Posts mit dem Label Polen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Polen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

4. September 2009

Marginalie: Ist Ihnen bei den Feierlichkeiten am 1. September in Danzig etwas aufgefallen?

Ich muß zugeben, daß es mir nicht aufgefallen ist.

Dabei habe ich die Übertragung der Feierlichkeiten zum Gedenken an den 1. September 1939 größtenteils verfolgt. Mich interessierte insbesondere das Auftreten Putins angesichts der russischen Beteiligung am Überfall auf Polen, mit der ich mich an diesem Tag in einem Artikel befaßt hatte; siehe Der "deutsche Überfall auf Polen" vor siebzig Jahren war ein deutsch-sowjetischer Angriffskrieg; ZR vom 1.9.2009.

Die Übertragung des Senders "Phoenix" zeigte Bilder, wie man sie von solchen Ereignissen inzwischen kennt:

Die Zeremonien sind stets im Freien, und zwar verteilt auf mehrere Stellen innerhalb des Geländes, auf dem sich die Feierlichkeiten abspielen. Es gibt einen Ort, wo das Militär Aufstellung genommen hat, wo die Ansprachen gehalten werden. Und es gibt einen anderen Ort, wo die Gesten der Versöhnung stattinden; ein Mahnmal, eine Gedenkstätte, dergleichen.

Zwischen den beiden Orten werden die Würdenträger nicht gefahren, sondern sie gehen zu Fuß. Es bilden sich Gruppen. Man kann beobachten, wer sich zu wem gesellt, wer sich wem widmet. In Buchenwald war das recht interessant, was Barack Obama und Angela Merkal anbetraf; siehe Obama zeigt Merkel die kalte Schulter; ZR vom 5.6.2009.

Und auf der Westerplatte bei Danzig? Da sah man, wie sich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk niemandem so aufmerksam widmete wie Angela Merkel. Man sah, wie sich beide dann zu Putin begaben und mit ihm redeten.

Später, als man auf der Tribüne saß, hatte Merkel zwischen Tusk und Putin Platz genommen. Auch der französische Regierungschef Fillon hatte seinen Platz in der Nähe, die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, der niederländische Ministerpräsidenten Balkenende. Auf der Tribüne saßen, wie man zum Beispiel hier lesen kann, unter anderem auch die Regierungschefs von Schweden, Finnland, Slowenien, Kroatien und Bulgarien. Insgesamt zwanzig Länder waren durch die Chefs ihrer Regierungen vertreten.



Fällt Ihnen jetzt etwas auf?

Genau. Da fehlte doch einer. Da fehlte Barack Obama.

Nun gut, Obama ist ein vielbeschäftigter Mann. Aber wenigstens seinen Vize Joe Biden, Spezialist für Außenpolitik, hätte er doch schicken können, nicht wahr? Und falls dieser auch gerade ganz dringend verhindert gewesen sein sollte, dann doch allermindestens die Außenministerin Hillary Clinton.

Der Vertreter der USA auf dieser Gedenkfeier zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war James L. Jones.

James L. wer? Jones. Seines Zeichens General der US- Streitkräfte und Sicherheitsberater des Präsidenten.

"Shame on you, Mr. Obama" kommentierte das der Chefredakteur der polnischen Zeitung Warsaw Business Journal, Andrew Kuneth. Obama solle sich schämen:
... this leaves one wondering about where Poland's supposedly close partnership with the United States stands in all of this. US President Barack Obama was not present at the ceremonies marking the 70th anniversary of the outbreak of World War II, a huge and regrettable snub for one of the US's closest allies.

... man fragt sich, wo die angeblich enge Partnerschaft Polens mit den Vereinigten Staaten bei alledem eigentlich steht. Der amerikanische Präsident Barack Obama fehlte bei den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestags des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, ein gewaltiger und bedauerlicher Affront gegen einen der engsten Verbündeten der USA.
Eine gute Frage ist das, wo die Partnerschaft zwischen den USA und Polen eigentlich steht. Kuneth weist auf die Gerüchte hin, die USA würden auf die Aufstellung des Raketen- Abwehrsystems verzichten. Man frage sich in Warschau allmählich, ob man in die Allianz mit den USA nicht mehr investiere, als man zurückbekomme.



In der Diplomatie ist es stets ein wichtiges Signal, auf welcher Ebene ein Land auf einer Konferenz, einer Feier und dergleichen vertreten wird. Schon bei einem Staatsbesuch zählt es, wer den Gast am Flughafen begrüßt. Das signalisiert, wie wichtig man das jeweilige Ereignis nimmt.

Daß Präsident Obama zu dieser für Polen so immens wichtigen Gedenkfeier noch nicht einmal ein Kabinettsmitglied schickte, signalisierte mit nicht zu überbietender Deutlichkeit eines: Desinteresse.

Was könnte ein Desinteresse der USA an Polen motivieren? Vielleicht das sehr große Interesse, das Rußland an Polen zeigt. Es sieht immer weniger danach aus, daß die USA diesem Interesse Rußlands - überhaupt seinem Interesse an der Region, die einmal der Sowjetblock war - im Wege stehen wollen.

