I
Ray Bradbury, „Es werden sachte Regen fallen“ (Buchfassung von 1950)
Im Wohnzimmer sang die Stimme der Uhr: „Tick-tack, sieben Uhr, beeilt euch nur, sieben Uhr!“ – als ob sie Angst hätte, daß niemand auf sie hören würde. Das morgendliche Haus lag leer da. Die Uhr tickte weiter, und wiederholte ihren Spruch in die Leere. „Sieben Uhr zehn, Zeit aufzustehn, sieben Uhr zehn!“
In der Küche seufzte der Herd zischend und warf aus seinem warmen Inneren acht makellos gebräunte Toastscheiben aus, acht Spiegeleier mit dem Eigelb nach oben, sechzehn Speckstreifen, zwei Tassen Kaffee und zwei Gläser kalte Milch.
„Heute ist der 4. August 2026,“ sagte eine zweite Stimme von der Küchendecke, „in der Stadt Allendale in Kalifornien.“ Sie wiederholte das Datum dreimal, damit man es sich merken konnte. „Heute hat Mr. Featherstone Geburtstag. Heute jährt sich Tilitas Hochzeitstag. Die Versicherung wird fällig, und die Rechnungen für Wasser, Gas und Strom.“
Irgendwo in den Wänden klickten Relais, wurden Bänder mit Erinnerungen von elektrischen Augen gelesen.
Acht Uhr eins, tick-tack, auf zur Schule, auf zur Arbeit, schnell, schnell, acht Uhr eins! Aber es wurden keine Türen zugeschlagen, keine Gummisohlen hinterließen Abdrücke auf dem weichen Teppichboden. Draußen fiel Regen. Die Wetterbox an der Haustür sang leise: „Regen, Regen, geh doch fort, geh an einen anderen Ort… ach, ich bitt: nehmt Schirm und Regenmantel mit.“ Und der Regen trommelte auf das leere Haus und weckte die Echos.
Draußen läutete die Garage, öffnete ihr Tor und gab den Blick auf das fahrbereite Auto frei. Nach einer langen Pause senkte sich das Tor wieder.
Um halb neun waren die Eier verschrumpelt und der Toast hart wie Stein. Ein Alumimiumkeil kratzte sie in den Ausguß, wo sie von heißem Wasser eine eiserne Kehle hinuntergespült wurde, die sie verdaute und auf den Weg zum weit entfernten Meer brachte. Die schmutzigen Teller verschwanden in einer Spülmaschine und kamen glänzend und trocken wieder zum Vorschein.
Aus ihren Gängen in den Wänden kamen winzige Robotermäuse hervor. In den Zimmern wimmelte es von den kleinen Putztieren aus Plastik und Eisen. Sie prallten gegen Stühle, wirbelten mit ihren behaarten Beinchen, klopften die Teppiche aus und saugten sacht den verborgenen Staub auf. Dann verschwanden sie wie geheimnisvolle Eindringlinge wieder in ihren Gängen. Ihre roten elektrischen Augen erloschen. Das Haus war sauber.
Zehn Uhr. Die Sonne kam hinter den Regenwolken hervor. Das Haus stand einsam in einer Stadt, von der nur Trümmer und Asche geblieben waren. Es war das einzige Gebäude, das noch stand. Nachts lag ein radioaktiver Schein über der Stadt, der meilenweit sichtbar war.
Viertel nach zehn. Die Rasensprenger drehten sich in goldenen Fontänen und erfüllten die Morgenluft mit sprühender Helligkeit. Das Wasser gischtete über Fensterscheiben und lief an der Westseite des Hauses hinab, auf der die weiße Wandfarbe fortgebrannt worden war. Die ganze nach Westen gerichtete Seite des Hauses war schwarz verkohlt, außer an fünf Stellen. Hier sah man den Umriß eines Mannes, der den Rasen mähte. Dort, wie auf einer Fotografie, eine Frau, die Blumen pflückte. Und daneben, ihre Abbilder in einem einzigartigen Augenblick ins Holz eingebrannt: ein kleiner Junge, die Hände hoch in die Luft gereckt, und noch höher: das Bild eines Balls, und auf der anderen Seite ein Mädchen, das die Hände hob, um einen Ball zu fangen, der nie wieder fallen würde.
Die fünf Farbflecken – der Mann, die Frau, die Kinder, der Ball – waren übriggeblieben. Alles andere war nur noch eine schwarze Aschenschicht.
Der sanfte Regen aus den Sprinklern erfüllte den Garten mit Kaskaden aus Licht.
Wie sorgfältig hatte das Haus bis heute auf sich aufgepaßt! Wie vorsichtig hatte es gefragt: „Wer ist da? Wie lautet das Kennwort?“ und als es von den streunenden Füchsen und maunzenden Katzen keine Antwort erhielt, hatte es seine Fenster geschlossen und die Jalousien heruntergelassen wie eine angstgeplagte alte Jungfer, mit einer Vorsicht, die schon an mechanische Paranoia grenzte.
Bei jedem Geräusch zitterte das Haus. Wenn ein Spatz zufällig an ein Fenster pickte, fuhr die Jalousie sofort herunter, und der Vogel flog erschreckt davon. Nein, nicht einmal einen Vogel duldete das Haus!
Zwölf Uhr. Mittag.
Auf der Veranda vor der Haustür winselte ein Hund.
Die Eingangstür erkannte ihn und öffnete sich. Der Hund, der einmal groß und kräftig gewesen war, jetzt aber bis auf die Knochen abgemagert und von Geschwüren übersät war, lief hinein und durch die Zimmer und hinterließ eine Schlammspur. Hinter ihm surrten die Mäuse aufgebracht, verärgert, daß sie den Schmutz beseitigen mußten, verärgert über die Störung.
Denn mit jedem Blatt, das unter der Tür hindurch ins Haus geweht wurde, sprangen die Mauslöcher in den Wänden auf und die Kupferraten flitzten heraus. Der störende Staub, das Haar oder der Papierfetzen wurde von winzigen Stahlkiefern gepackt und in die Gänge geschleppt. Von dort wurde es durch Röhren in den Keller transportiert, ins glühende Maul eines Ofens, der wie ein böser Götze in einer Ecke hockte.
Der Hund lief die Treppe hinauf und jaulte vor jeder Tür, bis er endlich begriff, daß hier nur Stille auf ihn wartete.
Er schnupperte und kratzte an der Küchentür. Hinter der Tür bereitete der Herd gerade Pfannkuchen zu und verbreitete den Geruch nach backendem Teig und Ahornsirup durchs ganze Haus.
Dem Hund trat Schaum vor das Maul, er wälzte sich vor der Tür auf dem Boden, in seinen Augen blitzte es. Er drehte sich rasend im Kreis, schnappte nach seinem Schwanz, dreht sich immer schneller, und schließlich starb er. Eine Stunde lag er im Flur.
Zwei Uhr, sang eine Stimme.
Schließlich bemerkten die empfindlichen Sinne der Mäuseregimenter die Anzeichen der einsetzenden Verwesung, und sie huschten herbei, wie graue Blätter, die ein elektrischer Wind vor sich hertreibt.
Viertel nach zwei.
Der Hund war verschwunden.
Im Keller glühte der Ofen plötzlich hell auf und eine Funkenwolke fuhr sprühend den Schornstein hinauf.
Zwei Uhr fünfunddreißig.
Bridge-Spieltische sprossen aus der Wand der Veranda. Spielkarten flatterten wie ein Regen aus Papier auf die Spielunterlagen. Martinis erschienen neben Sandwiches mit Eiersalat. Musik ertönte.
Um vier Uhr falteten sich die Tische wie große Schmetterlinge wieder in die getafelten Wände zurück.
Halb fünf.
Die Wände des Kinderzimmers glühten.
Tiere nahmen Gestalt an: gelbe Giraffen, blaue Löwen, rosa Antilopen, fliederfarbene Panther tollten hinter den Kristallwänden. Sie verwandelten sich in Fenster, die Farben und Phantasiegestalten zeigten. Dahinter liefen Filme durch Projektoren mit gutgeölten Malteserkreuzgetrieben, und die Wände erwachten zum Leben. Der Boden des Kinderzimmers bestand aus einem Material, das an eine frisch gemähte Wiese denken ließ. Schaben aus Aluminium und Heuschrecken aus Eisen liefen darüber, und in der heißen Luft gaukelten zarte rote Schmetterlinge durch den herben Dunst über den Fährten, die große Tiere im Gras hinterlassen hatten. Es summte wie in einem gelben Bienenstock in einer dunklen Höhle, das Fauchen eines Löwen war zu hören. Und das Trappeln von Okapihufen und das Rauschen eines Dschungelregens, der auf das sommerlich ausgedörrte Gras niederging. Jetzt gaben die Wände den Blick auf eine endlose Grassteppe frei, und auf einen warmen, endlosen Himmel. Die Tiere zogen sich in dorngeschützte Dickichte und an Wasserlöcher zurück. Es war Kinderstunde.
Fünf Uhr. Heißes, klares Wasser wurde in die Badewanne gelassen.
Sechs, sieben, acht Uhr. Die Gedecke für das Abendessen erschienen und verschwanden wie durch Zauberhand. Im Lesezimmer ertönte ein leises Klicken. Ein eiserner Behälter, der neben dem Kaminfeuer stand, in dem jetzt ein Feuer brannte, gab eine Zigarre frei, mit einem halben Zoll Asche an der Spitze, von der ein Rauchfaden aufstieg.
Neun Uhr. Die Heizspiralen begannen die Betten vorzuwärmen, denn die Nächte waren hier kalt.
Fünf nach neun. Eine Stimme ertönte von der Decke des Lesezimmers. „Mrs. McClellan, welches Gedicht würden Sie heute abend gerne hören?“ Im Haus blieb es still.
Schließlich sagte die Stimme: „Da Sie keine Auswahl getroffen haben, werde ich ein zufälliges Gedicht wählen.“ Leise Musik untermalte die Stimme. „Sara Teasdale. Ihre Lieblingsdichterin, wie ich mich erinnere…“
Sachter Regen wird fallen, aus der Erde steigt Duft,
Und Schwalben ziehen Kreise, hoch in der Luft;
Und Frösche werden singen im Teich in der Nacht,
Und Pflaumenbäume blühen in weißer Pracht;
Rotkehlchen hüpfen, flammend hell anzuschaun,
Und pfeifen ihr Lied auf dem niedrigen Zaun;
Und niemand von ihnen weiß etwas vom Krieg,
Keinen kümmert je Verlust oder Sieg;
Niemand würde sterben, weder Vogel noch Baum,
Wenn die Menschheit verschwände wie ein schlechter Traum;
Und der Frühling selbst, wenn er zu erwachen beliebt,
Würde kaum merken, daß es uns nicht mehr gibt.
Das Feuer brannte im steinernen Kamin herunter und die Zigarre hinterließ ein Aschehäufchen auf dem Aschenbecher. Vor den schweigenden Wänden standen die leeren Sessel einander gegenüber, und die Musik spielte.
Um zehn Uhr schlug die letzte Stunde des Hauses.
Der Sturm toste. Ein umstürzender Baum brach durch das Küchenfenster. Eine Flasche mit Lösungsmittel zerschellte auf dem Herd. Im Nu stand der ganze Raum in Flammen!
“Feuer!” schrie eine Stimme. Im Haus flammten die Lichter auf, die Wasserpumpen sprühten Wasser aus den Decken. Aber das Lösungsmittel breitete sich auf dem Linoleum aus, floß unter der Küchentür durch, während die Stimmen zum Chor anschwollen. „Feuer, Feuer, Feuer!“
Das Haus versuchte, sich zu retten. Die Türen schlugen zu, aber die Hitze ließ die Fensterscheiben bersten, und der Wind blies und fachte die Flammen an.
Das Haus verlor den Kampf, als zehn Milliarden wütende Funken mit Leichtigkeit von Zimmer zu Zimmer sprangen und die Treppe hinaufeilten. Wasserratten huschten quiekend aus ihren Löchern, schossen ihr Wasser ab und holten neues. Aus den Wandsprinklern sprühte der mechanische Regen.
Aber es war zu spät. Irgendwo kam eine Pumpe mit einem Klagelaut zum Stillstand. Der alles durchweichende Regen hörte auf. Der Wasservorrat, der so viele Tage lang die Badewannen gefüllt und das Geschirr gereinigt hatte, war zur Neige gegangen.
Das Feuer loderte die Treppe empor. Es verschlang die Picassos und Matisses im Obergeschoß wie Leckerbissen, garte das Ölfleisch und verschmorte die Leinwände zu schwarzen Spänen.
Dann legte sich das Feuer in die Betten, stellte sich ans Fenster, wechselte die Farben der Gardinen aus!
