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18. Juli 2009

Marginalie: German angst? Das war einmal. La peur française! Wer fürchtet sich vor der Schweinegrippe?

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Es tut sich was in Deutschland.

Seit den siebziger Jahren, gipfelnd in der Zeit der rotgrünen Koalition, waren wir Deutschen ein Volk von Angsthasen. Wir wurden ganz dem Bild gerecht, das man im Englischen mit German angst verbindet.

Glykol im Wein, Maden im Fisch, Feinstaub in der Luft, verstrahlte Pilze aus Polen, kindermordende Kampfhunde, Leukämie verursachende AKWs - es vergingen kaum ein paar Monate, in denen nicht irgendeine German angst grassierte.

Und jetzt? Es scheint, daß wir unter der Ruhe und Kompetenz ausstrahlenden Kanzlerin zu einem gelassenen Volk geworden sind. Es ist ein wenig wie einst unter Konrad Adenauer. Der Alte wird's schon richten, das war damals die Grundstimmung.

Man sieht das beispielsweise daran, daß der Versuch der SPD, einen ungefährlichen Zwischenfall im KKW Krümmel zu einer Beinahe- Katastrophe aufzubauschen, auf nicht eben viel Resonanz gestoßen ist. Man sieht es daran, daß die Wirtschaftskrise bisher die allgemeine Stimmung nicht wirklich getrübt hat.



Und man sieht es an der Angst vor der Schweinegrippe. Oder vielmehr deren Abwesenheit.

Demoskopen haben - es ist heute im Nouvel Observateur zu lesen - in 19 Ländern der Erde dieselbe Frage gestellt: Wieviel Sorgen machen Sie sich wegen der Schweinegrippe?

Die Reaktionen waren extrem verschieden. Am meisten Sorgen ("besorgt oder sehr besorgt") machten sich die Chinesen (64%) und die Bolivianer (59%). In Europa macht man sich am wenigsten Sorgen in den Alpen: Schweiz 7%, Österreich gar nur 3%.

Wer ist Spitzenreiter in Europa? Frankreich, das Land der - so meinen wir es ja - gelassenen Rotwein- Trinker und Gitanes- Raucher; das Land des savoir vivre. 40% Prozent der Franzosen sind besorgt oder sehr besorgt.

Und wir Deutschen? Ganz so gelassen wie unsere schweizer und österreichischen Vettern sind wir noch nicht. Aber mit 14% doch schon recht nah dran.



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5. Dezember 2008

Zitat des Tages: Gesine Schwans "falsches Signal". Über multikulturelles Herumeiern

In einem Land, in dem überwiegend Deutsch gesprochen wird, ist es wichtig, dass alle Bewohner diese Sprache können. Das wird von niemandem in Zweifel gezogen. Dies im Grundgesetz zu verankern, sendet aber ein falsches Signal.

Die Präsidentschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan, gestern in einem Interview mit "Spiegel- Online".

Kommentar: Auch nach längerem Nachdenken habe ich die Logik dieser Argumentation nicht verstanden. Wenn es wichtig ist, daß alle "Bewohner" (vulgo Bürger) Deutschlands dieselbe Sprache sprechen, eben die Landessprache, was ist dann falsch daran, dies auch im Grundgesetz zu verankern?

Warum dies nach ihrer Meinung das "falsche Signal" wäre, erläutert Frau Schwan so: "Es vermittelt ein Bild von Deutschland, in dem das Deutsche alleinverbindlich ist und alles Andere sich in eine homogene Mehrheitsgesellschaft einpassen muss."

Ja, natürlich ist das Deutsche alleinverbindlich; das hat doch Frau Schwan gerade gesagt. Aber wieso muß "alles andere sich in eine homogene Mehrheitsgesellschaft einpassen", wenn es eine für alle verbindliche, gemeinsame Sprache gibt? Niemand soll doch daran gehindert werden, auch noch Englisch, Türkisch oder vielleicht Esperanto zu sprechen.

