Zuerst fanden sie zwei Planeten, die all ihrer Erze beraubt worden waren: ausgeplündert, ausgeweidet und nackt den Aasgeiern des Weltalls überlassen.
Dann folgte ein Planet mit einer märchenhaften Stadt, ein Ort, der an verwunschene Schlösser gemahnte, an Spinnennetze, die vor Tau leuchteten, eine Stadt aus Plastik und Glas, deren Schönheit einem die Kehle zuschnürte.
Aber es gab nur diese eine Stadt. Nirgendwo sonst auf diesem Planeten fand sich ein Anzeichen einer Besiedlung. Und die Stadt war verlassen. Ihre Schönheit war vollkommen, aber darunter verbarg sich nichts.
Und zum Schluß fanden sie einen Planeten aus Metall, den dritten in diesem Sonnensystem. Kein Globus mit einem Eisenkern, sondern ein Planet mit einer Oberfläche – einem Dach – aus bearbeitetem Eisen, auf Hochglanz poliert wie ein Spiegel. Und im Sonnenlicht, das es zurückwarf, glänzte sie wie eine zweite Sonne.
* * *
“Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren,“ sagte Duncan Griffith, „daß das nicht mehr als ein Lager ist.“
„Du spinnst doch,“ sagte Paul Lawrence in scharfem Ton. Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.
„Es sieht vielleicht nicht wie ein Lager aus,“ fuhr Griffith fort. „Aber die Beschreibung paßt.“
Für mich sieht es wie eine Stadt aus, sagt Lawrence zu sich selbst – vom ersten Moment. Und das bleibt auch so. Groß, lebendig, selbst wenn es wie ein Märchenschloß wirkt – ein Ort, an dem man leben und träumen kann und den Mut und die Kraft findet, solche Träume auch zu verwirklichen. Große Träume, sagte er sich. Träume, die zu dieser Stadt passen – zu einer Stadt, für deren Bau die Menschheit ein ganzes Jahrtausend benötigt hätte.
„Was ich nicht verstehe,“ sagte er laut, „ist, warum sie verlassen worden ist. Hier gibt es kein Zeichen von Gewaltanwendung, Nichts deutet auf Tod oder Vernichtung hin.“
“Sie sind freiwillig weitergezogen,“ sagte Griffith. „Sie haben ihre Zelte abgebrochen. Und das, weil es für sie kein Zuhause darstellte. Es war nur ein Lager, es gab keine Traditionen, und alten Geschichten, die damit verbunden waren. Und als Lager hatte es keinen bleibenden Wert für seine Erbauer.“
„Ein Lager,“ sagte Lawrence mit Nachdruck, “ist nichts als nur ein Camp. Ein Platz, an dem man sich kurze Zeit aufhält und das man mit dem ausstattet, was sich gerade findet.“
„Ja und?“ fragte Griffith.
„Wer immer das hier gebaut hat, hat sich etwas mehr Mühe gegeben,“ sagte Lawrence. „Diese Stadt ist nicht aufs Geratewohl zusammengezimmert worden. Sie ist sorgfältig geplant und unter großen Aufwand gebaut worden.“
“Aus menschlicher Perspektive: ja,“ sagte Griffith. „Aber wir haben es hier nicht mit menschlichen Werten und Vorstellungen zu tun.“
* * *
Lawrence hockte sich nieder und zupfte an einem Grashalm, klemmte ihn sich zwischen die Zähne und begann nachdenklich darauf herumzukauen. Er kniff die Augen zusammen und blickte durch das gleißende Sonnenlicht zu der schweigenden, leeren Stadt hinüber.
Grahan kauerte sich neben ihn.
„Schau mal, Paul,“ sagte er. „Es muß hier hier um einen Ort handeln, der nur für eine begrenzte Zeit bewohnt werden sollte. Es gibt kein Anzeichen für eine frühere Kultur auf diesem Planeten. Keine Fundstücke. King und seine Leute haben danach gesucht und nichts gefunden. Nichts außer der Stadt hier. Denk mal drüber nach – ein völlig unberührter Planet mit einer Stadt, die eine Kultur erst nach einer Million von Jahren entwerfen und bauen könnte. Normalerweise käme da erst einmal ein Baum, unter dem man vor dem Regen geschützt ist. Dann eine Höhle als Zuflucht für die Nacht. Und dann ein Zelt, ein Wigwam oder eine Hütte. Und ab drei Hütten hat man das erste Dorf.“
„Ich weiß,“ sagte Lawrence. „Das ist mir schon klar.“
“Und so fort,” fuhr Griffith fort. „Zehntausend Jahrhunderte, bevor intelligente Wesen ein solches Wunderland aus Glas und Kunststoff bauen könnten. Und diese Million von Jahren von Entwicklung hat nicht hier stattgefunden. So etwas hinterläßt Narben auf einem Planeten. Und solche Narben fehlen hier. Dieser Planet ist wie funkelnagelneu.“
“Du glaubst also, daß sie von anderswo hergekommen sind?“
Griffith nickte. “Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.“
“Vielleicht vom dritten Planeten?“
„Das wissen wir nicht. Noch nicht.“
„Vielleicht werden wir das nie erfahren,“ sagte Lawrence.
Er spuckte den Grashalm aus.
„Dieses Sonnensystem,” sagte er, “ kommt mir wie eine billige Kriminalgeschichte vor. An jeder Ecke stößt man auf verdächtige Spuren, und keine dieser Spuren ergibt einen Sinn. Diese Stadt hier, der Planet aus Metall, die geplünderten Planeten - es ist einfach zuviel des Guten, Dunc. Sieht uns mal wieder ähnlich, über so etwas zu stolpern.“
“Irgendwie hängt das alles miteinander zusammen,“ sagte Griffith
Lawrence schnaubte nur abfällig.
“Man benötigt einen Sinn für Geschichte,“ sagte Griffith. „Ein Gespür dafür, wie die Dinge zusammenhängen. Jeder Historiker entwickelt so etwas mit der Zeit.“
Hinter ihnen knirschten Schritte, und sie standen auf und wandten sich um.
Es war Doyle, der Funker, der vom Landeplatz des Beiboots auf sie zugelaufen kam.
„Sir,” sagte er zu Lawrence. „Ich hatte gerade Funkkontakt mit Taylor auf dem dritten Planeten. Er möchte, daß Sie zu ihm kommen. Anscheinend haben sie einen Zugang gefunden.“
“Einen Zugang!” sagte Lawrence. „Einen Zugang zum Planeteninnern! Und was haben sie dahinter gefunden?“
“Das hat er nicht gesagt, Sir.“
“Wie: hat er nicht gesagt?“
“Nein, Sir. Sie können ihn nicht in Bewegung setzen. Es gibt keine Möglichkeit, ihn zu öffnen.“
* * *
Die Tür sah nicht besonders beeindruckend aus.
In die metallene Oberfläche des Planeten waren zwölf Vertiefungen eingelassen, in vier Gruppen zu jeweils drei, wie ein Griff für ein Wesen mit drei Fingern.
Und das war alles. Es ließ sich nicht feststellen, wo die Tür begann und wo sie endete.
“Es gibt eine Ritze,“ sagte Taylor, „aber sie ist unter eine Lupe kaum auszumachen. Selbst bei starker Vergrößerung ist es nicht mehr als ein Haarriß. Die Tür ist so paßgenau angefertigt, daß sie sich praktisch fugenlos in die Oberfläche des Planeten einfügt. Eine ganze Weile lang haben wir nicht einmal erkannt, daß es sich hier um eine Zugangstür handelt. Wir haben uns nur gefragt, welchen Zweck diese Vertiefungen haben könnten.
„Scott hat sie gefunden. Er war dabei, die Gegend hier zu erkunden und hat die Löcher hier entdeckt. Es war reiner Zufall, daß er sie nicht übersehen hat.“
„Und es gibt keine Möglichkeit, sie zu öffnen?“ fragte Lawrence.
„Bislang haben wir keine entdeckt. Wir haben es mit Ziehen versucht, haben die Finger hineingesteckt und versucht, sie anzuheben. Genausogut hätten wir versuchen können, den ganzen Planeten hochzuheben. Und hier findet man auch nirgendwo einen guten Halt. Hier ist es so glatt, daß man kaum richtig gehen kann. Man geht nicht, man watschelt wie auf Glatteis. Ich hoffe bloß, daß keiner von den Jungs auf dumme Gedanken kommt und einem andern einen Schubs gibt. Wir würden mindestens eine Woche brauchen, um sie wieder einzusammeln.“
“Ich weiß,” sagte Lawrence. “Ich hab‘ das Beiboot so vorsichtig wie möglich gelandet, und wir sind mindestens vierzig Meilen weit geschlittert.“
* * *
Taylor ließ ein leises Lachen hören. „Ich hab‘ das Schiff mit allen Magneten verankert, die wir haben, und es schwankt immer noch hin und her, wenn man sich an die Bordwand lehnt. Glatteis ist im Vergleich dazu eine wahre Schotterpiste.“
„Also, die Tür…“ sagte Lawrence. „Haben Sie schon daran gedacht, daß das ein Kombinationsschloß sein könnte?“
Taylor nickte. “Haben wir natürlich. Aber wenn es eins ist, hilft uns das kein Stückchen weiter. Wählen Sie eine zufällige Kombination und berücksichtigen Sie, daß wir keinerlei Ahnung haben, nach welchen Prinzipien die Konstrukteure gedacht haben.“
“Haben Sie’s näher untersucht?”
„Haben wir,“ sagte Taylor. „Wir haben einen Kamerafühler in eins der Löcher herabgelassen und jede Menge Aufnahmen gemacht. Ohne jedes Resultat. Die Tiefe beläuft sich auf ungefähr acht Zoll. Unten breiter als oben. Aber völlig glatt. Keine Unebenheiten, keine Grate. Keine Schlüssellöcher.
„Wir haben es immerhin geschafft, einen kleinen Metallbrocken herauszusägen, um ihn zu analysieren. Hat uns drei Sägeblätter gekostet. Es handelt sich hauptsächlich um Stahl, aber es ist mit einem Material legiert, das Mueller unbekannt ist und dessen Molekularstruktur ihn in den Wahnsinn treibt.“
„In der Hinsicht sind wir also überfragt,“ sagte Lawrence.
„Richtig. Ich hab‘ das Schiff hier zur Tür bugsiert und wir haben einen Ladekran eingesetzt. Das Schiff hat wie geschwankt wie im Sturm und die Tür hat sich kein Stück bewegt.“
“Wir sollten nach anderen Türen Ausschau,“ sagte Lawrence und machte gute Miene zum bösen Spiel. „Vielleicht gibt es ja welche, bei denen es anders st.“
“Wir haben danach gesucht,“ sagte Taylor. „Hört sich vielleicht verrückt an, aber wir haben. Wir haben das Gelände in Sektoren unterteilt und sind meilenweit auf Hände und Füßen herumgekrochen, mit der Nase am Boden. Wir haben fast unser Augenlicht eingebüßt, weil das Metall das Sonnenlicht so stark spiegelt, während unsere Spiegelbilder unter uns dahingekrochen sind.“
„Wenn wir schon beim Thema sind,“ sagte Lawrence, „dürfte es eher unwahrscheinlich sein, daß sie die Zugänge so eng beieinander angelegt hätten. Alle hundert Meilen einmal vielleicht. Oder alle tausend.“
„Stimmt,” pflichtete ihm Taylor bei. „Es könnten tausend Meilen sein.“
“Dann bleibt uns nur eine Möglichkeit,“ sagte Lawrence.
