How to locate in darkness, with a gasp
Terra the Fair, an orbicle of Jasp.
John Shade, „Pale Fire“ (1962), Canto Three, Vers 557-8
Aus Mondentfernung betrachtet, ist das Erstaunlichste an der Erde, das, was einem den Atem verschlägt, die Tatsache, daß sie lebt. Die Fotografien zeigen im Vordergrund die staubtrockene, aufgewühlte Mondoberfläche, so tot wie ein versteinerter Knochen. Darüber, eingehüllt in die feuchte, schimmernde Membran des hellen blauen Himmels, schwebt die aufgehende Erde, das einzige dynamische Objekt in diesem Teil des Alls. Wenn man lang genug hinsehen würde, könnte man den Zug der großen weißen Wolkenbänke erkennen, die die halbverdeckten Landmassen verbergen und wieder freigeben. Wenn man über den Zeitraum geologischer Epochen hinsehen könnte, würde man sehen, wie sich die Kontinente selbst bewegen, die auf ihren Schollen auseinander driften, angetrieben durch das Feuer unter ihnen. Sie macht den Eindruck eines organisiertes, autarken Lebewesens, voller Information, optimal darauf angelegt, mit dem Sonnenlicht umzugehen. – Lewis Thomas, 1973
Schön wie niemals sah ich jüngst die Erde.
Einer Insel gleich trieb sie im Winde.
Prangend trug sie durch den reinen Himmel
Ihrer Jugend wunderbaren Glanz.
(…)
Unaufhörlich trieb die junge Erde
Durch das siebenfache Licht des Himmels.
Flüchtig nur wie einer Wolke Schatten
Lag auf ihrem Angesicht die Nacht.
Marie Luise Kaschnitz, 1947
I
Eigentlich sind es sogar drei Aufnahmen, die den Aufbruch der Menschheit aus der irdischen Beschränktheit und ihrer unmittelbaren Umgebung, wenige hundert Kilometer von der blauen schützenden Lufthülle entfernt, ikonisch einrahmen: das „Earthrise,“ Erdaufgang, genannte Bild vom ersten Auftauchen der Erdkugel über dem Mondhorizont für die Mannschaft von Apollo 8 am 24. Dezember 1968. Die „Blue Marble,“ die blaue Murmel, die Harrison Schmidt im Verlauf der bislang letzten bemannten Mondlandung, der Mission Apollo 17, zwei Stunden nach dem Verlassen der Erdumlaufbahn am 7. Dezember 1972 aus einer Entfernung von 29.000 Kilometern mit einer Hasselblad-Mittelformatkamera mit einem 80-mm-Objektiv aufnahm. Und als drittes die „Hello, World“ genannte Aufnahme der Nachseite des blauen Planeten, die Reid Wiseman, Kommandant der Artemis-II-Mission, vorgestern, am Freitag, den 3. April 2026, um 00:27 Uhr mit seiner Nikon D5 machte, viereinhalb Stunden nach dem Brennschluß für die TLI, den „Translunar Injection burn,“ der die Raumkapsel Ingenuity auf Kurs um den Erdtrabanten brachte.
Daß die erste dieser Aufnahmen auf den Heiligen Abend fiel, die dritte auf den Beginn des Karfreitags, und die zweite nur 5 Stunden und 40 Minuten nach dem Ende des Tags des heiligen Nikolaus entstand, ist einer jener Zufälle, hinter denen man frivolerweise ein verborgenes Muster vermuten könnte, die aber nur dem Zufall geschuldet sind. Die Starttermine für die Artemis II-Mission ergeben sich aus der Position von Mond und (Sonne (als Störfaktor), um eine „automatische Rückkehrbahn“ zu ermöglichen, und die ersten beiden Gruppen von Startfenstern im Februar und März entfielen, weil die Rakete nach dem zweiten Betankungsversuch am 19. Februar in die Montagehalle zurücktransportiert werden mußte, nachdem die Betankung der Oberstufe mit flüssigem Helium nicht gelungen war. (Dieses Helium dient aufgrund seiner chemischen Bindungslosigkeit nicht als Treibstoff, sondern dient dazu, nach der Stufentrennung, wenn nach dem Brennschluß der ersten Stufe Schwerelosigkeit eintritt, den Treibstoff in Richtung der Brennkammern zu drücken.)