In welcher Rolle sich Putin das einstige Satellitenland Polen wünschen dürfte, das hat unlängst George Friedman in einer Analyse der russischen Außenpolitik untersucht. Rußland wolle die Ukraine und Georgien zurück unter seinen Einfluß bringen, schreibt er, und fährt fort:
Russia remains interested in Central Europe as well. It is not seeking hegemony, but a neutral buffer zone between Germany in particular and the former Soviet Union, with former satellite states like Poland of crucial importance to Moscow.

Ebenfalls bleibt Rußland an Mitteleuropa interessiert. Es sucht keine Hegemonie, sondern eine neutrale Pufferzone zwischen insbesondere Deutschland und der früheren Sowjetunion. Von zentraler Bedeutung für Rußland sind dabei frühere Satellitenländer wie Polen.
Dabei werden die USA, so darf man das Signal Obamas wohl verstehen, Rußland keinen Stein in den Weg legen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Gorgasal.

1. September 2009

Der "deutsche Überfall auf Polen" vor siebzig Jahren war ein deutsch-sowjetischer Angriffskrieg

Heute jährt sich zum 70. Mal das Ereignis, das meist als der "deutsche Überfall auf Polen" bezeichnet wird. Diese Bezeichnung ist historisch nicht korrekt, zumindest unvollständig.

Sie ist so wenig korrekt wie die Schlagzeile "Ein Einbrecher drang in ein Wohnhaus ein", wenn es in Wahrheit zwei Einbrecher gewesen sind. Der eine stieg freilich als erster ein, und der andere folgte etwas später. Geplant hatten sie den Einbruch gemeinsam, und gemeinsam führten sie ihn aus.

Hitler verkündete den Krieg gegen Polen mit dem berühmten (und falschen) Satz: "Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen". Weniger allgemein bekannt als dieser Satz ist der Kontext, in den Hitler ihn in seiner Reichtstagsrede vom 1. September 1939 stellte: Unmittelbar vor der Passage über den Einmarsch deutscher Truppen nach Polen teilte Hitler mit, daß Deutschland mit der Sowjetunion einen Pakt geschlossen hätte, der "vor allem sicherstellt, daß sich die Kräfte dieser beiden großen Staaten nicht gegeneinander verbrauchen". Dieser Pakt, so Hitler, hätte am Tag zuvor "die höchste Ratifikation in Moskau und auch in Berlin erfahren".

Insofern spielte Hitler also mit offenen Karten. Vermutlich wollte er seinen deutschen Zuhörern die Sorge nehmen, der Überfall auf Polen könne der Beginn eines großen Kriegs gegen Rußland sein. Jedenfalls erwähnte er ausdrücklich, daß der Pakt "für alle Zukunft jede Gewaltanwendung ausschließt". Dies sei "eine ungeheure Wende für die Zukunft". Einen weiteren Krieg zwischen Deutschland und Rußland werde es nicht geben.



Was Hitler selbstverständlich nicht erwähnte, das war das Geheime Zusatzprotokoll zu dem Pakt, den Ribbentrop und Molotow unterzeichnet hatten. Es sah die Zerlegung Osteuropas in eine deutsche und eine sowjetische Einflußzone und die Aufteilung Polens unter den beiden Ländern vor.

Die Grenzen, auf die man sich geeinigt hatte, sehen Sie auf der linken Karte. Die rechte zeigt, wie die Aufteilung dann tatsächlich erfolgte (für eine vergrößerte Ansicht auf das Bild klicken):



Warum griff die UdSSR Polen nicht zugleich mit Deutschland an, sondern erst gut zwei Wochen später? Vermutlich gab es mehrere Gründe für die Verzögerung des sowjetischen Anteils an der gemeinsamen Invasion:

Die Sowjets waren in einen Grenzkonflikt mit Japan verwickelt. Sie brauchten außerdem Zeit für die Mobilisierung der Roten Armee. Drittens sahen sie - so hat es Molotow dem deutschen Botschafter von der Schulenburg erläutert - auch propagandistische Vorteile in der Verzögerung: Die Sowjets konnten ihr Eingreifen so damit begründen, daß der polnische Staat infolge der deutschen Invasion zerfalle und sie ihre dort lebenden Bürger schützen müßten. Ein weiterer Grund könnte gewesen sein, daß Stalin erst einmal abwarten wollte, wie die Westmächte auf den Kriegsbeginn reagieren würden.

Am 17. September marschierten die Sowjets mit einem massiven Truppenkontingent in Polen ein, das auf 450.000 bis eine Million Mann geschätzt wird. Die schwachen an der Ostgrenze stehenden polnische Truppen leisteten zunächst heftige Gegenwehr, hatten aber gegen die Invasoren keine Chance. Der polnische Oberbefehlshaber Edward Rydz- Śmigły, der zunächst den Widerstand befohlen hatte, ordnete daraufhin den Rückzug an. Dennoch gerieten zahlreiche polnische Soldaten in sowjetische Gefangenschaft (die Zahl wird mit zwischen 230.000 und 452.500 angegeben), von denen ein Teil allerdings bald wieder freigelassen wurde.

Die Sowjetunion annektierte das eroberte polnische Gebiet. Dessen 13,5 Millionen Einwohner wurden Sowjetbürger. Fortbestehender Widerstand wurde durch Exekutionen und Deportationen gebrochen. In vier Wellen der Deportation wurden zwischen 1939 und 1941 nach einer neueren Schätzung 320.000 Menschen nach Sibirien und in andere entfernte Teile der UdSSR verschleppt.

