fest, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie, erkrankt waren. Im statistischen Durchschnitt seien 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Etwa 20 Neuerkrankungen seien also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen.
Wenn die Medizinstatistiker, die diese Untersuchung durchgeführt haben, tatsächlich so argumentiert haben sollten, wie es dieses Zitat besagt, dann hätten sie nicht stringenter argumentiert als jemand, der in Domen Anziehungspunkte für Moslems sieht, weil in ihrem Umkreis eben viele Moslems wohnen.

Nun ist Maria Blettner eine angesehene Wissenschaftlerin. Man sollte erwarten, daß ihre und ihrer Mitarbeiter Untersuchung keine groben methodischen Mängel aufweist, zumal aus ihrer Publikationsliste hervorgeht, daß sie im Bereich der epidemiologischen Krebsforschung ausgewiesen ist.

Aber Genaueres über die jetzigen Daten weiß man nicht. Denn die Untersuchung, die so sehr die Gemüter erregt, ist noch gar nicht publiziert!

Auf der Website der Arbeitsgruppe von Prof. Blettner ist dieses Untersuchungsprojekt zwar verzeichnet - aber in Form einer Projektbeschreibung. Die Ergebnisse werden dort für "Ende 2006" in Aussicht gestellt. Offenbar wurde der Text seit längerem nicht mehr aktualisiert.



Immerhin erfährt man aus dieser Projektbeschreibung Genaueres über die Methodik. Es wurden aus dem deutschen Kinder- Krebsregister Fälle von Kindern entnommen, die im Zeitraum zwischen dem 01.01.1980 ­und dem 31.12.2003 an Krebs erkrankt waren. Zum weiteren Verfahren heißt es:
Im ersten Teil der Studie wird individuell der Abstand der Wohnung der Familie des an Krebs erkrankten Kindes zum Kernkraftwerk ermittelt und mit dem Abstand der Wohnung von zufällig ausgewählten Kontrollfamilien verglichen. Als Studienregionen wurden jeweils mindestens 3 Landkreise in der Umgebung der 15 Leistungsreaktoren in den alten Ländern der Bundesrepublik Deutschland definiert. (...) Im zweiten Teil der Studie wird durch ein standardisiertes computergestütztes telefonisches Interview untersucht, ob potentielle Confounder die in Teil 1 untersuchte Beziehung beeinflussen.
Wenn ich das richtig verstehe, hat man die an Krebs erkrankten Kinder in den ausgewählten Landkreisen rund um ein AKW herausgesucht, dann eine gleich große Anzahl von Kindern aus denselben Landkreisen zufällig ausgewählt und ermittelt, wie weit die Kinder der beiden Gruppen vom AKW entfernt wohnten.

Das scheint auch aus der Fragestellung der Untersuchung hervorzugehen: "Wohnen Familien mit unter 5-jährigen Kindern, bei denen eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde, häufiger in der Nähe von Kernkraftwerken als Familien mit nicht an Krebs erkrankten Kindern?"

Wie die Grenze von 5 km zustandegekommen ist (war sie schon vorher für den statistischen Test festgelegt?) und wie überhaupt die Signifikanz getestet wurde, geht weder aus dieser kurzen Projektbeschreibung hervor, noch aus den bisherigen Zeitungsberichten. Wichtig wäre es vor allem, das Signifikanzniveau zu kennen. Häufig wird das 5-Prozent- Niveau gewählt - dessen Erreichen nicht mehr besagt als: Die Wahrscheinlichkeit, daß dieses Ergebnis zufällig zustande gekommen ist, ist ungefähr so groß, wie daß man zweimal hintereinander eine sechs würfelt. (Diese liegt bei knapp drei Prozent).

Alle diese Einzelheiten sind bisher nicht bekannt. Wie wasserdicht die jetzt publizierten Folgerungen der Untersuchung wirklich sind, wird man also erst erfahren, wenn die Untersuchung zur Publikation eingereicht und peer reviewed (also von Fachleuten, die selbst auf diesem Gebiet forschen, begutachtet) worden ist und sie die eventuellen Einwände der Gutachter überstanden hat.



Und wie ist das nun mit den Moslems, die gehäuft im Umkreis von Domen wohnen?

Die Mainzer Untersucher waren sich dieses Problems offenbar bewußt. Deshalb führten sie den Teil 2 der Untersuchung durch, in dem die Familien der einbezogenen Kinder - der erkrankten wie der gesunden - im Hinblick auf "potentielle Confounder" untersucht wurden.

Gemeint sind damit solche Faktoren wie im Beispiel der Moslems der Umstand, daß jemand, der in der Nähe zu einem Dom wohnt, eben zugleich in einer Großstadt wohnt. Die Variablen "Nähe zum Dom" und "Großstadt" sind also, wie man sagt, konfundiert - man weiß nicht, ob ein beobachteter Effekt an dem einen oder dem anderen Faktor liegt.