I - Erdaufgang
Die als „Earthrise“ bekannte Fotografie mit der Seriennummer AS08-14-2383 gehört zurecht zu den bekanntesten Aufnahmen, die in der jetzt genau zweihundertjährigen Geschichte der Photographie je entstanden sind (Joseph Nicéphore Niépce nahm den „Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras/Point du vue de Gras“ irgendwann im Lauf des Jahres 1826 auf und schenkte es im November des gleichen Jahres bei seinem Besuch in London, wo er sein Verfahren der „Heliogravur“ vor der Royal Society vorstellen wollte, dem aus Österreich stammenden Franz Andreas Bauer als Beispiel für die von ihm erfundene Lichtbildkunst). Die Seriennummer besagt, daß es als 2383. Aufnahme im Rahmen des ersten Mondfluges („AS08“) auf der 14. Rolle der 6x6-Mittelformatfilme aufgenommen wurde. Das Bild entstand um 16 Uhr 40 Weltzeit während des dritten Mondumlaufs, 6 Stunden und 41 Minuten, nachdem das Haupttriebwerk der Raumkapsel für 247 Sekunden gezündet worden war, um es für das Einschwenken in die Mondumlaufbahn abzubremsen. Den Vorgang beschreibt Andrew Chaykin in seinem Buch A Man on the Moon: The Voyages of the Apollo Astronauts (New York: Viking Books), das zum 25 Jubiläum der ersten Mondlandung erschienen ist, so:
Vielleicht stimmt es wirklich, daß die erregendsten Augenblicke die sind, die uns völlig überraschen. Sogar auf diesem ersten Flug um den Mond, auf dem alles bis auf die Sekunde genau geplant und geübt worden war, war der aufregendste Moment der, mit dem niemand gerechnet hatte. Apollo 8 überquerte zum vierten Mal die Rückseite des Mondes. Borman bereitete eine Drehung des Schiffs vor, damit Lovell mit dem Sextanten die Mondoberfläche erfassen konnte.
„Achtung,“ sagte Borman. „Bereit zum Rollen.“ Er betätigte vorsichtig die Handsteuerung und die Kapsel drehte sich langsam um die Längsachse, bis die rechte Seite nach oben wies. Als das Manöver beendet war, warf Anders einen Blick aus dem Fenster.
„Mein Gott! Sieh dir das an!“
„Was ist los?“ fragte Borman.
„Die Erde geht auf. Das ist herrlich!“ Langsam tauchte hinter dem ausgebleichten Horizont ein leuchtender blauer und weißer Halbkreis auf und stieg in den schwarzen Himmel empor.
„He, laß‘ das. Das steht nicht auf dem Arbeitsplan!“ sagte Borman, der die Chance nutzte, um Anders wegen einer Aufnahme, die nicht eingeplant war, zu aufzuziehen.
Anders hörte nicht auf ihn. Er rief Lovell zu: „Reich‘ mir bitte die Rolle Farbfilm – schnell!“ Aber Lovell war schon neben ihm am Fenster.
„Mann, das ist großartig!“
„Beeil‘ dich! Schnell!“ sagte Anders. Endlich rastete das Filmmagazin ein und er richtete das Teleobjektiv aus.
Lovell war ungeduldig. „Hast du’s? Mach mehrere! Gib‘ mir das Ding!“ Nachdem er Lovell gesagt hatte, er solle sich abregen, schoß Anders die Aufnahme.
„Bist du sicher, daß das geklappt hat?“ wollte Lovell wissen.
„Ja. Und sie geht noch ein paar Mal auf,“ meinte Anders trocken. (Kap. „First Around the Moon,“ S. 112)
Die ikonische Wirkung dieses Bildes war vom Moment seiner ersten Veröffentlichung nach der Entwicklung der Filme nach der Wasserung am 27. Dezember 1968 spürbar. In den amerikanischen Tageszeitungen erschien die Aufnahme am 30. Dezember. In der Washington Post nahm es die Hälfte der ersten Seite ein, über der Überschrift: „Vom Mond aus sieht die Menschheit die leuchtende Erde.“ Schon während des Fluges hatte das Moskauer Staatsfernsehen, zum ersten Mal in seiner Geschichte, die Liveübertagungen des amerikanischen Fernsehens übernommen. In Farbe wurde das Bild in den Illustrierten in der folgenden ersten Januarwoche präsentiert.
