4. November 2026

Von Kanzlernden, K.I. und Kokolores





Als Stephen King noch der unangefochtene „King of Horror“ war mit Heerscharen treuer Leser, statt ein Name unter vielen in den Thriller-Abteilungen der großen Buchmarktketten, veröffentlichte er kurz vor dem Ablauf des vergangenen Jahrtausends im ehemals führenden Zentralorgan des literarischen Snobismus, dem „New Yorker,“ eine Erzählung, deren etwas sperriger Titel „That Feeling, You Can Only Say What It Is in French“ lautete. Bei diesem Gefühl, dieser Empfindung, die nur auf Französisch angemessen zu benennen ist, handelte es sich natürlich um ein Déjà vu – jener überraschend auftretende Eindruck, etwas, eine Szene, einen Ort schon einmal gesehen, eine Melodie schon einmal gehört zu haben - ohne sagen zu können, wann, wo oder unter welchen Umständen. Oder um es in den Versen von Dante Gabriel Rossetti zu sagen:

I have been here before,
But when or how I cannot tell:
I know the grass beyond the door,
The sweet keen smell,
The sighing sound, the lights around the shore. (“Sudden Light”)

Zuweilen läßt sich dieses schlagartige Wiedererkennen allerdings auch punkt genau dingfest machen. So etwa mit dem Anspruch, den Friedrich Merz, der größte deutsche Kanzler aller Zeiten (Gardemaß 1,96 m), gestern auf dem „Digitalgipfel“ in Berlin angemeldet hat. Nach der Meldung des regierungsamtlichen Senders … Entschuldigung: der "Tagesschau“:

In Sachen KI hängt Deutschland international hinterher. Bei einem Digitalgipfel in Berlin forderte Kanzler Merz daher einen schnellen und energischen Ausbau der KI-Fähigkeiten. Doch viel Zeit bleibt dafür nicht mehr, sagen Experten.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat im internationalen KI-Wettbewerb für mehr Geschwindigkeit in Deutschland und Europa geworben. "Wir können und ich finde, wir müssen in Deutschland und in Europa viel schneller und besser darin werden, digitale Technologien zu entwickeln und sie auch wirklich zu nutzen", sagte Merz beim Digitalgipfel der Bundesregierung in Berlin. "Wir müssen, wir wollen Spitzenreiter werden."

Er kündigte eine Doppelstrategie an: Kurzfristig solle die Entwicklung industriell nutzbarer KI-Modelle gefördert werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern. Parallel dazu werde die Forschung an KI-Modellen der Zukunft, etwa im Bereich der physischen KI, vorangetrieben.
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Merz selber bzw. sein Social-Media-Team faßte das auf X so zusammen:



Deutschland wird bei KI nicht zuschauen, sondern vorne mitspielen. Bis 2030 werden wir KI-Nation: selbstbestimmt, sicher und nach unseren Regeln. Dafür steht der Digital-Gipfel.


(Was den Unterschied zwischen einer „industriell nutzbaren“ und einer „physischen“ Künstlichen Intelligenz angeht, so will ich die Festlegung als guter Untertan gern unserer weisen Obrigkeit überlassen.)

Noch im O-Ton:

Deutschland soll zum führenden europäischen Ermöglichungsraum für Künstliche Intelligenz werden, in dem Talent, Kapital, Forschung, Rechenkapazität und unternehmerische Initiative zusammenfinden, um Innovationen schnell, verantwortungsvoll und wirksam in Wachstum, Wohlstand, Sicherheit sowie gesellschaftlichen Fortschritt, Teilhabe und demokratische Resilienz zu überführen.


Aber was den Aufbruch in eine KI-dominierte lichte Zukunft („KI werde die Arbeitswelt fundamental verändern und die Produktivität verbessern, sagte Merz. Es gebe zwar Risiken, mit denen dürfe man aber nicht ängstlich umgehen. ‚Wenn wir uns dieser Technologie verweigern, ist der Abstieg vorprogrammiert‘" – so die „Tagesschau") und das Gleichziehen mit den Vorreitern dieser Technologie wie China und den USA betrifft, so kam dem Kleinen Zyniker™ unmittelbar eine Szene aus der Endphase des vorhergehenden Besten Deutschen Staates auf deutschem Boden, ebenfalls mit Geschäftssitz in Berlin, in den Sinn.

