27. Juni 2026

"Audentis Fortuna juvat"



... Ultro occurramos ad undam
dum trepidi egressique labant vestigia prima.
Audentis Fortuna juvat.

Vergil, Aeneis, X, 282-84



John Berryman, „Der Ärger mit Telstar“ (1963)



Doc Stone griff zu einem Trick, damit ich ihn nicht mit meiner üblichen „Zu beschäftigt!“-Ausrede abwimmeln konnte. Er schickte Millie vorbei, um mich abzuholen.

„OK, Millie,“ sagte ich zu Stones Sekretärin. „Ich habe gleich Zeit für Sie.“ Ich räumte die Pläne und Verschlußsachen von meinem Schreibtisch, packte sie in vorschriftsgemäß in den Tresor und ging mit Millie zu Stones Büro.

„Ein ganz normaler Reflex,“ sagte Dr. Stone, als Millie mich in sein Büro ließ. „Jede Art kämpft auf ihre Weise ums Überleben.“ Er zog gedankenvoll an seiner Pfeife. „Der alte Knacker,“ ergänzte er.

„Mal wieder der Selenoid, Doc?“ fragte ich.

„Was sonst, Mike?“ sagte er und zog die Augenbraue hoch. „Paul Clearys Lieblingprojekt, und er wird nach all den Jahren, die er jetzt bei uns ist, nicht einfach so die Flinte ins Korn werfen.“

Also war ich dafür zuständig. Eigentlich sollte das nicht der Fall sein, denn ich hatte mit der Konstruktion dieser Magnetspule nichts zu schaffen gehabt; ich hatte nur herausgefunden, wie man sie am besten zerstören kann. Das ist schließlich die Aufgabe unseres Labors, und damit verdiene ich meine Brötchen. ­

“Hör auf, hier aus dem Fenster zu gucken, Mike,“ sagte Doc hinter mir, „und setz dich.“

Ich hockte mich auf den Stuhl neben seinem Schreibtisch und sah ihm zu, wie er seine Pfeife ausklopfte, den luftdicht abschließenden Deckel des Humidors - eine Spezialanfertigung aus unserem Labor - aufklappte und sie mit den billigsten Burley-Tabak stopfte, der im Handel ist. So viel zu Spezialanfertigungen. Er zündete sie an, wofür er zwei Streichhölzer brauchte, weil das Zeug triefend feucht war – eben dank des luftdichten Deckels.

„Ich war gerade bei Cleary,“ erklärte er. „Er ist der festen Ansicht, daß die Ausfälle nicht an einem Konstruktionsfehler in der Spule liegen. Er glaubt, daß die Leistungsabfälle auf eure Testmethoden zurückgehen, und er möchte dich deshalb sprechen.“

„Na toll,“ sagt ich finster. „Schreibst du mir ein gutes Entlassungszeugnis für meinen nächsten Arbeitsgeber?“

„Laß den Quatsch, Mike,“ sagte er mit so viel Anspannung in der Stimme, wie er sie sich gerade noch abringen konnte. Er blies Rauch das Mundstück seiner Pfeife entlang. Manchmal glaube ich, daß er das als Masche kultiviert, wie seine immer leicht abgetragenen gekommenen Sakkos und seine Flannellhosen: ein unübersehbarer Hinweis auf seinen Doktortitel. Nicht, daß er das nötig hätte. Er hat reichlich Grips, weiß alles über Festkörperphysik, und für einen Physiker kennt er sich gut mit elektronischen Schaltkreisen aus. Ich vermute, daß sie ihn deshalb zum Leiter der Endmontage der Telstar-Satelliten bei COMCORP ernannt haben.

„Mach dir mal keine Sorgen über Paul Cleary,“ schlug er mir vor. „Denk lieber darüber nach, was Fred Stone für dich tun kann. Cleary geht in einem Jahr in den Ruhestand, und das weißt du auch.“

„Das könnte aber ein ziemlich anstrengendes Jahr werden, Doc,“ sagte ich. „Du hast gerade gehört, daß er von Konstruktionsfehlern bei seiner Spule nichts wissen will. Er wird sich darauf versteifen, daß bei der Montage etwas schiefgelaufen ist.“

Doc Stone gönnte mir ein säuerliches Lächeln und fuhr sich über seinen blonden Bürstenhaarschnitt. „Keine leichte Wahl, Mike,“ stimmte er mir zu. „Denn ich will nichts von Fehlern bei der Montage wissen. Wenn du lieber mit jemandem kuschelst, der nur noch ein Jahr im Dienst ist, bitte. Aber denk dran, daß ich noch dreißig Jahre vor mir habe, und daß dir jede Minute davon leidtun wird, wenn du mich im Stich läßt.“

„Sicher,“ sagte ich. „Wann will er mich sprechen?“

„Jetzt.“

* * *



Doc Stone bekam jemanden namens Sylvia ans Telefon und schickte mich sofort nach oben. Dort angekommen, mußte ich erst mal in Claerys Vorzimmer warten.

Ich mußte es mir mit einer kleinen, lebhaften jungen Dame namens Sylvia Shouff teilen, wenn man dem kleinen Plastikschild auf ihrem Tisch trauen konnte. Das Durcheinander von Papieren, Ordnern, Notizblöcken, Telefonen und Kalendern und noch mehr Kram, den sie dort gehortet hatte, ließ kaum noch Platz. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, auf einer Schreibmaschine zu tippen und Anrufe entgegenzunehmen, um von mir Notiz zu nehmen. Ihre schnippische Art machte klar, daß sie sich kein X für ein U vormachen ließ.

Im Gegensatz zu mir. Die Ergebnisse der letzten Testreihen aus meinem Labor hatten mir gewaltigen Ärger eingebrockt. Angefangen hatte es vor ein paar Jahren, als die endgültigen Baupläne für einen ganzen Himmel voller Kommunikationssatelliten abgesegnet worden waren. Insgesamt achtzehn, um genau zu sein. Eines der Bauteile war eine Magnetspulke, Katalognummer M1537, die einen Schaltvorgang steuerte, dessen Stromstärke die Toleranzen einer Festkörperschaltung überstieg. Diese Magnetspule stellte eines der wenigen mechanischen Bauteile der Telstars dar, und sie warf auf achtunddrölfzig Millionen Schaltvorgänge ausgelegt, bevor es zu Materialermüdung oder Ausfall kam.

Bei der Nutzanwendung draußen im Weltraum hatte der Schaltvorgang schlicht nicht funktioniert. Nach ungefähr hundert Stunden war die Spule bei Telstar Eins ausgefallen. Unglückerweise wurde das erst entdeckt, nachdem die ersten sechs Satelliten schon gestartet worden waren. Die weiteren Starts wurden auf Eis gelegt, während die Flugleitung bei Telstar Zwei bis Sechs beschleunigte Testschaltreihen durchführte. Bei allen Satelliten kam es zu den gleichen Ausfällen.

Was die Fehlerbehebung betraf, bildeten sich zwei Denkschulen heraus. Doc Stone bestand natürlich eisern darauf, daß Magnetspule M1537 versagt hatte; das war die eine Auswertung der Telemetriedaten. Und Paul Cleary, der als Leiter für ihre Konstruktion zuständig zeichnete, bestand darauf, daß es an der Montage lag. Für eine Entscheidung dazwischen blieb nicht mehr viel Zeit, und meine Daten würden da den Ausschlag geben. Ich hatte die Testreihen im Labor durchgeführt, seit der Fehler entdeckt worden war, und jetzt wollte mir Cleary auf den Zahn fühlen.

“Mr. Seaman,” sagte Sylvia Shouff und riß mich damit aus meinem Traum. „Mr. Cleary wünscht Sie jetzt zu sprechen. Kennen Sie sich bereits?“ setzt sie hinzu, als ich näher an ihren Schreibtisch trat.

Ich schüttelte den Kopf. „Ich arbeite hier nur,“ sagte ich. „Mit der Chefetage hab‘ ich nie etwas zu tun.“

„Und leicht unverschämt sind Sie auch,“ sagte sie in scharfem Ton. „Versuchen Sie das mit Paul Cleary lieber nicht. Der frühstückt mit Vorliebe vorlaute junge Labortechniker.“

„Jawohl, Ma‘am!“ sagte ich und spürte, wie mir die Ohren heiß wurden. Sie geleitete mich zur Tür, öffnete sie, und stellte mich Paul Cleary vor. Er watschelte um seinen Schreibtisch herum und schüttelte mir mit seiner gichtigen, mageren Pfote die Hand.

“Hallo, Seaman. Schön, Sie kennenzulernen, junger Mann. Kommen Sie rein. Wir haben einiges zu besprechen,“ sagte er.



* * *

In Anbetracht der Tatsache von Clearys Bedeutung, und daß er seit dreißig Jahren bei Western Electric arbeitete, war sein Büro nicht besonders groß. Vielleicht liegt das daran, daß Communications Corporation zur Hälfte der Regierung gehört und zur anderen Hälfte AT&T. Die Regierungshälfte sorgt dafür, daß wir aufpassen, wofür wir unser Geld ausgeben.

„Nehmen Sie Platz, Mike,“ sagte Cleary, der sich umdrehte und auf einem hohen Drehsessel niederließ. Er lehnte sich zurück und begann sacht zu schaukeln, wie eine alte Frau auf der Terrasse eines Kurhotels. Seine Pfeife lag noch angezündet auf einem ziemlich großen Aschenbecher, eine wertgeschwungenes Altherrenmodell. Er griff nach ihr und nahm ein paar zufriedene Züge. Bei ihm wirkte es nicht wie eine Marotte.

„Also,” sagte er und kniff seine großen buschigen Augenbrauen zusammen, so daß sie seine hellblauen Augen überschatteten. „Sie haben es hier bei uns zu einiger Bekanntheit gebracht, Mike.“

Das kam für mich unerwartet. „Davon hat mir bislang niemand etwas erzählt,“ beschwerte ich mich. „Drückt sich so etwas auch in einer Lohnerhöhung aus?“

“Nicht immer,” sagte Cleary mit leicht finsterem Blick. „Es ist nur so, daß Ihr Name häufig fällt. Jedes Mal, wenn ich mit Fred Stone spreche, heißt es ‚Dr. Seaman sagt dies‘ oder ‚Dr. Seaman meint das.‘ Da mußte ich doch mal sehen, was es mit diesem Doktor auf sich hat.“

„Vergessen Sie den Doktor,“ sagte ich hastig. Ich hatte davon gehört, daß die Tatsache, daß Cleary keinen höheren Abschluß besaß, ein wunder Punkt war. Als er bei Western angefangen hatte, reichte ein Collegeabschluß aus. Alles weitere erwarb man im Lauf seiner Berufstätigkeit. Das galt auch für ihn – und er hatte zum Beweis dafür zahlreiche Patentanmeldungen vorzuweisen.

„Das ist gut,“ sagte er. „Ich würde nicht gerne mit Ihnen auf einem Gebiet konkurrieren, auf dem Sie der führende Experte auf der Welt sind.“

Ich lächelte ihn leicht gequält an. „COMCORP hat nie auf mein Spezialwissen zurückgegriffen,“ gab ich zu. „Hier arbeiteten wohl an die zehn Leute, die doppelt soviel über mein Gebiet wußten als ich, weil sie jeden Tag damit zu tun hatten. Die hätten meine Doktorarbeit in der Pfeife rauchen können.“

„Bestimmt,“ sagte er zufrieden und blies noch mehr Rauch in die Luft. „Deswegen haben wie Sie in die Testabteilung gesteckt. Und Fred Stone ist der Ansicht, daß es sich gelohnt hat.“

„Danke,“ sagte ich.

„Dann erzählen Sie doch mal, was Sie für Fred getan haben,“ schlug Cleary in einem onkelhaft klingen Ton vor. „Ich würde das gerne selber beurteilen.“

„Sie meinen die Tests, die ich an dem Schaltgatter durchgeführt habe?“ fragte ich.

„Ja, damit können wir anfangen.“ Er nickte, kniff die blauen Augen noch weiter zusammen und verschwand förmlich hinter einem Rauchvorhang.

* * *

„Als Telstar Eins ausfiel, haben sie mir die ganze Baugruppe aus der betroffenen Sektion geschickt,“ sagte ich. „Dr. Stone hat mich gebeten, die gesamte Gruppe einer Reihe von Zerstörungstests zu unterziehen. Das habe ich getan. Die einzigen Ausfälle, die bislang aufgetreten sind, betrafen M1537, die Magnetspule, von der so viel Aufhebens gemacht wird.“

„Um welche Art von Ausfällen handelte es sich?“

„Der Anker fror ein,“ sagte ich. „Ich vermute, daß es an den Kugellagern lag. Wenn die Last auf ihnen zu hoch wurde, liefen sie nicht mehr konzentrisch.“

„Um welche Last handelte es sich?“ brummte er und ließ sich tiefer in seinen Sessel sinken. Er stützte die Ellenbogen auf die Armlehne und verschränkte seine behaarten Finger unter seinem Kinn.

„Ich habe den ganzen Schaltkreis in der Zentrifuge getestet, bei zwölf g,“ sagte ich. „Während der zwanzigtausend Durchläufe, die ich überprüft habe, schaltete die Spule normal. Aber sobald ich eine ungedämpfte Vibration mit einer Frequenz zwischen zwölf- bis fünfzehntausend Zyklen pro Sekunde hinzugefügt habe, konnte ich sie ziemlich schnell ausfallen lassen. Sagen wir nach etwa einer Stunde.“

„Um das zu erreichen, mußte die Vibration während des gesamten Testlaufs erfolgen?“

„Ja, Mr. Cleary.“

„Und wie erklären Sie sich, daß eine Vibration, die beim Start nicht länger als sechs oder acht Minuten auftritt, den gleichen Effekt auf M1537 an Bord eines Satelliten haben könnte, Mr. Seaman?“ Rauch quoll aus dem Pfeifenmundstück.

“Das brauche ich nicht zu erklären,“ sagte ich. Mir wurde allmählich unangenehm heiß. „Ich habe nur einen Weg gefunden, wie man ein Bauteil zum Ausfall bringt. Ich habe nicht behauptet, daß es so ausgefallen ist, oder daß es so konstruiert ist, daß es auf diese Weise ausfällt.“

“Und wofür sind Sie dann nütze?“ brummte Cleary.

Darauf hatte ich keine Antwort.

Er wiederholte seine Frage, seine blauen Augen funkelten. „Ich habe Sie gefragt, zu was Sie hier nütze sind, Seaman!“ sagte er, in vernehmlich lauterem Ton.

“Um die Zwischenschritte zu erledigen!“ blaffte ich zurück.

„So sehen Sie die Sache also?“

„Ja.“

„Na gut,” sagte Cleary und setzte sich auf. „Reden wir nicht mehr über Ihre Arbeit wie über eine wissenschaftliche Untersuchung, sondern als Bürointrige. Wär‘ Ihnen das recht?“

“Damit will ich nichts zu schaffen haben,“ sagte ich und hoffte, daß sich das nicht zu abwertend anhörte. „Ich führe meine Anweisungen aus. Der Leiter der Montageabteilung hat mich gebeten, einen Zerstörungstest durchzuführen. Ich habe den Test durchgeführt. Tut mir leid, daß es sich nicht um eine Schweißnaht ging. Es war eine Magnetspule. Und was hat das mit mir zu tun?“

“Vielleicht nichts,” gab Cleary zu und erhob sich aus seinem Sessel. Er trat ans Fenster und sah auf dem Parkplatz davor hinaus. „Sie können Ihr ganzes Leben hier als Versuchsingenieur zubringen, wenn Ihnen der Sinn danach steht.“

„Tut er nicht.“

„Und was streben Sie an, Mike?“ sagte er und dreht sich zu mir um.

„Ihren Job,“ sagte ich. „Irgendwann.“

* * *

Er nickte. „Gut gesagt,“ meinte er. „Aber wenn sie ihn wirklich wollen, dann müssen Sie lernen, daß sich das Geschäft zu neun Zehntel um Beziehungen dreht und um ein Zehntel um die Betriebsangelegenheiten. Sie wissen sehr gut – das haben Sie deutlich zu erkennen gegeben – daß Fred Stone alles daransetzt, damit ich meinen Posten früher als vorgesehen räume, und daß er Intrigen spinnt, um ihn zu bekommen, weil es andere gleichrangige Anwärter gibt. Bitte …“ er hob die Hand, „sagen Sie jetzt nicht, daß Sie das alles nichts angeht. Sie sind gerade in der ungewöhnlichen Lage, daß Sie entscheiden können, wie schnell Fred Stone seinen Anspruch für den Chefposten geltend machen kann. Und solange Sie bei Ihrer Haltung ‚ich führe hier nur die Tests durch und das Ergebnis kümmert mich nicht‘ bleiben, stehen Sie letztlich auf Fred Stone Seite. Ich brauche etwas von ihnen, und das wissen Sie. Wie entscheiden Sie sich also? Verfügen Sie in Ihrem Alter über genügend Urteilkraft, um sich für den Sieger zu entscheiden? Was ist, wenn der nicht Fred heißt? Ich kann ihnen das Fell über die Ohren ziehen, junger Mann.“

„Das hat mir Ihre schnippische kleine Brünette auch schon erklärt,“ sagte ich ihm. „Sie meinte, Sie würden jemanden wie mich zum Frühstück verputzen, und damit hatte sie recht.“ Ich stand auf.

„Wo wollen Sie hin?“ brummte er. Er stand immer noch hinter seinem Sessel.

„Mich nach einem anderen Job umsehen, Mr. Cleary. Irgendwo, wo man ein ehrliches Testergebnis als ehrliches Testergebnis gelten läßt und nicht als Schachzug in einem Intrigenspiel.“

„Ehrliches Ergebnis?“ wiederholte er und schnaubte. „War Ihr Test denn ehrlich? Was ist da draußen im Weltraum wirklich passiert?“

„Das hat mich niemand gefragt,“ sagte ich aufgebracht. „Meine Aufgabe bestand darin, einen Schaltkreis zu testen, bis er versagt.“

„Eine unredliche Aufgabe,“ sagte Claery. „Setzen Sie sich einen Moment.“

Nachdem wir uns beide abgeregt hatten, nahmen wir wieder Platz. Ich holte eine Zigarre aus meiner Westentasche, entfernte die Banderole und zündete sie an.

„Also, Seaman: ich gebe Ihnen jetzt einen ehrlichen Auftrag. Sie sind ein Versuchsingenieur. Sagen Sie mir, was da draußen im Weltraum passiert ist. Warum hat das Steuerelement versagt?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung,“ sagte ich.

„Dann finden Sie es heraus!“

Ich kaute auf meiner Zigarre. „Ohne die Bedingungen zu kopieren?“ warf ich ein. „Wie sollen wir das tun? Schwerelosigkeit – kein Luftdruck - lauter Zustände, die wir nicht im Labor nachbilden können.“

„Es ist mir völlig egal, wie Sie es schaffen,“ sagte er. „Aber wenn es meine Aufgabe wäre, würde ich mich erst mal hinsetzen, meine Pfeife anzünden und eine Woche lang darüber nachdenken. Wollen Sie’s versuchen?“

Ich stand wieder auf. „Ja, Sir,“ sagte ich. „Wenn ich die Original-Telemetriedaten hätte, könnte mir das vielleicht helfen, um einzuschätzen, wo der Fehler liegt.“

„So etwas hatte ich mir schon gedacht,“ sagte er und reichte mir einen dicken Heftordner. „Bitte sehr.“ Er stand ebenfalls auf und begleitete mich zur Tür. „Benötigen Sie sonst noch Angaben?“ fragte er mich, in erheblich freundlicherem Ton und faßte mich am Arm.

Ich schaute ihn an. „Was ist mit der Telefonnummer der Brünette da draußen?“ fragte ich, ohne den Stumpen aus dem Mund zu nehmen.

„Sylvia? Das ist eine streng vertrauliche Information,“ sagte er, während ein wissendes Lächeln über seine Züge glitt. „Aber sie verabredet sich nur mit Astronauten. Wenn Sie nicht wenigstens drei Erdumläufe hinter sich haben, brauchen Sie sie erst gar nicht zum Essen einzuladen.“

Ich blieb vor Sylvias Schreibtisch stehen, halb entschlossen, sie um eine Verabredung zu bitten. „Nun, Dr. Seaman,“ wollte sie wissen, während ich auf meinem Schnuller herumkaute. „Was haben Sie in Erfahrung gebracht?“

Ich dachte kurz nach. “Das vieles davon abhängt, wo man gefahrlos auftreten kann,“ sagte ich und atmete Rauch aus. „Und im übrigen heiße ich Mike.“

Sie rümpfte die Nase. “Wenn Sie denken, daß Paul Cleary nicht lang genug hier arbeitet, um nicht zu merken, daß Fred Stone ihm mit einem unsinnigen Test seine Stelle abluchsen will,“ sagte sie, „dann haben Sie noch einiges zu lernen!“

“Wenn er gewußt hätte, daß Cleary Sie hat, um auf ihn aufzupassen,“ sagte ich zu ihr, „dann hätte er es erst gar nicht versucht.“ Das brachte mir ein vernehmliches Schnaufen und ein wildes Schütteln ihres Lockenkopfs ihrerseits ein und mich vor der Idee ab, sie zum Abendessen einzuladen.

Die Telemetriedaten waren natürlich entschlüsselt worden, so daß sie für gewöhnliche Sterbliche lesbar waren. Eine Pfeife besaß ich nicht – vielleicht ein Hinweis, daß ich als Physiker nichts taugte – also zerkaute ich drei Tage lang Zigarren und dachte ernsthaft nach. Als ich damit fertig war, schlug ich unter „Shouff, Sylvia, Secy./Mgr./Dsgn.“ im Telefonbuch nach und rief meine Lieblingsbrünette an.

„Büro Mr. Cleary,“ sagte sie.

“Wann würde er Mr. Seaman gerne empfangen?“ versuchte ich es.

“Wahrscheinlich nie,“ sagte sie. „Aber ich vermute, daß ihm keine Wahl bleibt. Erledigt Fred Stone Ihre Botengänge denn nicht?“

„Ich erledige Fred Stones Botengänge, so haben Sie das doch gemeint, oder, Sylvia?“ fragte ich sie.

Hmpf. „Es hat um elf Uhr Zeit für Sie.“ Klick.

Paul Cleary hatte den Mantel abgelegt und studierte einen großen schwarzweißen Schaltplan, als mich die schniefende Sylvia in sein Büro führte. „Hallo, Mike,“ brummte er. „Ach Sylvia: Mike darf das hier eigentlich nicht zu sehen bekommen. Schaff‘ es weg, Liebling, laß es verschwinden!“

Sie rollte die Zeichnungen mit einer hastigen Bewegung zusammen, zog ein Gummiband herum und ging hinaus. Cleary wies mit seiner behaarten alten Pfote auf den Sessel neben seinem Schreibtisch.

“Sie haben also nachgedacht?“ fragte er und griff nach seiner bauchigen geschwundenen Pfeife.

“Woher wissen Sie das?”

„Meine Spione haben mir berichtet, daß Sie seit unserm Gespräch das Labor nicht mehr verlassen haben. Und Sie haben bestimmt noch mehr getan, als im Büro nur Trübsal zu blasen.“

„Ja.“

„Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Warum hat der Schaltkreis im Weltraum versagt?“

„Ich weiß es nicht.“

Seine buschigen Augenbrauen schossen empor. „Sie wissen es nicht? Ist das alles, wofür Sie COMCORP drei Tage lang bezahlt hat?“

„Ein Eingeständnis von Unwissenheit ist erheblich mehr wert als ein handfester Fehler,“ blaffte ich. „Die ehrliche Antwort lautet, daß in dem Steuerelement etwas den Schaltkreis unterbrochen und außer Funktion gesetzt hat. So weit ich es übersehe, besteht die Baugruppe aus ungefähr siebentausend Komponenten. Ich weiß nicht, welches davon ausgefallen ist. Ein paar kann ich ausschließen, weil sie nur zu einem Teilversagen führen würden. Aber dann bleiben noch hundert weitere Möglichkeiten, die zu den Daten passen würden. Und deswegen weiß ich es nicht.“

Er zündete seine Pfeife an und blies Rauch über den Schaft, ehe er mir antwortete. „Soso. Wir bezahlen hier also einen Philosophen,“ sagte er. „Ein Eingeständnis von Unwissenheit, ja? Und was folgt für Sie daraus?“

“Sagen Sie’s mir, Mr. Cleary. Sie sind hier der Dienstälteste.“

„Da haben Sie recht,“ sagte er gleichmütig. „Das bin ich in der Tat. Nun, mein Rat an junge Hüpfer lautet, daß Sie sich nicht schämen sollen, wenn sie etwas nicht wissen. Sie sollen es offen zugeben. Aber Sie sollten auch noch etwas anderes hinzufügen.“

„Zum Beispiel?“ fragte ich brummig.