“Ich weiß,“ sagte Taylor. „Aber es gefällt mir trotzdem nicht. Wir haben hier mit einer Herausforderung zu tun, mit einer Denksportaufgabe. Und wenn wir Sprengstoff benutzen, sind wir schon bei Schritt eins gescheitert.“
Lawrence machte eine unbehagliche Geste. „Ich weiß, wie Ihnen zumute ist,“ sagte er. „Wenn wir schon bei er ersten Aufgabe scheitern, bekommen wir vielleicht keine zweite oder dritte Chance.“
„Wir können hier auch nicht herumsitzen und Däumchen drehen,“ sagte Taylor.
„Nein,“ sagte Lawrence, „das können wohl wir nicht.“
„Ich hoffe, es klappt,“ sagte Taylor.
Das tat es.
Die Explosion riß die Tür aus der Verankerung und schleuderte sie weit in die Höhe. Sie schlug eine Meile entfernt auf und rollte wie ein schartiges, wildgewordenes Rad über die spiegelglatte Oberfläche davon.
Ein Teil der Oberfläche, der einem gutem Morgen Ackerfläche entsprach, wurde mit emporgerissen und wies wie ein verbogenes Fragezeichen in die Höhe, das in der Sonne glitzerte.
Das unbesetzte Beiboot, das nur von seinen schwachen Magneten gehalten wurde, wurde von der Wucht der Explosion losgerissen. Fast zwölf Meilen weit führte es einen schwerfälligen Eiskunstlauf auf, ehe es wieder zur Ruhe kam.
Die Stärke der Ummantelung belief sich auf nur vierzehn Zoll – eine hauchdünne Abdeckung, wenn man bedachte, daß die ganze Schale die Größe der Erde besaß.
Eine Metallrampe, die obersten zehn Fuß durch die Wucht der Explosion verbogen oder zertrümmert, führte wie eine Wendeltreppe hinab in das Innere.
Nichts kam aus der Öffnung zum Vorschein – kein Laut, kein Licht, kein Geruch.
Sieben Männer stiegen die Rampe herab, um zu sehen, was sie entdecken würden. Die anderen warteten angstvoll an der Oberfläche auf ihre Rückkehr.
* * *
Nehmen Sie eine Milliarde Baukästen.
Geben Sie sie eine Milliarde von Kindern in die Hände.
Geben Sie ihnen all die Zeit, die sie möchten und sagen Sie nicht vorher nicht, was dabei herauskommen soll.
Und wenn einige keine Menschen sind: umso besser.
Und dann nehmen Sie sich eine Million Jahre Zeit, um das Ergebnis zu analysieren.
Auch eine ganze Million Jahre wird dafür nicht ausreichen. Sie werden es niemals schaffen – nicht in einer Million Jahre.
* * *
Es waren natürlich Maschinen. Es konnte sich um nichts anderes handeln.
Aber es waren Maschinen, die aus einem Baukasten zu stammen schienen, etwas, das ein Kind, dem man einen teuren Metallbaukasten geschenkt hat, in seiner ersten überschwänglichen Begeisterung am Tag darauf zusammengeschraubt hat.
Es gab Achsen und Rollen und Scheiben und Reihen glänzender würfelförmiger Kristalle, die an Verstärkerröhren erinnerten, obwohl das täuschen mochte.
Sie erstreckten sich über Meile um Meile und glänzten wie Christbaumschmuck im Schein der Helmlampen, als wären sie erst vor einer Stunde auf Hochglanz poliert worden. Aber als Lawrence sich über die Brüstung der Rampe beugte und mit einem behandschuhten Finger an einer der glänzenden Achsen entlangfuhr, blieb Staub daran haften, fein wie Mehl.
Sie waren immer weiter nach unten gestiegen, immer im Kreis die Rampe hinunter, bis ihnen schwindlig wurde. Immer stießen sie nur auf neue Maschinen, die sich auf allen Seiten in die Finsternis hinein erstreckten, so weit das Licht ihrer Lampen reichte.
Maschinen, die tot und bewegungslos waren - und sie wirkten aus irgendeinem Grund, den niemand genau hätte benennen konnte, so, als wären sie schon vor unvordenklicher Zeit stehengeblieben.
Und es waren stets dieselben Maschinen: endlos wiederholte sich das unsinnige Gewirr von Achsen und Rollen und Scheiben und den Reihen der glänzenden Kristallwürfel.
Schließlich endete die Rampe in einer weiten ebenen Fläche, die sich in alle Richtungen erstreckte, so wie das Licht ihrer Lampen reichte, wobei das sinnwebfeine Gewirr der Maschinen über ihnen eine Decke bildete. Vor ihnen befand sich Mobiliar – oder was wie Mobiliar anmutete – über die Fläche verteilt.
* * *
Sie standen eng zusammengedrängt, und verhielten sich möglichst still, während ihre Lampen grelle Lichtfinger in das Dunkel und das Schweigen einer anderen Zeit stachen.
„Eine Dienststelle,“ sagte Duncan Griffith schließlich.
„Oder ein Kontrollraum,“ sagte Ted Buckley, der Chefingenieur.
“Vielleicht handelt es sich um ein Wohnquartier,” sagte Taylor.
“Ein Maschinenraum,“ schlug Jack Scott, der Mathematiker, vor.
„“Haben die Herrschaften in Betracht gezogen,“ sagte Herbetr Anson, der Geologe, “das nichts davon zutreffen könnte? Es könnte sich um etwas handeln, das uns gänzlich unbekannt ist.“
„Wir können nur versuchen, das in Begriffe umzusetzen, mit denen wir vertraut sind,“ sagte Spender King, der Archäologe. „Ich vermute, daß das hier so etwas wie eine Bibliothek sein könnte.“
Lawrence dachte an die Fabel von den sieben Blinden, die einem Elefanten begegneten.
Er sagte: „Am besten, wir sehen uns genauer um. Sonst werden wir nie Klarheit gewinnen.“
Sie schauten sich um.
Und danach waren sie kein bißchen schlauer.
* * *
Nehmen Sie einen Aktenschrank.
Man nehme ein wenig freien Raum, grenzt ihn mit Stahl ab, und erhält so einen Vorratsraum. Man setze dann Schubladen ein sowie ein paar ordentliche Hängemappen in die Laden und nummeriere die Ordner und sortiere sie dem Alphabet nach. Und wenn man dann einen bestimmten Schriftsatz sucht, findet man ihn in der Regel.
Zwei Dinge sind dafür unabdingbar – der Raum dafür und die Abgrenzung zum Rest des Raums, damit sich der vorgesehene Stauraum im Nu wiederfinden läßt.
Die Schubladen und die beschrifteten Mappen sind Verbesserungen. Sie unterteilen den Raum weiter, so daß man jeden einzelnen Sektor ohne Zeitverlust findet.
Das ist der Vorteil eines Aktenschranks gegenüber dem Verfahren, alles wahllos in irgendeiner Ecke abzulegen.
Aber nun stellen Sie sich einen Aktenschrank ohne Schubladen vor.
* * *
„Hey!” sagte Buckley, “das Ding hier ist leicht. Helft mir mal!“
Scott machte ein paar Schritt nach vorn und gemeinsam hoben sie das Schränkchen hoch und schüttelten es. Irgendetwas klapperte darin.
Sie setzten es wieder ab.
„Irgendetwas befindet sich da drin,“ sagte Bruckley atemlos.
„Etwas, das klappert,“ sagte Buckley.
“Das klang mir eher nach einem Rascheln als Klappern,“ erklärte Scott.
“Das nützt uns nichts, wenn wir nicht drankommen,“ sagte Taylor. „Wenn wir nur zuhören, wie ihr das Ding schüttelt, werden wir nicht viel schlauer.“
“Ach, das ist einfach,“ sagte Griffith. „Das machen wir über die vierte Dimension. Man braucht nur die Zauberworte zu sagen und greift um irgendeine Ecke und fischt es heraus.“
Lawrence schüttelte den Kopf. “Lassen Sie die dummen Witze, Doc. Das hier ist Ernst. Hat jemand eine Idee, wie das Ding konstruiert ist?“
“Das ist nicht konstruiert worden,“ jammerte Buckley. „So etwas kann man gar nicht konstruieren. Man kann kein Walzblech nehmen und einen Würfel daraus formen und keine Schweißnähte haben.“
“Denken Sie an die Tür oben,“ gemahnte ihn Anson. „Vor der konnten wir auch nichts sehen, bis wir eine Lupe genommen haben. Irgendwie muß dieses Schränkchen zu öffnen sein. Irgendwer – oder irgendetwas – hat es jedenfalls einmal geöffnet und das hineingelegt, was das eben geklappert hat.“
“Und sie hätten es dort nicht verstaut,“ sagte Scott, „wenn es keine Möglichkeit gäbe, es auch wieder herauszuholen.“
„Vielleicht war es etwas, das sie loswerden wollten,“ sagte Griffith.
„Wir könnten es auftrennen,“ sagte King. „Holt einen Schneidbrenner!“
* * *
Lawrence hielt ihn auf. „So weit waren wir schon mal. Als wir die Tür aufgesprengt haben.“
“Da drüben steht eine halbe Meile von solchen Schränkchen,“ sagt Buckley. „Alle hübsch in Reihe und Glied. Am besten, wir schütteln noch ein paar.“
Sie schüttelten ein Dutzend davon.
Es gab kein Klappern.
Sie waren leer.
“Ausgeräumt,” sagte Buckley niedergeschlagen.