Nach der Ablösung Erich des Einzigen als Staatsratsvorsitzendem am 18. Oktober 1989, der Installierung von Egon Krenz („das lachende Gebiß“) als neuem „Oberindianer“ (Udo Lindenberg) und dem Fall der Berliner Mauer am 9. November kam es im Haus am Werderschen Markt , seit 1959 Sitz des Zentralkommitees der SED und heutigem Außenministerium, zu einer Reihe von Dringlichkeitssitzungen, auf denen die Verantwortungen für das gnadenlose Scheitern des Sozialismus, die personellen Konsequenzen und der zukünftige Kurs des Arbeiter- und Bauernparadieses zur Sprache gebracht wurden. Das Ergebnis war bekanntlich der geschlossene Rücktritt von Krenz und dem gesamten Zentralkommittee am 3. Dezember, ein überstürzt angesetzter Parteitag, der vom 8. bis zum 17. Dezember 1990 abgehalten wurde und zu dessen Abschluß sich die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands formell auflöste und als „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS) nominell neu erfand, mit Gregor Gysi neuem „Oberindianer“ (Udo Lindenberg).

Eine der Aufgaben dieser, höflich gesagt, lebhaften Klärungsrunden in der Zentrale des ZK bestand darin, daß die Funktionäre endlich der gesamten Runde „reinen Wein“ über den Zustand der „achtgrößten Industriemacht der Welt“ einschenkten, als die die DDR gemäß den offiziellen Statistiken firmierte - soweit dies anhand der ihnen zugänglichen Berichte und Statistiken in dieser kurzen Frist überhaupt möglich war. Und mit Blick auf die Verheißung eines Aufbruchs in die „strahlende Zukunft vermittels der Elektronengehirne,“ wie sie Bundeskanzler Merz gestern verheißen hat, lohnt sich ein Blick in den Bericht, den Werner Jarowinsky, seit 1963 Mitglied des ZK und seit Anfang 1984 auch dem Politbüro, also dem bestimmenden Führungsgremium angehörig, dort auf der 10. ZK-Tagung, dem „dritten Beratungstag,“ am Freitag, den 10. November 1989 referiert hat, kurz vor Sitzungsschluß um 13:10 (laut Protokoll) referiert hat.

Vorausgeschickt sei (als kleines Repetitorium zur Gedächtnisauffrischung), daß das Zentralkommitee drei Jahre zuvor, im Januar 1986, formell beschlossen hatte, die „Mikroelektronik“ zur Chefsache zu machen (vulgo: die Entwicklung von PCs, Laptops und dergleichen Spielzeugen, deren Siegeszug im Westen seit Anfang der 1980er Jahre nach der Ausrufung noch Perestroika und Glasnost auch jenseits der Elbe nicht mehr zu übersehen war) und hatte die Entwicklung eines „Megabit-Chips“ als Plansoll ausgegeben hatte. Das erste Exemplar aus volkeigener Produktion wurde „Oberindianer“ (Udo L.) Honecker am 12. September 1988 präsentiert – ein U61000 aus der Vorserie, die am VEB Forschungszentrum Mikroelektronik Dresden, eine Unterabteilung des VEB Carl Zeiss, Jena, stammte. Für 1990 war die Eröffnung eines Werks (ESO III) des VEB Mikroelektronik „Karl Marx“ in Erfurt angekündigt (der Mauerfall machte das Vorhaben dann hinfällig).



Werner Jarowinsky:

Genossen, wir haben in der Volkswirtschaft nicht den Mut gefunden, die notwendigen Änderungen der Volkswirtschaftsstruktur durchzuführen, die notwendig gewesen wären, um dieser Größenordnung zu entsprechen. Statt dessen wurden große Programme in Gang gesetzt, wie z.B. die Mikroelektronik, die 12 bis 14 Milliarden Mark gekostet haben.

