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6. August 2009

Bildzitat des Tages: Gratulation an Wladimir Putin zum Zehnjährigen. Welch ein Mann!


Dieses Pinup stammt aus dem Jahr 2007. Auch heuer gibt es wieder scharfe Fotos von Putin im Abenteuer- Urlaub 2009, die aber leider nicht in der Public Domain zur Verfügung stehen. Der Guardian hat vorgestern die schönsten zu einer Bildergalerie zusammengestellt.

Aus dem Kommentar des Guardian:
In past years the Russian press has reported that women have praised Putin's "vigorous torso" and said they were screaming with delight and showering him with compliments.

In den vergangenen Jahren berichtete die russische Presse, daß Frauen Putins "kraftvollen Oberkörper" priesen: sie sagten, sie hätten vor Begeisterung gejauchzt und ihn mit Komplimenten überschüttet.
Und im Informationsdienst "Rußland aktuell" hieß es gestern:
Auch diesmal war die Botschaft deutlich: Putin ist eigentlich einer vom Volk, ein richtiger Muschik, ein Staatsmann - und versteht es, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Und an Ruhestand denkt er immer noch nicht.
Nein, an Ruhestand denkt der 56jährige Wladmir Putin gewiß nicht. Er ist jetzt ja erst zehn Jahre an der Macht; im August 1999 wurde er Erster Vizepremier. Die Russische Verfassung in ihrer gegenwärtigen Form erlaubt es ihm, noch bis 2024 zu regieren; ab 2012 wieder als Staatspräsident.

Putins Machtposition ist gegenwärtig in Rußland so unumstritten, wie sie es nur je gewesen ist. Mit seinem getreuen Adlatus Medwedew spielt er freilich zur Verwirrung des Publikums gelegentlich das Spiel "good cop - bad cop", wie kürzlich bei Obamas Besuch in Moskau, der darauf hereingefallen zu sein scheint.

Mehr Durchblick läßt der Artikel von Peter Zeihan zu Putins Amtsjubiläum erkennen, der gestern im auf Geheimdienst- Informationen spezialisierten Informationsdienst Stratfor erschien. Zeihan charakterisiert Putin mit einem Rückblick auf diese Zeit vor zehn Jahren, als er die entscheidende Stufe zur Macht erklommen hatte:
... Putin boasted one characteristic that STRATFOR identified 10 long years ago that set him apart. Putin was no bureaucrat or technocrat or politico; he was a KGB agent. And as Putin himself has famously proclaimed, there is no such thing as a former intelligence officer.

This allowed him to harness the modern incarnation of the institutions that made Russia not just possible but also stable — the intelligence divisions — and to fuse them into the core of the new regime. Most of the Kremlin's current senior staff, and nearly all Putin's inner circle, were deeply enmeshed in the Soviet security apparatus.

... Putin konnte sich einer Eigenschaft rühmen, die STRATFOR vor zehn Jahren benannte und die seine Besonderheit ausmachte. Putin war kein Bürokrat, Technokrat oder Politiker; er war ein Agent des KGB. Und wie Putin selbst berühmtermaßen proklamierte, gibt es so etwas wie einen ehemaligen Geheimdienstmann nicht.

Das erlaubte es ihm, sich die moderne Inkarnation der Institutionen zunutze zu machen, die Rußland nicht nur möglich machten, sondern stabil - nämlich die einzelnen Teile des Geheimdienstes - und sie zum Kern des neuen Regimes zu verschmelzen. Die meisten der Leitenden Beamten im Kreml und fast der gesamte Führungskreis Putins waren tief verstrickt in den sowjetischen Sicherheitsapparat.
Putin setze damit, meint Zeihan, eine Tradition fort, die bis auf die zaristische Geheimpolizei und die Geheimdienste Lenins und Stalins zurückgeht.

Auch zu Putins Außenpolitik findet Zeihan klare Worte:
After the Mongol period ended, Russian strategy could be summed up in a single word: expansion. The only recourse to (...) the lack whatsoever of any meaningful barriers to invasion ... was establishing as large a buffer as possible. To this end, massive and poor Russia dedicated its scarce resources to building an army that could push its borders out from its core territory in the search for security.

Nach dem Ende der mongolischen Periode [der Beherrschung Rußlands durch die Mongolen; Zettel] konnte die russische Strategie in einem Wort zusammengefaßt werden: Expansion. Die einzige Maßnahme gegen (...) das völlige Fehlen irgendwelcher bedeutsamer Barrieren gegen eine Invasion ... war die Errichtung eines so breiten Puffers wie möglich. Zu diesem Zweck opferte das ausgedehnte und arme Rußland seine knappen Ressourcen für den Aufbau einer Armee, die auf der Suche nach Sicherheit seine Außengrenzen weit über sein Kerngebiet hinaus verschieben konnte.
Da haben wir sie, die Politik Putins gegenüber Osteuropa, wie sie sein Ratgeber Igor Maximytschew in der denkwürdigen Rede vom Oktober 2008 offen dargelegt hat.

Ich mache auf diese Rede immer wieder einmal aufmerksam, so wie kürzlich mit einschlägigen Links hier, weil sie den Schlüssel zum Verständnis von Putins Außenpolitik enthält; so wie seine Herkunft aus dem KGB der Schlüssel zu seiner Innenpolitik ist.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Abbildung: Wladimir Putin während einer 48 km langen Bootstour auf dem Jennisei in der Republik Tuva 2007. Vom Kreml - www.kremlin.ru - freigegeben unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported Licence.

9. Juli 2009

Was hat Barack Obama eigentlich in Moskau erreicht? Die Analyse eines Militärexperten

Mit Barack Obama ist viel heller Sonnenschein in die internationalen Beziehungen eingekehrt. Wo immer er hinkommt, streckt er die Hand aus, ob gegenüber dem Islam, wie in der Rede von Kairo, ob gegenüber Hugo Chávez, oder ob jetzt in Moskau gegenüber Medwedew und Putin.

Und man schüttelt einander die Hand, wenngleich manchmal auf eine etwas eigenartige Weise, wie auf diesem kuriosen Foto zu sehen. Man wurde, wie der "Tagesspiegel" gestern Präsident Obama zitierte, von "Rivalen zu Partnern". Ein Abrüstungsabkommen wurde beschlossen, wenigstens in Form von Absichtserklärungen.

Wie schön kann doch die Welt sein, wenn ein guter Mensch an den Schalthebeln der Macht sitzt!



Oder doch nicht? Könnte es sein, daß die strategischen Interessen, die militärstrategischen zumal, von Wladimir Putin immer noch dieselben sind wie in jener schnöden Zeit, als sein Rivale - nicht Partner - noch George W. Bush hieß?

Das jedenfalls meinte der amerikanische Militärexperte Ralph Peters vorgestern in der New York Post. Peters weiß, worüber er schreibt: Er ist Oberstleutnant im Ruhestand, hat als Spezialist für die Sowjetunion lange Jahre für den militärischen Nachrichtendienst gearbeitet und war nach dem Ende der Sowjetunion zeitweise in Moskau stationiert.

Aus Peters' Sicht ist es das außenpolitische Ziel Putins, die mit dem Ende der UdSSR verlorengegangene strategische Gleichrangigkeit zwischen Rußland und den USA wieder herzustellen. Dazu muß er einerseits Rußland aufwerten, andererseits versuchen, die strategischen Möglichkeiten der USA einzuschränken.

Eine kritische Rolle bei diesem letzteren Vorhaben spielen die sogenannten "dual- use"- Waffensysteme. Das sind solche Systeme, die zum Abschuß nuklearer Waffen eingesetzt werden können, die aber auch für den konventionellen Einsatz geeignet sind; beispielsweise U-Boote und die B-2-Bomber der US-Luftwaffe.

Wird deren Anzahl reduziert, dann - so Peters - ist ein entscheidender strategischer Vorteil der USA gegenüber Rußland gefährdet: Die Fähigkeit zum weltweiten Eingreifen.

Und genau darum gehe es Putin. In den Medien wurde hauptsächlich über die vereinbarte Reduktion der Zahl der atomaren Sprengköpfe berichtet. Diese, meint Peters, sind aber relativ belanglos. Die USA werden ja Rußland nicht angreifen; und das weiß Putin. Für Rußland interessant ist die Verringerung der Zahl der Trägersysteme.

Interessant ist sie zum einen für Putin deshalb, weil Rußland dabei weniger Federn lassen muß als die USA. Denn die großen, schweren Raketen der Russen tragen mehr Sprengköpfe als die kleineren, leichteren der USA. In der Tat: Wie die New York Times am Montag berichtete, verfügen die USA über 1.198 Träger für rund 2.200 atomare Sprengköpfe. Die Russen haben nur 816 Träger, aber bestückt mit 2000 bis 3000 Sprengköpfen.

Wenn - wie es jetzt im Gespräch ist - die Zahl der Träger auf bis zu 500 reduziert werden soll, dann würden die USA also ihr Arsenal mehr als halbieren müssen; die Russen das ihrige nur vergleichsweise geringfügig verringern. Und zweitens würden den USA U-Boote und Bomber verlorengehen, die sie für weltweites konventionelles Eingreifen nutzen können.

Auch sonst sieht Peters wenig für die USA Erfreuliches in dem, was jetzt in Moskau als Absichten dargelegt wurde.

Rußland will den USA großzügig Überflugrechte für die Versorgung ihrer Truppen in Afghanistan einräumen. Aber zum einen liegt der Kampf gegen die Taliban und vor allem gegen den Opiumanbau und Heroinhandel im Interesse Rußlands selbst; die USA holen, meint Peters, im Grunde in Afghanistan für die Russen die Kohlen aus dem Feuer.

Und zum anderen machen sich die USA von Rußland abhängig, wenn sie künftig für die Versorgung ihrer Truppen auf diese Erlaubnis der Russen angewiesen sein werden. Es wird damit für die USA schwerer werden, Rußland noch Einhalt zu gebieten, wenn es die alte Position der UdSSR in Osteuropa wieder herzustellen versucht; in der Ukraine beispielsweise, in Georgien.



Das klingt alles ziemlich unerfreulich. Und in der Tat ist Peters pessimistisch, was die Außen- und Militärpolitik der Regierung Obama angeht:
There's been a debate in the Obama administration between veterans who learned the hard way not to trust the Russians and the new, unblooded idealists. Now we know who won.

Great news for the Russian Federation. Bad news for America. Until an adoring media spins it, of course.

Es gibt in der Regierung Obama eine Debatte zwischen Veteranen, die aus harter Erfahrung gelernt haben, den Russen nicht zu trauen, und den neuen, von Erfahrungen unbeleckten Idealisten. Jetzt wissen wir, wer gewonnen hat.

Eine ausgezeichnete Nachricht für die Russische Föderation. Eine schlechte Nachricht für Amerika. Natürlich nur solange, wie ehrfurchtsvolle Medien es nicht ins Gegenteil verdrehen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Gorgasal. Titelvignette: Fahne der Raketentruppe der Russischen Föderation. Copyrighfrei aufgrund Teil IV des Zivilgesetzbuchs - Nr. 230-FZ - der Russischen Föderation vom 18. Dezember 2006.

31. Mai 2009

Zitat des Tages: "Fortschrittlichste Technologie für einen außerordentlich niedrigen Preis". Opel und die Schröder-Rußland-Connection

"Wir sind daran interessiert, mit Hilfe dieser Erwerbung die Automobil- Branche in Russland restrukturieren zu können", erklärte Sberbank- Chef German Gref gegenüber dem Nachrichtenkanal Vesti am Samstag. Der Einstieg bei Opel sei eine gute Chance "für einen außerordentlich niedrigen Preis einen der vom technologischen Gesichtspunkt her fortschrittlichsten europäischen Produzenten zu erwerben".

Der Informationsdienst "Rußland Aktuell" heute über eine russische Reaktion auf die Entscheidung, Magna bei Opel den Zuschlag zu geben.

Kommentar: Und wer hat's eingefädelt? Dazu die New York Times vom 26. Mai:
Magna has also profited from the support of the former chancellor, Gerhard Schröder, a close friend of Prime Minister Vladimir V. Putin of Russia, according to a person briefed on the lobbying.

The Magna offer would put 35 percent of Opel in the hands of Sberbank, a state- controlled Russian bank, and include cooperation with GAZ, a Russian automaker. Oleg Deripaska, a Russian oligarch who is an ally of Mr. Putin, is the controlling shareholder in GAZ. "There is a plot going on to get the Russians into the German auto industry," the person said, requesting anonymity because the deal was incomplete. "That is not an exaggeration."