Die Gesamtzahl der Opfer der sowjetischen Annexion Ostpolens ließ sich bisher nicht eindeutig ermitteln. Eine aktuelle Schätzung nennt 150.000 Opfer; andere Schätzungen liegen weit höher.

Am Bekanntesten wurde das Massaker von Katyn, bei dem die Sowjets rund 22.000 Angehörige der polnischen Intelligenz ermordeten, die sie zuvor in Lager verbracht hatten. Die Exekutionen zogen sich vom April 1940 an über Wochen hin. Sie erfolgten in der Regel durch Genickschuß.

Das Massaker von Katyn war nur ein Teil einer umfassenden Ausrottungspolitik, der unter anderem rund die Hälfte aller polnischen Offiziere und ein großer Teil der Intellektuellen zum Opfer fielen. Die Absicht war es vermutlich, damit jeden künftigen Widerstand der Polen gegen die sowjetische Herrschaft von vornherein unmöglich zu machen.



In Deutschland war es in den vergangenen Jahrzehnten üblich, stets nur vom "deutschen Überfall auf Polen" zu sprechen. Die Polen haben das von vornherein anders gesehen; nur durften sie es bis zur Befreiung vom Kommunismus natürlich nicht offen äußern. Wenn heute der polnische Staatspräsident Kaczynski und Ministerpräsident Tusk vom deutsch- sowjetischen und nicht nur vom deutschen Überfall sprechen, dann geben sie damit nur die historische Wahrheit wieder.

Wäre es nicht an der Zeit, daß wir auch in Deutschland unsere Terminologie endlich dieser historischen Wahrheit anpassen?



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fotomontage. In der Public Domain gemäß Titel 17, Kapitel 1, Abschnitt 105 des US Code, da das Copyright bei der Regierung der USA liegt. Abbildung: Peter Hanula; frei unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später.

5. Dezember 2008

Zitat des Tages: Gesine Schwans "falsches Signal". Über multikulturelles Herumeiern

In einem Land, in dem überwiegend Deutsch gesprochen wird, ist es wichtig, dass alle Bewohner diese Sprache können. Das wird von niemandem in Zweifel gezogen. Dies im Grundgesetz zu verankern, sendet aber ein falsches Signal.

Die Präsidentschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan, gestern in einem Interview mit "Spiegel- Online".

Kommentar: Auch nach längerem Nachdenken habe ich die Logik dieser Argumentation nicht verstanden. Wenn es wichtig ist, daß alle "Bewohner" (vulgo Bürger) Deutschlands dieselbe Sprache sprechen, eben die Landessprache, was ist dann falsch daran, dies auch im Grundgesetz zu verankern?

Warum dies nach ihrer Meinung das "falsche Signal" wäre, erläutert Frau Schwan so: "Es vermittelt ein Bild von Deutschland, in dem das Deutsche alleinverbindlich ist und alles Andere sich in eine homogene Mehrheitsgesellschaft einpassen muss."

Ja, natürlich ist das Deutsche alleinverbindlich; das hat doch Frau Schwan gerade gesagt. Aber wieso muß "alles andere sich in eine homogene Mehrheitsgesellschaft einpassen", wenn es eine für alle verbindliche, gemeinsame Sprache gibt? Niemand soll doch daran gehindert werden, auch noch Englisch, Türkisch oder vielleicht Esperanto zu sprechen.

Frau Schwan eiert herum.

Wenn sie dafür ist, daß Deutsch in Deutschland die für alle verbindliche Landessprache ist, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, dies nicht auch im Grundgesetz so zu sagen.

Wenn dies andererseits ein "falsches Signal" ist - was zu signalieren wäre dann nach Ansicht von Frau Schwan richtig? Offenbar doch, daß Deutschland sich nicht nur zu einer multikulturellen, sondern auch zu einer mehrsprachigen Gesellschaft entwickeln soll.

Wie sehr Frau Schwan herumeiert, zeigen ihre Beispiele. Sie erwähnt die Schweiz - aber deren Mehrsprachigkeit basiert ja nicht auf Einwanderung, sondern auf dem Zusammenschluß von Kantonen mit verschiedenen Landessprachen. Sie erwähnt, daß Polen und Dänemark im Grenzgebiet mehrsprachige Schilder aufstellen. Was das mit der Frage der Festlegung der Landessprache zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Es ist doch wohl mehr ein Service für Besucher aus dem Nachbarland.



Der "Verein deutsche Sprache" hat die einschlägigen Verfassungsbestimmungen anderer Länder zum Herunterladen zusammengestellt. Sehen wir nur unsere Nachbarländer an:
  • In Frankreich steht ganz oben in der Verfassung, nämlich bereits in deren zweitem Artikel: "Die Sprache der Republik ist Französisch".

  • In der Schweiz heißt es in der Bundesverfassung, Artikel 70: "Die Amtssprachen des Bundes sind Deutsch, Französisch und Italienisch."

  • In Österreich bestimmt der Artikel 8 des Bundes- Verfassungsgesetzes: "Die deutsche Sprache ist, unbeschadet der den sprachlichen Minderheiten bundesgesetzlich eingeräumten Rechte, die Staatssprache der Republik."