Dabei handelte es sich nicht um die erste Aufnahme der Erde in ihrer Gesamtheit aus der Sicht aus dem All – und auch nicht um die erste Fotografie aus der Mondumlaufbahn. Der erste Erdaufgang aus dieser Perspektive war im August 1966 von der Mondsonde Lunar Orbiter übertragen worden. Aber dieses Bild war in grober Zeilenauflösung gehgalten, zeigte keine Details, war aufgrund der wechselnder Übertragungsqualität streifig und ihm fehlte völlig die „Aura,“ die die Apollo-Aufnahme unmittelbar mehr sagen ließ als die sprichwörtlichen tausend Worte. Die erste einigermaßen hochauflösende Aufnahme der Erde über den Kraterwüsten des Mondes entstand im Lauf der unbemannten russischen Zond-6-Mission am 14. November 1968; allerdings versagte vor der Landung die Druckkabine, so daß die mitgeführten tierischen Passagiere (Schildkröten und Fliegen) erstickten; infolge eines Meßfehlers eines Drucksensors wurde der Fallschirm bei der Landung in mehreren Kilometern Höhe abgesprengt. In der Berichterstattung in der „Prawda“ am 24. November bleiben diese kleinen Mißgeschicke unerwähnt und auch die Bilder auf den Filmrollen, die aus den Trümmern geborgen wurden, bleiben zunächst unveröffentlicht.
(Aufnahme des Lunar Orbiter 1 vom 23. August 1966)
(Aufnahme von Zond 6 vom 14. November 1968)
Auf dem „Earthrise“-Photo sieht man das Mare Smythii (von der Erde aus gesehen am östlichen Mondrand gelegen) aus einer Höhe von 110 Kilometern (68 Meilen). Der Mondhorizont liegt ungefähr 780 km entfernt, ein Abschnitt von 175 Kilometern Breite ist zu sehen. Über dem Terminator der Erde – der Grenze zwischen Tag- und Nachtseite ragt ein Stück der Landmasse Westafrikas empor. Die Entwicklung des Bildes auf 70mm-Ektachrom SO-168-Material übernahm der Leiter der photographischen Abteilung, Richard Underwood, am Marshall Space Flight Center in Huntsville, Alabama, in mühseliger Handarbeit. Eine auch damals schon übliche automatische Entwicklung hätte nur wenige Minuten in Anspruch genommen; Underwood benötigte für das oft unterbrochene Entwickeln und Fixieren mehr als fünf Stunden. Von den Originalaufnahmen wurden mehrere Kontaktabzüge hergestellt – von diesen Kopien stammen die Aufnahmen, die in den folgenden Jahrzehnten in Millionenzahl reproduziert worden sind, während die Originalaufnahmen seitdem luftdicht archiviert worden sind. Erst 1999 hat der amerikanische Fotograf Michael Light für seine Ausstellung und das anschließende Buchprojekt „Full Moon“ 900 der mehr als 30.000 Aufnahmen, die im Rahmen des Apolloprogramms entstanden sind, von den Originalen digitalisiert. Darunter befindet sich ebenfalls einer der „Erdaufgänge" von Apollo 8 – allerdings nicht dieses Bild.
Underwood war es auch gewesen, der hauptsächlich dafür verantwortlich war, daß die Apollo-Missionen mit einer angemessenen bildgebenden Technologie auf photochemischer Basis ausgestattet worden waren. Wie beim sowjetischen Pendant der Wostok und Woschod-Flüge war beim amerikanischen Mercury- und Gemini-Programm kein großer Wert auf eine hochwertige Fotoausrüstung gelegt worden – der Blick durch die winzigen Ausguckfenster bot wenig Gelegenheit für kontrast- und detailreiche Aufnahmen. Die ersten nennenswerten Bilder entstanden im Rahme des ersten amerikanischen „Weltraumspaziergangs“ durch Edward White im Juni 1965 während des zweiten bemannten Geminiflugs, Gemini 4. White Kameraeinsatz hatte den Zweck, die Kapsel auf mögliche Beschädigungen zu überprüfen, die beim Start aufgetreten sein könnten. Aber Underwood (1927-2011), der als Ingenieur für die Weltraumbehörde tätig war, war dagegen von den Bildern der weißen Wolkenwirbel über dem Blau des Meeres und vor allem des Nildeltas fasziniert und erkannte, welchen Wert, gerade auch in der Wirkung auf ein Laienpublikum, eine solche fast sinnlich spürbare Sicht auf die Erde aus dem Raum haben konnte. Später erinnerte er sich, wie er sich gegen den Widerstand der Flugingenieure durchsetzen mußte, denen solches „Knipsen“ nicht technisch genug erschien:
Ich habe die Ingenieure bei unseren technischen Sitzungen angebrüllt: „Ihr gebt 50 Milliarden für alles andere aus. Aber ihr seid nicht bereit, 20.000 Dollars für ordentliche Kameras zu investieren. Ohne solche Bilder wird kein Mensch wissen, was hier passiert ist. Ihr könnt mit den Daten, die eure Computer vom Mondflug geliefert haben, tausend Bücher füllen und sie in einer Bibliothek aufs Regal stellen, und kein Mensch wird die je aufschlagen.“ (zit. n. Robert Poole: Earthrise: How Man First Saw the Moon (Yale University Press, 2008), S. 70. Poole merkt in einer Fußnote an: “Meine eigene Erfahrung, als ich tatsächlich in einer finsteren Ecke in der Universitätsbibliothek von Manchester dicken Staub von alten technischen Publikationen der NASA wischen mußte, beweist, daß Underwood recht behalten hat.“)
II – Die blaue Murmel
Der „Bildaussage“ der „Hello World“-Aufnahme näher kommt die zweite der oben erwähnten Fotografien, der „Blue Marble,“ Seriennummer AS17-148-22727, die Harrison Schmitt, der einzige Wissenschaftler unter den bislang 12 Menschen, die den Mond betreten haben, am 7. Dezember 1972 um 10 Uhr 39 Weltzeit, 5 Stunden und 6 Minuten nach dem Start von Cape Canaveral und 1 Stunde und 54 Minuten nach dem Verlassen der Erdumlaufbahn, aus einer Entfernung von 29.400 Kilometern aufgenommen hat.