Laut einer Person, die Einblick in die Lobby- Vorgänge hat, profitierte Magna auch von der Unterstützung des ehemaligen deutschen Kanzlers Gerhard Schröder, eines engen Freunds des russischen Premierministers Wladimir V. Putin.

Das Angebot von Magna würde 35 Prozent von Opel in die Hände von Sberbank übergehen lassen, einer staatlich kontrollierten Bank, und die Zusammenarbeit mit dem russischen Autobauer GAZ beinhalten. Oleg Deripaska, ein russischer Oligarch mit Verbindungen zu Putin, ist der Hauptaktionär bei GAZ. "Da läuft ein Komplott, um die Russen in die deutsche Autoindustrie hineinzubekommen", sagte die Person, die anonym bleiben wollte, weil der Deal noch nicht komplett sei. "Das ist keine Übertreibung".
Ist Ihnen auch aufgefallen, daß sich in letzter Zeit Frank- Walter Steinmeier eigenartig häufig in Sachen Opel sehen läßt und zu Wort meldet?

Als Außenminister ist er ja eigentlich nicht zuständig. Als Statthalter Gerhard Schröders schon.



Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Conrad.

19. Januar 2009

Zitat des Tages: "Ein irrationales Wirtschaftsmodell". Eine ukrainische Zeitschrift über die Lage Rußlands und die Gaspreis-Krise

With Putin and his puppets directly controlling all key businesses and using mafia- like methods to eliminate potential opponents and foreign interests it seemed to work for a time. But it was rotten inside. Unable to build value with equity capital, the Kremlin's favorite state champions and corrupt tycoons depended not only on high commodity prices but also on ever larger injections of foreign loans even as the rights of foreign partners were brutally limited. It was an irrational economic model bound to fail and it did as oil prices collapsed.

(Putin und seine Marionetten kontrollieren direkt alle Geschäftsbereiche, die eine Schlüsselfunktion haben, und sie benutzen Mafia- ähnliche Methoden, um potentielle Gegner und ausländische Interessen auszuschalten. Eine Zeitlang schien das zu funktionieren. Aber es war innerlich verfault. Unfähig, mit Aktienkapital Wert zu schöpfen, hingen die vom Kreml bevorzugten führenden Staatsunternehmen und korrupten Tycoons nicht nur von hohen Rohstoffpreisen ab, sondern auch von immer höheren Zufuhren von Krediten aus dem Ausland. Zugleich aber wurden die Rechte ausländischer Partner brutal beschnitten. Es war ein irrationales Wirtschafts- Modell, das dem Untergang geweiht war. Und es ging unter, als die Ölpreise zusammenbrachen.)

Alex Alexiev in der englischsprachigen Kiewer Zeitschrift Kyiev Post über den Zustand der russischen Wirtschaft.

Kommentar: Ein sehr lesenswerter Artikel, der zum einen den Hintergrund des Erdgas- Streits erhellt, zum anderen aber auch eine allgemeine Analyse der wirtschaftlichen Lage Rußlands liefert.

Was den Erdöl- Streit angeht, macht Alexiev auf einige Fakten aufmerksam, die im Westen oft außer Acht gelassen werden.

So sei der von der Ukraine jetzt geforderte Gaspreis von 500 Dollar pro 1000 Kubikmeter unrealistisch: Abnehmer wie Armenien und Weißrußland zahlen gerade einmal 110 bis 120 Dollar; Georgien und Moldavien 270 bis 280 Dollar. Sogar auf den westlichen Märkten werde der Preis russischen Gases, so Alexiev, wegen der Bindung an den Ölpreis, bald auf rund 250 Dollar sinken.

Alexiev macht auch darauf aufmerksam, daß die Ukraine aus Sowjet- Zeiten (sie war das Zentrum der sowjetischen Gasindustrie) über riesige Speicher- Kapazitäten verfügt, so daß von vornherein klar war, daß der Boykott sie gar nicht unmittelbar treffen würde. Er traf kleinere Länder Osteuropas, und er alarmierte den Westen.

Was also sollte der Theaterdonner? Alexiev weist auf verschiedene Möglichkeiten hin: Vielleicht sollte versucht werden, durch den Boykott die Preise zu stabilisieren. Vielleicht sollte die Bereitschaft westlicher Länder befördert werden, dem Bau von Pipelines zuzustimmen, die Polen, die Ukraine und das Baltikum umgehen.

Jedenfalls bestehe wohl ein Zusammenhang mit der Krise, vor der eine Wirtschaft steht, die auf den Einkünften aus dem Öl- und Gasgeschäft basiert und die diese Einkünfte jetzt schwinden sieht. Das russische Kartenhaus stehe vor dem Zusammenbruch.



Mit Dank an Thomas Pauli. Für Kommentare bitte hier klicken.

18. November 2008

Vierundzwanzig Jahre Macht für Wladimir Putin?

Stalin herrschte 26 Jahre lang, von 1927 bis zu seinem Tod 1953. Das wird Wladimir Putin wahrscheinlich nicht ganz schaffen; aber auf 24 Jahre könnte er es bringen, weit mehr als Nikita Chruschtschow (11 Jahre), mehr auch als Leonid Breschnew, der immerhin 18 Jahre Generalsekretär der KPdSU war.

Wladmir Putin war acht Jahre lang Staatspräsident; danach konnte er laut Verfassung bekanntlich nicht wiedergewählt werden. Daß dies das Ende seiner Macht bedeuten würde, konnte man füglich bezweifeln. Leser dieses Blogs haben über solche Zweifel schon im Februar 2007 erfahren, und dann immer einmal wieder. Wie Putin es machen würde, weiter an der Macht zu bleiben, das war ja eine spannende Frage über das ganze Jahr 2007 hinweg.

Er hat den eigentlich riskanten Weg gewählt, formal ins Amt des Ministerpräsidenten zu wechseln. Riskant, weil der Staatspräsident von der Verfassung mit so umfassenden Rechten ausgestattet ist, daß eine dort hingesetzte Marionette leicht auf den Gedanken hätte kommen können, die Schnüre zu kappen und es mit Selbstbewegung zu versuchen.

Wie Putin dieses Problem gelöst hat, zeigt, was für ein berechnender, langfristig planender Machtmensch er ist. Nicht nur hat er mit dem getreuen Medwedew einen gefunden, der vielleicht tatsächlich nicht selbst die Nummer eins werden will. Aber wer weiß. Machtmenschen vertrauen selten darauf, daß ein anderer sich an die ihm zugedachte Rolle hält.

Also hat Putin mit einem genialen Schachzug, ohne ein einzige Jota an der Verfassung zu ändern, das Amt des Ministerpräsidenten in der Machtbalance so aufgewertet, daß ihm der Staatspräsident nicht gefährlich werden kann; daß er auch nach dem Wechsel selbst die Fäden in der Hand behielt.



Diesen Schachzug habe ich im Mai beschrieben, gestützt auf eine Analyse von Vincent Jauvert vom Nouvel Observateur:

Zuvor waren die Ministerpräsidenten vom Staatspräsidenten berufen worden und von ihm abhängig; so wie nach der französischen Verfassung, der die russische in vielen Punkten nachgebildet ist. Putin selbst hat noch kurz vor Ende seiner Amtszeit den Ministerpräsidenen abrupt ausgewechselt.

Putin selbst aber kandidierte bei den Duma- Wahlen ausdrücklich für das Amt des Ministerpräsidenten und erreichte (mit welchen Mitteln auch immer), daß seine Partei "Einiges Rußland", die ihm vollständig ergeben ist, 70 Prozent der Sitze in der Duma hat; auch die anderen Parteien sind überwiegend von ihm abhängig, teils in seinem Auftrag gegründet worden.

Dadurch wurde er in Personalunion Ministerpräsident und der unangefochtene Chef der Duma. Mit seiner dortigen Zweidrittel- Mehrheit kann er jedes Gesetz durchbringen und - wichtiger - jede Verordnung des Staatspräsidenten blockieren.

Zugleich hatte er noch als Staatspräsident ihm ergebene Gouverneure ernannt, und er hat dafür gesorgt, daß die Provinzparlamente von seiner Partei dominiert werden. Diese müssen die Gouverneure bestätigen; Medwedew kann also keinen von ihnen gegen den Willen Putins auswechseln. Damit ist ihm eines der wichtigsten Machtinstrumente in der Innenpolitik genommen.

Im Ergebnis sind Medwedew, trotz der ihm von der Verfassung zugedachten starken Stellung, faktisch die Hände gebunden. Selbst wenn er Putin untreu werden wollte, käme er damit nicht weit. Putin hat immer noch eine ähnliche Machtfülle wie die Generalsekretäre der KPdSU, die ja auch protokollarisch hinter dem Staatspräsidenten rangierten.

Noch nicht einmal in der Außenpolitik, eigentlich wie in Frankreich die Domäne des Staatspräsidenten, liegt die Federführung bei Medwedew. Wer dort steuert, hat Putin, ein Mann mit viel Sinn fürs Symbolische, demonstriert, indem er zu Beginn des Georgien- Kriegs mediengerecht dort auftauchte und sich in der Pose eines Feldherrn filmen ließ.

Nur wenn es allzu offensichtlich wird, daß auch in der Außenpolitik Putin und nicht Medwedew der Gesprächspartner westliche Staatsmänner ist, dann muß schon mal ein wenig dementiert werden.



Andererseits könnte es einen Machtmenschen wie Putin schon nicht unerheblich stören, daß Medwedew und nicht er nun zu den Gipfeltreffen reisen darf; daß dieser im protokollarischen Rang höher steht. Putin dürfte trotz aller seiner jetzigen faktischen Macht das Ende des Interims herbeisehnen; den Tag, an dem er endlich wieder offen regieren kann, statt das aus dem Hintergrund heraus tun zu müssen.

Spätens wird dieser Tag im März 2012 gekommen sein, wenn die nächste Wahl des Staatspräsidenten ansteht.

Für diese Wahl hat Putin in diesen Tagen bereits die Vorbereitungen treffen lassen, indem er die Amtszeit des Präsidenten von vier auf sechs Jahre verlängern ließ. Da eine einmalige Wiederwahl erlaubt ist, hat er also im Jahr 2012 noch einmal zwölf Amtsjahre als Präsident vor sich; zusätzlich zu den schon absolvierten acht Jahren als Staatspräsident und den jetzigen vier Jahren mit dem Interim als Ministerpräsident.

Putin würde dann mit 71 Jahren abtreten, nach einer Regierungszeit von fast einem viertel Jahrhundert.

Vielleicht wird es aber auch das eine oder andere Jährchen weniger. Denn daß Putin wirklich bis 2012 in der Rolle des Ministerpräsidenten ausharrt, ist offenbar nicht so ganz sicher.

Vergangenen Donnerstag stand es in der International Herald Tribune zu lesen. Ein Reporter des Figaro hatte Medwedew gefragt, ob er bereits vor dem nominellen Ende seiner Amtszeit zurücktreten werde, und der dementierte das nicht etwa, sondern antwortete, er sei jetzt am Arbeiten, und warum man ihn dränge, sich zu gewissen Entscheidungen zu äußern.



Für Kommentare bitte hier klicken. Foto: Agência Brasil, freigegeben unter Creative Commons- Lizenz.

16. November 2008

Georgien und der russische Imperialismus (4): Entkolonialisierung oder "Selbstverstümmelung"? Rußlands auf dem Weg zurück zu einer imperialen Politik

Die großen Imperien des 19. Jahrhunderts sind im 20. Jahrhundert alle zerbrochen. Die Umstände waren freilich sehr verschieden.

Die Franzosen haben verbissen um einige ihrer Kolonien gekämpft; in Indochina und in Nordafrika. Später haben sie es den Engländern nachgemacht, die mit britischer Gelassenheit erst Indien und dann (nach dem Desaster des Kampfs gegen die Mau- Mau in Kenya) fast den ganzen Rest des Empire in die Unabhängigkeit entlassen haben; freilich in dem Bemühen, aus den einstigen Untertanen gute Freunde zu machen. Das gelang ganz passabel; den Briten mit dem Commonwealth of Nations, den Franzosen mit der Communauté Française.

