31. Oktober 2026

Halloween Special II: Technik und Geistererscheinungen







Manfred Kyber – „Das Gespenst“ (1922)

„Es spukt in der Küche, ich ziehe zum Ersten,“ sagte meine Köchin, als sie morgens das Frühstück brachte, und ihre Gesichtsfarbe war eine Mischung von Kalk und Käse.

„Das ist Blödsinn,“ sagte ich ruhig und beherrscht, aber es lief mir kalt über den Rücken, denn niemand kann solche Eierkuchen backen wie meine Köchin, und die Aussicht, ohne solche Eierkuchen zu leben, war entsetzlich.

„Es ist kein Blödsinn,“ sagte die gequälte Frau, „ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Es hat geheult und gestöhnt und geschlappt wie mit einem Tuche. Es war ein Leichentuch, das geschlappt hat.“

„Wann war das?“

„Um Mitternacht.“

Ich überlegte.

„Lassen Sie mir einige Nächte Zeit,“ sagte ich schließlich, „ich werde dafür sorgen, daß es nicht wieder vorkommt.“

Die Lage war klar. Ich hatte zu wählen zwischen einem Gespenst und den Eierkuchen. Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb folgenden Brief. ­

Sehr geehrter Herr Gespenst!

Meine Köchin beschwert sich, daß Sie in der Küche spuken. Sie sollen heulen, stöhnen und mit einem Leichentuch schlappen. Ich ersuche Sie, das zu unterlassen. Meine Köchin kündigt mir sonst, und sie ist die einzige in der Stadt, die gute Eierkuchen backen kann. Wenn Sie spuken wollen, so beschränken Sie sich auf mein Arbeitszimmer oder wählen Sie die Stunden, wenn meine Köchin ausgeht. Ich gestatte mir hinzuzufügen, daß Sie sich starken exorzistischen Unannehmlichkeiten aussetzen werden, wenn Sie sich meiner häuslichen Ordnung nicht fügen.

Hochachtungsvoll

(Unterschrift)


Am anderen Morgen nahm ich das Papier wieder zur Hand. Es war ein Totenkopf drauf gezeichnet mit einigen Knochen, die sardellenartig übereinander lagen. Darunter stand:

Ich bin gar kein Mann, sondern eine Frau. Ich kann spuken wo ich will. Von meiner Spukstunde kann ich nicht abweichen. Grundsätzlich nicht.

Mit gespensterlichem Gruß

Leonore Sanftleben, Gespenst


Die Portiersfrau, die nachts zur Beruhigung bei der Köchin gewacht hatte, erklärte, daß sie es auch heulen, stöhnen und schlappen gehört habe, daß es in der Küche glühwurmähnlich geleuchtet habe und daß sie, die Portiersfrau, selbe gesehen habe, wie jemand mit dem Kopf unter dem Arm an ihr vorübergestrichen sei, wobei ein kalter, grabähnlicher Hauch sie, die Portiersfrau, berührt habe. Die Köchin kündigte.

Mir wurde eiskalt, wegen der Eierkuchen. Frau Leonore Sanftleben mußte fort. Ich wußte ja nun immerhin einigermaßen, mit wem ich es zu tun hatte. Es war ein weibliches Gespenst, mit der Hinneigung zu den Küchenräumen. Es war ferner eine Dame mit Grundsätzen, aber welche Dame hat keine Grundsätze? Und schließlich sind Grundsätze doch dazu da, um überwunden zu werden, und besonders solche von Damen. Schön mußte Frau Sanftleben nicht sein, sonst würde sie den Kopf nicht unter dem Arm tragen. Na, wir werden ja sehen, dachte ich, setzte mich an den Schreibtisch und schrieb folgenden Brief:

Frau Leonore Sanftleben, Gespenst, hier.

Sehr geehrte gnädige Frau!

Ich bestätige Ihnen dankend Ihre werten Zeilen von der gestrigen Nacht und bitte Sie höflichst, sich heute um Mitternacht zwecks einer Unterredung mit mir in meinem Klubsessel freundlichst materialisieren zu wollen.

Mit gespensterlicher Empfehlung

hochachtungsvoll ergebenst
(Unterschrift)


Um Mitternacht saß ich an meinem Schreibtisch und wartete. Der Klubsessel stand seitwärts am Fenster, so daß er vom Mondlichtvoll beschienen wurde, um Frau Sanftleben die Materialisation zu erleichtern. Ich hatte beschlossen, die Angelegenheit höflich, aber sehr sachlich zu erörtern, und hatte mir kurz die nötigen Notizen gemacht; heulen, stöhnen, schlappen, Leichentuch, glühwurmähnliches Licht, Grabeshauch, Kopf unter dem Arm.

Die Uhr schlug zwölf. Das Zimmer verdunkelte sich du unter der Sofaecke kamen stöhnende Laute hervor: Huh-huh-huh- in asthmatischen Abständen.

„Sind Sie das, gnädige Frau?“ fragte ich.

„Huh-huh!“

„Sind Sie unter dem Sofa, gnädige Frau?“

„Huh-huh!“

Ich dachte an die Eierkuchen

„Gnädige Frau, ich bin kein Teppich,“ sagte ich energisch, „ich kann nicht zu Ihnen unter das Sofa kriechen. Ich habe Sie gebeten, sich auf meinem Klubsesel zu materialisieren. Bitte, nehmen Sie pPatz.“

Auf dem Klubsessel erschien ein zitternder Schleier, formlos und unsympathisch.

„Gnädige Frau, entwickeln Sie sich jetzt bitte. Ich kann mich nicht mit einem Schleier, einem Gegenstand der Konfektion, unterhalten. Ich habe Frau Sanftleben, nicht einen Lappen hierhergebeten.“

Jetzt wuchs der Schleier und wurde greulich groß. Wenn daraus Frau Sanftleben werden sollte, so mußte sie viel Raum für ihre gespensterliche Existenz benötigen. Endlich saß sie vor mir: im Reifrock, eine ältere Dame, durchsichtig und korpulent. Ihr Busen wogte und sie phosphoreszierte heftig.

