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4. September 2009

Marginalie: Ist Ihnen bei den Feierlichkeiten am 1. September in Danzig etwas aufgefallen?

Ich muß zugeben, daß es mir nicht aufgefallen ist.

Dabei habe ich die Übertragung der Feierlichkeiten zum Gedenken an den 1. September 1939 größtenteils verfolgt. Mich interessierte insbesondere das Auftreten Putins angesichts der russischen Beteiligung am Überfall auf Polen, mit der ich mich an diesem Tag in einem Artikel befaßt hatte; siehe Der "deutsche Überfall auf Polen" vor siebzig Jahren war ein deutsch-sowjetischer Angriffskrieg; ZR vom 1.9.2009.

Die Übertragung des Senders "Phoenix" zeigte Bilder, wie man sie von solchen Ereignissen inzwischen kennt:

Die Zeremonien sind stets im Freien, und zwar verteilt auf mehrere Stellen innerhalb des Geländes, auf dem sich die Feierlichkeiten abspielen. Es gibt einen Ort, wo das Militär Aufstellung genommen hat, wo die Ansprachen gehalten werden. Und es gibt einen anderen Ort, wo die Gesten der Versöhnung stattinden; ein Mahnmal, eine Gedenkstätte, dergleichen.

Zwischen den beiden Orten werden die Würdenträger nicht gefahren, sondern sie gehen zu Fuß. Es bilden sich Gruppen. Man kann beobachten, wer sich zu wem gesellt, wer sich wem widmet. In Buchenwald war das recht interessant, was Barack Obama und Angela Merkal anbetraf; siehe Obama zeigt Merkel die kalte Schulter; ZR vom 5.6.2009.

Und auf der Westerplatte bei Danzig? Da sah man, wie sich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk niemandem so aufmerksam widmete wie Angela Merkel. Man sah, wie sich beide dann zu Putin begaben und mit ihm redeten.

Später, als man auf der Tribüne saß, hatte Merkel zwischen Tusk und Putin Platz genommen. Auch der französische Regierungschef Fillon hatte seinen Platz in der Nähe, die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, der niederländische Ministerpräsidenten Balkenende. Auf der Tribüne saßen, wie man zum Beispiel hier lesen kann, unter anderem auch die Regierungschefs von Schweden, Finnland, Slowenien, Kroatien und Bulgarien. Insgesamt zwanzig Länder waren durch die Chefs ihrer Regierungen vertreten.



Fällt Ihnen jetzt etwas auf?

Genau. Da fehlte doch einer. Da fehlte Barack Obama.

Nun gut, Obama ist ein vielbeschäftigter Mann. Aber wenigstens seinen Vize Joe Biden, Spezialist für Außenpolitik, hätte er doch schicken können, nicht wahr? Und falls dieser auch gerade ganz dringend verhindert gewesen sein sollte, dann doch allermindestens die Außenministerin Hillary Clinton.

Der Vertreter der USA auf dieser Gedenkfeier zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war James L. Jones.

James L. wer? Jones. Seines Zeichens General der US- Streitkräfte und Sicherheitsberater des Präsidenten.

"Shame on you, Mr. Obama" kommentierte das der Chefredakteur der polnischen Zeitung Warsaw Business Journal, Andrew Kuneth. Obama solle sich schämen:
... this leaves one wondering about where Poland's supposedly close partnership with the United States stands in all of this. US President Barack Obama was not present at the ceremonies marking the 70th anniversary of the outbreak of World War II, a huge and regrettable snub for one of the US's closest allies.

... man fragt sich, wo die angeblich enge Partnerschaft Polens mit den Vereinigten Staaten bei alledem eigentlich steht. Der amerikanische Präsident Barack Obama fehlte bei den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestags des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, ein gewaltiger und bedauerlicher Affront gegen einen der engsten Verbündeten der USA.
Eine gute Frage ist das, wo die Partnerschaft zwischen den USA und Polen eigentlich steht. Kuneth weist auf die Gerüchte hin, die USA würden auf die Aufstellung des Raketen- Abwehrsystems verzichten. Man frage sich in Warschau allmählich, ob man in die Allianz mit den USA nicht mehr investiere, als man zurückbekomme.



