23. Februar 2021

Werbepause. Der Mond als Reklametafel





Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle versucht, die Spur eines literarischen Motivs, eines Mems, nachzuzeichnen - in diesem Fall der "Blume des Paradieses," die einem Träumer im nächtlichen Kopftheater überreicht wird, und die er beim Erwachen neben sich findet. Da sich in diesem Monat die "Wiederaufnahme" der bemannten Mondlandungen nach der fast tödlich verlaufenen Mission von Apollo 13 im April 1970 zum 50. Mal gejährt hat, möchte ich diesmal die Spur eines Witzes nachverfolgen, der offenkundig aus Anlaß des "Space Race" zwischen den beiden Supermächten UdSSR und USA vor einem halben Jahrhundert entstanden ist. Alan Shepard, Edgar Mitchell und Stuart Roosa, die am 9. Februar 1971 mit der Raumkapsel "Kitty Hawk" der Mission Apollo 14 im Pazifik wasserten, leiteten nach den beiden "vorbereitenden" Missionen die Phase der länger auf dem Erdtrabanten verweilenden Visiten ein, die mehr Instrumente platzierten und mehr Mondgestein zur Erde zurückbrachten.

­

Sehr oft, sogar in dem allermeisten Fällen, läßt es sich nicht ausmachen, wann und von wem ein solches "Mem," eine solche Idee, Metapher, Redewendung zuerst gebraucht worden ist. Nach mehr als 70 Jahren der Suche und der Anmerkungen in launischen Wochend-Feuilletons kann immer noch niemand sagen, woher das Kürzel "OK" stammt und aus welcher militärischen Abkürzung es entlehnt worden sein mag. Fest steht nur, daß sie zu Anfang der Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Militär aufgekommen ist und sich rasch durchsetzte. Ebensowenig weiß man, wieso zur selben Zeit die Bezeichungen "G.I." für einen amerikanischen Soldaten entstand, oder woher das Graffito "Kilroy Was Here" stammt, das im "Pacific Theater" des Kriegs gegen Japan auf unzähligen Kisten von Munition und Nachschub auftauchte. Es ist so ungewiß wie der Ursprung des deutschen "OK"-Pendants, das im Italienischen völlig unververständliche "alles paletti!" (Auch die erste Verwendung von "Handy" als griffige Bezeichnung eines Mobiltelefons stellt ein solches linguistisches Welträtsel dar.)

Und dann gibt es den umgekehrten Fall: daß es zu viele Kandidaten gibt, die für die Vaterrolle in Betracht kommen. Auch wenn Literaturwissenschaftler sich felsenfest weigern, dies zu glauben, gibt es auch im Metier des Erzählens und Witzereißens Fälle von paralleler Evolution, in der mehrere kreative Köpfe unabhängig voneinander auf dieselbe Pointe, das identische Motiv stoßen. In unserem Fall darf man, weil die jeweils vorhergehenden Texte den Autorenkollegen gut bekannt waren, aber von einer Hommage, von einem wieder aufgegriffenen Einfall ausgehen.

Der Witz nun, dem seine Entstehungszeit im Rahmen des "Wettlaufs zum Mond" deutlich anzusehen ist, lautet wie folgt:

Die Amerikaner sind auf dem Mond gelandet. Eine halbe Stunde später empfängt die Bodenstation in Houson einen aufgeregten Funkspruch: "Neben uns ist gerade eine russische Mondlandefähre gelandet. Was sollen wir tun?" - "Nichts. Wartet erst einmal ab." Zwei Stunden später: "Die Russen sind ausgestiegen. Was sollen wir jetzt machen?" - "Bleibt ruhig und wartet erst einmal, was sie tun." Eine Stunde darauf: "Die Russen haben rote Farbe entladen und angefangen und angefangen, alles Mondgestein rot anzumalen. Was sollen wir...?" - "Nichts. Wartet erst noch einmal, was sie sonst noch tun." Ein Tag später: "Die Russen haben den halben Mond rot angestrichen. Sollen wir immer noch warten?" - "Ja. Wartet ab." Zwei Tage später kommt die Meldung vom Mond: "Die Russen haben den ganzen Mond rot angemalt und sind wieder weggeflogen. Sollen wir immer noch warten?" - "Nein. Jetzt packt die weiße Farbe aus und schreibt 'Coca Cola' darauf."