„Phosphoreszieren Sie bitte nicht so unangenehm,“ sagte ich, „ich habe Sie hierher gebeten, um mich über Ihre Spukangelegenheiten zu unterhalten, nicht um Ihre transparenten Eigenschaften zu bewundern oder Ihre selbsttätige Leuchtfähigkeit festzustellen.“

„Mein Herr!“ sagte Frau Sanfteben, und in ihrem Kopf glühten zwei Augen auf, daß glühende Kohlen ein alberner Scherz dagegen waren.

„Brennen Sie keine Löcher in meinen Klubsessel,“ sagte ich, „und nun will ich, um auf den Zweck unserer Unterredung zu kommen, einige Fragen an Sie richten. Warum spuken Sie hier, gnädige Frau?“

„Ich bin in diesem Hause gestorben,“ sagte Frau Sanftleben und seufzte.

„Meine aufrichtige Teilnahme,“ sagte ich, „aber Ihrem Kostüm nach zu urteilen, ist das ziemlich lange her und Sie sollten sich darüber nicht mehr echauffieren. Außerdem – wenn ich sterben würde, so würde ich das doch eher als eine Andeutung auffassen, das Haus zu verlassen.“

„Nein, man spukt im selben Hause, grundsätzlich,“ sagte Frau Sanftleben und klapperte demonstrativ mit ein paar Totenknochen in ihrer Hand.

„Was heißt ‚man‘ spukt? Das ist doch mehr als veraltet – ich dachte, Sie wären selbständiger.“

„Ich bleibe hier und ich spuke hier,“ sagte Frau Sanftleben.

Ich verlor die Geduld nicht.

„Gut, gnädige Frau,“ sagte ich, „bleiben Sie hier und spuken Sie hier. Aber nehmen Sie Rücksicht auf meine Köchin und meine Eierkuchen. Wählen Sie eine andere Stunde.“

„Zwölf Uhr nachts ist allgemein üblich. Es ist Gespensterusance. Auch empfangen Sie ja dann keine Besuche.“

„Das möchte ich nicht unbedingt sagen,“ meinte ich, „aber wenn ich um diese Stunde Besuche empfange, so sind das Zeitgenossinnen anderen Datums und keine Damen von mehr als hundert Jahren, die phosphoreszieren und transparent sind. Im übrigen handelt es sich weniger um mich als um meine Köchin, und meine Köchin fürchtet sich, weil Sie stöhnen und glühen und sich groteske Scherze mit Ihrem Kopf erlauben“ – ich sah auf meine Notizen – „ferner hauchen Sie einen kalten Grabesduft aus und schlappen mit einem Leichentuch.“

Frau Sanftleben fuhr auf.

„Das ist kein Leichentuch, sondern ein Staubtuch. Ich wische Staub, mein Herr. Ich habe mein ganzes Leben lang Staub gewischt. Alles wird Staub. Auch Sie werden zu Staub werden.“

„Das weiß ich. Aber so lange ich noch nicht Staub bin, will ich Eierkuchen essen, und wenn Sie meine Köchin fortheulen und Fortglühen, so bekomm ich keine Eierkuchen mehr. Frau Leonore Snaftleben, unsere Unterredung ist beendet. Ich frage Sie, ob Sie gehen wollen oder niht? Ich lasse Ihnen fünf Minuten Bedenkzeit.“

Frau Sanftleben phosphoreszierte in scheußlicher Weise. Dann nahm sie ihren Kopf von den Schultern und setzte ihn auf ihren Schoß. Jetzt riß mir die Geduld.“

„Frau Sanftleben, machen Sie keine Kunststücke, hier ist kein Varietee!“ schrie ich sie an.

„Staub – Staub – Staub,“ lallte der Kopf auf ihrem Schoß.

Staub – Staub – eine herrliche Idee kam mir bei diesen Worten.

Staub war sie, Staub wollte sie und Staub sollte sie haben! Ich ergriff den Vakuumsauger, schaltete ihn ein und preßte das Mundstück des Schlauches auf den phosphoreszierenden Busen von Frau Sanftleben. Der Schlauch schluckte und schluckte, und Frau Sanftleben verschwand mitsamt dem separaten Kopf, den Glühen, Stöhnen und aller Transparenz und Phosphoreszenz im Vakuumapparat.

Es spukt nicht mehr, und ich esse Eierkuchen.

Der Vakuumapparat aber arbeitet so wie nie zuvor. Frau Sanftleben hat ihren Beruf gefunden.

* * *

Der Name Manfred Kybers (1880-1933) ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, auch wenn es seit 80 Jahren immer wieder kleine verlegerische Bemühungen gegeben hat, ihn mit Neuauflagen seiner grotesken Tiergeschichten präsent zu halten – zuletzt 2009 mit einer vierbändigen Werksausgabe beim Hamburger Aurinia Verlag. Stilistisch fallen diese Fingerübungen in den Bereich zwischen der traditionellen Fabel, der Parabel und der auf einen Volte, einen Knalleffekt hin gebauten Groteske, in der für Deutschland die frühen Erzählungen von Gustav Meyrink, Hermann Harry Schmitz oder später Kurt Kusenberg typisch sind. (Daß Kyber nicht nur als Satiriker und Parodist in Erscheinung getreten ist, sondern, unter dem Einfluß von Rudolf Steiners Anthroposophie, als moralischer Wegleiter wie in seinem einzigen Roman Die drei Lichter der kleinen Veronika. Der Roman einer Kinderseele in dieser und jener Welt (1929), hat zu diesem Verblassen des Nachruhms sicher beigetragen. Auch Christian Morgensterns Verse in dieser Paulo-Coelho-Manier wie „Wir fanden einen Weg“ sind heute mehr als vollständig von der „Furie des Verschwindens“ (Enzensberger) ereilt worden)

„Das Gespenst“ entnehme ich der Sammlung „Grotesken,“ die 1922 im Seifert Verlag in Stuttgart erschienen ist.

* * *





(Weird Tales, Dezember 1933. Die Illustration stammt von J. M. Wilcox, 1895-1958)

Seabury Quinn, aus: “Die roten Handschuhe von Czerni“ (1933)

Das Mädchen schlief friedlich, als wir einen Blick in ihr Zimmer warfen, und ich wollte mich schon wieder nach unten wenden, als de Grandin mich am Ärmel zupfte.

