10. August 2008

Wer sind die Adressaten des Ossetien-Kriegs? Merkel, Steinmeier, Sarkozy. Nebst einer Erinnerung an München 1938

Gestern brachte die ARD-"Tagesschau" in mehreren Ausgaben die Meldung, Südossetien gehöre zwar zu Georgien, "wird aber überwiegend von Russen bewohnt".

Das war eine krasse Falschmeldung. Tatsächlich sind - man konnte es gestern hier lesen - nur ungefähr zwei Prozent der Einwohner Südossetiens Russen. Ungefähr zwei Drittel sind Osseten, zwischen fünfundzwanzig und dreißig Prozent sind Georgier. Ein Blick in die zum Beispiel in der Wikipedia verfügbaren Daten der Volkszählungen von 1926, 1939, 1959, 1970 und 1979 hätte die Redaktion der "Tagesschau" davor bewahrt, eine falsche Behauptung zu verbreiten.



Wie kam es zu dieser Falschmeldung? Es scheint, daß die Redakteure der "Tagesschau" ungeprüft russische Meldungen übernommen und sie falsch interpretiert haben, die seit gestern verbreitet werden; ich hatte sie den Tag über in dem russischen Propagandasender Russia Today gehört. Danach haben achtzig Prozent der Bewohner Südossetiens einen russischen Paß.

Der russische Präsident Medwedew erklärte gestern, "that Russian forces in South Ossetia also have a mission to protect civilians in the province, most of whose residents hold Russian passports"; daß die russischen Streitkräfte in Südossetien auch den Auftrag haben, Zivilisten in dieser Provinz zu schützen, von deren Einwohnern die meisten einen russischen Paß besitzen.

Wieso haben die meisten Einwohner einer Provinz des souveränen Staats Georgien einen russischen Paß? Nicht, weil sie Russen wären. Sondern weil - so berichtet es zum Beispiel Robert Parsons im aktuellen Telegraph - Rußland sie in den vergangenen Jahren systematisch mit russischen Pässen ausgestattet hat:
Georgia now stands on the very brink of a grotesquely uneven conflict with a resurgent Russia itching to flex its muscles and burning with post-imperial hubris. The chosen causus belli is South Ossetia, which fought a separatist war with Georgia in 1992 and has enjoyed the support of Russia ever since.

So much so, that Russia has spent the intervening years handing out Russian passports to any South Ossetian who cares to have one. These are the people who Dmitry Medvedev had in mind on Thursday when he said that as president of the Russian Federation, he was obliged to defend the lives of Russian citizens wherever they were.

Georgien steht jetzt unmittelbar am Rand eines grotesk ungleichen Konflikts mit einem wieder aufstrebenden Rußland, das es juckt, seine Muskeln spielen zu lassen und das vor postimperialer Hybris brennt. Der Kriegsgrund, den man ausgesucht hat, ist Südossetien, das 1992 gegen Georgien einen Unabhängigkeitskrieg ausfocht und das sich seither der Unterstützung Rußlands erfreut.

So sehr, daß Rußland die zurückliegenden Jahre damit verbrachte, jedem Südossetier, der einen haben mochte, einen russischen Paß auszuhändigen. Dies sind die Leute, die Dmitri Medwedew am Donnerstag meinte, als er sagte, daß er als Präsident der Russischen Föderation verpflichtet sei, das Leben russischer Bürger zu schützen, wo immer sie seien.



Man sieht, wie langfristig die Russen das vorbereitet haben, was sich jetzt abspielt.

Südossetien gehört im gleichen Sinn, auf derselben Rechtsgrundlage zu Georgien, wie Tschetschenien zu Rußland. Tschetschenien, gegen dessen Unabhängigkeit Rußland einen blutigen Krieg geführt hat.

Warum unterstützen die Russen dann den südossetischen Separatismus? Die Frage ist begründet, wenn man sich zum Beispiel das Verhalten der Staaten Afrikas ansieht. Viele von ihnen sind von separatistischen Bestrebungen bedroht. Also stehen sie fast alle gegen jeden Separatismus zusammen, auch wenn dieser einen verfeindeten Staat treffen mag. Denn sie wissen, daß erfolgreiche Beispiele ansteckend sind.

Wenn sich Rußland so ostentativ anders verhält als die afrikanischen Staaten, wenn es in Bezug auf Südossetien exakt das Gegenteil des Prinzips vertritt, das es für Tschetschenien in Anspruch nimmt, dann muß das also schwerwiegende Motive haben.

Über das Hauptmotiv schreibt die Washington Post in einem Editorial in ihrer heutigen Ausgabe:
At its summit in Bucharest, Romania, in April, NATO offered Georgia eventual membership. This was not the more concrete promise that Georgia and the Bush administration had wanted. But Tbilisi and Washington settled for less in deference to European NATO members who wanted to avoid inflaming Russia. It didn't work, because Moscow responded by increasing its ties to Abkhazia and South Ossetia (...)

It's doubtful, though not unthinkable, that Russia plans to conquer all of Georgia. But its objectives are no less cynical for that. Simply by keeping the country in a constant state of territorial division and conflict, it hopes to show NATO that Georgia is too unstable for membership -- thus giving Georgia no choice but to submit to Moscow's "influence."

Auf ihrem Gipfel in Bukarest (Rumänien) im April bot die Nato Georgien eine Mitgliedschaft als Endziel an. Das war nicht das konkretere Versprechen, das Georgien und die Regierung Bush gewünscht hatten. Aber Tiflis und Washington gaben sich mit Rücksicht auf die europäischen Nato- Staaten, die es vermeiden wollten, Rußland zu erzürnen, mit weniger zufrieden. Das funktionierte nicht, denn Rußlands Reaktion bestand darin, seine Bindungen zu Abchasien und Südossetien zu verstärken. (...)

Es ist zweifelhaft, wenn auch nicht undenkbar, daß Rußland vorhat, das gesamte Georgien zu erobern. Aber deshalb sind seine Ziele nicht weniger zynisch. Einfach indem es das Land in einem anhaltenden Zustand der Trennung seines Gebiets und des Konflikts hält, hofft es der Nato zu zeigen, daß Georgien für eine Mitgliedschaft zu instabil ist - so daß Georgien keine Wahl bleibt, als sich dem "Einfluß" Rußlands zu unterwerfen.



Das ist die Quittung dafür, daß die Nato es im April in Bukarest abgelehnt hat, Georgien den Status Membership Action Plan (MAP) zu gewähren, also die verbindliche Einleitung des Prozesses der Aufnahme in die Nato. Ob es Rußland gewagt hätte, gegen einen solchen Nato- Aspiranten so vorzugehen, wie es das jetzt gegen das ohne Verbündete dastehende Georgien tut, ist sehr die Frage.

Es ist wieder einmal - siehe auch die ausgezeichnete Analyse in "Hotel Villa de Art" - wie in München 1938: Einem aggressiven, expansiven und undemokratischen Staat mit Kompromissen entgegenzukommen, stärkt nur dessen Appetit.

Damals, im April dieses Jahres, schrieb der Economist unter der Überschrift "With allies like these" (Mit derartigen Verbündeten) über den Antrag Georgiens auf den MAP-Status:
... to many, particularly America and ex-communist states, this was a question of principle: NATO had to keep its vow to welcome fragile democracies, and should give no veto to Russia, especially in its current aggressive mood.

Germany says Russia's president-elect, Dmitry Medvedev, should get time to settle in without being forced into a spat with NATO. "What is the rush?" asked one senior official.

At a bad-tempered foreign ministers' meeting on the opening night, Germany's foreign minister, Frank-Walter Steinmeier, told colleagues Georgia would not be fit to join until it had resolved the “frozen conflicts” over two Russian-backed statelets on its soil. (...)

After much haggling, the allies declared that the two countries “will become members of NATO” eventually — but that a decision on MAP would only be taken by foreign ministers in December. Even that could be a humiliation for the Georgians, whose volatile president, Mikheil Saakashvili, privately compared anything short of MAP to appeasement of the Nazis.

Für viele, vor allem Amerika und ex- kommunistische Staaten, war das eine Frage des Prinzips: Die Nato hatte ihren Schwur zu halten, fragile Demokraten willkommen zu heißen, und durfte Rußland, vor allem in seiner momentanen aggressiven Haltung, kein Vetorecht einräumen.

Deutschland erklärt, der gewählte russische Präsident, Dmitri Medwedew, sollte Zeit bekommen, sich einzurichten, bevor man ihn in eine Auseinandersetzung mit der Nato hineinzwinge. "Wo ist der Grund zur Eile?" fragte ein leitender Beamter.

Auf einem angespannten Treffen der Außenminister am ersten Abend der Konferenz erklärte der deutsche Außenminister Frank- Walter Steinmeier gegenüber seinen Kollegen, daß Georgien solange nicht reif für eine Mitgliedschaft sei, wie es nicht die "eingefrorenen Konflikte" mit zwei von Rußland unterstützten Mini- Staaten auf seinem Boden gelöst hätte. (...)

Nach viel Geschacher verkündete die Allianz, daß die beiden Länder [es ging auch um die Ukraine; Anmerkung von Zettel] schlußendlich "Mitglieder werden" - daß aber eine Entscheidung über eine MAP von den Außenministern erst im Dezember getroffen werden würde. Selbst das konnte für die Georgier eine Demütigung sein, deren sprunghafter Präsident Michael Saakaschwili im vertraulichen Gespräch alles unterhalb einer MAP mit der Beschwichtigungs- Politik der Nazis verglich.

Wie sehr er mit seinem Vergleich recht haben würde, hat vermutlich damals selbst der georgische Präsident nicht geahnt.

Nur daß Hitlers Verhalten nach 1938 die westlichen Staaten aufrüttelte. Während Putin vermutlich zu Recht darauf spekuliert, daß - siehe oben das Editorial der Washington Post - Steinmeier, Merkel und Sarkozy die Botschaft des jetzigen Kriegs richtig verstehen werden: Wenn ihr gut Freund mit Rußland sein wollt, dann Finger weg von Georgien.



Mit Dank an Kane. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

9. August 2008

Zitat des Tages: "Man muß die Kunden bei der Hand nehmen". Über die neuesten Pläne unserer Erziehungsberechtigten in Brüssel

Es reicht nicht, die Kunden nur über gesundes und umweltbewusstes Verhalten zu informieren. Man muss sie bei der Hand nehmen und ihnen die richtige Auswahl an Möglichkeiten bieten.

Ein EU-Beamter laut einem Artikel von Yovka Dimitrova in den "Stuttgarter Nachrichten" über die von der EU-Kommissarin Meglena Kuneva angestrebte "selbstverpflichtende Regelung", wonach Händler "gesunde Ware gut sichtbar präsentieren und durch entsprechende Kennzeichnung zusätzlich anpreisen" sollen.

Bemängelt wird von der Kommissarin, daß "Süßigkeiten gut sichtbar neben der Kasse [liegen] - kein Weg führt daran vorbei. Nun will sie die Händler zum Umsortieren bewegen. Sie sollen sich freiwillig dazu verpflichten, Obst und Gemüse für jedermann gut sichtbar auszulegen und damit die Käufer zu gesünderem Essen verleiten".

Kommentar: Frau Kuneva, von Bulgarien in die EU-Kommission gesandt, ist eine Pionierin. Denn ihre Idee birgt unerschöpfliche Möglichkeiten der Weiterentwicklung:

Die Elektrohäuser verpflichten sich, Glühbirnen nur noch in dunklen Ecken im Hintergrund des Ladens auf den höchsten oder untersten Etagen der Regale anzubieten. Hingegen werden sie Öko-Funzeln Energiesparlampen in attraktiven Arrangements an den Kassen aufbauen.

