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24. Dezember 2008

Helmut Schmidt: Ein großer Kanzler. Aber auf eine andere Art als Adenauer, Brandt, Kohl

War Helmut Schmidt ein großer Kanzler?

Konrad Adenauer war es, der Kanzler des Wiederaufbaus und der Westintegration. Man könnte ihn, ohne zu übertreiben, den "Vater der Bundesrepublik" nennen. Willy Brandt war ein großer Kanzler; der Kanzler eine Liberalisierung unserer Gesellschaft (der "inneren Reformen") und natürlich der Aussöhnung - jedenfalls des Beginns einer Aussöhnung - mit den Staaten Osteuropas. Helmut Kohl war ein großer Kanzler; der Kanzler der deutschen Einheit.

Mit Helmut Schmidt verbindet sich keine solche historische Leistung. Auf den ersten Blick könnte man meinen, er gehöre eher zu den weniger bedeutenden Kanzlern wie Ludwig Erhard und Kurt- Georg Kiesinger. (Von dem bisher einzigen Kanzler, der seinem Amt nicht gewachsen war, Gerhard Schröder, will ich nicht reden).

Aber Helmut Schmidt gilt als einer der großen Kanzler. Liegt es nur an seiner beeindruckenden Persönlichkeit, seiner überragenden Intelligenz? Liegt es daran, daß er in fast drei Jahrzehnten nach dem Ende seiner Kanzlerschaft in die Rolle eines Elder Statesman, ja eines Übervaters der Nation hineingewachsen ist?

Nein. Helmut Schmidt war einer der großen Kanzler. Aber auf eine andere Art als Adenauer, Brandt, Kohl.



Historiker lehnen es meist ab, über ein "Was wäre gewesen, wenn ..." zu spekulieren. Wissenschaftlich ist das unseriös, weil es ins Uferlose, ins nicht Beweisbare und nicht Widerlegbare führt. Aber dem Amateur ist es erlaubt; und auch mancher Historiker erlaubt es sich hier und da. Zum Verständnis der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt ist es unerläßlich.

Die Jahre von 1974 bis 1982, in denen Helmut Schmidt Kanzler war, waren Schicksalsjahre der Bundesrepublik; so wie zuvor nur die ersten Jahre nach ihrer Gründung und die Jahre 1989/1990.

Nach 1949 wurden die Weichen in Richtung auf eine demokratische, kapitalistische, in den Westen integrierte Bundesrepublik gestellt. Um die Jahreswende 1989/1990 entschied sich, ob die Revolution gegen die kommunistische Gewaltherrschaft friedlich bleiben und ob es gelingen würde, den Vier Mächten die Wiedervereinigung abzuringen.

In der Zeit Helmut Schmidts entschied sich, ob die Bundesrepublik der freiheitliche Rechtsstaat bleiben würde, die sie unter den Kanzlern Adenauer, Erhard, Kiesinger und Brandt geworden war.

Schmidt hat nicht gestaltet, er hat verteidigt. Seine Größe als Kanzler liegt darin, daß es ihm gelungen ist, das Bestehende zu erhalten. Daß das "Was wäre, wenn ..." uns erspart geblieben ist.



Die Bundesrepublik war in diesen Jahren dreifach gefährdet; und jede dieser Gefährdungen hätte das Ende des freiheitlichen Rechtsstaats bedeuten können.

Die erste Gefährdung, die Helmut Schmidt abgewehrt hat, wurde in jeder Sendung, in jedem Artikel zu seinem 90. Geburtstag gewürdigt: Er hat standgehalten im Kampf gegen den Terrorismus.

Was aus der Bundesrepublik geworden wäre, wenn sie damals einen Kanzler gehabt hätte, der sich bei der Entführung Hanns- Martin Schleyers auf einen Handel mit den Terroristen eingelassen hätte - ja keine abwegige Vorstellung; zweieinhalb Jahre zuvor hatte es im Fall Lorenz einen solchen Handel gegeben -, das mag man sich nicht ausmalen.

Die Bundesrepublik war in den siebziger Jahren zweitens gefährdet durch die Bestrebungen des linken Flügels der SPD und der linken Flügel etlicher Gewerkschaften, auf dem Weg sogenannter "systemüberwindender Reformen" den Sozialismus einzuführen. Dazu sollte zum Beispiel eine immer weiter gehende Investitionslenkung dienen. An Helmut Schmidt - nicht nur an ihm, aber wesentlich an ihm - sind derartige Pläne gescheitert.

Freilich verlor Schmidt am Ende den Kampf gegen die SPD- Linke, den er gemeinsam mit seinem Wirtschaftsminister, dem Grafen Lambsdorff von der FDP, geführt hatte. Mit dem "Lambsdorff- Papier", einer auch heute noch höchst lesenswerten Abrechnung mit sozialistischen Tendenzen in der SPD (veröffentlicht am 9. September 1982) zog Lambsdorff die Notbremse. Es gelang damit, den Weg in den Sozialismus zu stoppen; aber der Preis war das Ende der sozialliberalen Koalition und damit das Ende der Kanzlerschaft Helmut Schmidts.

Bei den Wahlen, die auf das erfolgreiche konstruktive Mißtrauensvotum gegen ihn folgten, kandidierte Helmut Schmidt nicht mehr. Mit welcher SPD hätte er auch im Fall eines Wahlsiegs (der angesichts der ungeheuren Popularität, die er nach seiner Abwahl erstmals genoß, nicht ausgeschlossen war) seine politischen Vorstellungen realisieren sollen? Und mit welchem Koalitionspartner, nachdem die FDP mit dieser SPD nicht mehr koalieren wollte?

Mit einer SPD - und das war die dritte Gefährdung - die in ihrer großen Mehrheit entschlossen war, Deutschland in eine Situation zu bringen, in der die Sowjetunion uns hätte militärisch erpressen können.



Die Sowjetunion hatte damals - man kann es zum Beispiel im Time Magazine vom 10. Dezember 1979 nachlesen - ein globales strategisches Gleichgewicht mit den USA erreicht. Zu deutsch: Man konnte sich gegenseitig auslöschen; vielfach sogar ("Overkill"). Mit der Aufstellung der SS-20- Raketen zielte die Sowjetunion nun nicht mehr auf den globalen Gegner USA, sondern auf Westeuropa.

