16. Mai 2021

H. G. Wells, “Der Mensch im Jahr eine Million” (1893)





Die Literatur, die es gibt, hat ohne Zweifel ihre Meriten, aber für philosophische veranlagte Köpfe sind die Bücher, die nicht geschrieben worden sind, weitaus faszinierender. Sie liegen einem nicht schwer in der Hand, das Umblättern entfällt. In schlaflosen Nächten kann man in ihnen ohne Kerzenlicht lesen. Ähnlich verhält es sich auch einem anderen Thema: der Mensch der Urzeit, wie wir ihn in den Werken der Anthropologen beschrieben sehen, ist sicher ein unterhaltsames und nettes Thema – aber der Mensch der Zukunft würde uns sicher um einiges mehr interessieren. Aber wo finden wir das geschildert? Wie Ruskin irgendwo mit Bezug auf Darwin schrieb: uns sollte nicht interessieren, was der Mensch einst gewesen ist, sondern was aus ihm wird.

Der philosophische veranlagte Leser, der im Lehnstuhl über diesen Satz nachsinnt, sieht vor sich in den Flammen des Kaminfeuers, durch den Rauch seiner Pfeife hindurch, eines dieser ungeschriebenen Bücher. Es ist großformatig, mit fettgedrucktem schwarzen Titel, und stammt anscheinend aus der Feder eines gewissen Professor Holzkopf, der an der Universität Weissnichtwo lehrt. „Die Merkmale des Menschen der fernen Zukunft, abgeleitet aus den Tendenzen der Gegenwart,“ lautet der Titel. Der verdiente Gelehrte geht streng nach den Methoden der Wissenschaft vor; seine Schlußfolgerungen sind zurückhaltend und vorsichtig, wie unser Leser feststellen muß – und doch sind diese Schlüsse bemerkenswert, vorsichtig gesagt. Wir vermuten, daß der Herr Professor sein Thema in aller Ausführlichkeit abhandelt, mit vielen Tabellen, aber wir erlauben unserem Leser – der das Buch ja als einziger lesen kann – sich an dieser Stelle auf ein paar passende Auszüge für ein Laienpublikum zu beschränken. Diese Passage etwa erscheint ihm verständlich genug, um sie zu zitieren: „Die Evolutionstheorie,“ schreibt der Professor, „wird heute von allen Zoologen und Botanikern anerkannt, und sie findet auch auf den Menschen Anwendung. Es herrschen noch Zweifel, ob sie seine geistige Entwicklung angemessen beschreibt, aber für seine körperliche Entwicklung wird sie als Erklärung akzeptiert. Der Mensch, so versichert man uns, stammt von affenähnlichen Vorfahren ab, die sich unter dem Einfluß von Umweltfaktoren zu Menschen entwickelten, und diese Affen stammten ihrerseits von niedrigeren Lebensformen ab – und so fort bis zum allersten Protoplasma. Wenn die Entwicklung des Universums nicht an einem Endpunkt angelangt ist, wird sich der Mensch auch in Zukunft weiterentwickeln – solange, bis er kein Mensch mehr sein wird, sondern einer anderen Lebensform Platz machen wird. Hier stellt sich sofort die faszinierende Frage: wie wird dieses Wesen beschaffen sein. Werfen wir einen Blick auf die Einflüsse, denen unser Äußeres unterliegt.

­

„So wie der Vogel ein Geschöpf seiner Flügel ist, in dem jedes Merkmal dazu dient, das Fliegen zu ermöglichen, und wie der Fisch ein Wesen ist, das im Wasser lebt und sich den unabänderlichen Gegebenheiten der Flüssigkeitsdynamik anpassen muß, so ist der Mensch ein Gehirnwesen; wenn er überlebt, verdankt er das einzig seiner Intelligenz, nicht seiner körperlichen Stärke. Folglich wird vieles, was an seinem Wesen ‚tierisch‘ ist, im Lauf seiner weiteren Entwicklung unterdrückt werden und schließlich ganz verschwinden. Anders als man es sich im Jahr 1893 oft vorstellt, besteht die Evolution nicht in einer Tendenz zur allmählichen Vervollkommnung; sie besteht einzig in der fortwährenden Anpassung der Körpermerkmale an die gegebenen Umstände ... Schon heute beobachten wir dieses Schwinden der tierischen Merkmale bei uns, im Verlust von Zähnen und Haaren, in der abnehmenden Größe von Händen und Füßen, an der Verkürzung der Kiefer, und den kleineren Mündern und Ohren. Der Mensch erreicht das, wofür einst Körpereinsatz nötig war, durch Erfindungsgeist, Maschinen und Verträge. Einst mußte er Tiere erjagen, Frauen rauben, seinen Feinden entfliehen – und er mußte sein ganzes Leben lang seinen Körper trainieren, um dazu in der Lage zu sein. Heutzutage hat sich das alles geändert. Im Zeitalter der Droschken, Züge, Straßenbahnen kommt es auf Schnelligkeit nicht mehr an; Nahrung kann eingekauft werden; eine Frau muß nicht länger gejagt werden; es reicht, ein Heiratsinserat aufzugeben. Heutzutage braucht es Wissen, um zu überleben, und körperliche Anstrengung wird zur Last, ja sogar zur Plage; sie tobt sich im Sport aus und in Wettkämpfen. Das intensive Training braucht Zeit und wirkt sich so negativ auf seine Bildung und seinen Erfolg im Geschäftsleben aus. Deshalb ist der Muskelprotz seinem geschmeidigeren Bruder unterlegen. Er hat keinen Erfolg im Leben und heiratet nicht. Die besser Angepaßten überleben.