In gewisser Weise leichter hatten es ein knappes halbes Jahrhundert zuvor die Deutschen und die Türken gehabt, denen man ihr Reich einfach wegnahm, nachdem sie den Krieg verloren hatten. Den Türken nahm man ein sehr großes, den Deutschen ein eher bescheidenes Kolonialreich. Viel "Platz an der Sonne" war ja nicht mehr frei gewesen, als - verspätet, wie es als Nation war - auch Deutschland gern noch Kolonialmacht hatte werden wollen. Diese Kolonien gingen kurz und schmerzlos 1919 verloren; wie auch den Türken ihr ohnehin krankes Kolonialreich.

Rußland ist ein Sonderfall. Es ist die einzige der Kolonialmächte, die fast alle ihre Kolonien schon verloren hatte und sie noch einmal zurückgewann.

Verloren hatte es das gesamte Kolonialreich im Westen im März 1918 mit dem Frieden von Brest- Litowsk; wiedergewonnen hat es diese Kolonien in Etappen zwischen 1919 und den Jahren ab 1945 - von der Ukraine, die trotz Brest- Litowsk nie so recht selbständig geworden und schon bald wieder ein Teil Rußlands war, über Georgien, das 1921 wieder von Rußland annektiert wurde, bis zu beispielsweise Estland, das erst 1940, und zu Ostpolen, das erst durch das Potsdamer Abkommen wieder heim ins Russische Reich geholt wurde.

Als - wie es die russische Diplomatie gern nannte - "Ergebnis des Zweiten Weltkriegs" gewann Rußland nicht nur fast (mit Ausnahme hauptsächlich Finnlands) das ganze Zarenreich zurück, sondern dazu noch Gebiete, die es nie besessen oder kontrolliert hatte, sondern die bis 1919 überwiegend zum Habsburger Reich oder zum Osmanischen Reich gehört hatten; wie Ungarn, die Tschechoslowakei und Bulgarien.

Natürlich waren diese Länder formal souverän, aber faktisch waren sie Teile des russischen Reichs; weder politisch selbständig noch mit der Erlaubnis, im eigenen Interesse zu wirtschaften oder ihr Gesellschaftssystem selbst zu bestimmen. Diese Restaurierung der russischen Kolonialmacht war, wie in der dritten Folge dieser Serie dargelegt, neben dem Weltkommunismus und der Fähigkeit einer Diktatur, ihre Ressourcen auf das Militär zu konzentrieren, einer der drei Gründe dafür, daß das rückständige Rußland zur zweiten Weltmacht hatte aufsteigen können.



Anders als Frankreich und England verlor Rußland seine Kolonien nicht, weil Unabhängigkeitsbewegungen erfolgreich gewesen waren; sondern das Reich zerfiel, weil es längst morsch geworden war.

Ab Beginn der neunziger Jahre stand das Land vor der Aufgabe, mit dem Verlust dieses Reichs fertig zu werden und den Platz in der Völkergemeinschaft einzunehmen, der ihm - einem wirtschaftlich rückständigen, allerdings bevölkerungs- und rohstoffreichen Land - zustand; einem europäischen Entwicklungsland wie Portugal, das aber das Potential hat, zu einem reichen, entwickelten Land wie Frankreich oder Deutschland zu werden.

Rußland hat - das wird immer deutlicher - vor dieser historischen Aufgabe versagt.

Die USA und Westeuropa setzten auf eine positive Entwicklung, als sie Rußland nach dem Ende seines Kolonialreichs und des Kommunismus eine Kooperation mit der Nato, vielleicht sogar die Aufnahme in die Nato in Aussicht stellten. In eine Nato, die nicht mehr dem Containment, der Eindämmung, dienen sollte wie zur Zeit der UdSSR, sondern der Aufrechterhaltung des Friedens in den Konfliktzonen des neuen Europa.

Rußland hätte diese ausgestreckte Hand annehmen können. Es hätte sich zum Ziel setzen können, wie andere unterentwickelte Länder an der Peripherie Europas mit Hilfe der EU zu Wohlstand zu kommen; einem Wohlstand, den es eigener Leistung verdankt. Zu einem Land zu werden, das folglich auf ein Kolonialreich verzichten kann. Vielleicht mit der Perspektive einer privilegierten Partnerschaft mit der EU.

Freilich hätte das eine tiefgreifende Umgestaltung verlangt. Es hätte verlangt, daß Rußland ernst macht mit Demokratie und Rechtsstaat, mit wirtschaftlicher und bürgerlicher Freiheit. Kurz, daß es ab 1989 den Prozeß wieder aufgenommen hätte, der 1917 durch die Oktoberrevolution abgebrochen worden war.

Das ist nicht geschehen. Warum, das wäre getrennt zu erörtern. Jedenfalls fielen Ende der neunziger Jahre mit dem Aufstieg Putins die Würfel für einen anderen Weg. Für einen Weg der inneren Restauration eines autoritären Staats, der zunehmend wieder Züge der Sowjetunion annimmt, und außenpolitisch der Wiederherstellung einer russischen "Einflußsphäre" dort, wo es einmal die Sowjetunion und ihre Satelliten gegeben hatte.

Erste deutliche Anzeichen für diesen Schwenk zur Politik eines neuen russischen Imperialismus gab es auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2007, als Putin Töne anschlug, wie man sie seit Sowjetzeiten von keinem russischen Verantwortlichen mehr gehört hatte. Es folgten Drohungen und inszenierte Krisen, die schließlich in der Invasion Georgiens gipfelten. Der jüngste Schritt auf diesem Weg zurück zur "Einflußsphäre" ist die angekündigte Aufstellung von Iskander- Raketen in der Exklave Kaliningrad.



So, wie die Politik Gorbatschows von Theoretikern wie Alexander Jakowlew vorbereitet und durch sie begleitet wurde, so hat auch diese neoimperiale Politik Putins ihre Theoretiker. Zu ihnen gehört der in der zweiten Folge dieser Serie gewürdigte Igor Maximytschew. Es lohnt sich, den Text seines Vortrags in Berlin im Februar dieses Jahres zu studieren. Er liest sich wie die historische Rechtfertigung des jetzigen Vorgehens von Putin.

Der Ausgangspunkt von Maximytschew - und der Anlaß für seine Rede - ist der Friede von Brest- Litowsk, der Ende 1917 verhandelt und am 8. März 1918 unterzeichnet wurde. Die Verhandlungspartner der deutschen Generäle und Diplomaten, die über einen Frieden im Osten verhandelten, waren Bolschewiken, bei denen der anfängliche Verhandlungsführer Joffe bald von keinem Geringeren als Leo Trotzki abgelöst wurde.

Nachdem man nicht vorangekommen war, brach Trotzki die Verhandlungen ab, worauf die Deutschen ankündigten, die Kriegshandlungen wieder aufzunehmen. Da Rußland praktisch keine Armee mehr hatte, blieb Trotzki und Lenin keine Wahl, als den Frieden zu unterzeichnen, der den Verlust nahezu des gesamten russischen Kolonialreichs im Westen bedeutete: Finnland, die baltischen Staaten, die Ukraine, Polen, die Kaukasusstaaten sollten selbständig werden.

Das kommt Ihnen bekannt vor? Ja, es war in der Tat ein erstes Mal das, was sich sehr ähnlich wieder nach 1989 abspielte. Mit dem Unterschied allerdings, daß die damaligen deutschen Pläne vorsahen, diese von Rußland abgetrennten "Randgebiete" (so nennt sie Maximytschew) deutscher Hegemonie zu unterstellen. 1918 sollten diese Gebiete gewissermaßen nur den Besitzer wechseln; nach 1989 fand hingegen eine Entkolonialisierung statt.

Maximytschew aber sieht die Entkolonialisierung als ein zweites Brest- Litowsk. So, als lebten wir noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, betrachtet er sie nicht als das Nachholen eines historischen Prozesses, den die anderen kolonialen Imperien längst hinter sich hatten, sondern als eine Bedrohung für Rußland:
Seit 1918, das heißt seit Brest, ist das Problem der Sicherheit des Landes zur alles beherrschenden Sorge der russischen Außen- wie Innenpolitik geworden, ganz gleich welche politische Strömung Oberhand in seiner Führung gewann. (...)

In welchem Umfang genau die ausländischen Geheimdienste den Prozeß der Selbstverstümmelung Rußlands vorantrieben, läßt sich heute kaum feststellen, aber die Tatsache ihrer äußerst aktiven Einflußnahme auf die Ereignisse selbst steht außer Zweifel. Im Endeffekt war das Resultat der Teilung des Landes mit den Ergebnissen von Brest durchaus vergleichbar. Die westlichen und südlichen Grenzen Rußlands wurden fast haargenau auf den Zustand des 17. Jahrhunderts zurückgeworfen.
Der zweite Teil dieses Zitats bezieht sich auf den zweiten Verlust des russischen Kolonialreichs, also die Zeit nach 1989.

Maximytschew hat Recht - Rußland wurde auf sein eigenes Territorium "zurückgeworfen". So, wie die Türkei und Deutschland 1919, wie das Vereinigte Königreich und Frankreich in den Jahren der Entkolonialisierung. Es liegt im Wesen des Verlusts von Kolonien, daß man auf das Mutterland "zurückgeworfen" wird.

Maximytschew nennt das "Selbstverstümmelung" und "Teilung des Landes". Er trauert offenkundig den verlorenen Kolonien nach, so wie französische Nationalisten nach dem Verlust Algeriens diesem Teil Frankreichs nachtrauerten und sie den General de Gaulle dafür, daß er Frankreich "verstümmelt" hatte, gern zu Tode befördert hätten.

Fast immer sind solche nationalistischen Klagelieder mit Verschwörungstheorien verbunden. Die französischen Nationalisten machten vor allem die USA für den Verlust ihrer Kolonien verantwortlich; und für Maximytschew ist der Schuldige die Nato:
Ohne jegliche Provokation russischerseits begann die NATO ihren Marsch gen Osten, zur Grenze Rußlands, wobei als Initiator dieses Marsches das vereinte Deutschland auftrat – das Land, um dessen Freundschaft willen die Gorbatschowsche Sowjetunion die meisten geostrategischen Opfer gebracht hat. In den Nachbarstaaten Rußlands fanden nacheinander "farbige Revolutionen" statt, die mit einer offenen Hilfe des Westens Gruppierungen an die Macht brachten, die sich durch eine ausgesprochen rußlandfeindliche Einstellungauszeichneten.
Daß die "Rußlandfeindlichkeit" der Ukrainer, der Georgier, der Balten nichts als Angst vor einer Restauration der russischen Hegemonie ist, sieht Maximytschew nicht. Keines dieser Länder plant ja Böses gegen die Russen; man will nur von ihnen in Ruhe gelassen werden. Und "Initiator" ihres "Marsches" in Freiheit und Selbstbestimmung sind sie selbst; dazu bedurfte und bedarf es weder Deutschlands noch der USA.

Jener USA, die natürlich, so sieht es Maximytschew, neben Deutschland der zweite "Initiator" sind:
Washington begann an einem System des Raketenschutzes zu basteln, das Amerika von jeder Gefahr des Vergeltungsschlages befreien sollte. (...) Jetzt ist bereits die Rede davon, daß die Basen der Killerraketen in unmittelbarer Nähe zu den Grenzen Rußlands entstehen sollten. Das sollte in Perspektive praktische Entwaffnung Rußlands zur Folge haben.
Daß diese Raketen nicht gegen Rußland gerichtet sind, sondern gegen den Iran und Nordkorea, ignoriert Maximytschew. Mit "Entwaffnung" hat er freilich so ganz unrecht nicht. Denn wenn diese Raketen und ihr Leitsystem erst einmal in Polen und Tschechien stehen, dann bekommen diese beiden Länder für die USA ein so großes strategisches Gewicht, daß sie deren besonderen Schutz genießen. Das russische Potential, sie zu berohen und zu erpressen, wäre damit in der Tat massiv reduziert.

Maximytschew kommt zu dem Fazit, das ich schon am Ende der zweiten Folge zitiert habe: Der Vertrag von Brest sei "leider keine graue Vergangenheit. Sein Gespenst geht in Europa um und nicht nur in Europa". Rußland und die übrige Welt müßten "sich diese Realität vor Augen halten, denn diese Situation stellt an uns alle die Frage von Leben oder Tod. Es ist nicht zu spät, den Rückgang [sic] einzuschalten".

Den Rückwärtsgang freilich hat Maximytschew eingeschaltet.