Dann traf Verstärkung ein. Aus den Bodenluken, die auf den Dachboden führten, schauten blinde Robotergesichter herab, aus deren Mündern grüne Chemikalien sprühten.
Das Feuer wich zurück, so wie ein Elefant vor einer toten Schlange zurückweicht.
Jetzt waren es zwanzig Schlangen, die sich über den Boden ringelten und das Feuer mit dem kalten Gift ihres grünen Schaums töteten.
Aber das Feuer war schlau. Es hatte Flammen nach draußen geschickt, die sich nach oben bis zum Dachboden fraßen, wo sich die Pumpen befanden. Eine Explosion! Das Hirn auf dem Dachboden, das die Pumpen gesteuert hatte, zerbarst in Metallsplitter.
Das Feuer kroch in alle Schränke und griff nach den Kleidungsstücken, die dort hingen.
Das Haus erbebte, bis in seine Eichenknochen. Sein entblößtes Skelett geschwärzt von der Hitze, seine Stromleitungen, seine Nerven freigelegt, als ob ihm ein Chirurg die Haut abgezogen hätte, um die roten Blutbahnen und Haargefäße in der glühenden Luft zittern zu lassen. „Hilfe, Hilfe! Feuer! Lauft, lauft!“ Die Hitze ließ die Spiegel bersten wie brüchiges dünnes Eis. Und die Stimmen heulten. „Feuer, Feuer, lauft, lauft!“ – wie ein tragischer Kinderreim, ein Dutzend Stimmen, hoch und tief, wie Kinder, die in einem Wald sterben, allein, ganz allein. Und die Stimmen verstummten, als die Isolation der Stromleitungen auseinanderbrach wie geröstete Kastanien. Eine, zwei, drei, vier, fünf Stimmen erstarben.
Im Kinderzimmer brannte der Dschungel. Die blauen Löwen brüllten, die lila Giraffen stürmten davon. Die Panther rannten im Kreis, änderten ihre Farbe, und zehn Millionen Tiere, die vor dem Feuer flohen, verschwanden in Richtung eines Flusses, der in der Ferne dampfte … Und zehn weitere Stimmen verstummten.
Im letzten Augenblick, bevor die Flammenlawine alles unter sich begrub, mischten sich noch andere Stimmen in den Chor, blind für das, was geschah, die die Uhrzeit ansagten, mit einen ferngesteuerten Rasenmäher den Rasen mähten, hastig einen Regenschirm bereitstellte und wieder einräumte, das Zuschlagen und Öffnen der Haustür – tausend Vorgänge, wie in einem Uhrengeschäft, in dem sämtliche Uhren nacheinander die volle Stunde schlagen, ein irrsinniges Durcheinander; singend und schreiend huschten ein paar letzte Putzmäuse herum, um die Asche zu beseitigen. Und eine Stimme, die nicht im Geringsten auf das Chaos achtete und im Lesezimmer laut Gedichte rezitierte, bis alle Filmrollen verbrannt, alle Leitungen verbogen und alle Schaltkreise zerstört waren.
Das Feuer ließ das Haus bersten und einstürzen, und blies Funken und Rauch in den Himmel.
In dem Augenblick, bevor die brennenden Balken alles unter sich begruben, konnte man den Herd sehen, der in wahnwitzigem Tempo Frühstücke zubereitete: zehn Dutzend Eier, sechs Laibe Toast, zwanzig Dutzend Speckstreifen, die das Feuer verzehrte, worauf der Herd zischend von neuem damit begann.
Der Einsturz. Der Dachboden, der Flur und Küche unter sich begrub, der Flur den Keller, der Keller den Unterkeller. Tiefkühlmahlzeiten, Sessel, Filmrollen, Leitungen, Betten - alles wie Knochen auf einem Schindanger angehäuft.
Dann Rauch und Stille. Sehr viel Rauch.
Im Osten zeigte sich schwach die erste Morgendämmerung. Zwischen den Ruinen war eine Wand stehengeblieben. Und aus der Wand sprach eine letzte Stimme, wieder und immer wieder, während die Sonne aufging und die rauchenden Trümmer beschien:
“Heute ist der 5. August 2026. Heute ist der 5. August 2026. Heute ist der…“
(Die Erstausgabe der "Marschroniken." Der Umschlagentwurf stammt von Arthur Lidov; es blieb sein einziger Auflug ins spekulative Genre.)
* * *
Von den 19 „wirklichen“ (also vollwertigen) Erzählungen, die Ray Bradburys berühmtestes Buch, die „Marschroniken,“ ausmachen - die kurzen, meist nur wenige Absätze umfassenden Überleitungspassagen, die eher an Prosagedichte erinnern, nicht mitgezählt - der am Donnerstag, den 4. Mai 1950, vom Verlag Doubleday an den amerikanischen Buchhandel ausgeliefert wurde, sind 8 zuerst in diesem Buch publiziert worden. Die übrigen 11 sind vom 1946 bis 1950 in verschiedenen Zeitschriften und eben auch den auf das Genre der SF spezialisierten „Pulp“-Magazinen abgedruckt worden, angefangen mit der letzten Erzählung des Zyklus, „The Million Year Picnic,“ erschienen in „Planet Stories“ im Sommer 1946. Zeitgleich mit dem Buch erschien zwei Tage nach dessen Publikation, am 6. Mai 1950, in „Collier’s Weekly“ „There Will Come Soft Rains“ als Vorabdruck – allerdings mit einer Reihe von Textvarianten und Streichungen.
(Bradbury im Jahr 1950. Das Photo stammt von der Rückseite der Erstausgabe der "Marschroniken.")
II
Ray Bradbury, “Es werden sachte Regen fallen“ (Collier’s Magazine, 6. Mai 1950)
Das Haus war ein gutes Haus; es war von den Leuten, die darin wohnen wollten, entworfen und gebaut worden, im Jahr 1980. Das Haus war ein Haus wie viele andere, die in diesem Jahr gebaut wurden: es ernährte und behauste und unterhielt seine Bewohner, and es sorgte dafür, daß sie ein gutes Leben hatten. Dem Mann und der Frau und ihren beiden Kindern fiel das Leben dort leicht, und sie waren glücklich, auch wenn die Welt in ihren Grundfesten erzitterte. In diesem Haus fanden sich alle guten Dinge des Lebens, die warmen Dinge, Musik und Dichtung, Bücher, die sich vorlasen, Betten, die sich aufwärmten und selbst zurecht machten, Kaminfeuer, die sich abends von allein entzündeten, und das Leben dort war ein einziges Behagen.
Und dann bebte eines Tages die Welt, es kam zu einer Explosion, der zehntausend weitere Explosionen folgten, rotes Feuer am Himmel und es regnete Asche und Radioaktivität, and die glückliche Zeit war vorbei.
Im Wohnzimmer sang die Stimme der Uhr: „Tick-tack, sieben Uhr, beeilt euch nur, sieben Uhr!“ – als ob sie Angst hätte, daß niemand auf sie hören würde. Das Haus lag leer da. Die Uhr sprach weiter, an den leeren Morgen gerichtet.
Der Küchenherd seufzte und warf aus seinem warmen Innern acht Spiegeleier aus, mit dem Eigelb nach oben gewendet, zwei Tassen Kaffee, and zwei Tassen heißen Kakao. Neun nach sieben, es ist soweit, Frühstückszeit, neun nach sieben. „Heute ist der 28. April 1985,“ verkündete eine Phonographenstimme von der Küchendecke. „Zur Erinnerung: heute hat Mr. Featherstone Geburtstag. Die Rechnungen für die Versicherung, Gas, Strom und Wasser sind fällig.“
Irgendwo in der Wand klickten Relais, liefen Bänder mit Erinnerungen unter elektrischen Augen durch. Aufgezeichnete Stimmen bewegten sich unter Stahlnadeln:
Acht Uhr eins, tick-tack, auf zur Schule, auf zur Arbeit, schnell, schnell, acht Uhr eins!
Aber es wurden keine Türen zugeschlagen, keine Gummisohlen hinterließen Abdrücke auf dem weichen Teppichboden. Draußen fiel Regen. Die Wetterbox an der Haustür sang leise: „Regen, Regen, geh doch fort, geh an einen anderen Ort… ach, ich bitt: nehmt Schirm und Regenmantel mit.“ Und der Regen schlug auf das Dach.
Um halb neun waren die Eier verschrumpelt und der Toast hart wie Stein. Ein Alumimiumkeil kratzte sie in den Ausguß, wo sie von heißem Wasser eine eiserne Kehle hinuntergespült wurde, die sie verdaute und auf den Weg zum weit entfernten Meer brachte.
Viertel nach neun, sang die Uhr. Zeit zum Saubermachen.
Aus ihren Gängen in den Wänden kamen winzige Robotermäuse gehuscht. In den Zimmern wimmelte es von kleinen Putztieren aus Plastik und Eisen. Sie saugten den verborgenen Staub auf, und verschwanden wieder in ihrem Bau.
Zehn Uhr. Die Sonne kam hinter den Regenwolken hervor. Das Haus stand einsam in einer Straße, in der von den anderen Häuser nur noch Trümmer und Asche geblieben waren. Nachts lag ein radioaktiver Schein über der verwüsteten Stadt, der meilenweit sichtbar war.
Viertel nach zehn. Die Rasensprenger erfüllten den sanften Morgen mit goldenen Fontänen. Das Wasser an der verkohlten Westseite des Hauses hinab, auf der die weiße Wandfarbe fortgebrannt worden war. Die ganze nach Westen gerichtete Seite des Hauses war schwarz verkohlt, außer an fünf Stellen. Hier sah man den Umriß eines Mannes aufgemalt, der den Rasen mähte. Dort eine Frau, die Blumen pflückte. Und daneben, ihre Abbilder in einem blitzartigen Augenblick ins Holz eingebrannt: ein kleiner Junge, die Hände hoch in die Luft gereckt, und noch höher das Bild eines Balls, und auf der anderen Seite ein Mädchen, das die Hände hob, um einen Ball zu fangen, der nie wieder fallen würde.
Die fünf Farbflecken – der Mann, die Frau, die Kinder, der Ball – waren übriggeblieben. Alles andere war nur noch eine schwarze Aschenschicht.
Der sanfte Regen aus den Sprinklern erfüllte den Garten mit einer Sturzflut aus Licht.
Wie sorgfältig hatte das Haus bis heute auf sich aufgepaßt! Wie vorsichtig hatte es gefragt: „Wer ist da?“ - und als es vom Regen und den einsamen Füchsen und maunzenden Katzen keine Antwort erhielt, hatte es seine Fenster geschlossen und die Jalousien heruntergelassen. Wenn ein Spatz zufällig an ein Fenster pickte, fuhr die Jalousie sofort herunter, und der Vogel flog erschreckt davon. Nein, kein schlechter Vogel durfte mit das Haus berühren!
Und drinnen war das Haus wie ein Altar mit neuntausend Robot-Tempeldienern, großen und kleinen, die es pflegten, die Arbeiten erledigten, im Chor sangen, obwohl die Götter verschwunden waren und ihr Dienst sinnlos war.
Auf der Veranda vor der Haustür winselte ein Hund.
Die Eingangstür erkannte ihn und öffnete sich. Der Hund lief hinein, bis auf die Knochen abgemagert und von Geschwüren übersät. Er hinterließ eine Schmutzspur auf dem Teppich. Hinter ihm surrten die Mäuse aufgebracht, verärgert, daß sie die Erde und die Ahornblätter beseitigen mußten, die in ihren Gängen durch Rohrleitungen in den Keller gespült wurden, wo ein Ofen wie ein böser Götze in einer Ecke hockte.
Der Hund lief die Treppe hinauf und jaulte vor jeder Tür. Er kratzte wild an der Küchentür.
Hinter der Tür bereitete der Herd gerade Pfannkuchen zu und füllte das ganze Haus mit ihrem Geruch.
Dem Hund trat Schaum vor das Maul, er begann zu rasen, drehte sich im Kreis, schnappte nach seinem Schwanz, und starb.
Eine Stunde lang lag er auf dem Boden des Wohnzimmers.
Ein Uhr.
Die Regimenter der Mäuse, deren empfindliche Sinne den Verfall spürten, summten aus den Wänden hervor, sanft wie Blätter im Wind. Ihre elektrischen Augen glühten.
Viertel nach eins.
Der Hund war verschwunden.
Der Ofen im Keller glühte plötzlich hell auf und eine Funkenwolke stob den Rauchfang hinauf.
Zwei Uhr fünfunddreißig.
Bridgetische sprossen aus der Wand der Veranda. Spielkarten flatterten wie ein Regen aus Papier auf die Spielunterlagen. Martinis erschienen auf einer Eichenholzbank.