Der zukünftige Mensch wird also notwendigerweise ein größeres Gehirn und einen kleineren Körper als heute besitzen. Einen Körperteil freilich nimmt der Professor von dieser Regel aus. „Während der Rest der Muskulatur schrumpft, wird die menschliche Hand beständig kräftiger und feinfühliger werden, da sie der Lehrer und Vermittler des Gehirns ist.“

In der Physiologie dieser Nachkommen des Menschen, mit ihren größeren Gehirnen, ihren feinfühligen Händen und schrumpfenden Körpern, müssen notwendigerweise große Veränderungen erfolgen. „Schon heute sehen wir,“ sagte der Professor, „wie der geistig regere Teil der Menschheit empfindlicher auf Stimulanzien reagiert, indem er etwa Alkohol weniger verträgt. Heute kann niemand mehr eine Flasche Portwein auf ex trinken, manche vertragen keinen Tee mehr, weil er zu stark für ihr Nervensystem ist. Diese Tendenz wird anhalten, schon bald wird ein zukünftiger Sir Wilfrid Lawson die vergnügliche Pflicht haben, flüsternd gegen die Verwendung von silbernem Teegeschirr zu predigen. Rohes Frischfleisch war einst etwas für einen König. Heute können viele kein Fleisch mehr essen, außer wenn es nicht mehr als solches zu erkennen ist. Oder denken Sie etwa an Rüben; roh und ungekocht finden wir sie heute fast ungenießbar, aber es muß eine Zeit gegeben haben, in der eine Rübe ein seltener glücklicher Fund war, der gierig verschlungen wurde. So wird es auch mit allem anderen Obst und Gemüse gehen. Schon heute essen nur noch die Kinder Äpfel roh – bei den Kindern erhalten sich noch urtümliche Merkmale, nachdem sie bei den Erwachsenen längst verschwunden sind. Einen Jungen der Zukunft werden Äpfel sowenig interessieren wie ihn heute irgendwelche Kieselsteine interessieren (falls nicht gerade eine Katze in der Nähe ist).

„Zudem zählen auch die neuen Entdeckungen in der Chemie zu den Einflüssen, denen der Mensch unterliegt. Schon in vorgeschichtlichen Zeiten war der Mensch nicht mehr auf seinen Mund angewiesen, um seine Nahrung festzuhalten, seitdem nimmt seine Tauglichkeit als Greiforgan beständig ab. Seine Schneidezähne werden kleiner, seine Lippen dünner und weniger muskulös. Er verfügt jetzt über ein neues Organ, einen Kiefer, der nicht mehr aus verletzlichem Gewebe besteht, sondern aus Stahl: Messer und Gabel. Es gibt keinen Grund, warum die Entwicklung an der bislang erreichten Trennung stehenbleiben sollte; im Gegenteil: alles spricht dafür, daß eine sinnreiche Vorrichtung sein Essen vorkauen und einspeicheln und die schrumpfenden Speicheldrüsen und Zähne entlasten und schließlich ganz ersetzen wird.

Was nicht mehr benötigt wird, das verschwindet. Welchen Zweck haben die Ohrmuscheln, die Nase und die Augenbrauen noch? Einst schützten die Brauen die Augen vor Verletzung im Kampf um beim Sturz, aber heute stehen wir sich auf unseren Beinen und haben Frieden. Wenn wir diesen Gedanken weiter verfolgen, darf sich der Leser den Anblick einer zukünftigen Antlitzes so vorstellen: „Große Augen, glänzend, schön und ausdrucksvoll; über ihnen, nicht mehr durch buschige Brauen abgetrennt, schließt sich die Rundung des Schädels an, eine glänzende, haarlose Wölbung, walzenförmig und schön. Keine Nase stört durch den Schatten, den sie wirft, die perfekte Symmetrie dieser entspannten Züge; es sind keine verkümmerten Ohren mehr zu bemerken. Der Mund ist eine kleine, vollkommen runde Öffnung, ohne Zähne und Gaumen, nicht mehr tierisch. Keine unnötigen Gefühle entstellen diese Perfektion, wie es da in diesem Gesicht ruht wie der Abendstern oder der Vollmond am Firmament.“ Das ist das Gesicht, das der Professor in der Zukunft erblickt.

Natürlich werden auch Körper und Gliedmaßen ähnlichen Veränderungen unterliegen. „Jeder Tag nimmt die Verdauung einige Stunden in Anspruch und verbraucht Energie. Eine Mattigkeit, eine dumpfe Lethargie erfassen die Sterblichen nach dem Mahl. Das läßt sich vermeiden. Unsere Kenntnis der organischen Chemie wächst mit jedem Tag. Schon heute können wir die Verdauungsdrüsen künstlich anregen. Jeder Arzt, der Medizin verschreibt, weiß, daß sich die Körperfunktionen durch künstliche Mittel ersetzen lassen. Wir haben Pepsin, Pankreatin, künstliche Magensäure – und noch viele andere Mittel. Warum sollte sich also nicht dereinst der Magen völlig ersetzen lassen? Ein Mensch, der sich das Essen nicht nur zubereiten, sondern auch vorkauen und verdauen lassen würde, hätte gegenüber seinen Zeitgenossen, die noch verdauen, erhebliche Vorteile. Denken Sie bitte daran: hier handelt es sich um eine nüchterne und ausgewogene Fortschreibung von Entwicklungen, die wir heute sehen, in die Zukunft. Vielleicht regen die folgenden Tatsachen Ihre Phantasie an. Es besteht kein Zweifel, daß viele Gliederfüßler – ein Stamm des Tierreichs, der älter und bis heute artenreicher ist als die Wirbeltiere – größere phylogenetische Modifikationen“ – ein wunderbarer Ausdruck – „durchgemacht haben als die Wirbeltiere. Einfache Formen wie die Hummer ähneln im Plan ihres Körperbaus durchaus den Fischen. Bei anderen hingegen, etwa im Fall des ‚Chondracanthus,‘ hat sich der Körperbau wesentlich weiter von Original entfernt als das beim Menschen der Fall ist. Bei einigen der am weitesten modifizierten Krustentiere ist der gesamte Verdauungstrakt – also die verdauenden und Nährstoff-absorbierenden Organe – zu einem nutzlosen, verhärteten Strang geworden. Das Tier ernährt sich – es ist ein Parasit – von der Nährflüssigkeit, in der es schwimmt. Spricht irgendetwas gegen die Möglichkeit, daß sich der Mensch auch in diese Richtung entwickelt? Stellen wir uns vor, daß er nicht länger sich nicht länger, unter Zuhilfenahme von Geschirr und Küchenpersonal, von merkwürdig gefärbter und behandelter Nahrung ernährt, sondern dadurch, daß er in schlichter Eleganz ein Bad in einer Nährflüssigkeit nimmt.