„Warten Sie hier, mein Freund,“ bat er. „Bis Mitternacht ist es noch eine halbe Stunde, und es ist am wahrscheinlichsten, daß er dann erscheint.“

„Glauben Sie, daß sie erneut …. Besuch … bekommt?“ fragte Madame Szekler. „Ach – wenn ich überzeugt wäre, daß diese verfluchte Séance daran schuld ist, dann würde ich mir das Leben nehmen. „Ich wollte nur in der Nähe meines Jungen sein, aber – „

„Beunruhigen Sie sich nicht,“ unterbrach sie de Grandin. „Er hätte sich so oder so auf irgendeine Weise Zugang verschafft. Die Séance hat höchstens seine Ankunft beschleunigt – und die von Jules de Grandin. Lassen Sie uns bitte mit ihr allein. Falls nichts passiert, dann ist doch alles n Ordnung – aber falls sie doch heimgesucht wird, sind wir hier, um die nötigen Schritte zu ergreifen.“



Während der nächsten Stunden verlief unsere Nachtwache bei dem schlafenden Mädchen ohne Störung. Ihr Atem ging ruhig und flach; sie änderte nicht einmal ihre Lage im Schlaf, und ich stand am Fenster und unterdrückte ein Gähnen und wünschte, daß ich nicht so viel Tokajer getrunken hätte, als mich plötzlich de Grandins leises, harsches Flüstern wachriß: „Trowbridge, mein Freund – passen Sie gut auf!“

Ich drehte mich um und sah, daß das Mädchen die Bettdecke fortgezogen hatte und so auf dem Bett lag, daß ihr schlanker geschmeidiger Leib sich hell wie geschnitztes Elfenbein unter den Maschen ihres schwarzen Spitzennachthemds abzeichnete. Als ich sie ansah, konnte ich hören, wie sie den Kopf in einem fort hin und her warf, während sich ihr ein leises Stöhnen entrang. Sie erinnerte mich an ein schlaftrunkenes, kränkelndes Kind, das sich dagegen sträubt, wachgerüttelt zu werden, um bittere Medizin eingeflößt zu bekommen.

Aber lang hielt dieser Widerstand nicht an. Langsam, beinahe zögernd, wie jemand, der sich im Finstern vorwärts tastet, streckte sie einen ungemein schlanken Fuß aus, dann den anderen, zögerte, um Luft zu schöpfen, und erhob sich von ihrer Couch, mit einem Ausdruck seliger Freude. Und obwohl ihre Augen geschlossen waren, schien sie den Weg vor sich zu sehen, während sie das halbe Zimmer durchquerte und plötzlich stehenblieb, die Arme ausbreitete und sie dann wieder fest an sich zog, als wenn sie etwas mit aller Macht festhalten wollte. Mit zurückgeworfenem Kopf, die Lippen leicht geöffnet, richtete sie sich auf und stand auf den Zehenspitzen – sie schien den Boden kaum noch zu berühren. Es war, als ob sie durch irgendeine Art von Levitation in die Höhe gezogen und fast in der Luft schweben würde und nur noch mit den Spitzen ihrer rotlackierten Zehen mit der Erde verbunden blieb. Oder als ob – mir blieb das das Herz stehen, als mir dieser Gedanke durch den Kopf schoß – als ob sie sich einer Umarmung hingeben würde, der Umarmung eines Unsichtbaren, der größer war als sie, der sie in die Arme schloß und emporhob, während er ihren ihren verlangenden Mund mit seinen Küssen bedeckte.

Ein leises keuchendes Stöhnen entriß sich ihr, und sie taumelte ein paar Schritte zurück, hielt immer noch etwas, das wir nicht sehen konnten, fest an die Brust gedrückt, wie jemand, der sich auf jemanden stützt, um nicht zu Boden zu stürzen und nicht aus eigener Kraft aufrecht hält. Sie ließ sich auf das Bett fallen. Ihre Augen waren immer noch geschlossen, aber sie hielt den Kopf ein wenig nach vorn gestreckt, als ob sie durch die gesenkten Lider Zeuge verzückter Visionen wäre. Die Röte schoß in ihre bleichen Wangen, ihre Lippen verzogen sich zu der leicht geschwungenen Form eines hingerissenen, entzückten Lächelns. Sie hob die Hände und vollführte sanfte, abwärts gerichtete Bewegungen vor dem Gesicht, als ob sie jemandem, der sich über sie beugte, über die Wangen streicheln würde, und ein leichtes Zittern durchlief ihren schlanken Leib, als sich ihr Busen zu heben schien und ihre Lippen sich langsam öffneten und wieder schlossen, eine glückselige Pantomime eines Kusses. Ein tiefer Seufzer drang zwischen ihren strahlend weißen Zähnen hervor; dann wurde ihr Atem schneller, stoßweise, in kurzen, abgehackten Zügen.

„Grand Dieu – l‘incube!“ flüsterte de Grandin. „Sehen Sie das, mein Freund?“

„L’incube? Incubus? Der Nachtmahr? Das will ich meinen!“ reif ich aus. „Schnell, wecken Sie sie auf, de Grandin; so etwas kann schnell zur Erotomanie führen!“

„Seien Sie still!“ flüsterte er in scharfem Ton. „Ich habe nicht gesagt EIN Inkubus, sondern DER Inkubus. Das hier ist kein Nachtmahr, mein Freund. Sondern ein unreines Wesen aus der jenseitigen Welt, das um eine Sterbliche wirbt – sehen Sie hin, schauen Sie genau hin, regardez-vous!“

Aus Zitas Seite, ungefähr drei Zoll unterhalb der sanften Schwellung ihrer linken Brust, erschien eine winzige Rauchwolke, wie von einer Zigarette. Aber sie erneuerte sich, hatte Bestand, wurde von einem Wölkchen zu einem stetigen Fluß, zu einer Rauchsäule, die sich schließlich an ihrer Spitze zu einem Rauchpilz zu einer nebligen, weißen Quaste weitete, die waberte, wirbelte und sich um ihre Achse zu drehen schien, während sie mit jeder Drehung größere und festere Form annahm. Dann verblich die grauweiße Färbung des Nebels, wurde durchsichtig und schwebte wie eine gewaltige Seifenblase in die Höhe, bis sie ungefähr einen Fuß über dem verzückten Gesicht des Mädchens schwebte.

