Die Nacht erstarb. Und der Tag erwachte. -
Draußen unter dem Sternenhimmel
Stand ein Droschkenpferd, ein Schimmel,
Und lachte.
Der Tag entwich und die Nacht begann.
Auf steiniger Ebene stand das Pferd.
Es hatte die Beine gen Himmel gekehrt
Und sann.
Und wieder durchzuckten die Sterne den Himmel. - -
Das rechte Auge des Pferdes tränte. --
Der Mann auf dem Kutschersitze gähnte
Und trank einen Kümmel.
- Joachim Ringelnatz, „Die Nacht erstarb“ (aus: Die Schnupftabakdose, 1912)
(Fotografie von Fritz Eschen, 1951)
Alfred Polgar, „Der Sternenhimmel”
Der gestirnte Himmel, zumal in der warmen Jahreszeit, ist ein prächtiger und erhebender Anblick. Man hat ihn selten in der Gegend, wo wir auf Sommerfrische sind, weil es hier meistens regnet. Dann spielen der Papa und die zwei Heren aus der Nachbarschaft im Zimmer Karten, wogegen sie das bei schönem Wetter auf der offenen Vernada tun. „Das Vergnügen ist doppelt so groß“, sagt der Vater, „wenn man im Freien tarockiert, über sich die ewigen Sterne.“
Kein Mensch bleibt von der Majestät des Sternenhimmels unberührt, ausgenommen die Blinden. Mein Hauslehrer kennt die Gestirne alle beim Namen, und Mathilde geht gerne mit ihm in den Garten, sich das Firmament erklären zu lassen. Oft sind sie so versunken in den himmlischen Zauber, daß man lange rufen muß, bis sie einen hören. Der Professor sagte, daß der Anblick des gestirnten Himmels dem Menschen Trost spende. Bei Zahnschmerzen, insbesondere bei Beinhautentzündung, wie ich aus Erfahrung weiß, versagt aber das Mittel. Mein Bruder, der im Krieg war, erzählt auch, daß ihn, als er mit einem Bauchschuß im feuchten Graben lag und auf die Sanitäter wartete, das Licht der über ihm funkelnden Sterne kalt gelassen hätte. Es scheint also, daß sie eine Freude nur gesunden und gut gelaunten Menschen machen. Aber denen macht ja bald etwas Freude, und der Regen lacht ihnen nicht minder als die Sonne.
Wir Knaben sehen den gestirnten Himmel sehr gerne; denn er deutet auf schönes Wetter am kommenden Tag. Der Junge bei den Booten, der die Wartenden ans andere Ufer bringt, hat bedeckten Himmel lieber, weil der schlechtes Wetter verspricht, und dann kann er länger schlafen und hat weniger Arbeit. Menschen, die immer in der Stadt leben bemerken den Sternenhimmel vielleicht überhaupt nie, denn die elektrischen Bogenlampen leuchten viel heller, und außerdem hören die Leute abends lieber Radio, oder sie haben gar keine Zeit, in den Himmel zu gucken und denken sich, die Sterne kommen ohne hin jede Nacht wieder, ob man sich nun um sie kümmere oder nicht. Eigentlich ist der Sternenhimmel also nur für Vagabunden da und für Nichtstuer und für Astronomen, die aber vor lauter Sternen den Himmel nicht sehen, wie andere vor lauter Bäumen nicht den Wald.
