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10. Dezember 2009

Gorgasal liest ein Buch (3): Zum Zweiten Weltkrieg

Gerhard L. Weinbergs A World At Arms (deutsch: Eine Welt in Waffen) ist eines der besten Bücher über den Zweiten Weltkrieg, die ich bisher gelesen habe. Weinberg hält sich nicht mit endlosen Schlachtenbeschreibungen oder Augenzeugenberichten auf, sondern legt sein Hauptaugenmerk einerseits auf die Hintergründe der getroffenen Entscheidungen - warum unterstützte die Sowjetunion Deutschland bis 1941, während das Dritte Reich sich den Rücken für den Angriff nach Osten freimachte? - und andererseits auf die globalen Zusammenhänge rund um den Krieg. Sehr lesenswert!

Aus Weinbergs Buch lernt man (oder zumindest: lerne ich) vieles Neues, und vieles erscheint in einem neuen Licht und wird viel verständlicher. So etwa die fundamentale Rolle der Ideologie im Zweiten Weltkrieg: für orthodoxe Kommunisten - und nach den "Säuberungen" der Dreißiger Jahre in der Sowjetunion waren keine anderen mehr übrig - waren die deutschen Nationalsozialisten einerseits Handlanger, andererseits Kulminationspunkt des "Monopolkapitalismus". Nach marxistisch-leninistischer Lehre bekämpften sich die Monopolkapitalisten gegenseitig, und "natürlich" führte Deutschland daher gegen Frankreich und England Krieg. Noch immer nach der reinen Lehre ging es dabei hauptsächlich um Ressourcen, Absatzmärkte und Kolonien. Also würde Deutschland weiter den Krieg im Westen führen, um die englischen und die französischen Kolonialreiche zu übernehmen. Nach dieser Sicht der Dinge gab es überhaupt keinen Grund für Deutschland, die Sowjetunion anzugreifen. Die UdSSR musste nur zuschauen, wie sich die kapitalistischen Staaten gegenseitig ausbluteten, und auf das Übergreifen der Weltrevolution auf die werktätigen Massen im Westen warten. Marx und Lenin hatten das ja alles "wissenschaftlich" vorhergesagt, und die Entwicklung bis kurz vor dem 22. Juni 1941 schien diese Sicht der Dinge zu bestätigen. Und so unterstützte die UdSSR Deutschland enthusiastisch bis kurz vor Operation Barbarossa mit Rohstoffen dabei, den Kontinent zu unterjochen, und musste dann jahrelang in Europa die Hauptlast des Krieges gegen Deutschland tragen.

Ein weiteres Beispiel für die zentrale Rolle der Ideologie in diesem Konflikt sind - wenig überraschend - die deutschen Entscheidungen. Schon früh drängten deutsche Militärs und japanische Diplomaten Hitler zu einem Frieden mit der Sowjetunion, damit sich Deutschland auf den Krieg mit den gefährlicheren Westmächten konzentrieren konnte. Dies alles verkannte die sinnstiftende Dimension des Krieges im Osten zur Gewinnung von "Lebensraum" - dagegen war der Krieg im Westen für Hitler nur Mittel zum Zweck.

Hatte überhaupt irgendjemand bei den Alliierten Hitlers Mein Kampf gelesen und ernstgenommen?