„Sie sollten sagen, ‚ich weiß es nicht, aber ich weiß, wie ich es in Erfahrung bringen kann,“ sagte er. „Sagen Sie mir, Dr. Seaman – wissen Sie, wo Sie es herausfinden können?“

Zwei oder drei Minuten lang rauchte er seine Pfeife, während ich nachdachte. Das ist eine ziemlich lange Zeit, um über etwas nachzudenken. Die meisten Ideen kommen einem in dem Augenblick, in dem man ein Problem genau erkannt hat. Darin liegt der entscheidende, zentrale Punkt. Aber dieses Problem erforderte einiges an nachdenken, und er sollte den Eindruck haben, daß ich angestrengt nachdachte.

“Ja,” sagte ich schließlich. „Ich weiß, wo ich die Antwort finden kann.“

“Und wo?”

“Draußen im Weltraum.”

* * *

Die Reaktion war eine Menge Pfeifenrauch. „Sie meinen, hinzufliegen und sich den Satelliten im Weltraum anzusehen?“

„Ja. Ein anderer Weg, um das herauszufinden, fällt mir nicht ein.“

Er nickte. „Vielleicht haben Sie recht, Mike. Aber wissen Sie, was es kostet, um einen bemannten Satelliten zu starten?“

“Nun,” stimmte ich ihm zu. „Es gibt auch billigere Lösungen. Wir können jede Komponente in der Steuereinheit verstärken, sie unter verschärften Bedingungen testen, und wenn wir soweit sind, daß alle siebentausend Einzelteile jede nur denkbare Belastung aushalten, können wir die zwölf Telstars, die wir noch nicht gestartet haben, neu bauen und ziemlich sicher sein, daß der Fehler nicht noch einmal auftritt. Aber danach haben Sie mich nicht gefragt.“

“Wir müßten achtzehn umbauen,“ sagte er. „Die ersten sechs sind zu sechzig Prozent nutzlos. Sie müßten ersetzt werden.“

„Ich denke, Sie sollten trotzdem lieber jemanden schicken, der sich die Telstars in der Umlaufbahn ansieht,“ schlug ich vor.

„Im Namen der Wissenschaft, nicht wahr?“ brummte er.

“Nein, ich dachte eher daran, daß es vielleicht ausreicht, eine einfache Reparatur im Weltraum durchzuführen. Dann könnten Sie sich die zusätzlichen sechs Starts sparen.“

Er stand auf und ging zum Garderobenständer, um seinen Mantel anzuziehen. Die Ellbogen waren vom Aufstützen auf dem Schreibtisch glänzend abgeschabt. „Das könnte tatsächlich günstiger sein,“ sagte er. „Die ersten sechs befinden sich auf nur zwei Umlaufbahnen. Drei Telstars in zwei Umlaufbahnen, jeweils in hundertzwanzig Grad Abstand voneinander. Zwei Starts für eine Reparaturmission müßten ausreichen, wenn man es sorgfältig angeht. Habe Sie an so etwas gedacht?“

„So ungefähr.“

„Wir würden einen ziemlich ausgefallenen Mechaniker brauchen, Mike,“ sagte er, kam zurück, setzte sich auf die Tischkante und sah mich finster von oben herab an. Das war so ungefähr der freundlichste Gesichtsausdruck, den er zustande brachte.

“Ja,” pflichtete ich ihm bei. „Sie brauchen jemanden, der einen Test und eine Diagnose durchführt, und eine Reparatur ausführen kann.“

“Und der auch noch ein Raumfahrer ist,“ sagte er. „gibt es so jemanden?“

„Machen Sie einen,“ schlug ich vor.

Er sah noch ein wenig finsterer drein. „Erklären Sie das bitte,“ befahl er.

„Ich stelle mir das so vor, daß Sie jemanden aus unserem Labor nehmen, der weiß, wie man die Schalteinheit prüft, jemanden, der geschickt genug ist, um mit den Miniatur-Komponenten umzugehen und den Teil, der ausgefallen ist, ausbauen und ersetzen kann, und sie schulen Sie darin, mit einem Raumanzug umzugehen. Das dürfte erheblich schneller gehen als jemanden aus dem Astronautenkorps auszuwählen und ihm Festkörperphysik beizubringen.“

„Ja,“ gab er mir recht, während er seine Finger einer genauen Inspektion unterzog. „Ein hübscher Einfall, um Fred Stone und mir nicht mehr in die Quere zu kommen, junger Mann.“

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen. „Das hat mich die meiste Zeit gekostet,“ sagte ich, eine Spur zu selbstgefällig.

„Als Sie noch für die Zwischenschritte zuständig waren, haben Sie mir besser gefallen,“ nörgelte Cleary. „Aber es hört sich nach einer brauchbaren Idee an, und wir sollten eine Besprechung darüber abhalten.“ Er legte seinen Mantel wieder ab, hängte ihn an den Garderobenständer, ging zum Schreibtisch und griff nach dem Telefon.

„Sylvia? Bestellen Sie Fred Stone zu mir ins Büro, und kommen Sie auch mit herein. Das ist lieb von Ihnen.“

Er legte den Hörer auf und schenkte mir ein Lächeln, während er seine Pfeife wieder in Gang brachte. „Entspannen Sie sich,“ riet er mir. „Es dauert immer eine Weile, bis Fred Stone aufkreuzt.“

Ihm stand der Sinn offensichtlich nicht nach Smalltalk, und so zappelte ich unruhig in meinem Sessel, während er entspannt in seinem schaukelte. Nach guten zehn Minuten erschien die schöngelockte Sylvia mit Dr. Stone im Schlepptau.

* * *

Es blieb bei “Hallo Fred“ und „Hallo Paul,“ als sie zur Tür hereinkamen. Sylvia sagte kein Wort, aber sie warf mir einen heißen Blick zu, bevor sie die Ausziehplatte an Paul Clearys Schreibtisch hervorzog und sich mit ihrem Notizblock bereitsetzte.

Cleary bot Doc Stone etwas von seinem Tabak an, der höflich zurückgewiesen wurde. Dann fing der alte Mann an:

“Dein Dr. Seaman hat einen Vorschlag zu machen,“ sagte er mit sanfter, freundlicher Stimme und einem arglosen Gesichtsausdruck.

“Das ist schön,“ Doc Stone lächelte säuerlich. „Ich hab‘ dir ja gesagt, daß er ein guter Mann ist.“

„Hm-m-m,“ sagte Cleary. „Er sagt, daß seine Tests nicht klar zeigen, was mit der Schalteinheit in den Satelliten falsch gelaufen ist, und aus den Telemetriedaten nicht hervorgeht, ob es an der Konstruktion oder an der Montage liegt.“

„So, so,“ sagte Fred Stone. Ich kam zu dem Schluß, daß es Zeit wurde, mich für einen passenden Grabstein umzusehen.

„Ja,“ sagte Cleary. „Und er macht den Vorschlag, daß wir einen Mann in den Weltraum schicken, der sich die Telstars genauer ansieht, um herauszufinden, was genau falsch gelaufen ist. Und was noch besser ist: er glaubt, daß es vielleicht möglich ist, dabei auch eine Reparatur durchzuführen und sie wieder zum Laufen zu bringen. Die Vorteile dürften dir klar sein – schließlich befinden sie sich schon in der Umlaufbahn.“

„In der Tat,“ sagte Doc Stone und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Ein ganz schönes Abenteuer für einen einfachen Techniker.“

„Das habe ich mir auch gedacht,“ sagte Cleary. „Die Frage läuft darauf hinaus: wen schicken wir los? Mike hier ist der Ansicht, wir sollten jemanden aus seinem Labor nehmen, der sich mit den Satelliten und seinem Aufbau auskennt und ihn die Orientierung in einem Raumanzug beizubringen – er meint, daß das schneller ginge, als einen dieser Raumfahrer auf Techniker umzuschulen.“

„Ich denke, da dürfte er recht haben.“

„Dann sind wir uns soweit einig. Wen schicken wir?“

„Da bleibt uns kaum eine Wahl,“ sagte Dr. Stone und bedachte mich einem eiskalten Blick.

„So gut wie keine,“ stimme Cleary zu. „Der Leiter des Labors ist ohne Zweifel der beste Mann für den Job.“

Sie redeten über mich! Ich wollte mich nicht zwischen ihnen entscheiden, stimmts? Cleary wollte mich in meiner alten Funktion. Stone wäre‘ es am liebsten, wenn ich tot umfallen würde. Wenn ich mich nicht wehren würde, würde beide ihren Willen bekommen.

Ich öffnete den Mund. Cleary räusperte sich laut.

“Oh, Dr. Seaman!“ Sylvia gab ihr sorgfältig gehegtes Schweigen auf. „Was für eine aufregende Gelegenheit für Sie!“

Ich gaffte sie nur an. Immerhin hatte mir Cleary erzählt, daß sie nur mit Astronauten ausging. Der Weltraum machte sie an.

„Naja, wir haben ein paar Leute im Labor, die eine solche Chance verdienen …“ fing ich an.

„Unfug!“sagte sie rasch. „Die Idee stammt von ihnen, Herr Doktor, und Die verdienen auch den Ruhm dafür!“

„Und die Beförderung, die damit bestimmt verbunden ist - wenn Sie es schaffen,“ setzte Cleary hinzu.

„Jawohl!“ sagte Dr. Stone begeistert. Er war ganz offensichtlich der Ansicht, daß ich es nicht schaffen würde. Nun, das machte drei von uns, falls Sylvia nicht die Vierte im Bunde war.

„Vielen Dank auch,“ sagte ich, als Auftakt zur Ablehnung des Angebots.

„Gut, dann wäre das geklärt,“ sagte Cleary. „Das ist alles, Sylvia.“

Sie stand auf und ging. Sie hatte ihre Schmutzarbeit erledigt. Wenn mir nicht so elend zumute gewesen wäre, hätte ich sie für das bravuröse Teamwork glatt bewundern können.

Stone schüttelte mir mit einer nachgerade finsteren Genugtuung die Hand und folgte ihr nach draußen.

Damit nur noch Paul Cleary und ich übrig. „Das ist eine tolle Sache, junger Mann,“ sagte er.

Ich ertrug es nicht länger. „Sie sind ein Schwein!“ sagte ich zu ihm.

“Da haben Sie wohl recht, Mike,“ gab er zu, ohne sich groß aufzuregen. „Aber ein ziemlich gerechtes. Sie müssen zugeben, daß Ihnen das in gleicher Münze heimgezahlt worden ist. Sie hätten bloß ablehnen müssen.“

“In ihrer Gegenwart? Sie wissen genau, daß ich das niemals könnte.“

“Das hatte ich mir schon gedacht. Das ist einer der Vorteile, wenn man älter ist. Was weiß besser, wie die Jugend sich verhalten wird. Kommen Sie,“ sagte er und stand auf, um seinen Mantel wieder anzuziehen. „Wir müssen noch jemanden treffen.“

“Eine Sache noch,” sagte ich, als ich ebenfalls aufstand, „wo wir gerade die Karten auf den Tisch legen.“

“Ja?“

„Ich hatte daran gedacht, Sylvia zum Essen einzuladen. Aber beim letzten Mal war sie so kurz angebunden, daß ich darauf verzichtet habe. Und jetzt hat sie mich hier reingezogen, und dafür soll sie bezahlen. Wie komme ich an sie heran? Es wird noch etwas dauern, bis ich ein richtiger Raumfahrer bin.“

Er nahm die Pfeife aus dem Mund. „Dazu bedürfte es der Weisheit Salomons,“ entschied er. „Aber für den Anfang könnten Sie es mit Austern versuchen.“

(***)

Das erwies sich als ein recht guter Ratschlag. Ich trödelte lange genug, um Sylvia gegenüber die Austern aus Chincoteague zu erwähnen, die sie im Grand Central Terminal für das Fischragout verwenden, und wir machten einen Termin fürs Essen aus. Nur den Termin, nicht mehr, weil Claery es eilig hatte, mich jemandem vorzustellen.

Die Politik muß einen großen Teil unserer Geschäftangelegenheiten bilden. Der Mann, mit dem wir uns trafen, gehörte zur Regierungsseite von COMCORP, und ich nehme an, daß er ebensoviel Zeit damit zubrachte, vor Senatsausschüssen die Ausfälle beim Telstar-Programm darzulegen wie Paul Cleary es vor dem Vorstand von Western tun mußte. Er suchte ebenso händeringend nach einem Ausweg wie Paul.

Es folgten zahlreiche Kommissionssitzungen, bevor genügend Leute zu der Überzeugung kamen, daß der günstigste Ausweg darin bestand, jemanden loszuschicken, um die ausgefallenen Telstars zu reparieren. Die Frage war nur, ob das möglich war.

Wir gingen das Problem von zwei Seiten an. Zum einen setzten wir ein Team auf die Frage an, ob das Dyna-Soar-Raketenflugzeug so modifiziert werden konnte, aß sich damit drei Rendezvousmanöver pro Umlaufbahn durchführen ließen, mit zwei Mann Besatzung an Bord und genügend Luft und Treibstoff. Und bei COMCORP stellten wir ein Team zusammen, das die Durchführung einer Reparatur in der Umlaufbahn vorbereiten sollte.

Cleary setzte mich als Chef unseres Teams ein. Sie besorgten mir einen echten Telstar-Satelliten für unser Labor, und ich machte mich an die Arbeit.

Moderne elektronische Vorrichtungen bestehen aus Millionen von Bauteilen, und Telstar bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Einer der ungewollten Vorteile, den Amerika aus dem Pech mit seinen Raketenstarts, im Vergleich zu den Russen, gezogen hat, war eine Forcierung der Miniaturisierung. Unsere Ingenieure haben es fertiggebracht, fast alles auf ein Zehntel der eigentlich notwendigen Größe zu reduzieren, und trotzdem noch zu laufen. Um all diese winzigen Komponenten in ein einziges System zu integrieren, werden sie auf Platinen montiert. Beim Telstar ist jeder dieser langen schmalen Stäbe aus durchbohrtem Aluminium drehbar an den Streben des Rahmens befestigt, so daß sie sich für Tests oder zum Austausch nach außen schwenken lassen. Das ist der Grund, aus dem die Ingenieure jede dieser Komponenten als „Tor“ bezeichnen.

Ich brachte ein paar Wochen damit zu, daß ich lernte, wie ich jede infrage kommende Bauteil aus seinem Tor ausbauen konnte. Meistens war dafür ein Schraubenzieher nötig. Manchmal mußte ich eine weiche Aluminiumniete aufbohren. Das Problem war, daß sich einige dieser Komponenten so tief im Inneren des Satelliten befanden, daß ich Verlängerungsstücke brauchte, selbst wenn die Tore daneben weit aufgeklappt waren.

Natürlich mußte ich mir dabei vorstellen, wie dies im Weltraum ablaufen würde. Ich würde einen Raumanzug tragen, dicke Handschuhe tragen, und wenn ich eine Schraube löste, die sich in einer schweizer Taschenuhr gut ausgemacht hätte, hatte ich keine Werkbank, auf der ich sie ablegen, wenn die die nächste an der Reihe war. Und am Ende mußte sie wieder eingesetzt werden.

Je länger ich damit übte, desto schwieriger erschien mir die Aufgabe. Es ging nicht nur darum, daß die Bauteile schwerelos im Raum schwebten. Gemäß der Theorie bleiben sie auf ihrer Umlaufbahn. In der Praxis erweist es sich als unmöglich, die Hand still zu halten und sie loszulassen, ohne den winzigen Teilen eine geringe Eigenbewegung zu verliehen. Schlimmer noch: sie ließen sich nicht entsprechend positionieren, wenn man sie wieder einbauen wollte. Selbst hier unten, mit festem Boden unter den Füßen und bei Schwerkraft verlor ich die winzigen Schrauben immer wieder. Magnete halfen nicht, weil die Schrauben aus guten Gründen aus nichtmagnetischem Metall gefertigt waren. Manche bestanden aus Gewichtsgründen aus Duraluminium. Manche bestanden aus Siliziumbronze. Keine bestand aus Stahl.

Damit waren wir wieder beim Labor, um herauszufinden, was passieren würde, wenn wir Stahlschrauben verwenden würden. Die überraschende Antwort war: nichts Besonderes. Damit hatten wir schon eine brauchbare Lösung. Ich ließ jeweils ein paar Tausend der vierunddreißig verschiedenen Befestigungselemente aus Stahl fräsen und magnetisierte eine Pinzette. Das Ergebnis war, daß ich die Schrauben wieder in die Bohrgewinde einsetzen konnte, ohne sie zu verlieren, besonders nachdem ich kleine Streifen von Alnico auf die Spitzen der Pinzette gesetzt hatte, was einen starken Magneten ergab. Dann brauchten wir noch einen Winkelschraubenzieher mit einer Sperrklinke, mit dem ich gut einen Meter weit ins Innere langen und 0-80er Kreuzschlitzschrauben anziehen konnte. Dafür benötigten wir eine Rutschkupplung und noch ein paar technische Tricksereien.

Es war der ausgefallenste und teuerste Schraubenzieher aller Zeiten. Der Handgriff war gute zwei Fuß lang. Damit ergab sich das Problem, wie ich meinen Arbeitsbereich einsehen konnte. Einer unserer Jungs bastelte eine Binokularlupe mit langer Brennweite, so daß ich die Schraube auch noch aus einem Meter Entfernung unter zehnfacher Vergrößerung sehen konnte. Der Nachteil war, daß infolge der langen Brennweite das Bildfeld nur etwa den sechsfachen Durchmesser des Schraubenkopfs aufwies und mein Kopf sich mit jedem Herzschlag genug bewegte und ich die Schraube aus dem Blick verlor.

* * *

Zu diesem Zeitpunkt übte ich bereits in einem Übungsraumanzug – der eigentliche Raumanzug wurde gerade anhand der Maße eines Ganzkörperabgusses angefertigt. Unsere Jungs bauten einen Bügel, mit dem ich meinen Helm fest am Satellitenrahmen arretieren konnte, und einen Rahmen innerhalb des Helms, gegen den ich meinen Kopf drücken und in fester Stellung halten konnte, um die Lupe stabil ausgerichtet zu halten. Irgendwann ging ich zu Paul Cleary und sagte zu ihm, daß ich die nötigen Tests durchführen konnte, die betroffenen Teile ausbauen und sie ersetzen könnte.

„Also alles paletti, oder?“ sagte er und griff nach seiner Pfeife.

„Keineswegs, Mr. Cleary. Aber ich weiß jetzt, welche Probleme auftreten können, und unser Labor kann brauchbare Lösungen finden. Einge der schwierigsten haben sich als die einfachsten erwiesen.“

„Zählen Sie mal drei auf,“ schlug er vor.

„Zum Beispiel die Schrauben. Wenn ich sie herausschraube, werfe ich sie weg in den Raum. Für den Zusammenbau verwende ich magnetische Schrauben, also brauche ich sie nicht mehr. Doug Foley hat eine Vorrichtung nach dem Prinzip eines Münzspenders gebaut, die jeweils eine Schraube nach der anderen für meine Pinzette freigibt, und ich habe einen ausreichenden Vorrat an allen vierunddreißig Größen bei mir.“

„Nummer eins,“ zählte er mit seinem behaarten Zeigefinger.

„Wir können beidseitig beschichtetes Klebeband, das auf Druck reagiert, verwenden, um andere Teile zu fixieren. Wir zeichnen das Konstruktionsschema darauf, kleben es in Griffweite auf einen Teil des Satelliten, der noch nicht geöffnet ist, und sobald ich ein Bauteil ausgeschraubt habe, drücke ich es auf die entsprechende Stelle des Diagramms. So finde ich sie beim Zusammenbau sofort.“

„Am absoluten Nullpunkt?“ fragte er spöttisch. „Da wird die Klebefläche doch hart wie Glas.“

„Wir drehen den Satelliten ins Sonnenlicht,“ sagte ich. „Das wärmt ihn auf. Und wenn es nötig sein sollte, legen wir zwischen die beiden Klebeflächen eine Drahtspirale, schließen sie an die Batterie des Telstar an und heizen sie so.“

„Könnte funktionieren,“ gab er brummig zu. „Nummer zwei. Was ist mit dem Raumanzug?“

Das hatte sich als schwieriger erwiesen. Bis jetzt waren etwa vierzig oder fünfzig Männer von Cape Canaveral aus zu einem Raumflug gestartet und wieder gelandet, und es hatte Rendezvousmanöver als Vorbereitung für den Mondflug gegeben. Aber bislang hatte sich noch niemand an einen Ausstieg im freien Raum gewagt.

Sie hatten einen Swimmingpool mit Salzwasser in hoher Konzentration gefüllt, in dem ich keinerlei Auftrieb hatte, und ich hatte Tauchgänge im Raumanzug absolviert. Die Schwierigkeit bestand in der Beweglichkeit, und natürlich was es unmöglich, Bewegungen ohne jeden Reibungswiderstand zu simulieren. Egal wie ich mich bewegte, brachte mich der Widerstand der Salzwasserlösung sofort zum Stillstand. Draußen im Weltraum würde ich darauf achten müssen, wie ich mich bewegen mußte und daß jede Kraft zu einer Bewegung führt, die sich so lange fortsetzt, bis sie auf eine gleichstarke Kraft trifft.

Die Theorie dahinter war schon lange vorher ausgearbeitet worden. An meinen Raumanzug waren zwei kleine Raketen montiert worden. Die eine wies nach hinten, die andere befand sich vor meinem Bauch und wies nach vorn. Zwei Druckbehälter enthielten einen Vorrat an Hydrazin und Salpetersäure, die mittels eines Ventils in winzigen Portionen in eine ebsengroße Brennkammer injiziert wurden. Sie waren Selbstzünder, und resultierten in einem winzigem Feuerstrahl, der ein paar Dyn Schub erzeugte, solange das Ventil geöffnet war. Es hatte nur zwei Stellungen – geöffnet oder geschlossen. Die Navigation erfolgte durch das Öffnen des Ventils, bis ein wenig Schub aufgebaut worden war, und antriebsloser Drift, bis die andere Rakete den entgegengesetzten Schub erzeugte.

Die Lufttanks auf meinen Rücken stammten von einer ganz normalen Taucherausrüstung.

Die meiste Arbeit hatten uns die Handschuhe gekostet. Zuerst hatten wir den Wärmeverlust als das eigentliche Problem angesehen, aber es erwies sich als komplizierter. Dort draußen im Vakuum ist der Wärmeverlust nicht hoch, und in die Handgriffe meiner Werkzeuge waren Heizvorrichtungen eingebaut worden, so daß keine Wärmeabfuhr durch meine Handschuhe erfolgte und ich mir die Finger abfror. Das Problem bestand vielmehr darin, einen Handschuh zu entwerfen, der bei einem Innendruck von drei oder vier Pfund pro Quadratzoll noch flexibel genug war, damit ich meine Finger akkurat bewegen konnte. Wir fertigten einen ziemlich dünnen Handschuh an, der aber unter dem Druck starr wurde und diffiziles Arbeiten fast unmöglich machte. Es war, als wollte man mit einem Fäustling eine Gehirnoperation durchführen.

Schließlich bekam ich poröse Handschuhe, die jedes Mal Luft verloren, sobald ich die Finger bewegte. In der Dyna-Soar-Rakete, die sich in der Nähe befinden würde, gab es genügend Luft zum Nachtanken. Wir hofften jedenfalls , daß das funktionieren würde. Mit diesen Handschuhen konnte ich präzise genug arbeiten, und wir hofften nur, daß die austretende Luft trocken genug war, um keine Dunstwolke um mich herum zu bilden, oder als Reif auf den Handschuhen niederzuschlagen. Das konnten wir nicht mit den Mitteln, die uns zur Verfügung standen, testen.

Jedes Team hatte neunzig Tage lang gearbeitet. Es heißt, daß das eine äußerst knappe Zeit ist, um Vorbereitungen für einen Start zu treffen. Aber am Ende dieser drei Monate war ich ausreichend darauf vorbereitet, den Job zu erledigen, und wir waren innerhalb der Gewichtsbeschränkung geblieben, die man uns gesetzt hatte. Ich war zwar noch keine wandelnde Reparaturwerkstatt, aber es gab vieles, was ich erledigen konnte.

* * *

Neunzig Tage hatten für ein paar Verabredungen mit Sylvia ausgereicht. Nach Büroschluß war sie nicht mehr ganz der Drachen, der über Paul Cleary wachte, obwohl der leiht aufzuwecken war.

