Nein, keine mathematischen Tricks, eine Aufaddierung, Quersummen, Faktorierung nach Primfaktoren oder Gödelisierung, keine Gematria (jene antike Methode, mittels der etwa die biblische "Zahl des Tieres" in der Apokalypse des Johannes als Verweis auf konkrete Personen ausgedeutet worden ist, weil den Buchstaben des griechischen Alphabets neben ihrem Laut- auch noch ein Zahlwert eignete), auch nicht jene Spielart der phantastischen Literatur, die sich die Unverständlichkeit mathematischer Formeln und ihre Ähnlichkeit mit magischen Sprüchen zunutzen macht (etwa in L. Sprague de Camp und Fletcher Pratts The Mathematics of Magic von 1940). Nein, viel niederschwelliger: die Zahl selbst als Ankerpunkt, als Signum magischen Denkens gewissermaßen. "Magisches Denken" besteht ja, entre nous soit dit, in der Hoffnung, ein ständiges Sich-vor-Augen-Rufen eines Gegenstandes, einer Situation möge, aller lebensweltlichen Evidenz trotzend, doch eine Wirkung zeitigen. Die psychologische Wirkung sollte nicht unterschätzt werden. Vom beständigen Zählen des Geldbeutelinhalts nimmt dieser nicht zu; das beständige Voraugenführen eines Zeitraums hingegen ändert die Optik durchaus - vor allem, wenn dieser noch in der Zukunft liegt.
Mit dem heutigen Tag sind es noch genau siebenhundert Tage, bis wir das Jahr 2020 erreichen, bis wir ins dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eintreten. (Eine besonders irreale Färbung erhält dies für Leute, denen "das Jahr 2000" vor seinem Eintreten immer, über Jahrzehnte hinweg, Signum und Wegmarke "der Zukunft" war, ein aufgeladenes Symbol von Zukunftshoffnungen, -ängsten und Projektionen). 700 Tage, also genau einhundert Wochen: Mit jeder verstrichenen Woche liegt ein Prozent der so umrissenen temporalen Reststrecke hinter uns. Ein solche zugegeben leicht mutwillige Optik resultiert zumindest in einem leichten Erschrecken. Rückgeblendet über die gleiche Distanz finden wir uns am 2. März 2016 - sechs Monate nach dem wohl fatalsten Ereignis deutschen Geschichte im 21. Jahrhundert, der mutwilligen und blinden Grenzöffnung durch Frau Merkel, und einen Monat vor Abschluß des so folgenlosen wie hilflosen "Türkeideals" mit der Regierung Erdogan. Und da der Mehltau, der sich über dieses Land, diese Regierung und ihr Handeln gelegt hat, der alles lähmt, der die Akteure wie in einen gefrorenen Schlamm bannt -erstarrt, grotesk, Zerrbilder - nicht etwa, wie an dieser Stelle vor gut Jahresfrist gemutmaßt, "weg ist", aufgebrochen, sondern angewachsen ist, bis man nicht mehr sagen, ob unter Mehltau und Verkrustung noch irgendwelche Akteure vorhanden sind, oder ob hier ein gespenstischer Selbstlauf nur noch politisches Handeln imitiert, daß nichts mehr darunter ist, das noch reanimiert werden könnte - gibt eine solche Optik eine Gewißheit: daß in dieser kurzen Zeit nichts mehr an nennenswertem Handeln erfolgen wird, daß das "politische Handeln", das sich in diesem Land nur noch als folgenloses Steigenlassen von Sprechblasen ereignet, in diesem winzigen Zeitraum nicht mehr ändern wird. Dies ist der Sinne dieses "geistigen Exerzitiums" sensu Loyola: schlagartig klarzumachen, daß wir uns, jetzt schon, am Ende eines vergeudeten Jahrzehnts befinden.