Er sieht die Entkolonialisierung als den Verlust von "Randgebieten Rußlands", als eine "Selbstverstümmelung" und "Teilung" Rußlands. Mit anderen Worten, er rechnet die verlorenen Kolonien nach wie vor zu Rußland. Man wird ihn einen Revisionisten nennen dürfen; jedenfalls spricht er wie ein Revisionist. Denn was er den "Rückwärtsgang" nennt, ist - so darf man ihn wohl interpretieren - die Wiederherstellung der Hegemonie Rußlands über seine "Randgebiete". Vorerst der Hegemonie.

Er denkt in den Kategorien der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, der Professor Igor Maximytschew. Auf den Gedanken, daß die selbständig gewordenen Staaten zwischen der Ostsee und dem Kaukasus aus eigenem Interesse heraus, nämlich um vor solchen revisionistischen Tendenzen Rußlands, solchen Ideen über den "Rückwärtsgang", Schutz zu finden, sich nach Westen orientieren, kommt er gar nicht. Er sieht nur Drahtzieher, von Deutschland bis zu den USA. Jedenfalls sagt er es so.

Und er denkt nicht als ein einsamer Wissenschaftler vor sich hin, der Igor Maximytschew. Er gehörte einst als Gesandter an der russischen Botschaft in der DDR zu den wichtigsten Deutschlandpolitikern Rußlands. Heute ist er Leiter des Bereichs "Europäische Sicherheit" am Europa- Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Zu befürchten ist, daß Putin und seine anderen Ratgeber so denken wie Maximytschew. Daß auch sie das heutige Rußland als ein verstümmeltes, geteiltes, seiner Randgebiete beraubtes Land sehen. Wenn das so ist, dann macht Putins Georgien- Politik Sinn. Dann darf man gespannt darauf sein, wo er als nächstes die Verstümmelung zu heilen versucht. Im Baltikum? Auf der Krim?



Links zu allen vier Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

14. November 2008

Zitat des Tags: Ein Gespräch unter Staatsmännern. Nebst Bemerkungen über die Neuorientierung der französischen Rußlandpolitik

Le président français interpelle Poutine et Medvedev: "Vous ne pouvez pas faire cela, le monde ne l'acceptera pas." Poutine réplique dans son langage ordurier habituel: "Saakachvili, je vais le faire pendre par les couilles." "Le pendre?" demande le président français, effaré. "Pourquoi pas? répond le Premier ministre russe. Les Américains ont bien pendu Saddam Hussein." "Oui, mais tu veux terminer comme Bush?", rétorque Sarkozy. Poutine est interloqué. Comme Bush? Il réfléchit puis lâche: "Ah, là, tu marques un point." C'est gagné: Saakachvili sauve sa tête et ses ...

(Der französische Präsident fährt Putin und Medwedew an: "Das könnt ihr nicht machen, die Welt wird das nicht hinnehmen". Putin antwortet in seiner üblichen ordinären Sprache: "Saakaschwili, den lasse ich an den Eiern aufhängen." "Ihn aufhängen?" fragt der französische Präsident erschrocken zurück. "Warum nicht?", antwortet der russische Ministerpräsident. "Die Amerikaner haben schließlich Saddam Hussein aufgehängt". "Ja, aber willst du wie Bush enden?", gibt Sarkozy zurück. Putin ist verblüfft. Wie Bush? Er denkt nach und läßt dann fallen: "Na, da hast du gepunktet." Die Sache ist gelaufen: Saakaschwili hat seinen Kopf gerettet, und seine ...).

Vincent Jauvert im aktuellen Nouvel Observateur über ein Gespräch unter Staatsmännern.

Kommentar: Das Interessante an diesem Dialog, der heute vielfach zitiert wird, zum Beispiel in "Spiegel- Online", sind nicht die Zoten von Putin. So ist dieser Mann halt, der sich vom Straßenjungen an die Spitze Rußlands hochgearbeitet hat.

Interessant ist erstens die russische Reaktion auf die Veröffentlichung. Und interessant ist zweitens vor allem der Hintergrund dieses Gesprächs.

Vincent Jauvert ist ein außenpolitischer Redakteur des Nouvel Observateur mit ungewöhnlich guten Kontakten; immer gut für einen Insider- Bericht. Die in dem Zitat geschilderte Szene - sie spielt am frühen Nachmittag des 12. August im Kreml - hat er aus einer Quelle, die er überraschenderweise sogar offenlegt: Jean- David Levitte, diplomatischer Berater des französischen Präsidenten, russischer Abstammung und Experte für Rußland. Levitte hat ihm das Gespräch "on the record" geschildert, also mit der Erlaubnis, ihn als die Quelle zu zitieren.

Nachdem gestern die aktuelle Nummer des Nouvel Observateur mit dieser Geschichte erschienen war, dementierte der Kreml nicht etwa den geschilderten schönen Dialog. In der Meldung von RIA Novosti heißt es in der deutschen Version lediglich, der Bericht löse "nichts als Befremden aus" und sei eine "vollständige und provokative Unterstellung". In der sehr viel ausführlicheren französischen Version wird der Kreml- Sprecher Preskow so zitiert:
Vladimir Poutine fait en effet usage d'une rhétorique rigoureuse à l'égard du régime Saakachvili. Mais la publication de telles citations en référence à un conseiller du président français suscite notre plus grande incompréhension (...) Globalement, la seule chose qu'on pourrait dire c'est que toutes les décisions définitives en matière de politique étrangère sont prises par le président russe Dmitri Medvedev.

Wladimir Putin verwendet in der Tat eine deutliche Sprache in Bezug auf das Regime Saakaschwilis. Aber die Veröffentlichung derartiger Zitate mit Verweis auf einen Berater des französischen Präsidenten löst unser größtes Befremden aus (...) Allgemein ist das einzige, was man sagen könnte, daß die letzten Entscheidungen in der Außenpolitik stets vom russischen Präsidenten Dmitri Medwedew getroffen werden.
Es ist also klar, was den Kreml an dem Bericht stört: Nicht, daß Putins Vulgärsprache zitiert wird. Sondern daß der Bericht erstens zeigt, daß Putin auch in der Außenpolitik das Sagen hat, und nicht sein getreuer Medwedew. Und zweitens, daß ein Berater Sarkozys offenbar die Veröffentlichung autorisiert hat.



Das Interessanteste an dem Artikel von Vincent Jauvert ist aber nicht diese Episode, sondern ihr Hintergrund. Jauvert schildert, wie Sarkozy anfangs gegenüber dem Kreml einen anderen Kurs hatte steuern wollen als sein Vorgänger Chirac; wie er aber inzwischen zu "Sarko dem Russen" geworden sei; so der Titel des Artikels.

Bevor er Präsident wurde, gehörte Sarkozy zu den schärfsten Kritikern Rußlands, was beispielsweise Tschetschenien angeht. Davon ist nichts geblieben. Selbst als Unterhändler der EU während der Georgien- Krise hat Sarkozy die Position des Kreml übernommen, daß dieser ein Recht hätte, den "Russen" in Südossetien zur Hilfe zu kommen (also Personen, an die man zuvor russische Pässe verteilt hatte, die aber keine Russen waren).

Als einen der Gründe für diesen Kurswechsel Sarkozys sieht Jauvert die engen persönlichen Beziehungen zwischen Mitgliedern der außenpolitischen Mannschaft Sarkozys und ihren russischen Pendants an; Beziehungen, die zum Teil weit zurückreichen.

Die Außenminister Kouchner und Lawrow kennen sich zum Beispiel schon aus gemeinsamen Zeiten bei der UNO und sind Duzfreunde. Im Matignon, dem Amtssitz des Premierministers François Fillon, auch er ein alter Freund Rußlands, sitzen hohe Beamte wie Jean de Boishue und Igor Mitrofanoff, Rußland- Experten mit besten Kontakten in den Kreml.

Zweitens, schreibt Jauvert, verstünden Sakozy und Putin sich persönlich blendend. Sie lernten einander auf dem Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 kennen und waren auf Anhieb voneinander angetan. Über Sarkozys Reaktion auf Putin schreibt Jauvert:
L'homme l'impressionne. "Un vrai dur", dit-il. Même âge, même taille (ou presque), même démarche, même langage cru, ces deux-là semblent faits pour s'entendre.

Der Mann beeindruckt ihn. "Das ist ein ganz Harter", sagt er. Selbes Alter, selbe Körpergröße (fast jedenfalls), selbe Gangart, die selbe rüde Sprache - diese beiden scheinen wie gemacht dafür, einander zu verstehen.
Sarkozy ist von seinem neuen Freund so begeistert, daß er sogar seine damalige Frau Cécilia anruft, damit sie Putin kennenlernen und ein wenig mit ihm plauschen kann.

Und so geht es weiter: Sarkozy darf Putin in seiner Datsche besuchen und lobt ihn danach überschwänglich. Als Putins Partei die Parlamentswahlen 2007 unter fragwürdigen Umständen gewinnt, halten sich Angela Merkel und Gordon Brown zurück. Sarkozy aber gratuliert sofort, als erster Staatschef weltweit.

Das sind Symptome für einen allgemeinen Wechsel der franzöischen Rußland- Politik. Ohne daß das schon recht ins allgemeine Bewußtsein gedrungen ist, entsteht gegenwärtig eine Achse Moskau- Paris, die an die Zusammenarbeit zwischen Putin und Chirac im Vorfeld des Irak-Kriegs Anfang 2003 anknüpft.

Kein Wunder, daß Sarkozy, nachdem er für die EU während der Invasion Georgiens mit Putin verhandelt hatte, einen "Friedensplan" nach Georgien mitnahm, dessen entscheidende Passagen im Kreml formuliert worden waren.

Kein Wunder auch, daß unter dem Vorsitz Sarkozys die EU kein halbes Jahr nach der Invasion Georgiens wieder die enge Zusammenarbeit mit Rußland anstrebt.



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6. November 2008

Zitat des Tages: "In Medwedews Rede herrschte ein scharfer Ton. Ob Obama diese Botschaft verstehen wird?" Ein russischer Hintergrundkommentar

Die neu gewählten Präsidenten der USA und Russlands, Barack Obama und Dmitri Medwedew, haben gleichermaßen mit ernsthaften Problemen zu kämpfen. Gerade deswegen werden beide mehrmals dazu gezwungen sein, Härte zu zeigen.

Dies war deutlich in dem außenpolitischen Teil der diesjährigen Jahresbotschaft des russischen Präsidenten an die Föderalversammlung zu spüren. In diesem Teil der Rede Medwedews herrschte ein scharfer Ton. Es ist gewissermaßen sogar sehr gut, dass Obama auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und am Tag, der der freudigste Tag für die nächsten Jahre sein sollte, so eine Botschaft aus Moskau kriegt. Die Frage aber ist die - ob er diese Botschaft verstehen wird?


Dmitri Kossyrew, politischer Kommentator der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti, unter der Überschrift "Medwedew zeigt Härte gegenüber USA" über die Jahresbotschaft des russischen Präsidenten Medwedew.

Kommentar: Der gewählte Vizepräsident Joe Biden hatte es am 19. Oktober vorhergesagt:
Mark my words. It will not be six months before the world tests Barack Obama like they did John Kennedy. (...) Watch, we're gonna have an international crisis, a generated crisis, to test the mettle of this guy.

Halten Sie fest, was ich jetzt sage. Es wird keine sechs Monate dauern, bis die Welt Barack Obama prüft, wie sie John Kennedy geprüft haben. (...) Geben Sie Obacht, es wird eine internationale Krise geben, eine herbeigeführte Krise, um dem Mann auf den Zahn zu fühlen.
Es scheint, daß Putin und sein Medwedew keine sechs Monate gewartet haben. Wohl nicht, was die eigentliche Krise angeht. Aber einen kleinen Vorgeschmack bekommt Obama schon jetzt.

Medwedew verkündete am Tag nach dem Wahlsieg von Obama nicht nur, daß Rußland im Gebiet von Kaliningrad (Königsberg) "Iskander"- Raketen aufstellen werde, die eine Reichweite von 300 km haben, also Polen unmittelbar bedrohen, und die dazu dienen sollen, "das geplante US-Raketenabwehrsystem in Europa zu neutralisieren".

Wichtiger - und in den hiesigen Medien wenig beachtet - ist der Zusammenhang, den Medwedew zwischen diesen Raketen, der Krise im Kaukasus und dem internationalen Finanzsystem hergestellt hat. Kossyrew schreibt dazu:
Einerseits sind in der Rede des russischen Präsidenten die Motive zur Sprache gebracht worden, die eigentlich schon allseits bekannt sind, insbesondere, was die Installierung des Raketenabwehrschildes in Polen und Tschechien betrifft. Obwohl, merkwürdig... In einem Satz sind quasi die Finanzkrise und die Krise im Kaukasus vereint worden. So etwas gab es noch nie. (...) Es gibt noch zwei Zitate, die deutlich zeigen, dass in Russland die beiden Krisen im Prinzip als etwas empfunden werden, was miteinander eng verbunden ist. (...)