„Die Phantasie malt sich ein Gebäude aus, eine Kuppel aus Kristall, über deren durchsichtige Oberfläche die strahlendsten und reinsten Farben des Regenbogens spielen und verblassen und sich ändern. In der Mitte dieser durchsichtigen, bunt leuchtenden Kuppel befindet sich ein rundes Becken aus weißem Marmor, das mit einer klaren, wogenden, bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt ist, und in der seltsame Geschöpfe baden und tauchen. Handelt es sich um Vögel?



„Es handelt sich um die Nachkommen der Menschen – beim Festmahl. Wir sehen, wie sie auf den Händen über den glänzenden weißen Marmorboden hüpfen – eine Art der Fortbewegung, die schon Bjornsen empfohlen hat. Große Hände haben sie, gewaltige Hirne, sanft glänzende, ausdrucksvolle Augen. All ihre Muskeln, ihre Beine, ihr Unterleib, sind zu einem Nichts geschrumpft, ein überflüssiges Anhängsel für ihren Verstand.“

Die weiteren Aussichten des Professors sind nicht ganz so verlockend.

„Die Tiere und Pflanzen sterben vor dem Menschen aus, mit Ausnahme der Arten, die er als Nahrung oder aus Gefallen an ihnen erhält, oder denen, denen es gelingt, als Parasiten ihr Dasein zu fristen. Solche Schädlinge werden früher oder später seiner Erfindungsgabe und der immer besseren Effizienz zum Opfer fallen. Sobald der Mensch lernt, wie Photosynthese ohne Hilfe von Pflanzen erzielt werden kann (ohne Zweifel sind die Chemiker diesem Geheimnis längst auf der Spur), entfällt die Notwendigkeit, daß es auf der Erde noch Pflanzen oder Tiere gibt. Wenn dieser Bedarf wegfällt und es keinen Widerstand dagegen gibt, folgt das Aussterben. Am Ende seiner Tage wird der Mensch allein auf der Erde sein, und seine Nahrung wird auf chemischem Weg durch Sonnenlicht und tote Mineralien erzeugt werden.

„Und – die Gründe dafür kann man in dem ausführlichen und schmerzhaft zutreffenden Buch „Die Daten der Ethik“ nachlesen – die irrationalen menschlichen Beziehungen werden durch eine geistige Zusammenarbeit ersetzt, und das Gefühl wird durch die Vernunft verdrängt. Ohne Zweifel wird es bis dahin noch lange dauern, aber auch Äonen sind nichts im Angesicht der Ewigkeit, und wer über solche Fragen nachzudenken wagt, sollte dies im Hinblick auf die Ewigkeit tun.“

Unser Professor erinnert uns daran, daß die Erde beständig Wärme ins All abstrahlt. Und so entsteht die letzte Vision: von menschlichen Cherubinen, hüpfenden Köpfen, gewaltigen, gefühllosen Intellekten, die gemeinsam unermüdlich gegen die Kälte kämpfen, die sie mehr und mehr bedrängt. Denn die Welt erkaltet – langsam und unausweichlich nimmt die Kälte zu, während die Jahre vergehen. „Wir müssen uns diese Wesen vorstellen,“ sagt der Professor, „wie sie in den Gängen und Laboren tief im Inneren der Erde leben. Die ganze Welt wird von Schnee bedeckt und im Eis erstarrt sein; alles tierische Leben, alle Pflanzen werden verschwunden sein – außer diesem letzten Zweig am Baum des irdischen Lebens. Immer weiter werden sich diese letzten Menschen in die Tiefe graben; sie folgen der verlöschenden Wärme des Planeten, und riesige Metallschächte und Ventilatoren dienen dazu, ihnen die Luft zu erneuern, die sie zum Atmen brauchen.“

So endet das Horoskop unseres Professors: mit einem Blick auf diese menschlichen Kaulquappen, in ihren engen unterirdischen Galerien, dem Hämmern der Bohrmaschinen, und künstliches Licht, das harte, schwarze Schatten wirft. Die Menschheit auf dem Rückzug vor der Kälte, so verändert, daß sie nicht wiederzuerkennen ist. Aber der Professor ist glaubwürdig, er stützt sich auf den Stand der heutigen Wissenschaft, sein Schlußfolgerungen sind korrekt. Der Leser erschaudert bei diesen Aussichten, greift nach dem Feuerhaken, um das Feuer zu schüren, und das ungeschriebene Buch geht sofort in Rauch auf. Das ist der große Vorteil ungeschriebener Literatur: es bedarf keiner Mühe, die Bücher umzuschreiben. Was das Schicksal unserer Gattung betrifft, so tröstet sich der Leser mit dem Gedanken an den verlorenen Teil von „Kubla Khan.“

* * *



„1.000.000 A.D.“

Was wird aus dem Menschen im Jahr eine Million?
Die Frage ist noch ungeklärt.
Aber jetzt haben wir EINES Sehers Vision,
Die uns folgenden Einblick gewährt:

Wenn der Mensch sich weiterentwickelt,
Wächst sein Schädel, wird „kahl, walzenrund,“
Er wird weder trinken noch essen,
Ohne Zähne und Gaumen im Mund.

Er ernährt sich in einem Bad aus Pepsinen,
Und er hüpft auf den Händen hinein
(Es gibt keinen Butler mehr, um ihn zu bedienen)
Und taucht dort engelsgleich ein.

Er durchquert nicht mehr Länder und Meer,
Die Welt wird vereist und erstarrt sein.
Weil die Kälte der Ewigkeit wächst, flieht er
Tief ins Erdinnere hinein.

Sollte die „Pall Mall Gazette“ recht behalten,
Mit den Dingen, die uns dereinst droh’n,
Danken wir allen Höheren Gewalten,
Daß wir dann nicht mehr leben: im Jahr Eine Million!