“Verschwinden wir von hier,“ sagte Anson. „Hier ist es mir unheimlich. Wir sollten wieder ins Schiff zurückkehren und Kriegsrat halten. Hier unten machen wir uns nur verrückt. Nehmen sie etwa die Schaltpulte da drüben.“
“Möglicherweise sind das gar keine Schaltpulte,“ erinnerte Griffith ihn. „Wir sollten uns hüten, voreilige Schlüsse zu ziehen.“
Buckley griff das Argument auf. „Ganz gleich ob das nun Schaltpulte sind oder nicht,“ sagte er, „sie dienen jedenfalls einem bestimmten Zweck. Schaltpulte scheint mir der naheliegendste Zweck zu sein.“
„Aber sie tragen keine Markierungen,“ warf Taylor ein. „Ein Kontrollpult müßte Skalen oder Lichter oder etwas Sichtbares aufweisen.“
“Nicht unbedingt etwas, das ein Mensch sehen könnte,“ sagte Buckley. „Aus Sicht anderer Wesen könnten wir blind wie Maulwürfe sein.“
“Ich habe das scheußliche Gefühl,“ sagte Lawrence, „daß wir so nicht weiterkommen.“
“Wir haben mit der Tür den Kürzeren gezogen,“ sagte Taylor. „Und hier ebenfalls.“
“Wir sollten uns auf ein methodisches Vorgehen einigen,“ sagte King. „Erst mal einen Lageplan anfertigen. Das Wichtigste zuerst.“
Lawrence nickte. “Wir stationieren ein paar Mann auf der Oberfläche und der Rest kampiert hier unten. Wir gehen in Gruppen vor und verschaffen uns erst einmal einen Überblick. Danach können wir uns immer noch um die Einzelheiten kümmern.“
“Ich weiß nicht,” sagte Lawrence. „Hat sonst jemand noch einen Vorschlag?“
“Wir sollten nach anderen Rampen Ausschau halten,“ sagte Taylor. Es muß davon noch mehr geben.“
Scott meldete sich zu Wort. „Wir sollten feststellen, wie weit diese Maschinen reichen. Wieviel Platz sie einnehmen.“
„Und ob sie noch laufen,“ sagte Buckley.
„Die, die wir gesehen haben, liefen jedenfalls nicht,“ sagte Buckley.
“Was wir bisher gesehen haben, ist möglicherweise nur ein winziger Teil einer gigantischen Maschine,“ erklärte Buckley. „Vielleicht werden manche Bereiche nur alle tausend Jahre oder so benutzt, und dann auch nur für ein paar Minuten oder Sekunden. Und dann steht sie wieder für die nächsten tausend Jahre. Aber die wird gebraucht, um die par Sekunden lang laufen zu können.“
“Wir sollten auf jeden Fall versuchen, eine Vorstellung davon zu gewinnen, zu welchem Zweck diese Maschine dient,“ sagte Griffith. „Was sie tut. Was sie produziert.“
“Aber laßt die Hände davon,“ sagte Buckley. „Nicht an irgendetwas ziehen oder drücken, um zu sehen, was geschieht. Weiß der Himmel, was dann passieren könnte. Laßt die Pfoten davon, bis ihr wißt, was ihr da tut.“
* * *
Es stellte sich heraus, daß es sich um einen Planeten handelte.
Sie stießen auf die Oberfläche – in zwanzig Meilen Tiefe. Nach zwanzig Meilen Abstieg durch das Labyrinth der glänzenden, toten Maschinen.
Es gab Luft hier unten, fast so gut wie auf der Erde, und sie schlugen dort ein Lager auf; se waren froh, die Raumanzüge ablegen und sich in normaler Kleidung bewegen zu können.
Aber es gab hier kein Licht, und es gab kein Leben. Nicht einmal Insekten; kein krabbelndes oder kriechendes Wesen.
Aber es hatte einst hier Leben gegeben.
Die Ruinen der Stadt waren Zeugen dieses Lebens. Eine primitive Zivilisation, hatte King gesagt. Eine Kultur, die nicht viel weiterentwickelt war als die der Erde im zwanzigsten Jahrhundert.
* * *
Duncan Griffith hockte vor dem kleinen Atomofen und wärmte sich die Hände an der angenehmen Glut.
„Sie sind auf den vierten Planeten umgezogen,“ verkündete er im Brustton der Überzeugung. „ Hier gab es für sie nicht mehr genügend Lebensraum, also haben sie dort ihr Lager aufgeschlagen.“
„Und zwei weitere Planeten geplündert,“ sagte Taylor, „um an die Erze zu kommen, die sie benötigten.“
Lawrence beugte sich nachdenklich nach vorn. „Was ich nicht verstehe, ist der Antrieb dahinter, sagte er. „Der blinde, zwanghafte Drang, der ein ganzes Volk dazu bringt, auf eine andere Welt umzuziehen, der es antreibt, seinen eigenen Planeten in eine gigantische Maschine umzubauen.“
Er wandte sich Scott zu. „Es steht jetzt fest, daß es hier nichts mehr außer diesen Maschinen gibt, oder?“
Scott schüttelte den Kopf. „Wir sind natürlich noch nicht überall gewesen. Das würde Jahre dauern – und wir haben keine Jahre lang Zeit. Aber wir sind uns ziemlich sicher, daß es sich hier um einen einzige, immense Maschine handelt – eine ganze Welt, die zwanzig Meilen hoch mit Maschinen bedeckt ist.“
„Mit toten Maschinen,“ sagte Griffith. „Tot, weil sie angehalten worden sind. Sie haben die Maschinen abgeschaltet und alle ihre Aufzeichnungen und Werkzeuge genommen und hier nur eine leere Hülle zurückgelassen. Genau wie bei der Stadt auf dem vierten Planeten.“
“Oder sie sind vertrieben worden,“ sagte Taylor.
“Vertrieben worden sind sie nicht,“ erklärte Grifith überzeugt. „Wir haben in diesem ganzen Sonnensystem keinerlei Anzeichen für Gewaltanwendung gefunden, und auch nichts, daß auf einen überstürzten Aufbruch hindeutet. Sie haben sich Zeit gelassen, alles ordentlich verstaut und nichts zurückgelassen. Nicht das kleinste bißchen. Irgendwo muß es Baupläne geben. Man kann so etwas nicht ohne Entwürfe und Betriebsanleitungen konstruieren und in Gang halten. Irgendwo muß es Aufzeichnungen geben – Berichte über die Ergebnisse oder die Produktion dieser Weltmaschine. Aber wir haben nichts davon gefunden. Und weshalb nicht? Weil sie sie mitgenommen haben, als sie diese Welt verlassen haben.“
„Wir haben noch nicht überall nachgeschaut,“ sagte Taylor.
„Wir haben Depots gefunden, wo so etwas aufbewahrt werden müßte,“ sagte Grifith, „und dort hat sich nichts dergleichen gefunden. Sie waren leer.“
“Wir haben einige der Schränke noch nicht öffnen können? Erinnerst du dich an die, die wir am ersten Tag oben in der obersten Ebene entdeckt haben?“
“Wir haben tausende von anderen entdeckt, die wir öffnen konnten und die wir untersucht haben,“ erklärte Griffith. „Und wir haben kein einziges Dokument, kein einziges Werkzeug oder sonst etwas in dieser Hinsicht gefunden.“
“Diese Schränke auf der obersten Ebene,“ sagte Taylor. „Das ist der Platz, der in Frage kommt.“
“Wir haben daran gerüttelt,” sagte Griffoth. „Und alle waren sie leer.“
„Alle bis auf einen,“ sagte Taylor.
„Ich glaube, du hast recht, Dunc,“ sagte Lawrence. „Diese Welt ist aufgegeben worden, geplündert und dem Rost überlassen worden. Das hätte uns klar sein müssen, als wir entdeckt haben, daß sie nicht verteidigt wird. Sie müssen Verteidigungseinrichtungen besessen haben – automatische vielleicht – und wenn wir unerwünscht gewesen wären, hätten wir niemals unbehelligt landen können.“
„Wenn wir zur Blütezeit dieser Welt hierhergekommen wären, wäre von uns nur noch Staub übriggeblieben, ehe wir sie überhaupt entdeckt hätten,“ sagte Griffith.
„Sie müssen ein großes Volk gewesen sein,“ sagte Lawrence. „Allein schon die Wirtschaftskraft, die dafür nötig ist, ist unvorstellbar. Sie müssen all die Energie, über die sie verfügten, jahrhundertelang dafür aufgewendet haben, um das hier zu bauen, und noch viele Jahrhunderte darauf, um es in Betrieb zu halten. Und das bedeutet, daß sie alles andere, ihre Versorgung, all die Millionen Dinge, die ein Volk zum Leben benötigt, nur das Allernötigste beschränkt haben.“
“Sie haben ihre Lebensführung, ihre Bedürfnisse auf das unbedingt Notwendige beschränkt,“ sagte King. „Das allein ist schon ein Zeichen wahrer Größe.“
“Und es handelte sich bei ihnen um Fanatiker,“ sagte Griffith. „Vergeßt das bitte nie. Nur die schiere, blinde, auf ein einziges Ziel gerichtete Entschlossenheit eines Volkes, das davon besessen ist, konnte so etwas zustande bringen.“
“Aber warum?” fragte Lawence. „Auf welchem Grund haben sie das hier gebaut?“
Niemand sagte ein Wort.
Griffith kicherte sarkastisch. “Keine Idee?“ fragte er. „Überhaupt keinen Vorschlag?“
Langsam stand ein Mann in der Dunkelheit jenseits des winzigen Lichtkreises, den der Ofen auf dem Boden warf, auf.
“Ich hätte eine Vermutung,“ sagte er. „Mehr noch: ich habe sogar die Antwort.“
“Schieß los, Lawrence,” sagte Scott.
Der Mathematiker schüttelte den Kopf. „Ich benötige einen Beweis dafür. Sonst glaubt ihr, daß ich spinne.“
“Es gibt keine Beweise für irgendetwas,“ sagte Lawrence.
„Ich weiß, wo wir vielleicht Beweise finden könnten – vielleicht, wohlgemerkt.“
Sie saßen mucksmäuschenstill, in dem enggedrängten Kreis um den Ofen.
“Ihr erinnert euch an das Schränkchen,“ sagte Scott. „Das, das Taylor gerade erwähnt hat. Das wir geschüttelt haben, und in dem etwas geklappert hat. Das wir nicht aufbekommen haben.“
“Das können wir immer noch nicht.“
“Gebt mir ein paar Werkzeuge,“ sagte Scoot, „und ich mach‘ es auf.“
“Soweit waren wir schon mal,” sagte Lawrence. „Wir haben rohe Gewalt angewendet, um die Tür zu öffnen. So können wir nicht weitermachen. Wir brauchen etwas anderes als Gewalt. Wir müssen eine Lösung finden.“
“Ich glaube, ich weiß, was da geklappert hat,“ sagte Scott.
Lawrence sagte nichts.
“Denk doch mal nach,” sagte Scott. „Wenn ihr etwas Wertvolles besitzt, etwas, das euch nicht gestohlen werden soll: was macht ihr damit?
“Ich würde es natürlich in einem Safe deponieren,“ sagte Lawrence.
In den endlosen, toten Korridoren der gewaltigen Maschinerie über ihnen herrschte Totenstille.
“Der sicherste Platz dafür,” sagte Scott, „wäre ein Fach, das sich nicht überhaupt öffnen läßt. Die Kabinette waren für etwas Wichtiges bestimmt. Irgendetwas haben sie hier zurückgelassen – etwas, das sie übersehen haben.“
Lawrence erhob sich langsam.
“Holt die Werkzeuge,” sagte er.
* * *
Es war eine längliche Karte, nichts Besonderes, in die Löcher gestanzt waren, die unregelmäßige Muster bildeten.
Scott hielt sie in der Hand; die Hand zitterte.