Einen nuklearen Angriff der UdSSR hätte Westeuropa selbst nicht nuklear beantworten können; es hatte ja weder eigene Atomwaffen (von der nationalen französischen Force de Frappe abgesehen), noch besaß es auch nur eine integrierte militärische Organisation unabhängig von der Nato. Frankreich dachte nicht daran, die Force de Frappe in einem anderen als dem eigenen nationalen Interesse einzusetzen. Zumal die Bundesrepublik wäre einem solchen Angriff durch die UdSSR also ohne die Möglichkeit zur Gegenwehr ausgesetzt gewesen.

Nuklear antworten können hätten allein die USA. Aber mit einem Gegenangriff hätten sie die Zerstörung des eigenen Landes nicht nur riskiert, sondern unweigerlich herbeigeführt.

Warum sollten die Amerikaner das tun, wenn der sowjetische nukleare Angriff ausdrücklich nicht ihnen galt, sondern ausschließlich Westeuropa? Wenn die Sowjets vielleicht im Augenblick des Angriffs Garantien geben würden, daß ihr Angriff nicht den USA galt?

Die Androhung eines amerikanischen Gegenschlags für diesen Fall war unglaubwürdig. Die Sowjets konnten folglich drohen, ohne einen derartigen Gegenschlag befürchten zu müssen.

Mit der Aufstellung der SS-20 war damit Westeuropa jeder nuklearen Erpressung der UdSSR ausgeliefert. Es ging gar nicht darum, daß der Atomkrieg tatsächlich geführt werden würde; schon das Bestehen einer solchen strategischen Dominanz mußte die Kräfteverhältnisse in Europa drastisch zugunsten des kommunistischen Lagers ändern. Mit allen - auch innenpolitischen - Folgen. In Italien und Frankreich gab es starke kommunistische Parteien, in Deutschland eine ständig erstarkende SPD- Linke, die erklärtermaßen ebenfalls den Sozialismus anstrebte.

Diese strategische Bedeutung der Aufstellung der SS-20 hatte Helmut Schmidt, der sich schon als Abgeordneter ("Verteidigungsexperte" der SPD) und dann als Verteidigungsminister intensiv mit geostrategischen Fragen befaßt gehabt hatte, als einer der ersten klar erkannt. Und als einer der ersten hat er es in der berühmten "Londoner Rede" am International Institute for Strategic Studies (IISS) vom September 1977 ausgesprochen. Dies führte zum Nato- Doppelbeschluß: Entweder die Sowjets ziehen die SS-20 zurück, oder die Nato antwortet mit der Aufstellung eigener Mittelstreckenrakten, der Pershing II.



Deren Bedeutung lag nicht darin, daß sie auf die UdSSR zielten; das taten auch die amerikanischen Langstreckenraketen. Und wie gesagt - geostrategisch gab es ja den gegenseitigen "Overkill". Entscheidend war, daß dann, wenn die Pershing II in Deutschland aufgestellt sein würden, ein Angriff der UdSSR auf Deutschland auch ein Angriff auf diesen Teil des amerikanischen Abschreckungs- Potentials gewesen wäre und damit automatisch einen amerikanischen Gegenangriff nach sich gezogen hätte.

Mit der Aufstellung der Pershing II wäre also wieder eine funktionierende Abschreckung hergestellt gewesen. Die Logik war genau dieselbe, die heutzutage dazu führt, daß Tschechien und Polen Teile eines amerikanischen Raketen- Systems auf ihrem Boden haben wollen.

Die Stationierung der Pershing II war freilich nur die zweitbeste Möglichkeit. Die beste war natürlich, daß die Sowjets diese Sprache verstehen und die SS-20 abziehen würden. Im April dieses Jahres hat sich Helmut Schmidt erinnert:
In September 1977, my London address in honour of Alastair Buchan launched the debate on the need for the West to counteract the deployment of Russian medium-range missiles in Europe. Around the dinner table after my speech, I elaborated the underlying ideas. It was Helmut Sonnenfeldt, then a member of the Institute's Council and present at the dinner, who helped that these ideas were paid due attention in Washington.

The upshot of my London speech was NATO's double track decision in 1979. In the end, it made Moscow relent. The Soviets withdrew their SS20s; American Pershing II were not deployed in Europe. The outcome contributed significantly to the changes within the Soviet leadership that finally ushered in the end of the Cold War.

Im September 1977 löste meine Londoner Rede zu Ehren von Alastair Buchanan die Debatte über die Notwendigkeit aus, daß der Westen Gegenmaßnahmen gegen die Aufstellung von russischen Mittelstrecken- Raketen in Europa ergreift. Zu Tisch nach meiner Rede entwickelte ich die zugrundeliegenden Überlegungen. Es war Helmut Sonnenfeldt, damals Mitglied des Verwaltungsrat des Instituts [des IISS; Zettel], der bei diesem Essen anwesend war und der half, daß diesen Überlegungen in den USA angemessene Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Das Endergebnis meiner Londoner Rede war der Doppelbeschluß der Nato von 1979. Schließlich führte das zum Nachgeben Rußlands. Die Russen zogen ihre SS-20 zurück; es wurden keine amerikanischen Pershing II in Europa aufgestellt *). Dieses Ergebnis trug wesentlich zu den Änderungen in der sowjetischen Führung bei, die schließlich in das Ende des Kalten Kriegs mündeten.
Dieser Erfolg Helmut Schmidts, den Nato- Doppelbeschluß durchgesetzt zu haben, führte freilich zugleich zu seiner letzten Niederlage als aktiver Politiker der SPD: Auf dem Kölner Parteitag 1983 stimmten von rund 400 Delegierten noch ganze 14 für den Nato-Doppelbeschluß; darunter Schmidt selbst und Hans Apel, der sein Verteidigungs- Minister gewesen war. "... der Verlierer heißt Helmut Schmidt" schrieb der "Spiegel" damals.

Hätte die sozialliberale Koalition damals noch bestanden, dann hätte dieser Beschluß eines "schmachvollen" (so Robert Leicht) SPD- Parteitags vermutlich das Ende des Nato- Doppelbeschlusses bedeutet. Aber Schmidt war ja inzwischen gestürzt. Helmut Kohls neue Koalition billigte den Beschluß kurz nach dem "nein" der SPD. Schmidt hatte, wie beim Kampf gegen den Terrorismus, wie beim Kampf gegen die Sozialisten in der SPD, am Ende gewonnen.