Frau Schwan eiert herum.

Wenn sie dafür ist, daß Deutsch in Deutschland die für alle verbindliche Landessprache ist, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, dies nicht auch im Grundgesetz so zu sagen.

Wenn dies andererseits ein "falsches Signal" ist - was zu signalieren wäre dann nach Ansicht von Frau Schwan richtig? Offenbar doch, daß Deutschland sich nicht nur zu einer multikulturellen, sondern auch zu einer mehrsprachigen Gesellschaft entwickeln soll.

Wie sehr Frau Schwan herumeiert, zeigen ihre Beispiele. Sie erwähnt die Schweiz - aber deren Mehrsprachigkeit basiert ja nicht auf Einwanderung, sondern auf dem Zusammenschluß von Kantonen mit verschiedenen Landessprachen. Sie erwähnt, daß Polen und Dänemark im Grenzgebiet mehrsprachige Schilder aufstellen. Was das mit der Frage der Festlegung der Landessprache zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Es ist doch wohl mehr ein Service für Besucher aus dem Nachbarland.



Der "Verein deutsche Sprache" hat die einschlägigen Verfassungsbestimmungen anderer Länder zum Herunterladen zusammengestellt. Sehen wir nur unsere Nachbarländer an:
  • In Frankreich steht ganz oben in der Verfassung, nämlich bereits in deren zweitem Artikel: "Die Sprache der Republik ist Französisch".

  • In der Schweiz heißt es in der Bundesverfassung, Artikel 70: "Die Amtssprachen des Bundes sind Deutsch, Französisch und Italienisch."

  • In Österreich bestimmt der Artikel 8 des Bundes- Verfassungsgesetzes: "Die deutsche Sprache ist, unbeschadet der den sprachlichen Minderheiten bundesgesetzlich eingeräumten Rechte, die Staatssprache der Republik."

  • Der Artikel 27 der Verfasssung Polens besagt: "In der Republik Polen ist die polnische Sprache die Amtssprache. Diese Vorschrift verletzt nicht Rechte der nationalen Minderheiten, die sich aus ratifizierten völkerrechtlichen Verträgen ergeben."
  • Nun könnte man argumentieren, es gebe da halt Unterschiede zwischen den Verfassungen, in unserer stehe die Amtssprache nun einmal nicht, und es gebe doch keinen Anlaß, diesen Zustand fast sechzig Jahre nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes plötzlich zu ändern.

    Es gibt ihn aber. Es gibt in Deutschland eine türkisch- sprachigen Bevölkerung, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung infolge unterschiedlicher Geburtenraten und aufgrund des Familien- Nachzugs weiter zunehmen wird. Es ist keineswegs abwegig, daß dieser Teil der Bevölkerung irgendwann den Anspruch erheben wird, Türkisch zu einer zweiten Amts-, wenn nicht Landessprache zu machen.

    Noch ist das nicht der Fall. Es ist jetzt also noch möglich, dem einen Riegel vorzuschieben, ohne daß es zu einem gesellschaftlichen Konflikt kommt. Wird diese Forderung erst einmal erhoben, dann wird ihre Ablehnung hingegen zu einer Konfliktsituation führen.



    Das wird offenbar auch in anderen Ländern so gesehen. In den Niederlanden, in Schweden und den USA - also in drei ausgeprägt liberalen, demokratischen Ländern - gab oder gibt es aktuelle Bestrebungen, die Landessprache offiziell und verbindlich festzulegen.

    In den USA - so ist es der Zusammenstellung des "Vereins deutsche Sprache" zu entnehmen - hat am 19. Mai 2006 der Senat mit 63 zu 34 Stimmen Englisch als die Landessprache festgelegt. In den Niederlanden ist die Festlegung von Niederländisch als Landessprache ein Inhalt des Koalitionsvertrags vom März 2007. In Schweden ist eine Regierungs- Kommission unter Vorsitz von Bengt- Ake Nilsson mit dieser Frage befaßt.