Auch das Bild der blauen Murmel war ursprünglich „nicht im Flugplan vorgesehen“ – auch in diesem Fall kam die Anregung durch Außenstehende. Im Januar 1972 hatte eine Delegation des Magazins „National Geographic“ bei einem Mittagessen mit dem NASA-Direktor James Fletcher und anderen hochrangigen Beamten erwähnt, daß im Lauf der bisherigen Mondflüge erstaunlich wenige Aufnahmen der vollen Erde vor dem schwarzen Hintergrund des Weltraums entstanden waren. Eine kurze Überprüfung des Bildmaterials ergab, daß von den 350 Aufnahmen, die bis dahin die Erde aus der Ferne zeigten, nur 78 nach dem Flug von Apollo 11 entstanden waren und nur 6 davon bei der bislang letzten Mission, Apollo 15. Der Grund war, daß sich „der wissenschaftliche Erkenntniswert solcher Aufnahmen in Grenzen“ hielt und von Seiten der Presse wenig Nachfrage bestand. Für Apollo 17 kam noch hinzu, daß der Start mitten in der Nacht erfolgte (um 00:33 Ortszeit in Florida – bzw. Ost-Florida, da der Bundesstaat bekanntlich über zwei Zeitzonen verfügt) und damit der Übergang von der Erdumlaufbahn in einer Transferbahn zum Mond zu einem Zeitpunkt erfolgte, in der die Erdscheibe, mit Madagaskar im Zentrum, voll ausgeleuchtet „unter“ der Kapsel lag. Die Kommandokapsel America war zur Zeit der Aufnahme mit 274° Roll- (Querneigung), 164° Nick- (Längsneigung) und 0° Gierung (Seitenneigung) ausgerichtet. Die vorhergehenden Aufnahmen des Filmmagazins (AS17-148-22717 bis 721) sind mit einem Teleobjektiv gemacht worden und zeigen jeweils ein gutes Drittel der Erdscheibe, während die folgenden Aufnahmen 22725 bis 22728 mit einer „normalen Brennweite“ von 80 mm bei einer Blende von F22 entstanden sind.
(Aufnahme AS17-148-22721, mit Teleobjektiv aufgenommen)
Die NASA veröffentlichte das Bild am Samstag, dem 23. Dezember 1972 zusammen mit weiteren 7 Aufnahmen der Mission, und in den Medienberichten und Zeitschriften über das Weihnachtswochenende und den Beginn des Januars fand es weltweite Verbreitung. In der Ausgabe vom 8. Januar 1973 schrieb das TIME Magazine die Aufnahme dem Kapselpiloten Ron Evans zu:
Zu Beginn der Mission gelang Astronaut Ron Evans sein bemerkenswerter Beitrag zu den Photographien: er nahm ein Bild auf, das zu den Klassikern des Raumfahrtprogramms zählen wird. Nachdem Apollo Kurs nach der Zündung für die Transferbahn Kurs auf den Mond genommen hatte, richtete er die Kamera nach hinten aus und erwischte einen überwältigenden Anblick der Erde, deren Seite, die den Astronauten zugewandt ist, in vollem Licht liegt. Sie zeigt in gestochen scharfen Einzelheiten fast die gesamte afrikanische Küste, den Inselstaat Madagaskar, die arabische Halbinsel und eine ungewöhnlich dichte aufgewirbelte Wolkendecke über der Antarktis und den unteren Bereichen der Welt.“ („Portfolio from Apollo“)
Über das Bild schrieb Missionskommandant Gene Cerman später: „Wir waren aufgebrochen, und dem Mond zu erkunden, aber stattdessen entdeckten wir die Erde.“ Harrison Schmitt, der die Aufnahme gemacht hatte, zeigte sich – zumindest nach außen hin – weniger hingerissen. Als Nicht-Militär (als Geologe war er der einzige formell ausgebildete Wissenschaftler im Apollo-Astronautencorps) war er so etwas wie ein Außenseiter, und zwischen ihm und den anderen Raumfahrern gab es erhebliche Spannungen. Cerman schrieb später in seinen Erinnerungen über ihren Aufenthalt auf der Mondoberfläche: „Die Erde zog meinen Blick immer wieder von der öden Mondlandschaft fort, und es fühlte sich wie eine Halluzination an. Ich hatte sie schon viele Male gesehen, aber ich war immer noch von dem hinreißendsten Anblick gebannt, der sich uns während des ganzen Flugs bot. Ich unternahm einen letzten Versuch, um Dr. Rock (der Spitzname der anderen Astronauten für Schmitt) klarzumachen, daß er sich jetzt auf einer anderen Welt befand. ‚Wenn man eine Erde gesehen hat, kennt man sie alle!