Er hatte freilich auf allen drei Gebieten nicht mehr erreicht, als den freiheitlichen Rechtsstaat zu erhalten und zu sichern. Aber das war in den siebziger, war am Anfang der achtziger Jahre sehr viel.



*) Hier ist die Erinnerung Helmut Schmidts nicht korrekt. In der Bundesrepublik wurden, nachdem der Bundestag zugestimmt hatte, drei amerikanische Pershing-II -Bataillone mit ingesamt 120 Raketen aufgestellt, und zwar bei Sigmaringen, Illertissen und bei Heilbronn. - Mit Dank an Hubersn, der mich hierauf aufmerksam gemacht hat.



Titelvignette: Helmut Schmidt 1982. Copyright: Presidenza della Repubblica Italiana. Zur Nutzung freigegeben (Bild bearbeitet). Für Kommentare bitte hier klicken.

4. Oktober 2008

Georgien und der russische Imperialismus (1): Wo liegt Georgien? Über eine eigenartige Bemerkung Helmut Schmidts

"Es wird zum Beispiel allen Ernstes debattiert, Georgien in die Nato aufzunehmen. Georgien ist aber kein Teil Europas, sondern ein Teil Asiens. Der Nordatlantik- Vertrag spricht davon, daß man andere europäische Staaten aufnehmen kann, von asiatischen Staaten ist dort keine Rede". Das sagte Helmut Schmidt in "Auf eine Zigarette" zu Giovanni di Lorenzo ("Zeit-Magazin" 41/2008, S. 54).

Georgien gar kein Staat Europas, sondern ein asiatisches Land? Wenn ein Mann wie Helmut Schmidt das sagt, dann gibt das zu denken. Und es gibt sozusagen zu lesen; nachzulesen nämlich, ob Schmidt Recht hat.

In Deutschland gibt es gegenwärtig wohl kaum jemanden, dessen Wort so viel gilt wie das Helmut Schmidts. Als Kanzler wurde er geschätzt, heute wird er verehrt.

Zu Recht. Niemand verbindet so wie er lange politische Erfahrung, analytischen Scharfsinn, die Weisheit des Alters und die Kunst, das Wesentliche zu sehen und es griffig zu formulieren.

Hat er am Ende auch damit Recht, daß Georgien gar kein europäisches Land ist? Sehen wir zu. Betrachten wir die Frage zunächst unter dem historisch- kulturellen und dann unter dem geographischen Aspekt.



Historisch war Georgien Teil des Kulturkreises der griechisch- römischen Antike.

Der westliche Teil Georgiens war den Griechen als das Kolchis bekannt, in das Jason und die Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies wollten. Das Land wurde von Griechen kolonisiert; der jetzt durch die russische Invasion in die Schlagzeilen geratene Hafen Poti zum Beispiel ist das griechische Phasis.

Zur Zeit Alexanders des Großen war Griechisch eine der Landesprachen in Kolchis. Später dann wurde es als die Provinz Lazicum Teil des Römischen Reichs.

Nun, auch die heutige Türkei war einmal an ihren Küsten griechisch kolonisiert und gehörte später zum Römischen Reich. Aber durch das Eindringen der Araber und später der Seldschuken wurde Anatolien ein Teil des islamischen Kulturkreises.

Nicht so Georgien. Es ist eines der ältesten christlichen Länder; und es ist immer ein christliches, ein unserem Kulturkreis angehörendes Land geblieben.

Beide Staaten auf dem Territorium des heutigen Georgien - Kolchis und Iberien -, führten das Christentum als Staatsreligion bereits Anfang des vierten Jahrhunderts ein; früher als die meisten Länder außerhalb des Römischen Reichs.

In der Folgezeit wurde der Kaukasus, so wie heute, Schnittpunkt von Weltmacht- Interessen. Georgien war umstritten zwischen dem Persischen Reich und dem Reich der Seldschuken, die Anatolien erobert hatten.

An der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert dann entstand unter König David Agmaschenebeli das selbständige, vereinte, christliche Georgien mit einer eigenständigen Orthodoxen Kirche. Um die Wende zum 13. Jahrhundert war es unter Königin Tamar der stärkste christliche Staat im gesamten Gebiet der östlichen Mittelmeer- Region.

In den folgenden Jahrhunderten blieb Georgien eines der wenigen christlichen Länder in dieser Region, immer unter Attacke seitens der Ottomanen und der Perser.

Immer aber ein christlicher Staat, und immer selbständig. Bis es 1801 von Rußland annektiert wurde, von dem es seine Unabhängigkeit erst wieder 1918 erlangte. Freilich nur kurz, bis 1921. Dann kamen die Russen zurück, jetzt als Sowjets. Seit dem 9. April 1991 ist Georgien wieder selbstständig.

Europäischer kann ein Land kaum sein.

Ein Vorposten Europas freilich, immer von Asien her bedroht - aus dem Osten von den Persern, aus dem Süden von den Seldschuken und Ottomanen. Gerade deshalb ein besonders bewußt europäisches Land.

Geschichtlich und kulturell gesehen ist Helmut Schmidts Behauptung, Georgien sei ein asiatisches Land, nicht nur eigenartig. Sie ist nachgerade abwegig.



Nun kann man argumentieren, die Grenze zwischen Europa und Asien sei nicht kulturell definiert, sondern geographisch. So, wie generell die Kontinente nach geographischen Kriterien voneinander abgegrenzt werden.

Nur, nach welchen? Bei Kontinenten wie Amerika und Australien ist das einfach, weil sie von den anderen durch Ozeane getrennt sind. Afrika und Asien lassen sich immerhin durch die Landenge zwischen Mittelmeer und Rotem Meer auf eine einigermaßen "natürliche" Weise abgrenzen, die seit 1869 vom Suezkanal markiert wird.

Aber Europa und Asien? Man kann mit guten geographischen Gründen argumentieren, daß Europa eigentlich eine Halbinsel Asiens sei. Da es nun aber einmal traditionell den Erdteil Europa gibt, hat man ihn mehr schlecht als recht durch Gebirgszüge abzugrenzen versucht: Den Ural im Osten und den Kaukasus im Süden. Dazwischen Flüsse, die die Grenze markieren.