„Ich hoffe, du bist nicht allzusehr enttäuscht,“ sagte Griffith mit bitterem Tonfall.
„Überhaupt nicht,“ sagte Scott. „Das ist genau das, worauf ich gehofft hatte.“
Sie warteten.
“Verrätst du es uns irgendwann noch mal?” fragte Griffith schließlich.
„Es handelt sich um eine Lochkarte,“ sagt Scott. „Eine Antwort auf ein Problem, das einem Digitalrechner gestellt wird.“
„Aber wir können sie nicht entziffern,“ sagte Taylor. „Wir haben keine Ahnung, was das beuten könnte.“
„Wir brauchen sie nicht zu entziffern,“ sagte Scott zu ihm. „Es reicht, daß wir sie haben. Dies Maschine – dieser ganze Komplex – ist ein Kalkulator.“
„Das ist doch verrückt,“ rief Buckley. „Ein mathematischer –“
Scott schüttelte den Kopf. “Nicht mathematisch. Oder nicht ausschließlich mathematisch. Hier muß es um mehr gehen. Logik etwa – das scheint mir am wahrscheinlichsten. Oder gar Ethik.“
Er sah sie der Reihe nach an und las das ungläubige Staunen auf ihren Mienen.
„Das fällt doch ins Auge,“ rief er. „Die endlose Wiederholung, die Maschinen, die überall dieselben sind. Das eben macht einen Rechner aus – Hunderttausende oder Millionen von Schaltkreisen, wie viele davon auch immer für die Lösung einer bestimmten Aufgabe nötig sind.“
„Aber es bleiben noch immer begrenzende Faktoren,“ warf Buckley in gereiztem Ton ein.
“Die Menschheit hat nie viel auf begrenzende Faktoren gegeben,“ sagte Scott. „Sie hat sie schlicht ignoriert und überschritten. Für die, die dies hier gebaut haben, galt das anscheinend ebenfalls.“
„Es gibt aber welche, die man nicht einfach beiseite schieben kann,“ meinte Buckley trotzig.
* * *
Ein Gehirn unterliegt Leistungsgrenzen.
Es strengt sich nicht aus eigenem Antrieb an.
Es vergißt zu leicht, und es vergißt zuviel, und es vergißt das Falsche.
Es neigt dazu, sich unnötige Sorgen zu machen. Für ein Hirn läuft das auf halben Selbstmord hinaus.
Und am Ende stirbt es. Es stirbt gerade dann, wenn es seine Aufgaben endlich gut erledigen kann.
Also baut man sich ein mechanisches Hirn – eines, das einen Planeten von der Größe der Erde vollständig bedeckt, mit einer Höhe von zwanzig Meilen – ein Hirn, daß allein seiner Aufgabe nachgeht, das nichts vergißt, das nicht den Verstand verliert, weil es keine Enttäuschung kennt.
Und dann bricht man seine Zelte ab und verschwindet einfach – und das ist Wahnsinn hoch zwei.
* * *
“Alle unsere Spekulationen sind fruchtlos,“ sagte Griffith. „Wir können schlicht nicht sagen, zu welchem Zweck das hier gedient hat. Sie gehen immer noch davon aus, daß die Konstrukteure wie Menschen gedacht haben, und das war wohl nicht der Fall.“
“So sehr haben sie sich wohl nicht von uns unterschieden,“ sagte Lawrence. „Die Stadt auf dem vierten Planeten hätte glatt von Menschen gebaut sein können. Hier auf diesem Planeten standen sie vor den gleichen technischen Schwierigkeiten wie Menschen , die sich an ein solches Unterfangen machen würden, und sie haben sie auf dieselbe Weise gelöst, wie wir das tun worden.“
“Du übersiehst etwas, das du selber oft genug betont hast,“ sagte Griffith. „Die fanatische Hingabe, mit der sich alle dieser einen Aufgabe untergeordnet haben. Menschen könnten nicht so eng und manisch zusammenarbeiten. Irgendjemand würde irgendwann einen Fehler machen und irgendwem den Hals durchschneiden und es würde zu einer Untersuchung kommen und die Meute würde sich nicht mehr bändigen lassen.“
“Sie waren gründlich,” sagte er. „Erschreckend gründlich. Hier gibt es kein Leben mehr. Keins, das wir entdeckt haben. Nicht einmal Insekten. Und wieso nicht - was denkt ihr? Vielleicht, damit kein Käfer in ein Getriebe gerät und die Mechanik blockiert oder dergleichen? Also darf es keine Käfer mehr hier geben.“
Griffith schüttelte den Kopf. „Mich erinnert das an das Verhalten von Insekten. Ameisen etwa. Eine Ameisenkolonie. Staatenbildende Insekten ohne Intelligenz, die sich in blindem, aber zielgerichteten Eifer einer Aufgabe widmen. Und wenn wir es damit zu tun haben, dann ist deine Theorie, daß dies hier zur Berechnung von Wirtschaft oder zur sozialen Kontrolle gedient hat, leider nur Quatsch, lieber Freund.“
“Ist nicht meine Theorie,“ sagte Lawrence. „Das war nur eine Hypothese unter vielen. Genausogut könnte es sein, daß sie eine Antwort auf die Geheimnisse des Universums errechnen wollten: warum es existiert, was es damit auf sich hat und wie es sich in Zukunft entwickeln wird.“
“Und auf welche Weise,“ sagte Grfifith.
“Genau: und auf welche Weise. Und wenn das so sein sollte, dann werden sie das nicht aus bloßer Neugierde getan haben. Es muß einen guten Grund dafür gegeben haben, etwas, das ihnen das Gefühl gegeben hat, daß sie diese Aufgabe lösen müssen.“
“Und dann?” sagte Taylor. “Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Erzähl das Märchen bis zum bitteren Ende. Sie haben die Wahrheit über das Universum entdeckt, und dann - - -„
“Das glaube ich nicht,” sagte Buckley leise. „Egal, wonach sie geforscht haben, es dürfte unwahrscheinlich sein, daß sie die richtige Antwort darauf gefunden haben.“
“Was mich betrifft,” sagte Griffith, „scheint mir, daß sie sie entdeckt haben. Aus welchem Grund hätten sie sonst aufbrechen und diese gewaltige Maschine hier zurücklassen sollen? Sie haben gefunden, wonach sie gesucht haben, und danach benötigten sie das Werkzeug, das sie dafür benutzt haben, nicht mehr.“
“Da hast du recht,” sagte Buckley. „Sie konnten damit nichts mehr anfangen – aber nicht, weil es die Aufgabe zu ihrer Zufriedenheit gelöst hatte. Sie haben sie hier zurückgelassen, weil sie nicht groß genug war, weil sie für das Problem, zu dessen Lösung sie gebaut worden war, nicht ausgereicht hat.“
“Nicht groß genug?” rief Scott. „Dann hätten sie doch einfach eine weitere Schicht, eine weitere Etage daraufsetzen müssen!“
* * *
Buckley schüttelte den Kopf. „Denken Sie daran, was ich über begrenzende Faktoren gesagt habe. Einige davon kann man nicht überlisten. Setzen Sie Stahl einem Druck von mehr als fünfundfünfzigtausend Pfund pro Quadratzoll aus und er beginnt zu zerfließen wie Butter. Die Legierung, die hier benutzt worden sind, muß viel höhere Drucke aushalten können – aber trotzdem nur bis zu einer bestimmten Grenze, die nicht überschritten werden kann. Und zwanzig Meilen über der Oberfläche des Planeten hatten sie diese Grenze erreicht. Eine Sackgasse.“
Griffith atmete schwer aus. “Und damit war es also überholt!“
“Für eine analytische Maschine stellt sich hier die Frage der Größe,“ sagte Buckley. „Jeder Schaltkreis entspricht einer Zelle im menschlichen Hirn. Seine Funktion und Speicherfähigkeit sind begrenzt. Und die Arbeit jeder einzelnen Zelle muß von zwei anderen Zellen überprüft werden. Die Dreierregel, um sicherzugehen, daß sich keine Fehler einschleichen.“
“Sie hätten die Speicher löschen und wieder von vorn anfangen können,“ sagte Scott.
„Das haben sie vielleicht auch getan,“ sagte Buckley. „Sogar viele Male. Aber auch dann hätte jedes Mal das Risiko bestanden, daß die Löschung Auswirkungen gehabt hätte, daß die Maschine hinterher nicht mehr vollkommen – nun, rational oder moralisch eindeutig funktioniert hätte. Bei einer solchen gewaltigen, komplexen Maschine dürfte sich eine Löschung wie ein Schock auswirken – wie der Eingriff eines Chirurgen in einem Menschenhirn.“
„Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder haben sie die Grenze für das Löschen von Inhalten erreicht. Zuviele Daten, zuviele Erinnerungen, die in den Speicherelementen hängengeblieben sind –“
“Ein Unterbewußtsein,” sagte Griffth. „Stellt sich die Frage, ob eine Maschine ein Unterbewußtsein entwickeln kann.“
“Oder,” fuhr Buckley fort, “sie haben eine Aufgabe gestellt, die so komplex war, so viele Elemente umfaßte, daß diese Maschine, trotz ihrer Größe, nicht groß genug war, um sie zu lösen.“
“Also haben sie sich auf die Suche nach einem größeren Planeten gemacht,“ sagte Taylor skeptisch. „Einer, der klein genug ist, daß sie dort leben und arbeiten konnten, und groß genug, um einen größeren Rechner zu bauen.“
“Das hört sich zumindest vernünftig an,“ gab Scott wiederstrebend zu. “Sie hätten einen neuen Anfang machen können, auf der Basis der Antworten, die sie schon gewonnen hatten. Und mit verbesserter Architektur und Technik.“
“Und jetzt übernimmt die Menschheit hier,“ sagte King. „Ich frage mich, wofür wir das hier verwenden werden. Bestimmt nicht zu dem Zweck, den seine Erbauer vorgesehen haben.“
“Die Menschheit,” sagte Buckley, “wird das hier erstmal hundert Jahre zu gar nichts verwenden. Darauf können Sie wetten. Kein Ingenieur wird hier irgendeinen Knopf drücken, ehe er nicht ganz genau weiß, wozu der dient, was er bewirkt und zu welchem Zweck er gedacht ist. Hier gibt es Millionen von Schaltkreisen, Millionen von Verstärkerröhren. Dafür müssen erst einmal Schaltpläne erstellt und Techniker geschult werden.“
“Das betrifft uns nicht mehr, King,“ sagte Lawrence in scharfem Ton. „Wir sind hier nur die Spürhunde. Wir jagen nach Wild und scheuchen es auf, und damit ist unsere Aufgabe erledigt und wir ziehen weiter. Was die Menschheit mit unseren Funden anfängt, geht uns nichts mehr an.“
Er hob ein Stück der Lagerausrüstung an und streifte sich den Tragriemen über die Schulter.
“Alles abmarschbereit?” fragte er.
* * *
Als sie die Rampe zehn Meilen hoch gestiegen waren, lehnte sich Taylor über die Brüstung und sah in das Labyrinth der Maschinen unter sich hinab.