Und aus dieser Blase blickte ein Gesicht – das Gesicht eines Mannes, bösartig wie das von Mephistopheles, geprägt von Grausamkeit, Lüsternheit und wilder, ungezügelter Rachsucht. Die Züger waren grob, ungeschlacht; wulstige Lippen, nicht rot, sondern violett, als ob sie von Blut geschwollen wären; eine große Krummnase, die nicht adlergleich wirkte, sondern an den Schnabel eines Geiers erinnerte; feuchtglänzendes, verfilztes Haar, das in schmierigen Strähnen an der niedrigen Stirn klebte; tief eingefallene Augen, denen jeder Glanz fehlte, die wie Totenlichter in den leeren Augenhöhlen eines Schädels brannten.

Ich fuhr unwillkürlich zurück, aber de Grandin griff in die Innentasche seines Smokings und näherte sich der Vision. „Ausgeburt der Hölle,“ warnte er, „entweiche! Conjuro te - abire ad locum tuum!“ Mit einer ruckartigen Bewegung brachte er ein Fläschchen zum Vorschein, zog den Stöpsel heraus und schleuderte den Inhalt gegen die schimmernde Blase, die das lüstern geifernde Gesicht barg.

Die perlenden Wassertropfen trafen auf die irisierende Oberfläche der Kugel, als wenn sie aus Glas bestehen würde. Einige bespritzten das schlafende Mädchen, einige blieben an der glatten Wandung der Kugel haften, aber ihre Wirkung war so, als ob es sie überhaupt nicht gäbe.

„Bei den Hörnern auf dem Kopfe des Satans …“ hob der Franzose wutentbrannt an, aber er hielt ein, als sich die Kugel erneut zu drehen begann. Als wenn sie ihre runde Form dem Aufdrehen der Rauchsäule verdanken würde, die aus Zitas Seite entwichen war, so schien sich nun dieser Vorgang umzukehren; wurde erst zu einem Oval, dann elliptisch, dann langgedehnt und schmal und verschmolz schließlich mit dem Dunstschwaden, der dem schlanken Leib des Mädchens entströmte und der, während wir noch zusahen, beständig dünner wurde und sich schließlich in ihrem weißen Fleisch verlor.

Zita lag auf dem Rücken, die Arme zur Seite gestreckt, als ob sie gekreuzigt worden wäre, ihr Atem ging in heißen, fieberhaften Stößen, Tränen strömten unter den gesenkten Wimpern ihrer Augenlider hervor.

“Jetzt sehen Sie sich dies gut an, lieber Freund,” befahl de Grandin. „Von hier ist der Dunst ausgetreten, nicht wahr?“

Er legte einen Finger an die Seite des Mädchens, und als ich nickte, zog er eine Nadel aus seinem Revers und stach sie ihr bis zum Öhr in das weiche Fleisch. Ich schrie ob dieser Barbarei laut auf, aber er hieß mich mit einer knappen Geste schweigen, zog die weitmaschigen Spitzen ihres Nachthemdes auseinander und hielt die Nachtischlampe über die Einstichstelle. Der Stahl steckte fast zur Gänze in ihrer Seite, aber nicht nur gab sie keinen Schrei von sich, es war auch kein Tropfen Blut zu sehen. Er hätte genauso gut die Nadel in totes Gewebe stechen können.

„Was tun Sie da?“ wollte ich wütend wissen.

„Ich führe nur einen Test durch,“ antwortete er; dann, in brüskem Ton: „Non, guter Freund, ich treibe hier keine frivolen Spiele. Ich wollte mich vergewissern, daß die Stelle, an der das Ektoplasma ausgetreten ist, örtlich betäubt ist. Ihnen wird die alte Geschichte bekannt sein, daß Hexen, und solche, die sich dem Satan verschrieben hatten, eine Körperstelle aufwiesen, die schmerzunempfänglich war. Es hieß, daß dies die Folge davon war, daß sie vom Teufel besessen gewesen waren. Ich will damit nicht sagen, daß dies nicht zutrifft. Aber was ist, wenn die Besessenheit nicht aus freien Stücken erfolgt, wenn der böse Geist dem Besessenen seinen Willen aufzwingt? Zeigen sich dann auch solche schmerzfreien Stellen? Ich hielt dies für möglich. Pardieu, nun weiß ich es. Ich habe es bewiesen!

„Nun bleibt uns die Aufgabe, eine Mittel zu ersinnen, wie wir die Oberhand über diesen abscheulichen Schurken gewinnen können. Seine Gewalt kann er jetzt sowohl in körperlicher wie in geistiger Form ausüben; insofern sind geistige Waffen machtlos gegen ihn. Ob rein körperliche Gewalt gegen ihn etwas auszurichten vermag, bleibt fraglich.“

„Was meinen Sie damit?“

„Sie haben ja gesehen, was passiert ist, als ich ihn mit dem Weihwasser besprüht habe – es schien ihm nichts anzuhaben.“

„Aber, guter Mann,“ warf ich ein, „was kann das – was immer das auch war, das wir da gesehen haben – sowohl Geist wie auch körperlich sein? Muß es nicht entweder das eine oder das andere sein?“