Unsere letzte Nacht in New York, bevor ich zum Cape abreiste, verbrachten wir bei Sweets, einem altmodischen Fischrestaurant auf der Fulton Street. Nach den üblichen Austern bestellten wir gebratenen Blaubarsch, und ließen es uns auch sonst gutgehen. Sie servieren dort hervorragenden Apfelkuchen und wir gönnten ihn uns zum Kaffee.

“Hast du Angst?” fragte mich Sylvie.

“Wovor?“ fragte ich unschuldig.

„Vor dem Weltraum – so ganz allein im Nichts?“

„Ja,“ gab ich ihr eine ehrliche Antwort. „Ich habe Todesangst. Was ist, wenn ich Magenprobleme bekomme? Es heißt, daß die Hälfte aller Raumfahrer, die in der Umlaufbahn gewesen sind, sich übergeben mußten oder ihnen schwindlig geworden ist. Was ist, wenn wir uns alle diese Mühe gegeben haben und ich trotzdem raumkrank werde?“

„Was ist, wenn du abtreibst und nicht zurückkommen kannst?“ sagte sie. „Das ist ja nicht so, als ob du einfach ans Ufer schwimmen könntest.“

„Irgendeinen Weg würden wir schon finden,“ sagte ich, aber in meinen Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus.

In dieser Nacht küßte sie mich zum Abschied das erste Mal. Es war kein intensiver Kuß, weil wir in der Eingangshalle ihres Miethauses standen, und sie mich nicht mit nach oben bitten wollte, weil sie das nie tat. Aber sie sagte: „Komm schnell wieder.“

„Darauf kannst du dich verlassen, Shouff,“ sagte ich, mit einem bitteren Gefühl im Magen.

Wenn ich geahnt hätte, was mich am Cape erwartete, hätte ich mich noch um einiges erbitterter gefühlt. COMCORP flog mich mit einem unserer Privatjets hin, mit Paul Cleary als Gesellschaft. Er stellte mich den hohen Tieren vor, und wir mußten einige Sitzungen über uns ergehen lassen, während unser Vorhaben einer Gruppe waschechter Raumfahrer vorgestellt wurde. Dann ließen sie diese Meute auf mich los.

Ich war in keiner Weise darauf vorbereitet. Cleary und Fred hatten mir während der drei Monate den Rücken freigehalten, und ich war jetzt endlich soweit, daß ich fest davon überzeugt war, daß ich mein Metier verstand. Diese Profis verschwendeten keine Zeit, um mir die Luft rauszulassen.

Mein oberster Quälgeist war ein Schlaumeier aus Brooklyn namens Sid Stein. „Wie sind Ihre Zentrifugentests ausgefallen?“ fragte er mich beim Frühstück am ersten Tag nach meinem Eintreffen am Cape.

„Das habe ich bisher noch nicht mitgemacht, Mr. Stein,“ sagte ich.

„Nun, wieviel G schaffen Sie?“

Ich zuckte die Achseln. „So viele wie Sie, nehme ich an.“

„Du meine Güte!“

Der Weltraummediziner erwies sich als keinen Deut besser. Der Flugleiter bestand darauf, daß aus Fragen der Sicherheit nur jemand starten durfte, der die vorgesehenen Tests bestanden hat. Sie wissen bestimmt, daß das nur für einen unter tausend Bewerbern zutrifft. Natürlich wollten sie mich disqualifizieren.

„Eine bemerkenswerte Kondition,“ meinte der Weltraummediziner immer wieder. „Sie trainieren bestimmt viel, Doktor.“

„Ach was,“ sagte ich. „Eine Meile Dauerlauf vor dem Frühstück. Nichts Besonderes.“

„Sonst kein Sport?“

„Nein,“ knurrte ich. „Nur Schwimmen, Fechten und Gewichtheben. Boxen und Handball habe ich aufgegeben.“

„Und trotzdem in aufgezeichneter Form geblieben,“ meinte er. „Sie werden die anderen schwer enttäuschen.“

„Denken Sie daran,“ sagte Stein nach einer Woche immer neuer Tests zu mir. „Lassen Sie sich von diesen Prüfungen nicht irreführen. Die beweisen nur, daß Ihr Herz noch schlägt. Der entscheidende Punkt ist die Einstellung. Doc, ich denke, Sie sollten Ihre Entscheidung, da draußen im Weltraum herumzutrudeln, noch einmal überdenken. Wir haben hier eine Menge erfahrener Leute, und von denen denkt keiner daran, sich darauf einzulassen.“

„Es eilen Narren, wo die Engel zögern, nicht wahr, Mr. Stein?“

„Genau.“

Währenddessen bekam ich jeden Tag einen Anruf von Paul Cleary. Normalerweise hätte ich ihn abgewimmelt, aber ich hatte immer erst Sylvia an Apparat, und wir konnten eine Minute mitunter miteinander plauschen, bevor sie mich zu ihrem Chef durchstellte. Ich bin sicher, daß sie alle Gespräche mithörte. Aber ihre ersten Sätze hatte eine tödliche Wirkung. Zum Beispiel:

„Mike! Hi, Mike! Mr. Claery möchte wissen, wie es dir geht.“

„Gut. Stell mich durch.“

„Sofort. Ich find‘s toll, daß du die letzte Untersuchung bestanden hast, Mike. Du kannst einen richtig in die Irre führen. Ich hätte nie gedacht, daß du so eine eiserne Kondition hättest.“

„Gesunde Lebensführeng,“ sagte ich. „Keine Frauengeschichten.“

„Das will ich dir auch geraten haben!“

„Mach dir keine Sorgen. Wie sollte ich hier unten wohl Frauen kennenlernen? Sobald ich mal Pause von meiner Arbeit hier mache, kriege ich nur Bikinis zu sehen.“

„Hör auf damit!“ kicherte sie und stellte mich zu Cleary durch.

* * *

Schließlich kam der Tag, an dem der Flugdirektor mich in sein Büro bat.

„Kommen Sie rein, Mike, kommen Sie rein,“ sagte er kurzangebunden. „Setzen Sie sich.“ Er lehnte sich an seinen Schreibtisch und machte aus seinem herzen keine Mördergrube, wie man so schön sagt.

„Ich will ehrlich mich ihnen sein, Mike. Wir haben alles in unserer macht versucht, um Sie von dieser Mission auszuschließen. Niemand hier am Cape ist scharf darauf, einen reinen Theoretiker, einen Amateur, in den Weltraum zu schießen und ihm so eine Mission, wie Sie sie sich ausgedacht haben, anzuvertrauen. Das kann nur schiefgehen, weil Sie nicht der richtige Mann für den Job sind. Von Ihrer Kondition her schon, das stimmt. Aber von der Einstellung und der Erfahrung her reicht es einfach nicht. Sie sehen das hier wie eine Ihrer Laboraufgaben an. Stattdessen ist es eine gewaltige körperliche und geistige Herausforderung. Dieses Land hat noch keinen Mann im Weltraum verloren - und Sie werden die Schuld am ersten Verlust tragen. Und Sie selbst werden dieses Opfer sein. Ich bitte Sie hiermit, von Mann zu Mann, daß Sie förmlich darauf verzichten.“

„Und die Mission damit beende?“

„Wir werden einen unserer Männer dafür ausbilden,“ sagte er.

„In zwei oder drei Jahren werden Ihre besten Leute das vielleicht schaffen können,“ sagte ich. „Ich glaube nicht, daß COMCORP soviel Zeit verschwenden möchte. Und außerdem,“ fügte ich in schmeichlerischem Ton hinzu, „brauchen Sie mich ja nur abzulehnen. Erklären Sie einfach, daß ich nur eine Gefahr darstelle – und damit basta.“ Ich gönnte ihm ein breites Lächeln. Ich hatte Paul Clearys Lektion gelernt. Mir war klar, wie die professionellen Raumfahrer darauf reagieren würden.

Er sagte: „Glauben Sie wirklich, einer von denen würde zugeben, daß er nicht für eine Mission bereit ist, die sich ein einfacher Techniker zutraut? Nein! Und von ihnen kann ich auch nicht verlangen, daß sie darauf verzichten!“

„Wann starten wir?“ fragte ich.

* * *

Sid Stein wurde mir als Pilot zugeteilt. Er war bereits vier Mal mit der Dyna-Soar in der Umlaufbahn gewesen und galt als die beste Garantie, mich heil dorthin und wieder zurück zu bringen. Er war auch derjenige, der am wenigsten davon überzeugt, daß ich das Recht hatte, mit ihm eine Kabine zu teilen.

Seine letzte Einweisung war typisch. „Das hier ist ein Raumschiff, Doc,“ sagte er mit eisiger Stimme. „und Sie sollten das mit dem ‚Schiff‘ wörtlich nehmen. Ich führe hier das Kommando, und jedes meiner Worte, jeder Rülpser, ist hier Gesetz. Haben Sie verstanden? Das hier ist meine Mission, und ich sage Ihnen, wo Sie Ihre Füße hinsetzen dürfen.“

„Verstanden,“ sagte ich. „Wer reißt sich um so etwas?“

„Verstehe nicht, warum Sie das tun.“

„Ich zahle es nur jemandem heim,“ sagte ich. „Also bis morgen?“

* * *



Der Start war eine langwierige Angelegenheit. Achtzehn Stunden vor dem Abheben stiegen Sid und ich in einen Drucktank, so daß wir keinen Stickstoff mehr im Blutkreislauf hatten. Wir atmeten die übliche Mixtur aus Helium und Sauerstoff bis vier Stunden vor der Stunde H. Ich durfte nicht einmal rauchen. Dann legten wir die Raumanzüge an und wurden mit einem Kran in die Pilotenkabine der Nelly Bly, wie wir unseren Raketengleiter getauft hatten, gehoben. Die Luke stand offen, aber wir waren in unseren Anzügen fest angeschnallt. Sie waren für diese Mission etwas modifiziert worden. Statt des üblichen Metallhelms mit einer Frontscheibe, hatten wir Kugelhelm aus transparentem Kunststoff. Ihre Basis war breit genug daß wir, wenn es nötig werden sollte, die Arme aus den Ärmeln des Raumanzugs ziehen und die Innenseite des Helms säubern konnten. Das war eine Vorsichtsmaßahme, falls ich mich Raum übergeben mußte, was aller Erfahrung durchaus ein Risko darstellte. Zudem war ich vorher mit Tabletten gegen Übelkeit abgefüllt worden.

Diese Raumfahrer haben ihren eigenen ganz besonderen Wortschatz und eine ganz besondere Art, sich während des Countdowns ruhig und entspannt zu geben. Ich kenne mich mit komplizierten Geräten einigermaßen aus, aber sie prüften Vorrichtungen, von denen ich noch nie gehört hatte. Da gab es Kreisel – selbst die Kreisel hatten Steuerkreisel. Und es gab Tanks, und Drücke, und Temperaturwerte und Spannungsangaben und weiß der Geier noch was. Es war ziemlich eindrucksvoll.

Auf der Gangway waren Männer in Schutzanzügen damit beschäftigt, die Sauerstoffzuleitung zum Schiff abzuklemmen und die Liuke zu schließen. Sid reckte sich von dem Sitz, auf dem er lag, hoch und verriegelte sie fest.

„Roger,“ sagte Sid zu jemandem, wie er es schon den ganzen Morgen lang getan hatte.

Aus der Treibstoffzuleitung quoll jetzt kein weißer Rauch mehr, daher wußte ich, daß unsere Tanks jetzt gefüllt und versiegelt waren und der Start unmittelbar bevorstand.

„Es ist soweit, Seaman,“ sagte Sid Stein. „Jetzt bewegen Sie sich um Himmelswillen ja nicht, sagen Sie nichts, bleiben Sie einfach so liegen. Ich habe hier das Kommando.“

Das war Unfug. In Wirklichkeit hatte er nichts zu erledigen, bis wir die Umlaufbahn erreicht hatten. Die empfindlichen Beschleunigungsmesser und die Trägheitsnavigation übernahmen die gesamte Steuerung bis zum Brennschluß der zweiten Stufe. Aber ich sagte nichts. Es hatte noch einiges während des Fluges zu erledigen, und es konnte sein, daß ich auf seine Hilfe angewiesen war.

* * *

Als die Rakete abhob, erfolgte es so sanft wie der Flügelschlag einer Taube. Aber während wir unseren Treibstoff verbrannten, entfaltete unsere Apollo-Rakete ihren vollen Schub von zwanzig Millionen Pfund, und mir begann schwarz vor Augen zu werden. Der Beschleunigungsmesser zeigte zehn G an, als ich ihn nicht mehr ablesen konnte. Später erfuhr ich, daß der Spitzenwert in den Sekunden vor dem Brennschluß der Startstufe bei elf G gelegen hatte. Ich hatte jedenfalls wenig Freude daran.

Die zweite Stufe, angetrieben von flüssigem Wasserstoff ging los, wie ein gesengtes Maultier, und wir beschleunigten mit zehn G, so daß ich während der ganzen vier Minuten der Brenndauer fast nichts mehr erkennen konnte. Im meinem Kopfhörer konnte ich Sids laufend wiederholtes „A-OK“ und „Roger“ hören. Hier ging die Post ab!

Unsere Dyna-Soar war für diese Mission umgebaut worden. Im Grunde handelt es sich um einen Gleiter mit deltaförmigen Flügeln mit einem kantigen Rumpf in der Mitte. Die Umbauten hatten darin bestanden, daß auf die zweite Raketenstufe noch eine dritte gesetzt worden war, so daß Sid uns in der Umlaufbahn von einem Telstar zu nächsten bringen konnte, wenn falls ich den ersten erfolgreich repariert hatte. Für die Bremsraketen war ein Vielfaches des üblichen Treibstoffvorrats vorgesehen, so daß er eine Vielzahl von Bremsmanövern durchführen konnte. Das gleiche galt für die Steuerdüsen.

Während des Starts stand die Kabine nicht unter Druck. Der Kabinendruck fiel schnell ab, wie wir spüren konnten, als sich unsere Raumanzüge aufblähten, bis ihr Innendruck bei dreieinhalb Pfund stand. Die Dekompression bereitete uns keine Probleme, weil der Stickstoff in unserer Atemluft durch Helium ersetzt worden war. Weil wir zu zweit waren, konnten wir uns gegenseitig neue Lufttanks nach Bedarf auswechseln. Wir hatten genug Luft und Wasser für achtundvierzig Stunden. Da unsere Diät während der letzten Woche keine Ballaststoffe enthalten hatte, sollten wir es gute zwei Tage in den Raumanzügen aushalten können. Die Anzüge verfügten natürlich über Sprechfunk, und wir konnten uns über eine Entfernung bis zu einer Meile verständigen.

Der Brennschluß der zweiten Stufe erfolgte schlagartig, und wir wurden leicht in unsere Sicherheitsgurte gedrückt, als die Federung in unseren Sitzen sich wieder ausdehnte. Und ich bekam meinen ersten Vorgeschmack auf die Schwerelosigkeit. Jeder altgediente Astronaut, mit dem ich am Cape gesprochen hatte, hatte auf eine andere Art versucht, mich mit der Vorstellung von einem endlosen Fall zu erschrecken, und jeder hatte einen anderen Vorschlag, wie man damit umgehen sollte. Dessenungeachtet krallte ich mich an den Armlehnen meines Sitzes fest, um nicht ins Leere zu fallen. Ich wandte den Kopf und konnte im Licht der Instrumentenanzeigen erkennen, wie mich Sid hinter seiner durchsichtigen Helmkugel höhnisch angrinste.

„Na, wie schmecken die Äpfel?“ klang seine Stimme in meinem Kopfhörer.

„Der erste Schritt ist immer der schwerste,“ sagte ich und versuchte, fröhlich zu klingen. Mir war hundeelend zumute.

„Sagen Sie Bescheid, wenn Sie genug haben,“ schlug er vor. „Ich habe hier noch einiges zu erledigen.“

Das wußte ich. Wir waren es hundert Male durchgegangen. Wenn wir die korrekte Umlaufbahn erreicht hatten, befand sich die Nelly Bly im selben Orbit, den die drei Telstars verfolgten und schlossen mit mehreren hundert Meilen pro Stunde zu Nummer Eins auf. Unten auf der Erde verfolgen Radaranlagen auf der ganzen Welt unseren Kurs, und Sid tauschte sich über Funk mit ihnen aus.

Als sich mein Magen entschlossen hatte, mich nicht im Stich zu lassen, hatte er folgendes zu berichten:

„Es könnte schlimmer sein,“ sagte er. „Wir bewegen uns um einiges schneller, als mir lieb ist, aber wir sind auf dem richtigen Kurs. Unsere Umlaufbahn weicht um einiges von den vorgesehen Werten ab, Seaman. Wegen der höheren Geschwindigkeit verläuft sie etwas exzentrischer. Sie bringt um ein paar hundert Meilen höher als die Satelliten, die wir verfolgen. Können Sie soweit folgen?“

„Ganz langsam, Sid. Bremsen wir jetzt ab?“

„Ich werde die Bremsraketen zünden und unsere Geschwindigkeit an die unseres Ziels reduzieren,“ sagte er. „Das dürfte unsere Umlaufbahnen weitgehend angleichen. Falls Sie das schaffen, setzen Sie sich an den Schirm. Ich berechne die Zündung für die Bremsraketen.“

* * *

Sie hatten mich als Amateur-Radartechniker angelernt, weil es sich um eine anspruchslose Aufgabe handelte und auf diese Weise Sid mehr Zeit für Kurskorrekturen blieb. Ich wurde hart in meinen Gurt gepreßt, als er die Bremsrakete für einige Sekunden zündete.

„Fertig,“ erklang Sids Stimme in meinem Ohr. „Wir sollten uns unserem Ziel mit etwas fünfzig Meilen pro Stunde nähern. Wir sollten es am besten nicht rammen. Haben Sie schon ein Echo?“

„Noch nicht. Wie weit sind wir noch entfernt?“

Er schaltete die Kabinenbeleuchtung ein und tippte auf dem Rechner, den er von der Wand geklappt hatte. „Gute hundert Meilen noch, schätze ich.“ Er wand sich ein wenig in seinem Anzug und betätigte einen Schalter in Höhe seines Nackens und ich konnte ihn wieder mit einer Bodenstation sprechen hören und hörte die Antwort aus Woomera. Wir waren noch achtzig Meilen entfernt und bewegten uns etwas tiefer als der Satellit, dem wir folgten.

„Wir können leider nicht beides zugleich haben, Mike,“ erklärte Sid, der mich jetzt zum ersten Mal mit meinem Namen angeredet hatte. „Sobald wir uns langsamer bewegen, sinken wir notwendigerweise.“ Er setzte die Steuerdüsen ein, die wie die Antriebe meines Raumanzugs mit Hydrazin und Salpetersäure betrieben wurden, und richtete die Nelly Bly neu aus. Ein kleiner Stoß aus der vorderen Düse, und ich fing mein erstes Echo auf.

„Da!“ sagte ich und legte den Finger auf die Planpositionsanzeige. „Schalten Sie das Licht aus, Sid, damit ich den Schirm ablesen kann.“

Er schaltete die Kabinenbeleuchtung aus und folgte meinen Anweisungen mit winzigen Stößen, manchmal durch die Bremsraketen, dann wieder durch die Lagekontrolldüsen, während ich uns näher an unser Ziel manövrierte.

Unser Radar zeigte nur Entfernungen von mehr als einer halben Meile zuverlässig an. Als wir uns so weit genähert hatten, schaltete ich den Suchscheinwerfer ein und blickte zum ersten Mal durch die vordere Luke wirklich in den Weltraum hinaus.

Er ist schwarz. Nichts – gar nichts bereitet einen darauf vor, wie dunkel es dort draußen wirklich ist. Das war der erste Schock für mich. Sicher, ich hatte im Dunkeln geübt, mit meiner Helmlampe als einziger Lichtquelle bei meinen Übungen, aber diese Dunkelheit war anders. Unser Scheinwerfer hatte keinen Lichtkegel – man konnte nicht einmal erkennen, ob er überhaupt eingeschaltet war. Zuerst dachte ich, das wir den Satelliten ausmachen könnten, wenn er den einen oder anderen Stern verdeckte, aber ein kurzer Überschlag ergab, daß ein Objekt von sechs oder acht Fuß Durchmesser in einer Entfernung von einer halben Meile einen nennenswerten Winkeldurchmesser aufweisen dürfte.

Ich kam zu dem Schluß, daß wir den Lichtkegel unseres Scheinwerfers zu eng gebündelt hatten – und in diesem Augenblick blitzte es draußen im Weltraum auf, und ich fing unser Ziel vorsichtig wieder ein.

„Hab‘ ihn,“ sagte ich.

„Klasse!“ sagte Sid und setzte sich wieder an die Lenkkontrolle. Es brauchte viel Zeit und Geduld, aber dann schwebten wir nur noch gute fünfzig Fuß von unserem Ziel entfernt. Wir befanden uns weiter draußen im Raum, so daß die dunkle Masse des Satelliten sich als Umreiß vor der hellen Erdsichel abhob. Ich schaltete den Suchscheinwerfer aus und das Flutlicht ein.

„Nichts für ungut, Sid!“ sagte ich, und löste die Verschlüsse der Abdeckung über unseren Köpfen.

Eine Stimme meldete sich in meinem Kopfhörer. „Hier spricht Cleary. Mike, können Sie mich hören?“

Ich tastete nach der richtigen Buchse und klinkte mich in den Funkverkehr ein. „Ja, Paul. Laut und deutlich.“

„Passen Sie gut auf sich auf. Denken Sie erst nach. Sie haben alle Zeit der Welt.“

“Sicher.”

“Sylvia würde Sie vermissen,“ fügte er hinzu.

Ich hoffte, daß er damit recht hatte.

* * *

Ich hielt mich vorsichtig an den Handgriffen fest, die zu diesem Zweck an die Außenhülle der Nelly Bly geschraubt worden waren. Ich kletterte durch die Luke und hing in der Dunkelheit und sah auf Südamerika hinab. Die Welt drehte sich sichtbar unter mir, obwohl mir klar war, daß wir uns mit rasender Geschwindigkeit fünftausend Meilen über ihr bewegten. Ich orientierte mich und richtete mich genau auf unseren Satelliten aus und verhielt mich zum ersten Mal gedankenlos. Ich stieß mich mit den Füßen ab, so wie man in ein Schwimmbecken springt. Das erste, was ich im Weltraum unternahm - und eine große Dummheit. Ich bewegte mich mit etwa fünf oder sechs Fuß pro Sekunde. Das hört sich nach nicht viel an, aber noch bevor ich einmal schlucken konnte, war ich an meinem Ziel vorbeigerauscht und befand mich auf dem Weg nach Buenos Aires.

Ich weiß, daß ich einen lauten Schrei ausgestoßen habe. Zum ersten Mal wurde mir wirklich bewußt, daß ich fiel. Die Erde wirkte furchtbar nah, und sie schien auf mich zuzustürzen.

Meine Ausrichtung erlaubte es mir nicht, zu bremsen. Da ich mit dem Kopf voraus gesprungen war, zeigten weder meine Rückenrakete noch die vor meinem Bauch in die richtige Richtung, um meinen Flug zu stoppen.

Mein Training war völlig umsonst gewesen. Ich versuchte, mich zu winden und mit den ausgebreiten Armen zu schwenken und gleichzeitig mit den Füßen zu strampeln. Schließlich gelang es mir, mich so zu positionieren, daß mein Bauch auf die Nelly Bly wies. So war es überhaupt nicht vorgesehen gewesen.

Der Gleiter war verschwunden – ich konnte nur noch das Flutlicht ausmachen. Es war immer noch das bei weitem hellste Licht am Himmel, aber wenn ich noch länger hier trieb, würde ich auf die Radiopeilung angewiesen sein, um den Rückweg zu finden. Ich zündete den Raketenmotor auf meinem Rücken und spürte seinen sanften Druck von hinten.

„Sid!“ rief ich.

„Schalten Sie bitte die Buglichter ein. Ich muß meine Geschwindigkeit einschätzen können. Ich bin über mein Ziel hinausgeschossen und versuche zurückzukommen.“

Zwei neue Sterne leuchten auf, links und rechts neben dem Flutscheinwerfer. Irgendjemand war auf diese brillante Idee gekommen, und jetzt zahlte sie sich aus. Ich hielt den abnehmenden Abstand zwischen ihnen im Auge, während ich weiter auf die Erde zutrieb. Ein kleiner Überschlag ergab, daß angesichts meiner Beschleunigung von drei Zoll im Sekundenquadrat eine Zündung von zwanzig Sekunden nötig war, um meine Bewegung zu neutralisieren. Ich fing an, laut zu zählen: „Mississippi eins, Mississippi zwei, Mississippi drei“ – so wie ich es gelernt hatte, um die Sekunden zu zählen. Als ich bei Mississippi zwanzig angelangt war, besagte der Augenschein, daß ich mich in Bezug auf die Nelly Bly in einer Ruheposition befand.