(„1.000.000 A.D.“ – Punch, 25. November 1893)

* * *

“The Man of the Year Million” erschien zuerst ohne Angabe des Verfassers in der Londoner Abendzeitung Pall Mall Gazette, mit dem Untertitel „A Scientific Forecast,“ in der Ausgabe von 6. November 1893; ein Nachdruck erschien im „Pall Mall Budget,“ in dem ein Teil der Feuilletonbeiträge wöchentlich nachgedruckt wurden, am 16. November 1893. In Wells‘ Sammlung seiner journalistischen Arbeiten, Certain Personal Matters (London: William Heinemann, 1897), wurde der Titel in „Of a Book Unwritten“ geändert. Während die meisten der 39 kleinen Aufsätze eher schnurrige Gedankenspielereien und Alltagsskizzen zum Thema haben, folgt im Buch eine weitere Spekulation zum endgültigen Schicksal von Genus humanum: „The Extinction of Man.“ In Wells‘ „Scientific Romance“ The War of the Worlds (1898) erinnert sich der Erzähler „an die Voraussage eines gewissen Verfassers über spekulative Themen, der für die Menschheit eine ähnliche Entwicklung vorausgesagt hatte, wie wir sie bei dem Marsbewohnern sehen. Seine Prophetie erschien im November oder Dezember 1893, wenn ich mich nicht irre, in einer längst eingestellten Zeitschrift, dem Pall Mall Budget, und ich erinnere mich auch an eine Karikatur dazu in einem vor-marsianischen Magazin namens Punch“ (Buch II, Kap. ii).

Anmerkungen:
Die Namen „Holzkopf“ und „Weisnichtwo“ sind im Original in Deutsch gehalten. Wells rächt sich hier für die Pflicht, im Zuge seiner Lehrerausbildung im Fach Biologie Deutsch lernen zu müssen; bezeichnenderweise trägt der Berichterstatter in der allerersten, Fragment gebliebenen Fassung der „Zeitmaschine,“ „The Chronic Argonauts,“ das Wells in der von ihm redigierten Studentenzeitschrift „School Science Journal“ 1888 publizierte, den Namen „Nebogipfel,“ nach dem Namen des Bergs, von dem Moses das verheißene Land erblickte, das er nicht betreten sollte (er trägt denn auch den Vornamen Moses).

„…das schmerzhaft zutreffende Buch ‚Die Daten der Ethik‘“ – „The Data of Ethics,“ zuerst 1879 erschienen, sind ein Teil von Herbert Spencers (1828-1903) auf zehn Bände angelegten Versuch des „Systems of Synthetic Philosophy,“ eine umfassende Erklärung biologischer, soziologischer und philosophischer Phänomene unter rein materiellen Gesichtspunkten, aus der Sichtweise der von Darwin begründeten Evolutionstheorie, zu liefern – was wir heute im Sinne Niklas Luhmanns eine Systemtheorie nennen würden – von den „First Principles“ von 1862 bis zu den letzten beiden Abteilungen der „Principles of Sociology“ – „Professional Institutions“ und „Industrial Institutions“ von 1896. „The Data of Ethics.“ In Kapiteln mit Titeln wie „Ways of Judging Conduct,” “The Biological View” und “The Sociological View” versucht Spencer hier eine Ethik unter rein utilitaristischen Gesichtspunkten zu entwerfen, die sich dem gegenseitigen Nutzen kooperierender Individuen verdankt auf und religiöse oder abstrakte Setzungen nicht angewiesen ist.

„Bjornson“ – Wells‘ Schreibweise für Bjørnstjerne Bjørnson (1832-1910), späterer Literaturnobelpreisträger des Jahres 1903 und als Dramatiker zu seiner Zeit ebenso umstritten wie sein schwedischer Zunft- und Zeitgenosse August Strindberg. Welche aktuelle Causa Wells‘ galliges Beiseit ausgelöst hat (das an Voltaires Urteil über Rousseau erinnert, als ihm dieser seine Denkschrift über „das Entstehen der Ungleichheit unter den Menschen“ zur Kenntnisnahme zugeschickt hatte: „On n'a jamais employé tant d'esprit à vouloir nous rendre bêtes; il prend envie de marcher à quatre pattes, quand on lit votre ouvrage“ (30 August 1755), ist auf die Schnelle nicht zu eruieren.

"Kubla Khan" - Samuel Taylor Coleridges Balladenfragment, das ihm laut der Vorbemerkung bei der Veröffentlichung 1816 vollständig im Traum präsent war, blieb deshalb ein Torso, weil der Autor 1797 bei der Niederschrift nach dem Erwachen durch den Besuch einer "Person aus Porlock" gestört wurde.

***

I.
Die schriftstellerische Karriere von H. G. Wells (1866-1946) – dem „Mann, der die Zukunft erfand“ – wird von Kritikern allgemein in drei Phasen aufgeteilt: die Anfänge, in denen er tatsächlich „die Zukunft erfand“ und den technologischen, biologischen, aber auch kosmischen Entwicklungen ein Gesicht verlieh und dafür Symbole fand, wie es noch niemandem vor ihm vergönnt gewesen war; vor allem in dem guten halben Dutzend der kleinen Romane, die Wells selbst, aus Mangel n einem griffigen Terminus, als „scientific romances“ bezeichnete – von der „Zeitmaschine“ (1895), über die „Insel des Dr. Moreau“ (1896), den „Unsichtbaren“ (1897), den „Krieg der Welten“ (1898), „Wenn der Schläfer erwacht“ (1899) und schließlich den „Ersten Menschen im Mond“ von 1901.