Nun liegt Georgien allerdings mitten im Kaukasus. Somit hilft uns das noch nicht viel weiter.

Wo also verläuft sie exakt, die Grenze Europas am Kaukasus? So macht die Frage nicht viel Sinn; denn es handelt sich ja nur um eine gedachte, eine willkürlich festzulegende Grenze. Und beim Denken, beim Definieren sind sich selten alle einig.

So auch hier. Es gibt - man kann das in der Wikipedia nachlesen - ganz verschiedene Vorstellungen davon, wo genau diese Kaukasus- Grenze Europas verläuft.

Vom Zaren mit der Kartierung Rußlands betraut, hat der Geograph Philip Johan von Strahlenberg sie im Jahr 1730 einigermaßen willkürlich in die Manytschniederung nördlich des Kaukasus gelegt.

Andere sehen die Grenze südlich des Kaukasus. Viele heutige Geographen ziehen sie entlang der Gipfellinie des Kaukausus ("Meso- Kaukasus- Grenze").

Der Artikel über Georgien in der Wikipedia beginnt mit dem Satz: "Georgia is a transcontinental country in the Caucasus region, partially in Eastern Europe and partially in Southwestern Asia." (Georgien ist ein transkontinentales Land im Gebiet des Kaukasus, teils zu Osteuropa und teils zu Südwestasien gehörig). Die Europakarte der Wikipedia zeigt, daß Georgien ziemlich genau zur Hälfte (der europäische Teil ist etwas größer) in dem (so abgegrenzten) Europa und in Asien liegt.

Georgien ist im übrigen seit 1999 Mitglied des Europarats.



Was also mag Helmut Schmidt sich bei seiner Behauptung gedacht haben, daß Georgien "kein Teil Europas, sondern ein Teil Asiens" sei? Er sagt es im nächsten Satz: Es geht ihm nicht um Geographie; sondern es geht ihm um seine Ablehnung eines Beitritts Georgiens zur Nato. Und diesen lehnt er ab, weil er dagegen ist, sich (so sagt er es in dem Interview) "über die Einflußsphären [von] Großmächte[n] hinweg[zu]setzen".

Schmidt sieht das Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland aus der Sicht eines Teilnehmers am Zweiten Weltkrieg, der an der Ostfront kämpfte und für den ein gutes Verhältnis zu Rußland oberste Priorität hat: "Beide haben schrecklich gelitten und wissen das auch voneinander."

Deshalb fürchtet er offenbar eine neue Konfrontation mit Rußland; deshalb will er den Russen ihre "Einflußsphäre" zubilligen. Und deshalb verlegt er Georgien nach Asien; denn dann kann es gar nicht der Nato beitreten, sondern gehört zwangsläufig zur russischen "Einflußsphäre".

Auch der große Helmut Schmidt ist halt ein Politiker, der manchmal nicht von den Fakten zu den Zielen gelangt, sondern der die Fakten sub specie seiner Ziele darstellt.

Helmut Schmidt möchte, so scheint mir, zur endgültigen Sicherung des Friedens eine Versöhnung Deutschlands mit Rußland ähnlich derjenigen, die einst unter den Kanzlern von Adenauer bis Kohl mit Frankreich gelang.

Was ja schön und sehr erstrebenswert ist. Oder vielmehr, was es wäre, wenn in Rußland noch Gorbatschow regierte.

Daß dort inzwischen ein autoritärer Herrscher an der Macht ist, der es sich offensichtlich zum Ziel gesetzt hat, nach dem Imperium der Zaren und dem der Sowjets ein drittes Russisches Reich zu schaffen, unter Einschluß der osteuropäischen Teile dieser beider früherer Imperien - das scheint Helmut Schmidt nicht zu sehen oder nicht sehen zu wollen.

Im zweiten Teil gehe ich auf diese neue russische Sicht der strategischen Lage in Osteuropa ein, wie sie in den Überlegungen eines russischen Europa- Experten zum Ausdruck kommen.



Links zu allen vier Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

5. Juli 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Erhard Eppler hat eine tolle Idee. Und sendet gleich auch noch ein Signal in alle Welt

"Wenn es der Union nur darum geht, den Übergang zu erneuerbaren Energien abzusichern, dann könnte sie der SPD ja ein Angebot machen", sagte Eppler dem SPIEGEL. "Wenn die SPD bereit ist, einige Meiler länger laufen zu lassen, dann schreiben wir gemeinsam in die Verfassung, Atomkraftwerke werden nicht mehr gebaut".

"Spiegel Online" unter der Überschrift "Eppler schlägt Atom-Kompromiss vor".

Kommentar: Lustiger Kompromiß, den Erhard Eppler sich da hat einfallen lassen: Dem "Ausstieg aus der Atomenergie" soll Verfassungsrang gegeben werden, was ihn faktisch unumkehrbar machen würde. Und als Gegenleistung würde man "einige Meiler länger laufen" lassen.

Die AKW-Gegner sollen den vollständigen Sieg für alle Zukunft erhalten und sich dafür bereitfinden, noch ein wenig zu warten, bis ihnen die Trophäe ausgehändigt wird.

Und nicht nur das hat sich Erhard Eppler ausgedacht. Sondern, so sagte er es dem "Spiegel", damit "... könnte Deutschland anderen das richtige Signal geben".

Am deutschen Wesen soll wieder einmal die Welt genesen. Helmut Schmidt wußte schon, warum er als Kanzler gegen seinen Minister Eppler eine herzliche Abneigung hatte.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

16. Mai 2008

Zitat des Tages: "Reichlich neoliberal". Über eine Begriffsverwirrung

Das abzuschaffen klingt aber reichlich neoliberal.

"Zeit"-Chefredakteur Giovanni die Lorenzo zu Helmut Schmidt in der aktuellen Folge des wöchentlichen Gesprächs "Auf eine Zigarette" im "Zeitmagazin Leben".

Diese Bemerkung machte di Lorenzo, weil Schmidt gesagt hatte:
Ich bin dagegen, daß der Staat private Verbände mit quasistaatlicher Macht ausstattet. Wenn Sie etwa einen Friseurladen aufmachen, werden Sie von Gesetzes wegen gezwungen, der Innung und der Handwerkskammer anzugehören - warum?