Arthur C. Clarke, der in den ersten 15 Jahren seines Schaffens als Science-Fiction-Autor nicht nur Romane verfaßte, sondern auch gut 100 kürzere Erzählungen, schrieb 1956 als Auftragsarbeit eine kleine Serie von sechs kurzen Geschichten für die Zeitung The London Evening Standard, die sich mit verschiedenen Aspekten der damals noch in der Zukunft liegenden ersten bemannten Mondexpedition befaßten. Der die Texte des Zyklus unter dem Titel "Venture to the Moon," die zwischen dem 23. und 29. Mai 1956 abgedruckt wurden und 1958 in der Sammlung "The Other Side of the Sky" in Buchform erschienen, umfassen jeweils gut 1500 Worte - also gut 3 bis 4 Buchseiten und stellen mehr launische Ankdoten dar als ausgefeilte Erzählungen. In der vorletzten Folge, "Watch This Space," am 28. Mai erschienen, geht es um ein Experiment, das tatsächlich im Jahr zuvor auf der anderen Seite des Atlantiks, auf dem Raketenstartplatz der Navy in White Sands, vorweggenommen worden war, als am 4. Februar 1955 eine Viking-Rakete der US Navy in den obersten Schichten der Erdatmosphäre eine Natriumwolke freisetzte. Die harte UV-Strahlung regte die Natriumatome zum Glühen an und die Ausbreitung dieses "künstlichen Mondlichts" ("a great yellow cloud in the sky which was visible, like a kind of artificial moonlight, for over an hour, before the atoms dispersed," heißt es in Clarkes Text). Clarke weist darauf hin, daß das matte Leuchten selbst des dunkelsten nächtlichen Himmelshintergrunds auf die Anregung der Natriumatome der obersten Atmosphärenschichten zurückgeht. Die Ausbreitung dieser Wolke lieferte erstmals Daten über die Luftströmungen in jenen Bereichen, die Meßballongs aufgrund des verschwindenden Luftdrucks nicht mehr zugänglich sind.

Nun ist auch der Mond nicht völlig atmosphärelos. Zwar beträgt der Druck der hauptsächlich aus dem Sonnenwind stammenden Wasserstoff bestehenden Gashülle nur rund ein Millionstel von dem am Erdboden. Es handelt sich nach unseren Begriffen immer noch um ein Hochvakuum. Aber sie ist vorhanden und läßt sich nachweisen. Clarkes Mondreisende wiederholen nun das Experiment von 1955 und schießen eine Ladung Natriumdampf in den Mondhimmel. Aber sie haben die Rechnung nicht ohne einen Scherzbold - oder einen bezahlten Agenten des krassen Kommerzes - gemacht.

The seconds and minutes ebbed away. Then a sudden yellow glow began to spread across the sky, like a vast and unwavering aurora that became brighter even as we watched.. It was as if an artist was sprawling strokes across the sky with a flame-filled brush. And as I stared at those strokes, I realised suddenly that someone had brought off the greatest advertising coup of all times. For the strokes formed letters, and the letters formed two words - the name of a certain soft drink too well known to need any further publicity from me.


How had it been done? The first answer was obvious. Someone had placed a suitably cut stencil in the nozzle of the sodium bomb, so that the stream of escaping vapour had shaped itself to the words. Since there was nothing to distort it, the pattern had kept its shape during its invisible ascent to the stars. I had been skywriting on Earth, but this was something on a far larger scale. Whatever I thought of them, I couldn't help admiring the ingenuity of who had perpetrated the scheme. The O's and A's had given them a bit of trouble, but the C's and L's were perfect.