In der Sommerfrische, wie gesagt, blicken wir gerne dann und wann zu den Sternen auf und erfreuen uns ihrer Pracht. Onkel Siegmund, der neben mir die Stube hat, kommt immer, bevor er sich ins Bett legt, im Nachthemd auf den Balkon und sieht zu den Sternen empor. Er sagt, das brauche er, ein Blickchen voll Sterne vor dem Schlafengehen sei seiner Selle so unentbehrlich, wie seinem Magen eine Messerspitze voll doppeltkohlensauren Natrons. Denn das Anschauen des Sternenhimmels, meint Onkel Siegmund, erfüllt des Menschen Herz mit wundervollem Frieden, und eine Regung allumfassender großer Liebe durchdringe jeden verborgensten Winkel des Gemüts. Insbesondere der Stern „Adler“, sagte er, habe es ihm angetan, er wisse selbst nicht, warum. Unser Hauslehrer korrigierte, das Sternbild, das der Schwärmer meine, sei nicht der „Adler“, sondern der „Schwan“, Onkel beharrte aber beim Adler, der andere bei seinem Vogel, sie gerieten arg aneinander, und Onkel Siegmund kam so in Wut, daß er schrie, wenn der Hauslehrer als Sternbild an den Himmel versetzt würde, so wäre es das Sternbild des Heuochsen. Infolgedessen kündigte unser Mentor, und Mathilde ging in den nächsten Tagen mit verweinten Augen herum.
Es ist wirklich sehr schön, auf dem Rücken im sommerweichen Grase zu liegen und, vorausgesetzt, daß man weder Zahnschmerzen noch einen Bauchschuß, noch Kummer, Sorge, Leid, Ärger oder trübe Erwartung hat, in den Sternenhimmel zu blicken. Die Großartigkeit der Erscheinung lenkt den Sinn auf Erhabenes, und wie in einer sanft und weit schwingenden Schaukel schwebt die Seele hoch und wieder zurück in beruhigende Erdnähe. Die vielen goldenen Punkte am nachtblauen Firmament, es werden ihrer immer mehr, je länger man hinsieht, sind Augen der Seligen, die auf uns herniederblinzeln, und ihr Glanz läßt uns ahnen, wie herrlich es da oben sein mag. Andere sinnreiche Vermutungen wären auch möglich, wie überhaupt die Sterne sehr geeignet sind zu schönen Vergleichen. Leute, die solche von Berufs wegen anstellen, heißen Dichter. Was aber den Frieden anlangt, den Onkel Siegmund vom Sternenhimmel bezieht, so glaube ich, daß es sich umgekehrt verhält, daß es der Friede seines guten Herzens und seiner guten Verdauung ist, den er auf das nächtliche Firmament überträgt und von dort wieder herunterholt. Was unsere Seele vom gestirnten Himmel abliest, ist nur ihr eigenes Spiegelbild in unendlicher Vergrößerung.
Als Kind glaubte ich, daß die Sterne Sterne seien, glühende Punkte, in Millionenzahl eingesetzt in die Himmelskuppel, damit des Menschen Aug‘ sich ihrer erfreue, und die Erde eine Decke habe, die von der Glorie ihres Bauherrn zeuge. Schreckliche Enttäuschung war es dann, als ich hörte, die Sterne seien nicht Tropfen Lichts, hingesprüht durch die Nacht, um zu leuchten, sondern riesige Klumpen gemeiner Materie, irdische Welt wie alles, was das Auge sieht, Träger vielleicht sogar von Lebendigem, unterworfen dem Gesetz, das allen Stoff bindet und bewegt. Nichts im Universum ist also seiner Schönheit willen da, nichts ist da, nur um da zu sein, nichts leuchtet, nur um zu leuchten, nicht einmal die Sterne, und Mathilde hat recht, wenn sie von der ganzen Astronomie nichts mehr wissen will.
I.
Das Terenzische „habent sua fata libelli” gilt bekanntlich nicht nur für einzelne Werke, sondern auch für Autoren, und hier scheint es besonders Satirikern, Glossisten, Kommentatoren und anderen literarischen Kurzwarenhändlern bestimmt, der „Furie des Verschwindens“ (H.M. Enzensberger) zum Opfer zu fallen. Daß „Lustige Personen“ (Goethe, Faust, „Vorspiel auf dem Theater“) wie Eckhard Henscheid, Max Goldt, Harry Rowohlt oder Ulrich Holbein heute so vergessen und verschollen sind wie ihre Zunftgenossen Petroleum V. Nasby (1833-1888) oder Stephen Leacock (1869-1944), hätte sich vor 30 oder 40 Jahren, als die „Titanic“ noch ein lesbares Satireblatt war und die Neuer Frankfurter Schule noch einen Gradmesser für literarische Hochkomik darstellte, niemand vorstellen mögen.