  • Der Artikel 27 der Verfasssung Polens besagt: "In der Republik Polen ist die polnische Sprache die Amtssprache. Diese Vorschrift verletzt nicht Rechte der nationalen Minderheiten, die sich aus ratifizierten völkerrechtlichen Verträgen ergeben."
  • Nun könnte man argumentieren, es gebe da halt Unterschiede zwischen den Verfassungen, in unserer stehe die Amtssprache nun einmal nicht, und es gebe doch keinen Anlaß, diesen Zustand fast sechzig Jahre nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes plötzlich zu ändern.

    Es gibt ihn aber. Es gibt in Deutschland eine türkisch- sprachigen Bevölkerung, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung infolge unterschiedlicher Geburtenraten und aufgrund des Familien- Nachzugs weiter zunehmen wird. Es ist keineswegs abwegig, daß dieser Teil der Bevölkerung irgendwann den Anspruch erheben wird, Türkisch zu einer zweiten Amts-, wenn nicht Landessprache zu machen.

    Noch ist das nicht der Fall. Es ist jetzt also noch möglich, dem einen Riegel vorzuschieben, ohne daß es zu einem gesellschaftlichen Konflikt kommt. Wird diese Forderung erst einmal erhoben, dann wird ihre Ablehnung hingegen zu einer Konfliktsituation führen.



    Das wird offenbar auch in anderen Ländern so gesehen. In den Niederlanden, in Schweden und den USA - also in drei ausgeprägt liberalen, demokratischen Ländern - gab oder gibt es aktuelle Bestrebungen, die Landessprache offiziell und verbindlich festzulegen.

    In den USA - so ist es der Zusammenstellung des "Vereins deutsche Sprache" zu entnehmen - hat am 19. Mai 2006 der Senat mit 63 zu 34 Stimmen Englisch als die Landessprache festgelegt. In den Niederlanden ist die Festlegung von Niederländisch als Landessprache ein Inhalt des Koalitionsvertrags vom März 2007. In Schweden ist eine Regierungs- Kommission unter Vorsitz von Bengt- Ake Nilsson mit dieser Frage befaßt.

    In den USA war bisher Englisch als Landessprache nicht gefährdet; inzwischen ist es dies durch Spanisch. Auch die Niederlande und Schweden sind Länder mit einer hohen Einwanderung, in denen sich wie in Deutschland das Problem der Landessprache zwar nicht aktuell stellt, aber langfristig stellen könnte.



    Für Kommentare bitte hier klicken.

    6. November 2008

    Zitat des Tages: "In Medwedews Rede herrschte ein scharfer Ton. Ob Obama diese Botschaft verstehen wird?" Ein russischer Hintergrundkommentar

    Die neu gewählten Präsidenten der USA und Russlands, Barack Obama und Dmitri Medwedew, haben gleichermaßen mit ernsthaften Problemen zu kämpfen. Gerade deswegen werden beide mehrmals dazu gezwungen sein, Härte zu zeigen.

    Dies war deutlich in dem außenpolitischen Teil der diesjährigen Jahresbotschaft des russischen Präsidenten an die Föderalversammlung zu spüren. In diesem Teil der Rede Medwedews herrschte ein scharfer Ton. Es ist gewissermaßen sogar sehr gut, dass Obama auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und am Tag, der der freudigste Tag für die nächsten Jahre sein sollte, so eine Botschaft aus Moskau kriegt. Die Frage aber ist die - ob er diese Botschaft verstehen wird?


    Dmitri Kossyrew, politischer Kommentator der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti, unter der Überschrift "Medwedew zeigt Härte gegenüber USA" über die Jahresbotschaft des russischen Präsidenten Medwedew.

    Kommentar: Der gewählte Vizepräsident Joe Biden hatte es am 19. Oktober vorhergesagt:
    Mark my words. It will not be six months before the world tests Barack Obama like they did John Kennedy. (...) Watch, we're gonna have an international crisis, a generated crisis, to test the mettle of this guy.

    Halten Sie fest, was ich jetzt sage. Es wird keine sechs Monate dauern, bis die Welt Barack Obama prüft, wie sie John Kennedy geprüft haben. (...) Geben Sie Obacht, es wird eine internationale Krise geben, eine herbeigeführte Krise, um dem Mann auf den Zahn zu fühlen.
    Es scheint, daß Putin und sein Medwedew keine sechs Monate gewartet haben. Wohl nicht, was die eigentliche Krise angeht. Aber einen kleinen Vorgeschmack bekommt Obama schon jetzt.

    Medwedew verkündete am Tag nach dem Wahlsieg von Obama nicht nur, daß Rußland im Gebiet von Kaliningrad (Königsberg) "Iskander"- Raketen aufstellen werde, die eine Reichweite von 300 km haben, also Polen unmittelbar bedrohen, und die dazu dienen sollen, "das geplante US-Raketenabwehrsystem in Europa zu neutralisieren".

    Wichtiger - und in den hiesigen Medien wenig beachtet - ist der Zusammenhang, den Medwedew zwischen diesen Raketen, der Krise im Kaukasus und dem internationalen Finanzsystem hergestellt hat. Kossyrew schreibt dazu:
    Einerseits sind in der Rede des russischen Präsidenten die Motive zur Sprache gebracht worden, die eigentlich schon allseits bekannt sind, insbesondere, was die Installierung des Raketenabwehrschildes in Polen und Tschechien betrifft. Obwohl, merkwürdig... In einem Satz sind quasi die Finanzkrise und die Krise im Kaukasus vereint worden. So etwas gab es noch nie. (...) Es gibt noch zwei Zitate, die deutlich zeigen, dass in Russland die beiden Krisen im Prinzip als etwas empfunden werden, was miteinander eng verbunden ist. (...)