Ich brauchte noch ein paar Rückstöße und ließ ein paar Minuten verstreichen, während ich auf den Telstar zutrieb. Als ich ihm näherkam, wurde ich wieder nervös, bis ich mich an das Ablenkblech erinnerte, mit dem ich den Rückstoß der vorderen Rakete umlenken konnte. Damit konnte ich mich genau positionieren. Schließlich hatte ich mich dem Satelliten, der sich majestätisch um seine Längsachse drehte, so weit genähert, daß ich ihn mit der ausgestreckten Hand berühren konnte.

Diese langsame Rotation sollte sicherstellen, daß keine Seite zu lange der Sonneneinstrahlung ausgesetzt blieb und sich aufheizte. Mein Plan sah vor, die Drehung zu stoppen, so daß die Seite, auf der ich arbeitete, von der Sonne aufgewärmt wurde. Das Problem dabei war, daß es nichts gab, woran ich mich festhalten konnte. Allerdings hatten wir auch hier eine Lösung gefunden. Ich vergrößerte den Abstand wieder, beschleunigte mit meiner Rückenrakete, bis meine Geschwindigkeit seiner Umdrehungsgeschwindigkeit gleichkam und näherte mich erneut. Ich drückte einen Strang meines Haftnetzes auf die Außenseite und bremste erneut ab, so daß der Satellit unter mir rotierte, während ich das Netz ausließ. Gleich darauf war er darin eingesponnen und ich ließ den Spezialverschluß zuschnappen, den unser Labor für mich angefertigt hatte. Danach war es ein Leichtes, das Netz wieder zusammenzuziehen. Ich drehte mich jetzt zusammen mit dem Satelliten. Meine zusätzliche Masse hatte die Rotationsgeschwindigkeit ein wenig abgebremst.

* * *

Als nächstes folgte der Trick, ein Stück Spezialausrüstung von meinem Bein loszubinden. Dabei handelt es sich um einen kleinen Rückstoßzylinder, der genügend Impuls entwickelte, um die Drehung des Satelliten zu stoppen, wie mir die Jungs mit den Rechenschiebern versichert hatten. Ich befestigte den Zylinder am Netz, stieß mich vorsichtig mit einem Finger ab, um ein paar Fuß Sicherheitsabstand zu gewinnen, und trieb dort, während ich auf die verzögerte Zündung der Antispin-Rakete wartete. Für einige Sekunden lang schoß eine Flamme daraus hervor und erlosch wieder. Der Satellit hing fast völlig bewegungslos unter mir – oder über mir – oder neben mir – oder wie immer man das nennen will, wenn es kein Oben oder Unten gibt.

Das Licht ließ nach, als wir den Terminator überquerten und die Nachtseite der Erde unter uns lag. Die Sonne war noch zu sehen, aber sie würde schon bald von der Erde verdeckt werden. Ich flog wieder an den Satelliten heran und schaltete mein Helmlicht ein. Ich mußte die richtige der zwölf Flächen finden, damit ich das richtige Tor öffnen konnte. Die Markierungen waren deutlich – sie waren nur durch den Helm schwer zu entziffern. Dann verfinsterte sich die Sonne, und meine Helmbeleuchtung liefert das Licht, an das ich beim Arbeiten gewohnt war. Das Segment, das ich suchte, befand sich auf der dunklen Seite des Satelliten. Ich klemmte ich am Netz fest und benötigte eine ganze Reihe von Rückstößen, um den Satelliten um hundertachtzig Grad zu drehen, und um die Drehung wieder abzubremsen. Ein paar Minuten lang richtete ich den Satelliten so aus, daß das Licht der aufgehenden Sonne das Segment voll bescheinen würde.

Eine Stimme meldete sich in meinem Kopfhörer.

„Mike!“

„Roger, Sid. Was ist los?“

„Gehen Sie vorsichtig mit ihrem Treibstoff um. Sie haben nicht mehr viel.“

„Roger.“

Ich mußte auf den Sonnenaufgang warten, bevor ich mit der Arbeit anfangen konnte. Als sie aufging, schien sich der Satellit rasch aufzuheizen. Eine erste Überprüfung mit einem Wärmefühler ergab, daß sich die Außenhaut des Telstar gut erwärmte und die druckempfindliche Matte, die ich an seinen Solarpanelen befestigen wollte, bald gut haften würde. Als der Fühler anzeigte, daß die Hülle eine Temperatur von Null Grad Celsius erreicht hatte, zog ich die Matte von meinem linken Bein ab und klebte sie oberhalb des Tors, das ich öffnen wollte, an. Ich sage „oben,“ weil die Stelle näher en einem der Pole – dem „Nordpol“ des Satelliten – lag als das Tor.

Jetzt war es soweit, daß ich die erste Schraube löste. Und damit bekam ich meine zweite Lektion erteilt. Es war einer von den größten Schrauben, die hier verbaut worden waren, eine 4-40er Schraube mit versenktem Kopf von einem Dreiviertelzoll Länge. Ich würde dreißig Drehungen brauchen, um sie ganz herauszuschrauben. Ich schaffte nicht einmal die erste Drehung. Sobald ich anfing, mit meinen Schraubenzieher Druck auf den Kopf auszuüben, brach er glatt ab.

Ja – die Außenhaut des Satelliten hatte sich hübsch aufgewärmt, aber der Schraubenschaft hatte immer noch eine Temperatur von zweihundert Grad unter null und war spröder als Glas.

Ich fluchte gepflegt und berichtete Sid, was passiert war.

„Ich muß sie aufbohren,“ sagte ich.

Mein Bohrer war ein hübsches kleines Ding. Es handelte sich um einem modifizierten Zahnarztbohrer, von der Sorte, die mit einer kleinen Luftturbine mit einer Geschwindigkeit von zweihunderttausend Umdrehungen pro Minute arbeiten. Ja, richtig gelesen. Sie rotieren mit einem Affenzahn.

Ich war angewiesen worden, damit vorsichtig umzugehen. Wenn ein Zahnarzt in Ihren Zähnen bohrt, werden Olivenöl und Wasser durch die Turbine gepreßt, und die Mischung kühlt den Zahn – und den Bohrer – während er schneidet. Wir konnten uns hier keine Dampfwolke leisten – oder einen Kurzschluß, der durch Eis verursacht wird – also hatte ich nur die Druckmischung aus Sauerstoff und Helium in meinen Rückentanks, um den Bohrer anzutreiben. Und das bedeutete leichten und stoßweisen Druck auf den Bohrer der Größe 43 – die richtige Größe, um eine 4-40er Schraube aufzubohren. Ich brauchte eine Viertelstunde und war bei meinem letzten 43er Bohrer angelangt, als sie sich endlich löste.

Von jetzt an wärmte ich jede Schraube erst einmal vor, bevor ich sie in Angriff nahm. Ich hatte einen umgebauten Lötkolben, den ich gegen den Schraubenkopf drücken konnte. Die Wärme wurde durch das gut leitende Metall abgeleitet und machte es weniger spröde. Ich warf jede Schraube, die ich entfernt hatte, hinter mir in den Weltraum und zog schließlich das Tor weit auf.

Das Tor hatte die gleiche Länge wie der Sektor – ungefähr zwei Fuß. Es war vier Zoll breit und ungefähr einen Zoll dick und war mit Bauelementen bestückt wie ein Maiskolben mit Körnern.

An dieser Stelle verschob ich das Netz soweit, daß ich meinen Kopf auf dem Bügel in der gewünschten Position arretieren und mit der Testreihe beginnen konnte. Es war eine mühselige Arbeit. Die erste Enttäuschung war, daß die Magnetspule M1537 wie funkelnagelneu funktionierte. Als ich genügend Spannung anlegte, sprang der Stellhebel hin und her.

Ich fluchte lästerlich.

„Was ist los?” Fragte Mike Stimme im Kopfhörer.

“Ein Problem,” sagte ich. “Was denn sonst?“

“Roger,“ sagte er mit jenem für Astronauten typischen Tonfall, dem keine Regung anzuhören ist. „Kommen Sie zum Schiff zurück, Mike.“

„Jetz noch nicht,“ sagte ich. „Ich hab hier gerade die Auster geöffnet.“

Seine Stimme klang so schneidend wie mein Bohrer. „Ich habe Ihnen befohlen, zum Schiff zurückzukommen. Ihr Luftvorrat ist fast aufgebraucht.“

„So lange bin ich doch noch gar nicht hier draußen,“ protestierte ich, aber ich wußte nicht, wie lange mein Einsatz jetzt schon dauerte.

„Ihr Bohrer hat das aufgebraucht. Hören Sie auf zu schwatzen und setzen Sie sich in Bewegung.“

Meine Erfahrungen bei der Annäherung an den Satelliten erwiesen sich als nützlich. Dieselben Tricks fielen jetzt eleganter aus, als ich die Ablenkungsplatte einsetzte, um mich so zu drehen, daß das Flutlicht vor mir lag, und mich dann mit ein, zwei sachten Stößen in Bewegung zur Nelly Bly zu setzen. ich beeilte mich nicht, sondern trieb langsam näher und benötigte nur ein paar kurze Stöße zum Abbremsen, als ich mich der offenen Luke näherte.

Das Austauschen der Lufttanks war ein Routinevorgang. Als Sid meine leeren Tanks abklemmte, knackte es in meinen Ohren, und erneut, als die neuen mit einem Zischen angeschlossen wurden.

„Passen Sie gut auf,“ wiederholte er. „Ihr Vorrat ist sehr knapp.“

„Geht in Ordnung,“ sagte ich, und ließ mich durch die Luke treiben. Ich dreht mich so, daß der Strahl aus meinem Rückenantrieb das Schiff nicht traf, und flog im Zickzack im Dunkeln zum Satelliten zurück, hangelte mich zum geöffneten Tor und machte mich wieder ans Werk. Bevor ich damit richtig angefangen hatte, erklang eine Stimme aus den Kopfhörer.

„Mike, hier spricht Cleary.“

„Roger, Paul. Was ist los?“

„Haben Sie sich schon das Relais angesehen?“

„Ja.“

„Und was meinen Sie dazu?“

„Daß Sie ein Dickschädel sind. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe. Ich habe hier zu tun.“

„Roger, Mike,“ gab mir Paul Cleary kleinlaut recht.

Also fing ich von neuem an und arbeitete mich systematisch vor. Nach einer Reihe von Tests hatte ich den Bereich eingegrenzt, in dem der Ausfall aufgetreten war, aber nicht das genaue Bauteil, das ausgefallen war. Von jetzt man mußte ich es systematisch zerlegen. Jede winzige Schraube mußte vorgewärmt werden, dann vorsichtig mit dem Schraubenzieher für Goldschmiede-Feinarbeiten herausgedreht werden. Für manche brauchte ich meine Winkelverlängerung. Es war ein schieres Wunder, daß ich dabei nichts zerstörte.

Als ich endlich die Ursache fand, erweis sie sich als geradezu lächerlich. Es handelt sich um eine kurze Drahtverbindung , die eine Komponente mit einer anderen verband. An dieser Stelle blieb kaum Platz, und der Draht lag fest auf der Metallplatine des Tors auf. Seine Isolierung war eines dieser Wunderwerke des Raumfahrtzeitalters, ein transparenter Kunststoff, der auch nahe dem absoluten Nullpunkt und im Vakuum elastisch und schmiegsam blieb. Nur war das nicht der Fal gewesen. Er war eingeschrumpft und gesprungen, und das Metall der Platine hatte einen schlichten Kurzschluß ausgelöst. Im ganzen System gab es so viele Sicherungen und Schutzschaltungen, daß das ganze Tor ausgeschaltet blieb, solange dieser Kurzschluß nicht behoben war. Kein Wunder, daß uns die Telemetriedaten nicht weitergeholfen hatten.

Während ich mich daranmachte, den Schaden zu beheben, schaltete ich mein Radio ein und ließ mich von Sid mit der Bodenkontrolle verbinden. „Canaveral Control,“ sagte eine dieser gleichmütigen Stimme. Sie konnte sich das leisten. Sie hatte festen Boden unter den Füßen.

„Verbinden Sie mich mit Cleary,“ befahl ich.

„Cleary hier, Mike. Na, was haben Sie herausgefunden?“ Er machte sich immer noch Sorge seine Magnetspule.

„Nicht allzuviel. Nur, daß Fred Stone auch ein Dickkopf ist. Over und out, wie man hier sagt.“ Ich schalte ab und machte mich wieder an die Arbeit.

* * *

Wenn es mir hier an irgendetwas fehlte, dann war es jegliche Art von Isoliermaterial. Mit meinem Schraubenzieher hackte ich mir einen kleinen Streifen von der beidseitig beschichteten Klebefolie, mit der ich die Einzelteile am Herumfliegen hinderte, und schob ihn mit meiner Pinzette unter den Draht. Wahrscheinlich hätte es schon gereicht, wenn ich den Draht aufgewärmt und geradegebogen hätte, aber hier war kaum freier Platz, und ich hatte Angst, eine Lötverbindung zu beschädigen. Also arbeitete ich langsam und vorsichtig und schaffte es schließlich, den Draht zu isolieren, ohne ihn abzubrechen. Wie lange das halten würde, ließ sich unmöglich sagen. So wie es war, wurde es sowohl durch den Druck wie durch den Klebstoff fixiert, aber wenn der Satellit wieder auskühlte, würde der Effekt des Klebstoff nachlassen. Ich hoffte, daß der Druck zwischen Draht und Platine ausreichen würde, um den Streifen festzuklemmen. Immerhin würden hier keine äußeren Kräfte einwirken.

Wie ich mir schon gedacht hatte, war der Zusammenbau der schwierigere Teil. Ich mußte mich auf etwa sechzehn unmögliche Weisen verrenken, um alles wieder zusammenzuschrauben. Schließlich war auch das erledigt und ich konnte das Tor wieder einschwenken.

Als ich die letzte 4-40er Schraube so fest angezogen hatte, wie es laut Konstruktionsplan vorgesehen war, meldete ich mich bei Paul Cleary. „Versuchen Sie’s,“ schlug ich vor. „Ich glaube, ich habe die Ursache gefunden. Wenn‘s nicht klappt, brauche ich erst gar nicht zu landen.“

Sie ließen mich zehn Minuten im eigenen Saft schmoren, bevor Paul meldete: „Läuft wie eine Eins. Und jetzt versetzen Sie den Satelliten bitte wieder in Rotation.“ Immerhin sagte er nichts mehr von seiner Magnetspule.

Dafür benutzte ich den zweiten Rückstoßzylinder, en ich am Netz festklemmte und nach einiger angestrengter Überlegung in die richtige Position ausrichtete. Ich stieß mich wieder mit einem Finger ab, und die Zündschnur übernahm die verzögerte Zündung. Telstar begann sich wieder langsam zu drehen.

Die Entfernung des Netzes erwies sich als schwieriger als das Auslegen. Das hatten wir nicht eingeplant, und als ich damit fertig wurde, stellte ich fest, daß meine Steuerdüsen nicht mehr feuerten.

“Sid!”

“Roger, Mike.”

“Wieviel Treibstoff habe ich noch für meine Steuerdüsen?“

„Nach dem, was ich hier ablese, ist er Ihnen vor fünf Minuten ausgegangen. Aber machen Sie sich keine Sorgen deswegen,“ sagte Sid. „Ich bringe die Nelly mit den Lagekontrolldüsen herüber und sammle Sie ein.“

„OK,“ sagte ich voller Zweifel. „Aber seien Sie vorsichtig. Wenn Sie den Vogel hier anrempeln, müssen wir uns die ganze Arbeit noch mal machen.“

Es kostet Sid mehr Mühe, als er gedacht hatte. Die Lagekontrolldüsen konnten in alle Richtungen außer nach vorn und hinten feuern. Dafür waren die Bremsraketen gedacht. Aber eine einzige kurze Zündung davon reichte aus, daß ich ins Mikrofon schrie: „Sofort ausschalten!“ brüllte ich, und die Lautstärke ließ mir fast das Trommelfell platzen. Und seins sicher auch.

„Roger. Was ist los?“

„Sie werden die Sonnenpanele des Satelliten abfackeln, Sie Depp! Steuerdüsen, hören Sie, nur die Lagekontrolldüsen!“

„Roger.“

Aber es erwies sich als gar nicht einfach. Schließlich gelang es Sid, die Nelly bis auf fast zwanzig Fuß Entfernung herauszubringen, fast ohne Eigenbewegung.

„Gut, Sid,“ sagte ich. Bleiben Sie so. Ich komm ‘rüber.“

Ich brauchte mich nur leicht vom Telstar abzustoßen. Ich hatte gut gezielt, und nur darauf kam es an. Ich driftete nur langsam, und brauchte gute fünf Minuten für die zwanzig Fuß Distanz. Aber dann kam ein Handgriff in Reichweite, und ich zog mich in die Kabine und stieg ein, ohne die Luke zu schließen.

„Versuchen Sie das nicht noch mal,“ warnte ich ihn. „Das Ding hier wiegt zehntausend Pfund, „und der Vogel da drüben noch mal halb so viel. Selbst bei einer Geschwindigkeit von nur ein paar Fuß pro Sekunde können Sie mich damit im Handumdrehen plattquetschen, wenn Sie uns nicht beide vorher verkohlen lassen.“

„Roger,“ sagte Sid, nicht mehr ganz so entspannt. „Können wir jetzt weiterfliegen?“

„Wozu?“ fragte ich. „Solange ich keinen Treibstoff mehr für meinen Raumanzug habe, bin ich hier nutzlos.“

„Ich dachte, wir würden die Mission vorzeitig abbrechen,“ feixte er.

„Nicht so hastig. Ihr Raumanzug ist hat dieselbe Ausstattung wie meiner. Wir müssen mur die Treibstofftanks an meinen Anzug anschließen.“

„Spinnen Sie?“ wollte er wissen.

„Wieso? Diese Tanks sind nicht festgeschweißt, und die nötigen Werkzeuge habe ich.“

Im schwachen Licht der Anzeigen konnte ich erkennen, wie er den Kopf schüttelte. „Sie wissen, daß sich der Treibstoff von selbst entzündet, wenn die beiden Komponenten in Kontakt kommen,“ sagte er. „Wenn wir hier ein paar Tropfen daneben gießen und sie verdampfen, dann jagen wir uns selbst in die Luft!“

„Dann tauschen wir die Tanks eben draußen aus,“ erklärte ich. „Da richtet es keinen Schaden an, wenn sich ein paar Gramm entzünden, weil nichts die Explosion eingrenzt.“

„Aber dann kann ich Ihnen nicht zu Hilfe kommen, wenn etwas passiert,“ wies er mich zurecht. „Keine Chance!“

„Das sind doch Ausflüchte, Stein,“ knurrte ich. „Ich führe hier jetzt das Kommando. Und ich bin bereit, dieses Risiko auf mich zu nehmen.“

* * *

Ich schaltete die Kabinenbeleuchtung wieder ein und demontierte die Tanks, so weit es mir möglich war. Nachdem wir ein wenig geübt hatten, um sicherzugehen, daß einer von uns sich stets an einem Handgriff festhalten konnte, stiegen wir beide aus der Luke und tauschten die Tanks aus. Wie Sid befürchtet hatte, verschütteten wir dabei ein paar Tropfen. Sie verdunsteten, und wie wir es geahnt hatten, reagierten in einer Weise, die in einem abgeschlossenen Raum als Explosion geendet hätte. Der lautlose Blitz, matt aber unbestreitbar wirklich, ließ uns wissen, daß wir rings um uns einiges an Energie freigesetzt hatten. Ich spürte davon nicht außer einer leichten Erwärmung durch die Infrarotstrahlung, die meinen Helm traf.

Das Beste war, daß meine Düsen jetzt wieder funktionierten. Wir kletterten wieder an Bord der Nelly, schlossen die Luke, und machten und auf den Weg zu Tesla Zwei.



Der zweite Vogel befand sich gute fünfzehntausend Meilen vor uns. Ich schlief die meiste Zeit, denn nachdem uns Sid beschleunigt hatte, mußten wir erst einmal sechs Stunden abwarten. Ich wachte auf, als die Bremszündung mich hart in die Gurte drückte. Wir führten unsere Routine mit Radar und Suchscheinwerfer durch, und wieder kostete es uns einiges an Mühe, unser Ziel zu finden. Schließlich entdeckte ich das jähe Aufleuchten und machte mich an die Arbeit.

Ich will nicht behaupten, daß der zweite Job einfacher zu erledigen war. Allerdings brauchte ich nur einen Teil auszubauen, um die Isolierung zu ersetzen, und mußte deshalb weniger Schrauben ersetzen. Ich konnte mich auch bessern im Weltraum zurechtfinden, und verschwendete nicht so viel Treibstoff wie beim ersten Mal. Trotzdem zeigte die Anzeige an, daß mir weniger als die Hälfte des restlichen Treibstoffs verblieb, als wir uns auf den Weg zum dritten Satelliten machten. Daß die Nelly selbst über noch weniger Treibstoff für ihre Lagekontrolle verfügte, machte die Sache nicht besser. Weder Sid noch ich hatten uns als die Fliegerasse erweisen, die wir eigentlich sein sollten.

Wir machten uns trotzdem an die Verfolgung unseres dritten Ziels und langten dort an, als es hell von der Sonne beschienen wurde, so daß wir auf den Suchscheinwerfer verzichten konnten. Ich nahm das als ein gutes Omen. Aber von da ging alles schief.

Wir waren jetzt seit sechsunddreißig Stunden unterwegs, und allmählich machte die die Erschöpfung bemerkbar. Beim Übersetzen stellte ich mich ungeschickt an und brauchte lange, bis ich den Satelliten erreicht hatte.

Die Reparatur ging reibungslos über die Bühne, aber als ich, aber als ich den Vogel wieder in Drehung versetzt hatte, mußte ich feststellen, daß mein Treibstoffvorrat aufgebraucht war. Ich schwebte ungefähr zehn bis fünfzehn Fuß von Telstar Drei und etwa achtzig Fuß von der Nelly entfernt, und trieb langsam von beiden fort.

„Sid!“

„Roger, Mike.“

„Der hier bleibt im Netz verpackt.“

„Können Sie das nicht entfernen?“

„Ich kann es nicht erreichen. Kein Treibstoff mehr.“

„Oh nein!“

„Kein Problem, Sid. Es verdeckt nur einen kleinen Teil der Sonnenzellen. Nicht genug, um einen größeren Leistungsabfall zu verursachen.“

„Das meinte ich nicht,“ sagte seine Stimme leise an meinem Ohr. „Die Nelly hat auch keinen Treibstoff mehr. Ich kann Sie nicht auflesen.“

Ich mußte schwer schlucken.

„Canaveral Control!“ hörte ich ihn rufen.

„Lassen Sie’s!“ sagte ich. „Die können nichts für uns tun. Seien Sie lieber still und lassen mich nachdenken.“

Aber er blieb es nicht, und ich konnte es nicht. Ich hatte keinen Treibstoff mehr, um mich zu bewegen. Sid blieben nur noch die nach vorn und hinten ausgerichteten Bremsraketen, und damit konnte er die Ausrichtung der Nelly nicht ändern. Der Satellit war außer Reichweite, so daß ich mich nicht von ihm abstoßen konnte. Wie Sylvia es formuliert hatte: ich konnte nicht einfach zurück ans Ufer schwimmen.

In meinen Ohren erklang aufgeregter Geschnatter, das ich nach Kräften zu ignorieren versuchte. Es half mir nicht, und schließlich drehte Sid es ab.

„Mike!“

„Ja?“ Leicht verärgert.

„Was immer Sie vorhaben, Sie sollten sich beeilen. Sie haben nicht mehr allzuviel Luft,“ warnte mich Sid.

„Wieviel noch?“

„Für ungefähr zehn Minuten.“

„Geht klar,“ sagte ich. „Das müßte ausreichen. Behalten Sie mich im Auge. Es könnte sein, daß Sie mich am Arm oder am Bein packen müssen, wenn ich ankomme.“

„Und wie wollen Sie das anstellen?“

„Ich habe einen Rettungsanker.“

* * *

Ich drehte und wand mich und nutzte meine Massenträgheit nach Kräften, bis ich die Nelly genau hinter mir hatte. Dann holte ich so weite wie möglich aus und warf meinen Spezialschraubenzieher so kräftig wie ich nur konnte fort. Ich konnte ihm nicht so viel Schwung verleihen, wie ich es gern gehabt hätte, aber weil er wie ein Stock geformt war, war es doch mehr, als man erwartet hätte, etwa fünfzig oder sechzig Fuß pro Sekunden. Und das Ding hatte eine Masse von ungefähr vier Pfund, mit seinem ausgefallenen Ratschenmechanismus. Da ich mit meinen Anzug ungefähr die hundertfache Masse aufwies, trieb ich auf die Nelly mit einem hundertstel der Geschwindigkeit zu, die ich dem Schraubenzieher verliehen hatte. Nach einigen Minuten war ich ihr ziemlich nahe gekommen, aber ich überschlug mich. Die Wirkung hatte ich übersehen.