Wenn manchen dieser Kleinmeister ein solches Fatum erspart geblieben ist, liegt es zum einen an der intensiven postumen Brutpflege der Verlage, die ihr Werk weiterhin vorrätig halten. Hier erweist sich allerdings die Erschließung und Archivierung älterer Textcorpora durch das Internet durchaus als ein zweischneidiges Schwert. Zwar sind nachgerade unendliche Mengen solcher vergessenen, verstaubten Texte in Sekundenschnelle aufrufbar - durch Domänen wie archive.org, für den englischen Sprachraum EEBO und ECCO (Early English Books Online – für den Textbestand der ersten auf Englisch gedruckten Bücher bis zum Ende des 17. Jahrhunderts und Eighteenth Century Books Online, für das folgende Jahrhundert), die diversen „Gutenberg“-Projekte, das kanadische Faded Page, Gallica für den französischen Sprachbereich, dbnl (die Digitale Bibliotheek voor de Nederlandse Letteren), für die chinesische Literatur etwa 首页 oder das Chinese Text Project, oder für die japanische Literatur 青空文庫 (Aozora Bunko). Aber diese Ressourcen erschließen sich nur bei der direkten Aufsuche, beim gezielten Nachschlagen bzw. -fragen. Sie stellen damit das direkte Gegenteil eines „literarischen Kanons“ dar, die seit der Herausbildung des Bildungsbürgertums im 18. Und 19. Jahrhundert, über Schule, Studium und Allgemeinwissen vermittelt, zum mehr oder weniger eisernen „Hausschatz“ gezählt haben. „Von selbst“ erschließt sich hier nichts. Hier gilt der Satz Paul Valérys, der angesichts der endlosen Regalkilometer in der Pariser Bibliothéque Nationale den Satz Blaise Pascals über den Nachthimmel („Le silence éternel de ces espaces infinis m’effraie“ – „das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“) leicht variierte: „le silence éternel des ces volumes interminables m’effraie“ – also das ewige Schwiegen dieser endlosen Bände.
Damit einher geht ein Verlust der Präsenz eines solchen „Bildungskanons“, ein Vorrat an Anspielungen, Zitaten, Bezügen, die eben den Vertretern, die diesem Bildungsbürgertum entstammten, noch selbstverständlich waren. Hand aufs Herz: wann hat in Deutschland zuletzt ein hochrangiger Politiker zuletzt zu erkennen gegeben, daß er je in seinem Leben ein Buch zur Hand genommen, geschweige denn gelesen und verstanden, hat? Daß er in Reden oder Interviews Zitate und Anspielungen wie selbst verständlich fallen gelassen hat? Zwar hat Bundeskanzler Friedrich Merz vor einigen Wochen en passant den griechischen Philosophen Epiktet zitiert („Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten“ – im SPIEGEL-Interview vom 29. April 2026). Aber dabei handelt sich um ein leichtes Mißverständnis: der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hat den Satz im April 1984 in einer Buchbesprechung im SPIEGEL zitiert (und ihn damals fälschlich Aristoteles zugeschrieben), und seitdem ist der Satz immer wieder einmal gefallen, mit wechselnden Zuschreibungen an Thukydides, Julius Caesar oder Heiner Geißler selbst. Das Zitat selbst ist also noch keine Garantie, daß Merz über den Satz „ταράσσει τοὺς ἀνθρώπους οὐ τὰ πράγματα, ἀλλὰ τὰ περὶ τω̂ν πραγμάτων δόγματα“ tatsächlich bei der Lektüre des „Ἐγχειρίδιον“, im Deutschen meist als „Handbüchlein der Moral“ übersetzt, gestolpert ist.