Man kann also zu dem Schluss kommen, dass Russland - und nicht nur allein Russland - eine gewisse Angst verspürt, dass die USA versuchen würden, aus der Krise auf nicht ganz finanzielle Art und Weise herauszukommen, genau gesagt, dass Washington versuchen könnte, diesen "Knoten" militärisch durchzuschlagen. Wo konkret? Im Kaukasus? (...)

Der russische Vizeaußenminister Grigori Karassin kündigte bereits an, dass man in Moskau "frische Ideen und Herangehensweisen" vom neuen US-Präsidenten erwarte, insbesondere in Bezug auf die kompliziertesten Konflikte der Außenpolitik. Sobald dieser Prozess beginnt, werden die Töne aus Moskau einen sanfteren Klang haben.
Die Botschaft ist deutlich: Im Kaukasus wird sich Rußland von den USA nicht mehr hineinreden lassen. Falls die Polen glauben, sie seien durch die Aufstellung von US- Abwehrraketen auf ihrem Gebiet vor Rußland sicherer, dann irren sie; sie werden jetzt erst recht bedroht werden.

Erst wenn Obama einsieht, daß er als Präsident in Ost- und Südosteuropa nichts verloren hat, werden "die Töne aus Moskau einen sanfteren Klang haben". Und die russische Bereitschaft oder Weigerung, bei der Lösung der Finanzkrise zu kooperieren, ist Zuckerbrot und Peitsche in einem, um ihn bei diesem Lernprozeß zu unterstützen.



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22. Oktober 2008

Wie Wladimir Putin aus einer Luftwaffenbasis ein Sanatorium zauberte, und aus dem Sanatorium wieder einen Militärstützpunkt. Ein Lehrstück

Kennen Sie Gudauta? Nein? Dann lesen Sie hier die Geschichte der seltsamen Verwandlung von Gudauta.

Gudauta ist eine Stadt in Georgien. Ein Badeort, eine Kleinstadt, nordwestlich der Provinzhauptstadt Sukhumi am Schwarzen Meer gelegen. Die Vignette zeigt das Rathaus im Zentrum Gudautas.

"Eine Stadt in Georgien" stimmt allerdings nicht ganz. Oder vielmehr: Man kann darüber streiten, ob es stimmt. Gudauto liegt nämlich in Abchasien. Und Abchasien ist zwar eine Provinz Georgiens, aber die dort im Augenblick Herrschenden haben die Unabhängigkeit der Provinz erklärt.

Mit der internationalen Anerkennung hapert es allerdings noch etwas. Bisher wurde Abchasien nur von Rußland und von Nicaragua als Staat anerkannt. Ob sich das noch sehr ändern wird, ist fraglich; denn die Vermutung liegt nahe, daß die Unabhängigkeit nur ein Schritt auf dem Weg zur Einverleibung Abchasiens in die Russische Föderation ist.



Womit ich beim Thema bin. Das Interessante an Gudauta ist nämlich nicht seine Qualität als Badeort, sondern der Umstand, daß sich dort eine russische Militärbasis befindet. Das heißt, eigentlich dürfte sich dort gar keine russische Militärbasis befinden.

Bei Gudauta liegt der Luftwaffen- Stützpunkt Bombora, auf dem zu Sowjet- Zeiten das 345. Luftwaffen- Garderegiment stationiert war. Als Georgien die Unabhängigkeit erlangt hatte, blieb der Stützpunkt zunächst erhalten; aber Georgien wollte keine russischen Truppen im Land haben und drängte auf die Aufgabe aller russischer Militärbasen auf seinem Territorium.

Es gab ein diplomatisches Hin und Her, und im Jahr 1999 erklärten sich die Russen schließlich auf einer Konferenz der OSZE in Istanbul damit einverstanden, den Stützpunkt zusammen mit anderen Basen auf georgischem Boden aufzugeben.

So steht es in dem betreffenden Artikel der Wikipedia, und das ist auch das Aktuellste, was man dort findet, nebst dem Schlußsatz: "The Gudauta base remains one of the main problems in complicated Russian- Georgian relations"; die Basis bleibe eines der Hauptprobleme innerhalb der schwierigen Beziehungen zwischen Rußland und Georgien.



Wieso bleibt Gudauta ein Problem, wo doch die Russen sich vor fast zehn Jahren verpflichtet hatten, ihre Militärbasis zu räumen?

Tja.

Was eigentlich in Gudauto nach dem Istanbuler Abkommen los war, wußte niemand so recht. Die Russen jedenfalls zeigten sich mit den Ergebnissen der Konferenz von Istanbul zunehmend unzufrieden und forderten Neuverhandlungen, zu denen schließlich im Juni 2007 eine außerordentliche Konferenz der Unterzeichner des KSE-Vertrags in Wien zusammentrat. Was sich dort abspielte, hat damals Jean-Christophe Peuch detailliert im Informationsdienst Eurasia.Net berichtet.

Danach erklärten die Russen, sie hätten die Basis Gudauta aufgegeben und betrieben die Anlage jetzt als Sanatorium für Offiziere im Ruhestand.

Die Nato- Staaten wollten, daß das durch eine Inspektion bestätigt werde. Die Russen reagierten so, wie die sowjetische Diplomatie zu reagieren pflegte: Sie sagten nicht ja, nicht nein. Die Georgier wollten unbedingt mit eigenen Inspektoren beteiligt sein; das wiesen die Russen zurück.

Der russische Verhandlungsführer, Armeegeneral Wladimir Nikischin, sagte Jean- Christophe Peuch: "We are not against such a mission provided it brings necessary, useful and -- most importantly -- fair results" - die Russen seien nicht gegen eine solche Mission, vorausgesetzt, sie erbringe notwendige, nützliche und vor allem faire Ergebnisse. Man durfte dreimal lachen.

Es ging in Wien aus wie das Hornberger Schießen. Es wurden keine Inspektionen vereinbart, und man wußte weiter nicht, was denn in dem Sanatorium Gudauta so vor sich ging.

Gut ein Jahr nach der Wiener Konferenz, im August dieses Jahres, marschierte Rußland in Georgien ein und besetzte Abchasien. Und nun erfahren wir, wie es mit dem Sanatorium weitergegangen ist.

Gestern nämlich berichtete darüber die georgische Zeitschrift "The Financial" in ihrem Internet- Portal FinChannel.Com:
Abkhazia to Host Two Russian Bases – Shamba
According to Civil Georgia, Russia will station troops in Abkhazia at two military bases – in Gudauta and Ochamchire, Sergey Shamba, the breakaway region’s foreign minister, said on October 21. Russian troops will also have outposts in upper Kodori Gorge, he said, according to the Abkhaz official news agency, Apsnipress. Russia will have 3,800 servicemen in Abkhazia, Shamba said. (...) He also said that it was planned, as envisaged in a partnership and cooperation treaty with Russia, to sign an agreement with Russia that would pave the way for Russian assistance in protecting the Abkhaz border with Georgia.

Schamba: Abchasien wird zwei russische Basen aufnehmen
Laut Civil Georgia wird Rußland Truppen auf zwei Militärbasen stationieren - in Gudauta und Ochamchire. Das sagte Sergej Schamba, der Außenminister der abtrünnigen Region, am 21. Oktober laut der abchasischen amtlichen Nachrichtenagentur Apsnipress. Die russischen Truppen würden des weiteren Außenposten in oberen Teil der Kodori- Schlucht einrichten. Wie Schamba sagte, wird Rußland 3.800 Mann in Abchasien stationieren. (...) Er sagte ebenfalls, daß es, wie in dem Vertrag für Partnerschaft und Zusammenarbeit vorgesehen, beabsichtigt sei, einen Vertrag mit Rußland zu unterzeichnen, der den Weg dafür ebnen werde, daß Rußland sich daran beteiligt, die abchasische Grenze zu Georgien zu schützen.



Ich finde diese Geschichte in mehrfacher Hinsicht interessant.

Erstens zeigt sie, auf welche planmäßige, langfristig angelegte Weise Rußland dabei vorgeht, die alten sowjetischen Machtpositionen wieder einzurichten.

Zweitens arbeitet die russische Diplomatie exakt so, wie man es aus Sowjetzeiten kennt: Man macht scheinbar Zugeständnisse, die dann nicht eingehalten werden. Es werden vage Versprechungen formuliert. Solange man schwach ist, zeigt man sich konziliant, und sobald man in einer Position der Stärke ist, ist es vorbei mit dem Entgegenkommen. Auch dumme Lügen wie die vom Sanatorium werden nicht verschmäht.

Abchasien dürfte für die Russen mindestens so wichtig, wahrscheinlich wichtiger sein als Südossetien. Man hat das Tamtam in Südossetien veranstaltet und sich hinter diesem Sperrfeuer ohne großen Widerstand des Westens Abchasien unter den Nagel gerissen.

Drittens ist die Geschichte des Stützpunkts Gudauta bezeichnend für das Verhalten der europäischen Gegenspieler Rußlands. Die das eben nicht sind. Die sich hinhalten, die sich einwickeln lassen und dann die vollendeten Tatsachen, die die Russen schaffen, mehr oder weniger achselzuckend hinnehmen.

Und das ist vielleicht der Hauptunterschied zur Zeit des Kalten Kriegs. Damals hatten die Russen es mit einem entschlossenen Westen zu tun. Heute gibt es bei uns nicht wenige, die wohlwollend zusehen, wie die Russen ihre "berechtigten Interessen" verfolgen.



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10. Oktober 2008

Georgien und der russische Imperialismus (2): "Mit dem Rückzug ist es vorbei". Igor Maximytschew stellt die Frage von Leben und Tod

Der Ausgangspunkt des ersten Teils war eine Bemerkung von Helmut Schmidt zur geographischen Lage Georgiens: Es sei "kein Teil Europas, sondern ein Teil Asiens"; so hatte er es gegenüber Giovanni die Lorenzo gesagt, und so war es letzte Woche im "Zeit- Magazin" zu lesen gewesen. Der Kontext des Interviews zeigte, daß Schmidts Interesse allerdings nicht der Geographie galt, auch nicht der Kulturgeschichte, sondern - wie auch anders - der Außenpolitik.

Seine Überlegungen liefen darauf hinaus, daß wir uns nicht "über die Einflußsphären [von] Großmächte[n] hinwegsetzen" sollten. Und Georgien, so implizierte es Schmidt, gehört nun einmal zur russischen Einflußsphäre. Schon weil es ein asiatisches Land sei, habe es nichts in der Nato zu suchen.

Als ich das las, habe ich mich gefragt, welche Länder wohl zur deutschen Einflußsphäre gehören. Polen? Österreich? Dänemark, Holland und Belgien? Oder vielleicht nur Luxemburg?

Oder meint Schmidt, daß zwar Rußland (Brutto- Inlandprodukt 2007: 1.290 Milliarden Dollar) Anrecht auf eine "Einflußsphäre" hat, aber nicht Deutschland (Brutto- Inlandprodukt 2007: 3.322 Milliarden Dollar)?



Von Einflußsphären sprach man im 19. und im 20. Jahrhundert. Im Zeitalter der Globalisierung ist dieser Begriff ebenso obsolet, wie es der Kolonialismus ist, den das Vereinigte Königreich und Frankreich Mitte des 20. Jahrhunderts aufgaben, Rußland aber erst Anfang der neunziger Jahre.

Die Sowjetunion war der Erbe des zaristischen Kolonialreichs gewesen, das sich in nichts von dem der Briten und Franzosen unterschieden hatte - außer, daß die Kolonialgebiete, geographisch bedingt, nicht in Übersee lagen, sondern um das Mutterland herum. Und daß sie dann später von der Sowjetunion zu "Sowjetrepubliken" erhoben wurden.

Hinzu kam die Beute des Zweiten Weltkriegs - die Satellitenstaaten, die überwiegend nie zu Rußland gehört hatten, die nun aber innerhalb des Warschauer Pakts so etwas wie Vasallen- Völker der Sowjetunion wurden.