Der Wurf hatte mich in die richtige Richtung in Bewegung gesetzt und mir die nötige Geschwindigkeit verliehen, aber da ich ihn über die Schulter und nicht von meinem Körperschwerpunkt ausgeführt hatte, hate er mich in eine ziemliche Taumelbewegung versetzt.

Ich warf ein paar von meinen leichteren Werkzeugen weg und meine Drift zu korrigieren, und Sid konnte mich packen, als ich an der Luke vorbeischwebte.

„Komm zu Papa!“ sagte er und zog mich hinein. Wir verzichten darauf, uns auf die Schulter zu klopfen. Aus meinen Lufttanks kam kein Zischen mehr und wir tauschten sie eilig aus.

Sid ließ mich die Luke schließen, während er unsere genaue Position feststellte. Er benutzte die alter Magnetkompaßmethode, und warf einen prüfenden Blick auf die Erde, die direkt vor uns lag. Das traf sich gut, denn wir hatten ja keinen Treibstoff mehr, um unsere Lage zu ändern.

Unser Wiedereintritt war das reine Chaos, jedenfalls aus der Sicht von Sid. Wir kamen in einem ungünstigen Winkel herunter, und heizten und höllisch auf, bevor die Luft dicht genug wurde, um unsere Lage mit dem Seitenruder korrigieren zu können. Er ließ uns zweimal wieder in die Höhe schnellen, während wir an Höhe verloren, aber das Kreischen von überhitztem Metall beim Eintauchen in die Atmosphäre war ohrenbetäubend. Er wünschte mich während der ganzen Zeit in die tiefste Hölle.

Der Trick war natürlich, unsere Fahrt ausreichend abzubremsen, um im Gleitflug aus der ausgetrockneten Salzoberfläche des Muroc Dry Lake landen zu können. Die Nelly war ein Gleiter. Bei Mach 10 und in einer Höhe von zweihunderttausend Fuß ließ sie sich ausgezeichnet steuern, aber je tiefer wir sanken und je langsamer wir wurden, desto mehr flog sie wie der sprichwörtliche bleierne Ziegelstein. Für Sid hatte die Angelegenheit nur eine positive Sache: der reichlich bemessene Treibstoffvorrat unserer Bremsraketen machte es möglich, daß wir es tatsächlich bis Muroc schafften.

Ich müßte lügen, wenn ich sagen würde, daß er eine vorbildliche Landung hinlegte, denn das war sie keineswegs. Für mich wirkte es wie die reinste Höllenfahrt, weil wir mit mehr als vierhundert Meilen pro Stunde aufsetzten.

Als die Nelly ausgerollt hatte, saßen wir einfach nur schweigend da. Es war nicht wie im Film, wo die Piloten das Helmvisier hochschieben und dann flapsige Bemerkungen rmachen. Kugelhelme verfügen über keine Frontscheibe, und außerdem ich hatte keine Lust, mit Sid zu reden. Ich konnte seine Gegenwart einfach nicht mehr ertragen, so wenig wie er meine. Um ganz ehrlich zu sein: ich konnte überhaupt nicht mehr.

Natürlich ließen sie uns nicht in Ruhe. Während die Löschfahrzeuge noch in einer gewaltigen Staubwolke auf uns zurasten, ertönten aus dem Funkgerät diese durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Stimmen, und Sid beantwortete jede ihrer Fragen mit „Roger.“ Ansonsten taten wir nichts. Sie wären überrascht, wie wenig Lust man auf Bewegung hat, wenn man vierhundert Pfund wiegt und auf den Kran wartet, der einen aus dem Sitz hebt. Fast hätte ich mir gewünscht, wieder im Weltraum zu sein, wo man so gut wie nichts wiegt. Aber nur fast.

* * *

Auf dem Flug nach Cape Canaveral zur Nachbesprechung schliefen wir beide. Die ganze Bande kam zur Begrüßung, Paul Cleary, Fred Stone, sogar Sylvia. Sie nahmen uns am Flugzeug im Empfang, und Sylvia nahm mich als erste in Beschlag, als ich die Treppe hinunterkam.

„Mike!“ quietschte sie. „Geht’s dir gut?“

„Jetzt geht’s mir besser,“ meinte ich, als ich mich von ihr losmachte. „Wie haben Sie das geschafft?“ Ich sah auf. „Hi, Paul,“ sagte ich ihn in sein Grinsen, und wußte Bescheid.

„Gehen wir heute abend essen?“ wollte sie wissen.

„Keine Ahnung,“ sagte ich und sah Paul an. „Ich glaube, wir haben noch eine Nachbesprechung oder so etwas., bevor sie mich laufen lassen.“

„Ach was,“ sagte Sylvia. „Ist ja nicht so, als ob du ein Raumfahrer oder so etwas wärst.“

Schon recht - die Erde hatte mich wieder.

Na ja, es gab immerhin eine Art Nachbesprechung. Cleary und Stone schafften es, mich in irgendeinem Büro allein zu befragen.

„Sie haben das großartig erledigt,“ sagte Paul. „Was war denn da oben los?“

Ich mußte über beide lachen. „Machen Sie sich keine Mühe. Ich bin da raus.“

„Was soll das heißen, Mike“ fragte Doc Stone und hielt seine Pfeife auf Armeslänge.

„Es lag nicht an der Konstruktion – die Magnetspule hat einwandfrei funktioniert. Und der Montage ebenfalls nicht. Es handelte sich um einen Materialfehler.“ Und ich berichtete ihnen von dem untauglichen Isoliermaterial.

„Glücklicherweise haben wir das nur an wenigen Stellen verwendet,“ meinte Paul und sah finster drein. „Ich vermute mal, daß an den anderen Punkten, wo es ausgefallen ist, zu keinen Kurzschluß gekommen ist.“

„Noch nicht.” Ich mußte grinsen. „Das kommt vielleicht noch. Und es ist mir vollkommen egal.“

“Da haben Sie ja das große Los gezogen, Mike,“ Paul lächelte. „Mike und ich sind damit beide aus dem Schneider, und Sie haben bei Sylvia einen Stein im Brett.“

“Nicht nach dieser Sache,” sagte ich. „Keine Frau der Welt ist so ein Risiko wert. Soll Sid sich mit ihr herumschlagen.“





* * *

Zugegeben: dem einen oder anderen Leser mag es etwas … frivol … erscheinen, einen solchen doch einigermaßen umfangreichen Text als Auftakt, Vorwort oder Präambel vor einen eigenen Netztagebucheintrag zu setzten („The Trouble with Telstar“ bringt es im englischen Original auf 13.600 Wörter; meine Nachschmeckung auf 14.400; für Übertragungen vom Englischen im Deutsche gilt unter Übersetzern die Faustformel, daß der Textumfang um ein gutes Drittel anschwillt). Aber da dieser Text den meisten Leser unbekannt sein dürfte, und außerdem nicht nur eins, sondern gleich zwei anstehende Ereignisse in der laufenden 26. Kalenderwoche des Jahres 2026 (!) in der Raumfahrt, der sog. „wirklichen Welt“ frappant an diese jetzt mehr als sechzig Jahre alte Erzählung erinnern, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen.

Natürlich dient das Genre der Science Fiction (früher mitunter auch „Zukunftsroman“ geheißen) nicht dem Zweck, einen möglichst treffenden Blick auf kommende Verhältnisse oder technische Entwicklungen zu werfen – zumal die dort ins Spiel gebrachten Tropen und Versatzstücke sich entweder durch Verstoß gegen eiserne Naturgesetze (wie im Fall von Zeitreisen und Überlichtgeschwindigkeit) auszeichnen, im besten Fall als Dringende Warnung (von Orwell „1984“ bis zu Skynet im „Terminator“) gedacht sind oder als technologisch verbrämtes Mittel, um eine Geschichte in Gang zu setzen. Dennoch ist es nicht ausgeblieben, daß im Genre mit solchen „prophetischen Vorwegnahmen kokettiert worden ist. Als vor 100 Jahren, im April 1926, das erste SF-Magazin der Welt, Amazing Stories, an die Kioske ausgeliefert wurde, schrieb Herausgeber Hugo Gernsback in seinem Leitartikel:

Wir sollten uns daran erinnern, daß wir heute in einer ganz neuen Welt leben. Vor 200 Jahren konnten solche Geschichten noch nicht erzählt werden. Die Wissenschaft hat auf ihren unterschiedlichen Gebieten – der Mechanik, der Elektrotechnik, der Astronomie, usw. – heute einen solchen Einfluß auf unser Leben gewonnen, und daß wir heute so tief darin verstrickt sind, daß wir neue Erfindungen und Entdeckungen für alltäglich halten. Unsere ganze Lebensweise ist durch diesen täglichen Fortschritt verändert worden, und daher ist es kein Wunder, daß viele phantastische Situationen – die noch vor 100 Jahren ein Ding der Unmöglichkeit waren, heute zur Normalität geworden sind. Und eine neue Generation von Autoren findet darin ihre Inspiration. (Hugo Gernback, „A New Sort of Magazine“, Amazing Stoties, April 1926, S.4)


Gernsback, die in diesem Leitartikel für eine solche bis dahin namenlose Spekulation „in der Manier von Poe, Jules Verne und H. G. Wells“ den Namen „Scientifiction“ prägte, führte ab der ersten Aufgabe das Motto „Heute ausgefallene Erzählungen – morgen kalte Tatsachen.“ Das Pulp-Magazin „Super Science Stories,” eines der unbekannteren Groschenhefte der zweiten Garnitur, von dem zwischen 1940 bis 1943 und dann wieder zwischen 1949 und 1951 insgesamt 31 Ausgaben erschienen sind, ersetzte für seine sechs letzten Ausgaben vom September 1950 bis August 1951 seinen bisherigen Titelslogan „The Big Book of Science Fiction“ („The Big Book of Science Fiction“ war im August 1950 auch der Titel einer von Groff Conklin zusammengestellten Anthologie, mit der der renommierte New Yorker Verlag Crown in der gerade aufblühende Buchgeschäft mit dem Genre einsteigen wollte, das bis dahin in die Niederungen der knallig-bunten Groschenhefte verbannt gewesen war) durch das Motto: „Read It Today - Live It Tomorrow!“

Das Kismet scheint diese Losung zumindest in einem Fall als Herausforderung gesehen zu haben. Auf dem Titelbild der vorletzten Ausgabe von „Super Science Fiction“ vom Juni 1951, auf dem H. R. Van Dongen Poul Andersons Erzählung „Earthman, Beware!“ in Szene setzte, sieht man bedrohliche futuristische Flugobjekte Tod und Verderben in den Straßenschluchten einer Großstadt säen. An der unverkennbaren Silhouette des Empire State Building wird deutlich, daß es sich hier um New York handelt, während Rauch und Flammen eine Spur der Vernichtung hinterlassen. Als fast genau ein halbes Jahrhundert später diese Vision zur handfesten Wirklichkeit wurde, nahmen die New Yorker das mit ihrem legendären Gleichmut und sardonischem Humor zum Anlaß, wiederum ein Vierteljahrhundert danach einen Vertreter genau jener Weltsicht zum Bürgermeister zu wählen, der ihnen ganz nach dem Motto von Tausendundeiner Nacht freien Zugang zu Aladins Schatzhöhle versprochen hatte.



("Heute durchlesen - morgen durchleben!")

Aber wenn es um den eng begrenzten Themenfeld der „Harten Science Fiction,“ in der es um technische Problem und ihre Lösung geht, in der die Autoren, so weit es ihnen möglich ist, sich an die Gesetze der Physik und Ingenieurskunst zu halten versuchen (der SF-Autor und Physiker Gregory Benford hat das als „Tennis mit aufgespanntem Netz spielen“ bezeichnet), und wenn es sich dabei auch noch um die spezielle Aufgabenstellung „Verfolgung in der Erdumlaufbahn“ sowie „“Rettung eines havarierten Satelliten“ handelt – dann darf man als nachgeborener Leser, bei allen Fehlgriffen im Detail, schon ein leichtes Gefühl des Déjà vu verspüren.

I – Rocket Lab und VICTUS HAZE

Das wäre zum einen der Start der Mission VICTUS HAZE des in Neuseeland angesiedelten privaten Raumfahrtunternehmens Rocket Lab am Freitag, den 19. Juni 2026, um 22:19 Ortszeit (und 10:19 Weltzeit) vom kleinen Startkomplex auf der Halbinsel Mahia an der Nordspitze der Nordinsel. Die Firma von Peter Beck hat seit 2017 90 Starts mit ihrer kleinen, nur 18 m hohen Trägerrakete Electron, die eine Nutzlast von bis zu 300 kg in eine erdnahe Umlaufbahn befördern kann, durchgeführt (mit 86 Erfolgen und vier Fehlschlägen) und ist damit das bislang erfolgreichste private Unternehmen auf diesem Gebiet hinter SpaceX. 2024 hat das Unternehmen 16 erfolgreiche Starts absolviert, im vorigen Jahr 21 und in den letzten sechs Monaten 11. Das Auffällige an dieser letzten Mission war, daß sie nicht in Voraus angekündigt war, daß es auch keinen Video-Stream davon im Internet zu sehen gab und daß das Unternehmen auf seine von Anfang an gepflegte Marotte verzichtet hat, der Misson einen mehr oder weniger kalauernden Namen zu geben. SpaceX hat mit dieser Art von Frivolität begonnen, indem die drei Roboterschiffe, auf denen die Startstufen der Falcon-9-Trägerraketen aufsetzen, nach Raumschiffen aus dem SF-Roman „The Player of Games“ des schottischen Autors Iain M. Banks benannt worden sind: „Just Read the Instructions“, „Of Course I Still Love You“ und „A Shortfall of Gravitas.“

(Im Roman von 1988, dem zweiten der „Culture“-Serie, fallen diese Namen nur en passant: „‘Ich habe die Botschaften an meine Freunde geschickt., aber -‘ Ihm kam eine wahnwitzige Idee. Er dreht sich rasch zu Chamlys um: ‚Diese Freunde ... das sind Schiffe, oder?‘ ‚Ja,‘ sagte Chamlys. ‚Beide davon.‘ ‚Wie heißen sie? ‚Die Natürlich-Liebe-ich-dich-noch‘ und die ‚Lies-die -Gebrauchsanweisung.‘ ‚Das sind aber doch keine Kriegsschiffe, oder?‘ ‚Mit solchen Namen? Das sind Scoutschiffe.‘“ Im Original heißt es dort ‚GCU‘ – General Contact Unit. Mehr erfahren die Leser nicht. Der Schiffskatalog (νεῶν κατάλογος) im zweiten Gesang der Ilias, Zeile 494 bis 759, grüßt von fern.)

Rocket Lab hat seit dem Erstflug am 25. Mai 2017 („It’s a Test“) so gut wie jeder Mission solch eine spezielle Duftmarke verliehen. Die letzten waren: „Viva La Strix“ am 22. Mai 2026, „Kakushin Rising“ am 22. April, sowie „Insight At Speed Is A Friend Indeed,“ „Eight Days A Week” und “Daughter Of The Stars,” jeweils am 5., 20. und 28. März 2026.



(Blick in die Montagehalle von Rocket Lab auf Mahia für die VICTUS-HAZE-Mission)

In den letzten beiden Tagen hat sich dieses Rätsel weitgehend geklärt. Bei der Mission VICTUS HAZE handelt es sich um einen Auftrag der U.S. Space Force, die sechste Teilstreitkraft des amerikanischen Militärs, im Dezember 2019 während der ersten Amtszeit von Präsident Trump begründet. Das spezielle Ziel dieser Mission ist ein doppeltes: zum einen geht es darum, einen Satellitenstart ohne eine langwierige Vorbereitungszeit, die üblicherweise Wochen oder gar Monate betragen kann, in möglichst kurzer Zeit, in diesem Fall innerhalb von weniger als 24 Stunden, über die Bühne zu bringen. Rocket Lab hat gestern ein kurzes Video veröffentlicht, in dem Brian Fox, Senior Systems Engineer bei Rocket Lab (im Deutschen wird zumeist die englische Bezeichnung für diesen Chefingenieursposten verwendet) erklärt:

Das Ziel ist es, eine rasche taktische Raumfahrtaktivität durchführen zu können für die Space Force durchführen zu können. Das hat es bislang noch nicht gegeben. Die VICTUS-HAZE-Mission verfolgt dabei zwei Ziele: zum einen, eine Rakete in weniger als 24 Stunden Vorwarnzeit in die Umlaufbahn starten zu können. Und zum zweiten: ein Raumfahrtzeug aufzusetzen und zu steuern, das in der Lage ist, Annäherungs- und Rendezvousmanöver durchzuführen, also im Grunde einem Satelliten, der nicht gefunden werden soll, nachzusetzen, ihn zu fotografieren und zu inspizieren. Anders gesagt: wir spielen ein Katz-und-Maus-Spiel in der Umlaufbahn.






Um den Hintergrund dieser Weltraum-Neuinszenierung von Tom und Jerry verstehen zu können, lohnt sich ein Blick auf eine Meldung, die die Associated Press vor einem halben Jahr, am 26. Dezember 2025, veröffentlicht hat. Darin heißt es:

Der Pariser Auslandskorrespondent John Leicester hat einen Exklusivbericht vorgelegt, in dem er enthüllt, daß Russland im Verdacht steht, ein weltraumgestütztes Waffensystem zu entwickeln, daß in der Lage sein soll, Elon Musks Starlink-Satelliten auszuschalten – ein entscheidendes Glied in der Kommunikation auf den Schlachtfeldern in der Ukraine.

Diese Exklusivmeldung war das Ergebnis jahrelanger Bemühungen, ein Vertrauensverhältnis zu Verteidigungs- und Spionageexperten aufzubauen, die seine sorgfältige und ausgewogene Arbeit zu schätzen wissen. Nachdem er einen Hinweis auf russische Geheimpläne zugespielt bekommen hatte, daß geplant ist, ein weltraumgestütztes Waffensystem zu testen, mit dem Schrapnell in der Umlaufbahn verteilt werden soll, hat Leicester Wochen daran gesetzt, Einzelheiten darüber übe reine Vielzahl von Quellen, einschließlich nicht öffentlich zugänglicher Geheimdienstinformationen, bestätigen zu lassen.

Seine Reportage beruht auch auf Gesprächen mit führenden Militärexperten, einschließlich des Kommandanten der Weltraumabteilung der kanadischen Armee, der die Konsequenzen und Folgen einer solchen Waffe in technischer, militärischer und strategischer Hinsicht näher beleuchtete.


In einem weiteren Bericht, den John Leicester drei Wochen darauf, am 15. Januar 2026, für Associated Press schrieb, werden die Details etwas näher ausgeführt.

Die Geheimdienste zweiter NATO-Staaten verdächtigen Russland, ein neuartiges Waffensystem zu entwickeln, das Elon Musks Starlink-Satelliten zum Ziel von Schrapnell-Wolken in der Erdumlaufbahn auserkoren hat, um die Weltraum-Überlegenheit, die der Ukraine auf dem Schlachtfeld hilft, auszuschalten.

Geheimdiensterkenntnisse, die der Associated Press vorliegen, besagen, daß eine Waffe, die sich den sogenannten „Zonen-Effekt“ zunutze macht, die Umlaufbahnen der Starlink-Satelliten mit hunderttausenden winziger Kügelchen von hoher Dichte überfluten könnte, um gleichzeitig eine Vielzahl von Satelliten auszuschalten, mit dem Risiko, dabei auch andere Systeme in der Umlaufbahn zu beschädigen.

Experten, denen diese Erkenntnisse nicht vorliegen, bezweifeln daß eine solche Waffe eingesetzt werden könnte, ohne ein unübersehbares Chaos von Firmen und Nationen, die Raumfahrt betreiben, zur Folge zu haben, einschließlich Russland und China, die für Kommunikation, Verteidigung und sonstige lebenswichtige Zwecke auf tausende von Satelliten angewiesen sind.

„Ich glaube nicht daran. Ich halte das nicht für real,“ sagt Victoria Samson, eine Expertin für Sicherheitsfragen im Bereich der Raumfahrt an der Secure World Foundation in Colorado, die für die jährlichen Berichte für Anti-Satelliten-Systeme zuständig ist.

„Es würde mich sehr überraschen, wenn man dort so etwas entwickeln würde.“

Aber der Leiter der Weltraum-Abteilung des kanadischen Heers, Brigadegeneral Christopher Horner, betont, daß angesichts der amerikanischen Vorwürfe, daß Russland an einer nukleargetriebenen Weltraumwaffe arbeitet, nicht ausgeschlossen werden kann.

„Mir liegen keine Erkenntnisse über ein solches Waffensystem vor. Aber es ist nicht unwahrscheinlich,“ sagte er.

„Wenn die Berichte über ein nuklearbetriebenes Weltraumwaffensystem zutreffen sollten, und sie es riskieren sollten, das Risiko einzugehen, so etwa zu entwickeln, dann würde es mich nicht überraschen, wenn sie ein solches System, das niederschwelliger angesiedelt ist, aber ebenso großen Schaden anrichten könnte, entwickeln.“

Die Berichte sind AP unter der Bedingung zugänglich gemacht worden, daß die Namen der beteiligten Geheimdienste nicht genannt würden; die Nachrichtenagentur konnte die Ergebnisse nicht durch unabhängige Quellen bestätigen lassen.

Die US Space Force reagierte nicht aus Anfragen per Email. Das französische Weltraumkommando erklärte in eine Mitteilung gegenüber AP, daß es die Berichte nicht kommentieren wollte, sagte ab: „Wir können Ihnen mitteilen, daß Russland in den letzten Jahren die Zahl unverantwortlicher, gefährlicher und sogar feindliche Aktivitäten im Weltraum erhöht hat.“

Die Berichte zeigen, daß Russland Starlink als große Bedrohung ansieht. Die tausende von Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn waren entscheiden für das Überleben der Ukraine beim Kampf gegen die russische Invasion, die jetzt ins vierte Jahr geht.

Die Internetverbindungen durch den Starlinkdienst werden von den Ukrainischen Streitkräften für die Kommunikation auf dem Schlachtfeld genutzt, zur Erfassung von Zielkoordinaten, und helfen zudem zivilen und regierungsamtlichen Kräften in Gebieten, an denen die Kommunikation unter der Einwirkungen russischer Schläge gelitten hat.

Russische Stellen haben wiederholt davor gewarnt, daß kommerzielle Satelliten, die von den ukrainischen Streitkräften genutzt werden, legitime Ziele darstellen. In diesem Monat hat Russland eine neue bodengestützte Rakete, die S-500, angekündigt, die in der Lage sein soll, Ziele im nahen Erdorbit zu treffen.

Anders als die Rakete, die Russland 2021 benutzt hat, um einen noch aus der Zeit des Kalten Kriegs stammenden Satelliten zu zerstören, würde das noch in der Entwicklung befindliche System in der Lage, zahlreiche Starlink-Satelliten gleichzeitig zu treffen, wobei die Kugeln möglicherweise aus Schwärmen von Kleinsatelliten freigesetzt würden, wie es in den Geheimdienstberichten heißt.

General Horner weist darauf hin, daß sich solche Trümmerwolken kaum so fokussieren lassen würden, daß sie nur Starlink-Satelliten in Mitleidenschaft ziehen würden und daß die Trümmer, die ein solcher Angriff hinterlassen würde, „schnellstens außer Kontrolle geraten würde.“

„Das wäre, als wenn man eine Schachtel mit Luftgewehrkugeln in die Luft explodieren lassen würde,“ sagte er. Die Folge wäre, „daß die gesamte Umlaufbahn unbenutzbar würde und sämtliche Starlink-Satelliten, die sich auf dieser Umlaufbahn befinden, ausgeschaltet würden – und jeder weitere Satellit dort auch. Und das macht mir am meisten Sorgen.“

Die Berichte, die AP vorliegen, geben nicht an, ob Russland in der Lage ist, ein solches System zu entwickeln; auch nicht, ob es bereits getestet worden ist oder wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist.