Der zweite Schwerpunkt bei Weinberg ist die globale Dimension des Krieges. Beispielsweise wurde die Sowjetunion ja in großem Umfang aus den USA mit Rüstungsgütern versorgt. In Deutschland ist hier vor allem der Transport über den Atlantik nach Murmansk im Bewusstsein, gegen den Deutschland mit U-Booten vorzugehen versuchte. Weniger bekannt ist, dass über diese Route nur etwa ein Viertel der amerikanischen Lieferungen an die UdSSR ging. Ein weiteres Viertel ging durch den Iran, und die Hälfte wurde über den Pazifik transportiert - unter der Nase von Deutschlands Verbündetem Japan. Als Japan mit den USA im Krieg stand, wurden Schiffe in den USA gebaut, an der Westküste sowjetisch umgeflaggt und schipperten unter sowjetischer Flagge ungehindert durch das japanische Gebiet, da die UdSSR ja 1941 einen Neutralitätspakt mit Japan geschlossen hatte und penibel einhielt. Natürlich waren die Deutschen darüber nicht glücklich und drängten Japan wiederholt zu Angriffen auf diesen Nachschub. Allerdings hatte Japan schlechte Erinnerungen an die schweren japanischen Verluste gegen sowjetische Truppen in Grenzkämpfen 1938/39 in Nordchina, und überdies hätten die japanischen Inseln von Flugplätzen in der UdSSR aus erreicht und bombardiert werden können. Die Sowjetunion erlaubte den USA derlei Bombardierungen von ihrem Territorium aus in der Tat nicht, und solange dem so war, störte sich Japan nicht an dem Nachschub für die Sowjetunion, der gegen Deutschland eingesetzt wurde.

Ein weiterer Punkt, den Weinberg sehr schön herausarbeitet, ist die zentrale Rolle der Erfahrungen im und Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Alle politischen Führer und hochrangigen Offiziere hatten ihn miterlebt, teilweise in den Materialschlachten an der Westfront, und alle zogen ihre Schlussfolgerungen daraus. Erstens nahmen die westlichen Entscheider unter dem Eindruck der schrecklichen Materialschlachten 1914-18 an, kein vernünftig denkender Politiker wollte noch einen Krieg in Europa. Dies - zusammen mit dem auch im Westen weit verbreiteten Gefühl, Hitlers Forderungen seien prinzipiell nicht unbillig - war sicherlich ein Faktor, der mit zur anfänglichen Nachgiebigkeit gegenüber Hitler führte. Einen Krieg konnte dieser komische Österreicher ja sicher nicht wollen.

Eine zweite wichtige "Lehre" aus dem Ersten Weltkrieg war die "Dolchstoßlegende", die (falsche) Ansicht, die deutschen Truppen seien "im Feld unbesiegt" und nur politische Winkelzüge durch Zivilisten in Berlin für die Kapitulation verantwortlich gewesen. Diese Legende, die ja von der Nazipropaganda gebetsmühlenartig aufgegriffen wurde, war im Zweiten Weltkrieg weithin anerkannt, auch unter den Alliierten. Daraus ergaben sich zwei Konsequenzen: erstens musste der alliierte Sieg diesmal "überzeugend" ausfallen, daher auch die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation der Achsenmächte. Und zweitens: die Dolchstoßlegende führte dazu, dass der Moral der Heimatfront ein sehr hohes Gewicht beigemessen wurde. Schließlich hatte die Heimatfront der Legende zufolge zur deutschen Kapitulation 1918 geführt! Die logische Konsequenz war einerseits die Ausplünderung der deutsch besetzten Gebiete, um die deutsche Heimatfront ruhigzustellen; bis 1945 waren die deutschen Rationen die höchsten in Europa. Und zweitens wurden natürlich große Hoffnungen auf die alliierten Bombenangriffe und deren Auswirkungen auf die Moral der Deutschen gesetzt, allerdings vergebens - und umgekehrt erwarteten sich die Deutschen auch noch ähnliche Erfolge von den Bombardierungen Englands, sei es 1940 mit Flugzeugen oder 1944/45 mit V1 bzw. V2.