„Nicht unbedingt,“ gab er zur Antwort. „Sie und ich und alle anderen von uns sind auf zweierlei Art beschaffen: zum einen als körperlicher Leib, zum Teil als der Geist, der uns Leben verleiht. Für diese unangenehme Person namens Czerni galt einstmals dasselbe, bis Hauptmann Szekler ihn getötet hat. Daraufhin wurde er zu einem reinen Geist – aber zu einem bösen Geist. Und weil er ein Geist war, war er außerstande, jemandem auf direkte Weise zu schaden zu können. Ihm fehlte der Körper, um sein böses Werk zu verrichten. Aber dann bot sich für ihn die passende Gelegenheit. Auf der verwünschten Séance von Madame Claire erwies sich Mademoiselle Zita als ideales Werkzeug für seine verruchten Ziele. Unter Spiritisten ist es eine geläufige Tatsache, daß eine junge Frau ein ideales Medium abgibt, wenn es darum geht, daß sich die Geister materialisieren. Und warum ist das so? Weil solche Mädchen unter großer Anspannung stehen und ihr Widerstand schwach ist. Und dies nutzen Geister, die Gestalt annehmen möchten, um mittels der feinstofflichen, aber physisch durchaus präsenten Materie, die Ektoplasma genannt wird, einen halbwegs soliden Körper zu bilden. Aus diesem Grund war Mademoiselle Zita für die Pläne des abscheulichen Czerni ideal geeignet. Ihr entzog er das Ektoplasma, um sich auf Madame Claires Séance zu materialisieren. Als das Ektoplasma wieder in ihren Leib zurückströmte, folgte er ihm. In diesem Moment, guter Freund Trowbridge, bewohnt er ihren Leib, kontrolliert sie vollkommen, wenn sie schläft und ihr bewußter Geist ausgeschaltet ist, und entzieht ihr Ektoplasma, um Gestalt anzunehmen. Er vermag es nicht oft; sie besitzt nicht genügend Kraft, um ihm die Energie zu häufige Materialisationen zu geben; aber er ist in ihr, in jedem Augenblick präsent, und er wartet auf jede Gelegenheit, um ihr zu schaden. Wir müssen ihn bannen, mein Freund, bevor er vollständig von ihr Besitz ergreifen kann und sie zu dem wird, was in alter Zeit ‚vom Teufel besessen‘ genannt wurde und was wir heute als ‚wahnsinnig‘ bezeichnen.

„Kommen sie; wir wollen gehen. Ich denke nicht, daß er sie heute Nacht noch einmal heimsuchen wird, und ich muß noch über den Fall nachdenken, bevor wir den Endkampf beginnen – ich und dieser abscheuliche Wiedergänger von den roten Handschuhen.“

[…]



(Die beiden Konterfeis von Virgil Finlay, die ab 1937 jede Erzählung des Serie beigleiteten, finden sich zuerst in "Satan's Palimpsest," September 1937)

“Ich muß schon sagen, Sie haben sich da in eine hübsche Zwickmühle gebracht!“ zog ich ihn auf, als wir neben dem Krankenbett Platz genommen haben, auf dem Zita Szekler immer noch betäubt vom Morphin lag. „Die Wahrscheinlichkeit, daß Sie die Hände dieses armen Kinds retten können, ist so groß wie die, daß ich zum Mond fliegen könnte – und wenn ich mich auch nur ein wenig auf die menschliche Natur verstehen, wird Hauptmann Szekler Sie bei ihrem Wort nehmen, wenn er entdeckt, daß Sie Ihr versprechen nicht einlösen können und wie einen räudigen Hund niederschießen. Und ich stehe da wie ein Trottel, weil ich mich für Sie verwendet habe …“

„Pssst!“ Sein scharfes Zischen unterbrach mich. „Seien Sie bitte still. Ich muß nachdenken, und kann das nicht, wenn Sie pausenlos dummes Zeug plappern.“

Er stand auf, ging zum Telefon, das an der Wand hing, und rief das Chefarztzimmer an. „Ist alles so bereit, wie ich es angefragt habe?“ Eine kurze Pause, dann: „Bon, tres bon, Mademoiselle. Bitte lassen Sie den Sauger unverzüglich in dieses Stockwerk bringen, und sorgen Sie dafür, daß die Salzlösung bereit steht.“

“Was zum …?” begann ich, aber er hieß mich mit einer Geste schweigen.

“Ich habe mein Materiel de Siege besorgt, während sie hierher gebracht worden ist,“ sagte er mit einem Lächeln. „Und wenn jetzt Monsieur le Revenant uns noch die Ehre geben würde – ah, parbleu - was haben wir denn da? Meiner Treu, ich denke, er tut es!“

Das betäubte Mädchen auf dem Bett begann zu regen und stöhnte, als ob sie von einem unangenehmen Traum gequält würde, und ich nahm einen leichten, unangenehmen Geruch wahr, der sich unter dem Aroma aus Desinfektionsmittel und Narkotika, die die Atmosphäre des Krankenhauses beherrschte, bemerkbar machte. Einen kurzen Moment lang wußte ich nicht, worum es sich handeln mochte – und dann fiel es mir unverhofft wieder ein. Ich entsann mich der Zeit meines medizinischen Praktikums, als ich des Öfteren das städtische Leichenschauhaus aufsuchen mußte. Diesem Geruch nach verwesendem menschlichen Fleisch, kann man nie wieder vergessen, wenn man ihn einmal gerochen hat, und kein Wohlgeruch der Welt kann ihn ganz überdecken.

Und jetzt hob sich die sanfte Brust des Mädchens zitternd, und ihre Züge verzerrten sich zu einer leichten Grimasse des Leidens. Ihre Augenbrauen senkten sich, und auf ihren Wangen bildeten sich tiefe Furchen, als ob sie gleich in Weinen ausbrechen würde.

“Die Wirkung der Narkose läßt nach,“ warnte ich ihn. „Soll ich eine –“

“Pst! Seien Sie still!“ befahl de Grandin und beugte sich über das Mädchen, das sich hin und her warf. In seinen kleinen Augen funkelte es, seine Lippen formten sich zu einem Lächeln, das sein kleinen weißen Zähne freigab und fast schon einem Zähnefletschen glich.

Langsam, beinahe zögerlich, entwich aus der linken Körperseite des stöhnenden Mädchens eine grauweiße, rauchähnliche Substanz, wurde größer und dichter, breitete sich in einer Spirale über ihr aus, erblühte zu kugelförmiger Gestalt - eine große, schimmernde Blase, in der die bleichen, bösartigen Züge des Inkubus Gestalt annahmen.

„Und jetzt der Test, sacrebleu!” murmelte de Grandin verbissen.

Mit einem Satz durchquerte er das Zimmer, riß die Tür auf und verschwand mit einem Satz im Korridor. Im Handumdrehen erschien er wieder mit einem – ausgerechnet! – Staubsauger in der Hand. Mit einer raschen Handbewegung setzte er den Mechanismus in Betrieb, und als schneidende Aufheulen des Motors einsetzte, eilte er durch das Zimmer, hielt einen Augenblick vor dem Bett inne und zog aus der Innentasche seines Jackett sein scharfes Kukrimesser hervor und vollführte damit eine rasche Schnittbewegung über dem zitternden Leib des Mädchens. Der Stahl spaltete das Band der feinen, rauchähnlichen Substanz, die die schimmernde Blase mit Zitas Körper verband, und als die Kugel emporstieg wie ein Kugelballon, dessen Schnur losgelassen worden ist, hob er die Staubsaugerdüse in die Höhe, erwischte den weißgrauen wabernden Dunst der gallertartigen Substanz, die in schwankend der Luft schwebte und – saugte sie ein.