Ein Löffel glitt aus seinem nachlässig verschnürten Rucksack und trudelte in die Tiefe.
Sie lauschten lange, wie er mit einem leisen klingelnden Geräusch fiel.
Auch als nichts mehr vernehmbar war, war ihnen immer noch, als könnten sie es hören.
* * *
I.
Manchmal kommt man als (angelegentlicher) Netztagebuchautor zu seinen Themen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. So auch in diesem Fall, der sich einem kleinen Einfall auf „X-vormals-Twitter“ verdankt und in dem eine Nutzerin, die als „Mistress Dividend“ figuriert, am Mittwoch, aus Anlaß von Elon Musks Plänen für „eine Million Datenzentren in der Erdumlaufbahn“, um die irdische Zivilisation auf die nächste Stufe der Kardaschew-Skala zu bringen, spekuliert:
„Irgendwo da draußen in der Milchstraße gibt es einen toten Planeten, dessen gesamte Oberfläche von Datenzentren bedeckt ist.“
Da bot es sich natürlich an, die schon etwas ältere Science-Fiction-Erzählung auszugraben, die genau dieses Szenario schildert.
„Limiting Factor“ ist im Pulp-Magazin “Startling Stories” in der Ausgabe vom November 1949 erschienen. „Startling Stories“ war zusammen mit seinem Schwestermagazin „Thrillling Wonder Stories,“ im abwechselnden zweimonatlichen Turnus von Sam Merwin Jr. herausgegeben, in der Zeit zwischen dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem Anfang der Booms im Genre der literarischen Zukunftsspekulation zehn Jahre darauf eines der drei Magazine, die das Banner des gerade den Kinderschuhen entwachsenden Genres hochhielten. Das führende Organ auf diesem Gebiet war seit der Übernahme des Steuerruders durch John W. Campbell, Jr. (1910-1971) „Astounding Science Fiction“ gewesen. Campbell hatte sich seit dem Sommer 1939 beständig bemüht, das grell-knallbunte Manko der wüsten „Raumschlachten im galaktischen Imperium“ abzuschütteln und sein Magazin zu einem Forum für intellektuell anspruchsvollere Unterhaltung, zur Erkundung der Möglichkeiten und Konsequenzen der durch durchgespielten Denkansätze zu machen. Im April 1943 war „Astounding“ dann im Zug der kriegsbedingten Papierrationierung auf das kleine Digest-Format umgestellt worden, das, mitsamt den fast abstrakten Maschinendarstellungen in gedeckten Tönen auf den Titelbildern, dem Magazin eine Aura des halbwegs Respektablen verlieh. Das alte „Groschenheftformat“ hatte 16,5 x 24 cm betragen, das neue lag bei 17,8 x 11,4 cm (das handliche Format war in den USA ab 1922 durch den „Reader’s Digest“ populär gemacht worden; das erste Genre-Magazin, das darin gehalten war, war im Herbst 1941 „Ellery Queen’s Mystery Magazine“).
In den Journalen aus dem Haus von Better Publications in Chicago wurde der alte Ansatz (den George Lucas dann 40 Jahre dann mit „Stars Wars“ wieder ausgreifen sollte) weiter gepflegt, was sich unschwer an den Umschlägen (meist aus der Hand von Earle K. Bergey, der vom September bis zum August 1951 49 der insgesamt 65 Titelbilder lieferte), die die immergleiche Trias aus einem muskulösen Raumhelden mit Strahlenpistole, leichtgeschürzter Sternenprinzessin und wahlweise einem phallischen Raumschiff oder einem sternenübersäten Hintergrund variierten). Bergey gestaltete auch die Titelbilder für 49 der 70 Ausgaben von „Thrilling Wonder Stories,“ die im selben Zeitraum erschienen. Immerhin brachten die beiden Magazine genügend Kurztexte mit ähnlichem Anspruch wie die in „Astounding“ gebrachten, um auch von dessen Leserschaft noch gewürdigt zu werden. In vielen Fällen handelte es sich hier um Kurzgeschichten, die Campbell, dessen Magazin die „erste Adresse“ im Genre darstellte, so wie es „Black Mask“ für das Gebiet der Detektiv- und Gangstergeschichten war, abgelehnt hatte – sei es aus Platzmangel oder aufgrund ideologischer Vorbehalte – Arthur C. Clarkes erster Roman, „Against the Fall of Night,“ im November 1948 in „Startling Stories“ abgedruckt, war von Campbell aufgrund seiner pessimistischen Aussicht auf die ferne Zukunft der Menschheit nicht akzeptiert worden.
Von den beiden anderen SF-Magazinen, die in diesen Jahren den Acker der mehr-oder-weniger literarischen Zukunftsspekulation bestellten, blieb solcher Respekt – mit Gründen – versagt. „Planet Stories,“ von Malcolm Reis für alle 71 Ausgaben von 1939 bis 1955 betreut, kaprizierte sich ausschließlich auf seichte Räuber- und Gendarmspielchen im galaktischen Milieu, ohne den kleinsten Hauch eines höheren Anspruchs durchscheinen zu lassen - und Titel wie „Werwile of the Crystal Crypt“ (Gardner F. Fox, Sommer 1948), „Citadel of the Green Death“ (Emmett McDowell, Herbst 1948) oder „Sword of the Seven Suns“ (ebenfalls Fox, Dez.'47/Febr.’48) ließen keinen Zweifel daran aufkommen. „Amazing Stories“ gar, das von seinem Herausgeber und Verleger Hugo Gernsback als erstes SF-Magazin überhaupt auf den Markt gebracht worden war (die erste Ausgabe, auf den April 1926 datiert, wurde am 15. März 1926 an die Kioske ausgeliefert), hatte zu dieser Zeit jegliche Achtung in den Augen der Fans verloren. Ray Palmer, der die Herausgeberschaft im Juni 1938 übernommen hatte, war von Anfang an darauf aus, sein Magazin an das „Niveau“ der gerade aufkommenden Superhelden-Comic anzugleichen und belangloses gedrucktes Fastfood anzubieten. Endgültig zum Pariah machte sich Palmer in den Augen der SF-Fans, als er begann, ab dem Sommer 1945 die paranoiden Fieberphantasien von Richard S. Shaver (1907-1975) über „finstere dämonische Mächte im Erdinneren, Überlebende von außerirdischen Kolonisatoren aus der Urzeit der Welt, die mittels hypnotischer Supertechnologie für alles Unheil auf Erden verantwortlich zeichnen“ als „Tatsachenberichte“ propagierte und dem „Shaver-Mythos“ in den folgenden drei Jahren einen exzessiven Raum in seinem Magazin einräumte. (Bis heute weiß niemand genau, wie viele der aberdutzende „Berichte,“ die unter Shavers Namen erschienen, wirklich von ihm geschrieben worden sind, und wieviele von den Mitarbeitern in Palmers festangestellten Autorenstamm, die für ihre exzessive Zeilenschinderei mit einem halben Cent pro Wort noch wesentlich schlechter bezahlt wurden als beim Gros der „Pulp-Magazine. Nach Berichten etwa von Sam Moskowitz oder Lloyd Arthur Eschbach hatte Palmer im Sommer 1943 nach der Einsendung eines wirren Leserbriefs von Shaver, in dem dieser die „Entschlüsselung der Geheimnisse der Weltgeschichte“ ankündigte, beschlossen, dies als Grundlage für eine neue, reißerische Sensations-Ausrichtung seines an Auflagenschwund darbenden Journals zu machen. Die Science-Fiction-Leser dagegen goutierten es auch schon vor 80 Jahren gar nicht, wenn Hochstapler und Sensationsheischer ihre schlichtgestrickten Phantasiegebilde als Fakten oder gar Heillehre verhökern. Das blieb auch so, als einer von Campbells Starautoren, L. Ron Hubbard, 1950 den Job als Groschenheftautor an den Nagel hing und mit der „Dianetik“, später als „Scientology“ zur Religion aufgewertet, durch die Lande zog; das war so im Fall der „Fliegenden Untertassen“ (viele Jahre hindurch konnten Interviewer im Radio ernsthafte SF-Autoren mit der Frage, ob sie an „kleine grüne Männchen“ glaubten, stracks zur Weißglut treiben), das war so im Fall der „außerirdischen Kulturbringer“ Erich von Dänikens und das war so im Fall von Whitley Strieber, der 1987 mit „Communion“ die dürftige Grundidee eines Horror-Thrillers zu einem „Tatsachenbericht“ über nächtliche Entführungen durch Kleine Graue Männchen umstrickte und damit den Boden für die bislang letzte Drehung in der „Ideengeschichte der Besucher aus dem All“ legte, sich aber alle Sympathien der Genreleser verscherzte.
II.
Der Name Clifford D. Simak (1904-1988), der als einer der namhaften Autoren des „Goldenen Zeitalters“ der Science Fiction älteren Lesern geläufig war und dessen Werk sie in der Regel zu einem guten Teil gelesen hatten, gehört wie der Großteil dieser Autoren aus der „zweiten Riege“ zu denen, die die „Furie des Verschwindens“ (H.M. Enzensberger) ereilt hat. Genre-Chronisten verorten das „Golden Age“ in diesem Fall vom Sommer 1939, als John W. Campbell „Astounding Stories“ zu seiner herausragenden Stellung verhalf, bis zum Jahr 1950, als seine sture, dirigistische Haltung, kombiniert mit einer Vorliebe für immer neue pseudowissenschaftliche Bizarrerien auf der einen Seite, und dem Erscheinen neue, auf literarische Qualität ausgerichtete Magazine wie „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ und „Galaxy“ eine neue Zeit einläuteten.
Simak, im Zivilstand Reporter und später Zeitungsredakteur in Minneapolis in Wisconsin, hatte noch zu Gernsbacks Ägide vier Erzählungen veröffentlicht (die erste war „The World of the Red Sun“, im Dezember 1931 in „Wonder Stories“ erschienen, dem Magazin, des Gernsback gegründet hatte, nachdem er aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten im Sommer 1929 die Kontrolle über „Amazing Stories“ und dessen Schwestermagazin „Amazing Stories Quarterly“ verloren hatte. Erst nach 6-jähriger Pause machte er sich wieder ans Erzählen, und bis zu Beginn der fünfziger Jahre erschienen die meisten seiner Texte, ein bis zwei im Jahr, in „Astounding.“ Bei einem Gutteil davon handelte es sich um die Geschichten, die 1951 zu dem Roman „City“ zusammengestellt wurden, der bis heute als sein Hauptwerk gilt. Die über mehrere Jahrtausende verteilten Episoden, die die Zukunft der Menschheit am Beispiel der Nachkommen der Familie Webster auf einem Landgut im amerikanischen Mittelwesten schildern, in der die Menschen am Ende zu fremden Welten auswandern und die Erde den Robotern und den Hunden, denen Intelligenz angezüchtet worden ist, als Erbe überlassen, trägt alle Züge, die die Leser jener Zeit an Simaks Werk ansprachen: das Ländliche, Bukolische, der Verzicht auf grelle, laute Konflikte, das harmonische Auskommen unterschiedlicher Spezies – nachdem anfängliche Mißverständnisse ausgeräumt sind - und eine fast elegische, melancholische Spätherbststimmung. In gewisser Weise kann man Simak als den Erfinder jenes Typs von Außerirdischen ansehen, die später dann durch „Star Trek“ allgemein bekannt gemacht worden ist: es sind, egal ob Hunde, Fremde vom Aldebaran, aus ferner Zukunft oder Parallelwelten, im Grunde Menschen mit mitunter ausgefallener Gestalt, mit denen man aber wunderbar auf einer Veranda abends beim Bier (oder was auch immer sie zu sich nehmen) dem Zirpen der Grillen zuhören kann, während die ersten Sterne zwischen den Blättern aufblinken. (Diese Stimmung der „Sicht-auf-die-Milchstraße-vom-nächtlichen-Garten“ kennzeichnet auch das Werk einiger anderer Autoren, etwa Michael G. Coney (1932-2005), Jack McDevitt (1935-) oder Eric Brown (1960-2023).)