Die Restaurants verpflichten sich, ganz oben auf der Speisekarte in großer, auch für Kinder und Senioren gut lesbarer Schrift Grünkernklößchen auf Hirsebrei anzubieten. Steaks und Wiener Schnitzel hingegen dürfen nur noch auf einer Sonderkarte stehen, die nur an Erwachsene gegen Unterschrift auf einem Formular ausgehändigt wird, auf dem sie über die ökologischen Kosten der Zucht von Rindern und Schweinen aufgeklärt werden.

Die Spielzeugläden verpflichten sich, gut sichtbar Holzspielzeug, Puppen aus der Dritten Welt und Lätzchen aus Jute anzubieten. Wasserpistolen, Flugzeug- Bausätze und Computerspiele dürfen nur noch in einem getrennten Raum feilgehalten werden. Dabei gelten sinngemäß dieselben Einschränkungen wie für den Verkauf und die Bewerbung von Pornografie.

Und so fort. Falls Sie weitere Einfälle haben und diese nicht für sich behalten wollen - wie immer gibt es zu diesem Artikel einen ...



... Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.- Mit Dank an DrNick.

Der Ossetienkrieg als postkolonialer Konflikt. Nebst einer Zusammenfassung der Ereignisse, die zu diesem Krieg führten

Wenn Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen werden, dann führt das häufig zu postkolonialen Konflikten; manchmal zu blutigen Kriegen wie denen in Indien nach dem Abzug der Briten und im Kongo nach demjenigen der Belgier. Die Gründe sind vielfältig; aber zwei Ursachen lassen sich fast immer konstatieren.

Zum einen wurden ethnische Konflikte durch die Kolonialmacht unterdrückt, so wie sie auch in multiethnischen, undemokratischen Staaten wie Jugoslawien unterdrückt wurden. Was sich an Konfliktstoff angestaut hatte, macht sich Luft, sobald dieser Druck nicht mehr da ist.

Da Kolonialherren und Diktaturen in der Regel wenig dazu tun, einen nationalen Konsensus wachsen zu lassen, werden ethnische Konflikte virulent, sobald die übermächtige Staatsgewalt wegfällt, die sie latent gehalten hatte.

Zweitens sind ethnische Feindschaften aber oft auch selbst ein Resultat des Prozesses der Entkolonialisierung. Denn dieser geht meist mit dem Erwachen nationaler Gefühle einher.

Unter günstigen Bedingungen entsteht dabei ein gemeinsamer Nationalismus des gesamten unabhängig gewordenen Gebiets. Oft aber zerlegt sich dieser Nationalismus in einzelne ethnische Nationalismen. Sie, die zunächst gemeinsam gegen den Kolonialherren gerichtet gewesen waren, wenden sich nun gegeneinander, sobald dieser Kolonialherr das Feld geräumt hat.



Besonders schwierig wird diese generelle Situation, wenn noch ein Spezifikum hinzukommt, das für Osteuropa und die Staaten der einstigen UdSSR typisch ist: Wie bei der russischen Puppe leben innerhalb des unabhängig gewordenen Gebiets, in dem eine ethnische Minderheit siedelt, wiederum ethnische Minderheiten. Und nicht selten gibt es noch die Puppe in der Puppe in der Puppe - Minderheiten innerhalb der Minderheiten, die in dem unabhängig gewordenen Land leben.

Die obige Karte illustriert das für Südossetien.

Die kleine Karte links zeigt Georgien, die russische Kolonie, die mit der Auflösung der UdSSR ihre Selbständigkeit erlangte. Dunkler eingezeichnet ist dort Südossetien, das auf der Hauptkarte zu sehen ist. Das ist im Groben das Siedlungsgebiet der ethnischen Ossetier, eines mit den Persern verwandten Stamms, der aus Zentralasien zunächst in das Gebiet um den Don eingewandert war und der sich im Mittelalter unter dem Druck der Mongolen in diesem Teil Georgiens angesiedelt hatte.

Auf der Karte sieht man dunkel schraffierte Gebiete im Westen, im Südosten und in der südöstlichen Mitte Südossetiens. Das ist die Puppe in der Puppe in der Puppe: Siedlungsgebiete von ethnischen Georgiern innerhalb des Siedlungsgebiets der ethnischen Osseten innerhalb des Staats Georgien. Die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung Südossetiens ist seit der Volkszählung 1939 erstaunlich stabil geblieben: Ungefähr zwei Drittel Osseten, zwischen 25 und 30 Prozent ethnische Georgier und ungefähr zwei Prozent ethnische Russen.



Die postkoloniale Geschichte dieses Gebiets ist kompliziert; man kann sie in diesem, in diesem und ganz aktuell in diesem Artikel der Wikipedia nachlesen, der bereits den gestern ausgebrochenen Krieg behandelt.

Nach vielen Konflikten und Kompromissen, Friedensschlüssen und erneuten Konflikten war es 2007 zu einem leidlich friedlichen Zustand gekommen, in dem die beiden Verwaltungen der separatistischen "Republik Südossetien" und des georgischen "Provisorischen Verwaltungsgebiets Südossetien" nebeneinander ihre jeweiligen Gebiete kontrollierten, überwacht von georgischen und russischen Friedenstruppen.

Anfang Juli dieses Jahres kam es aber wieder zu Scharmützeln, von denen, wie üblich, unklar ist, wer angefangen hat und ob es sich um eskalierende lokale Vorfälle handelte oder um ein von der einen oder anderen Seite geplantes Vorgehen. Jedenfalls ging die Eskalation, international kaum bemerkt, zügig voran.

Russische Flugzeuge überflogen Südossetien und drangen nach Georgien ein. Georgien zog daraufhin seinen Botschafter aus Moskau ab.

Am 15. Juli tauchten Meldungen auf, wonach die Republik Südossetien erwäge, sich der Union aus Rußland und Weißrußland anzuschließen, was die endgültige Abtrennung von Georgien bedeutet hätte. Zugleich spitzte sich die Diskussion über einen Beitritt Georgiens zur Nato zu.



Dem gestern ausgebrochenen Krieg - man wird ihn so nennen müssen; es werden bereits 1400 Todesopfer gemeldet - gingen vermehrte Zwischenfälle in den ersten Augusttagen voraus.

Zunehmend griffen reguläre georgische Truppen ein. Vorgestern Abend verkündete der georgische Präsident Saakaschwili einen Waffenstillstand, der aber nur wenige Stunden hielt. In der Nacht zu gestern begann ein breit angelegter Angriff georgischer Streitkräfte, der sich auch gegen die russische Militärbasis in Zchinwali richtete. Ungefähr zeitgleich begann Rußland einen massiven Angriff, vor allem mit Panzern der 58. Armee.

Der russische Sender Russia Today berichtet seit gestern rund um die Uhr fast nur noch über diesen Krieg. Die Sondersendungen tragen Titel wie "THE WAR" und "On War". Wie zu erwarten, wird ausschließlich die russische Perspektive dargestellt. Es wird von Grausamkeiten des georgischen Militärs berichtet. Es werden Statements von Bewohnern gezeigt, die den russischen Truppen für ihr Eingreifen danken.

Wenn man Russia Today öfter sieht und dessen langsame, unaktuelle Berichterstattung kennt, dann fällt auf, wie perfekt und detailliert (einschließlich Hintergrundberichten, Grafiken, speziellen Sendungslogos) schon wenige Stunden nach Ausbruch dieses Kriegs berichtet wurde. Zumindest scheint die Redaktion von den Ereignissen nicht überrascht worden zu sein.

Aus Peking wurde Putin zugeschaltet, der sagte, wie empört er darüber sei, daß Georgien am Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele den olympischen Frieden gebrochen hätte.



Die Abbildung ist der Wikipedia entnommen. Sie ist unter GNU-Lizenz freigegeben. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

8. August 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Wo liegt Xanten?

Er kommt eigentlich aus Xanten, das gehört inzwischen zu Holland.

Der Regisseur Dieter Wedel, der in Worms in diesem Sommer Hebbels "Nibelungen" zwei Stücke von Moritz Rinke "unter zusätzlicher Verwendung von Hebbel- Texten" inszeniert hat, gestern Abend bei Markus Lanz im ZDF über Siegfried von Xanten.

An sich zum Kommentieren nicht kurios genug. Wenn nicht in dem Gespräch sich Wedel zuvor über die mangelnde Bildung der Deutschen mokiert hätte.

Falls Sie übrigens einmal Xanten besuchen möchten, die alte römische, die sehr deutsche Stadt, die zwar einmal kurzfristig zu Frankreich und lange zu Preußen gehörte, aber nie zu den Niederlanden, - hier finden Sie alle Informationen.



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Peking 2008 (2): Die Eröffnungsfeier - eine Visualisierung des Totalitarismus

Massenchoreographie nannte man das früher, als die Kommunisten und die Nazis es in Perfektion präsentierten: Die Aufmärsche zum Nürnberger Reichsparteitag; diese Stadien, in denen die Menschen auf Befehl mit entsprechenden Gerätschaften mal Parolen, mal Bilder formten.

"Wie ein Uhrwerk" schnurrte das ab, so sagte man damals. Immer wieder geübt. Die Menschen hatte der Staat ja. Gehorsam waren sie ohnehin. Die Zeit, die auf das Drillen solcher Kunststückchen verwendet wurde, ihre Kosten spielten keine Rolle. Erstens, weil im Sozialismus Kosten ohnehin keine Rolle spielen. Zweitens, weil der Propaganda- Effekt solcher Inszenierungen als so bedeutend galt, daß sie beliebige Kosten wert waren.

Heute haben wir bei der Eröffnungsfeier zu den Olympischen Spielen die chinesische, die moderne, eine megalomane Variante eines solchen Schauspiels gesehen.

Menschen, die überhaupt nicht mehr als Menschen erkennbar waren. Die man zur Herstellung dieser bewegten Bilder einsetzte, so wie man auch Bühnentechnik hätte einsetzen können.



Eines dieser Bilder zeigte ein Karree, das aus zahlreichen quadratischen Elementen bestand. Mal hoben sich die einen Elemente, mal jene, und erzeugten so die Große Chinesische Mauer, Schriftzeichen oder was immer. Man hätte das ebenso hydraulisch realisieren können und computergesteuert. Aber unter jedem der Element befand sich ein Mensch, der mal hockte, mal sich unterschiedlich hoch erhob.

Daß Menschen drinsteckten, in den Elementen, das wurde zum Schluß gezeigt, als sie sich zeigten und winkten.

Das war wichtig. Denn würde man solche Bilder tatsächlich mechanisch und computer- gesteuert darbieten, dann wären sie ziemlich langweilig. Zum Effekt gehört, daß das alles von perfekt funktionierenden Menschen hinbekommen wird.

Der Reiz solcher Schauspiele speist sich wesentlich aus der Unterwerfung des Einzelnen. "Du bist nichts, dein Volk ist alles!", "Dem Volk dienen!" - derartige Parolen werden versinnbildlicht, wenn Hunderte, ja Tausende von Menschen "wie auf Knopfdruck" mechanische Bewegungen ausführen, um gemeinsam etwas zu erzeugen, das den Einzelnen nicht mehr erkennen läßt.

Bei dem Karree versäumten die deutschen Sprecher nicht die Anmerkung, wie lange diese Menschen geübt haben mußten, um auswendig zu lernen, wann sie sich wie zu erheben hatten. In der Tat; sie mußten programmiert werden, jeder einzelne. L'homme machine, der Mensch als Maschine oder die Mensch- Maschine; so heißt das Hauptwerk des materialistischen Philosophen LaMettrie. Dieser Titel ging mir durch den Kopf, als ich das sah.