‘ Das war typisch für seinen kauzigen Humor, aber mich stieß diese blasierte Reaktion fast schon ab, weil ich das Gefühl hatte, daß jeder Mensch bei diesem Anblick tiefe Ehrfurcht empfinden sollte.“ (Eugene Cernan, Last Man on the Moon (New York: St. Martin’s Press, 1999, S. 324)
Ganz untypisch war diese „blasierte Reaktion“ nicht. Nach der geglückten dritten Mondlandung durch Apollo 14, den ersten farbigen Fernsehbildern von der Oberfläche, den hüpfenden Fahrten mit dem „Mondauto“ während der folgenden drei Missionen hatte sich unter den Fernsehzuschauern und Zeitungslesern, nicht nur in den USA, ein Gefühl der Routine breitgemacht: die Patina des Neuen, Noch-nie-Dagewesenen war verblichen, das Einsammeln von Steinen und das Aufstellen von Gerätschaften waren nicht dazu angetan, das Interesse zu fesseln. „They made it boring!“ beschwerte sich der bekannteste Nachrichtensprecher, Walter Cronkite, nach dem Abschluß des Mondlandeprogramms mit Blick auf das „größte Abenteuer der Menschheit“ und der polnische Science Fiction-Autor Stanislaw Lem (der oft über den Umstand gewitzelt hat, daß sein Nachname der offiziellen Abkürzung für die Mondfähre, LEM – für „Lunar Excursion Module“ - entsprach) erklärte: das sei eben typisch für die „Kapitalisten“ im Westen: „Sobald sie irgendwohin kommen, lassen sie dort ihre Schrottautos zurück!“ Insofern hatte die Redaktion den „National Geographic“ den Wandel des Zeitgeistes durchaus zutreffend erkannt.
III – “Hallo Welt!”
Die Ähnlichkeit von Wisemans „Hello World“- Aufnahme mit der blauen Murmel wird beim ersten flüchtigen Vergleich der beiden Fotos augenfällig und ist auch in den sozialen Medien sofort vermerkt worden. Erst bei genauem Hinsehen zeigen sich die Unterschiede: während auf dem Bild von 1972 die voll erleuchtete Mittagsseite des Blauen Planeten zu sehen ist, zeigt das neue Bild die nur vom Mondlicht erhellte liegende Nachtseite, wobei eine Langzeitbelichtung von einer Viertelsekunde bei einer ISO-Empfindlichkeitseinstellung von 51200 die Farben herausbringt, wie ein Blick auf die Metadaten der Aufnahme mit der Nummer art002e000192 zeigt. Eine nur wenige Minuten später entstandene Aufnahme mit „normaler“ Belichtungszeit macht den Unterschied deutlich.
(Die Metadaten der "Hellow World"-Aufnahme)
Auf der Aufnahme befindet sich der Südpol ungefähr in der 2-Uhr-Position; die linke Bildhälfte nimmt die Landmasse des afrikanischen Kontinents ein; am linken Bildrand erscheint das westliche Mittelmeer und der Südteil Spaniens; während rechts Brasilien zu erkennen ist, das wegen seiner „auf dem Kopf stehenden“ Ausrichtung ungewohnt erscheint. Der rechte Bogen der die Erde umhüllenden Atmosphäre wird von der näher stehenden Sonne von hinten erhellt; über den Nord- und Südpolregionen (in der 1-Uhr- und 7-Uhr-Position) leuchtet grün der Bogen der Polarlichter. Diese Auroren, die durch die Ionisation von Sauerstoffatomen durch hochenergetische Sonnenstrahlung entstehen, befinden sich in einer Höhe von 100 bis 150 Kilometern Höhe. In der Vergrößerung wird deutlich, wie dünn die Lufthülle ist, die unseren Planeten schützend umgibt – und selbst dieser Eindruck täuscht noch, denn 95 Prozent der Gase entfallen auf die unteren 16 Kilometer der Atmosphäre.