Sie konnten sich, ebenso wie ein Teil der russischen Kolonialvölker, in den neunziger Jahren befreien. Und sind seither wie diese verständlicherweise in Sorge, daß ihr alter Kolonialherr sich erneut zu ihrem Herren aufschwingen könnte, daß die vorerst nicht mehr so mächtige Vormacht wieder erstarken und ihre "Einflußsphäre" wieder herstellen könnte.

Dies scheint aber nicht die Sicht Helmut Schmidts zu sein. Er sieht - jedenfalls in diesem Interview - die Dinge aus russischer Perspektive.

Aus einer ähnlichen Perspektive vielleicht, wie sie Igor Maximytschew entworfen hat.



In Berlin gibt es seit 1992 einen Verein namens "Berliner Freunde Rußlands", der im "Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur" residiert und laut Satzung "die humanistischen und völkerverbindenden Traditionen deutsch- russischer und deutsch- sowjetischer Freundschaft weiter[führt]".

In diesem Verein fand am 2. Februar dieses Jahres eine bemerkenswerte Veranstaltung statt. Ein Vortrag, den die Freunde Rußlands gemeinsam mit u.a. der Rosa- Luxemburg- Stiftung veranstalteten, der parteinahen Stiftung vormals der PDS und jetzt von "Die Linke", vergleichbar der Konrad- Adenauer- Stiftung der CDU und der Friedrich- Naumann- Stiftung der FDP.

Daß ein Verein, der sich laut Satzung der Freundschaft mit dem heutigen, also mit einem vom Kommunismus befreiten Rußland widmet, zu einem Vortrag zusammen mit einer kommunistischen Organisation einlädt, ist für sich genommen interessant. Noch bemerkenswerter wird es durch die Person des Vortragenden, laut Ankündigung "Prof. Dr. Igor Maximytschew, Gesandter a.D.".

Gesandter war Maximytschew in Ostberlin, in jener Botschaft, die in der DDR als Statthalterei der UdSSR fungierte. Hier das Wichtigste über ihn:
Prof. Dr., geb. 1932, von 1956 bis 1993 im diplomatischen Dienst der UdSSR bzw. Russlands, u.a. 1987-1992 Gesandter an der Botschaft Unter den Linden in Berlin. Seit 1993 Leiter des Bereichs "Europäische Sicherheit" am Europa- Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau.
Also ein ehemals sowjetischer, jetzt russischer Deutschland- Experte. Wie es nicht selten ist, nach Ende seiner diplomatischen Karriere in eine hochrangige Berater- Position gewechselt.

Während der Tage der Wende erreichte Maximytschew eine gewisse Berühmtheit; in der TV-Produktion "Deutschlandspiel" von Hans C. Blumenberg, die im Jahr 2000 die damaligen Ereignisse rekonstruierte, wurde er von Peter Ustinov verkörpert.

In Deutschland geriet er danach ein wenig in Vergessenheit, bis er - mit seiner Erfahrung, seiner hochrangigen Stellung, seinem blendenden Deutsch die ideale Besetzung - am 28. August dieses Jahres bei Maybrit Illner die russische Position zur Invasion Georgiens vertrat.

Und zwar wie! Die "Netzeitung" berichtete am 29. August:
Der sowjetische und russische Gesandte in Ost- Berlin, Igor Maximytschew vertrat bei Maybritt Illner eine harte Position. Russland werde keine Konzessionen mehr an den Westen machen. "Mit dem Rückzug ist es vorbei", sagte Maximytschew bei und fügte hinzu: "Russland steht mit dem Rücken zur Wand. Seit der Zeit Gorbatschows war das Land auf dem Rückzug. Wir gaben alles, was von uns gefordert wurde in der Hoffnung, dass das belohnt wird, dass wir als Partner betrachtet werden." Am Ende habe aber gestanden, "dass Russland aussätzig ist und dass alles, was da geschieht, verdammungswürdig ist", sagte der frühere Diplomat, der heute am Europa-Institut in Moskau tätig ist.
Im Anschluß an die Sendung stand Maximytschew für Fragen im Internet zur Verfügung. Seine Antworten sollte man aufmerksam lesen; zum Beispiel diese beiden:
Frage: Was meinen Sie zu den Befürchtungen, die Estland nun hegt, dass es dort zu einer gleichen Situation, wie in Georgien kommen könnte, angesichts der russischen Minderheiten und den anhaltenden Spannungen zwischen Russland und Estland?

Maximytschew: Solange uns Estland nicht angreift, fürchte ich keine größere Auseinandersetzung.

(...)

Frage: Herr Maximytschew, was meinen Sie mit Genozid im Zusammenhang Georgen / Südossetien, und würde Sie das Vorgehen Russlands in Tschetschenien auch als Genozid bezeichnen?

Maximytschew: Schlagen Sie das im Wörterbuch nach.
So diplomatisch anwortete er, der alte Diplomat Maximytschew. In dem Vortrag, den er am 2. Februar bei den Freunden Rußlands hielt, redete er hingegen Tacheles.

Und machte sichtbar, wie er als Deutschland- Experte, als Sicherheits- Experte des Kreml die strategische Lage Rußlands sieht. Er entwarf ein Bild, in dem Georgien nur ein Mosaikstein ist.

Der Vortrag hieß "Der Vertrag von Brest 1918 und das Problem der europäischen Sicherheit heute". Am Ende zog Maximytschew dieses düstere Fazit:
Der Vertrag von Brest ist leider keine graue Vergangenheit. Sein Gespenst geht in Europa um und nicht nur in Europa. Der Geist von Brest und seine möchte- gern- Vollstrecker sind gefährlich nah an die Machthebel der Welt plaziert. Nicht nur Rußland, sondern auch die ganze übrige Welt muß sich diese Realität vor Augen halten, denn diese Situation stellt an uns alle die Frage von Leben oder Tod.
Die Frage von Leben oder Tod. So sieht Maximytschew die Situation Rußlands. Und viel spricht dafür, daß Wladimir Putin sie genauso sieht und daß sein Vorgehen in Georgien dieser Sicht entstammt.



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4. Oktober 2008

Georgien und der russische Imperialismus (1): Wo liegt Georgien? Über eine eigenartige Bemerkung Helmut Schmidts

"Es wird zum Beispiel allen Ernstes debattiert, Georgien in die Nato aufzunehmen. Georgien ist aber kein Teil Europas, sondern ein Teil Asiens. Der Nordatlantik- Vertrag spricht davon, daß man andere europäische Staaten aufnehmen kann, von asiatischen Staaten ist dort keine Rede". Das sagte Helmut Schmidt in "Auf eine Zigarette" zu Giovanni di Lorenzo ("Zeit-Magazin" 41/2008, S. 54).

Georgien gar kein Staat Europas, sondern ein asiatisches Land? Wenn ein Mann wie Helmut Schmidt das sagt, dann gibt das zu denken. Und es gibt sozusagen zu lesen; nachzulesen nämlich, ob Schmidt Recht hat.

In Deutschland gibt es gegenwärtig wohl kaum jemanden, dessen Wort so viel gilt wie das Helmut Schmidts. Als Kanzler wurde er geschätzt, heute wird er verehrt.

Zu Recht. Niemand verbindet so wie er lange politische Erfahrung, analytischen Scharfsinn, die Weisheit des Alters und die Kunst, das Wesentliche zu sehen und es griffig zu formulieren.

Hat er am Ende auch damit Recht, daß Georgien gar kein europäisches Land ist? Sehen wir zu. Betrachten wir die Frage zunächst unter dem historisch- kulturellen und dann unter dem geographischen Aspekt.



Historisch war Georgien Teil des Kulturkreises der griechisch- römischen Antike.

Der westliche Teil Georgiens war den Griechen als das Kolchis bekannt, in das Jason und die Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies wollten. Das Land wurde von Griechen kolonisiert; der jetzt durch die russische Invasion in die Schlagzeilen geratene Hafen Poti zum Beispiel ist das griechische Phasis.

Zur Zeit Alexanders des Großen war Griechisch eine der Landesprachen in Kolchis. Später dann wurde es als die Provinz Lazicum Teil des Römischen Reichs.

Nun, auch die heutige Türkei war einmal an ihren Küsten griechisch kolonisiert und gehörte später zum Römischen Reich. Aber durch das Eindringen der Araber und später der Seldschuken wurde Anatolien ein Teil des islamischen Kulturkreises.

Nicht so Georgien. Es ist eines der ältesten christlichen Länder; und es ist immer ein christliches, ein unserem Kulturkreis angehörendes Land geblieben.

Beide Staaten auf dem Territorium des heutigen Georgien - Kolchis und Iberien -, führten das Christentum als Staatsreligion bereits Anfang des vierten Jahrhunderts ein; früher als die meisten Länder außerhalb des Römischen Reichs.

In der Folgezeit wurde der Kaukasus, so wie heute, Schnittpunkt von Weltmacht- Interessen. Georgien war umstritten zwischen dem Persischen Reich und dem Reich der Seldschuken, die Anatolien erobert hatten.

An der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert dann entstand unter König David Agmaschenebeli das selbständige, vereinte, christliche Georgien mit einer eigenständigen Orthodoxen Kirche. Um die Wende zum 13. Jahrhundert war es unter Königin Tamar der stärkste christliche Staat im gesamten Gebiet der östlichen Mittelmeer- Region.

In den folgenden Jahrhunderten blieb Georgien eines der wenigen christlichen Länder in dieser Region, immer unter Attacke seitens der Ottomanen und der Perser.

Immer aber ein christlicher Staat, und immer selbständig. Bis es 1801 von Rußland annektiert wurde, von dem es seine Unabhängigkeit erst wieder 1918 erlangte. Freilich nur kurz, bis 1921. Dann kamen die Russen zurück, jetzt als Sowjets. Seit dem 9. April 1991 ist Georgien wieder selbstständig.

Europäischer kann ein Land kaum sein.

Ein Vorposten Europas freilich, immer von Asien her bedroht - aus dem Osten von den Persern, aus dem Süden von den Seldschuken und Ottomanen. Gerade deshalb ein besonders bewußt europäisches Land.

Geschichtlich und kulturell gesehen ist Helmut Schmidts Behauptung, Georgien sei ein asiatisches Land, nicht nur eigenartig. Sie ist nachgerade abwegig.



Nun kann man argumentieren, die Grenze zwischen Europa und Asien sei nicht kulturell definiert, sondern geographisch. So, wie generell die Kontinente nach geographischen Kriterien voneinander abgegrenzt werden.

Nur, nach welchen? Bei Kontinenten wie Amerika und Australien ist das einfach, weil sie von den anderen durch Ozeane getrennt sind. Afrika und Asien lassen sich immerhin durch die Landenge zwischen Mittelmeer und Rotem Meer auf eine einigermaßen "natürliche" Weise abgrenzen, die seit 1869 vom Suezkanal markiert wird.

Aber Europa und Asien? Man kann mit guten geographischen Gründen argumentieren, daß Europa eigentlich eine Halbinsel Asiens sei. Da es nun aber einmal traditionell den Erdteil Europa gibt, hat man ihn mehr schlecht als recht durch Gebirgszüge abzugrenzen versucht: Den Ural im Osten und den Kaukasus im Süden. Dazwischen Flüsse, die die Grenze markieren.

Nun liegt Georgien allerdings mitten im Kaukasus. Somit hilft uns das noch nicht viel weiter.

Wo also verläuft sie exakt, die Grenze Europas am Kaukasus? So macht die Frage nicht viel Sinn; denn es handelt sich ja nur um eine gedachte, eine willkürlich festzulegende Grenze. Und beim Denken, beim Definieren sind sich selten alle einig.

So auch hier. Es gibt - man kann das in der Wikipedia nachlesen - ganz verschiedene Vorstellungen davon, wo genau diese Kaukasus- Grenze Europas verläuft.

Vom Zaren mit der Kartierung Rußlands betraut, hat der Geograph Philip Johan von Strahlenberg sie im Jahr 1730 einigermaßen willkürlich in die Manytschniederung nördlich des Kaukasus gelegt.

Andere sehen die Grenze südlich des Kaukasus. Viele heutige Geographen ziehen sie entlang der Gipfellinie des Kaukausus ("Meso- Kaukasus- Grenze").

Der Artikel über Georgien in der Wikipedia beginnt mit dem Satz: "Georgia is a transcontinental country in the Caucasus region, partially in Eastern Europe and partially in Southwestern Asia." (Georgien ist ein transkontinentales Land im Gebiet des Kaukasus, teils zu Osteuropa und teils zu Südwestasien gehörig). Die Europakarte der Wikipedia zeigt, daß Georgien ziemlich genau zur Hälfte (der europäische Teil ist etwas größer) in dem (so abgegrenzten) Europa und in Asien liegt.