Simaks erster Roman, „Cosmic Engineers,“ 1939 als dreiteiliger Fortsetzungsroman in „Astounding“ abgedruckt, bildet hier eine Ausnahme: ein galaktisches Abenteuer mit Supertechnik und galaktischer Geschichtskorrektur mittels Zeitreise, bei der die sich überstürzenden Wendungen solche Schwingungen erst gar nicht aufkommen lassen. Dem Leser, der sich heute als Nachgeborener auf die Lektüre dieses Textes einläßt (die letzten Totholzausgaben sind 1988 im englischen Verlag Methuen und 2011 bei der Resurrected Press verlegt worden) fällt hingegen eine zentrale Szene ins Auge: nachdem die beiden kernigen Helden bei Flug zum Pluto ganz zufällig eine hübsche junge Frau aus Raumnot in der Nähe des Saturn gerettet haben (in der SF der älteren Strickart liegen solche Destinationen immer in gerader Linie hintereinander), empfangen sie ein Funksignal von außerhalb des Sonnensystems, nach dessen Beantwortung sich vor ihnen ein Sternentor öffnet, das sie zu den „Ingenieuren des Kosmos“ befördert, in deren Auftrag sie dann an der galaktischen Geschichte herumschrauben. Soweit ich weiß, ist Arthur C. Clarke nie danach gefragt worden, ob sich das Sternentor, als das sich der dritte Monolith in „2001 – Odyssee im Weltraum“ erweist, einer Erinnerung an diese Lektüre verdankt – aber die Parallelen dazu sind frappierend.
Zum Verblassen des Rufs Simaks schon in seinen letzten Lebensjahren mag beigetragen haben, daß seine späten Romane, etwa ab dem Erscheinen von „Way Station“ (1963; die deutsche Übersetzung trägt den Titel „Raumstation auf der Erde“) zunehmend schwächer ausgefallen sind: eine immer mattere Aneinanderreihung der bekannten Motive, oft mit unmotivierter Exzentrik, ohne Aufbau und Verfolgung von Spannungsbögen, als habe der Autor nach spätestens einem Drittel der vorgenommenen Pensums vergessen, was er eigentlich erzählen wollte (ein ähnliches Abfallen der „narrativen Energie“ zeigt sich auch in den Romanen, die der Doyen des Genres, Jack Williamson, in den 1970er und 80er Jahren publiziert hat). Die neunzehn Romane von „All Flesh Is Grass“ (1965) bis zu Simaks letztem Buch „Highway of Eternity“ (1986) gehören nur deshalb nicht zu den vergessenen Titeln des Genres, weil sie nie zu den unvergessenen gezählt haben.
In diesem letzten Roman (sein englischer Verlag Severn House hat es fertiggebracht, den Titel auf dem Schutzumschlag als „Highway TO Eternity“ wiederzugeben) gibt es eine stimmungsvolle Szene, in der auf einer nächtlichen Gartenparty eine geheimnisvolle Kiste, die als Diebesgut in einem Versteck auftaucht, geöffnet wird und sich eine riesige dreidimensionale, holografische Sternkarte als leuchtende Kaskade aus Sternen, Nebeln, Dunkelwolken sich über Rasen, Beete, Obstbaumspaliere ergießt – und einer dieser winzigen glühenden Punkte mit einem X markiert ist.
Er beugte sich nach unten und öffnete die Schließen der Kiste. Die Kiste sprang auf und ein weicher, poröser Teig kam zum Vorschein. Der Teig blähte sich auf, fiel wieder zusammen, begrub die Kiste unter sich und immer noch quoll mehr Teig heraus, als ob er darin zusammengepreßt worden war und es jetzt eilig hatte, die Flucht zu ergreifen.
Der Teig floß weiter. Er überflutete die Fläche, auf dem die Tische und Stühle abgestellt worden waren und stieg am Würfel empor. Der Roboter sprang heraus und floh vor der herannahenden Welle. Boone faßte Enid am Arm und lief mit ihr die Straße hinunter. Wolf gesellte sich zu ihnen. ... Der Teig änderte sein Aussehen. Er war nicht länger eine kompakte Masse, sondern wurde porös und Löcher taten sich in ihm auf, wie Waben. Aber die ganze Zeit über breitete er sich weiter aus. Er kroch über den Boden und schäumte hoch in die Luft empor. Seine Ausdehnung nahm zu. Funkelnde Lichtpunkte erschienen, und große dunkle, verschwommene Bereiche und Nebelflecken, in denen es hell schimmerte. Einige der Lichtpunkte wurden heller, andere entfernten sich und wurden schwächer. Die ganze Masse war in Bewegung, wogte, veränderte sich.
„Weißt du, was das ist?“ fragte Enid.
„Nein,“ sagte Boone.
Die Kiste war nicht mehr zu sehen. Die Masse hatte sie unter sich begraben, die sich jetzt in einen dünnen Nebel verwandelte und immer noch weiter wuchs, wenn auch langsamer als zuvor. Jetzt war es eine funkelnde, schimmerte Menge an Seifenblasen.
“Da kommt er,“ sagte Enid leise. Boone sah in die Richtung, in der ihr Finger wies und sah Pferdegesicht, undeutlich und verschwommen hinter den leuchtenden Blasen, der sich auf sie zuarbeitete. Schließlich brach er ins Freie, wie sich ein Mann aus einem Spinnwebgewirr befreit, und kam heran. „Das ist die Milchstraße,“ rief er ihnen zu. „Das ist eine Karte der Galaxis. Ich habe schon von solchen Karten gehört, aber noch nie von solch einer.“
. . .
Die beiden anderen bewegten sich weiter in die Tiefe der Karte; Pferdegesicht ging voraus, und Enid folgte ihm. Boone beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen.
Es wirkte wie ein Zimmer, das voller Spinnweben hing – aber hier gab es keine Spinnweben. Es gab hier überhaupt nichts Festes. Als Boone es erreicht hatte, konnte er keinen Boden mehr unter seinen Füßen spüren. Es war, als ob er ein Nichts laufen würde oder als ob seine Füße mit einem Mal taub geworden wären und er nichts spürte, wenn er auftrat.
Neben ihm brannte eine große rote Kugel; er duckte sich davor weg, und fand sich unmittelbar vor einem flammenden blauen Edelstein. Bevor er sich zur Seite werfen konnte, lief er geradewegs hinein. Er spürte nichts, kein Gefühl von Hitze, keinerlei Anzeichen, daß die Sterne überhaupt vorhanden waren. Er kicherte nervös vor sich hin. Er war einem roten Riesenstern ausgewichen und war frontal mit einem viel heißeren blauen Stern zusammengestoßen. Enthielt diese Karte eine Darstellung von jedem Stern, jeder Gaswolke und jeder Ansammlung von Staub in der Milchstraße? So formuliert, schien das unmöglich zu sein. Er erinnerte sich schwach, daß er irgendwann vor vielen Jahren einmal gelesen hatte, daß die Milchstraße mehr als hundert Millionen Sterne umfaßte. Es war unmöglich, daß sie alle auf dieser Karte dargestellt waren. Bei so vielen Sternen, wäre der Park so dicht mit Sternen angefüllt, daß zwischen ihnen kein Durchkommen wäre, selbst wenn die kleinen unter ihnen nicht größer als Staubkörner wären.
Ich glaube es nicht, sagte er sich. Kein Wort davon. Das kann einfach nicht wahr sein. Das hier ist nicht wirklich.
Aber es war wirklich. Er bewegte sich hier an einem Ort, an dem er den Boden unter seinen Füßen nicht spürte, wenn er auftrat, bewegte sich durch einen Bereich, der nur eine Illusion war, eine reine Vorstellung, angefüllt mit glühenden Sternen und Staubwolken und Gas, die sichtbar waren, die aber nicht zu spüren oder zu berühren waren. Und jetzt fiel ihm noch etwas auf – ein Klang, ein Singen. Die Sterne sangen für ihn – Sphärenmusik, das Zischen des Wasserstoffs, die Wiese der Strahlung, der Gesang des Alls, das Lied der Zeit, das Summen des Staubs und das Summen des leeren Raums. Und das Furchtbare daran war, daß nichts davon real war. Das hier war nicht wirklich, es war nur eine Wiedergabe, durch eine unvorstellbare Technik, ein Konstrukt, etwas völlig Abstraktes.
Vor ihm erhob sich eine Staubwolke, die dichter als die anderen wirkte. Obwohl er sich bewußt war, daß es sich nicht wirklich um eine Wand aus Staub handelte, zog er den Kopf ein und versuchte, sich darunter zu ducken, aber sie erwies sich tiefer als erwartet und er konnte nichts mehr sehen. Die Sterne um ihn erloschen und er pflügte in die Dunkelheit hinein wie in eine dichte Nebelwand, seine Beine trugen ihn vorwärts, immer noch mit dem Druck der unbekannten Strömung, die ihn vorwärts drückte.
Er brach aus der Dunkelwolke hervor und es wurde hell um ihn, viel heller als es vorher gewesen war. Die Lichtquelle war ein gleißender, glühender Stern zu seiner Rechten, dessen Rand unscharf wirkte.
„Eine Nova,“ sagte Enid neben ihm. „Vielleicht sogar eine Supernova. Hinter so dichtem Staub verborgen, daß sie von der Erde aus nicht sichtbar ist.“
In dem Moment, als sie sprach, sah er den anderen Stern, der so nahe stand, daß er ihn mit der Hand hätte berühren können. Er war unscheinbar - ein lichtschwacher, winziger gelber Stern. Was ihm daran auffiel war, daß jemand – irgendwer? – ein präzises X darauf gemalt oder gezeichnet hatte, als wenn jemand einen Filzstift genommen und diesen Stern markiert hätte, damit er von allen anderen Sternen der Milchstraße zu unterscheiden war, damit er als besonderer Stern zu erkennen war.