("Die größte Membran der Welt")
Hinter der Erdscheibe sind schwach die Sterne der Sternbilder Fische und Pegasus zu erkennen; bei dem hellsten Lichtpunkt links unten handelt es sich allerdings um einen Wandelstern, die Venus, die für uns Irdische zurzeit Abendstern ist und mit einer Helligkeit von -3,9 Größenklassen genau zehnmal so hell strahlt wie der hellste Stern, Sirius. Auf dem Bild dreht sich die Erde von links unten nach rechts oben.
Nicht nur die Art der Bilderfassung und -übertragung hat sich in dem halben Jahrhundert, die seit dem Abschluß des Apollo-Programms vergangen ist, geändert. Auch das Interesse der „Medienöffentlichkeit“ hat sich grundlegend gewandelt. Noch vor einer Woche war kaum jemandem, der sich nicht intensiv mit dem Thema Raumfahrt befaßt, bewußt, daß in diesem Monat ein bemannter Mondflug stattfindet. Das schlagartige Interesse, daß dem Flug der Orion in den letzten Tagen zuteil geworden ist, ist dem Faktor des „Neuen“ geschuldet – das bei den nächsten Missionen – Artemis III soll 2027 in der Erdumlaufbahn die bis dahin hoffentlich einsatzfähigen Mondlandesysteme testen, und für 2028 sind nach den Planungen der US-Raumfahrtbehörde zwei bemannte Landungen vorgesehen – sicherlich noch anhalten wird. Aber beim Aufbau einer ständig bemannten Station in der Nähe des Mondsüdpols, wie sie die jetzigen Planungen für den Zeitraum zwischen 2032 und 2036 vorsehen, dürfte sich wieder Gelegenheit für Walter Cronkites Stoßseufzer bieten. Nur dürfte dies für interessierte Zuschauer keine Rolle mehr spielen. Vor einem halben Jahrhundert waren die Zuschauer – sofern sie nicht in Houston in der Kommandozentrale saßen oder im Podium für akkreditierte Journalisten – auf kurze Nachrichtenschnipsel in den Hauptnachrichten oder Sondersendungen der Öffentlich-rechtlichen Sender angewiesen. Ab dem kommenden Jahr, für das NASA-Direktor Jared Isaacman im „monatlichen Rhythmus“ Landungen von Rovern angekündigt hat, wird es die Möglichkeit geben, jederzeit über das Internet einen Livestream aufzurufen und das Geschehen in diesem „Land, das hunderttausende von Kilometern entfernt ist“ (um es mit den Worten einer unvergessenen deutschen Außenministerin zu sagen) in Echtzeit verfolgen zu können – so wie es auch jetzt möglich ist, über den Livestream der NASA einen Blick ins Innere der Orion-Kapsel und den Blick von dort auf den Mond zu werfen.
IV.
(Artemis und die Erde aus einer Entfernung von 41756 km)
Im Zug einer Pressekonferenz ist Victor Glover, Testpilot der U.S. Navy und Pilot der Artemis-II-Mission, der schon 2020 ein halbes Jahr auf der ISS verbracht hat, am Samstagabend von einem Reporter des Senders CBS gefragt worden, ob er als bekennender Christ ein paar Worte zum anstehenden Osterfest sagen wollte. Glovers Antwort war:
Ich habe nichts dafür vorbereitet. Aber ich bin froh, daß Sie das Thema ansprechen. Ich glaube, daß solche Feiern wichtig sind – und wir, die wir so weit von der Erde entfernt und sie ansehen und die Schönheit der Schöpfung sehen. Für mich persönlich bedeutet es sehr viel, daß ich jetzt die Erde als Ganzes sehe. Und ich lese die Bibel und ich sehe all diese erstaunlichen Dinge, die für uns erschaffen worden sind. Sie haben dort einen fantastischen Ort, ein Raumschiff. Sie reden hier gerade mit uns, weil wir uns in einem Raumschiff aufhalten, das sich weit von der Erde entfernt befindet. Aber Sie selber befinden sich auf einem Raumschiff namens Erde, das geschaffen wurde, damit wir im Universum einen Ort zum Leben haben. Vielleicht glauben Sie, daß wir hier etwas Besonders leisten, weil wir so weit von Ihnen entfernt sind. Aber Sie sind genauso weit von uns entfernt. Und ich möchte Ihnen eins sagen: glauben Sie mir - Sie sind etwas Besonderes. In all diesem Nichts, in dieser Leere, die wir das Universum nennen, haben Sie diese Oase, diesen herrlichen Ort, auf dem wir gemeinsam leben. Und während wir hier auf den Ostersonntag warten, muß ich an all die Kulturen, auf der ganzen Erde, denken: ob sie dieses Fest feiern oder nicht, ob sie an Gott glauben oder nicht – dies ist eine Gelegenheit, uns daran zu erinnern, wer wir sind, wer wir sind, und daß wir alle gleich sind, und daß wir dies gemeinsam durchstehen müssen.