Aber an den Tischen blieb es stumm, die Karten blieben unberührt.
Um vier Uhr falteten sich die Tische wieder in die Wand zurück.
Fünf Uhr. Die Badewannen füllten sich mit heißem Wasser. Ein Naßrasierer fiel gebrauchsfertig in eine Wandhalterung.
Sechs, Sieben, acht, neun Uhr.
Sechs, sieben, acht Uhr. Das Abendessen wurde serviert, blieb unbeachtet, wurde abgeräumt. Das Geschirr wurde gewaschen, und im Lesezimmer erschien auf dem Tabakständer eine Zigarre mit einem halben Zoll Asche an der Spitze, mit einem Rauchfaden. Das Kaminfeuer erblühte von selbst, wie aus dem Nichts.
Neun Uhr. Die Betten begannen sich vorzuwärmen, denn die Nacht war kühl.
In der Wand des Lesezimmers klickte es leise. Eine Stimme übertönte das Prasseln des Kamins:
„Mrs. McClellan, welches Gedicht würden Sie heute abend gerne hören?“
Im Haus blieb es still.
Schließlich sagte die Stimme: „Da Sie keine Auswahl getroffen haben, werde ich ein zufälliges Gedicht wählen.“ Leise Musik untermalte die Stimme. „Sara Teasdale. Ihre Lieblingsdichterin, wie ich mich erinnere…“
Leichter Regen wird fallen, aus dem Boden steigt Duft,
Und das Lied der Schwalben tönt hell in der Luft;
Und die Frösche singen im Teich in der Nacht,
Und Pflaumenbäume stehn weiß in der Blütenpracht;
Rotkehlchen zeigen ihr flammendes Gefieder,
Und lassen sich zwitschernd auf dem kleinen Zaun nieder;
Und niemand davon hat je vom Krieg gehört;
Ob er tobt oder aus ist – was niemanden stört;
Und für Baum oder Vogel wäre es keine Bürde,
Wenn die Menschheit einfach verschwinden würde;
Und der Frühling selbst, erwacht im frühesten Licht,
Bemerkte es kaum, gäb es unsereins nicht.
Die Stimme beendete ihre Rezitation. Vor den schweigenden Wänden standen die leeren Stühle einander gegenüber, und die Musik ertönte.
Um zehn Uhr brach die letzte Stunde des Hauses an.
Der Sturm toste. Der Ast eines umstürzenden Baums zerschlug das Küchenfenster. Eine Flasche mit Lösungsmittel zerbrach auf dem Herd.
“Feuer!” schrien Stimmen. Wasserpumpen sprühten Wasser aus den Decken. Aber das Lösungsmittel floß unter den Türen durch, legte Feuer in seinem Lauf, während die Stimmen zum Chor anschwollen.
Die Fenster barsten in der Hitze und der Wind fuhr hinein, um dem Feuer zu helfen. Die eilenden Wasserratten verspritzten ihr Wasser, ihre Kupferräder drehten sich rasend, holten neues Wasser.
Zu spät! Irgendwo kam eine Pumpe zum Stillstand. Die Deckensprinkler hörten regnen zu auf. Der Wasservorrat, der viele stille Tage lang die Badewannen gefüllt und das Geschirr gewaschen hatte, war aufgebraucht.
Das Feuer knisterte die Treppe hinauf, fraß die Gemälde, legte sich hungrig in die Betten. Es verschlang jedes Zimmer.
Das Haus erbebte bis in seine Eichenknochen. Sein entblößtes Skelett krümmte sich in der Hitze, all seine Leitungen waren bloßgelegt, als ob ihm ein Chirurg die Haut abgezogen hätte, um die roten Blutbahnen in der glühenden Luft zittern zu lassen. „Hilfe, Hilfe! Feuer! Lauft, lauft!“ schrien die Stimmen. Fenster sprangen auf und zu, wie Münder, die sich nicht für einen Zustand entschließen können. „Feuer – lauft!“ heulten die Stimmen wie einen tragischen Kindervers, und der einfältige Chor verstummte, als die Isolierung der Leitungen verschmorte. Zehn hohe, kreischende Stimmen erstarben, als ihre Notbatterien schmolzen.
* * *
In anderen Teilen des Hauses, im letzten Augenblick, bevor die Flammenlawine alles unter sich begrub, waren andere Stimmen vernehmbar, die die Zeit ansagten, das Wetter, die Termine für morgen, Mahlzeiten vorschlugen, die Musik spielten, im flammenden Lesezimmer Gedichte vortrugen, während die Türen auf- und zuschlugen und Schirme an den Ausgangtüren erschienen und sich wieder fortgeräumten – tausend Dinge, wie in einem Uhrengeschäft um Mitternacht, wenn alle Uhren schlagen, ein irrsinnig gewordenes Karussell, das quietschte, flüsterte, hastete – bis alle Filmspulen verbrannt waren, die Leitungsdrähte verdorrt und alle Stromkreise geborsten waren.
Im Moment vor dem letzten Zusammenbruch konnte man in der Küche den im Wahnsinn zischenden Herd sehen, der in rasender Eile Frühstücke zubereitete – zehn Dutzend Pfannkuchen, sechs Laiber Toastbrot.
Der Einsturz! Der Dachboden schmetterte die Küche herab in den Keller und den Unterkeller. Tiefkühlmahlzeiten, Sessel, Filmbänder, Betten – alles brach zu einem wirren Trümmerhaufen zusammen.
Rauch und Stille.
Im Osten zeigte sich schwach die erste Morgendämmerung. In den Ruinen war eine Wand allein stehengeblieben. Und aus der Wand sprach eine Stimme, wieder und immer wieder, während die Sonne aufging und die aufgehäuften Trümmer und den Rauch beschien:
“Heute ist der 29. April 1985. Heute ist der 29. August 1985. Heute ist…“
III
Jorge Luis Borges, Vorwort zu den „Marschroniken“ (1955)
Im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung verfaßte Lucian von Samosata eine „Wahre Geschichte,“ die, neben anderen Wundern, eine Beschreibung der Mondbewohner enthält, die (nach dem Bericht des wahren Berichterstatters) Metall und Glas spinnen und flechten können, sich die Augen herausnehmen und durch andere ersetzen können und Luftsaft oder dicht gepreßte Luft trinken. Zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts stellte sich Ludovico Ariosto einen Helden vor, der auf dem Mond all das entdeckt, was auf der Erde verlorengegangen ist: die Tränen und die Seufzer der Verliebten, die Zeit, die man beim Spiel verloren hat, die fruchtlosen Unternehmungen und die unerfüllten Wünsche. Im siebzehnten Jahrhundert schrieb Kepler einen ‚Somnium Astronomicum,‘ der vorgibt, die Abschrift eines im Traum gelesenen Buchs zu sein, dessen Seiten ausführlich das Erscheinungsbild und die Gewohnheiten der Mondschlangen enthüllen, die während der Hitze des Tages Zuflucht in tiefen Höhlen suchen und die erst bei Anbruch der Nacht wieder verlassen. Zwischen der ersten und der zweiten dieser imaginären Reisen liegen dreizehn Jahrhunderte, zwischen der zweiten und der dritten nur eines. Bei den ersten beiden handelt es sich, nichtsdestoweniger, um freie und launische Erfindungen; die dritte wird abgeschwächt durch ein Bemühen um Naturtreue. Der Grund dafür ist einleuchtend. Für Lukian und Ariost war eine Reise zum Mond ein Symbol oder ein Archetyp des Unmöglichen, so wie es für den ersten der beiden auch ein schwarzer Schwan war. Für Kepler war es etwas Mögliches – so wie sie es auch für uns ist. Hat nicht John Wilkins, der Erdenker einer Univeralsprache, in jenen Jahren seine „Entdeckung einer neuen Welt, oder: Ein Gespräch zum Beweis, daß es möglich ist, daß sich im Mond eine weitere bewohnbare Welt findet, mit einem Gespräch über die Wahrscheinlichkeit, dorthin zu gelangen“ veröffentlicht? In Aulus Gellius‘ Attischen Nächten lesen wir, daß Archytas der Pythagoräer eine hölzerne Taube verfertigt hat, die durch die Luft fliegen konnte; Wilkins sagte voraus, daß ein Fahrzeug, daß auf ähnliche Weise konstruiert oder von gleicher Gestalt wäre, uns eines Tages zum Mond bringen würde.
In der Antizipation einer möglichen oder wahrscheinlichen Zukunft nimmt der ‚Somnium Astronomicum,‘ wenn ich mich nicht täusche, die neue Erzählungsgattung vorweg, die die Nordamerikaner „Sciencefiction“ oder „Science-Fiction“ nennen (*), für die diese „Chroniken“ ein bemerkenswertes Beispiel sind. Ihr Thema sind die Eroberung und Besiedlung des Planeten Mars. Dieses Unternehmen der Menschen der Zukunft wirkt heute zeitgemäß, aber Ray Bradbury hat sich dafür entschieden (vielleicht, ohne es zu bewußt so anzulegen, und infolge der Natur seiner Inspiration), es in einem elegischen Ton zu schildern. Die Marsbewohner, die zu Anfang des Buches schreckenserregend sind, verdienen unser Mitleid, während sie vernichtet werden. Die Menschheit obsiegt, und der Autor freut sich nicht über diesen Triumph. Er berichtet mit Trauer und Enttäuschung von der Auswanderung der Menschheit auf den roten Planeten – den uns seine Prophetie als eine Wüste aus blauem Treibsand enthüllt, mit den Ruinen von Städten, die nach dem Muster eines Schachbretts angelegt sind, gelben Sonnenuntergängen und Booten, die über den Sand fahren können.
Andere Autoren nennen Jahreszahlen aus der Zukunft; aber wir schenken ihnen keinen Glauben, denn wir wissen, daß es sich um eine bloße Konvention handelt; Bradbury schreibt „2004“ – und wir spüren die Schwerkraft, die Erschöpfung, das drückende Gewicht der angesammelten Vergangenheit – das „dark backward and abysm of time,“ von dem Shakespeares Vers spricht. Wie es schon die Renaissance festgestellt hat, in den Worten von Giordano Bruno und Bacon, sind WIR die wahren antiken Menschen, nicht bei Menschen der Genesis oder bei Homer.
Was hat dieser Mann aus Illinois erschaffen – so frage ich mich, nachdem die ich Seiten seines Buchs zugeklappt habe – daß mich seine Berichte über die Eroberung eines anderen Planeten mit solchem Schrecken und dem Gefühl von Einsamkeit erfüllen?
Warum gehen mir diese Fantasien so nahe, und auf eine so eindringliche Weise? Alle Literatur (so wage ich eine Antwort) ist symbolisch, es gibt nur wenige grundlegende, entscheidende Erfahrungen, und es kommt nicht darauf an, ob ein Autor, der darüber berichtet, sich des „Fantastischen“ oder des „Wirklichen“ bedient, ob er Macbeth oder Raskolnikow schildert, die Invasion Belgiens im August 1914 oder die Invasion des Mars. Was spielt es für eine Rolle, daß es sich hier um einen Roman – oder genauer: den romanhaften Aspekt – der Science Fiction handelt? In diesem nach außen hin phantastisch daherkommenden Buch hat Bradbury die langen leeren Sonntage, die amerikanische Langeweile, und seine eigene Einsamkeit eingefangen, so wie es Sinclair Lewis in „Main Street“ getan hat.
Vielleicht ist „Die dritte Expedition“ die erschreckendste Erzählung in diesem Band. Sein Grauen (so vermute ich) ist metaphysisch; die ungewisse Natur der Gäste von Kapitän John Black legt uns auf beunruhigende Weise nahe, daß wir selbst nicht wissen, wer wir wirklich sind, und auch nicht, wie wir uns in den Augen Gottes ausnehmen. Ich möchte hier auch die Episode mit dem Titel „Der Marsianer“ erwähnen, der eine bewegende Abwandlung des Mythos von Proteus enthält.
Ungefähr um das Jahr 1909 herum las ich, im Zwielicht eines weitläufigen Hauses, das nicht mehr existiert, Wells‘ „Die ersten Menschen auf dem Mond.“ Dank dieser „Chroniken,“ die so ganz anders angelegt und ausgeführt sind, war es mir in den letzten Herbsttagen des Jahres 1954 vergönnt, diese freudigen Schrecken noch einmal zu erleben.
(*) „Sciencefiction“ ist ein Wortungetüm, in dem das Adjektiv ‚scientific‘ und das Substantiv ‚fiction‘ miteinander verschmolzen sind. Lustigerweise verfügt das Spanische über vergleichbare Bildungen: Marcelo de Mazo spricht von „Gringaro“-Kapellen (aus „Gringo“ und „Zingaro“/Zigeuner) und Paul Groussac von den „Japonecedades,“ den „Japanizitäten,“ die die Kunstkammer der Brüder Goncourt verstopfen.