Wahrscheinlich muß man bis zu Helmut Schmidt zurückgehen, um auf einen solchen, sagen wir Resonanzboden zu stoßen. Oder bis zu seinem Nachfolger im Kanzleramt: als ein Verlagsvertreter des Verlags zweitausendeins Helmut Kohl 1984 beim Besuch der Frankfurter Buchmesse einen Band von Charles Bukowski in die Hand drücken wollte, winkte der ab mit der Bemerkung: „Ich lese lieber den anderen!“ Gemeint war damit der sowjetische Dissident Wladimir Bukowski. Eine besondere Würze erhält diese Nennung dadurch, daß Bukowski - der zweite – damals in seinem neuesten Buch, „Пацифисты против мира“, 1982 im Pariser Exilverlag La Presse libre erschienen und in deutscher Übersetzung als „Pazifisten gegen den Frieden – Friedensbewegung und Sowjetunion“ (Bern 1983) auf die Unterstützung und Finanzierung der Protestbewegungen gegen die „Nachrüstung“ durch die Moskauer Regierung hingewiesen hatte. Daß ein deutscher Bundespräsident wie Theodor Heuß ein Buch wie „Schattenbeschwörung: Randfiguren der Geschichte“ (1947) oder „Vor der Bücherwand: Skizzen zu Dichtern und Dichtung“ (1961) schreiben könnte, ist heute gänzlich unvorstellbar geworden Heuss‘ kleine Skizzen über „Shakespeare und Cervantes“, Theodor Fontane, Heinrich und Thomas Mann bis hin zu Joachim Ringelnatz (alle aus dem zweiten Band) sind von Niveau her gehobener Schulfunk. Aber die Vorstellung, daß einer unserer heutigen Amtsträger freihändig und ohne doppelten Boden zu solchen Causerien fähig sein könnte, sprengt die Vorstellungskraft.
II
Aber es gibt Grade und Unterschiede in diesem Vergessen. Daß Alfred Polgar nicht schon zu Lebzeiten aus dem Gedächtnis der Leserschaft verschwand, nachdem die Tageszeitungen und Journale durch die nächste Ausgabe ersetzt worden waren, verdankt er der Umtriebigkeit seiner späteren Stammverlegers Ernst Rowohlt, der seine Glossen, Aufsätze und vor allem seine Theaterkritiken zwischen 1926 und 1933 in elf Bänden publizierte (vor denen vier dem Theater gewidmet sind). Die meisten von ihnen hatte er während seiner Wiener Zeit für die dortigen Tageszeitungen „Der Tag“ und das „Prager Tagblatt“ geschrieben, nach seinem Umzug nach Berlin 1925 vor allem für das „Berliner Tageblatt“ und „Die Weltbühne.“ Das unterscheidet ihn von seinem ebenfalls aus der Wiener Kaffeehaus-Szene stammenden Kollegen Anton Kuh (1890-1941) oder Alexander Moszkowski (1851-1934), deren wenigen Buchveröffentlichungen in kleinen Verlagen schon zu Lebzeiten ihrer Autoren kein nennenswerter Erfolg beschieden war. Moszkowski ist heute nur noch einigen Spezialisten für die Geschichte der Physik „ein Begriff“, weil sein Buch „Einstein. Einblicke in seine Gedankenwelt“, 1920 bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschienen, die erste populäre, für ein Laienpublikum geschriebene Darstellung der allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie darstellt; sein Episodenroman „Die Inseln der Weisheit“, zwei Jahre später bei Fontane in Berlin verlegt, in dem er nach dem Muster von Jonathan Swifts „Gulliver’s Travels“ (1726) die unterschiedlichen Vorstellungen einer idealen Gesellschaft unter das Brennglas des Satirikers legt (u.a. "Balëuto. Die Insel der glücklichen Bedingungen" - "Kradak. Die Insel der Perversionen" - "Saragalla. Die mechanisierte Insel") ist heute so völlig vergessen, daß sie sogar in Hans Freys voluminösem Überblick über die deutschsprachige Science Fiction von 1810 bis 1968 in fünf Bänden (hier in Band II: „Aufbruch in den Abgrund: Von Weimar bis zum Ende der Nazidiktatur, 1918-1945“, Memoranda: Berlin 2020) nicht einmal erwähnt wird.