War diese Eröffnungsfeier eine gelungene Inszenierung?

Aus der Sicht der chinesischen Führung bestimmt. Nichts ging schief. Keiner der Tausende von Gedrillten vergaß seinen Drill und lief dorthin, wo er nicht hingehörte, oder hob sein Schild, wenn er es hätte gesenkt halten sollen. Selbst die Kinder, die natürlich heutzutage zu einem solchen Spektakel gehören, funktionierten perfekt, wie kleine Marionetten mit einem ins Gesicht gemalten Lächeln.

Wie das weltweit aufgenommen werden wird, wage ich nicht zu prognostizieren. Ich kann nur meine eigene Reaktion schildern: Ich fand es abstoßend.

Ja, abstoßend. Eine Visualisierung des Totalitarismus, wie ich sie so perfekt noch nicht gesehen habe.



Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

Marginalie: Scheidung auf malaysisch. Die Scharia und das Handy

Malaysia ist ein seltsames Land. Dort haben sich die kommunistische DAP und die islamistische PAS zur einer Koalition zusammengeschlossen. Und Malaysia ist ein nominell pluralistischer Rechtsstaat, in dem aber toleriert wird, daß die Moslems ihre eigene Rechtsgemeinschaft bilden, in der statt nach weltlichem Recht nach der Scharia geurteilt wird.

Vor einem Jahr wurde das zum Gegenstand einer Meldung, als das Oberste Gericht Malaysias entschied, es sei rechtens, einer vom Islam zum Christentum konvertierten Frau eine entsprechende Änderung der in ihrem Paß eingetragenen Religion zu verweigern. Denn aus dem Islam könne man nicht austreten.

Jetzt gibt es aus Malaysia eine Meldung, bei der ich überlegte, ob ich sie unter "Kurioses, kurz kommentiert" bringen sollte. Aber so abwegig die Sache ist - lustig ist sie leider überhaupt nicht.

Gefunden habe ich die Meldung in einem Beitrag von Jack Fairweather in PostGlobal, einer gemeinsam von der Washington Post und Newsweek betriebenen Diskussions- Plattform.



Es geht um das Scheidungsrecht. Die Scharia erlaubt es bekanntlich dem Ehemann, seine Frau durch eine einfache Mitteilung zu verstoßen. Nach einer Frist von drei Monaten wird das als Scheidung rechtswirksam. (Die Frau dagegen kann eine Scheidung nur über ein Gerichtsurteil erlangen, wenn sie dem Mann einen Mangel nachweisen kann, etwa Impotenz).

Das allgemeine Recht in Malaysia sieht eigentlich auch für den Mann nur den Weg über eine Gerichtsentscheidung vor. Aber weil eben die Scharia inzwischen als gültige Rechtsordnung für die Moslems akzeptiert wird, finden bei diesen auch die Scheidungen nach der Scharia statt.

Die absurde, aber leider bezeichnende Frage, die jetzt den Rechtsgelehrten vorgelegt wurde, war nun, ob das Verstoßen nach den Vorschriften der Scharia auch per SMS erfolgen dürfe. Die Entscheidung: Ja, das ist rechtsgültig.

Nun gut, könnte man sagen, wie die Moslems die Scharia auslegen, ist ihre Sache. Das Gericht, das dieses Urteil fällte, war aber ein Gericht des Staats Malaysia.

Mitteilenswert ist auch der Kommentar des Beraters der Regierung Malaysias für Religionsfragen, Dr. Abdul Hamid Othman. Eine SMS sei doch nichts als "another form of writing", eine andere Art des Schreibens.



Aber dies sind doch exotische Verhältnisse in einem fernen Staat? Nicht ganz. Denn mit der zum 1. Januar 2009 in Kraft tretenden Änderung des Personenstandsgesetzes wird auch bei deutschen Moslems der Fall häufig sein, vielleicht zur Regel werden, daß sie nur nach der Scharia heiraten, ohne eine standesamtliche Trauung.

Ob dann wohl auch hier in Deutschland der Ehemann seiner Angetrauten, wenn er ihrer überdrüssig ist, per SMS mitteilen kann: "Verstoße dich, CU"?



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Zettels Meckerecke: Wird der geplante Anschlag auf das Überraschungsei die Deutschen endlich wachrütteln?

Ich gehöre nicht zur Generation Überraschungsei. Ehrlich gesagt, lange Zeit wußte ich gar nicht, was das ist, bis mir meine damalige Freundin einmal eins schenkte. Das war Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre. Die Schokolade schmeckte nicht besonders, aber drinnen war ein niedliches Figürchen, das dann lange Zeit auf meinem Schreibtisch stand.

Insofern ist meine Bindung an das Überraschungsei eine vergleichsweise lockere. Wer einer jüngeren Generation angehört und mit ihm aufgewachsen ist, wer die Spannung beim Öffnen, was diesmal wohl drin sein würde, mit kindlicher, also stärkerer Freude genießen konnte als ich damals - der wird jetzt, so hoffe ich, auf die Barrikaden gehen.

Wird auf die Barrikaden gehen und endlich protestieren gegen die staatliche Fürsorglichkeit, die Rundumsicherung, die Abschirmung des hilflosen Bürgers gegen jedes denkbare Risiko, kurz gegen den Versuch einer Verhaustierung von uns Bürgern, gegen das Unterfangen, uns die Verantwortung aus der Hand zu nehmen.

Beispielsweise die Verantwortung der Eltern dafür, daß ihr Kind nichts in den Mund nimmt, das da nicht hineingehört.

Kleine Kinder tun das gern. Sie nehmen schon mal ein Bauklötzchen in den Mund, eine Münze oder was immer sie grapschen können und was die richtige Größe hat. Also müssen Eltern da ein bißchen aufpassen.

Vermutlich nehmen Kinder auch das gern in dem Mund, was in einem Überraschungsei als Überraschung drin ist. Und wie bei jedem anderen Gegenstand müssen die Eltern, solange das Kind noch klein ist, darauf achten, daß da kein Unglück geschieht.



Aber die Kinderkommission des Bundestags traut ihnen das nicht zu.

Sie hat bereits in einer Pressemitteilung vom 31. Juli auf das aufmerksam gemacht, was sie als "Stellungnahme der Kinderkommission des Deutschen Bundestages zum Thema 'Kinder und Alltag'" beschlossen hat.

Darin ist die Attacke auf das Überraschungsei unter der harmlosen Aussage verborgen: "Besonderes Gefahrenpotential birgt die Kombination aus Spielzeug, Haushaltsartikeln und Nahrungsmitteln, da Kindern dadurch die Unterscheidung zwischen essbaren und nichtessbaren Teilen erschwert wird."

Eigentlich sollte man ja das Umgekehrte meinen: Gerade anhand des Überraschungseis können Eltern ihren Kindern sehr schön den Unterschied zwischen eßbaren und nicht eßbaren Teilen erklären. Aber die Kinderkommission traut ihnen das offenbar nicht zu, den Eltern. Also fordert sie, die Kinderkommission: "Keine Koppelung von Nahrungsmitteln und Spielzeug". Das Aus also für das Überraschungsei.

Nachdem das eine Woche lang ohne Resonanz geblieben war, beschloß die Vorsitzende dieser Kinderkommission, Miriam Gruss, offenbar, an die Öffentlichkeit zu gehen. Der "Bild-Zeitung" sagte sie, so lesen wir es in der "Welt", das Verbot einer Koppelung von Nahrungsmitteln und Spielzeug "würde auch das Verbot von Überraschungseiern zur Folge haben – so traurig es ist."

Ja, traurig ist das. Und am Traurigsten ist - in FdOG weist Daniel Fallenstein darauf hin -, daß die Verbieterin Miriam Gruss der FDP-Fraktion des Bundestags angehört. (Inzwischen scheint sie einen halben Rückzieher gemacht zu haben; aber gesagt ist gesagt, und der Text der Kommission kann nur als Forderung eines Verbots verstanden werden).



Also, aux barricades, citoyens! Wir haben das Rauchverbot zähneknirschend hingenommen, die Hundeverordnungen, die Umweltzonen mit Fahrverboten, die Androhung, die Glühbirne zu verbieten.

Aber beim Überraschungsei ist hoffentlich Schluß. Wenn sich bei diesem Thema nicht der Bürgermut vor Bürokratenthronen regt - wann dann?



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7. August 2008

Zitat des Tages: "Wenn ein Militärschlag unvermeidbar ist, dann besser ein israelischer"

Die Staaten im Golf Kooperationsrat (GCC) wollen keinen Krieg. Aber wenn sich Irans Führung weiter weigert, die Urananreicherung einzustellen, wird es neue Zwangsmaßnahmen geben. Und sollte dann ein Militärschlag unvermeidbar werden, und ich müsste zwischen einem US- oder einem israelischen Luftangriff wählen, würde ich die israelische Aktion vorziehen.

Sami Al Faraj, Präsident des Kuwait Centre for Strategic Studies, in einem Interview mit dem "Tagesspiegel".

Kommentar: In "The Outside of the Asylum" hat Califax gestern darauf hingewiesen, daß es Anzeichen für einen für die nahe Zukunft geplanten Angriff Israels auf den Iran gibt. Die momentane iranische Propaganda stützt diese Vermutung.

Das Interview mit Al Faraj ist interessant, weil es darauf aufmerksam macht, daß keineswegs nur Israel, sondern ebenso die arabischen Nachbarn des Iran alarmiert über dessen Atomprogramm sind.



Mit Dank an Califax. Für Kommentare gibt es einen von Califax eröffneten Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

Marginalie: Wie der kampferprobte Hugo Chávez die Hindernisse auf dem Weg in den Sozialismus beiseiteräumt

Als Hugo Chávez Ende vergangenen Jahres nicht die Zustimmung der Wähler zu seinem Ermächtigungsgesetz erhielt, da sprach er laut der cubanischen Agentur Prensa Latina den Satz: "... sólo los soldados bisoños creen la causa perdida ante los primeros obstáculos", nur die noch nicht kampferprobten Soldaten glauben die Sache schon verloren, wenn die ersten Hindernisse auftauchen.

Kampferprobt ist er, der alte Soldat Chávez. Er hat ein halbes Jahr gewartet, bevor er jetzt die damals aufgetauchten Hindernisse wegräumt, auf seine Art. Und zu einem offenbar sorgsam gewählten Zeitpunkt.

Am vergangenen Donnerstag, dem 31. Juli, liefen die Sonderrechte aus, die es ihm erlaubten, mit Notverordnungen à la Hindenburg zu regieren. Und just an diesem Tag hat er von diesem Recht noch einmal kräftig Gebrauch gemacht und einfach das per Notverordnung dekretiert, was die Wähler ihm als Verfassung nicht hatten zugestehen wollen.

Er hat so lange gewartet, wie es ging. Offenbar sollte man sich nicht mehr so genau an das erinnern, was damals gescheitert war. Denn nun taucht es wieder auf; nur eben als eine Kaskade von 26 Notverordnungen des Präsidenten Chávez. Wie Simon Romero in der gestrigen New York Herald Tribune aus Caracas berichtet, stammen nicht weniger als ein Dutzend dieser Verordnungen aus der gescheiterten Verfassung:
President Hugo Chávez is using his decree powers to enact a set of socialist- inspired measures that seem based on a package of constitutional changes that voters rejected last year. His actions open a new stage of confrontation between his government and the political opposition. (...) Some of the laws significantly increase Chávez's power.