Nachschrift von 1974: Ich habe, mit unerwarteter Begeisterung, die „Geschichten des Grotesken und Arabesken“ (1840) von Poe wiedergelesen, die als Ganzes den einzelnen Texten, aus denen das Buch besteht, weit überlegen sind. Was seine Phantasie angeht, ist Bradbury der wahre Erbe dieses Meisters, auch wenn sein Stil auf die vielen Ausrufe und das zuweilen Reißerische verzichtet. Bedauerlicherweise läßt sich das von Lovecraft nicht sagen.
Anmerkungen:
Bei dieser Ausgabe der „Crónicas marcianas,“ erschienen im Mai 1955 in bei den Ediciones Minotauro in Buenos Aires in der Übersetzung von Fracisco Abelanda, handelte es sich um die erste Übersetzung ins Spanische. Vorausgegangen waren Übertragungen ins Schwedische (1952), Französische und Portugiesische (beide 1954), 1956 folgte die Übersetzung ins Japanische (als 火星人記錄/Kaesijin kiroku, wobei 火星 den roten Planeten bezeichnet – die Kanji entsprechen dem chinesischen Namen „Feuerstern“ – und 記錄 ein Wasa-eigo darstellt, also der englischen Lautung „chronicle“ nachgebildet ist). Die erste deutsche Übersetzung erfolgte überraschend spät, nämlich 1972 in der Science-Fiction-Buchreihe des Marion von Schröder-Verlags. "Es werden kommen leise Regen" dagegen erschien bereits 1957 in der Übertragung von Walter Spiegl in der sechsten Nummer des von Walter Ernsting edierten Utopia Science Fiction Magazins im Pabel Verlag.
„…ein weitläufiges Haus, das nicht mehr existiert“: Gemeint ist Borges‘ Geburtshaus in der Calle Tucuman 840 im Norden von Buenos Aires.
Paul Groussac (1948-1929), Wahlargentinier mit französischem Migrationshintergrund und als Direktor der argentinischen Nationalbibliothek einer von Borges‘ Vorläufern in diesem Amt, kommt in seiner späten Essaysammlung „El viaje intelectual“ (1920) in der dritten seiner fünf „Vistas Parisienses,“ die Edmond de Goncourt gewidmet ist, auf die ihn störenden „Japonecedades,“ die wertlosen japanischen Nippes, zu sprechen.
Die Kinderzimmerszene, die in der Zeitschriftenversion der Erzählung weggelassen worden ist, nimmt die "virtuelle Realität" aus Bradbury Erzählung "The Veldt" aus "The Illustrated Man" vorweg - zuerst am am 23. September 1950 unter dem Titel "The World the Children Made" in der Saturday Evening Post veröffentlicht. Die ganzseitige illustration der S.E.P. stammt von Al Parker (1906-1985).
IV
Christopher Isherwood, aus einer Rezension der „Marschroniken“ (Tomorrow, Oktober 1950)
Es läßt sich leicht nachvollziehen, warum Science Fiction, und besonders solche, die sich mit dem Thema der Raumfahrt befaßt, gegenwärtig wieder so großer Beliebtheit erfreut. Angesichts der Vernichtung durch einen dritten Weltkrieg neigen wir dazu, aus dieser Zeit zu fliehen und von diesem bedrohten Planeten. Aber das ist noch nicht die ganze Erklärung. Denn während sich das spannungsreiche „realistische“ Erzählen in einer Krise befindet und ihre kreative Vorstellungskraft erschöpft scheint, werden die Erzählungen der Science-Fiction immer erstaunlicher und ideologisch gewagter. Statt der Geknurrs von Cowboys und den sexuellen Phantasien halbbetrunkener Privatdetektive bekommen wir Spekulationen über die Risiken interstellarer Kolonisation und die Zukunft der technokratischen Menschheit vorgesetzt. Die besten unter dieser neuen Generation von Science-Fiction-Autoren zeichnen sich durch Einfühlungskraft und Intelligenz aus. Sie machen sich keine Illusionen über die Segnungen einer Utopie, die wir den Maschinen verdanken. Sie fallen nicht angesichts technischer Spielereien vor Bewunderung auf die Knie. Ihre Sicht auf die Bewohner anderer Welten gleicht dem von Anthropologen, nicht von Eroberern. Sie verdanken Aldous Huxley mehr als Jules Verne oder H. G. Wells. Die Leserschaft, die sich ihnen zuwendet und von den Schnüfflern und Cowboy abwendet, wird jetzt erwachsen.
Das soll nicht heißen, daß wir es bei Ray Bradbury mit einem bloßen Science-Fiction-Autoren, selbst einem hervorragenden, zu tun haben. An seinem ersten Buch, „Dark Carnival,“ kann man sehen, daß seine Erzählungen auch vor einem vergleichsweise realistischen Hintergrund ebenso gut funktionieren. Wenn wir ihn schon auf diese Weise einordnen müssen, würde ich vorschlagen, in ihm einen Autor der Phantastik zu sehen, und seine Erzählungen als „Geschichten des Grotesken und Arabesken“ in dem Sinn, wie Poe diese Wendung gebraucht hat. Bei jeder Erörterung von Bradbury Werk fällt unweigerlich der Name Poe – nicht weil es sich bei Bradbury um einen Nachahmer handelt (obwohl er ohne Zweifel ein Schüler von ihm ist), sondern weil er es verdient hat, an diesem Meister dieses besonderen Genres gemessen zu werden.
Man kann sogar der Ansicht sein, daß es sich bei den „Marschroniken“ gar nicht um Science-Fiction im engeren Sinn handelt. Eine der festen Konventionen der Science Fiction lautet,, daß ihre Autoren alles versuchen, um uns davon zu überzeugen, daß ihre Erzählungen tatsächlich passieren KÖNNTEN. Das Außergewöhnliche muß sich aus dem Normalen ergeben. Die wissenschaftlichen „Erklärungen“ müssen überzeugend klingen. (Es gibt manche Science-Fiction-Autoren, deren Werke so voller abstruser technologischer Ausführungen sind, daß sie nur ausgesprochene Liebhaber ansprechen.) Bradbury gehört nicht dazu. Seine blendende, schamlose Phantasie verzichtet auf Rechtfertigungen, wenn sie wilde Sprünge vom Möglichen ins Reich des Unmöglichen vollführt, und hat sie auch nicht nötig. Sein Interesse an Maschinen scheint sich auf ihren symbolischen und ästhetischen Wert zu beschränken. Ich bezweifle, ob er ein Raumschiff lenken könnte, geschweige denn, eins zu konstruieren.
(…)
„Die Marschroniken“ sind episodisch aufgebaut – eine Sammlung von Kurzgeschichten, die durch kurze Passagen in Stil von Prosagedichten von wenigen Absätzen Länge miteinander verbunden sind. In dem beschränkten Raum, der mir zur Verfügung steht, habe ich nur die lebendige Phantasie, seine Entrüstung und den Humor , den Bradbury in seine Arbeit hat einfließen lassen, nur unzulänglich andeuten können. Zwei seiner besten Erzählungen habe ich noch nicht einmal erwähnt; ich möchte das hiermit nachholen. Die erste von ihnen handelt von Mr. Hathaway, einer der wenigen Siedler, die auf dem Mars bleiben, als der Krieg auf der Erde ausbricht. Als seine Frau und seine drei Kinder sterben, konstruiert er sich vier Roboter, die ihnen an Gestalt gleichen. Er lebt mit diesen vier Robotern, ist auf seine Weise glücklich mit ihnen und vergißt manchmal sogar, daß es sich nicht um Menschen handelt. Er wird alt. Sie ändern sich nicht. Dann landet eines Morgens ein Raumschiff auf dem Rückflug von einer zwanzig Jahren lange Reise zu Jupiter, Saturn und Neptun. Es handelt sich um dasselbe Schiff, auf dem Hathway während der vierten Marsexpedition gedient hat. Vor Aufregung erleidet Hathaway einen tödlichen Herzinfarkt. Als sein alter Freund, der Kapitän, der Roboterfrau die Nachricht davon überbringt, erklärt sie, daß Hathaway ihr und den Kindern nie beigebracht hat, wie man Trauer empfindet. „Er wollte nicht, daß wir das wissen. Er sagte immer, das wäre das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann: sich einsam zu fühlen, und traurig zu werden und zu weinen.“ Der Kapitän und seine Mannschaft starten zur Erde und überlassen die Roboter ihrem unheimlichen, nachgeahmten Leben. „…und in der Hütte bewegen sich vier Gestalten, eine Frau, zwei Töchter, ein Sohn, während der Wind heult und der Staub wirbelt und die kalten Sterne brennen und halten ein Kaminfeuer in Gang, ohne Grund, und reden und lachen.“ Und vielleicht werden sie das auch noch in zweihundert Jahren tun.
Die andere Geschichte spielt im kriegszerstörten Kalifornien des Jahrs 2026. Sie handelt von einem wunderbaren automatisierten Haus; ein Haus, das sich von selbst sauberhält, seine eigenen Mahlzeiten kocht, den Garten bewässert, seine Bewohner morgens weckt und ihnen abends vorliest. Aber die Bewohner leben nicht mehr dort. Alles, was von ihnen übriggeblieben ist, sind ihre Umrisse, die der Feuerball einer Atomexplosion in die Hauswand eingebrannt hat. Das Haus funktionert weiter, Stunde um Stunde, Tag für Tag. Die Erzählung beschreibt nichts weiter als seine automatischen Vorgänge, vom frühen Morgen bis zehn Uhr abends an einem Augusttag, als eine Windbö einen Ast das Küchenfenster zerschlagen läßt, eine Flasche mit Reinigungsmittel umstößt und ein Feuer verursacht. Das haus unternimmt schrecklich menschlich anmutende Versuche, sich zu retten, aber ohne Erfolg. „Im letzten Moment, bevor die Flammenlawine alles unter sich begrub, waren andere Chöre zu hören, die die Zeit ansagten, Musik spielten, mit einem ferngesteuerten Mäher den Rasen mähten oder in rasender Eile einen Schirm bereitstellten und das Öffnen und Zuschlagen der Haustür ... ein paar letzte Putzmäuse huschten herum, um die grässliche Asche zu beseitigen“ Und so stirbt unsere aus dem Gleichgewicht geratene, arbeitssparende, die Gedanken vernichtende mechanische Kultur ihren symbolischen Tod.
Auch wenn es so klingt, als ob dieses Buch bedrückend und trist ist - das ist es keinesfalls, trotz des furchtbar zeitgemäßen Themas, und trotz der Gewißheit, daß seine Voraussage sehr wohl eintreffen kann – nicht erst im Jahr 2005, sondern schon nächstes Jahr. Nur der zweiklassige Künstler zieht seine Leser herunter. In einem Werk wie diesem sorgt die schiere Energie und die Kraft einer wirklich einzigartigen Phantasie für Begeisterung, und das fast ungewollt.
* * *
Isherwood (1904-1986), der heute vor allem für seinen (leicht fiktionalisierten) Augenzeugenbericht aus der Endphase der Weimarer Republik, Goodbye to Berlin (1939) in Erinnerung geblieben ist (das Buch gab 1966 die Vorlage für das Musical „Cabaret“ und dessen Verfilmung von 1972 ab), war nach seiner Rückkehr aus China, wo er zusammen mit seinem Freund W. H. Auden Korrespondentenberichte über den Krieg der nationalchinesischen Armee gegen die Japaner berichtet hatte, im Januar 1939 zusammen mit Auden in die Vereinten Staaten emigriert. Die Monatszeitschrift „Tomorrow,“ 1941 gegründet, zeichnete sich, in unserem Kontext recht ungewöhnlich, hauptsächlich durch ein Interesse für Mystik, Parapsychologie und das, was man seit gut 30 Jahren auch im Deutschen als „New Age“ bezeichnet, aus, etwa durch Berichte über Gurus wie Gurdieff und Ouspenky.
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V
Ray Bradbury, „Wie ich mein Buch geschrieben habe“ (17. Oktober 1950)
1944 las ich Sinclair Lewis, Hemingway, Steinbeck, Willa Cather, Sherwood Anderson und John Dos Passos. Ich fragte mich, was passieren würde, wenn sich solche alltäglichen, aber interessanten Menschen auf dem Mars wiederfinden würden. Ich fragte mich beispielsweise, wie ein Protagonist bei Steinbeck, eine Frau aus einem Buch von Cather, ein hartgesottener Kerl von Hemingway reagieren würde, wenn sie sich unverhofft fünfzig Millionen Meilen von der Erde entfernt wiederfinden würden, die einsamsten Gestalten in der Geschichte der Menschheit, und vor der Aufgabe stehen würden, am Leben zu bleiben, ein Dach über dem Kopf zu finden und nicht die Hoffnung zu verlieren. Ich kam zu dem Schluß, daß sich der Versuch lohnen würde. Im Herbst 1944 machte ich mich an die Arbeit.