Die Sekunden und Minuten verstrichen. Dann breitete sich plötzlich ein gelbes Leuchten über den Himmel aus, wie ein gewaltiges, eingefrorenes Nordlicht, das heller wurde, während wir zusahen. Es war, als ob ein Künstler mit einem Flammenpinsel Striche über den Himmel ziehen würde. Und während ich mir diese Pinselstriche betrachtete, wurde mir klar, daß hier jemandem der größte Werbecoup aller Zeiten gelungen war. Denn die Striche bildeten Buchstaben, und die Buchstaben formten zwei Wörter - den Namen eines bekannten Erfrischungsgetränks, für das ich hier keine weitere Reklame machen muß.


Wie hatten sie das geschafft? Die erste Antwort war klar: jemand hatte eine passende Schablone vor der Mündungsöffnung des Natrium-Mörsers platziert, und das austretende Gas hatte die entsprechende Form angenommen. Da es nichts gab, um das Muster zu stören, hatte die Wolke das beibehalten, als sie sich bei ihrem Aufstieg zu den Sternen ausdehnte. Ich war auf der Erde als Himmelsschreiber tätig gewesen, aber dies hier übertraf dergleichen um Größenordnungen. Egal, was man davon hielt: ich konnte nicht anders, als die Leute zu bewundern, die diesen Streich ausgeheckt hatten. Die Os und As waren nicht ganz gelungen, aber die Cs und Ls waren perfekt.


Bingo! Oder auf Englisch: Gotcha! - Nur...

Ebenfalls an dieser Stelle wurde im vorigen Jahr nachgewiesen, um wen es sich bei Raumfahrt-Unternehmer Elon Musk "in Wahrheit" handelt: um das Real-Life-Pendant zu Delos D. Harriman, jenem Entrepreneur in der "Future History" Robert A. Heinleins, der in dessen 1940 entworfenen zukünftigen Geschichte 1978 als Privatmann die erste Mondlandung finanzierte, gegen den Widerstand von Regierung und Militär. Heinleins erste Erzählung um Harriman, "Requiem" von 1940, hat diese Episode nur als Hintergrund; dort besticht Harriman einen Raumpiloten, ihn auf dem Flug zum Mond mitzunehmen, im sicheren Wissen, daß er die Strapazen der Beschleunigung nicht lange überleben wird, aber um sich als letzten Wunsch den Flug zum Mond zu erfüllen, der ihm so unerreichbar geblieben ist wie Moses das Betreten des Heiligen Landes. Die dort ausgesparte Mission hat Heinlein 1950 in der Novelle "The Man Who Sold the Moon" geschildert. Anlaß war die bevorstehende Fertigstellung des Films "Destination Moon," der im Juni 1950 in die Kinos kam, und der erste amerikanische Film nach dem Ende des zweiten Weltkriegs war, der sich einem Science-Fiction-Thema widmete. Heinlein, der nach dem Krieg mit den jählich erscheinenden Jugendbüchern bekannt geworden war, in denen er realistisch die ersten Schritte bei der bemannten Erkundung des Sonnensystems schilderte ("Rocket Ship Galileo," 1947, "Space Cadet," 1948, "Red Planet," 1949) hatte das Drehbuch für den ersten Spielfilm von George Pal verfaßt, der in den Folgejahren mit weiteren Filmen in diesem Genre reüssierte: "Welten im Zusammenstoß" (1952), "Der Krieg der Welten" (1953) und "Die Zeitmaschine" (1960). Dabei erwarb sich Pal den nicht schmeichelhaften Ruf eines dröge-betulichen Langweilers, aber immerhin stellten seine Filme das Gegenteil der Monster- und Gekreisch-Streifen dar, die dieses Filmgenre in den folgenden 10 Jahren zumeist ausmachten.