In der Mainzer Untersuchung wird man also z.B. nach anderen Risiko- Faktoren gefragt haben, denen ein Kind ausgesetzt gewesen sein könnte - etwa der Nähe zu einer chemischem Fabrik. Was sich dabei ergab, ist offenbar der Öffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden.



Führt man sich diesen Stand der Dinge vor Augen, dann wird deutlich, wie leichtfertig es ist, allein aufgrund bruchstückhafter, noch gar nicht publizierter Daten einer noch gar nicht von Fachleuten begutachteten Untersuchung bereits irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Und das ist reichlich geschehen, innerhalb weniger Tage. Aus der "Süddeutschen Zeitung":

Reinhard Bütikofer von den "Grünen": "Wir Grüne fordern die beschleunigte Abschaltung gerade der ältesten Atomkraftwerke." Wer noch immer "für einen längeren Betrieb von Atomkraftwerken oder gar deren Neubau eintritt, handelt völlig verantwortungslos".

Hans-Josef Fell, auch er von den "Grünen": "Die etablierte, meist atomfreundliche Wissenschaft hat die Gefahren der Atomenergie bisher maßlos unterschätzt."

Freilich sieht es auf der anderen Seite nicht besser aus. "So sehr ich mir Aufklärung über diese Zusammenhänge von der Wissenschaft erhoffe, so sehr kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Studie die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", erklärte laut SZ Katharina Reiche von der CDU.

Woher weiß Katharina Reiche das? Woher wissen die Herren Bütikofer und Fell das, was sie behaupten?



Es ist schon ein Kreuz mit der Art, wie Politiker, wie auch Journalisten mit wissenschaftlichen Untersuchungen umgehen, die sie gar nicht kennen und die sie nicht beurteilen könnten, würden sie sie denn kennen.

Den Vogel aber hat wieder einmal der Umweltminister Gabriel abgeschossen.

Aus einer heutigen dpa-Meldung, zitiert nach der FAZ:
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte (...), [die] Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das Tausendfache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können.
Eine klassische petitio principii. Gabriel setzt das als gegeben voraus, was doch gerade untersucht werden sollte: Ob nicht möglicherweis auch viel geringere Strahlendosen, als bisher angenommen, das Krebsrisiko erhöhen können.

Und dann setzt er noch einen drauf, der Strahlenexperte Gabriel. Statt abzuwarten, bis wirkliche Fachleute sich geäußert haben (nämlich die peer reviewers internationaler Zeitschriften, die allein in der Lage sind, die Qualität einer solchen Untersuchung zu beurteilen), hat Gabriel ausgerechnet die Strahlenschutzkommission (SSK) "mit einer umfassenden Bewertung der Ergebnisse beauftragt".

Ein Gremium, dessen wissenschaftliche Reputation erheblich gelitten hat, seit es der Umweltminister Trittin nach der Regierungsübernahme der Rotgrünen aus zwei früheren Kommissionen neu bildete und vor allem neu besetzte, und zwar überwiegend mit Atomkraftgegnern oder -skeptikern, deren wissenschaftlicher Rang weit unter dem der Fachleute lag, an deren Stelle sie traten.

Kritiker sprachen damals davon, Trittin versuche, "systematisch Sachverstand durch Parteiverstand" zu ersetzen; die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter schrieb, daß es dergleichen bisher "nur im Sowjetreich" gegeben habe.

Zu denjenigen, die Trittins Personalpolitik kritisierten, gehörte die damalige Vorsitzende der SSK. Sie trat aus Protest gegen die Berufung eines fachlich nicht ausgewiesenen Mitgliedes durch Trittin sogar von ihrem Amt zurück.

Der Name dieser aufrechten Wissenschaftlerin, die laut "Welt" als atomfreundlich gilt: Maria Blettner.



Der Vorwurf von Katharina Reiche erscheint also als wenig begründet.

Sollten die Ergebnisse der Mainzer Gruppe methodisch hieb- und stichfest sein, sollte insbesondere die Kontrolle von konfundierenden Faktoren gelungen zu sein - dann wird man zumindest den begründeten Verdacht akzeptieren müssen, daß es die Gefahr einer Verursachung von Leukämie durch AKWs gibt.

Man muß das dann akzeptieren, auch wenn man nicht in den Chor der Grünen und Linken einstimmt. Aber es ist so, wie Freud einmal seinen Lehrer Charcot zitierte. In einem Kolloquium hatte jemand Befunde vorgetragen, und ein anderer wendete dagegen ein, diese Befunde widersprächen der gängigen Theorie. Worauf Charcot sagte: "ça n'empêche pas d'exister" - das hindert nicht, daß es das gibt.



Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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    5. April 2007

    "Buback hin, das macht Sinn": Erinnerung an einen Mord. Bemerkungen zur Sprache des Unmenschen

    Vor dreißig Jahren, am Grün- Donnerstag 1977, wurde der General- Bundesanwalt Siegfried Buback ermordet; zusammen mit ihm sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Beamte Georg Wurster.

    Buback war das erste Opfer in einer Serie von Morden, denen danach der Bankier Ponto, Hanns Martin Schleyer und andere zum Opfer fielen.

    Die Serienmörder sind bis heute nicht eindeutig identifiziert. Fest steht, daß Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar, Günter Sonnenberg und Knut Folkerts beteiligt waren. Wer die drei Menschen erschoß, die am 7. April 1977 starben, ist unbekannt. Die Täter verweigern bis heute ein Geständnis.



    Auf den Gedenktag aufmerksam geworden bin ich durch einen ausgezeichneten Artikel von Heribert Prantl in der heutigen Online-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung". Prantl ist selbst Jurist und war, bevor er Journalist wurde, als Staatsanwalt tätig. Sein Artikel ist ungewöhnlich sachkundig und enthält viele Einzelheiten, die mir unbekannt gewesen waren.

    Beispielsweise, daß das Bekennerschreiben die zynische Feststellung enthielt: ""für 'akteure des systems selbst' findet die Geschichte immer einen Weg. (...) Am 7.4.77 hat das Kommando Ulrike Meinhof Generalbundesanwalt Buback hingerichtet".

    Auch den Spruch im Titel dieses Beitrags habe ich dem Aufsatz von Prantl entnommen. Dergleichen war damals überall zu lesen - an den Wänden der Uni- Gebäude, in Flugbättern abgedruckt.



    Ich erinnere mich noch gut an die damaligen Meldungen und die Reaktionen darauf. Der Mord war Tagesgespräch in der Uni.

    Freilich sprach kaum jemand von einem Mord. Die vorherrschende Reaktion war ungläubiges Staunen - darüber, daß die RAF sich tatsächlich getraut hatte, einen, wie man dachte, scharf bewachten hohen Beamten auf offener Straße "anzugreifen", und daß der Anschlag gelungen war - nicht nur Buback und seine Begleiter tot, sondern die Attentäter entkommen und wie vom Boden verschwunden.

    Das imponierte. Es wurde mit Bewunderung diskutiert; Bewunderung zum Beispiel für die Idee, daß man sich einfach durch Motorradhelme mit heruntergeklapptem Visier tarnte statt mit einer Strumpfmaske, wie das gewöhnliche Kriminelle gemacht hätten. Und daß man mit dem Motorrad auch besser hatte entkommen können als mit einem Pkw.

    Was mich im Rückblick am meisten erschreckt, das ist die unglaubliche Verrohung des Denkens vieler damaliger Studenten; der hämische Zynismus, der damals an der Tagesordnung war. Es war, ich habe das hier schon mehrfach geschrieben, das Denken der Nazis; nur daß der Feind der Menschheit jetzt nicht mehr die Juden waren, sondern die Kapitalisten. (Was für viele keinen großen Unterschied machte; so wenig, wie für die Nazis selbst).

    Buback - so sahen es viele, sehr viele - war ein "Schwein", eine "Charaktermaske des Repressionsapparats". Daß so jemand "hingerichtet" wurde, damit hatte man kein Problem. Allenfalls wurde diskutiert, ob das denn die richtige Strategie ist, um die Macht zu erobern.



    Einige Tage nach dem Mord wurde ein Text publik, der an der Universität Göttingen zunächst als Flugblatt einer linksextremen Studentengruppe namens BUF ("Bewegung undogmatischer Frühling") erschienen und dann vom dortigen, kommunistisch beherrschten ASTA nachgedruckt worden war. Eine Formulierung aus diesem Text eines gewissen "Mescalero" ist zum geflügelten Wort geworden: Die von der "klammheimlichen Freude", die der Autor als seine Reaktion auf den Mord - nein, er schreibt "Abschuß" - nennt.

    Es lohnt sich aber, auch andere Passagen aus diesem Text nachzulesen:
    Meine unmittelbare Reaktion, meine "Betroffenheit" nach dem Abschuß von Buback ist schnell geschildert: ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören, ich weiß, das er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken eine herausragende Rolle spielte.

    Wer sich in den letzten Tagen nur einmal genau sein Konterfei angesehen hat, der kann erkennen, welche Züge dieser Rechtsstaat trägt, den er in so hervorragender Weise verkörperte. (...) Ehrlich, ich bedaure es ein wenig, daß wir dieses Gesicht nun nicht mehr in das kleine rot- schwarze Verbrecheralbum aufnehmen können, das wir nach der Revolution herausgeben werden, um der meistgesuchten und meistgehaßten Vertreter der alten Welt habhaft zu werden und sie zur öffentlichen Vernehmung vorzuführen. Ihn nun nicht mehr - enfant perdu.