Kommentar: Mir kommt diese kleine Passage doppelt entlarvend für das sogenannte linksliberale Denken vor, für das di Lorenzo repräsentativ ist.

Erstens, was das Verständnis dessen angeht, was man "neoliberal" nennt.

Die Zwangsmitgliedschaft in Handwerkskammern ist bekanntlich ein Relikt aus dem Mittelalter; eine Fortsetzung des Zunftwesens, auf das Kaiserreich zurückgehend und von den Nazis verschärft.

Wenn Schmidts Vorschlag, diesen alten Zopf abzuschneiden, bereits "neoliberal" ist, dann war ja vielleicht auch die Einführung der Gewerbefreiheit mit den Stein- Hardenberg'schen Reformen von 1810 "neoliberal". (Damals war übrigens die Zwangsmitgliedschaft in den Zünften abgeschafft worden, die dann als Zwangsmitgliedschaft in den Handwerkskammern wieder auflebte).

Also, das abzuschaffen wäre aus der Sicht von die Lorenzo "neoliberal". Was wunderbar die Begriffsverschiebung illustriert, die gegenwärtig stattfindet:
  • Lupenrein linkes, etatistisches Denken, wie di Lorenzo es repräsentiert, wird "linksliberal" genannt, obwohl es mit Liberalismus ungefähr so viel zu tun hat wie Humus mit Humanismus.

  • Und wer liberale Auffassungen vertritt, die so "neo" sind, daß schon der Reichsfreiherr Friedrich Karl vom und zum Stein ihnen zur Geltung verholfen hat, der wird als "neoliberal" herabgesetzt.
  • Ja, herabgesetzt. Denn das ist der zweite Aspekt, den die Bemerkung von die Lorenzo illustriert: Die Verwendung des Begriffs "neoliberal".

    Givovanni di Lorenzo entgegnet Schmidt ja nicht: "Dann vertreten Sie in diesem Punkt also eine neoliberale Auffassung?", sondern er sagt: "Das abzuschaffen klingt aber reichlich neoliberal". So, wie man sagt: Das klingt aber reichlich abwegig.

    Etwas neoliberal zu nennen ist aus der Sicht von di Lorenzo offenbar etwas, das man jemandem vorhalten, das man als einen Einwand formulieren kann.

    Die Agitprop der Linken - mir scheint dieses Wort hier durchaus angemessen - hat es in der Tat verstanden, den Begriff "neoliberal", der ja nur für bestimmte wirtschaftspolitische Auffassungen steht und völlig wertneutral ist, zu einem herabsetzenden Wort zu machen.

    Das ist so gut gelungen, daß nach meiner Beobachtung viele, die sich als Neoliberale verstehen, es geradezu ängstlich vermeiden, sich selbst so zu nennen. So, als sei das etwas Unanständiges.

    Schmidt, souverän wie immer, hat sich auf eine Diskussion darüber nicht eingelassen. Seine Antwort ist Schmidt at his best - kurz, schneidend, den Punkt treffend, und auch ein wenig ironisch: "Ich finde, es klingt vernünftig".



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    30. Juni 2007

    Helmut Schmidt, Henry Kissinger, und überhaupt Elder Statesmen

    Wer sind die größten Elder Statesmen unserer Zeit? Nach meinem Urteil Helmut Schmidt und Henry Kissinger. Gorbatschow wohl nicht; ihn zeichnete moralischer Mut aus, aber nicht politisches Geschick. Margaret Thatcher könnte man einbeziehen, aber sie ist längst verstummt.

    Schmidt und Kissinger, beide hoch in den Achtzigern, sind hingegen nicht nur munter und präsent in der Öffentlichkeit.

    Sondern sie sind beide auch Musterbeispiele für das, was frühere Kulturen schätzten, wenn sie einem "Rat der Alten", einem Senat also, eine wichtige Rolle einräumten.



    Warum ist es gut, auf den Rat der Alten - solcher Alten wie Kissinger und Schmidt - zu hören? Aus drei Gründen, scheint mir:

    Erstens wegen der Selektivität. Die Mittelmäßigen erreichen schlicht nicht den Status des Elder Statesman. Niemand käme auf den Gedanken, heute noch auf den Rat eines Gerhard Schröder, eines Lionel Jospin, eines Giulio Andreotti zu hören.

    They have had their time, sagt man im Englischen; sie hatten ihre Zeit. Ihre Halbwertzeit war gering. Auf Alte hört man nur dann, wenn sie große Alte sind.

    Es bleiben nur wenige übrig, die auch Jahrzehnte nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik noch so Kluges sagen, daß man sie hört; vielleicht sogar auf sie hört. Ich kennen niemanden unter den Elder Statesmen, der Klügeres sagt als Henry Kissinger und Helmut Schmidt.

    Zweitens haben die Alten, trivialerweise, den Jungen die Erfahrung voraus. Erfahrung bedeutet, daß man die meisten Situationen so ähnlich schon einmal erlebt hat und daß man folglich extrapolieren kann - also vorhersagen, wie sich die betreffende Situation vermutlich entwickeln wird. Nothing new under the sun.

    Erfahrung bedeutet auch Vorsicht. Junge Menschen tendieren zum Wunschdenken. Sie überschätzen, anders gesagt, die Wahrscheinlichkeit, daß die Dinge sich so entwickeln werden, wie sie es wünschen. Napoléon, Kennedy, George W. Bush sind drei klassische Beispiele dafür, wie das zu Entscheidungen führen kann, die sich als verhängnisvoll erweisen.

    Drittens und hauptsächlich haben die Alten nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu gewinnen. Sie können also ehrlich sein, sich sine ira et studio äußern, wie Cicero das formuliert hat - ohne Eifer, ohne Zorn.



    Wie es der Zufall will, kann man diese Woche in ein- und demselben schmalen Heftlein, der aktuellen Ausgabe des Zeit-Magazins Leben, Interviews sowohl mit Henry Kissinger als auch mit Helmut Schmidt lesen. Das kleine Gespräch mit Schmidt ist Teil einer regelmäßigen Kolumne, "Auf eine Zigarette". Das Interview mit Henry Kissinger haben Christoph Amend und Matthias Nass geführt.