Das System befindet sich in der aktiven Entwicklung und Informationen über den Zeitpunkt eines zu erwartenden Einsatzes sind zu sensibel um sie an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, wie eine Quelle, die mit den Berichten und Erkenntnissen, die AP nicht vorliegen, vertraut ist, mitteilte. Diese Quelle bat hinsichtlich dieser Aspekte um Vertraulichkeit, was die Weitergabe solche geheimen Erkenntnisse betrifft.

Es könnte sich hier einfach um russische Experimente handeln, betonte Samson.

„Ich halte es für möglich, daß manche russischen Entwickler an solchen System en arbeiten, weil es ein interessantes Konzept darstellt und sie denken daß sie irgendwann für ihrer Regierung Mittel dafür erhalten werden,“ sagte sie.

Den Berichten zufolge wären die Kugeln so klein – mit einem Durchmesser von nur Millimetern – daß sie von Boden- und weltraumgestützten Radarsystemen, die Weltraumtrümmer verfolgen, nicht aufgespürt werden könnten. In einem solchen Fall wäre es schwierig, Moskau für einen solchen Angriff verantwortlich zu machen.

Colin Swope, ein Experte für Weltraumsicherheit und -waffen an Center for Strategic and International Studies, einem Think Tank für Fragen der Sicherheitspolitik mit Sitz in Washington, meint, wenn „solche Kugeln nicht auffindbar wären, würde dies die Angelegenheit komplizierter gestalten,“ aber eine „Lösung nicht unmöglich machen.“

“Wenn die Satelliten reihenweise ausfallen, kann man immer noch zwei und zwei zusammenzählen,“ sagte er.

Es scheint nicht eindeutig zu sein, wieviel Schaden solche winzigen Kügelchen tatsächlich anrichten würden. Im November beschädigte ein Treffer durch ein winziges Weltraumtrümmerstück eine chinesische Raumkapsel in Mitleidenschaft gezogen, mit dem drei chinesische Raumfahrer zur Erde zurückkehren sollten.

„Wahrscheinlich würden sie Sonnenkollektoren den meisten Schaden erleiden, weil sie die empfindlichsten Teile der Satelliten darstellen,“ sagt Swope. „Das würde ausreichen, um einen Satelliten zu beschädigen und unbrauchbar zu machen.“

Nach einer solchen Attacke würden die Kugeln und die Trümmerteile nach einiger Zeit zur Erde zurückstürzen und dabei möglicherweise andere Systeme in der Umlaufbahn beschädigen.

Die Umlaufbahnen der Starlinksatelliten verlaufen in einer Höhe von 550 km. Die chinesische Raumstation Tiangong und die Internationale Raumstation befinden sich auf niedrigeren Umlaufbahnen, „und wären deshalb bedroht,“ so Swope.

Das Chaos, das durch eine solche Waffe ausgelöst würde, könnte Moskau als Druckmittel gegen seine Feinde nutzen, ohne sie wirklich einsetzen zu müssen, sagte Swope.

„Es klingt nach einer Waffe, due zur Drohung dienen würde, als Mittel zu Abschreckung oder etwas Vergleichbares,“ sagt er.

Samson glaubt, daß die Nachteile einer solchen Waffe nach sich ziehen würde, Russland von einem solchen Vorhaben abhalten würde.

„Sie haben schließlich eine Menge Zeit und Mittel und Aufwand daran gewendet, um eine Weltraummacht zu werden,“ sagte sie.

Der Einsatz einer solchen Waffe „würde auch Sie den Zugang zum Weltraum kosten,“ sagte Samson. „Ich glaube nicht, daß sie bereit wären, das dafür aufzugeben.“


Das Stichwort, unter dem das Konzept einer solchen sich ausbreitenden Trümmerkaskade, die letztlich die Nutzung der erdnahen Weltraum für viele Jahre unmöglich machen würde, weil jeder neue Treffer eine Wolke auf zahllosen weiteren Trümmern zur Folge hat, die auch auf höhere und Niedrigere Umlaufbahnen geschleudert werden – gut vergleichbar mit der Neutronenkaskade, die bei der Zündung einer Atombombe entsteht – ist in der Raumfahrt als Kessler-Kaskade bekannt. Benannt ist es nach dem amerikanischen Astronom Donald Kessler, der 1978 in seinem Aufsatz „Collision Frequency of Artificial Satellites. The Creation of a Debris Belt“ (veröffentlicht im Journal of Geophysical Research, Bd. 83, S. 2636-2647) zuerst davor gewarnt hat. Angelegentlichen Kinogehern ist das Szenario vielleicht aus Alfredo Cuaróns SF-Film „Gravity“ von 2013 mit Sandra Bullok in der Hauptrolle geläufig. Daß der Film mit allen Gesetzen der Bahnmechanik fröhlich Schindluder treibt, sei hier einmal außen vor gelassen; im Film bewegen sich die ISS, die chinesische Raumstation sowie das Hubble-Weltraumteleskop auf exakt derselben Umlaufbahn, mit demselben Bahnneigungswinkel, man kann sich wenn man sich in wenigen Minuten über zehntausende von Kilometern bewegt hat, ohne Schwierigkeiten an den Sonnenpanelen des nächsten Ziels festhalten, und die Trümmerwolken sind schon aus weiter Entfernung als helle Objekte auszumachen. Aber Hollywood war schon immer groß darin, eiserne Naturgesetze zugunsten dramatischer Effekte nach Möglichkeit zu ignorieren. Ob es die Druckwellen von Explosionen sind, vor denen die Helden davonlaufen, ob es Nigel Patrick ist, der in David Leans „The Sound Barrier“ von 1952 als erster mit seinem Düsenjet die Schallmauer durchbricht, indem er den Steuerknüppel mit Elan nach vorn schiebt – geschenkt.

Es gibt Überschläge, denen zufolge das Risiko einer Kessler-Kaskade weit überschätzt wird (weil reale Beschädigungen durch solche Bruchstücke in den jetzt 68 Jahren der realen Raumfahrt selten genug aufgetreten sind). Selbst im schlimmsten anzunehmenden Fall würde ein solches Ereignis nicht das endgültige Aus für die Raumfahrt zur Folge haben: der winzige, aber dennoch vorhandene Restwiderstand der obersten Atmosphärenschichten führt dazu, daß alles, was in weniger als 600 Kilometern Höhe den Erdball umkreist, im Lauf einiger Jahre abgebremst wird und damit an Höhe verliert. In einer Höhe von 300 km führt das im Lauf von 10 bis 15 Jahren zum „Rücksturz zur Erde“, in einer Höhe von 150 Kilometern dauert es – je nach der Sonnenaktivität, die die oberen Luftschichten aufheizt und damit ausdehnt – zwischen drei Tagen und einer Woche. (Ein praktisches Anwendungsbeispiel dafür folgt im Abschnitt II.) Dennoch tragen die Raumfahrtnationen in aller Regeln Vorkehrungen, um damit verbundene Risiken nach Möglichkeit zu minimieren. Die Oberstufen der Raketen, die nach ihrem Brennschluß wie ihre Nutzlasten Umlaufgeschwindigkeit haben, verfügen heute in der Regel über einen Restvorrat an Treibstoff, mit dem sie nach Abschluß ihres Transportauftrags gezielt den Wiedereintritt und damit das Verglühen in der Atmosphäre einleiten.

Zu der ersten Aufgabenstellung für die Mission VICTUS HAZE zählte die Vorbereitung des Startes in einem Zeitraum von weniger als 24 Stunden. Dabei waren die Bahndaten des vorgesehenen Ziels Rocket Lab vorher nicht mitgeteilt worden. Die tatsächliche Zeit nahm dann 16 Stunden und 40 Minuten in Anspruch. Bei dem zu verfolgenden Ziel handelt es sich um den Satelliten JACKAL-0004, gebaut von der zweiten Firma, True Anomaly mit Sitz in Colorado, die von der Space Force im Rahmen des TacRS-Programms, des „Tactically Response Space“ beauftragt wird. JACKAL-0004 (auch unter den Registraturziffern 2026-100AJ oder NORAD 69012 gelistet) ist am 3. Mai 2026 im Rahmen einer „Rideshare“-Missionen zusammen mit 43 anderen Satelliten an Bord einer Falcon 9 von der Vandenberg Air Force Base auf den Weg gebracht worden, zusammen mit zwei Kunstmonden aus Singapur, CAS500-2 und BusanSat aus Südkorea, sechs EarthDaily-Satelliten aus Kanada und den beiden deutschen ICARUS 2.0-RAVEN der Max-Planck-Gesellschaft sowie CUBE II im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. JACKAL-0004 befindet sich auf einer fast polaren Umlaufbahn, mit einem Neigungswinkel von 97,6 Grad zum Äquator; es handelt sich als um eine sogenannte „sonnensynchrone Umlaufbahn,“ bei der jeder Punkt (oder FAST jeder Punkt) der Erdoberfläche, die sich unter dem Kunstmond dreht, zur gleichen Uhrzeit erneut überflogen wird. Das hat zur Folge, daß bei Aufnahmen der Einfallwinkel der Sonne der gleiche bleibt, so daß Veränderungen zwischen den einzelnen Aufnahmen leicht auszumachen sind.















(VICTUS HAZE - Zündung der zweiten Stufe)

II – Swift und LINK

Das zweite Katz-und-Maus-Spiel der orbitalen Art soll am Samstag, dem 27. Juni, um 09:00 Uhr Weltzeit beginnen – und zwar ebenfalls über den Weiten des Stillen Ozeans. Dann soll von einem Flugzeug, einer umgebauten Lockheed L-1011 Tristar aus dem Jahr 1974 mit dem Namen „Stargazer“ von der Ronald Raegan Space and Missile Test Range auf dem Kwajalein-Atoll, die LINK-Mission an der Spitze einer eine Pegasus-Rakete starten. (Auch bei diesen Namen handelt es sich wie den autonomen Landeplattformen von SpaceX, um eine Referenz an das Genre der Zukunftsliteratur: Captain Jean-Luc Picard hatte, bevor er für die Dauer von „Star Trek: The Next Generation“ den Befehl über die Enterprise übernahm, das Kommando über die „Pegasus“ geführt, während sein erster Offizier William Riker die „USS Stargazer“ kommandierte). Wer einwenden möchte, daß „ST:TNG,“ wie der Titel der Serie bei ihren zahlreichen Fans liebevoll abgekürzt wird, mittlerweile auch eine „Zukunft von gestern“ darstellt (ihren ersten Auftrag erledigte die Mannschaft im Oktober 1987 in „Mission to Farpoint“), liegt in zweierlei Hinsicht richtig: zum einen hat keine SF-Serie in den letzten beinahe 40 Jahren eine solche „ikonische,“ im popkulturellen Gedächtnis aufrufbare Wirkung mehr erzielt, weder bei den späteren Ablegern von „Deep Space Nine“ bis zum woken Zeitgeistdesaster „Star Fleet Academy,“ das Paramount nach dem vollständigen Durchfall bei Kritik und Fans in diesem Frühjahr nach nur zehn Folgen umgehend entsorgt hat, noch bei anderen Serien von „Babylon 5“ bis zu „The Expanse.“ Es wäre einmal einiger Überlegung wert, ob das Genre Science Fiction, sowohl in ihrer gedruckten Version wie auch in der dramatisierten Darrreichungsform als Film oder Fernsehserie sich am Ende als reines Phänomen des zwanzigsten Jahrhunderts erweisen wird, dessen Darstellungsmöglichkeiten, Themen, Versatzstücken ausgelotet und auserzählt sind und sich, sagen wir der „Matrix"-Trilogie in mehr oder meist weniger inspirierten Varianten des schon Gebotenen erschöpft.

Aber auch die Pegasus, die in einer Höhe von 11 bis 12 Kilometern (oder, im englischen Fliegerjargon, in „38.000 bis 40.000 Fuß“) ihre Reise beginnt, stellt eine solche „Technik von gestern“ dar. Die 17 m lange dreistufige Rakete, deren Stufen mit Festbrennstoff betrieben werden, hat zwischen 1990 und 2021 insgesamt 40 erfolgreiche Starts hinter sich gebracht und dabei 100 Satelliten in die Umlaufbahn gebracht (der letzte der vier Fehlstarts fand mit Flug 14 im November 1996 statt). Für den Flug am Samstag ist das letzte von Northrop Grunman gefertigte Exemplar vorgesehen. Der durchschlagende Erfolg von Firmen von SpaceX und Rocket Lab hat den modus operandi der Orbital Sciences Corporation so obsolet werden lassen wie die Dampftraktion im Schienenverkehr oder die Großen Windjammer, die vor einer sss-steifen Brise um Kap Hoorn seilen. Oder, um bei unserem Thema zu bleiben, die Boeing X20 Dyna-Soar.



(Die "Stargazer" am 12. Dezember 2016 über Cape Canaveral beim Start der Pegasus-F43-Mission)



(Das Ausklinken von F43 über Daytona Beach)

Bei der LINK-Mission geht es ebenfalls um die Verfolgung und das Rendezvous mit einem anderen künstlichen Trabanten. In diesem Fall handelt es sich um das Weltraumteleskop Swift (seit 2018 trägt der Satellit, bis dahin nur schlicht als „Swift“ bezeichnet, den offiziellen Namen „Neil Gehreis Swift Observatory“ zu Ehren des Astrophysikers Neil Gehreis, der bis zu seinem Tod im Februar 2017 als Leiter des Astroparticle Physics Laboratory den Einsatz des Observatoriums leitete). Ungewöhnlicherweise steht „Swift,“ anders als bei so vielen Weltraummissionen, nur für ein Kürzel oder Akronym, sondern entspricht schlicht der Vokabel für „rasch, geschwinde.“ Die ursprünglich für zwei Jahre angelegte Mission „fremde Welten zu erkunden … Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat“ (wie das ZDF 1973 den Titelauftakt „to explore strange new worlds … to boldly go where no man has gone before“ der allerersten Star-Trek-Serie umformuliert hat) diente seit dem Start im November 2004 der Erforschung eines der verbliebenen Rätsel der modernen Astrophysik, der bislang noch weitgehen ungeklärten Entstehung und Natur der Gammastrahlenausbrüche („gamma ray bursts,“ abgekürzt GRBs), der energiereichsten Signale, die die Forschung seit dem Beginn des Raumfahrtzeitalters entdeckt hat. Da die Erdatmosphäre bis auf zwei recht schmale Ausnahmen – das „Radiofenster“ und das sichtbare Spektrum - für die Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums nicht durchlässig ist, mußte diese Entdeckung bis zur Erfindung von entsprechend bestückten Spähern im Weltraum warten. Die ersten dieser Ausbrüche wurden 1967 mit dem Vela-Satelliten entdeckt, der zur Überprüfung des Verbots oberirdischer Atombombenexplosionen diente, das 1962 durch die Vereinten Nationen beschlossen worden war. Bei der Zündung eines solchen Sprengkopfes kommt es in den ersten Sekundenbruchteilen zur Emission energiereicher Strahlung im Gammawellenbereich, und wenn mit den damaligen Instrumenten auch noch keine genaue Lokalisierung möglich war, so reichte doch der Nachweis als Hinweis für einen Verstoß gegen das Testverbot. 1973 konnten Physiker am Lawrence Livermoore Loboratory mathematisch nachweisen, daß die Quelle dieser nur Sekunden andauernden Ausbrüche in den Weiten des Alls liegen mußte; der in niederländisch-italienischer Zusammenarbeit gebaute BeppoSAX lieferte ab 1996 eine erste Kartierung dieser Quellen.

Bis heute herrscht unter den Astrophysikern kein Konsens darüber, welche physikalischen Vorgänge diesem Phänomen zugrunde liegen. Erklärungsvorschläge sind etwas Hypernovaausbrüche, bei denen es bei der Explosion eines roten Riesensterns direkt zur Entstehung eines schwarzen Lochs im Sternzentrum kommt, das Verschmelzen zweier schwarzer Löcher oder zweier Neutronensterne. Um das genauer analysieren zu können, muß nicht nur der genaue Verlauf eines oft nur wenige Sekunden bis Minuten währenden Ausbruchs verfolgt werden, sondern auch die dabei freigesetzte Energie errechnet werden können. Dazu muß man wissen, wie weit die Quelle entfernt ist. Als einzige „Standardkerze“ (wie die Astronomen komische Erscheinungen nennen, die hier als Eichmaße dienen können) kommt in diesem Fall die Rotverschiebung des Spektrums in Frage, da die Verlagerung der charakteristischen Absorptionslinien, vor allem des Wasserstoffs, eine exakte Bestimmung die Geschwindigkeit erlauben, mit der es sich von uns entfernt. Und zur Eichung dieser Skala dient die Helligkeit von Supernovae vom Typ Ia, die stets die gleiche Helligkeit aufweisen. (Dabei fließt von einem eng umlaufenden Doppelstern Sternmaterie zur Oberfläche des ihn umkreisenden Neutronensterns, sammelt sich an und die Wasserstofffusion setzt schlagartig ein, wenn dieser Vorrat eine kritische Grenze überschreitet.)

Das Swift-Observatorium, das im November 2004 mit einer Delta-II-Rakete gestartet worden ist, ist zur genauen Erfassung dieser Phänomene ausgelegt. Das Aufspüren solcher Blitze erfolgt über ein Suchteleskop mit weitem Blickfeld (Burst Alert Telescope, oder kurz BAT), mit dem die Position innerhalb von 15 Sekunden bis auf eine Genauigkeit von vier Bogensekunden genau bestimmt werden kann. Sobald ein GRB registriert wird, wird der Satellit mit seiner Masse von 1,5 Tonnen mithilfe von Gyroskopen („sogar unsere Kreisel hatten Steuerkreisel“) auf sein Ziel ausgerichtet und das Nachglühen des Strahlungsausbruchs mit zwei größeren Teleskopen im Ultravioletten und im Röntgenbereich nachverfolgt. Der erste Nachweis eines GRB gelang am 17. Januar 2005; im Mai 2010 waren es schon 500, im Oktober 2015 dann 1000. Bis zur (vorläufigen) Einstellung des Beobachtungsbetriebs am 8. Februar 2026 ist diese Zahl auf 2036 angewachsen. Darunter waren etwa im April 2009 der GRB090423, mit einer Entfernung von 13,03 Milliarden Lichtjahren die bis dahin am weitesten entfernte Strahlenquelle dieser Art, GRB 08039B (19 März 2008), 7,5 Milliarden Lichtjahre entfernt, aber 2,5 millionenfach so hell wie die bis dahin stärkste entdeckte Supernova und am 9. Januar 2008 ein Röntgenstrahlenausbruch in der 77 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie NGC 2770, die wenig später als Supernovaausbruch nachgewiesen werden konnte (vom Typ Ibc) und damit den frühesten Beobachtungszeitpunkt für eine solche Meßreihe darstellt. Die anschließenden parallelen Beobachtungen durch acht weitere Großteleskop (etwa den Röntgensatellit Chandra und das 10-m-Keck-I-Teleskop auf Hawaii und das Hubble-Weltraumteleskop sind von Astronomen mit der Bedeutung des Steins von Rosette für die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen verglichen worden).



Es ist also kein gewöhnliches Weltraumteleskop, von dem hier die Rede ist (wobei „gewöhnlich“ angesichts eines solchen kosmischen Hochsitzes sowieso ein Oxymoron darstellt) – auch wenn die Baukosten von Swift mit 135 Millionen Dollar nur bei einem Zwölftel von denen des Hubble Space Telescope (1,6 Milliarden Dollar) lagen. Das Teleskop ist 2024 auf die Lagekontrolle durch zwei statt der bisher drei Gyroskope umprogrammiert worden; nach der Einschätzung der Flugleitung sollte das Teleskop noch mindestens zehn weitere Jahre einsatzbereit sein.

Beim Start im November 2004 ist Swift in einer Umlaufbahn mit einem Perigäum von 585 km und einem Apogäum von 604 km platziert worden; der weiter oben erwähnte minimale Luftwiderstand hat dies in den letzten 25 Jahren auf 373 bzw. 378 km sinken lassen. Zwar beträgt der Luftdruck in dieser Höhe nur gut ein Milliardstel des Drucks in Seehöhe, aber die Luftmoleküle treffen den Kunstmond mit einer Geschwindigkeit von 28.000 Stundenkilometern, sodaß die Wirkungen deutlich sichtbar werden. Im September 2025 hat die NASA daraufhin einen Vertrag mit dem 2020 begründeten privaten Raumfahrtunternehmen Katalyst Space Technologies aus Flagstaff in Arizona über 30 Millionen US-Dolar für die Entwicklung und Durchführung einer Rettungsmission abgeschlossen. Ohne eine solche Maßnahme rechnet die NASA damit, daß Swift im Oktober unter eine Höhe von 300 Kilometern sinken wird (was nach ihrer Aussage eine solche Mission vereiteln würde) und gegen Ende dieses Jahres unkontrolliert abstürzen könnte. Im Februar hat die NASA , wie erwähnt, den Beobachtungbetrieb eingestellt und das Teleskop so gedreht, daß es den Luftmolekülen einen möglichst geringen Querschnitt bietet, was den Luftwiderstand um ein gutes Drittel reduziert.

Die von Katalyst entwickelte und gebaute Sonde für die LINK-Mission hätte unter normalen Umständen zwischen Auftragsvergabe und Start eine Planungs- und Bauzeit von mindestens zwei Jahren in Anspruch genommen, in diesem Fall lagen zwischen der Vergabe und dem Abschluß der Tests am Goddard Space Flight Center in Washington, D.C., am 4. Mai 2026 gerade einmal acht Monate. (Spätestens an diese Stelle dürfte klar sein, warum mir Berrymans Erzählung in den Sinn kam.) Vom 5 bis zum 9. Juni ist der Satellit auf der Wallops Flight Facility im Bundesstaat Virginia an der Spitze der Pegasus-Rakete montiert worden; Rakete und Satelliten sind am Freitag, den 12. Juni unter der „Stargazer“ in Stellung gebracht worden, und der Transport zu den Marschallinseln, von denen der Start erfolgen soll, fand am vorigen Donnerstag, den 18. Juni statt.

Die 425 kg schwere Sonde ist mit drei Hall-Effekt-Antrieben ausgestattet, die die Anhebung durchführen sollen. Swift ist nicht mit Ports oder Andocknuten ausgestattet; diese Aufgabe übernehmen die Roboterarme mit jeweils einem Mittelgelenk, die sich an der unteren Partie des Teleskops festklammern sollen. Probegriffe mit einem Modellnachbau von Swift in Originalgröße sind zufriedenstellend verlaufen. Auf den Start solle erst einmal eine Erprobung dieser Antriebe und Arme unter Einsatzbedingungen erfolgen; nach etwa vier Wochen soll das Rendezvousmanöver stattfinden; für das Anheben der Umlaufbahn sind weitere sechs Wochen vorgesehen. Bei den Hallantrieben handelt es sich um „hochgetunte“ Ionenantriebe, bei denen Edelgase durch Magnetfelder auf hohe Ausstoßgeschwindigkeiten von bis zu 30.00 km/h beschleunigt werden. Der Wirkungsgrad eines solchen Antrieb ist im Vergleich zu den üblichen Antrieben aufgrund chemischer Reaktionen äußerst bescheiden, aber da der Treibstoffverbrauch äußerst bescheiden ausfällt, kann ein solches Triebwerk mit nur wenigen Kilogramm Gasvorrat über Wochen oder gar Monate laufen. Im Fall von LINK werden die drei Antriebe mit insgesamt 60 kg Xenon betrieben.













Die Marschallinseln: das heißt in diesem Fall genauer: das Kwajalein-Atoll, 2100 Seemeilen südwestlich von Hawaii gelegen, dessen 97 kleine Koralleninseln (mit einer Gesamtfläche von etwas mehr als 16 Quadratklometern) die größte Lagune der Welt einschließen. Noch genauer: die Ronald Reagan Ballistic Defense Test Site, deren Einrichtungen, Radaranlagen und zwei Raketenstartrampen auf elf davon verteilt sind. Und noch genauer: das Buchholz Army Airfield, von dem die „Stargazer“ um 21.00 Uhr Ortszeit abheben soll. Und auf der am weitesten östlich gelegenen Insel dieses Atolls, Omelek, fand von 20 Jahren, am 24. März 2006, der erste der Schritte in der Geschichte der Raumfahrt statt, die das Geschäftsmodell für die Pegasus-Rakete beendet hat.

Walter Isaacson schreibt dazu in seiner Elon-Musk-Biographie von 2023:

Musk hatte geplant, die Raketen von SpaceX von der am günstigsten gelegenen Stelle aus zu starten: der Vandenberg Air Force Base mit einem Gelände von 100.000 Hektar an der kalifornischen Pazifikküste bei Santa Barbara. Die Raketen und andere Ausrüstung waren leicht von den Werkstätten und der Zentrale von SpaceX in Los Angeles, 160 Meilen weiter südlich, anzuliefern.