…
In der Nähe hing ein großer weißer Stern, der sich in rasendem Tempo um seine Achse drehte, während ein viel kleinerer weißer, heller Stern ihm umkreiste, dessen Licht neben dem Schein seines Begleiters verblaßte. Der kleine Stern rotierte so schnell, daß seine Bewegung nur als nebliger Wirbel auszumachen war, der einen wilden Tanz um seinen großen Partner aufführte. Zwischen den beiden spannte sich ein leuchtender Bogen flammender Energie, der von dem großen Himmelskörper zum kleinen floß. Ein Stern vom Spektraltyp B, dachte Boone bei sich, er von einem weißen Zwergstern umkreist wird.
Sie schienen jetzt einen Hügel hinaufzusteigen. Das war schierer Wahnsinn, sagte sich Boone. In diese Galaxie gab es keine Hügel. Staubwirbel strömten um ihre Füße, und es schien, als ob die Sterne hier viel dichter stünden und viele von ihnen rot geschwollen waren.
Es bestand jetzt kein Zweifel mehr daran, daß sie einen langen, steilen Hügel hinaufstiegen. Sie strengten sich an und erreichten die Kuppe. Gleich dahinter stießen sie auf Pferdegesicht. Er stand dort, die magere Gestalt vornübergebeugt, und blickte angestrengt nach vorn.
Sie hielten an und hielten ebenfalls Ausschau in die wirbelnde Finsternis, die von funkelnden, lodernden Flammengarben umringt war.
„Ein Feuerwirbel!“ keuchte Enid. „Er dreht sich. Das ist ein Mahlstrom.“
„Das ist das Zentrum der Milchstraße,“ sagte Pferdegesicht. „Das ist das Zentrum von allem, was existiert. Ein gewaltiges schwarzes Loch, das die Milchstraße verschlingt. Das Ende aller Dinge.“
Ein bitterer Wind umwehte sie, obwohl es hier keinen Wind geben dürfte. In ihm lag die Kälte der Leere, der eisige schwarze Kuß des Todes. Es war wie der schwarze Frost der geschlagenen Zeit, dachte Boone, die vor der Vernichtung hier im Zentrum floh. (Kapitel 9, S. 163 – 171)
Leider gibt es auf den 120 Seiten der nachfolgenden galaktischen Schnitzeljagd nichts, was das Versprechen dieser bengalisch glühenden Verheißung auch nur annähernd einlöst. Stephen Prickett hat in seinem Buch „Victorian Fantasy“ 1979 die These aufgestellt, das Hauptmerkmal der Klassiker der heute als Jugendliteratur gelesenen Romane der englischen Literatur seien solche Schlüsselszenen, die sich dem Leser beim der ersten Begegnung unvergeßlich ins Gedächtnis einbrennen – Robinson Crusoe, der den Fußabdruck am Strand seine Insel entdeckt, Gulliver, der gefesselt am Strand von Lilliput erwacht, Anodos in George MacDonalds „Phantastes“ von 1855, dessen Zimmer sich an seinem 21. Geburtstag in einen Zauberwald verwandelt, Lucy im ersten Narnia-Roman von C. S. Lewis, die sich nach dem Betreten des Wandschranks vor der Straßenlaterne im ewig winterlichen Wald wiederfindet – und daß dem Rest dieser Texte hauptsächlich eine Brückenfunktion zukommt, der den Leser von einem dieser Momente zum nächsten bringt. Für Simaks Milch-Straßenkarte (und vergleichbare Momente in seinen späteren Büchern) gilt der Satz von Borges über das „Versprechen einer Offenbarung, zu der es nicht kommt.“
Ein anderes Problem ist, daß solche Momente, wenn sie denn vorkommen, durch die beständige Präsenz von Romanpersonal gestört werden, die nur schlichte Karikaturen darstellen, wie der Außerirdische „Horseface“ in diesem Fall, die übel-klischeehaften „warmen Brüder“ Tuck und Roscoe in „Destiny Doll“ (1971) oder die sprechenden Waschbären in „Cemetary World“ (1973), die das Ambiente einer Erde der fernen Zukunft, die zur Gänze in einen Waldfriedhof umgewandelt worden ist, erheblich stören – so als würde jemand bei einer Aufführung von „Siegfrieds Rheinfahrt“ aus der „Götterdämmerung“ auf einem Kamm mitblasen. Das ländlich-provinzielle Gepräge von Simaks Werk reiht sich hier nahtlos in die Zerrbilder der amerikanischen Provinz, wie sie spätestens seit Mark Twain üblich sind. Der Ehrlichkeit halber sei noch erwähnt, daß auch Simaks späte Erzählungen wie „Over the River and Through the Woods“ (Amazing Stories, Mai 1965) „The Thing in the Stone“ (IF, März 1970) oder „The Autumn Land“ (The Magazine of Fantasy & Science Fiction, Oktober 1971) frei von solchen Peinlichkeiten sind.
* * *
Anmerkungen.
„Reporter und Zeitungsredakteur“: Simaks journalistische Laufbahn begann als Lokalreporter im Wortsinn: nach einem Lehramtsstudium an der University in Wisconsin fand er 1929 eine Anstellung bei „Iron River Reporter“ in der Kleinstadt Iron River in Michigan, die damals 4600 Einwohner zählte; drei Jahre später wurde er Chefredakteur des „Spencer Reporter“ in Spencer in Iowa (der Zensus von 1930 nennt 5019 Einwohner). Ab 1939 schrieb er dann für die „Minneapolis Tribune,“ wo er ab 1949 die internationalen Nachrichten betreute. Dort wurde er dann auch 1961 Redakteur der Wissenschaftssparte.
Im Zug dieser Zuständigkeit erhielt er auch den Auftrag des angesehenen Verlags St. Martin’s, im Zug des „Sputnikschocks“ und des „Wettlaufs zum Mond“ ein populär gehaltenes Sachbuch über die im Kürze anzufliegenden Ziele für Erkundungssonden zu verfassen. Das Ergebnis war „The Solar System: Our New Front Yard“ (St. Martin’s Press, 1962, 290 S.). Der Titel greift den Titel der SF-Erzählung auf, für die er drei Jahre zuvor die renommierteste Auszeichnung des Genres verhalten, den Hugo Award, erhalten hatte: „The Big Front Yard“ (erschienen in „Astounding,“ Februar 1958).
Der „Sputnikschock“ vom Herbst 1957 traf sich mit einer in den fünfziger Jahren oft in den Medien beklagten „Bildungsmisere,“ die auf das Versagen des amerikanischen Schulsystems zielte, das seine Schüler in puncto Wissenschaft und Technik schmählich im Stich ließ. Auf den Punkt gebracht hatte das 1955 Rudolf Flesch mit seinem Buch „Why Johnny Can’t Read“ (Harper and Brothers), das 37 Wochen lang auf den nationalen Bestsellerlisten stand und dessen Titel zum geflügelten Wort wurde (bei uns wiederholte sich dasselbe Phänomen ein Jahrzehnt später mit Georg Pichts „Die deutsche Bildungskatastrophe“ von 1964). Um hier Abhilfe zu schaffen, wandten sich einige namhafte Verlage an SF-Autoren, um das Basiswissen über „Raketen, Planeten, Astronauten“ (so der Titel des „Raumfahrtsbuch der Jugend“ von Günter Martell, 1966 beim Arena Verlag erschienen) für ein Laienpublikum zu vermitteln – da sie ja „vom Fach waren“ und zum anderen ihre Stoffe spannend und unterhaltsam aufbereiten konnten. So kam es, daß eine ganze Reihe von SF-Schreibern, von denen man eigentlich nicht erwarten sollte, daß sie den Erklärbär geben, in diesem Zusammenhang auftauchen. Neben Simak sind dies etwa Poul Anderson, “Is There Life on Other Worlds?” (Crowell-Collier, 1963), Alan E. Nourse, “Nine Planets” (Harper, 1960), Ben Bova, “The Milky Way Galaxy” (Holt, 1961) und Robert Silverberg, “First American Into Space” (Monarch Books, 1961). Silverberg hat allerdings in den nächsten zehn Jahren gute 70 populäre Sachbücher zu allen möglichen Themen publiziert, nachdem er nach dem Zusammenbruch des Markts für Genremagazine für einige Jahre seinen Job als SF-Autor an den Nagel gehängt hatte, aber dieses kleine Taschenbuch von 140 Seiten, als Schnellschuß vom Verlag noch im Mai 1961 nach dem ersten suborbitalen Flug von Alan Shepard mit der Mercury-Raumkapsel Freedom 7 am 7. Mai 1961 auf den Markt geworfen, war sein erster Auftrag im diesem Metier.
Gemäß dem Wort der Schrift „nihil sub sole novum“ (Prediger 1:9) sei daran erinnert, daß dies nicht das erste Vorkommnis dieser Art war. Als der Pariser Verleger Pierre-Jules Hetzel 1866 mit dem vormals gescheiterten Theaterautor Jules Verne nach dessen Erfolg mit den Romanen „Cinq semaines en ballon“ (1863) und der „Voyage au centre de la terre“ im Jahr darauf einen Vertrag über die Abnahme von drei Buchbänden pro Jahr abschloß, verdankte sich das einem Bericht des französischen Erziehungsministeriums, daß trotz der unter Napoleon eingeführten Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahr kaum die Hälfte der Schulabgänger über mehr als rudimentäre Kenntnisse in Geographie, Wissenschaft oder Technik verfügten. Das ist der Grund, aus dem die onkelhaften Vaterersatzfiguren in den Bänden des „Voyages extraordinaires,“ angefangen mit dem Hamburger Professor Lidenbrock in der „Reise zum Mittelpunkt der Erde,“ spätestens alle fünf bis sechs Seiten zu einer Schulfunkvorlesung ansetzen, in denen peu à peu das gesamte Lehrbuchwissen ihrer Zeit repetiert wird (die modernen Leseausgaben neigen in der Regel dazu, diese Eskapaden ersatzlos zu streichen). Hetzel erhoffte sich damit auch einen soliden Verkaufserfolg, da die Bände nach den Vorabdrucken vor allem im „Magasin de l’éducation et de récréation“ im Oktober oder November passend zum Weihnachtsgeschäft auf den Markt kamen und sich als Geschenk für Eltern und treusorgende Verwandte anboten.
„…als erstes SF-Magazin überhaupt“: „Amazing Stories“ erschien im Zug der zunehmenden Spezialisierung der Pulp-Magazine auf einen eng umrissenen Themenkreis. Den Anfang hatte „Adventure“ 1911 gemacht, bei dem sich Leser, die auf spannende Abenteuer nach dem Motto „ein Schuß, ein Schrei – das war Karl May!“ erpicht waren, sicher sein konnten, von süßen Nichtigkeiten wie „Hat Herr Streuselkuchen mit Emma geschlafen? / Das lesen Portiers, und das lesen Grafen“ (Kurt Tucholsky, „Das Persönliche“) verschont zu bleiben. „Detective Story Magazine,“ war im Oktober 1915 dann das erste Journal, das sich ganz auf Mord und Totschlag konzentrierte; 1920 folgte mit „Black Mask“ das bis heute namhafteste Groschenheft (das allerdings erst unter der Herausgeberschaft von Joseph T. Shaw ab 1926 die „harte Spielart“ des Hard-Boiled Detective à la Sam Spade oder Philip Marlowe entwickelte). „Weird Tales“ hatte ab 1923 die Sparte des mehr-oder-weniger gepflegten Grusels bedient. „Western Stories“ kam 1919 auf den Markt; „Air Stories“ und „Flying Stories“ 1927 und 1928.