Eine dritte Konsequenz aus den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg war der grundlegende strategische Dissens zwischen den Westmächten 1942-1944. Nach Operation Torch, der Landung amerikanischer und britischer Truppen in Nordafrika 1942, und dem dortigen Bewegungskrieg gegen Rommels Afrikakorps folgte die Invasion Siziliens und Italiens und das langsame Vordringen nach Norden. Gleichzeitig wurde aber die Invasion in der Normandie geplant. Sollte diese Invasion durchgeführt werden, oder sollten lieber Ressourcen nach Italien gebracht und Europa von Süden her aufgerollt werden? Die USA waren der Meinung, der Angriff auf die Normandie sollte auf jeden Fall durchgeführt werden - das Vordringen in Italien ging sehr langsam vor sich, und bis diese Truppen nach Deutschland vordringen könnten, standen ja noch die Alpen im Weg. Und wenn all das zu lange dauerte, könnte sich die immer im Raum stehende Gefahr eines Separatfriedens Deutschlands mit der Sowjetunion konkretisieren. Die Engländer hingegen erinnerten sich einerseits daran, wie sie vor nicht allzu langer Zeit in Frankreich und Griechenland vom Kontinent verdrängt worden waren - ein weiteres Debakel, diesmal in der Normandie, wäre politisch katastrophal gewesen - andererseits aber auch an die Blutmühlen in Frankreich 1914-1918, die viele Kommandeure selbst miterlebt hatten. Weinberg zitiert hier einen Brief von General Sir Hastings Ismay an Field Marshal Archibald Wavell, in der Ismay darauf hinweist, dass vielerorts ein Blutbad wie an der Somme und bei Passchendaele (in Deutschland als "Dritte Flandernschlacht" bekannt) erwartet wurde - bezeichnenderweise beides Schlachten vor dem Kriegseintritt der USA 1917, die zwar im britischen, aber nicht im US-amerikanischen Bewusstsein verankert waren.

Neben all diesen "großen Zusammenhängen" geht Weinberg aber auch teilweise detailliert auf einige mir neue Facetten des Krieges ein. Neu war mir beispielsweise, dass die Führungsspitze der Wehrmacht, alle Feldmarschälle und ein guter Teil der Generalität, systematisch von der Naziführung bestochen wurden, um ihre Loyalität zu sichern. Dies ging so weit, dass Generäle die Zeit für ausgiebige Besichtigungstouren in den eroberten Ostgebieten fanden, um mögliche Landgüter auszusuchen, die ihnen übertragen werden sollten. Oder auch: Hitler hoffte bis zuletzt - in dieser Meinung unterstützt von Dönitz, den Hitler testamentarisch zum Reichspräsidenten und Oberbefehlshaber bestimmte - dass die neuen U-Boot-Klassen XXI und XXIII den Krieg doch noch zu Deutschlands Gunsten entscheiden würden, indem sie den Nachschub der Westalliierten abschneiden würden. Aus diesem Grund igelte sich die Heeresgruppe Kurland in Lettland ein, während die Rote Armee weiter nach Westen vordrang: es galt, möglichst lange das Baltikum für Probefahrten und Ausbildung der neuen U-Boot-Besatzungen frei von sowjetischen Schiffen zu halten, und dazu mussten vor allem die baltischen Häfen gehalten werden. Und das auch um den Preis einer Einkesselung von mehreren 100.000 Soldaten, die zurückgenommen hätten werden können. In diesem Zusammenhang räumt Weinberg auch mit dem Gerücht auf, Hitler hätte auch militärisch gebotene Rückzüge stets verboten. Wie die Beispiele Griechenland und Jugoslawien sowie Südwestfrankreich zeigen, stimmte er Rückzügen durchaus zu, wenn politisch "saubere" Offiziere dafür plädierten, denen Hitler vertraute, etwa Jodl oder Guderian.