Präsident Hugo Chávez benutzt sein Recht auf Notverordnungen, um ein Bündel von sozialistisch inspirierten Maßnahmen anzuordnen, die offenbar auf einem Paket von Verfassungsänderungen basieren, das die Wähler letztes Jahr ablehnten. Sein Vorgehen leitet eine neue Stufe der Konfrontation zwischen seiner Regierung und der politischen Opposition ein. (...) Einige der Gesetze erweitern die Macht von Chávez erheblich.
Was sich Chávez da alles an Maßnahmen ausgedacht hat, um den Weg in den Sozialismus zu ebnen, das liest man am besten in dem sehr informativen Artikel von Romero nach. Hier die wichtigsten Punkte:
  • Chávez kann in den Regionen und Kommunen eine Art persönliche Statthalter mit eigenem Budget einsetzen. Damit wird er den Sieg von Politikern der Opposition bei den im November bevorstehenden Regional- und Kommunalwahlen weitgehend neutralisieren können.

  • Nachdem vor einem Jahr die Armee schon weitgehend gleichgeschaltet wurde, hat Chávez jetzt durch eine seiner Notverordnungen parallel dazu noch eine Miliz geschaffen. Die Militarisierung der Gesellschaft und die Politisierung des Militärs nach cubanischem Vorbild schreiten damit weiter voran.

  • Unternehmen, die nicht den "Regeln zur Buchführung" folgen, dürfen gemäß einer weiteren Verordnung künftig vom Staat "besetzt und vorübergehend übernommen" werden. Mit diesem Gummiparagraphen kann, so fürchten es Geschäftsleute, das Recht auf Privateigentum ausgehebelt werden.

  • Jeder Unternehmer kann künftig mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden, wenn er "es ablehnt, Güter der Grundversorgung herzustellen oder zu vertreiben". Das ist, nach der Verstaatlichung wichtiger Industrien und kürzlich einer großen Bank, ein weiterer Schritt in die Planwirtschaft.
  • Seine Niederlage im vergangenen Dezember hat also Chávez keineswegs daran gehindert, mit seiner Methode der Salamitaktik weiter den Sozialismus aufzubauen. Ob es das Volk nun will oder nicht; das hat noch nie einen Sozialisten interessiert.

    Offenbar auf die dann im Sozialismus eintretenden Zustände ist eine weitere der Verordnungen zugeschnitten: Künftig wird in Venezuela neben der Geldwirtschaft der Tauschhandel eine zweite gesetzlich geregelte Form des Handels sein.



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    6. August 2008

    Marginalie: Der Irak schwimmt in Geld. Warum das gefährlich für den Wahlkämpfer McCain ist

    Gibt es einen bessere Nachricht über einen Staat? Der Irak ist auf dem besten Weg, in die Riege der reichen Ölstaaten wie Kuweit und Dubai aufzusteigen.

    Allein in diesem Jahr wird, so berichtet es heute die Washington Post, mit Öleinnahmen in Höhe von zwischen 67 und 78 Milliarden Dollar gerechnet, die direkt in die Staatskasse fließen.

    Zum Vergleich: Die gesamten Steuereinnahmen des Irak werden sich, zusammen mit sonstigen Einnahmen der Staatskasse, in diesem Jahr auf ganze 7 Milliarden Dollar belaufen. Nur rund ein Zehntel der Staatseinnahmen stammt also nicht aus dem Ölgeschäft.

    An dieser Meldung ist Verschiedenes interessant.



    Interessant ist erstens der Vergleich mit den vergangenen Jahren. Gegenüber dem letzten Jahr werden sich die Öleinnahmen verdoppeln. In den Jahren zwischen 2005 - dem ersten Jahr, in dem eine irakische Regierung wieder ein Budget aufstellte - und Ende 2007 wurden nur 96 Milliarden eingenommen, also rund 32 Milliarden Dollar pro Jahr.

    Darin spiegelt sich natürlich zum einen der steigende Ölpreis. Zum anderen ist aber auch die drastische Verbesserung der Sicherheitslage die Voraussetzung dafür, daß die Ölförderung erhöht werden konnte. Sie liegt inzwischen bei 2,5 Millionen Barrel am Tag und könnte in den nächsten fünf Jahren auf 4,5 Millionen Barrel gesteigert werden.

    Als ich im Dezember 2006 die Serie "Ketzereien zum Irak" begann, galt es in der deutschen Berichterstattung als ausgemacht, daß die USA den Krieg verloren hätten und daß der Irak immer mehr im Bürgerkrieg versinken würde. Es war damals wirklich ketzerisch, zu schreiben:
    ... wurde die Ente verbreitet, Bush spreche nicht mehr von einem Sieg im Irak- Krieg. In Wahrheit sind es die Terroristen, die keine Aussicht auf einen Sieg haben. (...) Gewinnen können die Terroristen nicht. Nicht die El Kaida, nicht die Baath- Terroristen und nicht die Milizen von Sadr. Sie können sich, wenn sie erfolgreich sind, nur gegenseitig dezimieren.

    Oder aber die Demokraten im Irak befreien sich aus ihren Abhängigkeiten von den Extremisten und bauen mit Hilfe der USA einen demokratischen Irak auf. Nicht die Vorzeige- Republik, die sich viele im Westen vielleicht erhofft hatten. Aber doch einen Staat mit ungleich mehr politischer Freiheit und Rechtssicherheit als in allen anderen Staaten der Region, von Israel abgesehen.
    Heute, gut eineinhalb Jahre später, ist der Irak auf dem Weg, diese Entwicklung zu nehmen.



    Das zweite, was die erfreulichen Angaben über die Einnahmen der irakischen Regierung interessant macht, ist ihre Quelle. Diese ist nämlich nicht die irakische Regierung. Es ist auch nicht die US-Regierung. Sondern die Daten stammen vom US-Rechnungshof, dem Government Accountability Office (GAO).

    Was interessiert sich der amerikanische Rechnungshof für die Einnahmen der irakischen Regierung? Hier liegt der Punkt, an dem diese an sich erfreuliche Meldung ihren Pferdefuß zeigt; einen Pferdefuß, der sich im Wahlkampf auch noch zu einer kompletten Teufelsgestalt auswachsen könnte; teuflisch nämlich für den Wahlkämpfer McCain.

    Der US-Rechnungshof interessiert sich deshalb für die irakischen Öleinnahmen, weil die USA ja nicht nur ihre Truppen im Irak finanzieren, sondern zu einem erheblichen Teil auch dessen Wiederaufbau. Und da fragt sich der GAO zu Recht, ob denn ein so reicher Irak nicht selbst mehr für seinen Wiederaufbau zahlen kann als bisher.

    49 Milliarden Dollar haben die USA bisher in den Wiederaufbau gesteckt - also in den Bau von Straßen, von Schulen, von Krankenhäusern, von Elektrizitätswerken und in den Ausbau der Wasserversorgung. Aber nur noch 6 Milliarden Dollar sind für die Zukunft vorgesehen.

    Denn die Ära der amerikanischen Finanzierung des Wiederaufbaus gehe zu Ende, sagte laut Washington Post der amerikanische Botschafter in Bagdad, Ryan C. Crocker.

    Die Gefahr für McCains Wahlkampf besteht aber dennoch darin, daß die Gegenseite ihm, dem Befürworter des Irakkriegs, vorhalten kann, im Irak sei Geld des US- Steuerzahlers verschleudert worden. Man habe für das gezahlt, was die Iraker leicht selbst hätten bezahlen können. Ein angesichts der drohenden Rezession und der Sorgen, die viele Amerikaner sich um ihren Lebensstandard machen, möglicherweise sehr wirkmächtiger Vorwurf.



    Die US-Regierung kontert, die Iraker seien bisher selbst gar nicht in der Lage gewesen, den Wiederaufbau zu managen - mangels einer funktionierenden Verwaltung und aufgrund der Gewalt.

    Jetzt aber ist mit Hilfe der USA eine leidliche Verwaltung aufgebaut; dank des Einsatzes der USA ist die Gewalt weitgehend besiegt. Jetzt kann man also in der Tat fordern, daß die Iraker ihr Problem mit dem Budget entschlossen angehen.

    Es ist ein Problem, wie es sich fast jeder andere Staat der Welt sehentlich wünschen würde - die irakische Regierung schafft es nicht, ihr Geld auszugeben!

    Die Geldreserven der irakischen Zentralbank betragen derzeit 31,4 Milliarden Dollar. Im Jahr 2007, so die GOA, gab der Irak nur 80 Prozent des im Budget zur Verfügung gestellten Geldes (29 Milliarden Dollar) für laufende Ausgaben (Gehälter, Sozialausgaben, Anschaffungen usw.) aus; und gar nur 28 Prozent des Investitions- Budgets von 12 Milliarden Dollar.

    Das Budget für 2008 umfaßt 49,9 Milliarden Dollar. Und der amerikanische Rechnungshof ist hoffnungsvoll, daß davon immerhin zwischen 35,3 und 35,9 Milliarden Dollar auch wirklich ausgegeben werden können.



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    Zitat des Tages: Auf dem Weg zu einer neuen Sozialistischen Einheitspartei? Die beiden Ruinen der SPD

    Zu besichtigen sind reaktionäre, illiberale Feinde der offenen Gesellschaft bei ihrem verbiesterten Kampf gegen Pluralität und für die ideologische Reinheit des Parteikörpers. Diese Art der Verfolgung von Abweichlertum ist historisch unter dem Begriff der "Säuberung" bekannt. Insofern handelt es sich hier für die deutsche Sozialdemokratie tatsächlich um ein Fanal. (...)

    Sollten sich die Vertreter dieses Kurses in der SPD tatsächlich durchsetzen, stünde als nächster Schritt – sozusagen geschichtsnotwendig – die Wiedervereinigung der deutschen Arbeiterklasse zu den Bedingungen Oskar Lafontaines auf der Tagesordnung. Das wäre dann die endgültige Selbstaufgabe der deutschen Sozialdemokratie. (...)

    Eines ist sicher: Anhänger der Werte und Ideen einer freiheitlichen und fortschrittlichen sozialen Demokratie könnten solch einer Partei nicht angehören.


    Tobias Dürr in einem Gastkommentar der "Welt" über den Hintergrund des beabsichtigten Ausschlusses von Wolfgang Clement aus der SPD. Eine - aus meiner Sicht wenig überzeugende - Antwort von Frank Lübberding kann man hier lesen.

    Kommentar: Die "Wiedervereinigung der Arbeiterbewegung" ist seit deren Spaltung nach dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution ein Lieblingsthema der Linken.

    Viele sind der Meinung, daß Hitler nur dank der "Spaltung der Arbeiterklasse" an die Macht kommen konnte. Daß es nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Wiedervereinigung zu einer Sozialistischen Einheitspartei nur unter den etwas unschönen Bedingungen der Ostzone etwas wurde, wird auf den "Kalten Krieg" und auf "rechte Sozialdemokraten" wie Kurt Schumacher zurückgeführt.

    Die DDR ist Geschichte. Der Kalte Krieg ist Geschichte. Was liegt näher, als daß für die Linke jetzt wieder die "Vereinigung der Arbeiterbewegung" zu einer neuen Sozialistischen Einheitspartei auf der Tagesordnung steht?



    Wer die SPD ein wenig von innen kennt, der weiß, daß sie im Grunde immer aus zwei Parteien bestand: Einer (früher einmal überwältigend großen) Mehrheit, die unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bejaht und innerhalb von ihr für soziale Verbesserungen eintritt; und einer Minderheit, die wie die Kommunisten den Sozialismus will, mit mehr oder weniger "freiheitlichen" oder "demokratischen" Akzenten in Absetzung von den Kommunisten.