Der Motor stellte sein bösartiges Hornissengesumm ein, als ob die Last, die ihm auferlegt wurde, zuviel für ihn sei – dann begann er von neuem zu brummen, scharf und boshaft, und peu à peu wurde die Schleppe des bleichen, durchsichtigen Gewebes ins Innere des Vakuumapparats gesaugt.

Ein Ausdruck von grauenhafter Furch und Entsetzen zeichnete sich in den Zügen des Gesichts in der Blase ab. Der breite Mund öffnete sich zu einem Schrei, die Augen mit ihren schweren Lidern glotzten starr, als wenn sich eine unsichtbare Hand um den Hals des Wesens geschlossen hätte, und wir vernahmen ein leises winselndes Geräusch, so schwach, daß es kaum hörbar war, und doch laut genau, um es zu erkennen. Es war wie der Schrei eines Menschen im Todeskampf, der meilenweit hörbar ist.

„Ha! So! Und Ihr wolltest Jules de Grandin ins Gesicht lachen, Monsieur?“ jubelte der kleine Franzose. „Ein kleiner verlauster Affe sei er, nichts weiter? Ja? Parbleu. Wir werden ja sehen, wer hier wem zum Affen macht, wenn unser kleines Spiel aus ist! Ganz gewiß!

„Freund Trowbridge, bitte haben Sie die Güte, zu läuten,“ befahl er mir. „Bitte lassen Sie sie in den Operationsaal bringen und lassen sie ihr einen Viertelliter des Serums subkutan verabreichen. Doktor Brundage hält sich bereit; er weiß, was zu tun ist.“

„Und nun kommen Sie bitte mit, wenn es Ihnen recht ist,“ sagte er, nachdem ich den Anruf beendet hatte. „Lassen Sie Mademoiselle in ihrer Obhut; sie haben ihre Anweisungen.“

Er knickte das Saugrohr des Staubsaugers zu einem scharfen V zusammen und stellte den Strom ab; dann, wie stets der höfliche Pariser, bat er mich mit einer Geste, vorauszugehen.

Wir eilten in den Keller und hielten neben dem großen Heizkessel, der das Gebäude mit heißem Wasser versorgte. Er schob den Stecker des Staubsaugers in eine Wandsteckdose und fragte: „Seien Sie so gut und öffnen die Tür?“, nickte in Richtung des Kessels und setzte den Motor in Gang.

Als die Maschine wieder zu brummen begann, drückte er den Auslösehebel kräftig nach unten, kehrte die Drehrichtung des Motors um und ließ ihn Luft aus dem Inneren blasen. Es gab ein kurzes, scharfes, stotterndes Husten, als ob der Mechanismus blockiert wäre, dann ein mühsames, wütendes Ächzen, während der Motor gegen ein hartnäckiges Hindernis anblies. Dann begann er sich wieder frei zu drehen, und wie die Rauchwolke, die nach einem Schuß aus einem Gewehrlauf quillt, schoß ein großer grauer Ring in die überhitzte Luft der Feuerung des Heizkessels. Einen kurzen Augenblick lang verharrte er über den hellen, glühenden Kohlen; dann fiel er mit einem merkwürdig platschenden Geräusch auf den Feuerrost, und ein scharfes Zischen folgte, während eine schwere Dampfwolke aufstieg und wirbelte in den Rauchabzug empor. Mir wurde übel, als ich den beißenden Geruch von brennendem Fleisch roch.

„Tres bien. Das, so scheint es, war es dann wohl,“ erklärte de Grandin, als er den Staubsaugermotor abstellte und die Feuertür des Heizkessels mit einem wohlgezielten Tritt schloß. „Kommen Sie. Wir wollen sehen, wie es Mademoiselle Zita geht. Sie sollten jetzt mit der Infusion fertig sein.“

* * *

Der Autor, der am meisten in den Seiten von „Weird Tales“ gedruckt worden ist, war keiner der „großen Drei“ – H. P. Lovecraft, Robert E. Howard, und Clark Ashton Smith – sondern der heute auch in den USA fast völlig in Vergessenheit geratene Seabury Quinn (1888-1968). Vor allen die endlose Fortsetzungsreihe um den „okkulten Detektiv“ Jules de Grandin fand zu seiner Zeit eine ungeheure Resonanz bei der Leserschaft. Zwischen „The Horror on the Links,“ die im Oktober 1925 die Reihe eröffnete, und „The Ring of Bastet“ in der Ausgabe vom September 1951 figurierte das eher undynamische Duo des französischen Meisterdenkers und seines Dr. Watson, Dr. Trowbridge, in insgesamt 98 der 246 Ausgaben des „einzigartigen Magazins.“ Nach dem Auslaufen der Reihe sind die beiden Kämpfer, die fast allmonatlich gegen allen erdenklichen Janhagel aus den Bereichen des Infernos antraten, so gut wie spurlos auch aus dem Gedächtnis auch passionierter Leser und Sammler des mehr oder weniger gepflegten Gruselns verschwunden.

Mycroft & Moran, der Imprint, unter dem der Herausgeber von Arkham House, August Derleth, Bücher publizierte, die Affinitäten mit dem Genre des Kriminalromans aufwiesen, hat 1966 eine Sammlung von zehn frühen Fällen von de Grandin unter dem Titel „The Phantom Fighter“ herausgebracht, die zwischen 1925 und 1930 in „Weird Tales“ erschienen sind; bei Paperback Library erschienen vom August 1976 bis Februar 1977 sechs schmale Taschenbücher, die jeweils acht Geschichten umfassen. „Red Gauntlets of Czerni“ findet sich nicht darunter. In Buchform erschien die Erzählung zuerst in dem dreibändigen Nachdruck aller 93 Folgen, die der kanadische Kleinverlag The Battered Silicon Box 2001 herausgebracht hat; und in der Auswahl von 18 Fällen unter dem Titel „A Rival from the Grave,“ die George A. Vanderburgh 2018 für Night Shade zusammengestellt hat.