Zunächst entschied ich mich für gewisse Parallelen zwischen der Invasion des Mars und der Besiedlung des Wilden Westens zwischen 1840 und 1900. Von meinem Vater und Großvater hatte ich Geschichten über Abenteuer im Westen gehört, sogar bis ins Jahr 1908, als das Gebiet noch unerschlossen, unbesiedelt und einsam war. Mir war klar, daß mein Mars den neuen Horizont darstellen würde, den Steinbecks Billy Buck ins Auge gefaßt hat, als er am Uder des Pazifik stand und ihm klar wurde, daß der „Aufbruch nach Westen“ sein Ende gefunden hatte und jedem, dem der Sinn nach Abenteuern stand, nur noch die Wahl blieb, darauf zu verzichten.
Die Vorstellung, zu den anderen Planeten unseres Sonnensystems aufzubrechen, ist nicht nur unerhört, sondern auch ergibt sich von selbst und kennt kein Ende. Im Weltraum ist dem Menschen und seiner Vorstellung keine Grenze gesetzt. Dort draußen wartet nicht nur ein Westen, sondern eine Million, eine Million Orte, zu denen ein entschlossener Einzelner, ein Abenteurer, ja – und sogar der Dichter und Schreiber – aufbrechen kann auf der Suche nach Platz, um in der Einsamkeit und Stille seine Muskeln oder seine Phantasie spielen zu lassen. Der Mensch wird immer in Bewegung bleiben, immer von neuem aufbrechen, und der Weltraum wird ihm die Gelegenheit bieten, dem nachzukommen. Wenn ihm die Zivilisation zu dicht auf den Fersen bleibt. Kann er seine Habseligkeiten einfach verstauen und, wenn es ihm die Technik ermöglicht, zu einem anderen Planeten oder Stern aufbrechen.
Ich entschied mich, daß der Weltraum jedem etwas anderes bieten würde. Der Mars sollte ein Symbol einer himmlischen Zuflucht für alte Menschen darstellen, eine Goldgrube für die Jungen, ein Quell der Schönheit für die Philosophen, und den Abenteurern Abenteuer bieten. Für die Geistlichen sollte er neue Fragen zum Verhältnis von Gott und Mensch eröffnen. Für die Anthropologen wäre er ein Paradies, für die Minerologen eine Offenbarung, für die Psychologen würde er neue Einblicke in die Seele des Mencshen eröffnen, und Mr und Mrs. Smith aus Ashtabula könnten dort ihren Traumurlaub verbringen.
Ich entschied mich dafür, daß der Mars für die Menschen, die dorthin fliegen würden, keine Kristallkugel sein würde, in der sie ihre Zukunft lesen könnten. Ich entscheid mich, daß der Mars nicht mehr und nicht weniger als ein Spiegel sein würde in, dem jedermann überlebensgroß, sich selber wiederfinden würde, mit all seinen Wundern, seinen Schönheiten, seinen Ängsten, seinen dürftigen Sorgen, seiner ungezügelten Gier und seinem schlichten Glauben. Er würde dort nicht mehr und nicht weniger vorfinden alsd das, was er in seinem Taschen und in seinem Giest mitgebracht hätte. Deshalb würde der Mars für die meisten dieser Invasoren nur eine Enttäuschung darstellen, denn mir war klar, daß der Mensch, egal wie schnell er fliegen würde, zwar die Schallmauer durchbrechen, aber niemals seine falschen politischen Entscheidungen, seine Vergangenheit oder die Atombombe hinter sich lassen würde. Eine Flucht von der Erde, um der Verantwortung für die Zerstörung, die er angerichtet hatte, zu entgehen, würde die Menschheit nur noch tiefer in diese Schuld verstricken - und aus diesem Grund würden diese Probleme, auf die eine oder andere Weise, sie auf dem Mars erwarten, wie ungewollte Kinder.
Es gibt eine Auslegung der Theorie von Einstein, die besagt, soweit ich es verstanden habe (ich bin kein Wissenschaftler) daß der Raum gekrümmt ist. Manche Autoren in unserem Genre habe diese Vorstellung so weit getrieben, daß ein Raumfahrer, der zwanzig Milliarden Meilen in den Makrokosmos hinausfliegt, wieder vor seiner eigenen Haustür landet, im Mikrokosmos der Zellen der Sonnenblumen, die davor blühen. Al Jolson hat das vor vielen Jahren sehr schön im dem Lied „Back In Your Own back Yard“ formuliert:
Go to Mars, go to Venus,
But don’t expect anything but human problems
If you take humans with you.
Nachdem ich mir über die philosophischen Aspekte im Klaren geworden war, sobald ich mir klargemacht hatte, daß, daß der Flug in den Weltraum den Menschen im Licht der göttlichen Erkenntnis baden würde und er sich nicht aufführen würde wie Little Eva in „Onkel Toms Hütte,“ konnte ich mich daran machen, nach und nach, in kleinen Episoden, die Abschnitte der Erzählung zu entwerfen, aus denen fünf Jahre später die „Marschroniken“ entstehen würden.
Das erste, das klar wurde, war, daß ich sichergehen mußte, daß das Buch von einem einheitlichen und hohen Niveau geschrieben werden mußte. Ich erkannte, daß ich ihm Zeit lassen mußte, daß ich ihm Zeit lassen mußte, sich selbst zu fertig zu stellen, und daß ich dafür zwischen drei und fünf Jahre benötigen würde. Jede dieser Erzählungen, über verschiedene Menschen, die zum Mars flogen, mußte für sich stehen könnten, und als einzelne Geschichte wirken, damit ich sie an Magazine verkaufen und während dieser Zeit damit meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Auf der anderen Seite mußte jede Erzählung ein organischer Teil des Ganzen darstellen, so daß ich, wenn ich zum Abschluß der Arbeit die losen Enden aufnehmen und miteinander verknüpfen würde, das ohne Aufwand und Gezwungenheit erledigen konnte. Jede Erzählung wurde dann in fünf bis acht Entwürfen über einen Zeitraum von einem halben Jahr niedergeschrieben, danach nahm ich sie mir von neuem vor, las sie aus dem zeitlichen Abstand mit einem besseren Urteil und überarbeitete sie nochmals. Das wiederholte ich solange, bis ich nach zwei Jahren mit der Erzählung zufrieden war, und schickte sie los.
In der Zwischenzeit war ich jede neue Woche mit einer neuen Erzählung beschäftigt, die ihrerseits wieder für einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten beiseite gelegt wurde.
Lassen Sie mich an dieser Stelle erklären, daß ich glaube, daß ein Autor eine doppelte Verantwortung hat – für seine Arbeit, und für sich selbst. Ich bin davon überzeugt, daß eine Geschichte gut abhängen muß, und daß eine Autor Schutz vor der eigenen Langeweile braucht. Wenn man eine Woche lang über einer Erzählung geschwitzt und eine halbwegs brauchbare erste Fassung erstellt hat, dann ist es nur recht und billig, am nächsten Montag „zur Hölle damit!“ über das Werk der letzten Woche zu sagen. Es handelt sich schließlich nicht um ein Fließband bei Ford und es ist das einzige, was ein Autor, der sich den Kopf freihalten möchte, tun kann. Eine Erzählung, an der man tagelang gearbeitet hat, verschwindet bald hinter einem Schleier aus Befangenheit, Erschöpfung und Gelangweiltsein. Es empfiehlt sich, darüber zu schlafen und den Stoff sich selbst, im eigenen Unterbewußtsein, ein halbes Jahr lang reifen zu lassen. Der einzige Weg, um das zu schaffen, liegt darin, jeden Montag mit einer neuen Geschichte zu beginnen, oder sich eine vorzunehmen, die man ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hat.
Dieses System funktioniert nicht bei jedem Autor. Manche sind psychisch nicht in der Lage, eine Geschichte monatelang beiseite zu legen. Ihr Gewissen plagt sie, sie werden unruhig, nervös, und es hilft nichts: sie müssen sich durch vier weitere Fassungen quälen, ohne Verzögerung, bis die Arbeit erledigt ist. So weit, so gut.
Aber für einen Autor, der das Gefühl hat, daß er es nicht ertragen würde, am nächsten Morgen wieder an dieser Erzählung zu arbeiten, wirkt meine Methode wahre Wunder.
Natürlich dauert es gut ein Jahr, bis ein solches System in Gang kommt, bis man genügend Stoff auf Lager und abgelegt hat, das man wieder hervorholen und erfrischt ans Werk gehen kann.
Die Lösung besteht darin, in jungen Jahren damit anzufangen. Ich habe in dieser Hinsicht Glück gehabt, denn ich habe Entwürfe für Erzählungen aufbewahrt, seit ich siebzehn war, und verfüge jetzt über einen ungeheuren Vorrat an zweiten, dritten und vierten Entwürfen für Geschichten, die jetzt gut, schlecht oder durchschnittlich ausfallen, die sich aber irgendwann, eines Tages, in einigen Jahren hoffentlich zu guten Erzählungen mausern.
Das Wichtigste bei einem solchen System (wenn man es so nennen kann) ist der Freiraum, das es einem Autor gewährt. Es gibt einem die nötige Zeit, über die Geschichte nachzudenken und all die kleinen, charakteristischen Details einzufügen, die den Unterschied zwischen einer beliebigen Erzählung und einer „Geschichte von X“ ausmachen. Möglicherweise kommt Ihnen ein solches System mechanisch und zu erzwungen vor. Sie sollten aber bedenken, daß ich damit in der Lage war, über einen Zeitraum vor fünf Jahren im Durchschnitt nur drei Geschichten pro Jahr fertigzustellen. Sicher kein großer Ausstoß, aber ich konnte auf jede Erzählung genügend Zeit und Mühe verwenden. Mit derselben Methodik schaffte ich es, pro Jahr etwas vierzehn weitere Kurzgeschichten zu schreiben, die mir finanziell das Überleben sicherten – und diese Geschichten erhielten die gleiche Sorgfalt, die gleiche Zeit zum Schreiben, und sie waren nicht auf einen bestimmten Markt zugeschnitten.
An dieser Stelle muß ich noch einmal kurz abschweifen. Was das „Ausrichten auf einen bestimmten Markt“ angeht, glaube ich, daß es darauf ankommt, wie die Persönlichkeit eines Autors auf das Material, mit dem er sich beschäftigt, reagiert. Er sollte sich nicht nach der Art der Geschichten in dem Magazin, für das er arbeitet, richten oder nach einer bestimmten Formel. All sein Können sollten darauf gerichtet sein, sich nach seiner Haltung zu dem, was er schildert, zu richten. Sobald er sich nach dem Erwartungen eines Herausgebers richtet, ist er als Autor erledigt, ist es mit ihm aus und vorbei, noch bevor er eine Zeile geschrieben hat. Andere Autoren schreiben vielleicht über die Vorgaben der Redaktion, wie sie die Eroberung des Weltraums zu sehen haben, aber die Arbeiten, die die Zukunft unseres Metiers prägen werden, werden von Autoren geschrieben werden, die sich die Frage stellen: „Was denke ich, was fühle ich selbst dabei? Wovor würde ich, Smith, mich fürchten, was würde ich hoffen, wenn es mich heute Nacht auf den Mars verschlagen würde?“
An diese Formel habe ich mich penibel gehalten. Ich habe mich gefragt: was würde Ray Bradbury tun, wenn er sich umstandslos fünfzig Millionen von seinem sicheren, engen Alltagsleben entfernt widerfinden würde. Ich wußte, daß ich mich vor vielem fürchten würde: der Einsamkeit, der Zeit, sogar dem Leben selbst. Ich wußte, daß ich nicht nur Angst vor anderen Erdenmenschen haben würde, sondern auch vor den Marsbewohnern, denn die Marsianer wären den Indianern ähnlich – und ich konnte mich nur zu gut daran erinnern, was wir den Indianern angetan hatten. Es galt, beide Seiten zu berücksichtigen, die Verfrachtung der Religion auf den Mars, und die Rassenfrage, und die Sicht des Sozilogen, der alles über jedermann weiß und eine Gesellschaft nach der Vorgabe von Plänen und Konzepten steuern möchte. Ich wußte, daß ich der Wissenschaft mißtraute, den sogenannten Fortschritten unserer Zivilisation. Ich vermute, daß ich mir bewußt war, daß ich etwas altmodisch und romantisch eingestellt war, daß ich es lieber hätte, wenn sich die Menschheit mehr Zeit lassen würde, wenn sie in den Weltraum aufbrach, das Leben etwa leichter nehmen würde, es mehr genießen würde. Aber so, wie es auf der Erde zugeht, ist das eine reine Illusion. Die Menschen würden ihre Imbißbuden, ihre Fernsehsender und ihre Atombomben mitnehmen, und dieses Bestehen auf einem „weiter wie bisher“ würde ihm am Ende zum Verhängnis werden, und das ganze Unterfangen scheitern lassen.