    Diese Minderheit war in den siebziger Jahren sehr rege und arbeitete schon damals als "Stamokap"- Fraktion der Jusos eng mit den Kommunisten zusammen. Viele der damaligen Volksfront- Anhänger (einer der bekanntesten war der spätere Generalsekretär der SPD Klaus- Uwe Benneter) wurden dafür aus der Partei ausgeschlossen. Denn diese war eben in ihrer großen Mehrheit freiheitlich und demokratisch gesonnen. Die Linken machten zwar viel Tamtam; aber in den höheren Gremien der Partei spielten sie kaum eine Rolle.

    Das hat sich langsam, aber stetig geändert. Die Linke hat den langen Marsch durch die SPD erfolgreich absolviert und stellt heute mit Andrea Nahles die heimliche Vorsitzende.

    Oft bleiben solche Prozesse unbemerkt, bis ein scheinbar nebensächliches Ereignis zum Kristallisationspunkt wird, an den sich das anlagert, was sich angesammelt hat. Dieses Ereignis ist der Versuch, Wolfgang Clement aus der SPD zu entfernen.

    Vermutlich war das so nicht gewollt; aber jetzt hat die Affäre ihre Eigendynamik gewonnen. Die latenten Spannungen zwischen den beiden Parteien innerhalb der SPD führen jetzt zur Eruption, so wie sich allmählich Spannungen zwischen tektonischen Platten aufbauen, bis sie sich in einem Erdbeben entladen.

    Die Heftigkeit, ja Giftigkeit, mit der die einen Genossen diesen Rausschmiß verteidigen und die anderen ihn kritisieren, macht wie kein Ereignis der vergangenen Jahrzehnte deutlich, wie weit sich diese beiden Parteien in der SPD schon voneinander entfernt haben.

    Sieben Jahre lang hatte das gemeinsame Interesse am Machterhalt diesen Riß überdeckt; dann dauerte es noch etwas, bis sich sozusagen der Rauch des Zusammenstürzens dieser Regierung verzogen hatte.

    Jetzt sieht man die Trümmer der SPD. Nicht ein Gebäude liegt da in Ruinen, sondern zwei.



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    5. August 2008

    Zitat des Tages: Aus der Regierung in die Lobby. Nebst einer Bemerkung über das Kabinett Ypsilanti

    [Es] seien "ehemalige Regierungsmitglieder und Führungspersonen der Ministerialbürokratie in großem Umfang direkt nach Beendigung der politischen Tätigkeit in Lobbytätigkeiten im engeren und weiteren Sinn" gewechselt. In den meisten Fällen seien die Lobbytätigkeiten "eng mit den vorherigen politischen Aufgabenfeldern verbunden". Es liege der Verdacht nahe, "dass bei politischen Entscheidungen der Seitenblick auf die späteren Jobchancen zu einem bedeutenden Faktor wird".

    Von welchem Land, von welcher Regierung ist hier die Rede? Von einer Bananerepublik? Oder von den USA, wo - das wissen wir ja alle, nicht wahr - die "Waffenlobby", die "Erdöllobby" usw. ihr Wesen treiben?

    Die Rede ist - das Zitat stammt aus einem Artikel von Varinia Bernau in der heutigen "Süddeutschen Zeitung" - vom zweiten Kabinett des Kanzlers Gerhard Schröder. Zitiert wird eine Untersuchung der Organisation "Lobby Control", die ermittelt hat, was denn aus den Mitgliedern dieser Regierung und ihren leitenden Mitarbeitern geworden ist. Im November 2007 hat sie das Ergebnis publiziert.

    Kommentar: Wie der Herr, so's Gescherr. Ich wundere mich immer noch darüber, daß das Verhalten Gerhard Schröders unmittelbar nach Ende seiner Kanzlerschaft in der Öffentlichkeit und besonders in der SPD keinen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat.

    Bei Schröder war die Verquickung zwischen Entscheidungen, die er als Kanzler getroffen hatte, und seiner neuen Sinekure eklatant: Er hatte gegen heftigen Widerstand vor allem aus Polen den Bau einer Erdgasleitung durch die Ostsee durchgeboxt und wurde nun Vorsitzender des Aufsichsrats just jenes Konsortiums NEGP- Company, einer Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom, das diese Leitung bauen wird.

    Das war dreist. Es war entwürdigend. Es war stillos. Daß ein Kanzler derart sein Amt mit seinen privaten finanziellen Interessen verknüpft, hat es in der deutschen Geschichte noch nie gegeben. Ebensowenig, daß er unmittelbar nach Ende seiner Amtszeit in den Dienst des Staatskonzerns einer ausländischen Macht tritt.



    Ach so, der Artikel von Varinia Bernau handelt gar nicht von Gerhard Schröder, jedenfalls nicht hauptsächlich. Er befaßt sich mit den Hintergründen des beabsichtigten Ausschlusses von Wolfgang Clement, der "auch eine Abrechnung der Partei mit einstigen Regierungsgrößen" sei, "die jetzt in der Wirtschaft absahnen".

    Gerhard Schröder trat sein Amt bei der Gazprom im Mai 2006 an, also vor zweieinviertel Jahren. Damals blieb die "Abrechnung" aus.

    Warum jetzt? Nicht, weil damals die Mitglieder an der Basis nicht auch über den Gerhard gemurrt hätten, der jetzt ans große Geld will. Sondern weil sich in der Führung der Partei damals niemand für sie interessierte.

    Damals hatte die SPD-Linke noch nicht die Mehrheit im Parteivorstand und Parteirat, die Wolfgang Clement dort inzwischen vermutet. Damals standen noch nicht Koalitionen mit den Kommunisten in westlichen Bundesländern zur Debatte.

    Nun also wird es Wolfgang Clement angekreidet, daß er im Aufsichtsrat einer Tochter der RWE ist. Während sich offenbar niemand darüber aufregt, daß der (anders als Clement noch ausgesprochen politisch aktive) linke SPD- Politiker Hermann Scheer in Personalunion Präsident von "Eurosolar" ist, der "Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien". Scheer ist bekanntlich einer der Architekten der beabsichtigen rotgrünen, von den Kommunisten gestützten Regierung in Hessen und soll, so hat es Frau Ypsilanti angekündigt, deren Wirtschafts- und zugleich Umweltminister werden.

    Da hätte man dann den Lobbyismus nicht unmittelbar nach, sondern gleich mitten in der Regierungstätigkeit.



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    Kurioses, kurz kommentiert: Abartige Nudisten

    "Abartig" sei es, seinen "Körper öffentlich zur Schau zur stellen", erklärte - so lesen wir in der heutigen "Süddeutschen Zeitung" - der nationalkonservative Stadtrat Edward Zajac des polnischen Badeorts Swinemünde. Er meint mit "zur Schau stellen", daß Leute nackt baden.

    Daran ist zweierlei kurios.

    Erstens liegt der FKK-Strand, über den sich der Stadtrat Zajac echauffiert, gar nicht in Polen. Er geht also den Stadtrat Edward Zajac gar nichts an.

    Er liegt allerdings nah der polnischen Grenze. Was es mit sich bringt, daß es einerseits polnische Voyeure dorthin zieht, die dank des Wirkens von Zajac und seiner Gesinnungsgenossen offenbar bereits in Erregung geraten, wenn sie einen nackten Menschen sehen. Andererseits erlaubt es aber die Öffnung der Grenzen in der EU, daß zunehmend auch ganz normale Menschen aus Polen diesen Strand in Ahlbeck besuchen, weil sie es schön finden, nackt zu baden.

    Kurios finde ich zweitens, was am Ende des Artikels in der SZ über die Reaktionen in Polen zitiert wird. Belustigt seien sie, diese Reaktionen. Schön. Dann aber heißt es:
    Ein junger Mann bedauerte, dass es an dem Nacktbadestrand kaum junge Leute gebe: "Die meisten Nackten dort haben Speckgürtel und sind gar nicht so schön anzusehen."
    Ja, ist denn irgendwer, der kein Adonis mehr ist, schöner anzusehen, wenn der Schmerbauch über einer Badehose wabbelt?

    Ja, ist denn eine Frau, bei der oben aus dem Einteiler der Busen herausquillt und unten die Stampferchen, hübscher anzusehen, als dieselbe Frau nackt?



    Nein. Nackt sehen die meisten Menschen, vor allem, wenn sie gebräunt sind, ansehnlich aus. Sie sind halt, wie sie sind, und es ist nichts Unästhetisches an den Runzeln und Altersspuren.

    Unschön wird es, wenn das Übertünchen anfängt, das Liften und Einschnüren, das ganze Versteckspiel. Die Camouflage, das Geckenhafte.

    Die schönsten alten Menschen, an die ich mich erinnern kann, habe ich auf einem FKK-Gelände gesehen, das es heute nicht mehr gibt, dem "Freilichtpark Klingberg" in Holstein. Dort haben meine Frau und ich einmal in den siebziger Jahren gezeltet. Es wohnten dort permanent, in Bungalows, Ur-FKKler, die in den Zwanziger Jahren zu Adolf Koch oder einem anderen Lebensreformer gestoßen waren. In ihrer Nacktheit gealtert und nicht häßlich geworden.

    Und die häßlichsten alten Menschen habe ich in einem Bad in den Pyrenäen gesehen, das Heilkraft für nachlassende Potenz verspricht. Da stolzierten sie, die alten Gecken, in der weißen Seglerhose und dem Blazer mit Einstecktüchlein, die Haare über die Glatze gekämmt. Sie hielten sich für schön und waren doch nur lächerlich.



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    4. August 2008

    Marginalie: Diplomatisches Spiel im Nahen Osten - mit Kriegsrhetorik im Hintergrund

    Gestern übertrug der iranische Sender PressTV - ein erstaunlich professionell gemachter Nachrichtensender im Stil von CNN - eine gemeinsame Pressekonferenz von Assad und Ahmadinedschad zum Abschluß von Assads Besuch in Teheran.

    Es begann mit fast einer halben Stunde Verzögerung, während deren die arme Moderatorin, unter ihrem Kopftuch erkennbar immer nervöser werdend, die Zeit mit der Wiederholung immer derselben Sätze zu überbrücken versuchte, bevor eine Filmeinspielung sie erlöste. Dann also das, was Pressekonferenz hieß:

    Die beiden Staatsmänner auf ihren Sesseln wie auf je einem Thron hockend, dazwischen ein Tisch mit einem Wald aus Mikrophonen. Rechts und links von ihnen stehend je eine Menschengruppe; vermutlich Ratgeber aus der Delegation. Die Kamera blieb ständig auf Assad und Ahmadinedschad gerichtet; die fragenden Journalisten hörte man aus dem Off. Einige wenige Fragen, offenbar eher Stichwörter für vorbereitete Erklärungen der beiden.

    Jede Antwort wurde laut in die Sprache des jeweils anderen übersetzt; dann hörte man die Übersetzung ins Englische. Das Timing war so, daß ich oft nicht wußte, welche Antwort von wem jetzt gerade auf Englisch zu hören war.

    Aber das Bild, das sich herausschälte, war doch ziemlich eindeutig: Beide versicherten, wie perfekt die Übereinstimmung sei, wie eng die Zusammenarbeit usw. Und dabei fiel ein Satz, von dem ich wegen dieser Überstzungsprobleme leider nicht sicher sagen kann, wem der beiden er zuzuordnen ist: Daß Israel immer mehr der Kontrolle der USA entgleite ("gets out of control by the USA", wenn ich den Übersetzer richtig verstanden habe).