De Grandins Skurrilitäten verdanken Hercule Poirot mehr als seinem nominellen Vorbild aus der Baker Street 221B; so etwa sein ziemlich originelles Französisch, das er beständig in seine Konversation einfließen läßt. Daß das übernatürliche Gelichter sich Folge für Folge in der fiktiven Kleinstadt Harrisonville in New Jersey einfindet, macht den Ort zu einem würdigen Vorläufer von Sunnydale aus „Buffy – im Bann der Dämonen“ – einschließlich der Tatsache, daß niemand im Ort von einer Folge zur nächsten irgendeine Erinnerung an die dämonischen Heimsuchungen bewahrt hat (Josh Whedon vermerkt das für Sunnydale kopfschüttelnd in seinem Audiokommentar zur 11. Folge des 6. Staffel, „Gone“ von 2002 auf der DVD-Edition).

Seabury Quinn, der im Zivilstand Rechtsmediziner mit dem Schwerpunkt Friedhofs- und Begräbnisrecht war (ein höchst angemessener Beruf für einen Schauerliterator!) und von 1925 bis 1937 das Fachjournal „Casket and Sunnyside“ als Herausgeber betreute und veröffentlichte auch Fachartikel dazu, etwa im Journal „The American Funeral Director.“ Da, wie ich in meinem vorigen Beitrag erwähnt habe, sich Titelbilder mit spärliche bekleideten jungen Damen oder gar Nackedeis erheblich besser verkauften, baute Quinn oft mit Bedacht Szenen in seine Texte ein, die sich entsprechend illustrieren ließen. Nicht zuletzt der Umstand, daß Herausgeber Farnsworth Wright für eine Titelgeschichte die bescheidene Rate von einem Cent pro Wort auf eineinhalb erhöhte, dürfte hier eine Rolle gespielt haben. (Quinn erachtete seine Schriftstellerei einzig als mehr oder weniger ergiebigen Nebenverdienst, ohne sich jemals zu künstlerischen Ambitionen zu versteigen wie etwa sein Kollege Lovecraft.) In seinen „Memories of Quinn“ (erschienen 1969 in der elften Ausgabe von Jim Van Hises Amateurmagazin „Sword and Fantasy“), erzählt E. Hoffman Price (1898-1988), der als Weird-Tales-Autor mit beiden Kollegen persönlich bekannt war, daß die Damen in einem Etablissement im Rotlichtviertel von New Orleans so begeistert von den Erlebnissen von de Grandin und Trowbridge gewesen seien, daß sie ihrem geistigen Vater bei einem Besuch „eine Nacht frei Haus“ gewährt hätten.

(Der kleine Zyniker, der mir beim Schreiben bekanntlich stets über die Schulter blickt, fragt sich angesichts der Tatsache, daß nach de Grandins Ausführungen das „Ektoplasma“ aus dem Leib der Lebenden den rein geistigen Gespenstern und Dämonen als physische Trägersubstanz dient, denen sie Form und Willen aufprägen, frivol, ob das resultierende Nebelgebilde als „ektoplasmatisches Retikulum“ zu bezeichnen wäre. Realiter dürfte hier eine Verwechslung bzw. Vermengung der beiden Weisen vorliegen, wie Biologen und Okkultisten wie Charles Richet Ende des 19. Jahrhunderts diesen Begriff verwendet haben. Für Spiritisten wie Richet, Carl du Prel, Albert von Schrenck etc. handelte es sich dabei um die „feinstoffliche,“ „ätherische“ Materie, aus denen solche von Séancen erscheinenden Schemen geformt sind; für die Biologen handelt es sich um die äußere, gallertartige Schicht des Zytoplasmas in eukaryotischen Zellen. Auch sonst sind Quinn solche Unschärfen nicht fremd, um seinen okkultistischen Budenzauber ins Werk zu setzen: in „The Chapel of Mystic Horror“ (Weird Tales, Dezember 1928) etwa wird Radioaktivität mit Hilfe von elektrischen Feldern gebündelt und gelenkt. Auch sonst machen sich kleine Nachlässigkeiten bemerkbar. Während Graf Dracula bei Bram Stoker noch betont, daß er kein Rumäne sei, sondern ein Szekler, also der ungarischen Minderheit enttammt, ist hier "Szekler" zum Familiennamen des ungarischen Adligen geworden, der vor der kommunistischen Revolution Bela Kuns in die Vereinigten Staaten geflohen ist, nachdem er den sadistischen Politkommissar Czerni, der seine Opfer folterten indem der ihre Hände zu "roten Handschuhen" zerquetschte und seiner Tochter Zita nachstellte, mit seinem Degen erstochen hat.)



(Weird Tales, Dezember 1933. Umschlagbild von Margaret Brundage)

* * *





(Zeichung von Kurt Schmischke)

Kurt Maria Ruda, „Der schwarze Brief“ (1967)

Wenige Tage nach meiner Rückkehr vom Eisberg-Abenteuer klingelte der Eilbote und übergab mir einen Brief. Zweifellos die rätselhafteste Nachricht, die ich in meinem ganzen Leben bekam.

Nach dem Poststempel zu schließen, war der Brief um Mitternacht im nördlichsten Zipfel Schottlands, nahe den Orkney-Inseln, aufgegeben worden. Aber wie? Beim Postschalter bestimmt nicht, denn es waren keine Marken aufgeklebt. Den Brief konnte man auch nicht unfrankiert in einen Postkasten werfen, da brachte ihn kein Mensch hinein. Denn dieser rätselhafte Brief besaß die Größe eines Handtuchs; auseinandergefaltet kam er sogar einem Laken gleich.

Darüber wunderte ich mich selbstverständlich nicht; weil jedermann schreiben kann, wie’s ihm gefällt. Ich erhalte sehr häufig Post, die schwer durch die Haustür geht. Ungewöhnlich, im höchsten Grade seltsam war der schottische Brief aber durch eine andere Eigenart. Und diese Eigenart, das muß ich schon sagen, verblüffte im ersten Augenblick selbst mich, der täglich zu Lande, zu Waser und in der Luft Unerhörtes erlebt.