Unterm Strich habe ich versucht, eine menschliche Geschichte zu erzählen, denn wenn Geschichten, die in der Zukunft spielen (ich weigere mich, sie Science Fiction zu nennen) nicht von der Reaktion von Menschen auf unmenschliche Umstände, das Ergebnis der Zusammentreffens einer sich rasant entwickelten Technik und einem langsamen Einzelnen handeln, dann lohnt es sich nicht, sie zu lesen oder zu schreiben.
Raymond Chandler, der Krimiautor, möchte den Kriminalroman wieder von Mann auf der Straße handeln lassen. Für mich war, ist und wird es immer meine Hoffnung sein, die Zukunftsliteratur wieder vom Jedermann zurückzugeben, anstatt sie auf eine bestimmte Gruppe, eine Clique oder eine spezielle Leserschaft zu beschränken, oder nun Wissenschaftler oder andere.
Und schließlich ist S-F das einzige Gebiet, das heute Autoren, denen es um Ideen oder Vorstellungen geht, noch offensteht. In unseren Geschichten können wir über Dinge wie Materialismus, Kommerzialismus, das Fernsehen, den Faschismus nachdenken – solange das Ergebnis den Leser unterhält. Darauf kommt es an: man kann keine Gardinenpredigten schreiben; die Geschichten müssen mit ihren Figuren leben, und sie begleiten, es bleibt keine Zeit, stehenzubleiben und einen Vortrag zu halten. Die Geschichte muß erzählen, was sie erzählen soll, unterhalten, ablenken und das Saatkorn hinterlassen, der Kern des Gedankens, der später keimen und aufgehen soll. Wenn Sie die Sorge umtreibt, daß die Zeit der Fußgänger zu Ende geht, dann können sie das in einer Geschichte schildern, die in der Zukunft spielt. Wenn Sie sich fragen, ob die Technik gut oder schlecht für die Menschheit ist, könnten Sie das hier erörtern. Solange ihre Imagination Ihrer Indignation gleichkommt, wie es Christopher Isherwood formuliert hat, sind Sie auf Nummer Sicher. Wenn Ihre Vorstellungkraft versagt und Sie nur ihre Verstimmung schildern können, dann sind Sie nichts als ein Agitator auf dem Marktplatz bei Sonnenuntergang, der Wänden predigt, und das zurecht.,
Und vor allem kann man sich heute auf diesem Gebiet betätigen, ohne als Kommunist verschrien zu werden. Das ist die letzte Zuflucht für Menschen, die für sich selbst denken möchten, zu einer Zeit, in der Selberdenken zu vielen Vertretern des McCarthyismus als links und verdächtig erscheint. Mich hat noch niemand einen Kommunisten genannt, obwohl ich Erzählungen geschrieben habe, die sich gegen Bücherverbrennungen, übertrieben Mechanisierung, die Polizei, die Gedankenkontrolle und Faschismus an der Macht wenden. Ich vermute, daß mich niemand als Kommunist bezeichnet hat, weil ich meine Geschichten in der Zukunft angesiedelt habe.
Ich bin daher als spinnerter Tagträumer vor der Verdächtigung sicher. Schließlich phantasiert er ja von der Welt in fünfzig Jahren – wir können also nicht damit gemeint sein. Aber sie sind es natürlich. Uns meine ich damit, Sie meine ich damit, und den Mann neben Ihnen und den hinter Ihnen. Die Zukunft wird voller McCarthys und Hitlers und Stalins und Francos in allen möglichen Einfärbungen sein. Ich möchte sie gerne in einem kleinen Kunststoffwürfel einfangen, den man in die Hand nehmen und von allen Seiten betrachten kann. Das sollte die Aufgabe einer Erzählung sein. Ich möchte all die kleinen Giftmischer und Mörder am Kragen packen, damit jeder sie sehen kann. Ich möchte nicht, daß Interessengruppen meine Arbeit zensieren oder mir vorschreiben, was ich tun, denken, fühlen oder träumen soll. Egal ob es sich um den Tierschutzverein oder die Töchter der Amerikanischen Revolution oder die Interessensvertretung der amerikanischen Hausfrauen handelt.
Als Autor respektiere ich das gedruckte Wort, als Mensch verlange ich, in Ruhe gelassen zu werden und möchte andere in Ruhe lassen oder wünsche mir, daß sie andere in Ruhe lassen. Ich möchte keine Bücherverbrennungen in diesem Land sehen, keine schwarzen Listen oder öffentliche Verleumdungen oder Vetternwirtschaft. Und eine der wenigen Möglichkeit, die mir dafür zur Verfügung stehen, ist, über die Zukunft zu schreiben, die Menschen von heute und ihre Probleme zu nehmen und sie eine Nummer größer zu schildern.
Sollte ich jemals in meinen Geschichten zuviel predigen, dann verdiene ich es, davongejagt zu werden; dann soll jemand anderes meinen Platz einnehmen, jemand, der eine Geschichte erzählen kann, der die gut erzählt und unterhalten kann. Zukunftsliteratur ist in erster und letzter Linie, stets und überall, Unterhaltung. Wenn die die Leser zum Denken anregt, umso besser.
Ich glaube, daß die realistischen Roman von heute so schäbig sind, weil sie so unrealistisch sind. Statt die ganze Wirklichkeit zu zeigen, schildern sie nichts als nur ein armseliges Skelett, ein halbe Wange mit Bartstoppeln, ein Ohr mit Schmalz, einen Hängebusen, ein trübes Auge. Ich glaube, daß der Fehler des realistischen Romans von heute darin liegt, daß ihre Verfasser die Charaktere, von denen sie handeln, nicht kennen. Denn wenn sie sie kennen würden, dann würden sie Verständnis für sie entwickeln, und sie infolgedessen sie in allen Facetten so schildern, daß sie sympathisch erscheinen und Mitleid erregen würden, statt nur abscheulich und vulgär zu wirken. Wenn man schon sadistische Wüstlinge und stammelnde Wracks schildert, muß man sie in allen ihren Aspekten zeigen. Am Ende muß die Reaktion des Lesers sein: „Es verdanke es nur einem glücklichen Schicksal, daß es mir nicht so ergangen ist!“ anstatt „wie abscheulich!“ Das verkrümmte Wrack, das sich um Mitternacht in einem dunklen Eingang mit einer Sicherheitsnadel Heroin in die Venen drückt, ist kein Thema für eine Shakespearesche Tragödie, aber, in allem, was ihn ausmacht, gesehen, könnte er für die Stufen seines Lebenswegs stehen, die, vielleicht vom Augenblick seiner Geburt an, nur ins Verderben geführt haben.
Der Fehler der realistischen Romanautoren besteht im Fehlen oder im Übersehen der Würde, die einen Menschen einmal ausgezeichnet hat, als Kontrast zu seinem späteren Verfall. Und es ist diese Lücke, die dazu führt, daß sich die meisten Leser schaudernd vom Realismus abwenden. Um einen echten, gültigen Wert zu erreichen, muß eine Studie des Verfalls vor dem alten Hintergrund der Sauberkeit, der Hingabe, dem Stolz und des moralischen Muts geschildert werden, so daß die Tragik aus dem Verlust dieser Werte erwächst und daraus, welches Maß davon, ganz gleich wie gering, jeder Mensch davon in sich bewahrt hat.
R.B., den 17. Oktober 1950
* * *
Bradburys Entwurf ist nicht zeitnah zum ersten Erscheinen des „Martian Chronicles“ publiziert worden; erst 2006 ist „How I Wrote My Book“ in einer bibliophilen Liebhaberausgabe in 50 Exemplaren bei Hill House Books gedruckt worden. Eine etwas „größere“ Publikation erfolgte 2009 in der bei Subterranean Press (USA) und PS Publishing erfolgten „complete edition“ der „Martian Chronicles“ mit einer Auflage von 526 Exemplaren (zu einem Preis von $300), die auf ihren 745 Seiten auch zahlreiche bisher nicht publizierte Entwürfe zum diesem Themakreis enthält, so auch die beiden Drehbuchfassungen, die Bradbury 1963 und 1997 angefertigt hat.
Die von Bradbury zitierten Zeilen finden sich allerdings nicht in Al Jolsons Schlager „Back (sic!) In Your Own Backyard“ aus dem Jahr 1928. Dort heißt es:
Oh you can go to the East go to the West,
But someday you'll come weary at heart back where you started from,
You'll find your happiness lies, right under your eyes,
Back In Your Own Backyard.
* * *
VI
Ray Bradbury – „Der lange Weg zum Mars“ (1990)
Wie bin ich von Waukegan, Illinois, zum Roten Planeten, Mars, gelangt?
Diese Frage könnte Ihnen vielleicht zwei Männer beantworten.
Ihre Namen finden sich auf der Widmungsseite in der Jubiläumsausgabe zum vierzigsten Jahrestag des Erscheinens der „Marschroniken.“
Denn es war mein Freund Norman Corwin, der mir als erster zugehört hat, als ich meine Marsgeschichten erzählt habe, und mein zukünftiger Lektor Walter I. Bradbury (kein Verwandter von mir), der erkannt hat, was ich vorhatte, obwohl ich es selbst noch gar nicht wußte, und der mich dazu überredete, einen Roman zu beenden, von dem ich gar nicht wußte, daß ich ihn geschrieben hatte.
Mein Weg bis zu jener Nacht im Frühjahr 1949, als mich Walter Bradbury mit mir selbst überraschte, war ein Pfad voller ungeplanter „was wäre, wenn…?“
Was, wenn ich nie Norman Corwins Hörspiele gehört und mich in sie verliebt hätte, als ich neunzehn war?
Was, wenn ich meinen ersten Erzählungsband nicht Corwin geschickt hätte, der daraufhin mein lebenslanger Freund wurde?
Und was, wenn ich nicht auf seinen Rat hin im Juni 1949 nach New York gefahren wäre?
Dann hätte es, ganz einfach, die „Marschroniken“ wahrscheinlich nie gegeben.
Aber Norman bekniete mich wieder und wieder, daß ich persönlich bei den Verlagen in Manhattan vorstellig werden sollte, und daß er und seine Frau dort sein und auf mich aufpassen und mir die Stadt zeigen würden. Auf seine Überredung hin machte ich mich auf den Weg durchs Land, vier lange Tage und Nächte in einem Greyhoundbus, in denen ich vor mich hin gärte, mit einer schwangeren Frau, die ich mit 40 Dollar auf dem Konto in Los Angeles zurückließ und der Jugendherberge des Christlichen Vereins Junger Männer (5 Dollar die Woche), die in der 45. Straße auf mich wartete.
Die Corwins, die zu ihrem Wort standen, führten mich durch die Stadt und stellten mich einer Reihe von Verlagslektoren vor, die fragten: „Haben Sie einen Roman dabei?“ Ich mußte zugeben, daß ich nur ein Kurzstreckenläufer war und nur fünfzig Kurzgeschichten mitgebracht hatte und eine alte, ramponierte Reiseschreibmaschine. Konnten sie vielleicht ein halbes hundert brilliante, vor Phantasie sprühende Kurzgeschichten brauchen?
Konnten sie nicht.
Was mich zu meinem letzten und wichtigsten „was wäre, wenn?“ bringt.
Was wäre, wenn ich nie mit dem letzten Lektor, den ich dort kennenlernte, Walter I. Bradbury von Doubleday, essen gegangen wäre, der mir die leidige alte Frage stellte – „Haben Sie nicht irgendwo einen Roman…?“ – nur um mir zuzuhören, als ich meinen täglichen Vierminutensprint schilderte, bei dem ich morgens auf eine Mine von einem Einfall trat, alle Bruchstücke einsammelte, und nach dem Abkühlen nach dem Mittagessen zusammenleimte.
Walter Bradbury schüttelte nur den Kopf, leerte seinen Teller, dachte nach und sagte dann:
„Ich glaube, Sie haben schon einen Roman geschrieben.“
„Was?“ sagte ich. „Und wann denn?“
„Was ist mit all diesen Geschichten über den Mars, die Sie in den letzten vier Jahren veröffentlich haben?“ gab Brad zur Antwort. „Gibt es da nicht so etwas wie einen geheimen roten Faden, der sich hindurchzieht? Könnte man die nicht aneinandersetzen, so ähnlich wie einen Flickenteppich, zu so etwas Ähnlichem wie einen Roman?“
„Mein Gott!“ sagte ich.