    Wenn man auf die WebSite von PressTV geht, dann findet man dort im Augenblick unter anderem die folgenden Artikel:
  • Iran builds advanced naval weapon. Ein Bericht über eine neue Waffe für iranische Kriegsschiffe, die "in der Lage ist, jedes Schiff innerhalb von 300 km auf den Meeresgrund zu schicken". Der Iran sei, so sagte der Kommandeur der Revolutionsgarde, Generalmajor Mohammad-Ali Jafari, in der Lage, die Meerenge von Hormus zu schließen.

  • Iran produces 'stealth' fighter jets. Brigadegeneral Ahmad Miqani teilte mit, daß der Iran für Radar unsichtbare Kampfflugzeuge entwickelt habe. Weiterhin seien neue Panzer im Einsatz; es gebe ein neues elektro- optisches System, das beim Ausfall von Radar dessen Funktion übernehmen könne. "He added that the Iranian Air Force would prove its dominance by immediately crushing anyone who dares to try and penetrate Iran's airspace". Er fügte hinzu, daß die Iranische Luftwaffe ihre Überlegenheit unter Beweis stellen würde, indem sie jeden sofort vernichtet, der versuchen würde, in den iranischen Luftraum einzudringen.

  • Cheney weighs fratricide to sell war on Iran. Nach einem Bericht des US-Journalisten Seymour Hersh hätte Vizepräsident Cheney erwogen, US-Boote als iranische Boote zu tarnen und in der Meerenge von Hormus US- Kriegsschiffe angreifen zu lassen, um einen Krieg zu provozieren. Die Idee sei allerdings verworfen worden.

  • Friedman: Iran war may prompt $300 oil. Bericht über Äußerungen eines amerikanischen Analysten namens George Friedman, wonach die USA und Israel den Iran nicht angreifen könnten, weil das verheerende Folgen für die Weltwirtschaft haben würde.

  • Aoun: Israeli attack on Iran lunacy. Der libanesische Parteiführer Michel Aoun habe gesagt, daß ein Angriff Israels auf den Iran unmöglich sei, obwohl es immer noch Verrückte gebe, die einen solchen Angriff erwägen würden.



  • Das alles zur selben Zeit auf der Startseite von PressTV. Die Möglichkeit bzw. die angebliche Unmöglichkeit, jedenfalls angebliche Aussichtslosigkeit eines israelischen Angriffs auf den Iran ist offensichtlich das vorherrschende Thema der momentanen iranischen Propaganda.

    Welche Rolle spielt Assad in dieser Situation? Er hat, so wurde berichtet, bei seinem Besuch in Paris Präsident Sarkozy versprochen, im Atomkonflikt zu vermitteln. Jedenfalls auf der Pressekonferenz war davon nicht nur nichts zu erkennen, sondern Assad versicherte sogar ausdrücklich das Gegenteil: "I did not come on this visit as a mediator nor a messenger and I did not bring with me any messages from Western sources." Er sei nicht als Vermittler oder Bote gekommen und hätte keineswegs Nachrichten aus westlichen Quellen mitgebracht.

    In der Jerusalem Post sieht Herb Keinon den Zweck des Besuchs denn auch anders: "... the real purpose of Assad's visit was to strengthen the ties between the two countries". Der wahre Zweck des Besuchs sei es gewesen, die Bande zwischen den beiden Staaten zu stärken.

    Dann allerdings hätten Assad und Ahmadinedschad auf der Pressekonferenz genau die Wahrheit gesagt.



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    Alexander Solschenizyn (1918 - 2008)


    A decline in courage may be the most striking feature that an outside observer notices in the West today. The Western world has lost its civic courage, both as a whole and separately, in each country, in each government, in each political party, and, of course, in the United Nations. Such a decline in courage is particularly noticeable among the ruling and intellectual elites, causing an impression of a loss of courage by the entire society. (...) Should one point out that from ancient times decline in courage has been considered the beginning of the end?

    (Ein Niedergang des Muts dürfte das hervorstechendste Merkmal sein, das ein äußerer Beobachter heute an der westlichen Kultur wahrnimmt. Die westliche Welt hat ihren Bürgermut verloren, sowohl als ganze als auch in jedem Land für sich, in jeder Regierung, in jeder politischen Partei, und natürlich in den Vereinten Nationen. Ein derartiger Niedergang des Muts ist besonders auffällig bei den Machteliten und den intellektuellen Eliten. Daraus entsteht der Eindruck eines Verlusts an Mut in der gesamten Gesellschaft. (...) Muß man hervorheben, daß seit der Antike ein Niedergang des Muts als der Anfang vom Ende angesehen wurde?)

    Alexander Solschenizyn in einer Rede an der Universität Harvard am 8. Juni 1978



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    3. August 2008

    Zitat des Tages: Transportkosten hemmen den Welthandel

    The cost of moving goods, not the cost of tariffs, is the largest barrier to global trade today (...) and has effectively offset all the trade liberalization efforts of the last three decades.

    (Die Kosten für den Transport von Waren und nicht die Zollkosten sind heute die größte Barriere für den Welthandel (...) und haben faktisch alle Bemühungen der letzten drei Jahrzehnte zur Liberalisierung des Handels zunichte gemacht.)

    Aus einer Untersuchung der kanadischen Investmentbank CIBC World Markets vom Mai dieses Jahres.

    Kommentar: Der Artikel von Larry Rother in der heutigen New York Times, aus dem dieses Zitat stammt, ist lesenswert. Man kann daraus erfahren, welche weitreichenden Konsequenzen die Verteuerung des Erdöls hat.

    Die Kosten dafür, einen Standard- Container von 40 Fuß von Schanghai in die Vereinigten Staaten zu transportieren, sind beispielsweise seit Beginn dieses Jahrzehnts von 3000 auf 8000 Dollar gestiegen. Große Containerschiffe fahren mit einer um zwanzig Prozent reduzierten Höchstgeschwindigkeit, um Kosten einzusparen. Das verlangsamt den Welthandel.

    Betroffen sind vor allem Industriezweige, in denen bisher vergleichsweise billige Güter über große Entfernungen transportiert wurden, um in Ländern mit niedrigen Lohnkosten verarbeitet zu werden. Als Beispiel nennt Rother amerikanisches Holz, aus dem in China Möbel gezimmert wurden, die dann wieder auf dem US-Markt landeten.

    Auch Obst und Gemüse, die bisher über weite Wege zum Verbraucher transportiert wurden, würden jetzt gegenüber heimischen Produkten weniger wettbewerbsfähig, schreibt Rother.

    Ein weiterer Effekt könnte sein, daß wieder mehr regionale Märkte entstehen - daß China zum Beispiel Eisenerz eher aus Australien als aus Brasilien bezieht; daß mexikanische Produkte auf dem US-Markt wettbewerbsfähiger werden.



    Dazu paßt die Meldung im heutigen "Tagesspiegel am Sonntag", daß immer mehr deutsche Unternehmen sich wieder von der Produktion in China verabschieden. Dafür gibt es diverse Gründe - die gestiegenen Lohnkosten in China, die gestiegenen Steuern dort, Mangel an Fachkräften -; aber die Transportkosten, die in dem Artikel nicht erwähnt werden, dürften ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen.

    Kommt also die Produktion nach Deutschland zurück? Vielleicht zum Teil. Aber schon sind Länder in Bereitschaft, die selbst in Relation zu China Billiglöhne zu offerieren haben.

    Vietnam vor allem beginnt sich jetzt zwar nicht vom Kommunismus, aber doch von der Planwirtschaft zu befreien. Als Folge des Sozialismus ist das Land total verarmt; also ein Land mit (vorläufig) unschlagbaren Billiglöhnen. So billig vermutlich, daß sogar gestiegene Transportkosten aufgewogen werden.



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    Der 44. Präsident der USA (9): Es ist John Wayne gegen Montgomery Clift. Sagen die Umfragen. Und daß Obama der Favorit der Frauen ist

    Es ist das uralte Schema, sozusagen die Mutter aller Master Narratives: Der ehrgeizige Junge gegen den gestählten Alten, Erfahrung gegen Wagemut, der Jungbauer gegen den Altbauern. Kurz, Montgomery Clift gegen John Wayne in "Red River". Also Obama gegen McCain.

    Ist es wirklich so einfach? Es sieht ganz danach aus. Unter den Umfragen der letzten Zeit jedenfalls sind mehrere, die das zu bestätigen scheinen.

    Mitte Juni wurden im Los Angeles Times / Bloomberg Poll die Anhänger beider Kandidaten gefragt, ob sie "begeistert" (enthusiastic) in Bezug auf ihren Favoriten seien.

    Von den Anhängern Obamas bejahten das nicht weniger als 81 Prozent. Nur 17 Prozent verneinten es; zwei Prozent waren unsicher.

    Ganz anders war das Bild bei den Anhängern McCains: Nur 45 Prozent sagten, daß sie von ihrem Kandidaten begeistert seien; 51 Prozent verneinten es, und 4 Prozent waren unsicher.

    Anhänger Obamas ist man also mit dem Herzen; man könnte auch etwas tiefer ansetzen und sagen: aus dem Bauch heraus. Wer dazu tendiert, McCain zu wählen, der tut das hingegen überwiegend nicht aus Begeisterung.

    Das wird auch deutlich, wenn nach der allgemeinen Meinung gefragt wird, die man von den beiden Kandidaten hat.

    In einer aktuellen Umfrage (NBC News / Wall Street Journal Poll, 18. - 21. Juli) äußerten über John McCain nur gut ein Viertel eine ausgeprägte Meinung (13 Prozent "sehr positiv", 14 Prozent "sehr negativ"). Die meisten sahen ihn "eher positiv" (29 Prozent) oder "neutral" (26 Prozent). "Eher negativ" beurteilten ihn 16 Prozent.

    Deutlich verschieden davon ist das Bild von Barack Obama in derselben Umfrage: Genau die Hälfte der Befragten hatten eine ausgeprägte Meinung von ihm (27 Prozent "sehr positiv", 23 Prozent "sehr negativ"). Neutral waren nur ganze 16 Prozent. Für "eher positiv" entschieden sich 21 Prozent, für "eher negativ" 11 Prozent.

    Faßt man beide positive und beide negative Kategorien zusammen, dann kann man das Ergebnis auch so betrachten: Obama wird von mehr Befragten positiv gesehen als McCain (49 zu 42 Prozent); aber auch eine negative Einstellung zu ihm ist häufiger (34 Prozent sehen ihn negativ; nur 30 Prozent sind es bei McCain).

    Obama - es wird Sie nicht wundern - polarisiert also. Nur 16 Prozent sind ihm gegenüber (noch) neutral, gegenüber 26 Prozent bei McCain. Anders gesagt: In Bezug auf Obama haben sich die meisten schon festgelegt; bei McCain überlegen viele noch.

    Man wird vermuten können, daß für eine Wahl McCains Vernunftmotive eine größere Rolle spielen als Emotionen; vielleicht auch die Bedenken Älterer, daß jugendliche Begeisterung in der Politik selten zu etwas Gutem geführt hat.



    Ja, der Älteren. Denn wie eine andere Umfrage (Research 2000, 25. - 27. Juli) zeigt, findet sich in Bezug auf das Alter ihre Anhänger jetzt zwischen McCain und Obama genau dasselbe Muster wie im Vorwahlkampf zwischen Clinton und Obama: Die Jüngsten (18 bis 29 Jahre) sind mit überwältigender Mehrheit (63 zu 26 Prozent) für Obama. In der ältesten Gruppe dagegen (über 60 Jahre) hat McCain eine, wenngleich weniger eklatante, Mehrheit (47 zu 42 Prozent). In den Gruppen dazwischen liegt Obama leicht vorn.