Weinbergs Buch beleuchtet vielerlei Ereignisse und Entscheidungen im Zweiten Weltkrieg und stellt sie in den Zusammenhang der Umstände und vorherrschenden Ansichten 1939-1945, die uns im Jahre 2009 teilweise fremd bis unverständlich sind. Allerdings ist das Buch mit seinen über 900 Seiten Text und 180 Seiten Quellenangaben nicht ganz leicht verdaulich. Die großen Schlachten werden recht kurz beschrieben, und für das Verständnis etwa der verwirrenden Schiffsbewegungen der Seeschlacht bei Leyte wären ein paar detailliertere Karten nützlich gewesen; das Kartenmaterial beschränkt sich auf einige lieblose und wenig informative Zeichnungen, in denen man gerade einmal die Lage großer Städte erkennt - allerdings habe ich nur die Ausgabe von 1994, die Neuausgabe mag da besser sein und sollte auch einige neue Informationen aus mittlerweile geöffneten sowjetischen Archiven beinhalten. Man sollte also eine gewisse Vertrautheit mit den groben Eckdaten des Zweiten Weltkriegs mitbringen; auch "Vichy-Frankreich" wird wiederholt erwähnt, bevor erklärt wird, was dieser kleine Kurort mit Restfrankreich zu tun hatte. Insofern ist A World At Arms wohl kein Buch für deutsche Neuntklässler, aber mit einigen Vorkenntnissen und Durchhaltevermögen liest man es mit viel Gewinn.




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6. November 2009

Gorgasal liest ein Buch (1): Die Geschichte des Containers

Wenige Revolutionen verändern die Welt so tiefgreifend und sind doch so unbemerkt von den meisten Menschen wie die Umwälzungen, die der Container in den letzten 50 Jahren in der Seefracht gebracht hat. Wir haben uns dermaßen daran gewöhnt, Textilien aus China zu beziehen, dass den meisten erst wieder bewusst wird, dass es in Europa auch einmal eine Textilindustrie gab, wenn einer der letzten Betriebe schließt und Nachrufe in den Medien erscheinen. Ebenso wurde noch vor nicht allzu langer Zeit Elektronik in Europa und in den USA produziert. Wer erinnert sich noch an Telefunken?

All das hat sich in den letzten 50 Jahren tiefgreifend geändert. Und einer der wichtigsten Faktoren in diesem Strukturwandel, der Millionen von Chinesen einen Mittelklassewohlstand gebracht hat, wie er zuvor undenkbar war, war die Einführung des Containers. Marc Levinsons The Box: How the Shipping Container Made the World Smaller and the World Economy Bigger beschreibt anschaulich und kurzweilig, wie der Container von den USA aus seinen Siegeszug um die Welt antrat.

Nun gibt es sicher Themen, die auf den ersten Blick spannender erscheinen als Metallkisten von 20 oder 40 Fuß Länge, 8 Fuß Breite und 8 Fuß 6 Zoll Höhe (für den Europäer: 6096 oder 12192mm Länge, 2438mm Breite und 2591mm Höhe). Aber wie oben schon angerissen sind die Umwälzungen, die diese überdimensionierten Schuhkartons mit sich gebracht haben, schon an sich eine Beschäftigung mit der Materie wert. Und Levinson schafft es, auch die eigentliche Geschichte des Containers so interessant in die sonstige Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegsära hineinzuweben, dass man das Buch kaum aus der Hand legen will.

Vor dem Container wurde Seefracht in einzelnen Kisten, Säcken oder anderen Behältern in einem großen Netz an Bord von Frachtern gehievt und dann mühsam von Hand - bestenfalls mit einem Gabelstapler - unter Deck verstaut. Erfahrene Dockarbeiter unterschieden sich von unerfahrenen darin, inwieweit sie noch einen Sack Kaffee, noch ein Fass Heringe im hinterletzten Winkel unterbringen konnten. Schiffe lagen wochenlang zur Be- und Entladung im Hafen, und ebenso lange ruhte Fracht im Schiff, die erst in einem späteren Hafen gelöscht werden sollte. Die Handarbeit der Dockarbeiter, der longshoremen, war aller romantischen Verklärung zum Trotz brutal - und teuer. Vor dem Container rechnete es sich nur für wenige Fertigprodukte, sie über See zu verschiffen. Kein chinesisches Spielzeug in Europa, kein amerikanisches Rind auf japanischen Tellern. All das änderte sich Mitte der 1950er Jahre mit den ersten Containern.