    Henry Kissinger über George W. Bush:
    Er ist sehr patriotisch und nimmt sich selbst sehr in die Pflicht; er ist intelligent, auch wenn seine Kritiker das Gegenteil behaupten; ein Mann, der gute Fragen stellt. Er hat begriffen, dass die sogenannte terroristische Herausforderung ein weltweites Phänomen ist. Er übernimmt für seine Entscheidungen die Verantwortung. Er ist mit sich im Reinen.
    Henry Kissinger über die Situation im Irak:
    Bleibt Amerika im Irak, werden selbst militärische Erfolge von vielen nicht gewürdigt werden. Zieht Amerika sich zurück, wird es zu Unruhen im Libanon, in Jordanien, in Saudi-Arabien kommen. Es ist dann sehr wahrscheinlich, dass Terroristen ihre Camps in den Irak verlegen werden. Und Nachbarländer wie die Türkei oder Iran werden dann ihre Interessen im Irak, wenn nötig, militärisch verfolgen.
    Henry Kissinger über den Vietnam-Krieg:
    Amerika hat interveniert, nachdem Hanoi reguläre Divisionen nach Südvietnam eingeschleust hatte. Amerika tat dies, weil die Regierungen Kennedy und Johnson in Vietnam die gleichen Prinzipien der Eindämmungspolitik anzuwenden versuchten, die in Europa funktioniert hatten. Ihre Methoden mögen erfolglos gewesen sein; aber es ist nicht fair, jene anzuklagen, die sich einem Angriff entgegenstemmten, statt diejenigen, die in Südvietnam einmarschiert sind.
    Helmut Schmidt über die Folgen des Wahlrechts:
    Wo es Verhältniswahlrecht gibt, da entstehen zwangsläufig linksextreme und rechtsextreme Parteien. Das sehen Sie in Italien, in Frankreich, in den Niederlanden und jetzt auch in Deutschland.
    Über SPD-Wähler:
    Einige SPD-Wähler möchten an Regeln festhalten, die nicht mehr realistisch sind. Sie möchten an dem Wohlstand festhalten, den ihnen der Sozialstaat verschafft hat. Daß die Welt sich ändert ... schafft Unsicherheit und Besorgnisse. Dann gibt es Leute wie diesen Lafontaine, die auf diesem Klavier spielen und Ängste schüren.
    Sie sagen, wie es ist, die beiden Alten. Sie sagen es ehrlich und mit analytischem Verstand.



    Nur gibt es wohl auch einen Gesichtspunkt, unter dem man die Meinung der weisen Alten mit Vorsicht zur Kenntnis nehmen sollte: Sie tendieren zur Treue.

    Wer sein Leben lang einer Sache treu geblieben ist, der gibt sie nicht auf; auch bei besserer Einsicht nicht.

    Kissinger hat Nixon die Treue gehalten, als es dafür schon keine Basis mehr gab. Er glaubt immer noch, daß der Frieden, den er mit Le Duc Tho 1972 schloß, hätte tragfähig sein können.

    Und Helmut Schmidt äußert sich zwar über Oskar Lafontaine mit der Geringschätzung, die dieser verdient.

    Aber er vergißt oder verdrängt, daß es die gesamte SPD in Gestalt ihrer gewählten Delegierten gewesen ist, die auf dem Mannheimer Parteitag 1995 den - von den Mitgliedern in Urabstimmung! - gewählten Vorsitzenden abserviert hat, nachdem Lafontaine eine demagogische Rede gehalten hatte.

    Und es waren die gewählten Delegierten dieser Partei Helmut Schmidts, die diesen Demagogen - er war damals keinen Deut anders als heute -, die diesen intriganten Putschisten, ohne daß das in den Parteigliederungen auch nur diskutiert worden wäre, zu ihrem Vorsitzenden gewählt haben.

    Das war nicht mehr die SPD Helmut Schmidts. Schade, daß er dieser Partei trotzdem eine Treue hält, die sie nicht mehr verdient.

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    12. Juni 2007

    Marginalie: Zitat des Tages

    "Bisher hat sie ihre Sache ordentlich gemacht"
    Der Hanseat Helmut Schmidt über die Preußin Angela Merkel; soeben bei Maischberger.

    Ein sehr großes Lob also von Schmidt. In einem sehr schönen Gespräch, in dem eine große und charmante Journalistin zwei große (auch charmante? das können Frauen besser beurteilen) Männer interviewt.

    9. April 2007

    Zettels Oster-LobhudelEi (5): Modell Deutschland. Eine Mini-Historie, Teil zwei

    Mit ihrer mutigen Entscheidung, 1982 die Koalition mit der SPD zu verlassen, hatte die FDP- Führung die Existenz ihrer Partei aufs Spiel gesetzt, die bei den sich daran anschließenden Wahlen fast nicht mehr in den Bundestag gekommen wäre.

    Otto Graf Lambsdorff und Hans-Dietrich Genscher haben sich damit um Deutschland verdient gemacht.

    Denn die Mehrheit der SPD war entschlossen gewesen, den Nato- Doppelbeschluß abzulehnen, was mittelfristig zu einer sowjetischen Dominanz in Mitteleuropa geführt hätte - flankierende Maßnahme für eine Entwicklung zum Sozialismus, wie sie sich um die Wende von den siebziger zu den achtziger Jahren in anderen Ländern Europas (in Frankreich, Italien, Portugal und Griechenland vor allem) abzeichnete.

    Daß das auch dort nur ein vorübergehendes Phänomen war, konnte damals niemand wissen. Selbst Henry Kissinger hatte ein sozialistisches Europa vorhergesagt.

    Diese Gefahr war in Deutschland beseitigt, nachdem Lambsdorff und Genscher aus Verantwortung für ihr Land das Überleben ihrer Partei in die Waagschale geworfen hatten.



    Es folgten, nach dem Wahlsieg der Union, die Goldenen achtziger Jahre. "Golden" im Wortsinn. So, wie die Siebziger die Jahre greller Pop- Farben gewesen waren, gegen Ende allerdings zunehmend abgelöst vom ökologisch korrekten Braun und Grün, so wurden die Achtziger das Jahrzehnt des Messing- Golds, das auf einmal überall auftauchte, der Spiegel und Ornamente, des edlen Dunkelblaus und Silbers.

    Der Kanzler dieser Jahre, Helmut Kohl, war allerdings nie besonders populär.