Von der seriellen Machart der Inselvisiten her kommen allerdings spätere Fingerübungen wie Godfrey Swevens „Riallaro: The Archipelago of Exiles“ (1901) und dessen Fortsetzung „Limanora: The Island of Progress“ (1903) oder James Krüss‘ „Die glücklichen Inseln hinter dem Winde“ (1958) Moszkowskis Ansatz näher. In Lemuel Gullivers Besuch im Land der Zwerge, Lilliput, persifliert Swift die englische Geschichte der vergangenen 200 Jahre; im Land der Reisen, werden die europäische Geschichte und die Institutionen der mehr oder weniger aufgeklärten Monarchien von König von Brobdingnag gewogen und zu leicht befunden; im Land der klugen Pferde, den Houynhnmhms, wird auf der vierten Reise der Stab über das gesamte Menschengeschlecht gebrochen – und nur die dritte Fahrt zur fliegenden Insel Laputa, nach Japan und dem Land der unsterblichen Struldbruggs gleicht einer solchen seriellen, hier wörtlich zu nehmenden Tour d’horizon. Bei Sweven passiert der Leser sukzessive die Insel der Selbstverleugnung (Aleofane), in der jeder Ruhm nur käuflich zu erwerben ist; Loonarie, eine Inselgruppe, auf die die Wahnsinnigen der Archipel verbannt werden („Awdyoo“ – abgeleitet von „audio“ – „ist die Insel des Journalismus, die von jedermann gemieden wird; sie ist die Quarantänestation, auf die Vielschreiber verbannt werden. Die Bewohner sämtlicher Inseln betrachten Journalismus als eine ansteckende Krankheit und eine Form von Wahnsinn; die Insel ist von weitem an ihrem scheußlichen Gestank zu erkennen“); Figlefia (von „Figleaf,“ dem Feigenblatt), deren Bewohner die sexuelle Ausschweifung zur höchsten Tugend erhoben haben (die Bewohner der anderen Inseln haben sie dezimiert, indem sie die Frauen, die von den Feigenblättlern bei ihren Raubzügen entführt werden, vorher mit Syphilis infiziert haben); Kloriole, wo man die Literatur verehrt und das Gebrabbel von Kleinkindern als höchste Offenbarung verehrt; die Insel der Kritiker, Meskeeta („Eine Rasse von Zwergsklaven schreibt für sie Bücher, die sie angreifen und kritisieren können. Ihre Tempel sind über den Gräbern derjenigen errichtet, die sie zu Tode gehetzt haben und die sie jetzt als große Männer verehren“); das von Pygmäen bewohnte Coxsuria (von „cocksure“), die überzeugt sind, daß die Götter ihnen in jeder Hinsicht gleichen; und schließlich die Insel des Friedens, Broolyi, deren Bewohner überzeugt sind, daß der Weltfrieden ausbricht, sobald die Kriegstechnik erst einmal perfektioniert worden ist. James Krüss‘ Kapitän Daworin Madirankowitsch läuft nacheinander die Honiginsel, die Friedensinsel, die Spielinsel, die Insel der Türme, die Insel, auf der Geigen wachsen, die Pinselinsel, die Napfkucheninsel und die Insel der schönen Wahrheit an.