Hugo Gernsback, 1884 in Luxemburg geboren, war im Alter von 20 Jahren zusammen mit seinem Bruder Sidney in die Neue Welt ausgewandert und hatte in New York den ersten Versandhandel mit Bauteilen für die gerade in Schwung kommende „drahtlose Telegraphie“ aufgebaut. (Als Kuriosum sei vermerkt, daß Sidney, 1876 geboren, in allen erdenklichen Quellen als „jüngere Bruder von Hugo ausgeführt wird.) Die Brüder Gernsbacher hatten bei ihrer Einreise den Familiennamen anglisiert. Weil diese Technologie ohne Bauanleitungen und detaillierte Schaltpläne nicht wirklich nutzbar war, gründete er 1908 die Zeitschrift „Modern Electrics,“ das gemäß der Umschlagsgestaltung ein Versandkatalog war, aber eben auch solche Anleitungen brachte. 1911kam „The Electrical Experimenter“ hinzu, mit einem breiteren Fokus auf Elektrotechnik und Technik im Allgemeinen; die Zeitschrift wurde 1920 in „Science and Invention“ umgenannt. Ungefähr zu dieser Zeit begann Gernsback, gelegentlich Kurzgeschichten mit dieser Ausrichtung in sein Journal zu heben und stellte fest, daß sie guten Zuspruch erfuhren. Die Ausgabe vom Juli 1925 war als „Scientific Fiction Number“ ganz solchen Texten gewidmet. Darauf entschied Gernsback, daß ein darauf spezialisiertes Journal gute Marktchancen hätte. Die erste Nummer für den April 1926 wurde am 10. März an die Kioske ausgeliefert. Während der ersten beiden Jahre bestand der überwiegende Teil der dort gebrachten Erzählungen allerdings aus Nachdrucken, zumeist von Jules Verne und H. G. Wells -zum einen, weil es kaum Autoren gab, die regelmäßig in diesem Metier schrieben, vor allem aber, weil die, die es taten, wie George Allan England oder J. U. Giesy, Stammautoren der etablierten Magazine wie „Argosy All-Story“ waren, die wesentlich besser zahlten als der notorisch zugeknöpfte Gernsback.
Als „Amazing Stories“ auf den Markt kam, war der Ausdruck „Science Fiction“ noch gar nicht geprägt worden. Im Leitartikel für die erste Nummer bezeichnete Gernsback dieser Art von Erzählungen als „Scientifiction“ – eine etwas ungelenkte Zusammenziehung aus „scientific“ und „fiction.“ Dort hieß es:
„Unter ‚Scientifiction‘ verstehe ich die Art von Geschichten, die Jules Verne, H. G. Wells und Edgar Allan Poe geschrieben haben - bezaubernde Erzählungen, vermischt mit wissenschaftlichen Tatsachen und prophetischen Ausblicken. Lange Zeit wurden Geschichten dieser Art in den Schwestermagazinen von Amazing Stories - "Science & Invention" und "Radio News" publiziert.
Wir sollten uns daran erinnern, daß wir heute in einer völig anderen Welt leben. Vor zweihundert Jahren war es noch nicht möglich, solche Geschichten zu schreiben. Die Wissenschaft hat mit all ihren verschiedenen Zweigen, wie der Mechanik, der Elektrizität, der Astronomie, usw. - heute eoinen solchen Einfluß auf unser tägliches Leben, und wir sind mit ihren Erkenntnissen so sehr vertraut, daß wir neue Erfindungen und Entdeckungen für selbstverständlich halten. Der alltägliche Fortschritt hat unser ganzes Leben verändert, und es wundert deshalb nicht, daß vieles, was früher noch als fantastisch - und vor 100 Jahren noch als unmöglich angesehen wurde, heute nichts Besonderes mehr darstellen. (Hugo Gernsback, „A New Sort of Magazine,“ Amazing Stories, April 1926, S. 3)
Unter Gernsbacks Herausgeberschaft blieb es bei „scientifiction“ – erst in den Werbeanzeigen für „Science Wonder Stories“ und „Air Wonder Stories,“ die er unmittelbar nach seinem Hinauswurf bei der Experimenter Publishing Company lanciert hatte, schrieb er von „science fiction“ (die beiden Magazine starteten im Juni und Juli 1929).
„…eine Lochkarte“: Es ist schon oft vermerkt worden, daß die Science Fiction, bei all ihren gelegentlichen Treffern beim Blick in die zukünftigen Entwicklungen, in einem Bereich als „prophetische Literatur“ völlig versagt hat: bei der Aussicht auf die Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung. Viele Jahrzehnte ist die Vorstellung von „Elektronengehirnen“ vom Bild der ersten gigantischen Mainframe-Rechner bestimmt gewesen – bis hin zu William Gibson „Neuromancer“ vor 1984. Cloud Computing, Netzwerke, und vor allem die Miniaturisierung der Schaltkreise finden im Genre schlicht keinen Wiederhall. Die Ausnahme bildet in dieser Hinsicht Murray Leinsters Kurzgeschichte „A Logic Named Joe“ (Astounding Science Fiction, März 1946), eine Woche nach der ersten öffentlichen Präsentation eines vollprogrammierbaren Großrechners, der ENIAC, erschienen, in der das Internet, mitsamt seinen Folgeerscheinungen wie Virenschutz, Jugend-Benutzersperren, Electronic Banking beschrieben wird, daß man sich als nachgeborener Leser nur noch staunend an den Kopf fassen kann. Noch in den Texten der fünfziger Jahre ist es nichts Ungewöhnliches, daß Raumschiffpiloten ihren Kurs mit Hilfe von Rechenschiebern auf Millimeterpapier rein händisch ermitteln. („Neuromancer,“ das eine schäbig-abgenutzte Zukunftswelt mit dem zynischen Sarkasmus wie Sam Spade und Philip Marlowe kombinierte und das Subgenre des „Cyberpunk“ begründete, ist allerdings auch vom Zahn der Zeit nicht verschont geblieben: Der berühmte erste Satz „The sky was the color of television, tuned to a dead channel“ dürfte jüngeren Lesern, die die Sendepausen nach Mitternacht im analogen Fernsehen nicht mehr kennen so kryptisch anmuten wie die erste versuchte Kontaktaufnahme der zu Bewußtsein gelangten Künstlichen Intelligenz Wintermute, die im Hauptbahnhof von Tokio einen der Münzfernsprecher nach dem anderen läuten läßt.) Die Bedeutung des Transistors, zuerst am 23. Dezember 1947 in den Bell Labs in New Jersey von John Bardeen, Walter Britain und William Shockley der Öffentlichkeit vorgestellt, war bis in die ersten kommerziellen Nutzanwendungen Mitte der fünfziger Jahre den meisten Laien nicht einmal ansatzweise bewußt. Das "Mooresche Gesetz," das besagt, daß sich die Speicherdichte auf einem Mikrochip ungefähr alle zwei Jahre verdoppelt, wurde erst 1965 formuliert. Die Vorstellung, daß der Chip einen heutigen A 16 Pro Max iPhone rund 20 Milliarden Transistoren enthält, wäre den SF-Autoren vor 80 Jahren nicht ansatzweise gekommen.
Das Titelbild von "Startling Stories" vom November 1949 ist nicht mit dem Namen des Künstlers gezeichnet (die Ausführung ist jedenfalls grobschlächtiger als bei den meisten Titelbildern Bergeys, der unter den Lesern angesichts seiner leichtgeschürzten Raumheldinnen als "Meister des Messing-BHs" bekannt war); die schwarz-weiß-Illustration auf S. 123 stammt von Rafael Astarita (1912-1994), deren hauptsächlich als Comiczeichner tätig war, aber in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg auf für ein paar Jahre Zeichnungen für die Pulp-Magazine angefertigt hat; hauptsächlich die Western- und SF-Magazine von Better Publications.
„…der Satz von Borges“: Im Original lautet der Schlußsatz im Essay „La muralla y los libros,“ zuerst in La Nación vom 22. Oktober 1950 und nachgedruckt in der Sammlung Otras inquisiciones (1952): „…esta imminencia de una revelación, que no se produce, es, quizá, el hecho estético.”
Simaks Gesamtwerk umfaßt 29 Romane und 121 kürzere Erzählungen. "Limiting Factor" ist zu Lebzeiten Simaks in keine der Sammlungen seiner Kurzgeschichten aufgenommen worden; Groff Conklin, der eifrigste Zusammensteller von Anthologien zwischen 1948 und 1970, hat sie 1951 für den Band "Possible Worlds of Science Fiction" ausgewählt, ebenso Kingsley Amis und Robert Conquest für den ersten Band ihrer Anthologien-Reihe "Spectrum" (Gollancz, 1961); die einzige frühere Übertragung ins Deutsche findet sich in Peter Naujacks Anthologie "Roboter," 1962 im Diogenes Verlag erschienen, deren Übersetzer nicht genannt wird.
Als kleines Kuriosum sei noch vermerkt, daß ich seinen Namen, als er mir zu meiner Zeit als angehender Genre-Leser zuerst in den deutschen Übersetzungen in den Reihen der Taschenbuchverlage von Heyne und Goldmann begegnet ist, natürlich "wie im Deutschen" Sie-Mack ausgesprochen habe; bis ich mich im Zug der besseres Vertautheit mit den Ausspracheregeln des Englischen für Sei-Mäck (oder "sigh-mac") entschieden habe. Beim Besuch der World Science Fiction Convention in englischen Brighton im August 1979, auf der er an einer Podiumsdiskussion teilnahm, mußte ich dann feststellen, daß er seinen Namen, gemäß der polinischen Herkunft seiner Familie, SIE-mack aussprach.
PS.
Und da in der vergangenen Woche ebenfalls eine "Kontroverse" um die Nutzung von K.I. im Zusammenhang mit der polnischen Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Torkarczuk entbrannt ist - die in einem Interview allerdings betont hat, daß sie ein solches Werkzeug bei der Arbeit an ihrem bislang letzten Roman "Empusion"/Empuzjon von 2022 zur Materialrecherche, nicht aber zur Formulierung von Textpassagen benutzt hat...
...bietet sich zum Thema: "Von der Nutzung der KI für die Literatur" dies hier an (Thrilling Wonder Stories, April 1941):
"When a Fantasy Scribe of the Future Slips a Cog, it Takes a Robot to Teach Him How to Avoid Mechanical Plots!"
U.E.
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