    Teils lag das an der heftigen Agitprop, der er von Anfang an ausgesetzt gewesen war (kaum war er im Amt, begann z.B. die "Birne"- Kampagne). Hauptsächlich aber lag es an ihm selbst.

    Er war ein Staatsmann, der - so berichten es viele, die mit ihm gearbeitet und verhandelt haben - im persönlichen Kontakt ungemein gewinnend sein konnte. Kein anderer deutscher Kanzler hatte so viele persönliche Freunde unter den Führern der Welt.

    Aber im öffentlichen Auftritt wirkte er nicht. Nicht bei seinen Reden, die weder rhetorisch noch intellektuell brillant waren, noch gar mitreißend; sondern meist langweilig. Nicht bei Auftritten in Diskussionen und Interviews, in denen er ungeschickt und rechthaberisch erschien.

    Aber dieser nie sehr populäre Kanzler machte eine ungewöhnlich erfolgreiche Politik. Am Ende der achtziger Jahre war Deutschland in einer Verfassung, in der es die sich abzeichnenden Herausforderungen der Globalisierung hätte bestehen können.



    Nein, nicht "Deutschland". Ich habe bisher nur von der Bundesrepublik gehandelt. Und nun, 1990, war es auf einmal das ganze Deutschland. Von der Wiedervereinigung hatten alle immer gesprochen, aber kaum jemand hatte daran geglaubt. Irgendwann einmal, in ferner Zukunft, vielleicht oder auch nicht. Aber nicht zu unserer Zeit. Das war die allgemeine Meinung gewesen.

    Nun kam sie über uns, fiel uns zu, wurde uns geschenkt. Der Mantel der Geschichte wehte, und Kohl und Genscher ergriffen ihn beherzt. Sie hatten richtig gesehen, daß das Zeitfenster, in dem sie den Sowjets die Wiedervereinigung würden abringen können, nur schmal war. Jederzeit hätte das eintreten können, was ja auch nicht mehr lange auf sich warten ließ - der Sturz Gorbatschows.

    Zum zweiten Mal machte sich Hans-Dietrich Genscher um Deutschland verdient, nun zusammen mit Helmut Kohl.



    Viele werden zustimmen, daß die Geschichte der Bundesrepublik bis zu diesem Zeitpunkt der Wiedervereinigung den Namen "Modell Deutschland" verdient. Vierzig Jahre lang wurden wir von aller Welt beneidet - für unsere blühende Wirtschaft, unsere friedliche, auf Ausgleich aufgebauten Gesellschaft, unseren stabilen demokratischen Rechtsstaat; selbst für die konsequente Art, mit der wir mit dem Terrorismus fertig geworden waren.

    Nur hatte das halt alles nur für das halbe Deutschland gegolten. Wie würde es nach der Wiedervereinigung weitergehen?

    Viele im Ausland dachten, das werde sich nun alles nach der Wiedervereinigung noch steigern. Man erwartete, und befürchtete, ein noch übermächtigeres Deutschland, als man es ohnehin schon gehabt hatte.

    Das Gegenteil trat ein. Die neunziger Jahre erfüllten nicht die Befürchtungen im Ausland und nicht die deutschen Hoffnungen.

    7. April 2007

    Zettels Oster-LobhudelEi (4): Modell Deutschland. Eine Mini-Historie, Teil eins

    Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist eine Erfolgsstory. Einmalig in der deutschen Geschichte. In der Gegenwart übertroffen nur von wenigen anderen Ländern Europas.

    Nur vergessen wir das neuerdings oft. In den letzten Jahren - ungefähr seit Mitte der neunziger Jahre - hat sich eine Larmoyanz, eine depressive Stimmung in Deutschland ausgebreitet, die weder zur Geschichte der Bundesrepublik paßt, noch zur tatsächlichen Lage.

    Hier ein paar gewissermaßen antizyklische Reminiszenzen und Anmerkungen. Ein Loblied auf das Land, in dem wir leben.



    Seit dem Beginn des "Wirtschaftswunders" Anfang der fünfziger Jahre herrschte in Deutschland eine optimistische Grundstimmung. Sie wurde verkörpert durch Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Theodor Heuß.

    Adenauer, der Kerzengrade und Listenreiche, stand für die Stabilität der jungen Demokratie und die Wiederaufnahme Deutschlands in die Völkergemeinschaft. Ludwig Erhard, der gemütliche Dicke, war das personifizierte Wirtschaftswunder (das ihm ja in der Tat entscheidend zu verdanken gewesen war, dem mutigen Ordoliberalen).

    Und über uns Wunderkindern thronte als verehrter Präsident, ein republikanischer Kaiser Franz Josef sozusagen, "Papa" Heuß, der gemütliche, liberale Schwabe mit der sonoren Stimme und den lockeren Sprüchen ("Nun siegt mal schön").



    Diese so überaus erfolgreiche, vom Ausland ungläubig bestaunte zweite deutsche Republik - in allem das Gegenteil der ersten - geriet in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in eine Krise.

    Adenauer hielt sich für unentbehrlich und veranstaltete ein peinliches Theater, in dem er sich erst an die Macht klammerte und dann mit allerlei Intrigen wenigstens Erhard als seinen Nachfolger zu verhindern trachtete. ("Den bringe ich noch auf Null!").

    Erhard, der trotzdem Kanzler wurde, bestätigte freilich in jeder Hinsicht Adenauers vernichtendes Urteil: Aus dem glänzenden Wirtschaftsminister wurde ein hilfloser, seinem Amt in keiner Hinsicht gewachsener Kanzler.

    Hinzu kam die erste Rezession in einer bis dahin stetig wachsenden Wirtschaft. Hinzu kam die Unruhe, die weltweit die junge Generation erfaßt hatte; die erste Nachkriegsgeneration, die von völlig anderen Erfahrungen geprägt war als ihre Eltern und Großeltern.



    Im Rückblick ist zu erkennen, daß es sich damals um eine Anpassungskrise handelte. Eine Krise, in der aus dem "Nachkriegsdeutschland" das "moderne Deutschland" wurde. ("Wir schaffen das moderne Deutschland" war ein Slogan der SPD im Wahlkampf 1969). In der Wirtschaft war man, dank Ludwig Erhard, immer liberal gewesen. Jetzt wurde man es auch in der Gesellschaft.