Genossen, ich habe mir in den letzten 14 Tagen einige Materialien beschafft, die bisher in keiner Analyse standen, und so dem Politbüro auch nicht vorlagen. Ich will euch jetzt einige dieser Fakten nennen, um zu zeigen, was die eigentlichen Probleme unserer Leistungsentwicklung sind. Genossen, wir haben für die Mikroelektronik 14 Milliarden ausgegeben. Jetzt sage ich euch mal, was das kostet und was die Produkte bringen. In der Presse, in der Öffentlichkeit, in den Medie n haben wir dargestellt, wie ungeheuer wichtig das ist für die ganze wirtschaftliche Entwicklung und was das in Zukunft noch bringen wird, um alle anderen Fragen zu lösen, für Konsumgüter, und so weiter.

Genossen, der Speicherschaltkreis 64 Kilobit, der Betriebspreis 40 Mark, der Weltmarktpreis eine Mark bis eine Mark fünfzig, der Speicherschaltkreis 264 Kilobit, das ist der, der jetzt groß angekündigt in die Produktion gegangen ist, der kostet bei uns – reine Kosten! – 534 Mark – der Weltmarktpreis beträgt gegenwärtig vier bis fünf Valutamark. Vier bis fünf Valutamark, Genossen! Ich muß euch hier sagen: Die Stützung allein bei diesem Schaltkreis, pro Stück 517 Mark und bei dem 64- Kilobit-Schaltkreis von 40 Mark, 31 Mark Stützungen. Ja, Genossen, das sollten die Zugpferde sein, um die Konsumption, die übrige Volkswirtschaft zu entwickeln. – So sind die Wahrheiten. Und noch, man kann das doch nicht weglassen, das PKW-Programm mit zehn Milliarden, wo wir nicht ein Ersatzteil mehr haben, wo darüber hinweg gegangen wird, hier. Milliarden über Milliarden sind falsch eingesetzt worden, nicht von Experten überprüft vorher.

[…]

Genossen, und noch etwas. Wir haben hier gesprochen von dem 264-Megabit-Schaltkreis. Ich habe ein Protokoll bekommen, von der vorigen Woche, von der Sitzung. Genosse Stoph hat es geschickt. Im Plan stehen 500.000 Stück drin, Produktion. 500.000 Stück. Es werden in diesem Jahr 90.000 Stück kommen. Wir müssen importieren. Und das kleine Österreich produziert 50 Millionen Stück, und die Weltproduktion sind 800 Millionen Stück. Ich will nur sagen, man muß diese Rechnungen mal alle zusammenstellen. Wir müssen wirklich die Analyse auf den Tisch bringen, wir müssen weiter in dieser Entwicklung nachdenken.


Fairerweise muß man sagen, daß Merz auf dem gestrigen „Digitalgipfel“ nicht die handelsüblichen Milliarden in gleich zweistelliger Höhe in Aussicht gestellt hat, sondern, ich zitiere: "Weitere 30,7 Millionen Euro fließen bis 2030 in neue KI-Rechenkapazitäten für das Nationale Hochleistungsrechenzentrum AI Gigafactory" - während Amazon angekündigt hat, allein 2027 in der 4,8 *MILLIARDEN* € in die AWS-Region Frankfurt zu investieren. Wie der „Tagesspiegel“ von derselben Tagung gestern berichtet:

Dazu gehört zweifellos Amazons Ankündigung, im Jahr 2027 mehr als 16 Milliarden Euro in Deutschland zu investieren, einen Teil davon in die Cloud- und KI-Infrastruktur von Amazon Web Services (AWS). Zusammen mit Bundeskanzler Friedrich Merz hat David Zapolsky, Chief Global Affairs and Legal Officer bei Amazon, dort die Investitionspläne für 2027 vorgestellt. Seit 2010 hat Amazon mehr als 100 Milliarden Euro in Deutschland investiert – in Infrastruktur, Technologie und Arbeitsplätze an über 100 Standorten im gesamten Bundesgebiet. Allein 2025 flossen 15 Milliarden Euro. Über 40.000 Festanstellungen sind entstanden, davon 3.000 bei AWS. Zusätzlich beschäftigt AWS eine erweiterte Belegschaft von 3.000 Personen in seinen Rechenzentren … Seit dem Start der AWS Region Europa (Frankfurt) im Jahr 2014 hat Amazon über 18 Milliarden Euro in die deutsche AWS Cloud-Infrastruktur gesteckt.




