(12. August 2026, Aufnahmeort Spanien)
Zonsverduistering
Wij maakten bij een kars een repje glas
Roetzwart en hadden toen een heuse bril –
Een oogbeschermer vor een habbekras.
Er is een zonsverduistering op til.
De hele klas komt bij de wei bijeen.
Traag schuift over de zon de zwarte schil.
We turen naar de lucht en iedereen
Wacht ongelovig af. Dan wordt het kil.
Een kou zet in die niemand heeft verwacht.
Het gras rilt. In de plotselige nacht
Brandt licht dat al een eeuw lijkt stil te staan.
Vanuit een hoekhuis schreeuwt een baviaan,
Hoewel er nimmer bavianen waren.
De aarde zwijgt en wij zijn zoutpilaren.
(1999)
Sonnenfinsternis
Mit einer Kerze rußten wir die Scherben grau
Und hatten eine Brille, die sich sehen lassen kann.
Ein Augenschutz - und das auch noch für lau.
Denn eine Sonnenfinsternis zieht jetzt heran.
Die ganze Klasse sitzt jetzt auf der Wiese.
Der Schattenfraß nimmt langsam seinen Lauf.
Wir blicken in die Luft, und jedermann
Wartet ungläubig ab. Dann frischt es auf.
An diese Kälte hat niemand von uns gedacht.
Die Gräser zittern. In der unverhofften Nacht
Brennt Licht, das ein Jahrhundert lang verharrt.
Ein Eckhaus scheint vor Paviangebrüll zu beben,
Doch Paviane hat es niemals dort gegeben,
Die Erde schweigt. Wir sind zu Salzsäulen erstarrt.
Gerrit Komrij (im Vordergrund; bei dem Herrn im Hintergrund handelt es sich um Desiderius Erasmus, auch "Erasmus von Rotterdam" genannt)
Gerrit Komrij (1944 in Winterswijk geboren und 2012 in Amsterdam gestorben), kommt neben Jan Kal (*1946) in der niederländischen Nachkriegsliteratur vor allem ein Verdienst zu: die Bewahrung und nachgerade aggressive Pflege der klassischen, gebundenen kurzen Versform – und in Verbindung damit, was man im Englischen „occasional poetry“ nennt – das Gelegenheitsgedicht anläßlich politischer, gesellschaftlicher Ereignisse, Jubiläen und vergleichbarer Anlässe. Als Komrij 1968 seinen ersten Lyrikband, „Magdeburger halve bollen en andere gedichten“ herausbrachte, verstieß er damit sehr bewußt gegen den avantgardistischen Komment, der ab der frühen fünfziger Jahren durch Lyriker wie Lucebert (das Pseudonym von Lubertus Jacobus Swaanswijk, 1924-1994) und Jan Hanlo vorgegeben worden war: ein radikaler Bruch mit jenen traditionellen Formen, die auch den „ersten Aufbruch in die literarische Moderne“ in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bruchlos überstanden hatten. Der Verzicht auf Reim und strenges Metrum wurde in der Nachkriegszeit zum Gütesiegel der lyrischen Avantgarde. Insofern spielen diese „konservativen Revolutionäre“ in der niederländischen Literatur die Rolle, die bei uns die „Neue Frankfurter Schule“ mit Robert Gernhardt oder Ror Wolf zukommt. Im Fall von Komrij war seine Lieblingsform der dreistrophige Vierzeiler; bei Kal fast ausschließlich die klassische Sonettform.
Hinzu kommt eine für dichtende Zeitgenossen erstaunliche Produktivität: zwischen den „Magdeburger Halbkugeln“ und dem postum erschienenen Band „Boemerang“ hat Komrij 95 Titel veröffentlicht, unter denen sich mindestens 40 Gedichtbände befinden. Die Sammlung seiner lyrischen Produktion bis 1994 („Alle gedichten tot gisteren“, De Arbeiderspers) umfaßt 490 Seiten. Jan Kals vergleichbarer Band, der seine Produktion zwischen 1966 und 1996 bündelt und 1997 beim Verlag Nijgh & Van Ditmar erschienen ist, trägt den wahrheitsgemäßen Titel „1000 Sonetten“ (oder den fast wahrheitsgemäßen Titel: zum Abschluß der Arbeit, die die Lektoren nach eigener Aussage an den Rand des Wahnsinns brachte, bat der Verlag Kal um ein 1001. aus Anlaß des 50. Geburtstags von Johan Cruiff):
Cruiff 50
Hun zeggen John Cruiff wordt vijftig jaar,
Dus in principe is dat een gegeven,
Want net als bij het voetbal heb het leven
Dat dus de dingen volgen na mekaar.
Es heißt, daß Johan Cruijff heut‘ fünfzig wird.
Dann wird es das wahrscheinlich sogar geben:
Denn mit dem Fußball ist das wie im Leben,
Daß ein Ding nach dem anderen passiert.
„Zonsverduistering“ entnehme ich dem Band „52 Sonnetten bij get Verglijden van de Eeuw“ (52 Sonette anläßlich des Verstreichens des Jahrhunderts), der 2000 im Verlag Bert Bakker in Amsterdam erschienen ist. Die 52 im Titel genannten Beispiele einer „Versform italienischen Ursprungs“ (Robert Gernhardt) sind im Lauf des Jahres 1999 im Wochentakt im „Algemeen Dagblad“ und der belgischen Wochenzeitschrift „Humo“ abgedruckt worden.
Anlaß für dieses 32. Sonett der Reihe war ganz offensichtlich die in Süddeutschland sichtbare totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999, die für het zuidelijke duitsland in der Totalitätszone gleich nördlich von Stuttgart allerdings eher ein Totalausfall war. Bei dem Thema des Gedichts dürfte es sich allerdings nicht um eine autobiographische Remineszenz handeln, da die beiden partiellen Eklipsen, die in seiner Schulzeit in Winterswijk in der Provinz Gelderland fallen, keine solchen visuellen Sensationen ausgelöst haben: die Sonnenfinsternis vom 25. Februar 1952 brachte es auf eine Bedeckung von 14% der Sonnenscheibe; die vorhergehende vom 1. September 1951 sogar nur auf 9%. Die letzte totale Sonnenfinsternis, die von den Niederlanden aus zu beobachten war, fand am 3. Mai 1715 statt – vier Monate vor dem Tod des Sonnenkönigs Ludwig XIV, dessen Lebenszeit, 1638-1715, ziemlich genau mit dem Maunder-Minimum zusammenfällt, als auf dem Sonne selbst von den Astronomen kaum „entstellende Maculae“ registriert wurden.
Der kleine literarische Sünder ist sich bewußt, daß roetzwart wörtlich "pechschwarz" bedeutet - maar dat moet rijmen. "Habbekras" ist dem Jiddischen ("hab e kras" - "ich habe eine Kleinigkeit") entlehnt und läßt sich mit "für einen Spottpreis" wiedergeben.
U.E.
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