    Es war gelegentlich turbulent zugegangen in dieser Krise, und viele Eiferer hielten sie für den Anbruch eines neuen, kommunistischen Zeitalters, das auf den unvermeidlichen Untergang des "Spätkapitalismus" folgen würde.

    Viele wollten den Sozialismus; aber heraus kam ein modernerer, weltoffener, liberalerer und auch egalitärerer, sozialerer Kapitalismus. Im Wahlkampf 1976 plakatierte die SPD "Modell Deutschland".

    In der Tat - Deutschland hatte die Turbulenzen der vorausgegangenen Jahre prächtig überstanden. Aus dem etwas verspießerten Land des Wirtschaftswunders war, dank der sozialliberalen Koalition, eines der modernsten Länder der Welt geworden.

    Im Ausland rieb man sich die Augen: Der typische Deutsche, das war nicht mehr der dickliche, lederbehoste Spießer mit dem Dackel, sondern das waren Musiker wie Udo Lindenberg und Tangerine Dream; das waren elegante Fußballer wie Beckenbauer und Netzer, die 1972 auf eine begeisternde Weise Europameister wurden.



    Gewiß war diese Zeit verdüstert durch den Versuch einer Verbrecherbande, sich als Revolutionäre aufzuspielen. Aber es war deshalb ja keine "Bleierne Zeit". So wenig, wie die Adenauer- Jahre muffig gewesen waren.

    Es war im Gegenteil eine ungewöhnlich optimistische, zukunftsorientierte Zeit. Man braucht sich nur die Mode anzusehen mit ihren "Schockfarben" und fröhlichen Super- Mini- Röcken, die bunt- ornamentalen Tapeten, die Autos, die nicht grau und silbern waren wie heute, sondern rot, grün und gelb.

    Es war in keiner Weise das "Jahrzehnt der RAF", sondern ein heiteres Jahrzehnt, das Jahrzehnt der sexuellen Befreiung, das Jahrzehnt von Oswald Kolle und Alice Schwarzer.

    Ein Jahrzehnt, das auch die RAF den Deutschen nicht vermiesen konnte.



    Daß er total scheiterte, der Versuch, den Kommunismus durch Terror einzuführen, haben wir ganz überwiegend einem Mann zu verdanken: Helmut Schmidt.

    Wie fast immer hatten wir ein nachgerade unverschämtes Glück mit unserem Bundeskanzler: Adenauer war der beste denkbare Bundeskanzler für die Aufbau- Zeit gewesen. Kiesinger die optimale Besetzung für den "wandelnden Vermittlungs- Ausschuß", den die damalige Große Koalition verlangte. Willy Brandt war wie kein anderer geeignet gewesen, den Aufbruch der Bundesrepublik in die Moderne zu verkörpern.

    Und der lautere, disziplinierte Helmut Schmidt war der ideale Bundeskanzler, als es darum ging, den Staat gegen die Verbrecherbande und ihre Sympathisanten zu verteidigen, die diesen demokratischen Rechtsstaat für einen "Papiertiger" hielten und dachten, sie könnten durch "individuellen Terror" die "Herrschenden" zu Fall bringen.

    Helmut Schmidt hat aufrecht gegen diese Verbrecher und ihre vielen Sympathisanten und Unterstützer gestanden. In der Rückschau war es ein Glücksfall, daß nicht der depressive, selbstzweifelnde Willy Brandt als Bundeskanzler diesen Kampf zu bestehen hatte, sondern Helmut Schmidt, der Kantianer.



    Am Ende mußte er freilich mit Hilfe der FDP gegen seine eigene Partei regieren, die linken Träumern und kommunistischen Stamokap- Strategen zum Opfer zu fallen drohte.

    In der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik strebten diese die SPD zunehmend beherrschenden Linken den Weg in den Sozialismus an.

    Die beiden Zauberwörter waren "systemüberwindende Reformen" (also eine unblutige, allmähliche Einführung des Sozialismus in der Tradition Eduard Bernsteins) und "Investitionslenkung" (die Ausweitung des Keynes'schen Instrumentariums, bis schließlich eine sozialistische Planwirtschaft erreicht sein würde).

    Außenpolitisch lag man auf "Friedenskurs"; was darauf hinauslief, den Sowjets freie Hand bei der Dislozierung (so nannte man das damals; also Aufstellung) ihrer uns bedrohenden SS-20-Raketen zu lassen und zugleich den Versuch, mit den amerikanischen Pershing eine Gegendrohung aufzubauen, zu untergraben.

    Die Absicht lag auf der Hand: Nach der DDR auch die Bundesrepublik Deutschland in den Einflußreich der UdSSR zu bringen, als Voraussetzung für eine Machtübernahme durch die Kommunisten.

    Helmut Schmidt hatte den Nato-Doppelbeschluß erreicht, der eine einseitige atomare Bedrohung durch die UdSSR verhindern sollte; aber seine Partei agierte mit allen Mitteln dagegen.

    Am Ende stimmten auf dem SPD- Parteitag 1983 - Schmidt war schon gestürzt - noch ein Dutzend Delegierte für diesen Beschluß; darunter Helmut Schmidt selbst und Hans Apel, der die Strategie der SPD-Linken in einem bitteren und sehr lesenswerten Buch dargelegt hat.



    Es war einer der größten Siege in der Geschichte des deutschen Kommunismus, damals die SPD auf die kommunistische Linie gebracht zu haben. Und es war eine der größten Niederlagen der Kommunisten, daß sie zwar die SPD kippen konnten, aber nicht die deutsche Regierung auf ihren Kurs zwingen.

    Denn wieder hatten wir ein unverschämtes Glück mit zwei Spitzenpolitikern. Otto Graf Lambsdorffs Geradelinigkeit und Mut, Hans-Dietrich Genschers taktisches Geschick: Zusammen ermöglichten sie es der FDP, sich aus der "babylonischen Gefangenschaft" der SPD (so damals Franz-Josef Strauß) zu lösen und die Koalition mit der CDU einzugehen.

    Gerade rechtzeitig, um zu verhindern, daß die Modernisierung der Bundesrepublik in ihr Gegenteil umschlug; daß daraus ein Weg in den Sozialismus und in die Abhängigkeit von der Sowjetunion wurde.

    Der zweite Teil dieser Mini-Historie folgt. Die drei vorausgehenden Folge dieser optimistischen Serie findet man hier, hier und hier.