In gewisser Weise lag die Erfindung des Containers in der Luft: schon lange vor 1950 hatten Eisenbahnen, Reedereien und Speditionen mit mehr oder minder normierten, mehr oder minder intermodal nutzbaren (also von Schiffen auf Lkws oder in Flugzeuge verladbaren) Kästen experimentiert. Im Koreakrieg verwendete das US-Militär kleinere Container. Allerdings waren all diese ersten Gehversuche der Containerisierung darauf ausgelegt, zusätzlich zu Stückgut verladen zu werden, nicht anstelle von Stückgut, und Schiffe waren entsprechend auf Stückgut und nicht auf Container eingerichtet.

Malcolm McLean, ein Lkw-Spediteur aus den USA, machte als erster den revolutionären Schritt, ein Schiff explizit auf den Transport von "Containern" umzurüsten. Kein Stückgut mehr, nur noch 58 Truck-Auflieger: die Ideal-X, die 1958 den Liniendienst zwischen Newark und Houston aufnahm. McLean profitierte von der Verfügbarkeit billiger Liberty- und Victory-Schiffe, die die USA seinerzeit im Zweiten Weltkrieg massenweise gefertigt und danach billig abgegeben hatte. McLean baute sie einfach um. Anfänglich hatte er noch damit experimentiert, nicht nur die Auflieger, sondern gleich die ganzen Truck-Anhänger zu verladen, also ein roll-on-roll-off-Konzept. Allerdings kam McLean davon wieder ab, weil durch das Chassis einfach zu viel Platz verschwendet wurde und die Stapelbarkeit problematisch war.

Aus diesem Anfang entwickelte sich nach und nach das Containerwesen, wie wir es heutzutage kennen (oder eben nicht kennen, wie gesagt, Container sind unsexy, und nicht jeder denkt darüber nach, wie der DVD-Player aus China hierher gekommen ist). Besonders spannend fand ich dabei die verschiedenen Probleme, denen McLean und Gleichgesinnte begegneten, und die nur überwunden werden konnten, weil die Vorteile des Containers über kurz oder lang offensichtlich waren.

Das erste Problem, dem McLean schon begegnete, bevor die Ideal-X zu ihrer ersten Containerfahrt aufbrach: staatliche Regulierung. Die Interstate Commerce Commission, also die Kommission für den Handel zwischen den US-Bundesstaaten, gängelte das Transportwesen in den USA auf eine für uns nicht mehr glaubhafte Weise: Speditionen durften eine Route zwischen zwei Städten nur bedienen, wenn nicht schon eine andere Spedition diese Route bearbeitete. Und Unternehmen, die verschiedene Verkehrsmittel nutzten, waren ohnehin verboten - daher musste McLean auch erst seine gut gehende Lkw-Spedition verkaufen, bevor er seine Containeridee auf hoher See ausprobieren konnte. Diese Kompetenzen wurden der ICC erst bei der Deregulierung unter Reagan genommen.

Ein anderes Problem lag bei den Gewerkschaften. Die Dockarbeiter waren überall straff organisiert und hatten mancherlei Richtlinien gegen die Reeder durchgesetzt. So war in jedem US-Hafen genau festgelegt, wieviele Arbeiter pro Ladeluke angestellt werden mussten, und davon durfte natürlich auch nicht abgewichen werden, wenn unter Deck etwa Gabelstapler die Arbeit erleichterten. Verständlicherweise waren die Gewerkschaften alles andere als begeistert über diese Neuerung, die ihnen die Arbeit komplett abnahm. Während die Dockarbeiter in manchen Städten sich arrangierten und flexibel mit den Reedern den Übergang zum Container gestalteten, stellten die Unions in anderen Städten auf stur und setzten zum Teil durch Streiks durch, dass Container durch Gewerkschaftsangehörige einmal komplett aus- und wieder eingeladen werden mussten - mit ein Grund (neben der völlig überlasteten Anbindung an den Straßentransport), warum beispielsweise New York nie zu einem Containerhafen wurde, sondern das benachbarte Newark seine Chance sah und einen gewaltigen Containerterminal aus dem Boden stampfte.