III
„Der Sternenhimmel“ erschien zuerst in der zweiten Sammlung von Glossen, die im Rowohlt Verlag erschienen sind, „Orchester von oben.“ Wann genau das Buch ausgeliefert worden ist, ist nicht ganz leicht festzustellen. Aus den Fußnoten in Ulrich Weinzeirls Biographie („Alfred Polgar. Eine Biographie“, Kremayr & Scheriau, Wien 1985) ist zu entnehmen, daß der erste Band, „An den Rand geschrieben“, im Februar 1926 erschienen ist. „Nach dem Erfolg von ‚An den Rand geschrieben‘ kam einige Monate später der Band ‚Orchester von oben‘ auf den Markt,“ schreibt Weinzierl auf S. 134. In der Ausgabe des „Börsenblatts für den deutschen Buchhandel“ vom 30. Oktober 1926 wird für Dienstag, den 2. November, eine Besprechung im Programm der Deutschen Rundfunk A.-G. in Stuttgart durch Dr. Karl Mayer am (für „3,50 Uhr nachmittags“) angekündigt; in der Ausgabe vom 11. Dezember 1926 wird für die Schlesische Funkstunde A.-G. in Breslau für die „Stunde mit Büchern“ am Sonnabend, den 18. Dezember zwischen „3,50 und 3,40 nachm.“, eine weitere Besprechung annonciert. Der Band wird also Anfang November an den Buchhandel ausgeliefert worden sein. Zwei kleine Überraschungen fallen dabei ins Auge: Die Besprechung im Breslauer Programm erfolgte durch Will-Erich Peuckert. Älteren Lesern ist Peuckert (1895-1969) vielleicht noch als Spezialist für schlesische Volksbräuche und die alchemistische und geheimbündlerische Überlieferung zwischen den Rosenkreuzern und Illuminaten im 16 bis 18. Jahrhundert in vager Erinnerung (sein Band „Pansophie. Ein Versuch zur Geschichte der weißen und schwarzen Magie“ von 1936, 1956 in erweiterter Form neu aufgelegt, zeichnet sich durch ausführliche Zitate aus den damaligen und bisher nie publizierten Quellen aus). Arno Schmidt, Spiritus rector dieses Netztagebuchs, lernte Peuckert am ersten Tag seines Umzugs nach Darmstadt kennen.
Gleich am ersten Tag erhält Schmidt einen kleinen Vorgeschmack auf das, was ihn in Darmstadt mit seiner Künstlerkolonie erwartet. Am Nachmittag sind Schmidts zu Kreuders eingeladen, wo sie auf Ernst Kreuders neuen Freund, den 1895 geborenen schlesischen Schriftsteller und Volkskundler Will-Erich Peuckert und dessen viel jüngere Frau kennenlernen, bei denen sie dann gemeinsam den Abend verbringen. Alice Schmidt ist wohl etwas fasziniert von dem Gemisch aus gelehrtem Literaten-Gespräch, biographischem Klatsch, Angebereien, bohémehaften Unbekümmertheiten, Grobheiten, Rivalitäten und kleinen Flirtversuchen, aber ‚Arno saß steif neben mir. Aß kaum und bewegte keinen Gesichtsmuskel. Schrecklich. Ich stieß ihn mehrfach an.‘ (Tagebuch Alice Schmidt, 25.9.1955) (zit.n. Sven Hanuschek, „Arno Schmidt. Eine Bildbiographie“, Suhrkamp Verlag 2016, S. 280)
Zum anderen wird in der erwähnten Ausgabe des „Börsenblatts“ vom 30. Oktober für die Büchersendung der Norddeutschen Rundfunk A.G. in Hamburg am Samstag, den 6. November 1926, eine Besprechung von Dénes von Mihálys „Das electrische Fernsehen und das Telehor“ sowie von Arthur Korn und Eugen Nespers „Bildrundfunk“ angekündigt: die Technik der Zukunft wirft ihre Schatten voraus! Bei Mihálys kleinen Buch (die erweiterte zweite Auflage, 1926 bei W. Krayn in Berlin herausgekommen, umfaßt 120 Seiten), handelt es sich um das erste Buch überhaupt, das ganz der Fernsehtechnik gewidmet ist. Für die Erstauflage, zwei Jahre vorher erschienen, hat Eugen Nesper (1879-1961, der schon bei den ersten Versuchen einer drahtlosen Signalübertragung 1896 in Babelsberg als Assistent von Adolf Slaby mitgearbeitet hatte) das Vorwort verfaßt. Mihály selbst war in den zwanziger Jahren damit befaßt, eine praktische Umsetzung zu entwickeln. Auf der 5. Großen Funkausstellung in Berlin, die vom 30. August bis zum 9. September 1928 stattfand, stellte er sein „Telehor“ genanntes System der Öffentlichkeit vor: das Gerät übertrug die Bilder mit Hilfe einer Nipkow-Scheibe; der Bildschirm hatte eine Breite von vier Zentimetern und umfaßte 30 Bildzeilen zu jeweils 30 Bildpunkten. Damit die Besucher überhaupt etwas erkennen konnten, hatte Mihály eine starke Lupe davor gestellt.