Daran schließt sich eine kurze Periode an, in der die Romane mehr und mehr zu utopischen Zukunftentwürfen und dem Weg zu ihrer Umsetzung, die sich mit zeitkritischen, oft satirischen Gegenwartanalysen abwechseln (etwa „Kipps,“ 1905, und „The New Macchiavelli,“ 1911) und schließlich, mit dem Ende des „Großen Kriegs“ einhergehend, die Wandlung zum politiischen Aktivisten und Analytiker des Weltlaufs, der im Sozialismus, wie ihn die Fabian Society vertrat, das Modell einer utopischen Weltgemeinschaft sah und nach Kräften zu fördern versuchte. (Der Ausdruck „The war to end war,“ der den Weltkrieg als letzten, ultimativen Krieg unter den Völkern sah, geht auf Wells‘ Buchtitel „The War That Will End War“ von 1914 zurück).

Es gibt zwischen diesen „Inkarnationen“ freilich Überlappungen. Schon im zweiten Roman, „The Wonderful Visit“ von 1895 ermöglichen die Gespräche eines abgestürzten Engels mit dem Landpfarrer, der ihn gesundpflegt, eine ironische Bestandaufnahme der Zustände der Gegenwart; und das Programm, über eine Kaste von „Samurai,“ von einflußreichen Intellektuellen, Industriemagnaten, Erfindern, „Meinungsmachern“ (zu denen sich Wells ganz klar zugehörig fühlte), ganz offen auf eine grundlegende Gesellschaftsveränderung im Sinn eines sozialistischen Utopias hinzuarbeiten, wie es in „The Open Conspiracy“ von 1928 propagiert wird, findet sich bereits in dem Roman „A Modern Utopia“ von 1905 umrissen. Klaus Schwab und die vom World Economic Forum seit einigen Jahren (genauer: seit 2016) propagierten Pläne für einen „Great Reset“ der Weltwirtschaft und des gesamten Lebens und der Besitzverhältnisse unter dem Zeichen der „Weltrettung“ finden hier ihre Vorwegnahme.

Es ist unausweichlich, daß Schriften mit solcher Programmatik ihren Verfasser nicht überleben (auch Schwabs Propagierung einer Welt des Jahres 2030, in der „niemand mehr etwas besitzt und glücklich darüber sein wird,“ wird nach ihm nur noch ein erschreckendes Zeugnis über die totalitäre Blindheit und Hybris solcher Weltenlenker sein). Wells‘ späte Bücher sind heute ungelesen (ein Schicksal, das er selbst vorausahnte, als er in einem Interview gegen Ende seines Lebens auf seine Bücher in Regal klopfte und sie als „dead as wood“ bezeichnete). Studiert werden sie höchstens noch, wenn ein spezielles Interesse von Verfasser und seinen Schöpfungen dahintersteht – etwa bei Adam Roberts, Professor für englische Literatur an der University of London und als Verfasser von 21 SF-Romanen seit dem Jahr 2000 mittlerweile einer der prominenteren englischen Gegenwartsautoren des Genres. Im Lauf der Vorbereitung auf die neueste Biographie Wells‘, die sich nicht auf die Lebensumstände, sondern ganz auf das Werk konzentriert, las sich Roberts von 2016 bis 2018 im Wochentakt durch die gut 120 Einzeltitel und referierte den Inhalt in einer knappen Zusammenfassung auf seinem Netztagebuch. Nachzulesen ist dies mittlerweile nicht mehr in den Untiefen des Weltnetzes (wie es Wells übrigens als „elektronisches Repositorium allen Weltwissens“ 1938 in der kleinen Schrift „World Brain“ vorausgesagt hat), sondern in klassisch-gutenberg’scher Weise in „H. G. Wells: A Literary Life“ (Palgrave Macmillan, Dezember 2019). Das genügt zur Kenntnisname der Art und Weise einer solchen Oeuvres vollkommen: niemandem ist es zuzumuten, sich freiwillig eine matte Satire wie „The Camford Visitations“ von 1937 anzutun: in der „eine Stimme aus den Tiefen des Weltraums“ das Gewissen ein staubtrockenen Doktoren hinsichtlich der sich abzeichnenden Weltkatastrophe aufrüttelt und das Buch nur in lustlose Diskussionen über die reine Möglichkeit eines solchen Wachrufs ausmündet (am Ende ist nicht klar, ob es sich nicht nur um eine kollektive Halluzination handelt). Oder die peinlich-decouvrierende Polemik „Crux Ansata,“ in der Wells mitten im Zweiten Weltkrieg, 1942, einzig und allein die katholische Kirche für sämtliche Mißstände der Gegenwart verantwortlich macht.

***

II.
Der frühe Wells („el primer Wells,“ wie ihn Jorge Luis Borges in dem Essay gleichen Titels in Otras inquisiciones (1952) genannt hat), ist von ganz anderem Kaliber. Nicht nur entwickelt er als Autor hier Themen der Zukunftsdarstellung, die seitdem zu dem Standard-Topoi der Gattung gehört – die Zeitreise, der Flug in den Weltraum nicht aufgrund einer tatsächlichen Umsetzbarkeit (wie es etwas Jules Verne eines Generation mit seiner „Mondkanone“ in „Von der Erde zum Mond“ 1865 versucht hatte), sondern nur insoweit, um dem Leser eine vage Illusion einer solchen Vorrichtung zu vermitteln, um dann die Möglichkeiten daraus zu erschließen. Zuschauer, denen bei der Erwähnung der „Zeitmaschine“ noch der mit einem Rotor versehene viktorianische Plüschsessel vor Augen steht, mit dem Rod Steiger als namensloser Chrononaut in der Verfilmung durch George Pal von 1960 seiner Reise ins Jahr 802701 antritt, werden überrascht sein ob des kurzen Blicks, die die Zuhörer des Zeitreisenden in Wells‘ Text auf die Maschine erhaschen können:

"Would you like to see the Time Machine itself?" asked the Time Traveler. And therewith, taking the lamp in his hand, he led the way down the long, draughty corridor to his laboratory. I remember vividly the flickering light, his queer, broad head in silhouette, the dance of the shadows, how we all followed him, puzzled but incredulous, and how there in the laboratory we beheld a larger edition of the little mechanism which we had seen vanish from before our eyes. Parts were of nickel, parts of ivory, parts had certainly been filed or sawn out of rock crystal. The thing was generally complete, but the twisted crystalline bars lay unfinished upon the bench beside some sheets of drawings, and I took one up for a better look at it. Quartz it seemed to be. (Kap. 1: „The Inventor“)