* * *
In diesem Sinn wünscht Zettels Raum allen Lesen ein gesegnetes und friedliches Osterfest.
* * *
PS. Manchmal wird man doch überrascht, was alles so auf Mondfahrt geht...
Zumindest wissen wir nun, wie dies gemeint war:
Anmerkungen.
Das Zitat von Lewis Thomas stammt aus seinem Essay „The World’s Biggest Membrane“ und ist zuerst in „New England Journal of Medicine“ in der Ausgabe vom 13. September 1973 (Bd. 289, S. 576-77) in Rahmen seiner vierwöchigen Kolumne „Notes of a Biology Watcher“ erschienen. Thomas (1913-1993) war nach einem Eröffnungsvortrag auf einer medizinischen Fachtagung 1970 vom Herausgeber der hochrenommierten Fachjournals, Franz Ingelfinger, gebeten worden, eine Kolumne in diesem leicht plaudernden, aber fachlich informierten und neue Erkenntnisse besonders der Biologie aus ungewöhnlicher Perspektive beleuchtenden Stil beizutragen. Wie alle solche Publikationen zahlte (und zahlt) das NEJM keine Publikationshonorare, aber die Veröffentlichung in einer der angesehensten Zeitschriften war für den Autor, im Zivilstand ehemaliger Dekan der New York University Medical School und zu jener Zeit Dekan der Yale School of Medicine, Ansporn genug. Die erste Folge erschien am 13. Mai 1971 unter dem Titel „The Lives of a Cell.“ Das war auch der Titel der ersten Buchveröffentlichung der ersten 29 Folgen (The Viking Press, 1974), von denen „The World’s Biggest Membrane“ die letzte bildete. Das Buch wurde im folgenden Jahr zwei Mal mit dem National Book Award ausgezeichnet (in den getrennten Kategorien „Arts and Letters“ und „The Sciences“ ausgezeichnet und verkaufte sich in den fünf Jahren nach dem Erscheinen eine viertelmillon Mal. Die Redaktion der 1917 gegründeten Modern Library wählte es 1999 unter den „100 einflußreichsten Sachbüchern der letzten 100 Jahre“ auf Platz 11. (Um das in einen Kontext zu setzen: an Platz 1 und 2 standen The Education of Henry Adams und William James‘ The Varieties of Religious Experience, gefolgt von Virginia Woolfs A Room of One’s Own (Platz 5), Rachel Carsons Stummem Frühling (6), James Watsons Doppelhelix (7) und John Maynard Keynes' General Theory of Employment, Interest and Money (10) - was den Glanz dieser Auswahl doch leicht eintrübt.
Zwei spätere Bände, deren Kolumnen zum Teil anderenorts erschienen sind, waren The Medusa and the Snail (1979) und Late Night Thoughts on Listening to Mahler’s Ninth Symphony (1983).
Das Gedicht „Juni“ von Marie Luise Kaschnitz (1901-1974), von dessen sechs Strophen ich die erste und letzte zitiert habe, ist zwischen 1932 und 1937 in Königsberg entstanden und 1947 in ihrem ersten Lyrikband, Gedichte (Frankfurt am Main: Claassen & Goverts) zuerst publiziert worden.