Leonard Schmedding hat gestern in einem Posting auf X eine hübsche Bilanz des von Merz angekündigten Aufbruchs in die KI-Zukunft gezogen, die so knackig ausgefallen ist, daß ich sie an dieser Stelle einfach einmal übernehme:

Deutschland will "KI-Nation werden bis 2030". Es ist schlimmer als gedacht.

Beim Digitalgipfel hat die "KI-Taskforce" ihren Ergebnisbericht vorgelegt. Ziele bis 2030: 80 Prozent der Großunternehmen und 55 Prozent der KMU nutzen KI, über 10 Prozent der Wirtschaftsleistung KI-basiert, Rechenzentrumskapazität plus 300 Prozent.

Der Weg dorthin, wörtlich: "eine strategische Analyse- und Monitoringstruktur", dazu Kompetenz-, Sicherheits- und Infrastrukturinitiativen sowie "Technologie-, Innovations-, Anwendungs- und Talentprogramme".

Gehen wir das durch.

[1] Souveränität im Abo

"Deutschland verfügt über einen souveränen Zugang zu den weltweit leistungsfähigsten KI-Modellen."

Erreicht werde das durch "strategische Partnerschaften mit internationalen Partnern und Modellanbietern" und "gemeinsame Beschaffungsmechanismen".

Souveräner Zugang? Ein schönes Oxymoron.

Hier die Übersetzung: Wir kaufen auch in Zukunft unsere Modelle bei amerikanischen Anbietern ein. Aber wir haben einen eigenen Mietvertrag.

[2] Deutschland ist angeblich schon vorne

"Deutschland zählt zu den weltweit führenden Standorten für Entwicklung, Einsatz und Investitionen in fortschrittliche und ressourcenschonende KI-Systeme."

Die BCG hat Deutschland vorletzte Woche in die Kategorie "Steady Contenders" eingeordnet, also: einzelne Spitzen, in der Breite hinterher. Japan und Südkorea sind aufgestiegen, Deutschland nicht.

Laut neuem OpenAI Europa Bericht sind wir maximal im Mittelfeld.

[3] Vertrauen, das sich niemand verdient hat

"Nationale Bewertungen genießen internationales Vertrauen."

Das nationale KI-Sicherheitsinstitut arbeitet seit dem 31. August mit null eigenen Stellen, ohne genannte Haushaltsmittel für 2026 bis 2029 und ohne gesetzliche Handhabe, Modellzugänge gegen den Willen der Anbieter einzufordern.

Es ist laut Regierung "keine Regulierungsbehörde, sondern ein analytisch-operatives Kompetenzzentrum (Think- & Do-Tank)".

Wer soll das ernst nehmen? Wie will man etwas bewerten, das man nicht besitzt und nicht baut?

Zumindest hört es sich schön an.

[4] Ein Jahr für eine Definition

Die deutsch-französische Taskforce für digitale Souveränität wurde am 18. November 2025 beschlossen.

Stand heute: "Sie erarbeitet derzeit eine verbindliche Definition digitaler Souveränität." Und: "Beide Länder haben sich dieses Jahr bereits auf eine gemeinsame Definition für eine Taskforce verständigt."

Ein Jahr Arbeit, Ergebnis: eine Definition dafür, was die Taskforce ist.

[5] Fortschritt durch Umbenennung

Zur Frontier AI Initiative: "Die Initiative wurde kürzlich in European Future of AI Initiative (EFAI) umbenannt."

[6] Ein Konzept für ein Konzept

Der Cyberdome als nationales Frühwarnsystem: "Bis Ende des Jahres 2026 wird ein Realisierungskonzept durch das Bundesinnenministerium und das BSI ausgearbeitet."

Vor zwei Wochen gingen wegen der PHP-Lücke Bundespolizei, Innenministerium, RKI, Zoll und Charité vom Netz. Gefunden hat die Lücke eine US-Firma mit einem US-Modell.