„Würden Sie gerne die Zeitmaschine selbst sehen?“ fragte der Zeitreisende. Er nahm die Lampe und geleitete uns durch den langen, zugigen Korridor zu seinem Labor. Ich erinnere mich noch gut an den flackernden Lichtschein, dem Umriß seines seltsamen, großen Kopfs, die tanzenden Schatten – wie wir ihm alle verblüfft, aber voller Zweifel folgten, und daß wir im Labor eine größere Ausführung des kleinen Geräts, das vor unseren Augen verschwunden war, zu sehen bekamen. Zum Teil bestand es aus Nickel, zum Teil aus Elfenbein, einige Teile wirkten, als wenn sie aus Bergkristall gefeilt oder gesägt worden waren. Der Apparat war fast fertiggestellt, aber die gewundenen Kristallstangen lagen noch auf der Werkbank neben ein paar Konstruktionszeichnungen. Ich nahm eine davon zur Hand, um sie mir näher anzusehen. Sie schien aus Quartz zu bestehen.“


C’est tout. Viel wichtiger ist der Einblick in die Welt der Zukunft, die dieses Fahrzeug dem staunenden Reisenden ermöglicht – und mit ihm dem ebenso nichtsahnenden Leser. Drei Dinge zeichnen diesen Text vor den vorangegangenen Versuchen, das „weitere Schicksal“ der Menschheit“ in Bilder zu fassen, aus. Zum einen gibt Wells nicht aus allwissender Autorenperspektive einer Tour d’horizon, sondern läßt den Leser die „wahre Natur“ dieser fernen Zukunft in all seiner Albtraumhaftigkeit erst in mehreren Umschlägen erkennen: nachdem der Zeitreisende angesichts der offenen Parklandschaft, die sich anstelle des verrußten London des ausgehenden 19. Jahrhunderts erstreckt, aber offenkundig eine Kulturlandschaft darstellt, an die Verwirklichung seiner sozialistischen ideale denken; dann drängt sich ihm aufgrund der Abwesenheit von Bewohnern der Verdacht auf, die Menschheit könnte ausgestorben sein und die arkadische Idylle sinnlos von Automaten gepflegt werden, die für die Ewigkeit konstruiert sind; nach der Entdeckung der „Eloi,“ der kindhaft-zurückgebliebenen Nachkommen der Menschheit ist die Erkenntnis unausweichlich, daß das Versorgtwerden durch die Maschinen zu einer Regression, zum verkümmern aller höheren geistigen Fähigkeiten geführt hat. Und schließlich endet die Serie von „konzeptuellen Durchbrüchen“ mit der Erkenntnis, daß die Eloi nur als Fleischvorrat für die ebenfalls vertierten Morlocks dienen, die instinktgeleitet die unterirdischen Fabriken in Gang halten. Der Blick in das finale Schicksal von Erde und Sonne, 30 Millionen Jahre in der Zukunft gelegen, verstärkt diesen Eindruck der hoffnungslosen Ausgeliefertheit im Angesicht der Ewigkeit nur noch. Dies ist der zweite Neuerungsfaktor der Wells’schen Darreichungsform: daß er aus dem Wissen um die „Tiefenzeit“ schöpfen kann, daß ihm, als einem der ersten Autoren, eine zutreffende Vorstellung von der Länge der geologischen Geschichte der Erde, von den Dimensionen der Tiefen des Weltraums zur Verfügung steht, die die Wissenschaft des 19. Jahrhundert nicht nur erstmals nachgewiesen, sondern erstmals auch in Ansätzen vermessen hatte.

Und als dritter Faktor kommt hinzu, daß Wells der erste Autor ist, der die Implikationen der Darwin’schen Evolutionstheorie für die Entstehung und – in Analogie dazu – das zukünftige Schicksal der Menschheit wirklich erfaßt hat. Das verdankt er seinem Lehrer Thomas Henry Huxley, „Darwins Bulldogge,“ dem polemischen, aber brillianten und prominnetesten Vorkämpfer für Darwins Erkenntnisse. (Von Huxley stammt das bis heute beständig mißverstandene Schlagwort vom „survival of the fittest,“ das eben NICHT das „Überleben der Stärksten“ meint, sondern das der am besten an ihre Umwelt angepaßten Arten, und in der mißbräuchlichen Übersetzung „Kampf uns Überleben“ nicht eine nüchterne Benennung der Ernährung und der Fortpflanzung zum Zweck der Arterhaltung erkennt, sondern um einen auf Ausrottung gerichteten Wettbewerb zwischen Nahrungskonkurrenten.). Wells ist der erste Autor von Zukunftsvisionen, der verstanden hat, was der Evolutionsbiologe Theodosius Dobzhanski (1900-1975) 80 Jahre nach Wells’s schriftstellerischen Anfängen 1973 in die Erkenntnis faßte: „Nothing in biology makes sense except in the light of evolution“ – und die Anwendung dieses Prinzips, das uns so bizarr anmutende Lebensformen wie Tiefseefische, staatenbildende Insekten, Brutparasitismus, Schlupfwespen und reifendes Obst mit wechselnder Schalenfärbung, die als Einladung zum Gefressenwerden dient, beschert hat, hat uns im Frühwerk von Wells diese „nightmares of the flesh,“ jene „Albträume des Fleisches,“ beschert, die G. K. Chesterton als dessen grausigen Kern ausmachte und von denen er das „Bild der Zukunft“ in einen Nachtmahr pervertiert sah. Die Morlocks, die an Termiten erinnernden Mondbewohner, die Marsianer, die sich vom Blut der gefangenen Menschen ernähren, indem sie sie wie eine Orange aussaugen – sie alle sind (sit venia verbo) Fleisch von diesem Fleisch.