Georgien ist im übrigen seit 1999 Mitglied des Europarats.



Was also mag Helmut Schmidt sich bei seiner Behauptung gedacht haben, daß Georgien "kein Teil Europas, sondern ein Teil Asiens" sei? Er sagt es im nächsten Satz: Es geht ihm nicht um Geographie; sondern es geht ihm um seine Ablehnung eines Beitritts Georgiens zur Nato. Und diesen lehnt er ab, weil er dagegen ist, sich (so sagt er es in dem Interview) "über die Einflußsphären [von] Großmächte[n] hinweg[zu]setzen".

Schmidt sieht das Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland aus der Sicht eines Teilnehmers am Zweiten Weltkrieg, der an der Ostfront kämpfte und für den ein gutes Verhältnis zu Rußland oberste Priorität hat: "Beide haben schrecklich gelitten und wissen das auch voneinander."

Deshalb fürchtet er offenbar eine neue Konfrontation mit Rußland; deshalb will er den Russen ihre "Einflußsphäre" zubilligen. Und deshalb verlegt er Georgien nach Asien; denn dann kann es gar nicht der Nato beitreten, sondern gehört zwangsläufig zur russischen "Einflußsphäre".

Auch der große Helmut Schmidt ist halt ein Politiker, der manchmal nicht von den Fakten zu den Zielen gelangt, sondern der die Fakten sub specie seiner Ziele darstellt.

Helmut Schmidt möchte, so scheint mir, zur endgültigen Sicherung des Friedens eine Versöhnung Deutschlands mit Rußland ähnlich derjenigen, die einst unter den Kanzlern von Adenauer bis Kohl mit Frankreich gelang.

Was ja schön und sehr erstrebenswert ist. Oder vielmehr, was es wäre, wenn in Rußland noch Gorbatschow regierte.

Daß dort inzwischen ein autoritärer Herrscher an der Macht ist, der es sich offensichtlich zum Ziel gesetzt hat, nach dem Imperium der Zaren und dem der Sowjets ein drittes Russisches Reich zu schaffen, unter Einschluß der osteuropäischen Teile dieser beider früherer Imperien - das scheint Helmut Schmidt nicht zu sehen oder nicht sehen zu wollen.

Im zweiten Teil gehe ich auf diese neue russische Sicht der strategischen Lage in Osteuropa ein, wie sie in den Überlegungen eines russischen Europa- Experten zum Ausdruck kommen.



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25. August 2008

Kriegsschuld und Kriegsziele in Georgien: Alternative Erklärungsmuster

Die Frage der Schuld am Krieg in Georgien ist weiter ungeklärt.

Die russische Version, wonach Georgien in der Nacht zum 8. August überfallartig in Südossetien einmarschierte und die russische 58. Armee das militärische Wunder fertigbrachte, als Reaktion darauf bereits am Nachmittag des 8. August mit Bodentruppen vor Tschwinwali zu stehen, scheint immer noch weithin akzeptiert zu werden.

An diesem offenbar schwer zu erschütternden Glauben hat bisher noch nicht einmal der Umstand gerüttelt, daß beim Beginn des Kriegs die georgische Armee folgendermaßen verteilt war:

Die Erste Brigade stand im Irak. Die Vierte Brigade befand sich im Training, um im Austausch gegen die Erste Brigade in den Irak verlegt zu werden. Die Zweite Brigade und die Dritte Brigade lagen in Westgeorgien, näher an Abchasien als an Südossetien.

Also nicht unbedingt der klassische Aufmarsch für einen Angriff auf Südossetien, bei dem angesichts des vorausgehenden russischen Manövers "Kaukasus 2008" in Nordossetien mit der Notwendigkeit gerechnet werden mußte, eine russische militärische Reaktion abzuwehren.

Wie auch immer - diese Version wird fast allgemein geglaubt. Die Version der Georgier scheinen dagegen viele Journalisten gar nicht zu kennen. Diese nämlich:

In der Nacht zum 8. August dringen russische Truppen durch den Roki- Tunnel nach Georgien ein. Präsident Saakaschwili telefoniert daraufhin u.a. mit Condoleezza Rice und dem Nato- Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer, um sich bei ihnen Rat zu holen.

Danach setzt er (gegen den Rat von zumindest Rice) georgische Truppen in Marsch, die den Russen den Weg abschneiden sollen und zu diesem Zweck (Sprengung einer strategisch wichtigen Brücke nördlich von Tschinwali) nach Tschinwali vorrücken. Beim Kampf um Tschwinwali beschießen beide Seiten die Stadt; die Zerstörungen gehen überwiegend auf das Konto der Russen.

Mir erscheint diese Version erheblich schlüssiger als die russische, zumal sie durch zahlreiche weitere Indizien gestützt wird.

Aber nun gut, bewiesen ist keine der beiden Versionen. Lassen wir einmal offen, wer diesen Krieg begonnen hat, und fragen wir uns nach den Kriegszielen. Die der Georgier liegen auf der Hand: Sie wollen wieder Herr im eigenen Land sein. Welches sind aber die Kriegsziele der Russen?

Dazu sind am Wochenende zwei interessante Analysen zu lesen gewesen.



Am Freitag erschien in der Washington Post die Kolumne von Charles Krauthammer "NATO meows", die NATO macht miau. Darin nennt er drei Kriegsziele der Russen:
Russia's aims are clear: (1) sever South Ossetia and Abkhazia from Georgia for incorporation into Russia; (2) bring down Georgia's pro-Western government; and (3) intimidate Eastern European countries into reentering the Russian sphere of influence.

Die Ziele Rußlands sind klar: (1) Südossetien und Abchasien von Georgien abtrennen, um sie Rußland einzuverleiben; (2) die prowestliche Regierung Georgiens stürzen; und (3) Länder Osteuropas durch Einschüchterung zurück in die russische Einflußsphäre holen.
Das erste Ziel, meint Krauthammer, sei erreicht. Georgien werde seine Provinzen nicht wiederbekommen; sie würden schon bald von Rußland geschluckt werden. Das dritte Ziel sei vorläufig nicht erreicht, weil die Osteuropäer sich mit Georgien solidarisierten und sich enger an die USA anschlössen. Bleibe Ziel Nummer zwei, und um dieses werde es in den nächsten Wochen gehen.

Rußland sei dabei, Georgien zu strangulieren. Gelinge das, dann würden, meint Krauthammer, auch die Länder Osteuropas sich überlegen, ob es für sie nicht besser sei, sich mit den Russen zu arrangieren. Dann hätten diese alle drei Ziele erreicht.

Deshalb, argumentiert Krauthammer, ist es so wichtig, daß die Nato gegenüber Rußland endlich die Krallen zeigt. Aber nein, sie mache nur miau.



Krauthammers Überlegungen vom Freitag werden ergänzt durch einen Artikel, der am Sonntag in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erschienen ist. Der Autor, Gerd H. Köpper, ist emeritierter Professor für Journalistik und beleuchtet das Thema mit Blick auf die Medien.

Diese, so meint er, seien zwar auf der Hut, nicht auf Kriegslügen hereinzufallen. Auf Kriegslügen der herkömmlichen Art allerdings, in Bezug auf das Vermitteln von "Abläufen, von Ereignissen, von verlautbarten Entscheidungen und sichtbaren Veränderungen bei den Kriegsparteien".

In Georgien aber operierten die Russen auch auf anderen Ebenen:
Es kommen zwei wirkungsvolle Ebenen hinzu: Strategien der Delegitimierung und Optionen eines Wirtschaftskrieges. (...)

Das strategische Kernziel ist, die georgische Regierung zu deligitimieren. Westliche Beobachter stoßen auf deutliche Unmutsäußerungen in der Bevölkerung: Die fehlende Grundversorgung, die durch die Zerstörung der Verkehrssysteme durch russische Militäreinheiten, durch Blockaden der wichtigsten Transversalen im Lande und durch die Stilllegung des zentralen Umschlaghafens Poti erreicht wurde, ist der Grund dafür.
Köpper interpretiert (siehe dazu auch meinen ersten Beitrag zum Georgien- Krieg vom 9. August) den Georgien- Krieg als einen postkolonialen Krieg. Wie in den postkolonialen Kriegen zum Beispiel in Afrika gehe es jetzt Rußland darum, eine bestehende Regierung zu delegitimieren, bis sie stürzt und durch eine genehme ersetzt werden kann.

Die Medien aber würden das überwiegend nicht erkennen:
Das Geschehen im Kaukasus ist ein postkolonialer Machtkampf. Damit stellen sich für die neutralen Berichterstatter neue Anforderungen. (...) Zu dieser neuen Art der Berichterstattung würde gehören, den Zusammenhang kenntlich zu machen zwischen einer gezielten Verunsicherung der Bevölkerung in den von Russland militärisch besetzten Landesteilen allein durch Straßenblockaden und Hindernisse im Alltagsleben -, und dem Stillstand der Fabriken und Handelszentren. Dieser systematische Zusammenhang ist Teil eines Wirtschaftskrieges, der ein augenfälliges Ziel verfolgt. Von diesem Krieg war wenig zu erfahren.


Wieder einmal geht es um den Master Narrative, das allgemeine Schema zur Einordnung und zur Interpretation der Ereignisse.

Das Schema, das die Russen lanciert haben und das jedenfalls in Deutschland bereitwillige Abnehmer findet, besagt, daß ein unberechenbarer Präsident Saakaschwili sich in ein militärisches Abenteuer gestürzt hat und dafür von den Russen bestraft wurde, die ihre Bürger geschützt und Schlimmeres verhütet haben und die jetzt als Friedensmacht weiter in Georgien für Ordnung sorgen.

Das Master Narrative, das Autoren wie Krauthammer und Köpper vertreten und dem ich inzwischen (nachdem ich mir anfangs keine Entscheidung zugetraut hatte) ebenfalls zuneige, nimmt hingegen an:

Nach zehn Jahren der Aufrüstung fühlt sich Putin jetzt stark genug, an die Wiederherstellung des russischen Imperiums zu gehen. Georgien bot sich als Testgelände dafür an, wie die Nato reagieren würde, weil Rußland dort in einer militärisch günstigen Position ist.

Die Entscheidung fiel nach der Konferenz von Bukarest, auf der die Nato Georgien den Status "Membership Action Plan" verweigerte und die Entscheidung auf Dezember vertagte. Vor diesem Termin und vor allem vor den Wahlen im November, die möglicherweise McCain zum nächsten Präsidenten der USA machen würden, mußte Putin handeln, wenn er denn Georgien unter seine Kontrolle bringen wollte. Die Zeit der Olympischen Spiele bot sich an.



Nachtrag: In "Zettels kleinem Zimmer" hat jetzt Robin die wichtigsten Quellen zum Ablauf der Ereignisse zusammengestellt. Zum Selbststudium sehr zu empfehlen.



Mit Dank an Thomas Pauli. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

19. August 2008

Zitat des Tages: "Eine Wiederauferstehung des Zarenreichs"

Nous avions cru que la chute des empires ne pouvait profiter qu’à la souveraineté des petits Etats et à la transformation des conflits idéologiques en conflits de proximité. Mais il était évident que tout ce que l’empire soviétique avait perdu avec la chute du mur de Berlin, la nouvelle Russie se disposerait un jour à le regagner dans la résurrection de l’Empire des tsars.

(Wir hatten geglaubt, daß der Fall der Imperien der Souveränität der kleinen Staaten nur würde nützen können, der Transformation der ideologischen Konflikte in nachbarschaftliche Konflikte. Aber es lag auf der Hand: Alles das, was das sowjetische Imperium mit dem Fall der Berliner Mauer verloren hatte, das würde eines Tages das neue Rußland wiederzugewinnen trachten, in Form einer Wiederauferstehung des Zarenreichs.)

Der Herausgeber des Nouvel Observateur, Jean Daniel, gestern in der Internetausgabe seiner Zeitschrift.

Kommentar: Politisch stehe ich dem großen Linken Jean Daniel nicht sehr nahe; aber ich bewundere seit Jahrzehnten seinen Scharfsinn, seine Sprachkraft, seinen Humanismus und vor allem seine unbestechliche Ehrlichkeit. Im Juli wurde er 88 Jahre, und noch immer ist er so klarsichtig und präzise in seinen Analysen wie in Deutschland sein Generationsgenosse und Geistesverwandter Helmut Schmidt.