Heinleins lange Erzählung (der Text umfaßt in der ersten Buchversion 107 Seiten) erschien im Februar 1950 in der Sammlung mit dem gleichen Titel im Kleinverlag Shasta, der von den begeisterten SF-Fans T. E. Dikty und Erle Korshak gegründet worden war, um die bis dahin nur in den Pulp-Magazinen veröffentlichten Texte in Buchform zu bewahren. Anders als bei später folgenden "Novelizations" handelt es sich bei Heinleins Story nicht um die Prosa-Nacherzählung der Filmhandlung (eventuell ausgeschmückt mit Erläuterungen von Punkten, die in der Hektik einer zweistündigen Filmhandlung unklar oder widersprüchlich geblieben sind). Pals Film stellt den Mondflug ins Zentrum: seine Konstrukteursmannschaft startet mit der weitgehend unerprobten Rakete, um sich dem Zugriff der Staatsbehörden zu entziehen, die solche Technik für das Militär reservieren möchten. Heinlein schildert den ersten Flug zum Mond nur am Rande - ihm geht es um die Kniffe und Schliche, mit denen Harriman sein Werk umzusetzen weiß. Vor allem steht die Finanzierung der Entwürfe und der Konstruktion des Raumschiffs im Mittelpunkt, die Harriman den Kapitalstock zur Verwirklichung seines Traums verschaffen soll.

Und einer der einträglichsten Tricks, sein Budget aufzustocken, besteht nun darin, daß Harriman den Direktoren einer großen Getränkemarke die Möglichkeit vor Augen hält, den Erdtrabanten als Werbefläche nutzen zu können: sein Plan sieht vor, durch den Abwurf von Chemikalien aus der Mondumlaufbahn das Gestein der Oberfläche umzufärben. Zur Vermeidung von juristischen Schwierigkeiten hat Heinlein in seiner Erzählung dem betreffenden Konzern den Namen "Moka-Cola" gegeben; es dürfte trotzdem klar sein, welche Firma gemeint war. (Einen weiteren Sponsor holt Harriman an Bord, indem er dem fanatisch antikommunistischen Konzernchef erklärt, daß es nur eine Frage der Zeit ist, daß die russische Seite ebenfalls Raumfahrttechnik entwickelt, sobald demonstriert worden ist, daß dergleichen technisch umsetzbar ist, und man ihnen zuvorkommen muß, ehe sie den Erdtrabanten mit Hammer und Sichel entstellen.) Man darf davon ausgehen, daß Clarkes kleine Erzählung eine sehr bewußte Anspielung auf Harrimans Pläne darstellt. (Heinleins Raumfahrer verzichten übrigens am Ende darauf, ihre optische Duftmarke zu hinterlassen.)

Bingo! Jedoch...