III.
„The Man of the Year Million” ist der erste Ausflug des Autors auf dieses Gebiet. Bevor Wells, etwa um das Jahr 1900, seine Passion entdeckte, die Möglichkeiten der Zukunft, der Technik, der wissenschaftlichen Erkenntnis der Schaffung einer utopischen Gesellschaft unterzuordnen und zu einem seiner „Samurai“ anstatt zu einem hellsichtigen Visionär zu werden, gehörte er zu einer anderen kleinen Gruppe von Autoren auf dem Gebiet wissenschaftlich und technologisch unterfütterter Spekulation an, die erst 30 Jahre später den Gattungsnamen Science Fiction erhalten sollte. Seitdem tritt (zumindest im englischsprachigen Bereich) alle 10 Jahre einmal ein neuer Autor auf dem Plan, dessen Texte von ungeahnten Einfällen und Volten nur so sprühen, die mit allem Dahergekommenen brechen, die ein Feuerwerk abbrennen – die aber anders bei ähnlich gelagerten Geistesverwandten nicht ins Groteske und grell Satirische bis Klamaukhafte spielen: zu der zweiten Gruppe wären etwa Edgar Allan Poe mit seinen „Tales of the Grotesque and Arabesque“ zu zählen oder auch die schrillen Zerrbilder von Gustav Meyrink („Der deutschen Spießers Wunderhorn“) oder Paul Scheerbarts, die keinerlei Wert auf den Anschein einer „Glaubwürdigkeit“ oder der durchdachten Konsequenz ihrer Einfälle haben. (Natürlich trifft das für viele Erzählungen Poes nicht zu – aber bedenklich viele von ihnen fallen nicht in den Bereich des literarischen Schreckens und der Extrapolation, sondern in den des lauten Klamauks.)

In den 1930er Jahren stand hierfür der Name Stanley G. Weinbaum (1904-1935), der als erster Autor im Bereich der „Pulp Magazines“ glaubhaft wirkende außerirdische Lebensformen zu schildern wußte, die sich nicht von irdischen Pendants herleiteten oder (wie es so oft bei Fernsehserien wie Star Trek im Wortsinn zu sehen ist), schlicht um „Menschen im bunter Gummimaskierung.“ In den 1940er war es Robert A. Heinlein, dessen „Zukunftsgeschichte“ ihren Reiz nicht zuletzt dadurch gewann, daß hunderte von Details nicht des langem und breiten dem Leser vorgeführt wurden, sondern en passant als Alltagstechnik Erwähnung fanden, die so wenig en détail vorgeführt werden mußten, wie einem Leser des Jahres 2021 das Verschicken einer WhatsApp-Nachricht oder die Bedienung einer Suchmaschine. In den fünfziger Jahren stand Alfred Bester dafür, vor allem mit seinen Romanen „The Demolished Man“ (1953) und „The Stars My Destination“ (1957), ab Mitte der sechziger Jahre Larry Niven mit seiner Zukunftsgeschichte des „Known Space,“ die in dem Roman „Ringworld“ (1970) kulminierte; wieder zehn Jahre später John Varley, Mitte der 1980er Jahre dann einer der beiden Paten des „Cyberpunk,“ Bruce Sterling (vor allem mit seinem Zyklus um die „Shaper/Mechanist“-Fraktionen, bei denen sich die Zukunft des Lebens auf der Erde und im Sonnenystem anhand der Konkurrenz der Cybernetik und der Biotechnologie entscheidet), Ende der 1990er Jahre David Marusek und als bislang letzter Vertreter Anfang der „Nuller Jahre“ Charles Stross, besonders mit seinem neunteiligen Erzählzyklus um die pikaresken Abenteuer der Hackerdynastie der Familie Max im 21. Jahrhundert, die im Roman „Accelerando“ (2005) zusammengefaßt wurden.

Daß die „Halbwertszeit“ der Autorenkarrrieren unter diesem Zeichen in den letzten 35 Jahren rapide abgenommen hat (wie man am Beispiel von Marusek, Sterling und Stross deutlich sehen kann), beruht auf zwei Gründen – einem „intrinsischen,“ und einem äußerlichen. Der innere Faktor fußt auf dem Ausbrennen, dem Sicherschöpfen der Ideenkaskaden, die sich nicht ins immer weiter Ausgreifende steigern läßt, in ein „immer mehr,“ „immer radikaler und niegesehener,“ ohne zuletzt zu einer Selbstparodie zu werden. Larry Niven hat dem Rechnung getragen, indem er schon Mitte der 1970er Jahre als Terminus ante quem für seine zukünftige galaktische Historie das Jahr 3000 setzte, jenseits dessen die technischen Entwicklungen weder vorstellbar seien noch Raum für glaubhaft zu vermittelnde dramatische Situationen ließen. Zudem kann man als Autor nicht gut über mehr als 10, vielleicht 15 Jahre immer wieder erneut solche Feuerwerke abbrennen.

Der äußerliche Faktor ergibt sich aus der unübersehbaren Diskrepanz zwischen dem geschilderten „Kaskadensturz in die Zukunft,“ und der tatsächlichen Beharrlichkeit der Lebensumstände, die sich einer immer mehr beschleunigenden Umwertung aller Gegebenheiten bockig widersetzt. Spätestens seit den sechziger Jahren, angesichts eines scheinbar immer rapider ablaufenden technischen Wandels, stehen solche Zukunftsschauen im Zeichen einer „technologischen Singularität,“ einer (theoretisch) unendlichen Beschleunigung des Wandels und der dadurch offerierten Möglichkeiten. In den Texten, die vorgeben, sich auf philosophischer Basis mit den ungeahnten Möglichkeiten zu befassen, die uns im Lauf dieses Jahrhunderts ins Haus stehen, etwa in den Schriften von Vernor Vinge, Bill Joy, Ray Kurzweil oder des Propheten der Nanotechnologie, K. Eric Drexler, die allesamt von einer exponentiell anwachsenden Beschleunigung des technologischen Fortschritts ausgehen, hat die „Verschmelzung von Biologie und Technik,“ „Geist und Computer“ die Stelle eingenommen, die der „Punkt Omega“ als letztes Ziel der biologischen Evolution in der Vision Teilhard de Chardins einnahm. In der „wirklichen Welt,“ im „RL,“ hält sich hingegen die Umwertung aller Werte im schroff umzirkten Grenzen. Die Überwindung und Augmentierung unseres biologischen Erbes ist nicht in Sicht – auch wenn ein radikaler Sektierer-Zweig des Zeitgeistes auf der Auflösung und völligen Verneinung der Zweigeschlechtlichkeit beharrt (bei gleichzeitigem Fokus auf eben die Folge dieser biologischen Ausstattung, nämlich der sexuellen Beziehungen). Von Künstlicher Intelligenz, die nur entfernt zur Innenreflektion und Entwicklung eines Bewußtseins (also ihrer „starken Form“) – oder dessen glaubhafter Vorspiegelung – imstande wäre – sind die Computerbauer und Programmierer noch so weit entfernt wie in den 1950er Jahren, als die ersten Überlegungen zur KI publiziert wurden.