    Und noch etwas Anderes fördert diese Analyse zutage: Obama verdankt seinen Vorsprung (den er in den meisten Umfragen jedenfalls bisher hatte) neben den Jungen den Frauen und den Nichtweißen.

    Von den befragten Männern waren je 45 Prozent für McCain und für Obama. Bei den Frauen hingegen lag Obama mit 54 zu 36 Prozent weit vorn.

    Bei den Weißen gab es eine deutliche Mehrheit (49 zu 41 Prozent) für McCain. Daß Obama insgesamt in Front lag, ging ausschließlich auf die Daten der Schwarzen (90 Prozent zu 4 Prozent) und der Latinos (65 zu 24 Prozent) zurück.



    Fassen wir zusammen: Wer weiß ist und männlich, der hat eine starke Neigung zu McCain; jedenfalls, wenn er über 30 Jahre ist. Diese Neigung ist aber nicht sehr enthusiastisch; er ist mehr aus Vernunft als aus Begeisterung für seinen Kandidaten.

    Diejenigen, die für Obama sind, begeistern sich hingegen in ihrer großen Mehrheit für ihn. Schwarze und Latinos sind bei ihnen stark überrepräsentiert. Unter den unter Dreißigjährigen ist dieser Wählertypus mit einer überwältigenden Mehrheit vertreten; unter den Frauen mit einer starken Mehrheit.

    Eine junge schwarze Frau, die mit dem Herzen entscheidet: Das ist sozusagen der personifizierte Obama- Wähler Ein älterer weißer Mann, der sich aus Vernunft entscheidet, ist der typische Wähler McCains.

    (Nur zur Sicherheit gesagt: Das sind statistische Daten; natürlich gibt es den Achtzigjährigen deutscher Abstammung, der sich für Obama begeistert und die zwanzigjährige Puertoricanerin, die nach rationaler Überlegung für McCain ist).



    Warum ist das so? Daß man auf Heilsversprechen hereinfällt, wenn man jung ist, verwundert nicht. Ebensowenig, daß der erste schwarze Kandidat für die Präsidentschaft in der Geschichte der USA von einer überwältigenden Mehrheit der Schwarzen favorisiert wird.

    Warum aber hat Obama bei den Frauen eine so deutliche Mehrheit? Ich weiß es nicht. Was mir an Antworten einfällt, sind leider nur Klischees: Weil Frauen mehr aus dem Gefühl heraus entscheiden als Männer? Weil sie sich eher von der Show eines Heilsbringers beeindrucken lassen; sozusagen das Drewermann- Syndrom? Oder weil sie den attraktiven jungen Mann gegenüber dem älteren Veteranen bevorzugen?

    Manchmal stimmen Klischees ja; vielleicht hier. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob irgendwer es weiß.

    Eines jedenfalls dürfen wir aus diesen Analysen entnehmen: Wir, die Anhänger McCains, die wir in Deutschland eine kleine Minderheit sind, haben auf der anderen Seite des Atlantik zwar nicht die Mehrheit aller auf unserer Seite, aber doch die Mehrheit der Weißen, der Erfahrenen und ... hm, hm ... jedenfalls nicht der Frauen.



    Und noch eine Bemerkung, die das Mitgeteilte ein wenig relativiert: Inzwischen ist am zweiten Tag nacheinander der bisherige Vorsprung Obamas im Gallup daily tracking verschwunden. Beide liegen gleichauf bei 44 Prozent.



    Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    2. August 2008

    Zettels Meckerecke: Bsirske flog mit der Lufthansa in die Südsee. Ja und?

    Empörung hat, so steht es zum Beispiel in "Spiegel- Online" und in "Welt Online", der Ver.di- Vorsitzende Bsirske ausgelöst. Von "unglaublichem" Verhalten ist die Rede; der FDP-Generalsekretär Niebel forderte gar den Rücktritt von Bsirske.

    Was hat er gemacht? Er ist in den Urlaub geflogen. Zugegeben, etwas weit weg; in die Südsee, heißt es. Und mit welcher Gesellschaft? Mit der Lufthansa natürlich. In deren Aufsichtsrat ist er stellvertretender Vorsitzender; also stehen ihm und seiner Familie Freiflüge Erster Klasse zu.

    Worauf gründet sich die Aufregung? Daß Bsirske - er verdient sich bei der Lufthansa durch seinen Aufsichtsrat- Job ein Zubrot von 210.000 Euro im Jahr, so wurde kürzlich gemeldet - von den Privilegien Gebrauch macht, die nun einmal einem Mitglied des Lufthansa- Aufsichtsrats zustehen? Daß er dort Urlaub macht, wo sich Leute seiner Einkommensklasse nun einmal gern in ihren Ferien vergnügen?



    Bsirske hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet. Nicht alle, aber doch manche, die das geschafft haben, neigen zu einem Lebensstil, der es allen zeigt, wie weit sie es gebracht haben. Der eine baut sich, wie Oskar Lafontaine, eine nachgerade lächerlich protzige Villa, der andere posiert, wie Gerhard Schröder, mit unverhohlenem Stolz im Brioni- Anzug.

    Gewiß hat das etwas Peinliches, Stilloses. Aber so ist es nun einmal. "Neureich" nannte man früher solche Leute, die ihren erlangten gesellschaftlichen Status so präsentieren wie andere ihren Body. Ja und?

    Man muß Bsirske ja nicht mögen. Ich mag ihn ebensowenig wie Jürgen Trittin, den Umweltfreund, der sich als Minister einen besonders üppigen Dienstwagen leistete, oder wie Sahra Wagenknecht, die Kommunistin, die aus ihrer Vorliebe für Hummeressen keinen Hehl macht.

    Nein, diesen Typus des protzenden, eitlen Salon- Bolschewisten schätze ich nicht. Aber jeder hat halt Leute, die er mag, und andere, die er nicht mag.

    Etwas Vorwerfbares, etwas, das gar eine Rücktrittsforderung rechtfertigen würde, kann ich bei Bsirske nicht sehen.

    "Spiegel- Online" zitiert den CSU- Wirtschaftsexperten Hans Michelbach: "Bsirske agiert nach dem Motto: links reden, rechts leben". Ja, natürlich tut er das, der Bsirske. Links reden ist halt eine der Möglichkeiten, im Kapitalismus Karriere zu machen. Und wer erfolgreich Karriere macht, der darf - auch das ist im Kapitalismus nun einmal so - auch die Früchte seiner Karriere genießen. Also rechts leben. Warum sonst macht er Karriere?

    Wer so ungehemmt rechts lebt wie Wagenknecht, Trittin, Lafontaine und Bsirske, der muß freilich damit rechnen, vom Sozialneid getroffen zu werden. Von just dem Sozialneid, den Leute wie Wagenknecht, Trittin, Lafontaine und Bsirske schüren, indem sie links reden.

    Das ist nun einmal das Risiko, wenn man über die Klassenkampf- Schiene Karriere macht. Ein Grund zum Rücktritt ist es nicht; und schon gar nicht sollte ausgerechnet der Generalsekretär der FDP ins Horn des Sozialneids stoßen.



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    Der 44. Präsident der USA (8): McCain oder Obama - wer hat die bessere Presse? Und etwas über Master Narratives

    Für Deutschland ist die Antwort auf die Frage nach der besseren Presse einfach:

    Über Barack Obama wird in den deutschen Medien häufiger, ausführlicher und freundlicher berichtet als über John McCain. Das sagt uns die Erfahrung als Nutzer der deutschen Medien. Und irgendwo muß es ja auch herkommen, daß mehr als siebzig Prozent der Deutschen Obama wählen würden.

    Aber wie sieht das eigentlich in den USA selbst aus?

    Die führende Tageszeitung der USA, die New York Times, nimmt unverhohlen Partei für Barack Obama. Sie ging dabei kürzlich so weit, eine Entgegnung McCains auf einen Gastkommentar von Obama abzulehnen.

    Aber die NYT ist nicht die amerikanische Presse; und die Tageszeitungen sind nicht die einflußreichsten Medien.



    Schaut man sich die Berichterstattung der TV-Sender an, dann ergibt sich, wie gestern Katharine Q. Seelye in der New York Herald Tribune berichtete, ein interessantes und differenziertes Bild.

    Der Tyndall Report, der seit 1987 die Berichterstattung der abendlichen Nachrichtensendungen analysiert, ermittelte bei den drei großen Senderketten ABC, CBS und NBC vom 3. Juni bis zum 23. Juni insgesamt 166 Sendeminuten für Obama, aber nur 67 Sendeminuten für McCain.

    Das zeigt eine eindeutige Bevorzugung Obamas, wie sie eine entsprechende Analyse der deutschen TV-Nachrichten mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso zutage fördern würde.

    Ergänzt wird dieses Bild durch eine Erhebung des Media Research Center zu den Auslandsreisen der beiden Kandidaten. Über die kürzliche Reise Obamas wurde danach insgesamt 92 Minuten berichtet. Als im März McCain eine Reise mit weitgehend denselben Zielen unternahm, umfaßte die Summe der Berichte nur achteinhalb Minuten. Die Dauer der beiden Reisen war fast dieselbe (McCain sieben, Obama acht Tage).

    Die meisten dieser Berichte waren, da in den USA weit strenger als in Deutschland auf die Trennung von Nachricht und Meinung geachtet wird, in der Tendenz neutral. Der Vorteil für Obama lag in mehr exposure, mehr Präsenz also auf den Bildschirmen. Anders als in Deutschland wurde er nicht als der sympathischere Kandidat mit den besseren politischen Zielen dargestellt.

    Es scheint sogar so zu sein, daß bei Meinungsäußerungen aus den Redaktionen McCain besser wegkommt als Obama. Das ist natürlich nicht so objektiv zu messen wie die Sendezeit in Minuten; aber es gibt inhaltsanalytische Verfahren (die Einstufung - Rating - durch geschulte Beurteiler), die, wenn sie kompetent angewandt werden, brauchbare Resultate liefern.

    Katharine Q. Seelye zitiert eine solche Untersuchung aus der George Mason University. Danach äußerten sich von den Kommentatoren, die zu Obama eine explizite Meinung kundtaten, 72 Prozent negativ und nur 28 Prozent positiv. Von den Meinungen zu McCain waren 43 Prozent positiv und 57 Prozent negativ.



    Wie auch immer man dieses Bild bewertet - klar scheint zu sein, daß im Augenblick eine heftige Schlacht zwischen Obama und McCain um ihre Präsenz und Darstellung in den Medien tobt.

    Warum gerade jetzt? Katharine Q. Seelye zitiert dazu Martin Kaplan, den Direktor des Norman Lear Center der Annenberg School for Communication an der University of Southern California. Kaplan meint, in der jetzigen Phase des Wahlkampfs seien beide Seiten "engaged in one of its most important missions: establishing a negative narrative about the opponent". Jede Seite sei mit einer ihrer wichtigsten Aufgaben befaßt: Vom Gegner ein negatives Klischee zu entwerfen.

    ("Narrative" heißt wörtlich "Erzählung", hat aber in den Sozialwissenschaften oft die Bedeutung eines Schemas, einer Standarddarstellung, eines Klischees. Das im folgenden Text erwähnte Master Narrative ist also so etwas wie ein Rahmenschema, ein Interpretationsrahmen, ein allgemeines Bild):
    "Both sides believe there is something called the master narrative," Kaplan said. "Yes, there is an abundance of voices and sources trying to influence that master narrative. But it does finally get set, and once it's set, it's virtually impossible to change. So everyone is doing their best to stop the master narrative from setting in a way that disadvantages their side."