„John Shades“ Langgedicht in vier Cantos “Pale Fire” bildet den Auftakt von Vladimir Nabokovs gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1962. Der erste und letzte der 999 jambischen Pentameter lauten gleich; das Gedicht bildet somit ein Rondo. Die anschließenden aus- und abschweifenden „Kommentare“ durch den Herausgeber Charles Kinbote – in meiner Ausgabe (Penguin Books, Harmondsworth, Middlesex, 1973) umfassen sie 236 Seiten – bilden den Text des Romans, in deren Verlauf sich - indirekt und nie offen ausgesprochen – herausstellt, daß Kinbote Shade ermordet hat und an der Wahnvorstellung leidet, der legitime Herrscher eines Landes zu sein, hinter dem sich unschwer Nabokovs Heimat Russland vor der Oktoberrevolution ausmachen läßt. Von den Übersetzern des Buches – „Feu pâle,“ Gallimard 1965, durch Raymond Girard und Maurice-Edgar Coindreau; „ Fuoco pallido,“ Mondadori 1965, durch Bruno Oddero; „Pálido fuego,“ 1977: Edicion Anagrama, Aurora Bernárdez; „Bleek vuur,“ 1972: Polak & Van Gennep, durch Pieter Verstegen; 青白い炎 (Aojiroi honō), Chikuma Bunko 2014 und durch Shinichiro Mori 2018 - hat sich niemand an eine gereimte Nachdichtung im Metrum des Originals gewagt. Das entspricht ganz der Haltung des Autors, der streng darauf hielt, formstrenge Lyrik – oder Lyrik überhaupt - lasse sich in anderen Sprachen höchstens in unwürdig-dürftiger Weise nachbilden. Nabokov benutzte in diesem Zusammenhang gern seine Lieblingsinjurie „poshlost‘“ – die er als unübersetzbar ausgab und deren Bedeutung „kitschig, armselig, lächerlich, vulgär, philiströs“ die Verve des russischen Пошлость nicht annähernd treffen würde. Folgerichtig hat sich Nabokov bei seinem „poetischen Hauptwerk,“ der Übertragung von Puschkins „Eugen Onegin“ (New York, 1964: Bollingen Foundation - mit drei Kommentarbänden von 1280 Seiten Umfang für Puschkins 220 Seiten!) auch für eine ungereimte Fassung in freiem Vermaß – böse Kritiker könnten von „zerhackter Prosa“ reden – entschieden.
In der Fassung von Uwe Friesel von 1970 ("Fahles Feuer," Rowohlt Verlag) lautet die erste Strophe des Gedichts:
Ich war der Schatten eines Seidenschwanzes,
Den trügerisches Azurblau im Fensterglas erschlug;
Ich war der Schmutzfleck aschnen Flaums – und ich
Flog weiter, lebte fort im reflektierten Himmel
Und auch von innen her verdoppelt
Ich selbst mich, meine Lampe, einen Apfel auf dem Teller:
Zog von der Nacht den Vorhang und ließ dunkles Glas
Nun alle Möbel übern Rasen hängen,
Und welch Entzücken, wenn ein Schneefall dann
Mein Stückchen Rasen deckte und sich derart häufte,
Dass Stuhl und Bett genau auf jenem Schnee
Zu stehen kamen, draußen, im kristallnen Land!
… und in Coindreaus Version beginnt sie:
C'était moi l'ombre du jaseur tué
Par l'azur trompeur de la vitre;
C'était moi la tache de duvet cendré - et je
Survivais, poursuivais mon vol, dans le ciel réfléchi….
Im Original lautet dies:
I was the shadow of the waxwing slain
By the false azure of the windowpane;
I was the smudge of ashen fluff – and I
Lived on, flew on, in the reflected sky.
Myself, my lamp, an apple on a plate:
Uncurtaining the night, I'd let dark glass
Hang all the furniture above the grass,
And how delightful when a fall of snow
Covered my glimpse of lawn and reached up so
As to make chair and bed exactly stand
Upon that snow, out in that crystal land!
(Bei aller Wertschätzung gegenüber einem verdienten Sprachfergen – zweien sogar, wenn man bedenkt, wie kongenial der Herausgeber der deutschen Gesamtausgabe, Dieter E. Zimmer, etwa Verse von Edward Gorey ins Deutsche übertragen hat -: dem Protokollanten fällt an dieser Stelle Norman Thomas di Giovanni ein, Übersetzer und Biograph von Jorge Luis Borges, dem während seiner Übertragung von dessen Sonetten an der Universität von Buenos Aires in den 1970er Jahren der Meister regelmäßig durch seine Studenten einen Zettel zukommen ließ: „Borges thinks you should try harder.“ In erster Näherung also:)
Der Schatten war ich von dem Seidenschwanz
Erschlagen von des Fensters falschem Himmelsglanz
Ich war ein Aschenfleck, ein Flaum vom Flügel
Und lebte und flog fort im Himmelsspiegel.
Und auch von innen wär‘ ich doppelt dort:
Ich selbst, mein Licht, ein Apfel auf dem Bord:
Der Nacht enthüllt, ließ dann das dunkle Glas
Das Mobiliar erscheinen überm Gras.
Und wie entzückend, wenn ein weißer Fall
Von Schnee den Rasen deckt und steigt
Daß Bett und Stuhl sich ebenso hoch zeigt
Im Schnee, in dieser Weite aus Kristall!
U.E.
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