Stichwort "Sowjetunion": zwar galt in der UdSSR ab 1932 praktisch-faktisch ein Verdikt gegen Science Fiction oder überhaupt fiktionaler Zukunftsausmalungen, getreu der noch in Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" vertretenen Haltung, die Schilderung der Zukunft sei jetzt überflüssig, da die Arbeiterschaft unter weiser Führung der Partei jetzt alle Energie darauf verwenden würde, diese lichte Zukunft zu errichten. (Andrei Platonovs posthum erschienener Roman "Die Baugrube" karikiert diese Einstellung.) Dennoch gab es in einem kurzen Zeitraum zwischen Ende 1934 und Anfang 1936 eine gewisse "Laxheit," weil unklar war, ob exotisch-satirische Darstellungen der "überwundenen bourgeoisen Gesellschaft" oder sachlich-technische Bebilderungen der technischen Möglichkeiten, die erst die klassenlose Gesellschaft möglich machen würde, auch betroffen waren. Dem ersten Impuls verdankt sich Alexander Ptuschkos Trickfilm "Der neue Gulliver" (Новый Гулливер, Novij Gulliwer), der die Abenteuer von Swifts Protagonisten im Land der Zwerge in Stop-Motion-Animation, also mit Puppen, die für jedes Einzelbild bewegt wurden, schildert und der im März 1935 in die Kinos kam. Der zweite Aspekt machte die Entstehung des letzten SF-Films möglich, der vor dem zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion gedreht wurde: Космический рейс (Kosmitscheskii Reis, "Die komische Reise"); für das Studio Mosfilm unter der Regie von Wassili Schurawlow entstanden, der Anfang Januar 1936 seine Kinopremiere hatte, nach zwei Wochen abgesetzt wurde und danach bis in die achtziger Jahre praktisch in Vergessenheit geriet. Das Vorbild von Fritz Langs "Frau im Mond" von 1929 ist in Schurawlows Film unübersehbar; allerdings wurde den tatsächlichen Bedingungen im All mehr Rechnung getragen, weil die Kosmonauten auf dem Mond Raumanzüge tragen - Lang war der Ansicht gewesen, eine solche Verlarvung sei dem Kinopulikum nicht zuzumuten gewesen. Es handelt sich um den ersten Film, der Sequenzen in der Schwerelosigkeit zeigt. (Im Westen kam dies zum ersten Mal in "Destination Moon" zur Anwendung. Heinleins Bericht über die Dreharbeiten, im Juni 1950, dem Monat der Kinopremiere, als "Shooting Destination Moon" in Astounding Science Fiction publiziert, schildert eindrücklich die Schwierigkeiten, denen Pal und seine Kameramänner und Bühnenbildner hier ausgesetzt sahen.)



Und weil die sowjetischen Raumfahrtpioniere keine Funkverbindung über die kosmische Entfernung herstellen können, teilen sie der Erde ihre Ankunft am Ziel mit, indem sie mit Hilfe von Chemikalien das Mondgestein verfärben und auf diese Weise die kyrillischen Buchstaben CCCP / SSSR in gewaltiger Ausdehnung auf die Oberfläche des Mondes schreiben. Das verdankt sich nun nicht der Unkenntnis von Regisseur und Drehbuchautor, sondern dem Umstand, daß es sich bei Космический рейс um den letzten Stummfilm handelt, der in der UdSSR gedreht wurde und der optische "Knalleffekt" dem stummen Sprechen in ein Mikrophon samt einer nachfolgenden Texttafel vorgezogen wurde.

* * *

Daß Clarke oder Heinlein von dem Film von 1936 gehört haben, darf ausgeschlossen werden; immerhin finden sich dafür in einigen der Schriften, mit denen in den 1920er und frühen 1930er Jahren die theoretischen Grundlagen für Raketen und Satelliten gelegt wurden, Überlegungen, Mondraketen mit einem Sprengkopf auszurüsten, damit der Aufprall auf dem Mond in starken Teleskopen zu beobachten sein sollte. Und hier gibt es eine angesichts der strengen Geheimhaltung während der heißesten Phase des Kalten Krieges in den 1950er Jahren beinahe unheimliche Parallele. Anfang Januar 1958, also drei Monate nach dem "Sputnik-Schock" im Gefolge des Starts des ersten Erdsatelliten am 4. Oktober 1957, begann die USAF, die U.S. Air Force (die NASA als "nationale Weltraumbehörde" wurde erst im Oktober 1958 gegründet) mit der Planung des dann fast 42 Jahre lang geheimgehaltenen "Project 119". Dieses Vorhaben sah vor, auf dem Mond, und zwar auf dem Terminator, der Grenze zwischen Tag und Nacht, eine Atombombe zur Explosion zu bringen, um die eigenen technischen Möglichkeiten der ganzen Welt vor Augen zu führen, und damit die "Moral der amerikanischen Bevölkerung zu heben." Als Sprengkopf war zunächst eine Wasserstoffbombe in Betracht gezogen worden; als sich deren Gewicht als zu hoch für die bis dahin entwickelten Trägerraketen erweis, entschied sich das zehnköpfige Planungsteam unter Leonard Reiffel für einen Sprengkopf der Bauart W25; deren Sprengkraft von einem Äquivalent von 1,7 Tonnen TNT etwa einem Zehntel der Hiroshima-Bombe "Little Boy" aufwies. Ende Januar 1959 wurden die Planungen am Illinois Institute of Technology in Chicago eingestellt, nachdem die Rechnungen ergeben hatten, daß der Blitz der Explosion mit bloßen Auge nur äußerst schwach wahrgenommen worden wäre und der Rest der Welt und ein großer Teil des amerikanischen Bevölkerung ein solches Feuerwerk womöglich nicht im geplanten Sinn wertgeschätzt hätte.