Das Problem dabei war, daß die Basis von der Luftwaffe betrieben wurde, deren Regel und Vorschrift in Stein gemeißelt waren. Das paßte Musk nicht, dessen Unternehmenskultur darin bestand, jede Regel infrage zu stellen und jede Vorschrift bis zum Beweis des Gegenteils für überflüssig zu halten … Außerdem war Vandenberg als Startplatz eines hochgeheimen militärischen Spionagesatelliten im Wert von einer Milliarde Dollar vorgesehen. Im Frühjahr 2005, als SpaceX die Entwicklung seiner Rakete abschloß, erklärte die Air Force, daß SpaceX ihre Startrampe erst dann nutzen dürfe, wenn der Satellit sicher gestartet worden war, und daß sie keinen festen Zeitpunkt dafür nennen konnten. SpaceX verfügte über niemanden, der die laufend anfallenden Kosten übernahm. Sie hatten keinen entsprechenden Vertrag und erhielten ihre Vertragssummen erst dann überwiesen, sobald sie vereinbarten Ziele erreichten. Lockheed dagegen profierte jedes Mal davon, wenn es zu einer Verzögerung kam. (Über die verheerende Wirkung solcher sogenannten „Cost-Plus-Verträge“ hat auch Rainer Zitelmann in seinem neuen Buch „Weltraumkapitalismus,“ Langen Müller, 2026, einiges zu berichten.)

Gwynne Shotwell hatte 2003 für SpaceX einen Vertrag mit Malaysia in Höhe von 6 Millionen US-Dollar für den Start eines Kommunikationssatelliten ergattert. Das Problem bestand dabei darin, daß der Satellit so schwer war, daß der Start in der Nähe des Äquators erfolgen mußte, wo die schnellere Erdrotation den nötigen Schub nachlieferte. Shotwell bat Koenigsmann in ihr Büro in der Zentrale von SpaceX, breitete eine Weltkarte aus und fuhr mit dem Finger den Äquator entlang. Erst in der Mitte des Pazifiks traf er auf Land: die Marschallinseln, etwa 4800 Meilen von Los Angeles entfernt. Sie befanden sich in der Nähe der internationalen Datumsgrenze, aber sonst gab es dort nichts. Nachdem es früher dort eine amerikanische Basis gegeben hatte, auf der Atombombentests und Raketenstarts durchgeführt worden waren, hatten die Marschallinseln ihre Unabhängigkeit erklärt, waren aber immer noch eng mit den Vereinigten Staaten verbunden, die dort immer noch Stützpunkte unterhielt. Einer davon lag auf einer Kette winziger Inselchen aus Korallen und Sandstrand, der als Kwajalein-Atoll bekannt war.

Die Insel Kwajalein, auch „Kwaj“ genannt, war das größten Fleckchen Erde des Atolls. Dort befindet sich ein Stützpunkt der US-Armee mit ein paar spärlichen ausgestatteten Unterkünften, die an Jugendherbergen erinnern und einer Landebahn, die sich als Flughafen ausgibt. Dreimal pro Woche gab es einen Flug von Honolulu. Die Zwischenstopps eingerechnet, dauerte es runde zwanzig Stunden, um von Los Angeles nach Kwaj zu gelangen.

Als Shotwell sich näher informierte, stellte sie fest, daß die Einrichtung von der Abteilung für Raumfahrt und Raketenverteidigung der Armee, mit Sitz in Huntsville, Alabama, betrieben wurde. Der befehlshabende Offizier war Major Tim Mango, ein Name, der Musk zum Lachen brachte. „Das könnte aus Catch-22 stammen,“ sagt er. „Irgendjemand im Pentagon sucht einen leitenden Offizier für eine tropische Insel, und entscheidet sich für Major Mango.“

Musk rief Mango spontan an und erklärte ihm, daß er einer der Gründer von PayPal war und jetzt ins Raketengeschäft eingestiegen war. Mango hörte ihm ein paar Minuten zu und legte dann auf. „Ich hielt ihn für einen Spinner,“ erklärte Mango Eric Berger von Ars Technica später. Anschließend googelte Mango Musks Namen, fand ein Bild, das ihn neben einem McLaren in Kaufwert von einer Million Sollar zeigte, erfuhr, daß er eine Firma namens SpaceX gegründet hatte, und ihm wurde klar, daß er es ernst meinte. Als er die Webseite von SpaceX aufrief, stieß er dort auf die Telefonnummer der Firma und wählte sie. Dieselbe Person mit dem leichten südafrikanischen Akzent hob ab. „Hey – haben Sie gerade aufgelegt?“ fragte Musk.

Mango willigte ein, sich mit Musk in Los Angeles zu treffen. Nachdem sie sich einige Zeit in Musks Büro unterhalten hatten, lud er ihn zum Essen in ein gutes Restaurant an. Mango hielt Rücksprache mit seinem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Offizier und erfuhr, daß er selbst die Rechnung übernehmen müßte, also gingen sie stattdessen zu Applebee’s. Musk und sein Team revanchierten sich einen Monat später, als sie für eine Besprechung mit Mango und seinem Team nach Huntsville flogen. Diesmal speisten etwas vornehmer und frequentierten ein Fischrestaurant, das gedünsteten Wels anbot, an dem der Kopfbelassen worden war. Musk entschied sich für einen davon, sowie frittierten Maisbällchen. Er wollte einen Vertrag abschließen. (Stichwort „Fischrestaurant“: Ja, manchmal ahmt das „wirkliche Leben“ tatsächlich die Kunst nach.)

Das galt auch für Major Mango. Von ihm wurde erwartet, daß er bis zur Hälfte der laufenden Kosten für seinen Stützpunkt auf Kwaj durch Verträge mit Privatfirmen aufbrachte. Major Musk hat uns also den roten Teppich ausgerollt, während uns die Luftwaffe in Vandenberg die kalte Schulter gezeigt hat,“ erklärt Musk. Auf dem Rückflug von Huntsville erklärte er seinem Team: „Wir ziehen nach Kwaj.“ Ein paar Wochen später flogen sie mit seinem Privatjet zu dem entlegenen Atoll, unternahmen einen Rundflug in einem Huey-Helikopter mit offenen Seitentüren und entschieden sich, ihren Startplatz dorthin zu verlegen.



Einige abgebrühte Ingenieure zogen in die Kaserne auf der Insel Kwajalein ein. Der Startplatz befand sich auf einem noch winzigeren Inselchen namens Omelek, zwanzig Meilen entfernt. Ungefähr zweihundertfünfzig Meter breit und unbewohnt, brauchte man mit dem Katamaran gute vierzig Minuten Fahrt – lang genug, um sich frühmorgens auch durch ein T-Shirt einen Sonnenbrand zu holen. Dort stellte das SpaceX-Team einen Wohnanhänger als Büro auf und machte sich daran, das Betonfundament für die Startrampe zu gießen.

Nach ein paar Monaten entschieden sich einige Mitarbeiter des Teams, daß es einfacher war, auf Omelek zu übernachten, als jeden Morgen und Abend die Überfahrt auf sich zu nehmen. Sie besorgten ein paar Matratzen, die sie im Wohnanhänger auslegten, einen kleinen Kühlschrank und einen Grill, auf dem eins der Teammitglieder, Bülent Altan aus der Türkei, sein spezielles Gulasch aus Hackfleisch und Joghurt zubereitete. Es war wie eine Mischung aus den Fernsehserien „Gilligan‘s Island“ und „Survivor“ – nur eben mit einer Startrampe.

Musk bestand darauf, daß die Crew improvisierte, um möglichst viel Geld zu sparen. Statt den fünfzig Meter langen Weg zwischen dem Hangar und der Startrampe mit einer festen Decke zu versehen, bauten sie sich eine Art Wiege auf Rädern, legten Sperrholzplatten davor, rollten die Rakete ein Stück weiter und legten die Platten erneut davor, um die Wegstrecke für die nächsten paar Meter zu glätten.

Wie spontan und das völlige Gegenteil zu Boeing waren die Verhältnisse auf Kwaj? Anfang 2006 planten sie einen statischen Brenntest, bei dem die Motoren zu gezündet werden, die Rakete aber auf der Startrampe angeflanscht bleibt. Aber als sie damit anfingen, stellten sie fest, daß die zweite Stufe nicht genügend Strom bekam. Es stellte sich heraus, daß für die Anschlußkästen, die Bülent, der gulaschkochende Ingenieur, gebaut hatte, Kondensatoren verwendet worden waren , die für die hohen Spannungen, die benötigt wurden, nicht ausgelegt waren. Altan war entgeistert, weil sich das Zeitfenster, das ihnen die Armee zugestanden hatte, in vier Tagen schloß. Er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um eine Lösung zu finden.

Die benötigten Kondensatoren fanden sich bei einem Vertrieb in Minnesota. Ein Praktikant wurde aus Texas auf den Weg geschickt. Währenddessen baute Altan die Anschlußkästen aus der Rakete auf Omelek aus, raste mit dem Boot nach Kwaj, schlief auf einer Betonplatte vor der Startbahn, bis der morgendliche Flug nach Honolulu startete, nahm die nächste Maschine nach Los Angeles, wo ihn seine Frau abholte und zur Zentrale von SpaceX fuhr. Dort traf er den Praktikanten, der gerade mit den Kondensatoren aus Minnesota eingetroffen war. Er tauschte sie gegen die alten in den Anschlußkästen aus und fuhr für die zwei Stunden, die nötig waren, um sie zu testen, nach Hause, um sich umzuziehen. Dann sprangen er und Musk in Musks Privatjet und machten sich auf den Weg nach Kwaj, wobei sie den Praktikanten als Lohn für seine Mühe mitnahmen. Altan hatte gehofft, auf den Flug schlagen zu können - er war jetzt seit vierzig Stunden wach – aber Musk löcherte ihn ohne Pause mit Fragen nach jedem technischen Detail. Ein Helikopter brachte sie von der Landebahn auf Kwaj nach Omelek, wo Altan die reparierten Schaltkästen wieder in die Rakete einbaute. Sie funktionierten. Der drei Sekunden lange statische Feuertest war ein Erfolg, und der erste Startversuch der Falcon 1 wurde ein paar Wochen später angesetzt. (Walter Isaacson, Elon Musk, Simon & Schuster, 2023, S. 142-148; meine Übersetzung)




(Omelek, 2006, vor dem Erststart der Falcon 1)

Dieser erste Start am 24. März 2006 endete nach 33 Sekunden mit einem Fehlschlag, als eine Treibstoffleitung in der ersten Stufe brach und die Rakete an Schub verlor. Ebenso der zweite ein Jahr später, am 21. März 2007, bei dem die Stufentrennung gelang, aber fünf Minuten nach dem Abheben Vibrationen einsetzten, die nach siebeneinhalb Minuten in einer Höhe von 288 Kilometern zu einer automatischen Abschaltung führten – und auch der dritte Versuch am 3. August 2008, als der Antrieb der ersten Stufe bei der Stufentrennung nicht abschaltete und eine Kollision der beiden Stufen die Folge war. Beim vierten Start sechs Wochen darauf, am 28. September 2008, befanden sich SpaceX wie auch Tesla in schwerer finanzieller Seenot: für beide Firmen reichte das verbliebene Betriebskapital nur noch für wenige Wochen, und Elon Musk sah sich vor die Wahl gestellt, alle verbliebenen Mittel für den Weiterbetrieb einer seiner beiden Firmen einzusetzen. Am Ende entschloß er sich, beide aufs Spiel zu setzen. Der Start, mit einer nutzlosen „Nutzlast“ von 165 kg, war ein voller Erfolg – zum ersten Mal hatte die Rakete eines privaten Unternehmers die Erdumlaufbahn erreicht. Für die NASA war die Anlaß genug, Musk Aufträge für die Entwicklung des Nachfolgemodells Falcon 9 zu erteilen und die Nutzung ihrer Einrichtungen auf Cape Canaveral und Vandenberg zu erlauben. (Es liegt eine gewisse Ironie darin, daß von den 25 Starts von Starlink Missionen, die seit Anfang März 2026 durchgeführt worden sind, 16 von Vandenberg aus erfolgt sind.) Wenn auch dieser vierte Startversuch im September 2008 als Fehlschlag geendet hätte, dann hätte SpaceX Konkurs anmelden müssen – und die Geschichte der Raumfahrt wäre in den 18 Jahren seitdem anders verlaufen. Ich korrigiere mich: mittlerweile darf man sagen: die *WELT*geschichte wäre anders verlaufen. Wenn jemand das Bedürfnis haben sollte, Stefan Zweig kleiner Sammlung von „Sternstunden der Menschheit,“ zuerst 1927 als Band 165 in der „Insel Bücherei“ erschienen, ein Update für das 21. Jahrhundert nachzuliefern, dann wäre Samstag, der 28.9.2008, 11:15 Ortszeit auf 9°2‘52“ nördlicher Breite und 167°44‘35“ östlicher Länge eine angemessene „Weltminute,“ wie Stefan Zweig den entscheidenden Moment bei der Schlacht von Waterloo genannt hat.

(Timothy Mango ist übrigens seit 2018, seit seinem Abschied bei der amerikanischen Armee, als geschäftsführender Vizepräsident für die Luftfahrtfirma Intuitive Research and Technology Corporation in Huntsville tätig. Der malaiische RazakSat, der am 14. Juli 2009 von Omelek aus gestartet worden ist, blieb der einzige kommerzielle Start mit einer Falcon 1; dabei handelt es sich, anders als es Isaacson schreibt, nicht um einen Kommunikations- sondern um einen Erdbeobachtungssateliiten.)



III - Berryman, Dyna-Soar, Telstar

Daß der Name von John Berryman (1916-1988) auch bei altgedienten SF-Lesern zumeist nur ein Achselzucken auslöst, darf nicht überraschen. Auf keinen Fall sollte man ihn mit seinem Namensvetter John Berryman (1914-1972) verwechseln, der während der Nachkriegszeit zu den namhafteren US-amerikanischen Lyrikern zählte und dessen Gedichtsammlung „77 Dream Songs“ von 1964 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden ist (Arthur C. Clarke ist in seinem „Bildnis des jungen Künstlers als SF-Leser“, Astounding Days von 1989, diese Velwechserung unterlaufen). Immerhin hat *unser* J.B. es zu einem Eintrag von zwölf Zeilen Länge in der „Encyclopedia of Science Fiction“ gebracht, deren Informationen sämtlich aus einem ungezeichneten Nachruf in der Zeitschrift Analog Science Fiction – Science Fact vom Juni 1989 entnommen sind, in der die meisten seiner gut zwei Dutzend Erzählungen, die er zwischen 1939 und 1966 veröffentlicht hat, erschienen sind. Danach war er im „wirklichen Leben“ als Leiter eines Vertriebs für Elektronik-Bauteile tätig, während der Großteil seiner nebenbei verfaßten Texte unter den Pseudonymen Walter Bupp und William C. Bailey erschienen ist. „The Trouble with Telstar“ erschien dort, in der Ausgabe vom Juli 1962 und wurde in die von Herausgeber John W. Campbell nach der Umbenennung seines Magazins „Astounding“ zusammengestellten dritten Auswahlausgabe (Doubleday 1965) aufgenommen. Bei diesem einzigen Nachdruck ist es aber auch geblieben. Die „Austern von Chincoteague,“ mit denen Mike Seaman sein Verführungswerk an seinem spröden Engel angeht, haben allerdings an der amerikanischen Ostküste einen legendären Ruf; Barryman hat ihnen auch in seiner nicht-SF-Erzählung „The Chincoteague Enigma“ (Smashing Detective Stories, Dezember 1952, als „Walter Bailey“) einen Auftritt eingeräumt. Der kleine Literatur-Zyniker verkneift sich die Mutmaßung, ob es sich dabei um ein unter Campbells Stammautoren beliebtes Spiel handelt. Campbells Sekretärin und Korrekturleserin Kay Tarrant hatte es sich zur eisernen Regel gemacht, jegliche Frivolitäten und Schlüpfrigkeiten aus dem Magazin herauszuhalten und rigoros aus den eingereichten Texten herauszustreichen. George O. Smith hat damit renommiert, daß es ihm gelungen sei, indem er in einer Geschichte eine „ball-bearing mousetrap“ erwähnte und sich ein paar Seiten weiter herausstellte, daß es sich nicht um eine ausgetüftelte Klapparatur handelte, sondern um einen Kater. („We’re outnumbered.“ - „We won’t be long if this thing works like this every night. This is better than the original ball-bearing mousetrap.” – “Which one?” – Peter grinned. “The tomcat,” he said.” – “Rat Race,” Astounding Science Fiction, August 1947) Und Austern gelten ja seit alters als Aphrodisiakum.

* * *





Das Konzept des Weltraumgleiters „Dyna-Soar,“ offiziell als X-20 bezeichnet, wurde von Boeing zuerst in den Wochen nach dem „Sputnik-Schock“ vom 4. Oktober 1957 entwickelt und von der Luftwaffe während der nächsten sechs Jahre befördert. (Die mitunter vorgeschlagene Eindeutschung als „dynamischer Gleiter“ unterschlägt das „Sichaufschwingen“ oder „Emporschwingen“). Damals arbeiteten noch die Air Force und die Marine an Konzepten zur Weltraumfahrt; die Gründung der National Aeronautics and Space Agency am 29. Juli 1958 auf Anweisung von Präsident Eisenhower hatte nicht zuletzt das Ziel, solche fruchtlose und ressourcenverschlingende Parallelarbeiten zu verhindern. Nach den ersten Konzeptvorschlägen wurden die Details und Abmessungen zwischen 1959 und 1961 ausgearbeitet. Der grundlegende Einsatzplan entsprach weitergehend der Vorstellung der „Amerikabombers,“ auch Silbervogel“ genannt, den Eugen Sänger Ende 1941 dem deutschen Reichsluftfahrtministerium vorschlug. Während Sänger als Startvorrichtung einen horizontal beschleunigenden Raketenschlitten auf einer drei Kilometer Startschiene vorsah, war für den Dyna-Soar von Anfang an die Montage auf der Spitze einer mehrstufigen Trägerrakete geplant. Allerdings handelt es sich hier nicht um eine „Apollo“-Rakete (der Name galt immer für das gesamte Mondflug-Programm, daß NASA-Chef Keith Glennan am 28. Juli 1960 der Öffentlichkeit vorstellte), sondern die Titan II, die dann später die Zweimann-Raumkapseln des Gemini-Programms in die Umlaufbahn beförderte, mit denen dann die dafür nötigen Techniken und Rendezvousmanöver in der Praxis erprobt wurden.

Beim Dyna-Soar handelte es sich um eine einsitzige Version, die für Umlaufbahnen bis in einer Höhe von 160 km konzipiert war, mit einer Gesamtlänge von 10,8 Metern, einem Deltaflügel mit einer maximalen Spannweite von 6,3 m, einer Höhe von 2,6 m, einem Leergewicht von 4,7 und einem maximalen Startgewicht von 5,2 Tonnen. Angetrieben werden sollte es mit zwei Raketenmotoren des Typs AJ10-138, die jeweils 36 Kilonewton Schub erzeugen sollten. Der Erstflug war für das Jahr 1966 vorgesehen, aber auch Monate, nachdem mit der Fertigung der ersten Komponenten begonnen worden war, stoppte der US-Kongreß im Dezember 1963 sämtliche Mittel für das Projekt. Der Grund waren zum einen Probleme, die bei der Erprobung und Entwicklung auftraten, zum anderen aber, daß dieses Raumfahrzeug, außer Ausflüge in die Umlaufbahn zu unternehmen, keine weiteren Verwendungsmöglichkeiten aufwies.

Der Öffentlichkeit wurde das Projekt zum ersten Mal im September 1962 im Rahmen einer Luftfahrtausstellung der Air Force in Las Vegas vorgestellt; die auflagenstarke Wochenzeitschrift LIFE präsentierte es in einem Bericht in ihrer Ausgabe vom 22. Februar 1963. Im April 1960 waren bereits sieben Piloten als zukünftige Astronauten ausgewählt worden, zwei von ihnen, darunter Neil Armstrong schieden 1962 aus dem Projekt aus; die anderen zählten später zu den Piloten, die das Raketenflugzeug X-15 (ebenfalls von Boeing) bis an den Rand der Stratosphäre lenkten. Als Landebahn war die Edwards Air Force Base in Kalifornien vorgesehen, zu der der ausgetrocknete Salzsee des Muroc Dry Lake gehört; zwanzig Jahre später zählte sie zu den Ausweichmöglichkeiten bei den Flügel des Shuttle Shuttle.



(Dyna-Soar beim Landeanflug auf die Edwards AFB)





(Dyna-Soar: Geplantes Einsatzprofil. Aus: LIFE-Magazin vom 22. Februar 1963



(Das vorgesehene Astronautenteam vor einem originalgroßen Modell des Dyna-Soar. LIFE)



Die beiden 1962 gestarteten Telstar-Satelliten waren wie ihre beiden Vorläufer Echo I und II zwei Jahre vorher, die geistigen Kinder eines Ingenieurs bei den Bell Laboratories, John R. Pierce (1910-2002). Sein am längsten anhaltendes Verdienst ist sicher die Tatsache, daß er sich 1948 für das ein halbes Jahr zuvor an den Bell Labs entwickelte Verstärker- und Schaltelement auf Halbleiterbasis den Namen „Transistor“ einfallen ließ. Wie John Barryman begab auch er sich angelegentlich in die halbseidenen Gefilde der Science Fiction; zwischen 1930 und 1973 publizierte er immerhin 19 Kurzgeschichten und ein rundes Dutzend Fachartikel, zumeist ebenfalls in „Astounding“ (Herausgeber Campbell hatte seit Beginn seiner Herausgeberschaft immer darauf geachtet, fachlich fundierte und informative Artikel zu bringen, zum einen, um seinem Magazin das Hautgout der knallbunten Welttraum-Abenteuerschnulzen zu nehmen, zum anderen als Anregung für seinen Autorenstamm). Echo I und II waren gewaltige Ballons aus Metallfolie gewesen, mit Durchmesser von 40 und 90 Metern, die als passive Reflektoren Radiosignale zurückwarfen; die beiden Telstars verfügten über Funkeinrichtungen, die die empfangenen Signale aktiv verstärkten und damit das Prinzip der nachfolgenden geostationären Kommunikationsatelliten vorwegnahmen.



(Anlieferung des Telstar in Juni 1962 auf Cape Canaveral)



(Diese Bilder stammen aus einer Fernsehdokumentation, die AT&T 1962 über Abnahme und Start der ersten Telstar-Mission angefertigt hat. Die Aufnahmen wurden auf einer frühen Versione der Magnetbandaufzeichnungen, zu dt MAZ, gespeichert. Ich bitte also um Nachsicht, wenn die Qualität der Bilder nicht ganz dem heutigen Standard entspricht.)

AT&T hatte sechs dieser Satelliten gebaut (von dort dürfte Berrymans Zahlenangabe stammen); zwei davon kamen zum Einsatz: Telstar I wurde am 10. Juli 1962 von Cape Canaveral aus mit einer Delta-II-Rakete in eine stark elliptische Umlaufbahn mit einem Perigäum von 952 und einem Apogäum von 5933 km mit einer Umlaufzeit von 2 Stunden und 37 Minuten. Dieser stark elliptische Orbit bedeutete, daß der Satellit als Relaisstation nur für jeweils gute 20 Minuten zur Verfügung stand, während er den Atlantik überquerte. Berrymans Angabe von „Millionen von Bauteilen“ ist leicht übertrieben: die beiden baugleichen Satelliten bestanden aus jeweils rund 10.000 Komponenten; darin sind die jeweils 3600 Solarzellen, die den Sender mit einer Leitung von 14 Watt Energie lieferten. Dieses äußerst schwache Signal erforderte entsprechend große Antennenanlagen auf dem Erdboden; die wie ein Horn geformte kastenförmige Antenne in Andover in Maine wies eine Länge von 58 m auf. Vor dem Freisetzen wurde der gut 78 kg schwere Satellit zur Stabilisierung in einer Drehung von 180 Rotationen pro Minuten versetzt.