Schließlich: Standardisierung. Wie wir oben schon gesehen haben, ist der Container bis auf den Millimeter genau dimensioniert. Daneben mussten noch viele andere Eigenschaften standardisiert werden. Wie groß sollte das maximal zulässige Gewicht der Ladung sein? Je mehr Gewicht erlaubt ist, desto leichter ist es, den Container zu füllen - wenn das Maximalgewicht zu gering ist, ist es schon erreicht, wenn man nur den halben Container mit Maschinenteilen belädt, und nicht jeder Spediteur hat gerade einen halben Container leichtes Toilettenpapier übrig, um den restlichen Platz zu füllen. Aber schwere Ladungen erfordern stärkere Böden. Und stärkere Wände! Schließlich kann man Container bis zu sieben Lagen hoch stapeln! Andere Normierungsfragen waren die Ösen für die Kranhaken oder die Frage, ob Türen an einem oder an beiden Enden angebracht werden sollten. Trocken, aber spannend, wenn Levinson beschreibt, wie Standards in durchgearbeiteten Nächten in Hotelzimmern entwickelt wurden.

Welches sind die Vorteile, die dem Container zu seinem Siegeszug verhalfen? Einerseits ist da natürlich die logistische Vereinfachung: der Container kann in Ruhe beim Elektronikhersteller in China beladen werden, und erst wenn er voll ist, kommt der Lkw und fährt ihn zum Bahnhof, wo ein Zug ihn nach Shanghai zum Hafen fährt. Dort ergreift ihn ein Kran, und schwupp ist er an Bord. Dort wird er so gestapelt, dass er bei den nächsten drei Häfen, an denen das Containerschiff anlegt, nicht unnötig aus- und wieder eingeladen werden muss, bevor er im vierten Hafen endgültig gelöscht wird, denn jedes Be- oder Entladen, auch wenn es nur zwei Minuten dauert, kostet Geld. Container sichern auch eine lückenlose Nachverfolgbarkeit des Inhalts. In Zeiten vor RFID-Chips mussten nur die Seriennummern von Containern weitergemeldet werden, um genau zu wissen, wo die Sendung gerade war; das ist bei Stückgut ohne RFID unmöglich. Weiterhin können Container Spezialanforderungen erfüllen: es gibt Tankcontainer oder auch Kühlcontainer, in denen Rinderhälften von Argentinien nach Japan kommen (natürlich muss das bei der computergesteuerten Ladeplanung berücksichtigt werden, damit die Kühlcontainer neben einer Steckdose an Bord stehen). Schließlich lösen Container ein großes Problem von Stückgut: den Klau durch Arbeiter, der insbesondere bei Alkohol teuer wird...

Natürlich stehen dem einige Nachteile verglichen mit der älteren Stückgutpraxis gegenüber. Zunächst mussten natürlich komplette Handelsflotten erneuert werden - die umgebauten Liberty-Schiffe erwiesen sich schon bald als zu klein. Ebenso waren gewaltige Investitionen in komplett neue Containerhäfen notwendig, nebst der zugehörigen Anbindung an das Straßen- und Schienennetz. Aber auch operativ bieten Container Herausforderungen: wenn Güterströme hauptsächlich in einer Richtung unterwegs sind, etwa von China in die USA und weniger umgekehrt, dann stehen über kurz oder lang viele leere Container etwa an der US-Westküste. Dieses "Leergut" muss anders als bei Stückgut zurück nach China, und das kostet. Und schließlich kann der Zoll aus Stückgut recht zwanglos eine Stichprobe ziehen und auf Kontrabande untersuchen. In einem Container kann man illegale Waren hinter einigen Stapeln legitimen Inhalts verstecken, beispielsweise Raketen hinter Säcken mit Polyethylen.

Aber die Vorteile des Containers waren überzeugend genug, um gegen einigen Widerstand den Frachttransport auf den Meeren der Welt innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren komplett umzukrempeln. Eine faszinierende Erfolgsgeschichte, die ich jedem zur Lektüre empfehlen kann.