    In den USA war bisher Englisch als Landessprache nicht gefährdet; inzwischen ist es dies durch Spanisch. Auch die Niederlande und Schweden sind Länder mit einer hohen Einwanderung, in denen sich wie in Deutschland das Problem der Landessprache zwar nicht aktuell stellt, aber langfristig stellen könnte.



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    5. April 2008

    Zitat des Tages: Kopf ab! Über die Schweizer Konkordanz- Demokratie

    Ragt niemand aus dem Konsens der Konkordanz- Demokratie, kommt das Land nicht vorwärts. Denn diese neigt zur Selbstgenügsamkeit. Wer aber darüber hinausragt, dem wird der Kopf abgehauen. Aber trotzdem gibt es immer wieder solche, die das auf sich nehmen. Bei uns ist gewissermaßen das Volk die Opposition. Mit dem Referendum hat es die Möglichkeit, zu opponieren, nein zu sagen.

    Der Schweizer Politiker Christoph Blocher von der konservativen SVP in einem sehr lesenswerten Interview mit Jürgen Dunsch, Alexander Kissler und Richard Wagner von der FAZ.

    Kommentar: Zu Christoph Blocher und dem politischen System der Schweiz überhaupt möchte ich auf den Gastkommentar von Manfred Messmer hinweisen, aus dem ich mehr über die Schweiz gelernt habe als aus den deutschen Medien in Jahrzehnten.

    Und zu dem Unfug, Blocher als "Rechtspopulist" in dieselbe Schublade zu packen wie zum Beispiel den Franzosen Jean-Marie Le Pen mit seiner "Nationalen Front" siehe diesen Thread in "Zettels kleinem Zimmer", vor allem den erhellenden Beitrag von Augustin.

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    19. Dezember 2007

    Marginalie: Der informationsfreundliche Kanton Aargau und die Nervensäge Ulla Jelpke

    Geht es Ihnen auch so? Seit der Sache mit dem Ex- Bundesrat Blocher interessiere ich mich mehr für die politischen Dinge in der Schweiz als zuvor, als dieses Land mein politisches Interesse ungefähr so sehr genoß wie Hillary Clinton mein erotisches.

    Also, ich lese jetzt in Manfred Messmers "Arlesheim Reloaded" nicht nur die sozusagen überschweizerischen Artikel, sondern auch schon einmal den einen oder anderen Beitrag aus der und über die Schweiz. So heute etwas aus dem Kanton Aargau: Dieser weist seit 2001, so lesen wir, "bei jedem parlamentarischen Vorstoss die Kosten aus, welche die jeweilige Anfrage verursacht hat".

    Eine glänzende Idee! Denn bei uns gilt es ja nachgerade als Ausweis der Tüchtigkeit eines Abgeordneten, möglichst viele - oft unnötige, sehr oft nur zwecks Agitprop gestellte - Kleine und Große Anfragen und Einzelanfragen zu formulieren. Die die Ministerial- Bürokratie in Trab setzen, die unser Steuergeld verschwenden.

    Oft hätte es auch ein Telefonanruf getan, meint Manfred Messmer. Ja, gewiß, was den Informationshunger des betreffenden Abgeordneten angeht. Aber natürlich nicht, was die beabsichtigte Agitprop betrifft.

    Den Begriff "Agitprop" verwende ich mit Bedacht. Denn kaum jemand ist im Bundestag so sehr mit Parlamentarischen Anfragen zugange wie die Grünen und die Kommunisten.

    Die Zahl der Anfragen im Bundestag stieg von 907 in der ersten Legislatur- Periode 1949-1953 bis auf mehr als 20.000 seit der Legislatur- Periode 1976-1980. In der Legislatur- Periode 1994-1998 lag sie bei 156 Großen Anfragen, 2070 Kleinen Anfragen und 18.446 Einzelanfragen. Zur Halbzeit dieser Legislatur- Periode zog damals die "Welt" eine Zwischenbilanz:
    Absolute Rekordhalter sind Bündnis 90/Die Grünen und PDS. 90 Prozent der Fragensammlungen gehen auf ihr Konto. (...)