In der Diplomatie ist es stets ein wichtiges Signal, auf welcher Ebene ein Land auf einer Konferenz, einer Feier und dergleichen vertreten wird. Schon bei einem Staatsbesuch zählt es, wer den Gast am Flughafen begrüßt. Das signalisiert, wie wichtig man das jeweilige Ereignis nimmt.

Daß Präsident Obama zu dieser für Polen so immens wichtigen Gedenkfeier noch nicht einmal ein Kabinettsmitglied schickte, signalisierte mit nicht zu überbietender Deutlichkeit eines: Desinteresse.

Was könnte ein Desinteresse der USA an Polen motivieren? Vielleicht das sehr große Interesse, das Rußland an Polen zeigt. Es sieht immer weniger danach aus, daß die USA diesem Interesse Rußlands - überhaupt seinem Interesse an der Region, die einmal der Sowjetblock war - im Wege stehen wollen.

In welcher Rolle sich Putin das einstige Satellitenland Polen wünschen dürfte, das hat unlängst George Friedman in einer Analyse der russischen Außenpolitik untersucht. Rußland wolle die Ukraine und Georgien zurück unter seinen Einfluß bringen, schreibt er, und fährt fort:
Russia remains interested in Central Europe as well. It is not seeking hegemony, but a neutral buffer zone between Germany in particular and the former Soviet Union, with former satellite states like Poland of crucial importance to Moscow.

Ebenfalls bleibt Rußland an Mitteleuropa interessiert. Es sucht keine Hegemonie, sondern eine neutrale Pufferzone zwischen insbesondere Deutschland und der früheren Sowjetunion. Von zentraler Bedeutung für Rußland sind dabei frühere Satellitenländer wie Polen.
Dabei werden die USA, so darf man das Signal Obamas wohl verstehen, Rußland keinen Stein in den Weg legen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Gorgasal.

1. September 2009

Der "deutsche Überfall auf Polen" vor siebzig Jahren war ein deutsch-sowjetischer Angriffskrieg

Heute jährt sich zum 70. Mal das Ereignis, das meist als der "deutsche Überfall auf Polen" bezeichnet wird. Diese Bezeichnung ist historisch nicht korrekt, zumindest unvollständig.

Sie ist so wenig korrekt wie die Schlagzeile "Ein Einbrecher drang in ein Wohnhaus ein", wenn es in Wahrheit zwei Einbrecher gewesen sind. Der eine stieg freilich als erster ein, und der andere folgte etwas später. Geplant hatten sie den Einbruch gemeinsam, und gemeinsam führten sie ihn aus.

Hitler verkündete den Krieg gegen Polen mit dem berühmten (und falschen) Satz: "Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen". Weniger allgemein bekannt als dieser Satz ist der Kontext, in den Hitler ihn in seiner Reichtstagsrede vom 1. September 1939 stellte: Unmittelbar vor der Passage über den Einmarsch deutscher Truppen nach Polen teilte Hitler mit, daß Deutschland mit der Sowjetunion einen Pakt geschlossen hätte, der "vor allem sicherstellt, daß sich die Kräfte dieser beiden großen Staaten nicht gegeneinander verbrauchen". Dieser Pakt, so Hitler, hätte am Tag zuvor "die höchste Ratifikation in Moskau und auch in Berlin erfahren".

Insofern spielte Hitler also mit offenen Karten. Vermutlich wollte er seinen deutschen Zuhörern die Sorge nehmen, der Überfall auf Polen könne der Beginn eines großen Kriegs gegen Rußland sein. Jedenfalls erwähnte er ausdrücklich, daß der Pakt "für alle Zukunft jede Gewaltanwendung ausschließt". Dies sei "eine ungeheure Wende für die Zukunft". Einen weiteren Krieg zwischen Deutschland und Rußland werde es nicht geben.



Was Hitler selbstverständlich nicht erwähnte, das war das Geheime Zusatzprotokoll zu dem Pakt, den Ribbentrop und Molotow unterzeichnet hatten. Es sah die Zerlegung Osteuropas in eine deutsche und eine sowjetische Einflußzone und die Aufteilung Polens unter den beiden Ländern vor.