[7] Die Zahl, die alles erledigt

"Weitere 30,7 Millionen Euro fließen bis 2030 in neue KI-Rechenkapazitäten für das Nationale Hochleistungsrechenzentrum AI Gigafactory."

30,7 Millionen. Über vier Jahre. Amazon investiert nächstes Jahr allein 4,8 Milliarden in die AWS-Region Frankfurt. Das ist Faktor 156. (*)

[8] Der Staat als Bewerbungscoach

Zu den europäischen AI Gigafactories: Die Bundesregierung "setzt sich dafür ein, dass sich deutsche und europäische Unternehmen für einen Standort in Deutschland bewerben".

Die Regierung wirbt also bei Unternehmen dafür, sich zu bewerben, damit in Deutschland gebaut wird. Man könnte stattdessen den Strom billiger machen?

[9] "Wir haben geliefert"

Wildberger zur Rechenzentrumsstrategie: "Wir haben geliefert, was unser Land braucht: einen klaren Fahrplan für den Rechenzentrumsstandort Deutschland."

Geliefert wurde ein Fahrplan. 25 von 28 Maßnahmen sind nach sechs Monaten "gestartet".

Standardisierte Netzanschlussbedingungen für Rechenzentren fehlen bis heute, die Bundesnetzagentur beginnt die Festlegungsverfahren 2027. In Frankfurt dauern Netzanschlüsse teils sieben bis zehn Jahre. Eine Kanzlei fasst die Strategie so zusammen: Sie führe nicht zur Vereinfachung des regulatorischen Rahmens, sondern zu dessen weiterer Ausdifferenzierung.

[10] Der unbelegte Satz

"Die Rahmenbedingungen für Investitionen, auch in KI-Startups und Scaleups, haben sich messbar verbessert."

Gemessen woran?

Kein Wort zu Mitarbeiterbeteiligung, Fondsstandort, Exit-Besteuerung oder Kapitalmarkt.

NICHTS von alledem wird gebraucht!

Kein Unternehmen baut ein Rechenzentrum wegen einer Monitoringstruktur. Kein Gründer bleibt wegen eines Talentprogramms. Gebraucht werden bezahlbarer Strom, Netzanschlüsse in Monaten, Genehmigungen in Wochen und Steuern, bei denen sich Risiko lohnt.

Programme kosten Geld und erzeugen Stellen in Ministerien. Billiger Strom und schnelle Verfahren kosten politischen Mut und erzeugen Rechenzentren.

7:31 PM · Nov 2, 2026


Eine hübsche Volte ist dabei, daß Friedrich Merz zwei Wochen vorher beim Treffen mit Nvidia-Chef Jensen Huang zuallererst die Frage stellte, wie KI am besten zu regulieren sei – und auf die Antwort, daß man erst einmal eine Industrie aufbauen müßte, um sie zu regulieren, darauf bestand, daß erst einmal eine europaweite oder noch besser weltweite Regulierung vonnöten ist, um die „Schädlichkeit“ der KI zu begrenzen.



Die erste DDR konnte sich solche Fisimatenten immerhin sparen, da ein Großteil des „neumodischen Teufelszeugs“ zu ihrer Zeit noch nicht auf dem Markt war. Aber Merz steht hier in der großen Tradition der Grünen, die seit ihrem Antreten auf der politischen Bühne stets gegen Windmühlen wie Glasfaser, Atomkraft, Gentechnik, Fracking, Mobilfunknetze („Strahlenschäden durch 5G“), Verbrennungsmotoren usw. usf. angekämpft haben (gegen die Verschandelung des Landes durch zehntausende so realer wie nutzloser Windmühlen allerdings nicht.)

Daß die Vizevorsitzende der CDU, Karin Prien, zeitgleich eine Besteuerung der nicht vorhandenen „Gewinne aus der KI-Nutzung“ gefordert hat, rundet das Bild natürlich höchst passend ab.