„Ja?“
„Mein Gott,“ sagte ich. „Als ich angefangen habe, 1944, so ich so beeindruckt von Sherodd Andersons Winesburg, Ohio, daß ich mir gesagt habe, ich sollte versuchen, etwas zu schreiben, das halb so gut ausfallen würde, und es auf dem Mars spielen lassen. Ich habe sogar einen kurzen Entwurf von Figuren du Ereignissen auf dem Roten Planeten aufgeschrieben, aber den habe ich nach kurzer Zeit verloren.“
„Sieht so aus, als ob wir ihn wiedergefunden hätten,“ sagte Brad.
„Haben wir das?“
„Haben wir,“ sagte Brad. „Und jetzt gehen Sie bitte zum YMCA und tippen mir einen kurzen Entwurf für diese zwei oder drei Dutzend Kurzgeschichten über den Mars. Bringen Sie mir den morgen vorbei. Wenn er mir gefällt, bekommen Sie einen Vertrag und einen Vorschuß.“
Don Congdon, mein bester Freund und Agent, der auf der anderen Seite des Tisches saß, nickte.
„Ich bin morgen um Mittag bei Ihnen im Büro!“ sagte ich zu Brad.
Zur Feier des Tages bestellte ich einen zweiten Gang. Brad und Don bestellten sich jeder ein Bier.
Es war eine typische heiße Juninacht in New York. Klimaanalgen waren noch ein zukünftiger Luxus. Ich tippte bis drei Uhr auf meiner Maschine, schwitzte in meiner Unterwäsche, als ich meine Marsianer in ihren seltsamen Städten in den letzten Stunden in den Stunden vor dem Eintreffen der Astronauten abwägte und austarierte.
Zur Mittagstunde lieferte ich meinen Entwurf bei Walter I. Bradbury ab, erschöpft, aber hochgestimmt.
“Sie haben’s geschafft!” sagte er. „Morgen erhalten Sie einen Verlagsvertag und einen Vorschuß.“
Ich muß eine Menge Krach geschlagen haben. Als ich mich wieder abgeregt hatte, fragte ich ihn nach meinen anderen Erzählungen.
“Das wir jetzt Ihren ersten ‚Roman‘ bringen,“ sagte Brad, „können wir auch das Risko mit Ihren Geschichten eingehen. Allerdings verkaufen sich solche Sammlungen nicht gut. Fällt Ihnen ein Titel ein, in denen man zwei Dutzend Erzählungen verpacken könnte, in dem sie dann wie in einer Haut stecken -?“
„Haut?“ sagte ich. „Wieso nicht Der illustrierte Mann, meine Geschichte über einen Ausrufer im Zirkus, mit Tätowierungen, die sein Schweiß zum Leben erweckt, und die ihre zukünftigen Geschichten auf seiner Brust und seinen Armen und Beinen aufführen?“
„Sieht so aus, als ob ich zwei Schecks als Vorschuß ausstellen muß,“ sagte Walter I. Bradbury.
Drei Tage später verließ ich New York mit zwei Verträgen und zwei Schecks über insgesamt 1500 Dollar in der Tasche. Genug Geld, um unsere Monatsmiete von 30 Dollar ein Jahr lang zu bezahlen, die Kosten für unser Kind zu tragen, und als Teilanzahlung für den Kauf eines kleinen Reihenhauses in Venice, Kalifornien. Als unsere Tochter im Herbst 1949 geboren wurde, hatte ich alle meine verlorenen und jetzt wieder gefundenen Marsobjekte neu zugeschnitten und zusammengesetzt. Es stellte sich heraus, daß es kein Buch über eine Reihe von exzentrischen Charakteren wie in Winesburg, Ohio, wurde, sondern eine Reihe von sonderbaren Einfällen, Ideen, Phantasien und Träumen, die mich beim Einschlafen und Erwachen begleitet hatten, seit ich zwölf war.
Die “Marschroniken” erschienen im folgenden Jahr, im späten Frühjahr 1950.
Als ich in diesem Frühjahr auf Reisen ging, war mir noch nicht klar, was ich geschafft hatte.
Während ich in Chicago auf einen Anschlußzug wartete, ging ich zum Art Institute, um mit einem Freund zu Mittag zu essen. Oben auf der Treppe, die zum Eingang des Instituts hinaufführt, sah ich eine Menschenmenge, die ich für Touristen hielt. Aber als ich hinaufging, kamen sie zu mir herunter und schwärmten um mich herum. Es handelte sich nicht um Kunstfreunde, sondern um Leser, die Vorzugsexemplare der „Marschroniken“ ergattert hatten und die sich versammelt hatten, um mir zu erklären, was mir da, ganz ohne es zu wissen, gelungen war. Das Treffen an diesem Mitag hat mein Leben für immer verändert. Seitdem ist nichts mehr so, wie es vorher war.
Die Liste der „was wäre, wenn…“-Spekulationen ließe sich endlos fortsetzen. Was, wenn ich nie Maggie kennengelernt hätte, die ein Armutsgelübde ablegte, um mich zu heiraten? Was, wenn mir Don Congdon nie geschrieben und mich gefragt hätte, o er mein Agent werden könnte – der er dann dreiundvierzig Jahre lang blieb – in derselben Woche, als ich Marguerite heiratete?
Und was, wenn ich mich nicht zufällig kurz nach dem Erscheinen der „Marschroniken“ in der kleinen Buchhandlung in Santa Monica aufgehalten hätte, als Christopher Isherwood vorbeikam?
Ich signierte schnell ein Exemplar meines Romans und drückte es ihm in die Hand.
Mit einem Ausdruck des Erschreckens und des Bedauerns nahm er es an und suchte das Weite.
Drei Tage später rief er mich an.
„Wissen Sie, was Sie angerichtet haben?“ fragte er.
„Was denn?“ fragte ich.
„Sie haben ein gutes Buch geschrieben,“ sagte er. „Ich habe gerade eine Anstellung erhalten, als oberster Rezensent für die Zeitschrift ‚Tomorrow,‘ und ich werde Ihr Buch als erstes besprechen.“
Ein paar Monate darauf rief mich Isherwood an, um mir mitzuteilen, daß der berühmte englische Philosoph Greald Heard mich gerne kennenlernen würde.
„Das geht nicht!“ protestierte ich.
„Warum nicht?“
„Weil wir,“ erklärte ich ihm, „noch gar keine Möbel für unsere Wohnung angeschafft haben!“
“Gerald Heard wird auf Ihrem Fußboden sitzen,“ sagte Isherwood.
Heard traf ein und nahm auf unserem einzigen Stuhl Platz.
Isherwood, Heard und ich hockten auf dem Fußboden.
Ein paar Wochen später luden mich Heard und Aldous Huxley zum Tee ein. Beide beugten sich zu mir herüber und beide fragten:
„Wissen Sie, was Sie sind?“
„Was denn?“
„Ein Dichter.“
„Mein Gott!“ sagte ich. „Bin ich das wirklich?“
Und so endet diese Geschichte, wie sie begonnen hat, mit einem Freund, der mich verabschiedet und einem anderen, der mich nach der Reise begrüßt. Was wäre geschehen, wenn Norman Corwin mich nicht losgeschickt oder Walter I. Bradbury mich nicht in Empfang genommen hätte? Der Mars hätte nie eine Atmosphäre erhalten, and seine Bewohner wären nie geboren worden, um goldene Masken zu tragen, und seine Städte wären nie gebaut worden, für immer verloren in den Hügeln, die nie einen Steinbruch gekannt hätten. Das verdanken sie jener Reise nach Manhattan, die sich als eine vierzigjährige Rundreise zu einer anderen Welt entpuppte.
* * *
„The Long Way to Mars” wurde als Nachwort für die Jubiläumsausgabe geschrieben, die im November 1990 bei Bantam Spectra erschienen ist und wurde im gleichen Jahr auch in die Essaysammlung „Zen in the Art of Writing“ (Capra Press) aufgenommen.
(Titelbild der Ausgabe von 1990 von Michael Whelan)
* * *
VII
Bradburys Kurzgeschichte ist (zumindest was den englischen Sprachbereich anbetrifft) zwei Mal in Bildgeschichten umgesetzt worden. Die erste Comicfassung hat Wallace Wood (1927-1981) gezeichnet, der in seiner frühen Karriere als Comiczeichner mit EC Comics verbunden war, deren Reihen „Haunt of Horror“ und „Crypt of Fear“ Anfang der fünfziger Jahre aufgrund ihrer drastischen Gewaltdarstellungen für ziemlichen Unmut sorgten und zur Einführung des Comics Code von 1954 führten (das „E.“ stand zu Anfang für „educational,“ wurde dann aber nach der Verlagsübernahme des Gründers Max Gaines durch seinen Sohn William in „Entertaining“ abgeändert). Die Ablegerreihe „Weird Fantasy“ traf dieser Bannstrahl allerdings nicht, zum einen, weil die Darstellungen hier erheblich „zahmer“ ausfielen, zum anderen, weil die Reihe im November 1953 mit der Nummer 22 eingestellt wurde. Über diese Fassung schreibt Robert M. Stewart (1937-2014), der als Autor stets als „Bhob Stewart“ firmierte und 1953 das erste Fanmagazin über die Comics von EC herausgegeben hat:
Bhob Stewart, “The Life and Legend of Wallace Wood” (Fantagraphic Books, 2017):
Al Feldstein und Wallace Woods siebenseitige Adaptation „There Will Come Soft Rains“ (Weird Fantasy, Nr. 17, Januar-Februar 1953) weckt bei mir viele Erinnerungen, die nichts mit den EC Comics zu tun haben.
Sie beruhte auf einer klassischen Kurzgeschichte von Ray Bradbury, die ich zuerst als „Eine-Seite-Erzählung“ im Collier’s Magazine gelesen hatte. Ich erinnere mich, daß mir dabei auffiel, daß die Herausgeber den Titel so weit verkleinern mußten, daß er fast verschwand, damit er auf eine Seite paßte, und der Text der Erzählung wahrscheinlich in einer Type gesetzt worden war, die kleiner als die übliche Schriftgröße war. Es war eine unvergeßliche, wunderbar melancholische Betrachtung über die Wirkung der Atombombe und den Kalten Krieg.
Während der kurzen Zeit, als ich mit Arbeiten für den Rundfunk liebäugelte, schrieb ich selber eine Hörspielfassung dieser Erzählung. Ich wußte damals nicht, daß Ray Bradbury selbst als junger Mann für kurze Zeit Radiotexte geschrieben hatte, und die Geschichten, die ich in den Pulpmagazinen fand, sich deshalb gut für eine Umsetzung als Hörspiel eigneten.
Eine andere Tatsache, die ich erst viele Jahre später entdeckte, war, daß Wood - einer der Starzeichner von EC Comics - mit Jules Feiffer und Will Eisner zwischen August und Oktober 1952 an einem Skript gearbeitet hatte, in dem sie vorhatten, Eisners Figur des Sprit, der sonst Verbrecher jagte, auf einen Flug zum Mond zu schicken.
Wallace Wood wäre dafür zu dieser Zeit der beste Zeichner gewesen, denn wie er selbst von sich im letzten Bild von „My World“ in der letzten Ausgabe von „Weird Science“ sagte (gemäß der Dialog-Fassung von Al Feldstein: „Denn meine Welt ist die Science-Fiction … erdacht in meinem Hirn und mit Bleistift und Tusche und Pinsel und Schweiß und viel Liebe zu meiner Welt zu Papier gebracht. Denn ich bin ein Science-Fiction-Künstler. Mein Name ist Wood.“
Um Ray Bradburys Erzählung auf sieben Comicseiten unterbringen zu können, mußte die Geschichte gerafft werden – und zu den ersten gestrichenen Dingen zählte des zwölf Zeilen umfassende Gedicht, das „das Haus“ kurz vor dem Schlafengehen rezitiert, „There Will Be Soft Rains“ von Sara Teasdale. In dem Gedicht geht es darum, daß die Natur noch lange bestehe wird, nach dem die Menschheit verschwunden ist. Teasdale hat es 1920 veröffentlicht, kurz nach dem Ende des ersten Weltkriegs, und Bradbury hat es kurz nach den Zweiten Weltkrieg zitiert.
Wallace Woods Splash Panel eröffnet die Geschichte mit dem „einzigen stehengebliebenen Haus“ in einer „zerstörten Stadt,“ von der ein „einen radioaktiven Schimmer“ ausgeht. Eine der Wände ist völlig geschwärzt, mit Ausnahme von vier weißen Umrissen – den „Schatten“ einer Familie, die augenscheinlich durch eine Atomexplosion verbrannt worden ist.