    Man kann also zu dem Schluss kommen, dass Russland - und nicht nur allein Russland - eine gewisse Angst verspürt, dass die USA versuchen würden, aus der Krise auf nicht ganz finanzielle Art und Weise herauszukommen, genau gesagt, dass Washington versuchen könnte, diesen "Knoten" militärisch durchzuschlagen. Wo konkret? Im Kaukasus? (...)

    Der russische Vizeaußenminister Grigori Karassin kündigte bereits an, dass man in Moskau "frische Ideen und Herangehensweisen" vom neuen US-Präsidenten erwarte, insbesondere in Bezug auf die kompliziertesten Konflikte der Außenpolitik. Sobald dieser Prozess beginnt, werden die Töne aus Moskau einen sanfteren Klang haben.
    Die Botschaft ist deutlich: Im Kaukasus wird sich Rußland von den USA nicht mehr hineinreden lassen. Falls die Polen glauben, sie seien durch die Aufstellung von US- Abwehrraketen auf ihrem Gebiet vor Rußland sicherer, dann irren sie; sie werden jetzt erst recht bedroht werden.

    Erst wenn Obama einsieht, daß er als Präsident in Ost- und Südosteuropa nichts verloren hat, werden "die Töne aus Moskau einen sanfteren Klang haben". Und die russische Bereitschaft oder Weigerung, bei der Lösung der Finanzkrise zu kooperieren, ist Zuckerbrot und Peitsche in einem, um ihn bei diesem Lernprozeß zu unterstützen.



    Für Kommentare bitte hier klicken.

    5. August 2008

    Kurioses, kurz kommentiert: Abartige Nudisten

    "Abartig" sei es, seinen "Körper öffentlich zur Schau zur stellen", erklärte - so lesen wir in der heutigen "Süddeutschen Zeitung" - der nationalkonservative Stadtrat Edward Zajac des polnischen Badeorts Swinemünde. Er meint mit "zur Schau stellen", daß Leute nackt baden.

    Daran ist zweierlei kurios.

    Erstens liegt der FKK-Strand, über den sich der Stadtrat Zajac echauffiert, gar nicht in Polen. Er geht also den Stadtrat Edward Zajac gar nichts an.

    Er liegt allerdings nah der polnischen Grenze. Was es mit sich bringt, daß es einerseits polnische Voyeure dorthin zieht, die dank des Wirkens von Zajac und seiner Gesinnungsgenossen offenbar bereits in Erregung geraten, wenn sie einen nackten Menschen sehen. Andererseits erlaubt es aber die Öffnung der Grenzen in der EU, daß zunehmend auch ganz normale Menschen aus Polen diesen Strand in Ahlbeck besuchen, weil sie es schön finden, nackt zu baden.

    Kurios finde ich zweitens, was am Ende des Artikels in der SZ über die Reaktionen in Polen zitiert wird. Belustigt seien sie, diese Reaktionen. Schön. Dann aber heißt es:
    Ein junger Mann bedauerte, dass es an dem Nacktbadestrand kaum junge Leute gebe: "Die meisten Nackten dort haben Speckgürtel und sind gar nicht so schön anzusehen."
    Ja, ist denn irgendwer, der kein Adonis mehr ist, schöner anzusehen, wenn der Schmerbauch über einer Badehose wabbelt?

    Ja, ist denn eine Frau, bei der oben aus dem Einteiler der Busen herausquillt und unten die Stampferchen, hübscher anzusehen, als dieselbe Frau nackt?



    Nein. Nackt sehen die meisten Menschen, vor allem, wenn sie gebräunt sind, ansehnlich aus. Sie sind halt, wie sie sind, und es ist nichts Unästhetisches an den Runzeln und Altersspuren.

    Unschön wird es, wenn das Übertünchen anfängt, das Liften und Einschnüren, das ganze Versteckspiel. Die Camouflage, das Geckenhafte.

    Die schönsten alten Menschen, an die ich mich erinnern kann, habe ich auf einem FKK-Gelände gesehen, das es heute nicht mehr gibt, dem "Freilichtpark Klingberg" in Holstein. Dort haben meine Frau und ich einmal in den siebziger Jahren gezeltet. Es wohnten dort permanent, in Bungalows, Ur-FKKler, die in den Zwanziger Jahren zu Adolf Koch oder einem anderen Lebensreformer gestoßen waren. In ihrer Nacktheit gealtert und nicht häßlich geworden.

    Und die häßlichsten alten Menschen habe ich in einem Bad in den Pyrenäen gesehen, das Heilkraft für nachlassende Potenz verspricht. Da stolzierten sie, die alten Gecken, in der weißen Seglerhose und dem Blazer mit Einstecktüchlein, die Haare über die Glatze gekämmt. Sie hielten sich für schön und waren doch nur lächerlich.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    12. Juli 2008

    Marginalie: In Osteuropa läuft das Machtspiel um Öl und Raketen

    Kaum hat Tschechien das Raketen- Abkommen mit den USA unterzeichnet, da tut sich Seltsames bei der Versorgung des Landes mit russischem Öl.