(Montage auf der Spitze des dritten Raketenstufe für einen abschließenden Rotationstest)



(Endmontage auf dem Startturm)



(Die letzten Justierungen vor dem Start)



(Anbringen der Schanzverkleidung, die den Satelliten beim Start vor der Reibungshitze durch die Erdatmosphäre schützt)



Die erste Übertragung eines Signals erfolgte einen Tag nach dem Start, am 11. Juli 1962; die erste öffentliche Präsentation zwei Wochen später, am Montag, den 23. Juli, um 15:00 Uhr Eastern Daylight Time. In den USA wurde die Sendung von den Sendern NBC, CBS, ABC, CBC und in Westeuropa von der Eurovision übertragen. Bei des Testläufen kam es auch zu der ersten Übertragung von Computerdaten von Kontinent zu Kontinent: am 25. Oktober wurden die ersten Datenpakete zwischen einer IBM 401 in Endicott im Bundestaat New York und einer zweiten IBM 401 im französischen La Gaude gefunkt.



(Das erste übertragene Fernsehbild am 11. Juli 1962)

Wie in Berrymans Erzählung geschildert, kam es auch bei Telstar I war recht kurzer Zeit zu einem Ausfall der Signalübertragung. Allerdings war dafür nicht das Versagen eines Relais verantwortlich, sondern die Reststrahlung des Atombombentests Starfish Prime, bei dem am 9. Juli 1962 vor dem Inkrafttreten des Verbots oberirdischer Explosionen eine Bombe mit einer Sprengkraft von 1,4 Megatonnen in einer Höhe von 400 über dem Johnston-Atoll gezündet worden war. Das wiederholte Durchfliegen dieses künstlichen Strahlungsgürtels führte am 23. November 1962 zum Ausfall des Senders. Am 23. Dezember gelang es der Bodenkontrolle, ihn zu reaktivieren und mit Unterbrechungen einzelne Signale zu empfangen, bis er am 21. Februar 1963 endgültig ausfiel. Telstar II, dessen Start am 7. Mai 1963 folgte, arbeitete zwei Jahre lang bis zum Mai 1965 wie vorgesehen. Der erste Kommunikationssatellit auf einer geostationären Bahn in 35800 km Entfernung war dann im April 1965 Early Bird – so wie es sich Arthur C. Clarke in seinem Aufsatz, den er im Oktober 1945 im Journal „Wireless World“ veröffentlicht hatte, vorgestellt hatte.



(Erste Liveübertragung aus Paris in die USA am 23. Juli 1962)



In einem Bericht von August 1962 bezifferte AT&T die Gesamtkosten für Bau und Betrieb ihrer Kommunikationssatelliten auf insgesamt 50 Millionen Dollar. Obwohl die beiden Satelliten seit mehr als 60 Jahren nur noch als „Weltraumschrott“ zu bezeichnen sind, umkreisen sie weiterhin die Erde auf ihren alten Bahnen.



(Hülle der deutschen Single-Veröffentlichung)





Eine französische Textversion, "Telstar (une étoile en plein jour)" von Colette Déreal (1963)



(The Ventures, 1962)



(Los Babys, Mexiko, 1967)



(The Roosters, Japan 1981)

Wenn die Bezeichnung „Transistor“ das eigentliche Erbe von John R. Pierce darstellt, dann ist es im Fall von Telstar das gleichnamige kurze Instrumentalstück, das der englische Toningenieur John Meek fünf Tage nach dem Start, am Sonntagmorgen des 15. Juli 1962 von der Instrumentalcombo The Tornados in seinem Londoner Tonstudio einspielen ließ. Bands wie The Ventures, The Apaches oder The Shadows hatten ab 1960 eine kurze Vogue für solche gitarrengetriebenen Instrumentalstücke mit einem beständig wiederholten Grundmotiv ausgelöst. Meek hatte die kleine Melodie noch am Abend des Starts geschrieben, als die Meldung darüber in den Fernsehnachrichten kam. Decca Records brachte das Stück als 45er- Single am 16. August 1962 auf den englischen Markt und erreichte am 4. Oktober für fünf Wochen den Spitzenplatz in der englischen Hitparade. In den ersten drei Wochen wurden davon eine Viertelmillion Exemplare verkauft; bis Ende Oktober drei Millionen Mal. Die US-Veröffentlichung erfolgte am 4. November. Bis 1964 stieg der weltweite Absatz auf sieben Millionen; es war der bis dahin größte Erfolg eines Popsongs aus den Vereinigten Königreich. (Ab 1964 blockierte dann eine gewisse vierköpfige Gruppe aus Liverpool für die nächsten zwei Jahre weltweit eine Wiederholung für andere Bands.) Anfang 1965 nahm der belgische Bandleader und Hammondorgelspieler André Brasseur aus Anlaß des Starts des offiziell „Intelsat 1“ genannnten Komsats das Stück „Early Bird“ auf, das in der Folge weltweit 6 Millionen mal abgesetzt wurde – er blieb damit aber ein One-Hit Wonder.



IV – Swift II (Der andere Swift)



(Titelbild und Titelkupfer der Erstausgabe von 1726)

In den obigen Abschnitten ist viel von jener spekulativen Literaturrichtung die Rede gewesen, die wir seit Hugo Gernsback als „Science Fiction“ kennen. 2026 jährt sich zum 300. Mal die Veröffentlichung eines Textes, der Anspruch erheben kann, zu den wichtigsten und bekanntesten Vorläufern dieser Gattung (oft auch als „Proto-Science Fiction“ bezeichnet) zu gehören. Am 28. Oktober 1726 kamen in London die ersten Exemplare der anonym publizierten „Reisen zu mehreren entlegenen Völkern der Welt, durch Lemuel Gulliver, zuerst Schiffsarzt und nachfolgend Kapitän mehrerer Schiffe“ in den Buchhandel. Die Aufmachung der vier Reiseberichte konnte auf den ersten Blick durchaus den Eindruck erwecken, daß es sich hier um einen der üblichen Reiseberichte in der Manier etwa eines William Dampier handelte. Der wackere Berichterstatter datiert seine Reisen in die unbekannten Gefilde der noch zu großen Teilen unerforschten Welt genau, vom 4. Mai 1699 bis zum 5. Dezember 1715; er gibt seinem Bericht jeweils eine Karte bei, und der Herausgeber der Druckfassung, sein Vetter Richard Sympson, betont in seinem Avis an den geneigten Leser:

Dieser Band wäre mindestens zweimal so umfangreich geworden, wenn ich mir nicht die Freiheit genommen hätte, unzählige Stellen zu tilgen , die sich auf Winde und Gezeiten beziehen, auf Kompassabweichungen und Peilungen in den verschiedenen Reisen, sowie die peinlich genauen Beschreibungen von der Führung eines Schiffs in Stürmen, nach der Manier von Seeleuten; ebenso den Bericht über Länden- und Breitengrade. (zit n.d. Ü. von Hermann Real und Heinz J. Vienken, Philipp Reclam Jun., Stuttgart 1987/2001. S. 18.)


Spätestens bei der Schilderung der Gebräuche und Geschichte des Landes Lillliput mußte es auch einem unbedarften Leser aufgehen, daß es sich hier um eine äußerst scharf formulierte satirische Kritik an den europäischen Verhältnissen handelt, die sich in den folgenden Büchern zu einer Generalabrechnung mit der „schädlichsten Rasse kleinen abscheulichen Ungeziefers, der die Natur je gestattet hat, auf der Erdoberfläche herumzukriechen“ (ebd. S. 175), wie es der König von Brobdingnag formuliert, nachdem ihm sein Besucher die zivilisatorischen Errungenschaften und Gesetze Europas in den höchsten Tönen gelobt hat (im Original: „.. the most pernicious race of little odious vermin that nature ever suffered to crawl upon the surface of the earth“). Im ersten Buch nimmt sich der Dechant der Kathedrale von St. Patrick in Dublin die englische Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte vor; in zweiten Buch, dem Riesenland Brobdingnag, die europäische Geschichte überhaupt; und im vierten und letzten Buch, dem Land der Houyhnhmns, der intelligenten Pferde, bleibt an dem gesamten „verdammten Menschengeschlecht“ überhaupt kein gutes Haar mehr: die Yahoos, die affenähnlichen Menschenwesen, denen Gulliver dort zu seinem Leidwesen begegnet und in denen er entsetzt sein eigenes Wesen wiedererkennt, sind ein Destillat viehischer Primitivität, Brutalität und verkommenen Elends. (Swift, dessen Satire immer doppelbödig gelagert ist, zeichnet aber auch in der sterilen, nach rigorosen philosophischen Grundsätzen ausgerichteten Lebensführung der Houyhnhmns ein abschreckendes Bild, vor allem, als sie Pläne entwickeln, sich der Yahoos ein für allemal zu entledigen.)



(Gullivers erster Blick auf Laputa. Illustration: J. J. Grandville. Grandvilles Illustrationen, die seit 150 Jahren für die Reisen Gullivers eine ikonische Wirkung erlangt haben, erschienen zuerst in einer französischen Übersetzung von 1838: Voyages de Gulluver dans les Contrées lontaines, Paris: Fournier & Furne)

Buch III ist, anders als die andren drei, nicht aus einem Guß; der Text ist 1724 als eine Art Coda verfaßt worden, und man hat den Eindruck, daß Swift hier „seinen Zettelkasten“ ausgeleert hat, um die Bereiche der menschlichen Anmaßung, die sein Zorn bislang noch nicht getroffen hatte, noch in einem Rundumschlag abzudecken. Der Besuch auf der fliegenden Insel Laputa, die von einem „Magneten“ in der Luft gehalten wird, und der anschließende Besuch der Akademie von Lagado im Land Balnibarbi mit der Aufzählung der dort verfolgten Projekte begründen die Aufnahme des Textes als wichtigstem Vorläufer heutiger „ernsthafter“ spekulativer Literatur. Am bekanntesten ist in dieser Hinsicht seine „Voraussage“ über die Entdeckung der beiden Mondes des Mars, die den Wissenschaftlern auf Laputa mit Hilfe ihrer überlegenen Teleskope gelungen ist

Obwohl ihre größten Teleskope einen Meter nicht übertreffen, vergrößern sie viel stärker als dreißig Meter lange bei uns und zeigen gleichzeitig die Sterne viel klarer. … Sie haben ebenfalls zwei kleinere Sterne oder Satelliten entdeckt, die um den Mars kreisen, wovon der innere vom Zentrum des Hauptplaneten genau drei seiner Durchmesser entfernt ist und der äußere fünf; ersterer kreist in einem Zeitraum von zehn Stunden, letzterer in einundzwanzigeinhalb Stunden, so daß die Quadrate ihrer Umlaufbahnen sich beinahe verhalten wie die Kuben ihrer Entfernung vom Mittelpunkt des Mars, was offensichtlich zeigt, dass sie dem gleichen Gravitationsgesetz unterliegen, das auf die anderen Himmelskörper wirkt. (op.cit., S.224) (Die tatsächlichen Zeiten der beiden Marsmonde, die von dem amerikanischen Astronomen Asaph Hall während der Marsopposition von 1877 entdeckt wurden, belaufen sich auf 7,7 Stunden für Phobos und 30,0 Stunden für Deimos.)


Die Insel Balnibarbi, über der die Insel Laputa drohend ihren Schwebeflug vollführt, liegt in den damals noch völlig unbekannten Weiten des Pazifiks; Tahiti wurde zuerst im Juni 1767 durch Samuel Wallis und im April 1768 durch Antoine de Bougainviille besucht und Hawai’i 1778 durch James Cook entdeckt. Der gute Käpt‘n Gulliver nennt Position von Laputa 46° nördlicher Breite und 183° östliche Länge, was nach heutige Zählweise auf „177° westliche Länge“ zu korrigieren wäre. Kwajalein (die Insel, mit das gesamte Atoll) liegt auf 8°43‘‘ N und 167°44 O, während Omelek, wo vor 20 Jahren ein neues Kapitel der - tatsächlichen und nicht erflunkerten - Raumfahrtgeschichte begann, auf einer geographischen Breite von 9°02‘ zu finden ist. Daß von diesen geographisch so begrenzten Areal auf den Tag genau vier Monate vor dem dreihundertjährigen Jubiläums des Erscheinens des Berichts eine Rettungsmission ihren Anfang nehmen soll, um „Swift zu retten“ – das ist eine Fügung, die sich selbst der verwegenste Verfasser von Science Fiction nicht einmal im Traum einfallen ließe. Allerhöchstens die Programmierer der Matrix.

PS.

Einen habe ich noch.

Dorothee Bär, seit einem Jahr Bundesministerin für Forschung, Technik und Raumfahrt im Kabinett Merz, hat aus Anlaß des Mondflugs von Artemis II leicht naßforsch erklärt: „Deutschland ist eine große Raumfahrernation – ohne uns geht es nicht zum Mond!“ (Allerdings fielen diese Sätze am 1. April 2026. Insofern mag auch hier gelten: „It is as true as if Mr. Gulliver told it!” – wie es Vetter Sympson in seinem Vorwort formuliert.) Auch Bayerns Ministerpräsident Söder sah bei dieser Gelegenheit „Bayern auf Augenhöhe mit ESA und NASA,“ wie die Bayerische Staatszeitung am 31. März 2026 es formuliert hat. In den Niederungen der Praxis hapert es damit bekanntlich noch etwas. Der erste reguläre Start der von dem in Bayern ansässigen Startup Isar Aerospace entwickelten Spectrum von der norwegischen Insel Andøya endete am 30. März 2025 bekanntlich nach 30 Sekunden in einem Feuerball; der Termin für den zweiten Start war für den 25. März 2026 angekündigt, wurde kurz zuvor auf den 9. April verschoben, dann auch den 15. Juni und zuletzt am vergangenen Monat, dem 20.6., als der bislang letzte Countdown aufgrund „nicht-nomineller Werte im Flüssigkeitssystem“ abgebrochen und auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Frau Bär dürfte solche Verzögerungen mittlerweile gewohnt sein; sie wartet immer noch auf das Flugtaxi, das sie am 5. März 2018 im ZDF-„heute journal“ bestellt hat, um „dem Münchener Verkehrschaos zu entgehen.“ Wer Luc Bessons Film „Das fünfte Element“ von 1995 gesehen hat oder die Jetsons aus dem Jahr 1962, wird sich allerdings weniger Illusionen hingeben, daß die Verlagerung in die dritte Dimension das Verkehrsgedränge nachhaltig entzerren könnte. Das sogenannte Braess-Paradox, 1968 von dem deutschen Mathematiker Donald Breass spieltheoretisch begründet, erklärt, warum trotz eine Zunahme an Verkehrswegen das resultierende Gedränge das gleiche bleibt oder sogar zunimmt.

Aber zum Stichwort „große Raumfahrtnation“ kommt mir dieser Netzfund gelegen:





(Beide Karten entnehme ich dem "Deutschen Kolonialatlas", verschienen 1897 in Verlag Perthes)

Auf dieser Übersichtskarte des deutschen Schutzgebietes der Marschallinseln aus dem Jahr 1897 ist am linken oberen Kartenrand Eniwetok zu sehen (damals noch mit doppelten ‚i‘ geschrieben. Auf dieser Insel fand am 1. November 1952 die erste Zündung einer Wasserstoffbombe, mit einer Sprengkraft von 10,4 Megatonnen statt. J. G. Ballard, der die „Kondition des modernen Menschen im Schatten der nuklearen Bedrohung“ wie kein anderer Autor in sinnfällige, nihilistische Bilder gefaßt hat, hat seine nach „The Voices of Time“ (1960) zweitbekannteste Erzählung, „The Terminal Beach“ (erschienen in „New Worlds,“ März 1964) auf Eniwetok angesiedelt, um den psychischen Zerfall seines Protagonisten in Parallele zur toten, vernichteten Umgebung in Parallele zu setzen. Östlich davon folgt Bikini (mit der Schreibwiese ‚q‘). Und diese Koralleninsel erlangte vor genau 80 Jahren Weltberühmtheit, als dort die ersten beiden Atombombentest nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchgeführt worden Bikini A am 1.7. 1946, Bikini B vier Wochen später, am 25.7., mit jeweils zwei Bomben von Bautyp der „Nagasaki-Bombe“ vom Typ Fat Man mit einer Sprengkraft von jeweils 23 Kilotonnen TNT-Äquivalent. Und 5 Tage nach „Bikini Able“ präsentierte der französische Modeschöpfer zum ersten Mal im Pariser Stadtbad Piscine Molitor im 14. Arrondissement einen gewagten zweiteiligen Badeanzug, der den Bauchnabel freiließ und seitdem nur noch als Bikini bekannt ist. Die damals 18-jährige Nac(h/k)tklubtänzerin Micheline Bernardini, die sich nicht fies davor war, so etwas in der Öffentlichkeit zu präsentieren, hat am 1. Dezember 2025 ihren 98. Geburtstag begangen. Réard entschied sich für diesen Namen, weil der Bikini „sehr klein, aber von ungeahnter Sprengkraft“ war.



(Micheline Bernardini am 5. Juli 1946 im Piscine Molitor)



(aus: John W. Campbell, Jr., "Bikini A and B," Astounding Science Fiction, Dezember 1946)

Und rechts unterhalb von Biqini findet sich „Kawdjelinn“ – gut erkennbar an der typischen Umrißform des Atolls. Man darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen, daß Frau Bär oder Herr Söder etwas davon geahnt haben, als sie vom „deutschen Aufbruch in die unendlichen Weiten“ träumten. Aber es beweist, daß der Gang in die Archive noch so manchen überraschenden Fund bereit hält. Die Marschallinseln waren seit dem Sommer 1885 deutsches Schutzgebiet. 1897, das Jahr in dem der Deutsche Kolonialatlas, dem ich diese Karten entnehmen, bei Justus Perthes erschien, war übrigens auch das Jahr, in dem Kurd Laßwitz’s „Auf zwei Planeten“ in zwei Bänden im Verlag Emil Felber in Weimar erschien, der wichtigste Roman der deutschen Proto-Science-Fiction, in dem die Nume, die Marsbewohner, die am Nordpol einer geheime Forschungsstation unterhalten, von einer deutschen Forschergruppe überredet werden, ihre streng an den Vorstellungen Immanuel Kants ausgerichteten pazifistischen Prinzipien abzulegen und eine Invasion der Erde zu unternehmen, um mit ihrer überlegenen Technik die kriegslüsternen Erdlinge davon abzubringen, sich einander fortwährend an die Gurgel zu gehen und so den Weltfrieden herbeizuführen. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Anmerkungen.

Das Titelbild und die Illustrationen für „The Trouble with Telstar“ stammen von John Schoenherr (1935-2010). Schoenherr, der „von Profession“ her eigentlich Tiermaler war, hatte Anfang der sechziger Jahre damit begonnen, schwarzweiß-Illustrationen für „Analog“ zu liefern; daß er heute noch einem Publikum bekannt ist, verdankt er der Bebilderung von Frank Herberts „Wüstenplaneten,“ die er ab dem ertsen Vorabdruck in Analog 1963 begleitet hatte. Seine Bilder des Schai-Hulud, des Sandworms, sind so ikonisch geworden, daß keine der späteren optischen Umsetzungen des Stoffs daran vorbeigekommen ist. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll der Titelbild für die Aufgabe von Analog vom Juli 1975 George Lucas das Vorbild für das Aussehen des Wookie Chewbacca geliefert haben, der dann zwei Jahre darauf im ersten (oder nach heutiger Zählung: vierten) Star-Wars-Film seinen ersten Auftritt hatte.



Jeder schweifende Ausflug in solche Themenkreise, der das georgianische Zeitalter Swifts streift, ist nachgerade verpflichtet, mit einem längeren lateinischen Zitat anzuheben.

„Audentis Fortuna…“ das lateinische Sprichwort läßt sich mit „Den Wagemutigen ist das Glück hold“ wiedergeben. Wilhelm Hertzberg (1813-1879) übersetzt die Zeilen aus der „Aeneis“ wie folgt:
… Auf, lasst zu den Wogen uns eilen,
Während in Hast sie noch sind und die Schritte der Landenden schwanken.
Wer da wagt, dem hilft das Geschick."
(Die Gedichte des P. Virgilius Maro, im Versmass der Urschrift übersetzt, Stuttgart, 1859: Metzler)


Im Zusammenhang mit „Proto-Science Fiction“ und dem „Blick auf kommende Dinge“ ist aber wichtiger, daß Hertzberg sechs Jahre vorher, 1853, eine Auswahl von Nachdichtungen des englischen „poet laurate,“ Alfred Lord Tennyon publiziert hatte. Tennyson dürfte von den „großen Dichtern“ der Zeit Königin Victorias heute der am meisten mit Nichtachtung gestrafte sein: er gilt als Vertreter eines bräsigen, saturierten Bürgertums, einer offiziellen Moral, dem jedes aufmüpfigen Rebellentum eines Lord Byron oder Shelley zutiefst fremd ist, und seine Umsetzung des Artus-Stoffes in „The Idylls of the King“ lassen sich neben vergleichbare peinliche Versuche eines „Nationaleops“ von Robert Hamerling, Victor Hugo oder William Wadsworth einreihen. W. H. Auden frotzelte 1946 in der Einleitung zu einer Auswahl seiner Gedichte: „Von allen großen englischen Dichtern hatte er wohl das feinste Gehör; aber leider war er ohne Zweifel auch der dümmste unter ihnen.“

Dennoch haben es ein paar Zeilen aus „Locksley Hall“ (geschrieben 1835 und zuerst in der Sammlung „Poems“ 1842 gedruckt) bis heute ins kollektive Gedächtnis geschafft und werden immer wieder, gern auch falsch, bei öffentlichen Gelegenheiten zitiert. Es handelt sich um den Passus, an dem das „lyrische Ich,“ bevor es in schopenhauerische Misogynie verfällt, an den Wundern der Technik berauscht, die die Zukunft bereithält. Bei Tennyson lauten sie:

Locksley Hall, that in the distance overlooks the sandy tracts,
And the hollow ocean-ridges roaring into cataracts.

Many a night from yonder ivied casement, ere I went to rest,
Did I look on great Orion sloping slowly to the West.

Many a night I saw the Pleiads, rising thro' the mellow shade,
Glitter like a swarm of fire-flies tangled in a silver braid.

Here about the beach I wander'd, nourishing a youth sublime
With the fairy tales of science, and the long result of Time;

When the centuries behind me like a fruitful land reposed;
When I clung to all the present for the promise that it closed:

When I dipt into the future far as human eye could see;
Saw the vision of the world, and all the wonder that would be.——



For I dipt into the future, far as human eye could see,
Saw the vision of the world, and all the wonder that would be;

Saw the heavens fill with commerce, argosies of magic sails,
Pilots of the purple twilight, dropping down with costly bales;

Heard the heavens fill with shouting, and there rain'd a ghastly dew
From the nations' airy navies grappling in the central blue;

Far along the world-wide whisper of the south-wind rushing warm,
With the standards of the peoples plunging thro' the thunder-storm;

Till the war-drum throbbed no longer, and the battle-flags were furl'd
In the Parliament of man, the Federation of the world.

There the common sense of most shall hold a fretful realm in awe,
And the kindly earth shall slumber, lapt in universal law.

In Hertzbergs Nachdichtung klingt das so:

Manche Nacht, eh' ich zur Ruh ging, sah ich von der Fensterbank
Dort durchs Efeu, wie Orion groß und still im Westen sank.

Manche Nacht schien durch den matten Nebel der Plejaden Glanz,
Wie ein Schwarm Glühwürmchen in den Maschen eines Silberbands.

Hier am Strande schweifend, nährt' ich tief entzückt den Jünglingssinn
Mit des Wissens Wundermärchen, der Jahrhunderte Gewinn.



Den ich taucht in die Zukunft, so weit reicht des Menschen Blick,
Sah die Wunder, die da kommen, sah im Traum der Welt Geschick.

Sah, wie Handelsgaleonen zaubrisch schwebten durch die Luft,
Und mit reichen Ballen Lotsen flogen aus dem Purpurduft.

Hoch vom Himmel ruft es jauchzend, und es regnet grauser Tau
Von den luftigen Kriegsgeschwadern, kämpfend in dem tiefsten Blau.

Wenn der laue Südwind rauschend durch das weite Weltall braust,
Und im Wettersturm der Völker flatternd die Standarte zaust.

Bis verstummt die Kriegestrommel, und die Banner aufgestellt
In dem Parlament der Menschheit, in dem Bundeshaus der Welt.

Wo der Mehrheitsspruch mit Ehrfurcht ein bewegtes Reich erfüllt
Dass Welt in Stille ausruht, ganz in ein EIN Gesetz gehüllt.

In den vergangenen 70 Jahren haben diese Visionen eines den Weltfrieden stiftenden Weltparlaments einiges an Strahlkraft eingebüßt, und auch Tennyson selbst neigt eher zu der Schwarzseherei und dem Pessimismus, der hinter so vieler Dichtung des viktorianischen Zeitalters, von Browning bis Swinburne, aufscheint.



U.E.

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