    So wollte der Grünen- Abgeordnete Volker Beck in gleich zwei Vorgängen mit jeweils neun Fragen von der Bundesregierung wissen, wie es mit der "Verfolgung von Schwulen und Lesben" in Rumänien und in El Salvador steht. Fünf Fragen mit mehr als zehn Unterpunkten stellte Beck später angesichts der "Besorgnis über die Menschenrechte von Schwulen und Lesben in Simbabwe". (...)

    Die PDS-Abgeordnete Ulla Jelpke und ihre Gruppe verlangen regelmäßig Auskunft über vermeintlich rechtsextremistische Tendenzen. [Deren] Formulierungen (...) werden in der Bundesregierung als Versuch gesehen, schon über die Veröffentlichung der Frage als Bundestagsdrucksache Politik zu machen.
    So ist es. Kein Wunder, daß die seinerzeitige PDS- Abgeordnete Ulla Jelpke "stolz" ist, "als Parlamentarierin die meisten Anfragen gestellt zu haben: 'Ich war die Nervensäge des Innenministeriums.'" So berichtete es die "taz" am Ende der vergangenen Legislaturperiode.

    Könnte man - könnte zum Beispiel der "Bund der Steuerzahler" - dem Publikum mitteilen, wieviele Euro wir denn für diesen Fleiß der Abgeordneten Jelpke berappen mußten - wer weiß, vielleicht würde der Säge dann, wenn man mir den Kalauer verzeiht, ein paar Zacken aus der Krone fallen.

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    15. Dezember 2007

    Der Aufstieg des Christoph Blocher und sein Hintergrund. Ein Gastkommentar von Manfred Messmer

    Am Tag drei nach dem demokratischen Putsch der Vereinigten Bundesversammlung (Stände- und Nationalrat der Schweiz) gegen Bundesrat Blocher und die SVP ist die Konfusion über das so noch nie Dagewesene noch gross.

    Überrascht waren alle über die Abwahl Herrn Blochers, am meisten diejenigen, welche das Ganze inszeniert hatten. Und wenn man die jubelnden Parlamentarier nach der Bekanntgabe des Resultats am Bildschirm sah, wie sie sich in die Arme fielen, fühlte man sich an eine dieser Friedensdemos erinnert. Endlich musste man sich nicht auf das Aushängen von bunten Fahnen und das Aufstellen von Lichterketten in kalter Nacht beschränken - nein, hier hatten die Guten den Bösen gestürzt.

    Soviel zur Gefühlsduselei, die hier im Spiel war. Die SVP und Herr Blocher haben sich in den 90er Jahren aufgemacht, das politische System der Schweiz grundlegend zu verändern. So lautet die gängige Rede, und das glauben auch viele in der SVP.

    Doch ich bezweifle, dass diese Partei, respektive deren geistiger Übervater Blocher, tatsächlich solches alleine, ohne Zeitumstände, überhaupt zustande brächten. Bekanntlich sind politische Grosswetterlagen so unberechenbar wie das Weltklima.

    Seien wir deshalb zumindest in "Zettels Raum" ehrlich: Niemand hat derzeit nichts in der Hand. Wer heute siegt, ist morgen der Verlierer. Kleinste Veränderungen an einem unbedeutenden Gesetzesentwurf schlagen an unbeachteter Stelle hohe Wellen. Oder anders gesagt: Politik ist ein Mikadospiel.



    Will man die schweizerische Politik verstehen, muss man etwas tiefer eintauchen in die Volksseele der Alpenrepublik und zunächst lernen, dass es so etwas wie die Schweiz gar nicht gibt. Das Land trat ja 1992 auf der Weltausstellung in Barcelona sinnigerweise mit dem Slogan „La Suisse n’éxiste pas“ an, was den Machern nicht zuletzt von den Bannerträger der SVP, die sich damals unter der Führung eines gewissen Herrn Blocher aufmachten, die politische Landschaft umzukrempeln, harsche Kritik eintrug.