Kapitel 1 des Buchs ist online zu lesen. Ein anderes Review bietet Virginia Postrel. Wie immer ist Wikipedia sehr interessant, beispielsweise die Einträge über Panamax, die größte Dimension, mit der ein Containerschiff noch durch den Panamakanal passt - und das wird in Zentimetern gemessen. Analog passen Malaccamax-Schiffe gerade noch durch die Malacca-Straße - allerdings gibt es bislang nur Malaccamax-Tanker, noch keine Malaccamax-Containerschiffe, aber das ist nur eine Frage der Zeit.

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18. Dezember 2007

Antiquariate, das Internet und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien: Eine ganz alltägliche deutsche Geschichte

Als die Katholische Kirche noch den Index librorum prohibitorum hatte, das bis 1966 verbindliche Verzeichnis verbotener Bücher, da war es ein belieber Jokus, daß kein Werk so dringend auf den Index gehöre wie dieser Index selbst.

Denn dort war alles verzeichnet, was interessant zu lesen war - wegen seiner Intelligenz, seines Wagemuts, seiner Fortschrittlichkeit, auch natürlich seiner Erotik.

Nicht auf dem Index zu stehen war im Grunde eine Schande für einen Philosophen, einen Schriftsteller. Es bedeutete, daß der Philosoph nicht mutig genug gedacht hatte, daß der Dichter der Wirklichkeit nicht nah genug gekommen war.

Die meisten aber hatten es auf den Index geschafft. Philosophen von Giordano Bruno und René Descartes über John Locke und David Hume bis zu Immanuel Kant und Jean-Paul Sartre; auch Kleriker wie der Bischof Berkeley und der Augustiner Nicolas de Malebranche blieben nicht unberücksichtigt. Schriftsteller wie Daniel Defoe, Gustave Flaubert und Graham Greene fehlten nicht; und natürlich Heinrich Heine.

Also - wer es in früheren Zeiten fertig gebracht hatte, sich diesen Index zu besorgen, der hatte eine wunderbare Leseliste. Nur war er nicht so leicht zu besorgen, der Index der verbotenen Bücher.

Denn diejenigen, die sich die Mühe machen, einen Index zu erstellen und zu pflegen, wollen ja nicht, daß er als Leseliste mißbraucht wird. Sie tun sich darum schwer damit, ihn zugänglich zu machen. Sie können ihn zwar nicht gut, dem Scherz folgend, auf sich selbst setzen. Aber ihn fast so versteckt halten, als befände er sich auf sich selbst, das können sie.

Davon handelt eine heutige Meldung. Es geht in ihr um den Index. Allerdings nicht den der Katholischen Kirche, sondern den aktuellen in Deutschland.



Denn der kirchliche Index ist heute zwar Geschichte. Aber in Deutschland haben wir immer noch unseren Index, die "Liste der jugendgefährdenden Schriften", herausgegeben und fortlaufend aktualisiert von der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften", die jetzt "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" heißt.

Sie wurde 1954 gegründet, und zu ihren ersten Taten gehörte die Indizierung von "Tarzan-", "Akim-" und "Sigurd-" Comics. Heftchen - ich erinnere mich noch gut an sie - , die in einem sehr zweckmäßigen schmalen Format gedruckt wurden, so daß man sie gut unentdeckt unter der Schulbank lesen konnte.

Auf weit mehr als die mickrigen 4000 Werke, die der Vatikan im Lauf der Jahrhunderte auf seinen Index setzte, hat es diese Bundesprüfstelle inzwischen gebracht; geschätzte 15.000. Darunter natürlich die Mutzenbacherin, natürlich de Sade, aber zum Beispiel auch das "Pardon"- Heft, auf dem der Herausgeber Hans A. Nikel, als Arzt drapiert, mit der nackten Andrea Rau auf den Schultern zu sehen ist, deren private parts natürlich züchtig verdeckt.