IV.
Mit Wells haben wir nun den ersten in der Reihe dieser Ideen-Pyrotechniker vor uns, der seine Feuerwerke an unerwarteten, aber logischen Einfällen nicht nur in Langtexten wie der „Zeitmaschine“ abbrennt (die eine langwierige und komplexe Genese hat und in die die Vision vom „Menschen des Jahrs 1.000.000“ eingeflossen ist) - sondern auch in Kurzgeschichten wie „Das Kristall-Ei,“ oder „Der neue Beschleuniger“ - aber eben auch in seinen Essays und sogar Rezensionen, mit denen sich der angehende Autor nach seiner ersten Buchveröffentlichung, dem Fernschul-Kurs „The Text-Book of Biology“ von 1893 das tägliche Brot verdiente. Die meisten dieser Zeitungsbeiträge sind anonym erschienen – erst, nachdem sich Wells mit seinen ersten Scientific Romances einen Namen gemacht hatte, bestand für die Redakteure ein Anreiz, auf den Namen des Autors als Leseanreiz zu setzen – aber aus der Korrespondenz, Honoarabrechnungen und internen Verweisen lassen sich gut 100 solcher „Brotarbeiten“ (wie Arno Schmidt seine entsprechenden literarischen Tagelöhnerarbeiten nannte) zwischen 1893 und 1896 ihm sicher zuschreiben. Auch dort blitzen immer wieder Konzepte auf, die man im Bereich der „wissenschaftlich-spekulativen“ Literatur erst viel später ansiedeln würde. Um nur ein Bespiel unter vielen herauszugreifen: die Idee, daß Lebensformen sich nicht nur – wie alle uns bekannten irdischen Lebensformen sich des Kohlenstoffs als chemischer Basis bedienen könnten, sondern auch anderer chemischer Elemente, vor allem des Siliziums, taucht in der Science Fiction erst zu Anfang der 1950er Jahre als gängige Vorstellung auf; Stanley G. Weinbaums straußenähnlicher Marsianer Tweel aus „A Martian Odyssey“ von 1934, der sich von Sand ernährt und seine Spur von Backsteinen hinterläßt, ist der erste Solitär, dessen innere Chemie von Autor nicht weiter erörtert wird; die erste durchdachte „Bauanleitung“ für solche Lebensformen wurde 1952 von vom Biochemiker und SF-Leser Dr. John D. Clark (1907-1988) als Handreichung für eine Anthologie verfaßt („The Petrified Planet;“ Twayne Books; der Text ist auch als „The Silicone World“ im der Zeitschrift Startling Stories im Dezember 1952 erschienen). Kennern der allerersten Star-Trek-Inkarnation ist solch eine kristallin-lavaförmig anmutendes Wesen vielleicht noch aus der Folge „The Devil in the Dark“ (dt. als „Horta rettet ihre Kinder“) bekannt. Und dann stößt man in Wells‘ kleinem Essay „Another Basis for Life,“ der in der Saturday Review am 22. Dezember 1894 erschien, auf diese Passage:

Vor mehr als einem Jahr wies Professor Emerson Reynolds darauf hin, daß bei sehr viel höheren Temperaturen die Starre von Siliziumverbindungen möglicherweise entfällt, daß bei Temperaturen über dem Zerfallspunkt der meisten Kohlenstoff-Stickstoff-Verbindungen eine Reihe von Silizium-Aluminium-Verbindungen vielleicht Kreisläufe komplizierter Synthesen, Zerfallsreaktionen und Oxydationen ermöglicht, die weitgehend denen entsprechen, die unseren Lebensvorgängen entsprechen. Er betonte im Folgenden die zahlriechen Ähnlichkeiten, die zwischen Kohlenstoff und Silizium bestehen und die sie von den anderen Elementen unterscheiden, die außergewöhnliche Stellung ihrer Atomgewichte in Mendeljeffs System, die Ähnlichkeit der von ihnen gebildeten Verbindungen - normale Silikate und Karbonate, Kieselsäure und Kohlendioxid, Chloroform und Trichlorsilan - und so weiter. Zumindest schien es theoretisch möglich. Und wenn wir davon ausgehen, daß die chemischen Grundlagen des Lebens schon früher und bei weit höheren Temperaturen gebildet worden sein könnten, durch Elemente, die heute nicht mehr reaktiv sind, ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Annahme, daß der Entwicklung von Leben und sogar Bewußtsein auch unter diesen Bedingungen erfolgt sein könnten.

Die Phantasie wird bei solchen Überlegungen zu phantastischen Vorstellungen angeregt: Lebewesen aus Silizium-Aluminium-Verbindungen - warum nicht auch Silizium-Aluminium-Menschen? - die sich in einer Atmosphäre aus gasförmigen Schwefel bewegen, vielleicht am Ufer eines Sees aus geschmolzenem Eisen spazieren, tausend Grad heißer als das Innere eines Hochofens. Aber das ist natürlich nichts als ein Traum. Aber die Möglichkeit, daß es in der Vergangenheit auf unserem Planeten zur Entwicklung von Leben auf der Basis von Silizium und Aluminium gekommen sein könnte, ist mehr als nur ein bloßer Traum.




U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.