    Wie die International Herald Tribune in ihrer heutigen Ausgabe meldet, hat ein Sprecher des tschechischen Ministerium für Handel und Industrie, Tomas Bartovsky, gestern mitgeteilt, daß russisches Öl in Tschechien nur noch gedrosselt eintrifft.

    Die Gründe seien unklar; man sei dabei, bei den Russen nachzufragen. Das Öl erreicht Tschechien über eine Pipeline, die durch Weißrußland und die Ukraine verläuft und die den passenden Namen Druschba trägt, also Freundschaft.

    Rußland hat bekanntlich schon mehrfach die Öl- und Gasversorgung von Ländern, die einmal zur UdSSR oder zum Warschauer Pakt gehört hatten, als politische Waffe eingesetzt. Nach der "Orangenen Revolution" in der Ukraine wurden die Gaslieferungen dorthin für drei Tage eingestellt. Im Jahr 2006 verkaufte Litauen eine Ölraffinierie, die die Russen hatten haben wollen, an eine westliche Firma. Daraufhin wurden die Öllieferungen unterbrochen; angeblich wegen eines Lecks.



    Kommentar: Seitdem sich die Länder des einstigen sowjetischen Kolonialreichs befreit haben, leben sie in der berechtigten Angst davor, daß die neuen Zaren bestrebt sein könnten, dieses Reich in anderer Form neu zu errichten; mindestens in Form einer Einflußzone.

    Auf der Seite der Russen sind Gas- und Öllieferungen dabei eine entscheidende Waffe.

    Die Entscheidung der Regierung Schröder, Gaslieferungen von Rußland nach Deutschland durch die Ostsee zu leiten statt durch Polen, bedeutet eine unmittelbare Gefährdung Polens. Rußland kann dann Polen erpressen, ohne daß die Lieferungen nach Deutschland tangiert wären. Polen hätte keine Möglichkeit, sich zu wehren, indem es im Fall eines russischen Lieferboykotts die Leitungen nach Deutschland anzapft.

    Eine entscheidende Waffe auf der Seite der Tschechen und Polen ist das amerikanische Raketen- Abwehrsystem. Nicht, weil es gegen Rußland gerichtet wäre. Sondern weil zwei Länder, in denen ein für die USA so wichtiges Abwehrsystem stationiert ist, für die Amerikaner eine zentrale strategische Bedeutung haben und also unter ihrem Schutz stehen.

    Die Regierungen Tschechiens und Polens wollen dieses US-Raketensystem aus genau demselben Grund unbedingt im Land haben, aus dem Helmut Schmidt Ende 1979 auf den Nato- Doppelbeschluß drängte: Weil Sicherheitsgarantien der USA dann am Glaubwürdigsten sind, wenn unmittelbar amerikanische Interessen auf dem Spiel stehen.

    Russisches Gas und Öl gegen amerikanische Raketen: So kann man das zusammenfassen, was sich im Augenblick in Osteuropa abspielt; beim Versuch der vom Kommunismus befreiten Völker, sich gegen eine erneute russischen Dominanz zu wappnen.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    23. Juni 2007

    Marginalie: So wird Polen nicht gewinnen

    Es ist geschafft: Am Ende haben alle, genervt von den Polen, diesen Sonderrechte eingeräumt.

    Ein Sieg für die beiden hartnäckigen Zwillinge? Ich glaube nicht. Sie sind meines Erachtens die Verlierer dieses Gipfels.

    Denn ein de Gaulle, eine Margaret Thatcher trat da nicht auf. Sondern Leute, die sich benahmen wie Prolls, die es in ein bürgerliches Restaurant verschlagen hat.

    Nun gut, man bedient sie. Aber man macht ihnen doch klar, daß man auf ihren zukünftigen Besuch keinen Wert legt.



    Die Brüder Kaczynski haben es geschafft, die Stimmung nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa gegen ihr Land zu wenden.

    Sie werden künftig mit keinem Entgegenkommen, mit keiner Freundlichkeit über das hinaus mehr rechnen können, was sie sich heute ertrotzt haben.

    Keine europäische Regierung kann es jetzt noch ihren Wählern gegenüber verantworten, diesen unkooperativen, undiplomatischen Polen irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Schon gar keine finanziellen.



    Spieltheoretiker haben das untersucht: Wer sich der Kooperation verweigert, der hat oft vorübergehend Erfolg. Langfristig schadet er seinen Interessen.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden. - Daneben steht auch die Kommentar- Funktion des Blogs wie bisher zur Verfügung.

    22. Juni 2007

    De Gaulle, Thatcher, die Kaczynskis: Wiederholt sich die Geschichte?

    Europa hatte es schwer mit Charles de Gaulle, es hatte es noch schwerer mit Margaret Thatcher.

    So schwer wie jetzt mit dem Polen der Brüder Kaczynski hatte es Europa noch nie; nicht seit dem Beginn der Einigung mit der Montanunion.

    Für de Gaulle war La France Alles; manche meinten, er hielte sich selbst für die Verkörperung der Grande Nation. Für ihren Retter hielt er sich ganz gewiß, und dazu hatte er Grund.

    Margaret Thatcher dachte wie er in den Kategorien der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Für sie gab es Britain und Europe. Getrennt durch den Ärmelkanal, getrennt durch den Gegensatz zwischen Vernunft und Revoluzzerei, getrennt durch Pragmatismus auf der einen und einen rationalistischen Dogmatismus auf der anderen Seite.