    Die Schweiz ist eine Willensnation. Deshalb heisst sie auch offiziell "Schweizerische Eidgenossenschaft". Und nicht nur so, sondern gleichwertig auch noch so: "Confédération Suisse", "Confederazione Svizzera", "Confederaziun Svizra". Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sind die offiziellen Amtssprachen, die in den zur Schweiz zusammengeschlossenen 26 Kantonen - die Grenzen wurden 1848 vom Wiener Kongress gezogen - gesprochen werden. Seither gilt auch die immerwährende bewaffnete Neutralität.

    Doch die deutsche Bezeichnung des Landes trifft den Kern der Schweiz weit besser als der Begriff „Konföderation“ (Zusammenschluss selbständiger Einheiten) in den lateinischen Sprachen. Genossenschaft - das ist Freiwilligkeitsprinzip und Selbstverantwortung sui generis. Und auf das Hochhalten dieser Prinzipien wird der Eid, der Schwur geleistet, seit 1291. Das ist der zentrale Mythos der Schweiz, der schweizerisch bescheiden von einer Wiese verkörpert wird, wo im Sommer Kühe weiden und im Winter Ruhe einkehrt, dem Rütli.

    26 Kantone (Gliedstaaten), das bedeutet 26 Schulsysteme, 26 Bauverordnungen, 26 Steuersysteme, 26 Regierungen und Verwaltungen, 26 Polizeicorps, 26 Rechtssysteme, 26 Parlamente, 26 Gesundheitswesen und so weiter und so fort.

    Und bis hinein in die 60er Jahre, als die Schweiz mit 600.000 Mann noch über eine der grössten Armeen der Welt verfügte, gab es noch kantonale Regimenter und Truppen. Das war die "Armee'61", und die Jahreszahl besagt auch, dass die Schweizer Armee ihre Blüte erreichte, als die eine Hälfte der Schweiz, nämlich die Frauen, weder das Stimm- noch das Wahlrecht hatte; und dies weder in den Gemeinden, noch in den Kantonen, und schon gar nicht auf nationaler Ebene.



    Und damit sind wir beim Kernpunkt des vielbeschworenen schweizerischen Konkordanzsystems angelangt. Das System beruhte auf einer männlichen Bevölkerung, die im Alter von 20 bis über 50 (Offiziere) Militärdienst zu leisten hatte; auf in militärischen Wiederholungskursen konditionierten Männern, denen jährlich Gehorsam eingeimpft wurde. Auf Männern, die, so justiert an die Regeln des Oben und Unten, politische Entscheidungen fällten.

    Männer, die daran glaubten, daß der da vorne, der im Militär die Befehle gab und im Alltag die Lohntüte, es schon richten werde. Damals wurde die Parteizugehörigkeit vom Vater auf den Sohn vererbt.

    Eine typische Schweizer Karriere bestand bis in die 80er Jahre aus dem Dreiklang von Militär, Wirtschaft und Politik. So sassen denn die Chefs grosser Versicherungskonzerne für die damals staatstragende FDP im Nationalrat und führten als Milizoffiziere Regimenter oder trafen sich in Generalstabskursen. So ein strammer Schweizer Mann war so sein halbes Leben mit den Kollegen seines Jahrgangs und seines Kantons über das Militär verbunden.

    Karrieren in der Privatwirtschaft wurden ebenso im jährlichen Wiederholungskurs oder in Generalstabsübungen entschieden wie die Preise fürs Bier oder die Autoversicherung. Und es war selbstverständlich, dass der Milizoffizier nicht nur für den jährlichen Militärdienst freigestellt wurde (unter Lohnfortzahlung), sondern dass er in grösseren Unternehmen und bei höheren Rängen auch auf ein Sekretariat in der Firma zurückgreifen konnte. Gleiches galt auch für Milizparlamentarier.