    The story lines at this relatively early stage are still shifting. The positive story line for McCain, and one backed up by the polls, is that he is a plausible commander in chief; for Obama, it is that he represents change. On the negative side, McCain is perceived as an angry old man, and Obama as a greenhorn who is dangerously full of himself.

    "Beide Seiten sind der Auffassung", sagte Kaplan, "daß es etwas gibt, das sie das Master Narrative nennen. Gewiß gibt es eine Flut von Stimmen und Quellen, die dieses Master Narrative zu beeinflussen suchen. Aber irgendwann ist es etabliert, und wenn es erst einmal etabliert ist, dann ist es so gut wie unmöglich, es wieder zu ändern. Folglich tut jeder, was er kann, um zu verhindern, daß das Master Narrative sich zum Nachteil der eigenen Seite etabliert".

    Die Inhalte wechseln in dieser relativ frühen Phase noch. Der positive Inhalt für McCain, der auch durch die Umfragen gestützt wird, ist, daß er ein geeigneter Oberbefehlshaber ist; für Obama, daß er den Wandel repräsentiert. Auf der negativen Seite wird McCain als ein zorniger alter Mann wahrgenommen, Obama als Greenhorn und als gefährlich selbstbezogen.



    Ich fand den Artikel lesenswert. Hinzufügen könnte man, daß solche Versuche, vom eigenen Kandidaten ein positives und vom gegnerischen ein negatives Bild zu entwerfen, schon oft wahlentscheidend gewesen sind. Daß Bush vor vier Jahren Kerry besiegt hat, lag zum Beispiel wesentlich daran, daß Kerry erfolgreich mit dem Etikett "flip-flop" versehen werden konnte, weil er zu zentralen Fragen seine Meinung geändert hatte.

    In den letzten Tagen hat das Team McCains einen Spot geschaltet, der in den USA großes Aufsehen erregte; CNN kommentierte ihn ausführlich. Es wurde versucht, den Erfolg von Obamas Auslandsreise ins Gegenteil umzukehren, indem dieser als ein Showstar wie Britney Spears dargestellt wurde: "He's the biggest celebrity in the world. But is he ready to lead?" (Er ist der größte Promi der Welt. Aber eignet er sich zur Führung?).

    Und der neueste Spot bezieht sich auf das, was ich in der Serie über Obamas Weg in die Lächerlichkeit beschrieben habe: Obamas Selbstdarstellung mit Bezügen zur Bibel. In dem Spot sieht man Charlton Heston als Moses, unterlegt mit Zitaten von Obama wie dem über seine de- facto- Nominierung: "This was the moment when the rise of the oceans began to slow and our planet began to heal" (Dies war der Moment, an dem sich der Anstieg der Ozeane zu verlangsamen und in dem unser Planet zu gesunden begann).



    Unter Wahlforschern ist der Nutzen solcher Herabsetzungen des Gegners, des "negative campaigning", umstritten.

    Ein allgemeines Rezept, ob es nutzt oder schadet, gibt es wohl nicht. Es kommt auf die Situation an. Das Konzept des Master Narrative hilft das verstehen: Ist es einmal etabliert, dann kann ein negativer Wahlkampf leicht schaden, wenn er diesem etablierten Bild widerspricht. Solange das Bild eines Kandidaten aber noch unbestimmt ist, können solche negativen Spots es mit prägen.

    Darauf hofft jedenfalls das Team von John McCain. Und es könnte richtig liegen. Nach dem aktuellen Gallup Poll daily tracking vom 31. Juli, das gleitende Mittelwerte aus täglichen Erhebungen bringt, liegen McCain und Obama mit je 44 Prozent jetzt gleichauf. In den vergangenen Wochen hatte Obama durchweg einen mal kleineren, mal größeren Vorsprung gehabt.



    Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. - Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    1. August 2008

    Zitat des Tages: Solidarität und Solidität

    Ich habe immer das Wohl der Partei im Auge. Wenn in meiner Partei Unverantwortliches vertreten und gar in Regierungshandeln umgesetzt werden soll, betrachte ich es als meine Pflicht, aus Gründen der Solidarität und Solidität mein Wort zu erheben. Das werde ich auch in Zukunft unmissverständlich tun.

    Wolfgang Clement im Interview mit dem morgen erscheinenden "Kölner Stadt- Anzeiger".

    Kommentar: Das hat er schön gesagt, der Wolfgang Clement. Denn was die SPD von denjenigen verlangt, die den energiepolitischen Wahnsinnskurs von Andrea Ypsilanti nicht mitmachen wollen (Clement: "absolut industriefeindlich und nicht verantwortbar"), das ist Solidarität mit der Unsolidität.



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    Kurioses, kurz kommentiert: Wie schädigt man die SPD?

    Der Antragsgegner (Wolfgang Clement) hat der Partei durch die öffentliche Aufforderung, die SPD und ihre Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl in Hessen nicht zu wählen, schweren politischen Schaden zugefügt.

    Nicht erforderlich dafür ist ..., dass seine öffentlichen Äußerungen zu einer konkret messbaren Einbuße an Wählerstimmen für die Partei geführt haben. (...)

    Der schwere politische Schaden liegt vielmehr darin, dass der Antragsgegner durch sein Verhalten mit dem ihm in der Öffentlichkeit aufgrund seiner früheren politischen Funktionen noch beigemessenen Gewicht entscheidend dazu beigetragen hat, dass in der Schlussphase des hessischen Wahlkampfes und danach und mit Blick auf die Breitenwirkung in den Medien bundesweit das Bild von einer zerstrittenen Partei vermittelt worden ist."


    Die Schiedskommission der nordrhein-westfälsichen SPD in der Begründung ihrer Entscheidung, Wolfgang Clement aus der SPD auszuschließen.

    Kommentar: Unter allen Kuriositäten, die ich bisher in dieser Rubrik kommentiert habe, scheint mir dies die kurioseste zu sein. Denn:

    Eine Schiedskommission wirft, statt es bei der von der Vorinstanz ausgesprochenen Rüge zu belassen, Wolfgang Clement aus der SPD.

    Dies löst, wie zu erwarten, in einem Teil der SPD freudige Zustimmung und in einem anderen Entsetzen aus, das von Kommentaren wie "suizidale(r) Charakter" (Otto Schily), "unfassbar und grotesk" (Rainer Wend, Abgeordneter des Bundestags aus NRW) und "lächerlich und beängstigend" (sein Kollege Reinhard Schultz) bis zu der Ankündigung des Leipziger Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber (SPD) reicht, im Fall eines Ausschlusses von Wolfgang Clement ebenfalls die SPD zu verlassen.

    Die Berichte über diese Reaktionen tragen Überschriften wie "Clements Parteiausschluss spaltet die SPD" ("Welt Online"), "Clements Rauswurf entzweit die SPD" ("Spiegel- Online") und "Clement- Ausschluss spaltet die SPD" ("Süddeutsche Zeitung").

    Und jetzt lesen wir noch einmal nach, wegen welchen Verhaltens das Schiedsgericht den Genossen Clement zum Ausschluß aus der SPD verdonnert hat. Nicht, weil seine Äußerung die SPD meßbar Stimmen in Hessen gekostet hätte. Sondern weil "bundesweit das Bild von einer zerstrittenen Partei vermittelt worden ist".



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    Marginalie: Taktische Spielchen zwischen Gesine Schwan und Gregor Gysi

    Zu einem "Geheimtreffen", so schreibt Björn Hengst in "Spiegel- Online", seien Gesine Schwan und Gregor Gysi zusammengekommen. Eines jener Geheimtreffen, die so geheim sind, daß die Medien sofort von ihnen erfahren. Die also nur deshalb zum "Geheimtreffen" geadelt werden, um das gewünschte Medienecho zu bekommen.

    Es ging, wenn wir dem Bericht trauen, um die Präsidentenwahl, wie auch anders.

    Seit die SPD die Kandidatur von Frau Schwan verkündet hat, ist klar, daß sie die Stimmen einer Volksfront- Koalition aus SPD, Grünen und Kommunisten bekommen wird; nur darin liegt ja überhaupt ihre Chance, Horst Köhler zu schlagen.

    Ohne dieses Kalkül hätte die SPD sie nicht als "veritable Kandidatin" nominiert. Die Kommunisten werden sie wählen, selbst wenn sie so antikommunistisch wütet, als sei der Geist Kurt Schumachers in sie gefahren. Denn sie ziehen daraus einen doppelten Nutzen:

    Zum einen wird das Publikum psychologisch auf die Volksfront- Koalition im Bundestag vorbereitet, so wie auch früher schon die Wahl eines Bundespräsidenten ein Stück Machtwechsel signalisiert hat.

    Zweitens nutzen die Kommunisten natürlich den Umstand, daß die SPD auf ihre Stimmen angewiesen ist, um ihre Stärke und ihre Unentbehrlichkeit gegenüber der SPD zu demonstrieren. Sie wollen ja Kanzlermacher werden, nicht Steigbügelhalter.



    Das führt zu einer interessanten, nachgerade spieltheoretisch interessanten taktischen Situation: Gesine Schwan weiß, daß sie die Stimmen der Kommunisten im Grunde zum Nulltarif haben kann, denn diesen ist an ihrer Wahl ungemein gelegen. Die Kommunisten ihrerseits versuchen den Preis in die Höhe zu treiben, obwohl sie eigentlich mit leeren Händen dastehen.

    Also wird gepokert. Also bluffen die Kommunisten. Björn Hengst schreibt:
    "Schwan hat ihre Chancen verspielt" - so lautete der Tenor im Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der Genossen in Berlin. Fortan galt die Devise: Die Linkspartei wird mit einem eigenen Kandidaten zur Wahl des Bundespräsidenten im Mai kommenden Jahres antreten.
    Ja, gewiß wird sie das. Für den ersten, den zweiten Wahlgang. Im dritten wird sie dann Schwan wählen.

    Aber wenn sie das jetzt schon sagt, dann braucht sie gleich gar nicht erst jemanden aufzustellen. Also blufffen sie, die Kommunisten:
    Es geht der Oppositionskraft um eine Normalisierung des zerrütteten Verhältnisses zwischen SPD und Linkspartei. "Das ignorierende Ausgrenzen muss ein Ende haben", sagte ein führender Linkspartei- Politiker SPIEGEL ONLINE, der nicht genannt werden wollte. (...) "Wir können Frau Schwan nur wählen, wenn die SPD mit uns spricht", sagte der Linkspartei-Politiker. Wünschenswert sei etwa ein Treffen von Beck mit Linkspartei- Co- Chef Lothar Bisky.
    Diesen Preis wird die SPD jetzt nicht zahlen; warum sollte sie? Noch ist ja offen, ob die Volksfront schon für 2009 oder erst, wofür vieles spricht, für 2013 anvisiert wird.

    Hingegen hat auch die SPD ein Interesse daran, daß die Kommunisten einen eigenen Kandidaten aufstellen. Das erleichtert es Schwan, sich so weit von ihnen zu distanzieren, daß sie die Stimmen der (verbliebenen) Rechten in der SPD nicht verliert und vielleicht die eine oder andere aus dem liberalkonservativen Lager bekommt.

    Für Schwan ist es günstiger, nicht von vornherein als gemeinsame Kandidatin der Volksfront ins Rennen zu gehen, sondern von diesem Bündnis erst im zweiten oder dritten Wahlgang zu profitieren.



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