    In gewisser Weise waren aber beide schon Europäer.

    De Gaulle war Europäer, insofern er sein Vaterland als das größte und beste, das vor allem kultivierteste aller europäischen Vaterländer sah. Mit ihnen wollte er gut auskommen; Frieden halten. Aber nichts aufgeben von den Vaterländern ("L'Europe des Patries").

    Margaret Thatcher war Europäerin insofern, als sie die klassische britische Sichtweise teilte, daß Großbritannien in Europa vitale Interessen hat; vor allem dasjenige, die Vormacht eines einzigen Staats in Europa zu verhindern.

    Beide dachten aber nicht im Traum daran, die nationalen Interessen ihres Landes, gar seine Souveränität zur Disposition zu stellen zugunsten eines europäischen Staatenbundes oder - am Ende - horribile dictu - Bundesstaats.



    Stehen die Kaczynskis in der Tradition dieser beiden, wenn sie jetzt in Europa auftrumpfen und den Wilden Mann geben; wenn sie sich in Quertreibereien gefallen? Wenn sie ein Pathos anstimmen wie de Gaulle und vom Zweiten Weltkrieg reden wie Margaret Thatcher?

    In einem Punkt ja, in drei Punkten nicht, scheint mir.



    Wie de Gaulle und Thatcher sind sie Patrioten, die man auch Nationalisten nennen könnte.

    Die Gründerväter Europas waren das nicht - Adenauer, Schuman, de Gasperi, Spaak, Bech, Luns. Sie waren Männer, die aus den Katastrophen der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts den Schluß gezogen hatten, daß es vorbei sein müsse mit Patriotismus und Nationalismus.

    Genauer: Sie waren schon auch Patrioten - aber nicht nur deutscher, französischer, belgischer Patriot, sondern das erst in zweiter Linie; in erster Linie aber waren sie europäische Patrioten. Katholiken, die geprägt waren von unserer gemeinsamen abendländischen Kultur.

    De Gaulle und Thatcher hatten nicht diese Beziehung zum Abendland; die Kaczynskis offenbar auch nicht. Insofern gehören sie in diese Tradition. Sie sehen sich in der ausschließlichen Verantwortung für ihr Vaterland, überhaupt nicht für Europa. Jedenfalls, sofern das aus ihrem Verhalten zu erschließen ist.

    Aber dreierlei unterscheidet sie von de Gaulle und Thatcher.



    Diese beiden waren, zum ersten, nicht nur überzeugte Demokraten, sondern sie stützten sich auch ausschließlich auf eine große demokratische Partei.

    Die Kaczynskis hingegen arbeiten im Bündnis mit zwei Parteien, die nach deutschen oder französischen Maßstäben rechtsextrem und linksextrem sind: Der "Liga Polnischer Familien" und der "Notwehr der Republik Polen". Die Vorsitzenden beider Parteien sind Vize- Ministerpräsidenten.

    Von einer solchen Regierung pro-europäisches Verhalten zu erwarten wäre so naiv, als würde man das von einer deutschen Regierung erwarten, in der der DVU-Frey und der PDS-Bisky Vizekanzler sind; unter einem Kanzler, der weit rechts von jedem Abgeordneten des Deutschen Bundestags steht.



    Zweitens waren de Gaulle und Thatcher weltläufige Menschen. Gebildet; im Lauf ihres Lebens mit vielen kulturellen und politischen Erfahrungen konfrontiert gewesen, bevor sie die höchste Verantwortung in ihrem Land erlangten.

    Die Kaczynskis sind das nicht, was nicht ihre Schuld ist.

    Es ist die Schuld der polnischen Kommunisten, die "ihre Menschen" ebenso eingesperrt, von Informationen, von der Welt abgeschnitten haben wie die DDR- Kommunisten.

    Bis zur Wende kannten beide Zwillingsbrüder nichts als Polen. Sie haben sich gegen die Kommunisten wacker geschlagen, beide in der "Solidarnosc". Einen europäischen Horizont konnten sie in dieser Zeit nicht gewinnen; nicht kulturell, nicht politisch.



    Und drittens gibt es einen zentralen Unterschied, der in diesen Tagen immer deutlicher wird: Mit ihrem nationalistischen Gehabe sind die beiden Zwillinge nur sozusagen die Personifizierung eines objektiven Problems: In sechzig Jahren Nachkriegszeit wurde es versäumt, die deutsch- polnische Vergangenheit aufzuarbeiten.

    In der alten Bundesrepublik war kein anderes Land so wichtig gewesen wie Frankreich. Die Aussöhnung mit den Franzosen wurde über die Jahrzehnte auf allen Ebenen engagiert betrieben. Unter allen Regierungen, von allen Parteien. Von Intellektuellen und Wissenschaftlern.

    Allmählich verschwand die "Erbfeindschaft". Psychologische Vorbehalte, über Generationen aufgebaut, wurden diskutiert, relativiert, schließlich eliminiert.

    Am Ende stand nicht nur die völlige Beseitigung der alten Feindschaft, sondern sogar ein Verhältnis besonderer Freundschaft. In Frankreich hat sich die Rede vom "Couple Franco-Allemand", vom deutsch-französischen Paar, eingebürgert.

    Nichts davon war, aufgrund der Herrschaft der Kommunisten, mit Polen möglich.