IV
Daß Alfred Polgar als Autor und Meister der „kleinen Form“ heute so gut wie vergessen ist, zeigt sich am deutlichsten daran, daß nur noch zwei Bücher von ihm über den Buchhandel zu beziehen sind: das umfangreiche „Alfred Polgar Lesebuch“ mit einer Auswahl von immerhin 130 Glossen und Causerien, das Harry Rowohlt schon 2004 aus den ersten drei Bänden seiner Werksausgabe beim Rowohlt-Verlag zusammengestellt hat und das im Januar 2023 in der 7. Auflage erschienen ist; und die kleine, 96 Seiten umfassende Sammlung „Ob der Eisbär im Zoo von der Arktis träumt. Über Tiere“, die der Limbus Verlag im Februar 2026 veröffentlicht hat. Und das trifft einen Autor, der es zu Lebzeiten immerhin auf 33 Buchveröffentlichungen gebracht hat und über den Kurt Tucholsky 1929 in seiner Rezension der Sammlung „Schwarz auf weiß“ dies schrieb:
Schneider Polgar, wir arbeiten in derselben Innung – ich habe es nicht leicht, Ihnen eine Liebeserklärung zu machen. Nicht nur, weil Sie mir überlegen sind – wackeln Sie nicht mit der Schere – Sie sind es, und warum soll sich ein Läufer nicht vor Nurmi beugen –? Ich beuge mich. Ich weiß, wie Sie manches nähen, welchen Zwirn Sie verwandt haben, bei wem Sie das Rohmaterial einkaufen … aber wenn es nachher fertig ist, dann ist es doch unbegreiflich und überraschend, und ich befühle die Nähte und die Knöpfe und den Besatz und frage mich: Wie macht er das –? Manchmal weiß ich es: so, wenn eine winzige Bosheit, scheinbar verkleidet und leise vor sich hinpfeifend, mit den andern Gedanken, als sei gar nichts geschehen, vorbeispaziert … Von Egon Friedell: »Er raucht lange Pfeife, schwimmt wie ein Meisterschwimmer, liebt die Geselligkeit und das Einschlafen im muntern Kreise … « Aber in tausend andern Fällen weiß ich nicht, wie Sie nähen.
Ich weiß nur, dass es ›gut geschrieben‹ ist. Weil es sauber ist und gesinnungsvoll; voller Eleganz und Charme, weil die Fäden der Arbeit nicht mehr erkennbar sind, und weil Sie der deutschen Sprache nie etwas Böses tun. Sie haben ihr nur viele prächtige Kinder gemacht. (Die Dame, 1. März 1929)
Ein ähnliches Sich-Klein-Machen - und ebenfalls in den Roaring Twenties (die sich den Zeitgenossen erheblich weniger 'röhrend' darboten), findet sich in der Widmung an Ezra Pound, die T. S. Eliot seinem Geichtzyklus "The Waste Land" 1922 vorangestellt hat - nachdem dieser rigoros den Urentwurf auf "absolut modern" getrimmt und alle Reime herausgestrichen hatte: "il miglior fabbro." Dante nennt im 26. Gesang des "Fegefeuers" den französischen Trobador Arnaut Daniel "den besseren Handwerker."
Den Text des „Sternenhimmels“ entnehme ich dem zweiten Band der erwähnten Werksausgabe, die von 1982 bis 1986 bei Rowohlt erschienen ist („Kreislauf,“ 1982); er findet sich auch in der letzten zu seinen Lebzeiten erschienenen Auswahl „Im Lauf der Zeit,“ die im April 1954 als erste Taschenbuchausgabe auf den Markt kam.
U.E.
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