Jean Daniel ist ehrlich, wenn er daran erinnert, daß wir vor zwei Jahrzehnten an das Ende des russischen Imperialismus zusammen mit dem Ende des Kommunismus in Rußland glaubten. Ich jedenfalls hatte anfangs fest damit gerechnet, daß à la longue Rußland zu einem Teil Europas, vielleicht sogar zu einem Mitglied der EU werden würde.

Es ist anders gekommen. Im Nachhinein lag, es - auch das sehe ich wie Jean Daniel - auf der Hand:

Rußland ist in seiner ganzen Geschichte ein nach innen autoritär, wenn nicht diktatorisch regiertes und nach außen imperialistisches Land gewesen. Die Kommunisten haben - von der allmächtigen Geheimpolizei über das System der Straflager bis zum Byzantinismus der herrschenden Clique - das Herrschaftssystem der Zaren übernommen; und sie haben deren Imperialismus so konsequent weitergeführt, daß 1989 die Sowjetunion das einzige verbliebene Kolonialreich war.

Es hätte vielleicht - wir wissen ja nicht, was möglich gewesen wäre - gelingen können, diese Tradition zu durchbrechen und in Rußland das nachzuholen, was in Westeuropa im 19. Jahrhundert an politischem Fortschritt stattgefunden hatte.

Es hätte - vielleicht - so sein können. Nur war es nicht so. Heute ist offensichtlich, daß das Rußland Putins sich nicht Westeuropa oder gar die USA zum Vorbild nimmt, sondern die eigene russische Tradition. Es ist alles wieder da - die immer mächtiger werdende Geheimpolizei, die Deportation politischer Gegner nach Sibirien, der Byzantinismus im Kreml. Noch in vergleichsweise milder Form, aber Rußland steht ja auch erst am Anfang seiner Wiedergeburt.

Und dazu gehört es eben auch - spätestens bei Putins Auftritt in München vor eineinhalb Jahren war das zu erkennen -, das verlorene Imperium wiederzugewinnen.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

16. August 2008

Krieg in Georgien: Eine Zwischenbilanz in Zitaten

Anfang dieser Woche habe ich in einer kleinen Serie von Artikeln versucht, die verschiedenen Master Narratives, die allgemeinen Rahmen zur Erklärung der Vorgänge in Georgien, ein wenig zu beleuchten.

Jetzt, am Ende der Woche, möchte ich eine Zwischenbilanz ziehen; und zwar nicht in eigener Schilderung, sondern in Zitaten.

Meine Bewertung liegt in der Auswahl der Zitate. Inzwischen spricht aus meiner Sicht sehr viel dafür, daß es sich um eine geplante Aggression Rußlands handelte.




1. Die Vorgeschichte des Kriegs

18. Juli: Tschetschenische Separatisten teilen auf ihrem Portal mit, sie hätten Dokumente erhalten, die auf eine russische Invasion hindeuteten. Die Invasion solle zwischen dem 20. August und dem 10. September stattfinden. Die Operation sei mit abchasischen Separatisten koordiniert (...) Der Blitzkrieg [deutsches Wort im Original] solle 7 bis 10 Tage dauern.

Aus dem Artikel Wojna w Osetii Południowej 2008 (Krieg in Südossetien 2008) in der polnischen Wikipedia. Deutscher Text auf der Grundlage der Übersetzung von Kane.



... there is sufficient evidence that this massive invasion was preplanned beforehand for August (...). The swiftness with which large Russian contingents were moved into Georgia, the rapid deployment of a Black Sea naval task force, the fact that large contingents of troops were sent to Abkhazia where there was no Georgian attack all seem to indicate a rigidly prepared battle plan.

This war was not an improvised reaction to a sudden Georgian military offensive in South Ossetia, since masses of troops cannot be held for long in 24-hour battle readiness.


... es gibt genügend Indizien dafür, daß diese massive Invasion im Voraus für den August geplant gewesen war (...). Die Schnelligkeit, mit der große russische Kontingente nach Georgien verlegt wurden, der schnelle Aufmarsch der Schwarzmeer- Flotte, die Tatsache, daß große Truppen- Kontingente nach Abchasien entsandt wurden, wo es keinen georgischen Angriff gegeben hatte - das alles deutet auf einen genau ausgearbeiteten Schlachtplan hin.

Dieser Krieg war keine improvisierte Reaktion auf eine unerwartete militärische Offensive Georgien in Südossetien, denn Massen von Truppen können nicht auf Dauer rund um die Uhr in Kampfbereitschaft gehalten werden.


Die russische Novaya Gazeta; englische Übersetzung publiziert am 15. August im Blog Georgia & South Caucasus. (Den Hinweis auf diesen Artikel verdanke ich Califax).



Nach meiner Einschätzung hat man [Georgien] sich provozieren und in eine geschickt gestellte Falle locken lassen. (...) Das militärische Handeln Moskaus in Georgien war auch keineswegs sehr eindrucksvoll, legt allerdings den Verdacht nahe, dass es von langer Hand vorbereitet war.

General a.D. Klaus Naumann am 15. August in einem Interview mit "Spiegel- Online".



One senior U.S. diplomat, who is a good friend of mine, had lunch with [Russian Foreign Minister Sergei] Lavrov, and he said to Lavrov that he was planning to go to Georgia in September. And Lavrov replied, "Too late, there will be a war before then."

Ein hoher US- Diplomat, mit dem ich gut befreundet bin, aß mit [dem russischen Außenminister Sergej] Lawrow zu Mittag, und er sagte Lawrow, daß er für September eine Reise nach Georgien vorhätte. Und Lawrow antwortete: "Zu spät, davor wird es Krieg geben."

Der georgische Präsident Mikail Saakaschwili in einem am 12. August publizierten Interview mit Anna Nemtsova von Newsweek; siehe dazu diesen früheren Artikel.




2. Die Opfer des georgischen Angriffs auf Tschinwali

People from the capital Tskhinvali, which became a battlefield after being attacked by Georgia, are recovering from a nightmare. It’s hard to find a citizen who hasn't lost a relative in the conflict. (...) More than 1600 civilians and 74 peacekeepers have been killed in five days of violence. (...)The Chief Priest of the Province, Father Georgy, says 60% of his parishioners were killed.

Die Menschen aus der Hauptstadt Tschinwali, die nach dem Angriff Georgiens zum Schlachtfeld wurde, erholen sich von dem Alptraum. Man findet kaum einen Einwohner, der in dem Kampf nicht einen Verwandten verloren hat. (...) Über 1600 Zivilisten und 74 Angehörige der Friedenstruppe wurden in den fünf Tagen anhaltenden Kämpfen getötet. (...) Der höchste Priester der Provinz, Pater Georgij, sagte, 60 Prozent seiner Gemeindemitglieder seien ums Leben gekommen.

Der russische Propagandasender Russia Today am 14. August.



"Human Rights Watch" issued a report on Thursday that (...) seemed to indicate that early Russian accounts of casualties, which in the first days of fighting reached 2,000, were far too high. In Tskhinvali, where the heaviest fighting took place, the local hospital received 44 corpses and 273 wounded people from Aug. 6, after clashes between separatists and Georgians, to Aug. 12, the report said, citing a doctor.

"Human Rights Watch" veröffentlichte am Donnerstag einen Bericht, (...) der offenbar zeigt, daß die anfänglichen russischen Angaben über die Zahl der Opfer, die in den ersten Tagen 2.000 erreichten, weitaus zu hoch gewesen waren. In Tschinwali, wo die heftigsten Kämpfe stattfanden, wurden zwischen dem 6. August, als es zu Zusammenstößen zwischen Separatisten und Georgiern gekommen war, und dem 12. August 44 Tote und 273 Verwundete in das örtliche Krankenhaus gebracht. So besagt es der Bericht, der sich auf Ärzte beruft.

Sabrina Tavernise und Matt Siegel in der New York Times vom 15. August.




3. Die russischen Truppen ziehen sich aus Georgien zurück

Declaring that "the aggressor has been punished," President Dmitri Medvedev announced early Tuesday that Russia would stop its campaign. By 2 a.m. on Wednesday, he and his Georgian counterpart, Mikheil Saakashvili, had agreed to a plan that would withdraw troops to the positions they had occupied before the fighting broke out.

Am Dienstag erklärte Präsident Dmitri Medwedew, daß "der Aggressor bestraft worden" sei und daß Rußland seinen Feldzug beenden werde. Am Mittwoch um zwei Uhr nachts hatten er und sein georgischer Kollege Mikail Saakaschwili sich auf einen Plan verständigt, der den Rückzug der Truppen auf die Stellungen vorsah, die sie vor dem Ausbruch der Kämpfe innegehabt hatten.

Andrew E. Kramer und Ellen Barry in der International Herald Tribune vom 13. August.



A Russian military convoy advanced to a village 45 km (30 miles) from Tbilisi on Friday, in the deepest incursion since conflict with Georgia erupted last week. The advance of about 17 armored personnel carriers (APCs) and about 200 soldiers coincided with a visit by U.S. Secretary of State Condoleezza Rice (...).

Ein russischer Truppenkonvoi stieß am Freitag zu einem Dorf 45 km (30 Meilen) vor Tiflis vor. Dies war das tiefste Eindringen, seit der Konflikt mit Georgien letzte Woche ausbrach. Der Vormarsch der ungefähr 200 Soldaten mit 17 Schützenpanzern (APCs) traf mit einem Besuch der US- Außenministerin Condoleezza Rice zusammen (...).

James Kilner in einem Bericht von Reuters, publiziert am 15. August, 21.28 Uhr MEZ



Our ground forces never crossed the border of the conflict zone.

Unsere Bodentruppen haben niemals die Grenze der Konfliktzone überschritten.

Der stellvertretende russische Ministerpräsident Sergej Iwanow laut einem Bericht von Ian Traynor, Luke Harding und Helen Womack im Guardian, publiziert am 15. August, 21.16 MEZ.




4. Fazit

They were a big empire, and they fell, but they can’t stop acting like one.

Sie waren ein großes Imperium, und sie gingen unter, aber sie können es nicht lassen, sich wie eines zu benehmen.

Ein Mann, der nur seinen Vornamen Nukri nennen wollte, aus dem georgischen Dorf Karetezhvyari laut New York Times vom 15. August über die Russen, als er am Donnerstag in sein Dorf zurückkehrte und brennende Häuser vorfand.



From a legal point of view our actions are absolutely well- founded and legitimate and moreover necessary

In rechtlicher Sicht sind unsere Aktionen absolut gerechtfertigt und legitim und darüber hinaus notwendig.

Wladmir Putin, zitiert von Yahoo News am 10. August.



Wissen Sie, mein Problem ist - und das haben alle Kollegen, mit denen ich über den Konflikt spreche, für sich bestätigt -, dass wir wirklich zu wenig Informationen und ein unklares Bild haben.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, Hans- Ulrich Klose, im Interview mit Marcel Burkhardt in der heutigen "Süddeutschen Zeitung".




5. Die beste Zusammenfassung

"Die sich auf Hintergrundberichte und Augenzeugen stützende Presse" geht davon aus, daß die Truppen aus Grosny mit einem StarTrek- Beamer via Raumschiff Enterprise direkt nach Tschinwali gebeamt wurden. Daß die russischen Landungsschiffe, die mehrere Tausend Fallschirmjäger in Ochamchira angelandet haben, einfach vom Himmel gefallen sind - oder von Raumschiff Enterprise an die Küste gebeamt wurden.

Daß die 58. Armee mit ihren ganzen Panzern, Schützenpanzern, Raketenwerfern, Panzerabwehrkanonen, etc. einen engen, steilen und gewundenen Passpfad, für den schnelle und wendige PKW mehrere Stunden brauchen, innerhalb weniger Minuten zurücklegt, bzw. mit einem Beamer von Raumschiff Enterprise direkt aus den Kasernen von Wladikafkas in den Norden von Tschinwali gezaubert wurden.

Komplett mit einem Spetznaz- Regiment aus Moskau, Kosakeneinheiten und Freiwilligen aus Kasachstan und aus Serbien, die nach eigenen Aussagen speziell für diesen Krieg angereist sind. (...)

Man mag den Russen einiges an Zauberei andichten. Aber weder Landungsschiffe noch Panzerkolonnen bewegen sich mit Überschallgeschwindigkeit.


Califax, dessen Blog "The Outside of the Asylum" ich bei dieser Gelegenheit noch einmal nachdrücklich empfehlen möchte, gestern in "Zettels kleinem Zimmer".



Mit Dank an Califax und Kane. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.