    Wir in der alten Bundesrepublik waren froh, daß die Polen weit weg waren, durch den Korridor der DDR von uns getrennt.

    Gewiß, es gab auf einigen Ebenen Kontakte und Kontaktversuche - die "deutsch- polnische Schulbuchkommission" zum Beispiel. Aber im Bewußtsein der Westdeutschen existierte Polen im Grunde nicht; außer für die Heimatvertriebenen, die logischerweise keine erfreulichen Erinnerungen hatten.

    Und in der DDR? Dort wurde das Verhältnis zu Polen so wenig aufgearbeitet wie die Nazi- Zeit. In Bezug auf beides gab es eine dröhnende Propaganda, aber keine ehrliche Diskussion.

    Wie zu allen politischen Themen wurden den DDR- Bürgern zu Polen gestanzte Formeln vorgesetzt; allen voran die von der "unverbrüchlichen Freundschaft" und von der "Friedensgrenze". (Gestern abend hat Maybritt Illner unverständlicherweise diesen kommunistischen Agitprop- Begriff verwendet).

    Das Verhältnis zu den Polen aber blieb lauwarm bis eisig; wie bei jeder erzwungenen Freundschaft. Man kannte einander nicht; man schätzte einander nicht.

    Hinzu kam der Nationalismus, der mit jedem Sozialismus notwendig verbunden ist. Denn wenn der Staat die Wirtschaft beherrscht, dann ist wirtschaftliche Konkurrenz nationale Konkurrenz.

    Die Polen sahen, daß es den DDR- Deutschen besser ging als ihnen, weil sie von der Existenz der Bundesrepublik profitierten. Beide lagen zudem in Konkurrenz miteinander bei dem Versuch, sich der Ausbeutung durch die Russen zu erwehren.



    Also, gemessen am deutschen Verhältnis zu Frankreich sind wir in Bezug auf Polen vielleicht im Jahr 1960. Die Verständigung, die Aussöhnung steht noch am Anfang.

    Solche sinistren Sachverhalte kehren wir gern unter den Teppich. Und es ist das Verdienst der Brüder Kaczynski, den Teppich gelüftet zu haben.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden. - Daneben steht auch die Kommentarfunktion des Blogs wie bisher zur Verfügung.

    15. März 2007

    Rückblick: Erika Steinbachs Meinung zur polnischen Regierung

    Erika Steinbach, die Vorsitzende des "Bundes der Vertriebenen" ist eine kluge und, wie mir scheint, auch unbeugsame Frau. Sie hat vor gut einer Woche darauf hingewiesen, daß in Polen politische Kräfte mitregieren, die bei uns durch die NPD und die DVU repräsentiert werden.

    Dafür hat sie Prügel bezogen. Sie beleidige die polnischen Regierungsparteien, hieß es.

    Daß der Historiker und ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski zuvor fast wörtlich dasselbe gesagt hat, störte da nicht. Quod licet Jovi, non licet bovi, so ähnlich habe ich meinen seinerzeitigen Kommentar überschrieben. Sehr frei übersetzt: Wenn zwei Dasselbe tun, ist es noch lange nicht Dasselbe.



    Nun also, unmittelbar vor der Polen- Reise der Kanzlerin, meldet sich Erika Steinbach noch einmal zu Wort und unterstreicht ihre Beurteilung der polnischen Regierungsparteien. In einem Interview mit der "Welt" sagte sie:
    Und das bildet schon ein sehr beunruhigendes Konglomerat. Derartige Positionen werden in Deutschland allenfalls von rechtsradikalen Parteien vertreten.
    Sie wiederholt also ihren - ja ganz und gar begründeten - Vergleich. Aber diesmal hat sie sich einen sehr geschickten Zug ausgedacht, die kluge Erika Steinbach:

    Sie stellt nicht die antideutsche Haltung dieser Parteien, nicht ihren muffigen Nationalismus in den Vordergrund, nicht die Art, wie diese Regierung die polnisch- deutsche Aussöhnung torpediert und in der Tradition der Kommunisten wieder auf die deutschen Vertriebenen losgeht.

    Das streift sie; aber ihr zentraler Vorwurf lautet im aktuellen Interview:
    In Polen regieren Parteien, von denen wichtige Funktionsträger gegen Homosexuelle wüten und behaupten, Juden unterschieden sich "biologisch" vom Rest der Menschheit (...).
    Und damit ist sie auf sicherem Grund, die geschickte Erika Steinbach. Die "Welt" überschreibt das Interview denn auch mit "In Polen wüten Parteien gegen Homosexuelle".

    Erika Steinbach hat ihre Meinung zu den polnischen Regierung sozusagen kritikfest gemacht, indem sie sie in den Mainstream der PC hat einmünden lassen.

    Was sie jetzt sagt, ist ja richtig: Es ist ein Skandal, wenn eine Regierung im demokratischen Europa homophobe und antisemitische Töne erklingen läßt.

    Nur: Mußte Erika Steinbach das wirklich betonen, damit man ihre Kritik an den polnischen Regierungsparteien nicht mit der Forderung nach einer Entschuldigung beantwortet; damit nicht eine Meisterdenkerin wie Claudia Roth sich abfällig über sie äußern kann?

    Kann man sich gegen diffamierende Kritik nur noch dadurch schützen, daß man sozusagen unter den Schirm dessen eilt, was die PC gegen Kritik schützt?