Und daß die Datenzentren, mittels deren der anvisierte Ausbau der KI in den nächsten Jahren erfolgen soll, nicht nur gigantische Mengen an elektrischer Energie voraussetzen, sondern vor allem zu niedrigen Preisen und verläßlicher Menge zu jedem denkbaren Zeitpunkt – eine solche anspruchsvolle Denksportaufgabe sei dem Kanzler und seinen Wasserträgern fürs erste erspart.



(Projizierter weltweiter Energiebedarf für KI bis 2035)

Denn es geht natürlich – wie immer bei Hrn. Merz & Co. - überhaupt nicht um die Umsetzung solcher Visionen. Es geht einzig und allein um das Ablassen von Floskeln, von sinnfreien Sonntagsphrasen, von folgenlosem Phrasendreschen in einem Staat, in dem seit mindestens 15 Jahren „das Erreichte nichts mehr zählt, sondern das Erzählte reicht.“

* * *

Anmerkungen:

Werner Jarowinsky, zum Zeitpunkt seines Auftritts von dem Politbüro schon schwerkrank, wurde am 15. Januar 1990 zusammen mit den meisten anderen früheren Mitgliedern des ZK aus der „neu gegründeten“ PDS ausgeschlossen, um der Partei eine „weiße Weste“ für den Neustart bzw. das Weitermachen unter den veränderten Bedingungen zu verschaffen. Er starb neun Monate später, im September 1990, im Alter von 63 Jahren.

Das Protokoll der Sitzung des Politbüros vom 10. 11. 1989 entnehme ich dem von Hans-Hermann Hertle und Gerd-Rüdiger Stephan edierten Band „Das Ende der SED“ (Chr. Links, Berlin 2000). Die zitierten Passagen finden sich dort auf den Seiten 392 und 393.



„That Feeling, You Can Only Say What It Is in French,” erschien in der Ausgabe des “New Yorker” vom 22./29. Juni 1988 und wurde 2002 in Kings Erzählungssammlung “Everything’s Eventual” nachgedruckt.



Dante Gabriel Rossettis Gedicht “Sudden Light“ erschien zuerst in dem Band „Poems“ (erschienen bei Roberts Brothers, 1870). Vollständig lauten die drei Strophen:

I have been here before,
But when or how I cannot tell:
I know the grass beyond the door,
The sweet keen smell,
The sighing sound, the lights around the shore.

You have been mine before,—
How long ago I may not know:
But just when at that swallow's soar
Your neck turn'd so,
Some veil did fall,—I knew it all of yore.

Has this been thus before?
And shall not thus time's eddying flight
Still with our lives our love restore
In death's despite,
And day and night yield one delight once more?

Auf dem Lyrik-Blog von Dr. Detlev Wilhelm Klee, Lux Autumnalis, ist vor einem Jahr diese Nachdichtung erschienen:

„Jäher Strahl“

Ja, ich war hier schon einmal,
wann und wie, das weiß ich nicht:
Ich kenn sie wieder, Gräser schmal,
Duft, der in die Nase sticht,
Säuseln, Meeresschimmer ohne Zahl.

Die Meine warst du schon einmal –
zu sagen wann, würd mir schwer:
Doch als die Schwalbe flog ins Tal,
du schautest hinterher,
da fiel der Flor – wie einst sah ich den Strahl.

War so es schon einmal?
Trägt wohl der Wirbelflug der Zeit
uns immer neu verleibt zum Liebesmahl,
vorm Tod gefeit,
wird uns bei Tag und Nacht die Lust nicht schal?

Julian Barnes merkt in seinem neuen (und wohl auch letzten) Roman „Departure(s)“, erschienen zum 80. Geburtstag des Autors in Januar 2026, daß die „Mémoire involuntaire,“ die Marcel Prousts gleichnamigen Erzähler in der „Recherche“ in den Erinnerungsstrom eintauchen läßt, nicht mit dem Dévà Vu gleichzusetzen oder zu verwechseln ist – weil das Wiedererstehen der Vergangenheit, das nachträgliche Beschwören und Auskosten aller Details auf den Einsatz der aktiven Imagination zurückgeht, nicht nur auf das auslösende, jähe Aufblitzen einer Erinnerungsspur.







U.E.

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