    Die Schweizer Wirtschaft wurde durch Kartelle geprägt, was sich noch heute in den hohen Preisen gegenüber dem Ausland auswirkt. Wer vom Bund eine Einfuhrbewilligung für den Import von italienischer Salami bekam (das ist kein Witz), erhielt so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken. Der Streit über den freien Import von Wein dauerte Jahre.

    Das alles ging den Rhein runter, als Ende der achtziger Jahre die Berliner Mauer fiel, als damit der Schweiz der Feind im Osten abhanden kam und den Europäern und Amerikanern das Interesse an der Schweiz verloren ging. Im November '89 war auch für die Schweiz der Zweite Weltkrieg zu Ende.

    Die 90er Jahren waren denn auch geprägt, von einem wirtschaftlichen Niedergang, hohen Staatsdefiziten, von Arbeitslosigkeit (seit den dreissiger Jahren nicht mehr erlebt) und dem Schleifen der Kartelle. Mit dem Einzug der Marktwirtschaft wurde die Armee verkleinert, wurden Offiziers- und Politkarrieren in den Unternehmen nicht mehr unterstützt. Ausländische Chief Executive Officers hatten kein Verständnis dafür, wenn Kaderleute für Wochen nicht verfügbar waren.



    Zu jener Zeit begann der Aufstieg des Christoph Blocher, Chef und Besitzer der Ems- Chemie und selbstverständlich Regimentskommandant, der sich aus eigener Kraft von ziemlich unten nach ganz oben gekrampft (schweizerisch für „schwer arbeitend“) hatte. Und das ist nun einer der vielen Widersprüche dieses Mannes: Er verkörpert noch immer diesen Typus des „Armee’61“- Schweizers und ist gleichzeitig mit seinem am modernen Management orientierten Politstil, seinem unbändigen Willen zur Veränderung einer der zeitgeistigsten Politiker der Schweiz.

    Mit ihren Marketingmethoden, die jeder Product Manager im Schlaf herunter singen kann, hat die Partei in den Oktober- Wahlen dreissig Prozent der Wählerstimmen geholt, mehr als jemals eine Partei zuvor. Wir haben es überdies mit einer völlig neuen Medienwelt zu tun. Statt verschlafener Parteiblätter, wie früher, ist Instant Messaging angesagt. Die SVP ist die bislang einzige Partei, welche die volle Klaviatur der sich in einem rasanten Wandel befindlichen Medienwelt beherrscht. Sie ist die einzige Partei, die sich als Kommunikations- Unternehmen begreift.

    Es sind überraschenderweise die Links- Fortschrittlichen, die konservativ verbunkert an der Schweiz der Armee’61, am Konkordanzsystem, das in den 50ern des letzten Jahrhunderts zementiert und erstmals vor vier Jahren zugunsten der SVP etwas verändert wurde, festhalten wollen. Und es ist der Armee’61- Verkörperer Blocher, der genau dieses System für überlebt deklariert und zu einem System von Regierung und Opposition wie in anderen Ländern auch finden will.

    Er ist zudem ein vehementer Hüter der Volksrechte, was für ihn der zentrale Grund dafür ist, gegen den Beitritt der Schweiz in die EU zu kämpfen, während die derzeit jubelnden Hüter der Konkordanz am liebsten schon morgen der Union beitreten und dafür auch "gewisse Volksrechte" preisgeben würden. Wenn Blocher von "Volk" redet, dann begreift er dies nicht "völkisch", sondern basisdemokratisch.