    (...) Ich habe auch über eine Zeit hinweg (wie so viele von uns) die Aktionen der bewaffneten Kämpfer goutiert; ich, der ich als Zivilist noch nie eine Knarre in der Hand hatte, eine Bombe habe hochgehen lassen. Ich habe mich schon ein bißchen dran aufgegeilt, wenn mal wieder was hochging und die ganze kapitalistische Schickeria samt ihren Schergen in Aufruhr versetzt war. Sachen, die ich im Tagtraum auch mal gern tun tät, aber wo ich mich nicht getraut habe sie zu tun.

    Ich habe mir auch jetzt wieder vorgestellt, ich wäre bei den bewaffneten Kämpfern. (...) Wie ich mich monatelang darauf vorbereiten müßte, daß Buback weg muß, wie mein ganzes Denken von Logistik und Ballistik bestimmt wird. Wie ich mir sicher sein kann, das [sic] dieser und kein anderer sterben muß, wie ich in Kauf nehme, das [sic] auch ein anderer dabei draufgeht, ein dritter vielleicht querschnittsgelähmt sein wird etc.

    (...) Aber wer und wieviele Leute haben Buback (tödlich) gehaßt. Woher könnte ich, gehörte ich den bewaffneten Kämpfern an, meine Kompetenz beziehen, über Leben und Tod zu entscheiden?

    Wir alle müssen davon runterkommen, die Unterdrücker des Volkes stellvertretend für das Volk zu hassen, so wie wir allmählich schon davon runter sind, stellvertretend für andere zu handeln oder eine Partei aufzubauen. Wenn Buback kein Opfer des Volkszornes wird (oder wegen mir auch des Klassenhasses, damit kein falscher Verdacht aufkornmt), dann geht die Gewalt, die so ausgeübt wird, ebensowenig vom Volk aus, wie Bubacks Gewalt vom Volke ausging.

    Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine der Strategien der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk:) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.

    (...) Um der Machtfrage willen (o Gott!), dürfen Linke keine Killer sein, keine Brutalos, keine Vergewaltiqer, aber sicher auch keine Heiligen, keine Unschuldslämmer. Einen Begriff und eine Praxis zu entfalten von Gewalt/ Militanz, die fröhlich sind und den Segen der beteiligten Massen haben, das ist (zum praktischen Ende gewendet) unsere Tagesaufgabe. Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.


    Ich habe längere Passagen zitiert, um deutlich zu machen, wie diese "Mescalero" argumentiert; wie viele damals gedacht haben:

    Nicht der Mord wird verurteilt, weil er ein Verbrechen ist. Von Mitleid mit den Opfern keine Spur; stattdessen Hohn und Haß. "Mescalero" kritisiert lediglich, daß die RAF nicht die Zustimmung der Bevölkerung habe; daß man deshalb "Gewalt/Militanz" brauche, die "den Segen der beteiligten Massen haben". "Opfer des Volkszorns" hätte Buback schon werden sollen; aber den "bewaffeneten Kämpfern" mangelt es, so befindet Mescalero, an "Kompetenz".

    So dachten sie damals, die "Spontis", die "Straßenkämpfer", die Maoisten und "undogmatischen Linken".



    Im Januar 2001 traf Jürgen Trittin, der in jenen Jahren in Göttingen Mitglied des "Kommunistischen Hochschulbunds" (KHB) gewesen war und auf einer Kundgebung den Abdruck des "Mescalero"-Textes verteidigt hatte, im ICE zufällig mit dem Sohn des ermordeten Siegfried Buback, dem Chemieprofessor Michael Buback zusammen. Was dann geschah, beschrieb damals der "Tagesspiegel":
    "Ich bin hingegangen, habe mich vorgestellt und ihn gefragt", sagt Buback. Die Frage lautete: "Haben Sie sich inzwischen von diesem unsäglichen Buback Nachruf distanziert?" Der Professor berichtet, Trittin habe geantwortet: "Warum sollte ich?" Eine barsche Reaktion. (...) Dann schob der Minister eine zweite Gegenfrage nach: "Haben Sie ihn überhaupt zu Ende gelesen?"
    Trittin hat sich später, als die Sache bekannt geworden war, erklärt und zu rechtfertigen versucht; man kann das in dem "Tagessspiegel"- Artikel nachlesen. Daß es eine Schande war, überhaupt einen Artikel zu veröffentlichen, der so die Sprache des Unmenschen spricht wie dieser "Mescalero"- Artikel, hat Trittin nicht gesagt.