Ausgelöst war dieses Project durch einen Zeitungsbericht in der Tageszeitung The Pittsburgh Press, die am 1. November 1957 auf Seite 13 unter dem Titel "Latest Red Rumor: They'll Bomb Moon" vom angeblichen Bericht eines sowjetischen Überläufers zu berichten wußte, die UdSSR plane zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution, als Machtdemonstration eine Atombombe auf dem Mond zu zünden: nicht an exakten Jubiläum, dem 14., sondern drei Tage später während einer Mondfinsternis. Die nun leicht unheimlich wirkende Parallele besteht in diesem Fall darin, daß sich 2011 herausstellte, daß die Sowjetunion tatsächlich ein solches Projekt verfolgt hat - mit ein paar Unterschieden zur kolportierten Version von 1957. Das sogenannte Проект Е (Projekt E) wurde erst im Januar 1958 begonnen. Projekt E-1 betraf den Einschlag einer unbemannten Raketenspitze auf der Mondoberfläche - was die Sonde Luna 2 dann am 13. September 1959 durchführte; Projekt E-2 und E-3 hatten die Erreichung einer Mondumlaufbahn und die ersten Aufnahmen der bis dahin unbekannten Mondrückseite zum Ziel; und Projekt E-4 betraf tatsächlich die Zündung eines Nuklearsprengkopfes auf dem Mond zum Zweck einer Machtdemonstration. Wie das amerikanische Pendant wurde auch dieses Vorhaben nach kurzer Zeit aufgrund der Zweifel an Trägersystemen und der anstehenden Ausarbeitung des Verbots atmosphärischer Atombombenversuche (die auch die Zündung im Weltraum umfaßten) eingestellt.

* * *

Eine mögliche letzte Quelle für den Witz könnte in einem ebenfalls nicht völlig geglückten Plan zu finden sein, den der Superschurke Zorglub, Rivale und Nemesis des Grafen von Champignac, ein Jahr später ausheckte. Wie in der Dokumentation "Z comme Zorglub" - Szenario: Greg, Zeichungen: André Franquin - das am 14. Oktober 1961 (14! Oktober!) als 15. Album in Franquins Opus eximium "Spirou und Fantasio" als erste Hälfte des Zorglub-Diptychons erschien, aber schon 1959 und 1960 in den Nummern 1096 bis 1136 des Comicmagazins "Spirou" abgedruckt wurde, nachzulesen bzw. -sehen ist, bestand sein Plan, sich auf ewig einen Namen zu machen, darin, seinen Namen auf der Oberfläche des Erdtrabanten zu hinterlassen. Die Umsetzung erfolgte, indem er ausländischen Staatsoberhäuptern und Ingenieuren von geheimen Raumfahrtprojekten mit Hilfe seiner hypnotischen "Z-Strahlen" den Auftrag dazu ins Unterbewußtsein pflanzte. Leider erwies sich diese Technik nicht als wirklich ausgereift. Der Auftrag, einen "bekannten Namen" zu schreiben, verhedderte sich auf blamable Weise mit der Erinnerung an die Bezeichnung eines, man ahnt es, nicht ganz unbekannten Erfrischungsgetränks.





U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.