    Natürlich ist es so, dass Herr Blocher über ein gerüttelt Mass an Ego verfügt. Da steht er einem Herrn Mitterand, einem Herrn Schröder, einer Frau Thatcher in nichts nach. Die Letztere und Winston Churchill sind denn auch seine Leuchttürme. Dass die Schweiz aus einem altem Gessler- Reflex heraus keine überragenden Figuren mag, den Diminuitiv nicht nur in der Sprache hätschelt, muss man hinnehmen. Auch das hat sich über die Jahrhunderte eigentlich bewährt. Herr Blocher hat mit dem Diminuitiv, besonders was seine Person anbelangt, nichts am Hut.



    Wie geht es nun weiter? Es wird zwar viel vermutet, aber eigentlich weiss das derzeit kein Mensch.

    "Die vermeintlichen Retter der Konkordanz wirkten deshalb schon am Tag nach dem Verdikt gegen Blocher ziemlich weltfremd, als sie nach dem Modus Vivendi mit einer SVP in der Opposition gefragt wurden. Wenn diese Sozialromantiker glauben, es seien neue Mehrheiten ohne die SVP denkbar, wenn nur die Linke auf Steuererhöhungen verzichte und die Mitte im Gegenzug keinen 'Steuer- und Sozialabbau' mehr betreibe, machen sie ihre Rechnung ohne das Volk, die wahre Opposition in der Schweiz. Denn mit solcher Politik wäre man rasch wieder bei der Larifari-Politik der neunziger Jahre mit ihren Schuldenbergen“, schreibt heute die NZZ in einem Leitartikel.

    Das Verdienst von Herrn Blocher ist, dass er diese Larifari- Politik beendet hat. Und weil man ihn zwar aus der Regierung entfernt hat, aber nicht aus der Politik, wird der politische interessierte Schweizer auch weiterhin auf Trab gehalten werden. Die Parteien melden steigende Mitgliederzahlen.

    Manfred Messmer ist ein Schweizer Journalist und Gründer der Agentur messmerpartner, dessen Blog Arlesheim Reloaded. Mäuse schultern Elefanten immer lesenswert ist. Ich habe ihn um diesen Gastkommentar gebeten - als kompetente Ergänzung zu der Diskussion, die mein Artikel zur aktuellen Entwicklung in der Schweiz ausgelöst hat. - Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    13. Dezember 2007

    Randbemerkung: Wird die Schweiz jetzt normal?

    Zugegeben, das ist etwas flapsig formuliert. Wahrscheinlich werden die Schweizer unter den Lesern dieses Blogs den Kopf schütteln, wenn sie es lesen.

    Aber schauen Sie, liebe Schweizer, dann geht es Ihnen nicht anders, als es mir über die Jahrzehnte gegangen ist.



    Seit ich begonnen habe, meine Nase in Zeitungen und Zeitschriften zu stecken, ist mir die Schweiz als nicht nur das Mutterland der Demokratie erschienen, sondern als deren Tochter, Enkelin, Urenkelin dazu.

    Allerdings mit einer Ausnahme. Über die ich sehr oft den Kopf geschüttelt habe.


    Vorbildlich ist, so sehe ich es bis heute, der Föderalismus, der wirklich einer ist. Wie in den USA, aber wie in der Bundesrepublik nicht so ganz. Vorbildlich insbesondere das Subsidiaritätsprinzip, das den Kantonen, den Gemeinden viel Freiheit läßt, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln.

    Vorbildlich ist vielleicht auch die direkte Demokratie der Initiativen und Referenden, gar der Landsgemeinden in einigen Kantonen, bei denen sich die Bürger leibhaftig versammeln, um politische Entscheidungen zu treffen.

    "Vielleicht" deshalb, weil ich meine Zweifel an der Weisheit der direkten Demokratie habe, die in der Regel dazu führt, daß eine politisch aktive Minderheit die Entscheidungen trifft. Aber in der Schweiz scheint sie ja ganz gut zu funktionieren, die direkte Demokratie. Vorbildlich also, sagen wir, - für die Schweiz.



    So weit, so gut. Aber da gibt - nein, gab! - es nun auch noch - und zwar seit fast einem halben Jahrhundert - etwas, das mir ganz und gar nicht vorbildlich vorkommt: Die Zauberformel. Und dahinter, mit einer noch längeren Tradition, das Prinzip der Konkordanz.