Von dieser Bundesprüfstelle also handelt die heutige dpa-Meldung. Genauer gesagt, sie handelt von einem Vorgang, bei dem diese Prüfstelle eine Rolle spielt. Nur am Rande, aber eine doch irgendwie entscheidende Rolle.



Um den Inhalt dieser Meldung zu verstehen, müssen wir den Blick jetzt einen Augenblick vom Thema "Index" abwenden, hin zu einer der vielen Veränderungen, die das Internet mit sich gebracht hat. Es geht um Antiquariate.

Ich bin ein süchtiger Antiquariats- Besucher. Nein, ich war es. Ich war es, solange man ein begehrtes Buch (sieht man ab von der Möglichkeit eines Suchauftrags) nur dadurch bekommen konnte, daß man in den Antiquariaten danach stöberte. Wobei man natürlich auch jede Menge weitere Bücher "entdeckte", die man nicht gut ungekauft lassen konnte.

Vorbei. Denn jetzt gibt es das ZVAB, das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher. Und es gibt booklooker. Die größeren und viele kleine Antiquariate sind inzwischen einem davon oder beiden angeschlossen. Immer mehr Antiquariate sind auch reine Versandgeschäfte.

Damit ist es ungleich leichter als früher, ein gesuchtes Buch zu finden. Freilich ist auch das Jagdfieber, dieses Vergnügen, in einer fremden Stadt alsbald die Antiquariate heimzusuchen, vorbei. Ich jedenfalls besorge mir inzwischen antiquarische Bücher fast nur noch via die ZVAB. Und folge damit einer allgemeinen Tendenz.



Und da haben wir nun das Problem. Der Antiquar, der über die Ladentheke verkauft, kann prüfen, ob der Kunde, der ein indiziertes Buch haben will, erwachsen ist. Der Versender kann das nicht, jedenfalls nicht ohne eine aufwendige adult verification; also einen Prüfprozeß, der neuerdings laut Gerichtsurteil den persönlichen Augenschein z.B. durch einen Postbeamten einschließen muß.

Und diese Prüfung des Kunden allein tut es ja nicht. Er muß, der Versender, ständig parat haben, welche Bücher denn indiziert sind. Bei aktuellen Büchern ist das einfach. Aber wer hat schon im Kopf, ob ein vor zehn oder vierzig Jahren erschienenes Buch indiziert wurde und weiter auf der Liste steht?

Man sollte meinen, das sei im Zeitalter der EDV kein Problem. Bestimmt stellt doch die Bundesprüfstelle allen Buchhändlern und Antiquaren ihre Liste in elektronischer Form zum Herunterladen zur Verfügung, so daß sie sie mit ihre Bestell- Software verbinden und automatisch die indizierten Bücher herausfiltern können?

Keineswegs tut sie das.

Denn es gibt ja eben - jetzt kommen wir zum Anfang zurück - diese Neigung der Indizierer, den Index nicht an die Große Glocke zu hängen, auf daß er nicht als Leseliste mißbraucht werde.

Wie Wolfgang Höfs vom Dortmunder Online- Antiquariat "Emotioconsult" sagt: "... die Listen gibt es nur schriftlich, die Titel kann man nicht online abrufen."

Da sollen also fleißige Antiquariats- Angestellte sich hinsetzen, ihren Kopf über die Liste indizierter Bücher beugen und sie, Position für Position, mit den Büchern vergleichen, die neu eingehen oder die ein Kunde bestellt.

Da nun freilich auch Online-Antiquariate ein wenig auf ihre Kosten achten müssen, tun sie das oft nicht. Und handeln sich dadurch neue Kosten ein. Wie heute in "Spiegel Online" ausführlich zu lesen ist.

Eine ganz alltägliche deutsche Geschichte, scheint mir. Sie handelt von Zensur, von Bürokratie, von Inkompetenz. Also davon, was zensierende Bürokraten mit ihrer Inkompetenz unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft zumuten.

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