Das Haus – das an Frank Lloyd Wrights „Fallingwater“ erinnert – ist im Hintergrund zur Rechten dargestellt, mit einem kreisrunden freitragenden Obergeschoß, das über das Mobiliar reicht. Durch ein Fenster erkennt man Bilder an der Wand, mit Trümmern, einem gespaltenen Baum und einem Schädel, der davor liegt. In der vernebelten Entfernung sieht man aufquellende Wolken und Trümmer, mit einem weißen Fleckchen, der die Sonne darstellen könnte, die den Nebel durchdringt.
Der größte Teil der übrigen Geschichte besteht aus Innenräumen, eingerichtet in einem Stil, der in den frühen fünfziger Jahren „futuristisch“ wirkte – und zeigen die fröhlichen Ankündigungen für die Routineaufgaben des Hauses und ihre nicht mehr vorhandenen Bewohner. Alles ist sorgfältig ausgeführt: auf einem Seitentischchen im Wohnzimmer liegen Bücher; der Frühstück wird auf einem gekrümmten Förderband aus einer Maschine serviert, und überall sind Regale, Schränke und kreisrunde Lautsprecher zu erkennen.
Das zweite Panel auf Seite 2 zeigt das Haus in Schwarzweiß aus der Ferne, im Vordergrund, durch hellblau überdeckt, sind Trümmerhaufen und ein Schädel zu sehen. Über dem Haus bauschen sich weißte Wolken mit dunkler Unterseite, mit einem noch dunkleren Himmel dahinter, und Regen, der durch eine weiße Schraffur angedeutet wird. Die grauen Unterseiten werden durch zwei unterschiedlich dichte Punktierungen erzeugt, während die Wolken selbst rein weißes Zeichenpapier sind, während ihre angeschwollenen Umrisse wie feste Massen in Zeichentusche ausgeführt sind.
Das Auto in Panel 4 ist im „futuristischen“ Stil der fünfziger Jahre gehalten, mit auskragenden Kotflügeln, aerodynamischen Ansaugstutzen und einem Kühlergrill mit enormen Rippenflossen. Es wirkt wie eine Traumversion eines Cadillac oder Buick.
Die drei untersten Panels zeigen „winzige roboterähnliche Mäuse,“ die Putzen und Staub fegen, während draußen automatische Rasensprenger neben einem Fenster sprühen, hinter dem ein weiteres leeres Zimmer zu sehen ist.
Seite 3 ist dem einzigen Lebewesen gewidmet, das in der Geschichte vorkommt: ein schmutziger, verhungernder Hund, der an der Tür kratzt, jault und stirbt, und dann von den Robotermäusen beseitigt wird.
Das erste Panel auf Seite 4 zeigt eine weitere Totale – mit Trümmern im Vordergrund - des in weiß gehaltenen Hauses, während der graue Rauch aus der Müllverbrennungsanlage in den neutral gehaltenen Himmel steigt. Details des Trümmerhaufens (einschließlich eines Paars Schnürsenkel) sind in dunkelblauer Schraffur gehalten, der Trümmerhaufen selbst in blaurot, der Himmel als hell gepunktetes Blau und der Rauch wiederum in Violett. Die Farbgebung erzeugt Perspektive, während das in schwarzweiß gehaltene Haus (diesmal von der Rückseite aus gesehen), durch die Abwesenheit aller Farbe hervorgehoben wird.
Der Rest der Seite zeigt den Tagesablauf im Haus: Bridgetische tauchen und verschwinden wieder; die Wände des Kinderzimmers leuchten mit exotisch gefärbten Giraffen, Panthern und einem Elefanten, Wasser wird in eine Badewanne gelassen, von einer angezündeten Zigarre steigt Rauch auf, während die Betten vorgewärmt werden; die Zigarre verglüht zu einem Häuflein Asche, während sich leere Stühle gegenüberstehen und Musik erklingt. Die Panels sind mit den Details menschlicher Aktivitäten angefüllt, aber die Menschen fehlen auf ihnen.
Auf Seite 5 heißt es: “Um zehn Uhr schlug die letzte Stunde des Hauses!“ Ein vertrockneter Ast bricht durch das Küchenfenster und zerschlägt ein paar Flaschen. Lösungsmittel ergießt sich über einen Herd und entzündet sich. Auf jedem Panel, breitet sich die Feuersbrunst – von Wasserpumpen an der Decke und huschenden „Wasserratten“ bekämpft – weiter aus und erfaßt alles. In der mittleren Reihe verteilen sich die erste und zweite Bildüberschrift auf zwei Teile, aber darunter greift die Handlung über beide Panels hinweg, unterlegt in gedecktem Rot, mit hellgelben Flammen und Rauch in dunklem Rosa.
Auf der letzten Seite – dem Todeskampf des Hauses – sind die Zimmer durch Feuer, Zerstörung und den endgültigen Zusammenbruch verwüstet. „Dann Rauch … und Stille!“ heißt es auf dem vorletzten Bild. Auf dem letzten Panel „unter den Ruinen war eine Wand allein stehen geblieben. Aus der Wand sprach eine letzte Stimme, immer wieder und wieder: ‚Heute ist der 5. August 2026, Heute ist der 5. August 2026. Heute .“
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VIII
Bei der zweiten Bildgeschichtenfassung, in den mittlerweile unter der neuen, „erwachsener“ klingenden Bezeichnung „Graphic Novel“ zwischen Juli 1992 und November 1994 erschienenen bei Bantam Books erschienenen 7 Bänden der „Ray Bradbury Chronicles“ lieferte der Architekt Lebbeus Woods (1940-2012), bekannt für seine „dekonstruktivistischen“, „explodierenden“ Entwürfe, die Illustrationen für die im November 1992 in der dritten Folge veröffentlichte Version von „There Will Come Soft Rains,“ auf die ein Nachdruck von Woods Umsetzung folgte. In der dritten Version, mit Zeichnungen von Dennis Calero, die 2011 bei FSG unter dem Titel „Ray Bradbury’s The Martian Chronicles. The Authorized Adaptation“ erschienen ist, fehlt ausgerechnet diese Geschichte unter den 14 dort ausgewählten.
IX
Ende November 1984 kam eine gut 10 Minuten lange Zeichentrickfassung der Erzählung des Filmstudios Usbekfilm in Taschkent unter der Regie von Nasim Tuljachodschajew in die russischen Kinos, unter dem Titel „Будет ласковый дождь“ (Budet laskowii doschd‘). Der Film dürfte im ehemaligen Ostblock nicht völlig unbekannt geblieben sein; 1985 wurde er auf dem Internationalen Filmfestival in Leipzig mit der „Goldenen Taube“ ausgezeichnet. Dem Thema angemessen ist der Film eine einzige Fingerübung in depressiver Schwermut, durch das klobige Design und die monoton dröhnenden Roboterstimmen noch verstärkt. Die Handlung – soweit davon die Rede sein kann – ist auf Neujahr, den 31. Dezember 2026, verlegt worden (Borges‘ „reine Konvention“ läßt grüßen) – auch, daß das Grammophon, das der ins Haus eingedrungene Vogel in Gang setzt, die amerikanische Nationalhymne spielt, gibt zu verstehen, daß das festungsartig gestaltete Haus im Land des kapitalistischen Klassenfeinds liegt. Auch das Zerstörungswerk bewirkt dessen technologisches Vermächtnis. Während bei Bradbury der Wind, das himmlische Kind, zum Auslöser der Vernichtung wird, ist es im Film der schlangenähnliche Roboter, der auf der Jagd nach dem gefiederten Eindringling diese letzte, nutzlos gewordene Zuflucht zertrümmert. „Sara Tisdeils“ Gedicht, im Abspann des Films von Alexej Konsowski gesprochen, lautet in der russischen Übersetzung:
Будет ласковый дождь, будет запах земли.
Щебет юрких стрижей от зари до зари,
И ночные рулады лягушек в прудах.
И цветение слив в белопенных садах;
Огнегрудый комочек слетит на забор,
И малиновки трель выткет звонкий узор.
И никто, и никто не вспомянет войну —
Пережито-забыто, ворошить ни к чему.
И ни птица, ни ива слезы не прольёт,
Если сгинет с Земли человеческий род
И весна… и Весна встретит новый рассвет
Не заметив, что нас уже нет.
(Der gesamte Film läßt sich hier ansehen.)
Daß diese Umsetzung vom „Rande des Sowjetimperiums“ kam, hat etwas Passendes an sich. Bradbury war auch zur Zeit des Kalten Kriegs, nicht zuletzt aufgrund seines strikten Pazifismus, seiner Skepsis gegenüber der Technik und seiner scharfen Kritik an den amerikanischen Verhältnissen, im Ostblock immer ein viel übersetzter und gedruckter Autor. (Die erste Übersetzung der Erzählung ins Polnische ist 1958 erfolgt.) Die erste russische Version der „Марсианские хроники“ („Marsianskije chroniki“) ist 1963 in Riga in der Übersetzung von Wladimir Mesijats herausgekommen. Dabei ist es allerdings bei dieser einzigen Auflage geblieben. Die 1965 erfolgte Neuübersetzung durch Lew Lwowitsch Schdanow (1924-1995) erlebte in der Folgezeit dagegen 65 Neuauflagen. Der Erstdruck von „Будет ласковый дождь“ ist im Oktober 1963 in der Zeitschrift „Наука и техника“ (Wissenschaft und Technik) erfolgt.
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Sara Teasdale (1884-1933) gehört heute zu den – englischen wie amerikanischen – Lyriker*innen, deren Oeuvre durch den Aufstieg der modernen, formlosen Dichtungsformen im Gefolge von T. S. Eliot, Ezra Pound e tutti quanti heute ziemlich außer Mode gekommen ist (da der Bannfluch der Nachwelt beide Geschlechter gleichermaßen getroffen hat, erlaube ich mir ausnahmsweise dieses abscheuliche und hoffentlich bald ebenso vergessene Gendern), obwohl ihre leichten, liedhaften eingängigen Verse in den 20, 30 Jahren nach ihrem Tod durchaus beliebt waren. Ihre enge Themenauswahl – unerfüllte Sehnsucht, die Trauer um verlorene Liebe, der beständige Blick zum Nachthimmel - gibt ihren Versen, im Dutzend gelesen, einen ähnlichen Effekt wie etwa im Deutschen den Gedichten von Eichendorff oder auf der anderen Seite des Atlantiks A. E. Housmans „A Shropshire Lad.“ Wo sie sich an anspruchsvolleren Formen versucht hat, etwa in ihren ersten beiden Bänden „Sonnets to Duse and Other Poems“ (1907) und „Helen of Troy and Other Poems“ (1911), läßt dieses Bemühen auch den geneigten Leser reichlich kalt. Erst mit „Rivers to the Sea“ (1915) und „Love Songs” (1917), für den sie mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet wurde, hat sie „ihren Ton gefunden.“ „There Will Come Soft Rains“ erschien im Juli 1918 in „Harper’s Magazine,“ und nach der Veröffentlichung gab es in der Redaktion durchaus Befürchtungen, ob die rigorose Absage an Krieg und die „Torheiten der Menschheit“ nicht zu einer Anklage in Sachen „Wehrzersetzung“ unter dem gerade verabschiedeten Sedition Act führen könnte. Der Gedichtband „Flame and Shadow,“ in dem ihre Antikriegs-Gedichte gesammelt sind, erschien 1920 nach der Aufhebung des Gesetzes.
Im Fall von Teasdale entspricht die Lebenseinstellung der Dichterin durchaus der Stimmung, die aus ihren Versen spricht (was man im Fall von Eichendorff oder Housman nun wirklich nicht sagen kann). Sie verzichtete aus Standesgründen auf ihr Lebensglück, indem sie nicht die Liebe ihres Lebens, den amerikanischen Lyriker Vachel Lindsay, heiratete, sondern einen Bankier; die unglückliche Ehe wurde nach fünfzehn zermürbenden Jahren 1929 geschieden. 1933 nahm sie sich mit einer Überdosis Gift das Leben, dreizehn Monate nachdem Lindsay, der infolge der Weltwirtschaftskrise alles verloren hatte, Selbstmord begangen hatte.
Sara Teasdale, „There Will Be Stars”
There will be stars over the place forever;
Though the house we loved and the street we loved are lost,
Every time the earth circles her orbit
On the night the autumn equinox is crossed,
Two stars we knew, poised on the peak of midnight
Will reach their zenith; stillness will be deep;
There will be stars over the place forever,
There will be stars forever, while we sleep.
(1930)
U.E.
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