    Seit 1959 ist es in der Schweiz, nein nicht Gesetz, aber Usus, daß alle großen Parteien an der Regierung sind - nicht nacheinander, wie anderswo, sondern zugleich!

    Sie bilden eine Art Riesengroße Koalition.

    Die Ministerien werden nach der Zauberformel - einem Ämter- Schlüssel - verteilt, und dann wird bei jeder Entscheidung nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht; das ist das Prinzip der Konkordanz. Es hat in der Schweiz Tradition seit gut hundert Jahren, als man politische Konflikte dadurch zu lösen begann, daß alle einmal mitregieren durften.



    Das blieb so bist gestern. Die Linken von der SP und die Rechtspopulisten von der SVP bekämpften sich zwar lautstark, aber sie saßen gemeinsam im Bundesrat, wie in der Schweiz die Regierung heißt. So sollte es eigentlich auch nach den letzten Wahlen weitergehen; same procedure als last year, same procedure als every year.

    Aber seit gestern ist das Geschichte. Denn gestern wurde Christoph Blocher von der SVP bei der, wie das in der Schweiz heißt, "Gesamterneuerungswahl des Bundesrates" nicht als Justizminister (Bundesrat) wiedergewählt. Daraufhin ging seine Partei in die Opposition, auch wenn ihr Mitglied Frau Widmer- Schlumpf sich an Blochers Statt zur Bundesrätin wählen ließ.



    Und?

    Ich habe heute Nachmittag in SF1 einen längeren Ausschnitt aus der Erklärung Blochers vor der Vereinigten Bundesversammlung (Nationalrat und Ständerat) gehört. Er sagte - ich zitiere das jetzt nach der NZZ - :
    Es sei die Rede gewesen von Konkordanz, Kollegialität, Amtsgeheimnis - "sehr oft, um viel Dreck und Dinge zuzudecken, die niemand sehen durfte".
    Seien Sie mir bitte nicht böse, liebe Leser in der Schweiz - aber genauso hat sich der Kleine Moritz in mir immer diese Schweizer Regierungsform vorgestellt.

    Wie kann es denn anders sein, wenn es keine starke Opposition gibt? Wie kann es anders sein, als daß alles Wichtige hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wird, daß man einen mehr oder weniger faulen Kompromiß findet, den dann alle nach außen "mittragen", ohne sich noch zu streiten?

    Kollegialität eben. Kein funktionierendes Gremium trägt seine Konflikte nach außen. Konkordanz eben; Gegensätze werden unter den Teppich gekehrt. Und das Amtsgeheimnis - wenn jemand geneigt sein sollte, doch an die Öffentlichkeit zu gehen, dann verhindert das dieses Amtsgeheimnis.



    Liebe Schweizer, ich gratuliere Ihnen, daß Sie jetzt eine ernst zu nehmende Opposition im Parlament haben. Ich beglückwünsche Sie dazu, daß es jetzt eine starke Fraktion im Nationalrat gibt, die ihre Aufgabe darin sehen wird, nicht mitzuregieren, sondern der Regierung auf die Finger zu sehen und, falls sie kann, auch auf diese zu klopfen.

    Daß es nun ausgerechnet Blochers Rechtspopulisten sind - nein, das hätte vielleicht nicht sein müssen.

    Es ist nicht schön, daß gerade die Schweiz, das Mutterland der Demokratie, eine so starke rechtspopulistische Bewegung hat; so stark, daß sie jetzt die Rolle einer potenten Opposition übernehmen kann.

    Aber, liebe Schweizer - gibt es diese starke rechtspopulistische Bewegung nicht möglicherweise just deshalb, weil bisher die Zauberformel, weil das Prinzip der Konkordanz alle relevanten politischen Kräfte in eine unredliche Gemeinsamkeit gezwungen hat?

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