Die Grenzen, auf die man sich geeinigt hatte, sehen Sie auf der linken Karte. Die rechte zeigt, wie die Aufteilung dann tatsächlich erfolgte (für eine vergrößerte Ansicht auf das Bild klicken):



Warum griff die UdSSR Polen nicht zugleich mit Deutschland an, sondern erst gut zwei Wochen später? Vermutlich gab es mehrere Gründe für die Verzögerung des sowjetischen Anteils an der gemeinsamen Invasion:

Die Sowjets waren in einen Grenzkonflikt mit Japan verwickelt. Sie brauchten außerdem Zeit für die Mobilisierung der Roten Armee. Drittens sahen sie - so hat es Molotow dem deutschen Botschafter von der Schulenburg erläutert - auch propagandistische Vorteile in der Verzögerung: Die Sowjets konnten ihr Eingreifen so damit begründen, daß der polnische Staat infolge der deutschen Invasion zerfalle und sie ihre dort lebenden Bürger schützen müßten. Ein weiterer Grund könnte gewesen sein, daß Stalin erst einmal abwarten wollte, wie die Westmächte auf den Kriegsbeginn reagieren würden.

Am 17. September marschierten die Sowjets mit einem massiven Truppenkontingent in Polen ein, das auf 450.000 bis eine Million Mann geschätzt wird. Die schwachen an der Ostgrenze stehenden polnische Truppen leisteten zunächst heftige Gegenwehr, hatten aber gegen die Invasoren keine Chance. Der polnische Oberbefehlshaber Edward Rydz- Śmigły, der zunächst den Widerstand befohlen hatte, ordnete daraufhin den Rückzug an. Dennoch gerieten zahlreiche polnische Soldaten in sowjetische Gefangenschaft (die Zahl wird mit zwischen 230.000 und 452.500 angegeben), von denen ein Teil allerdings bald wieder freigelassen wurde.

Die Sowjetunion annektierte das eroberte polnische Gebiet. Dessen 13,5 Millionen Einwohner wurden Sowjetbürger. Fortbestehender Widerstand wurde durch Exekutionen und Deportationen gebrochen. In vier Wellen der Deportation wurden zwischen 1939 und 1941 nach einer neueren Schätzung 320.000 Menschen nach Sibirien und in andere entfernte Teile der UdSSR verschleppt.

Die Gesamtzahl der Opfer der sowjetischen Annexion Ostpolens ließ sich bisher nicht eindeutig ermitteln. Eine aktuelle Schätzung nennt 150.000 Opfer; andere Schätzungen liegen weit höher.

Am Bekanntesten wurde das Massaker von Katyn, bei dem die Sowjets rund 22.000 Angehörige der polnischen Intelligenz ermordeten, die sie zuvor in Lager verbracht hatten. Die Exekutionen zogen sich vom April 1940 an über Wochen hin. Sie erfolgten in der Regel durch Genickschuß.

Das Massaker von Katyn war nur ein Teil einer umfassenden Ausrottungspolitik, der unter anderem rund die Hälfte aller polnischen Offiziere und ein großer Teil der Intellektuellen zum Opfer fielen. Die Absicht war es vermutlich, damit jeden künftigen Widerstand der Polen gegen die sowjetische Herrschaft von vornherein unmöglich zu machen.



In Deutschland war es in den vergangenen Jahrzehnten üblich, stets nur vom "deutschen Überfall auf Polen" zu sprechen. Die Polen haben das von vornherein anders gesehen; nur durften sie es bis zur Befreiung vom Kommunismus natürlich nicht offen äußern. Wenn heute der polnische Staatspräsident Kaczynski und Ministerpräsident Tusk vom deutsch- sowjetischen und nicht nur vom deutschen Überfall sprechen, dann geben sie damit nur die historische Wahrheit wieder.

Wäre es nicht an der Zeit, daß wir auch in Deutschland unsere Terminologie endlich dieser historischen Wahrheit anpassen?



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fotomontage. In der Public Domain gemäß Titel 17, Kapitel 1, Abschnitt 105 des US Code, da das Copyright bei der Regierung der USA liegt. Abbildung: Peter Hanula; frei unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später.