In diesem Brief aus Schottland hatte der Absender nicht, wie’s üblich ist, die Nachricht schwarz auf weiß geschrieben. Nein, umgekehrt: mit weißer Schrift auf schwarzes Papier. Auf rußgeschwärztes Pergament! Buchstaben mit eigenartig dünnen Strichen, wie Spinnweben so fein.

Trotz dieser reichlich merkwürdigen Tatsachen nahm ich zunächst den Brief nicht ernst. Ich kenne meine Verehrer, weiß zu genau, was sie alles aushecken, um von mir ein Autogramm zu erhalten.

Es ist verlorene Zeit, dieses Gekritzel auch nur anzusehen! dachte ich. Aber dann weckte die kuriose Anrede mein Interesse, und ich begann zu lesen:

„Todeswürdiger Todfeind Münchhausen!

Jeder, ob Edelmann oder Bürger, der in meinem Schloß übernachtet, redet nur von Dir -stundenlang, bis ihm die Augen zufallen. Jedermann schwatzt von Deinen sogenannten Abenteuern, von Deiner vermeintlichen Tapferkeit und – da kann ich bloß kichern – von Deinem angeblichen Mut.

Ich bin gar nichts mehr. Ich, der Schatzkanzler Seiner Königlichen Majestät! Ich kann tun, was ich will: mit Zinntellern klappern, Krummsäbel werfen, Tabak in den Whisky schütten – niemand beachtet mich. Niemand! Kein Mensch hat vor mir Respekt. Du bist schuld daran. Du!

Wenn Du nur halb so kühn, unerschrocken, wagemutig bist, dann komme doch her! Dann wollen wir sehen, wer der Stärkere ist, ich oder Du!

Ich fordere Dich zum Zweikampf heraus. Wann kommst Du, Angsthase?

Jämmerliche Mücke! Du Memme Münchhausen! Ich hasse Dich! Ich dreh Dir den Kragen um!

Daniel Dandy Graf von Danderloo

Schloßherr auf Latex“


Wer auch nur beiläufig weiß, wie viele Goldmedaillen ich schon im Boxen, Jiujitsu, Säbelfechten und Pistolenschießen errang, wird bedenklich den Kopf schütteln und sagen: „Dieser Brief an Münchhausen – na, der ist nicht bloß ein starkes Stück, der ist zumindest sehr gewagt. Ich möchte nicht in der Haut des Grafen von Danderloo stecken!“

Das war auch meine Meinung. Und deshalb fragte ich mich: Wer konnte so wahnwitzig sein, so hirnverbannt, mich zum Zweikampf herauszufordern?

Wer war dieser Graf? Ein Angeber? Ein jähzorniger Raufbold? Ein Draufgänger und nicht ganz richtig im Kopf? Ich besah mir noch einmal das schwarze Pergament. Irgendwie gefiel mir die Sache nicht. Irgend etwas war da faul. Diese Buchstaben – wie konnte ein Mensch so schreiben: so spinnfadendünn? Und das Pergament roch nach Moder …

„Aneschka,“ rief ich, „bitte sofort ein Ferngespräch anmelden. Nach Schloß Latex, Nordschottland!“

Es dauerte Stunden, ehe ich Verbindung bekam. In dieser Zeit untersuchte ich im Labor jeden Quadratmillimeter des Pergaments. Und entdeckte unter Rußbelag Spuren einer zweiten, uralten Schrift, die kaum noch leserlich war.

Doch was ich entziffern konnte, genügte mir: „… darob wird Lord … seiner Ämter, Würden … enthoben … seiner Ländereien, Schlösser … verlustig ... zum Tode durch … Schwert … ver …“

Das Pergament war ein altes Todesurteil!

Diese Feststellung entschied eigentlich schon meine Reise nach Schottland. Denn ein solches Pergament erhalte ich höchst selten, du hier nicht nachzuforschen, nicht herauszubringen, *wer* mir so etwas schickte, noch dazu mit Schimpfwörtern und der Forderung, mich zum Zweikampf zu stellen – das wäre mir nie eingefallen.

Wenn bloß das Ferngespräch bald – da, es läutete!

„Hier Münchhausen. Guten Tag.“

„Schloß Latex, Kastellan,“ brummte eine Stimme.

„Ich möchte Mister Daniel Dandy Graf von Danderloo sprechen.“

„Idiot!“ brüllte der Kastellan und hängte ein.

Jetzt reichte es mir. Bis an die Hutschnur. Waren dort alle übergeschnappt, vom Schloßherrn bis zum Kastellan? Was bildeten sich diese Hampelmänner ein? Diesen schottischen Schafsnasen würde ich zeigen, wer Münchhausen ist!

„Aneschka, den ‚Supertornado‘ startklar machen!“

„Ihr schnellstes Flugzeug?“

„In zehn Minuten!“

Für dieses Abenteuer nahm ich nichts mit. Nur meine Pistole. Eine Waffe allerdings, die eine geniale Neuheit darstellt und sensationell wirkt. Diese Pistole tötet nicht; das wäre keine Neuheit. Todsicher aber macht sie den Gegner kampfunfähig. Aus drei Läufen gleichzeitig feuert meine Pistole Lachgas, Niespulver und Schlaftabletten in solchen Mengen, daß auch der hartnäckigste Feind in Kürze nach Luft japst, vor Niesen beinahe umkommt oder friedlich einschläft.

Jeder Mensch wird sofort einwenden, beim Gebrauch dieser Waffe müsse auch ich lachen, niesen oder ein paar Schlaftabletten abbekommen. Aber das kann nicht passieren, das verhindert eine sinnrieche Vorrichtung: an dem mir zugewandten Ende der Pistole sitzt ein Ventilator. Das ist kein gewöhnliches Ding, das bloß Frischluft erzeugt. Die Flügel des Ventilators rotieren derart schnell, daß sich sogar Gewitterwolke herumwickeln.

Nach acht Minuten hatte Aneschka den Supertornado tatsächlich startklar. Eine erstaunliche Leistung. Denn diese Stratosphären-Jacht besitzt Flugeigenschaften, die man heutzutage noch für unmöglich hält. Aus einem verständlichen Grund: In meiner Stratosphären-Jacht sind bereits jene aufsehenerregenden Erfindungen eingebaut, die man erst im nächsten Jahrhundert machen wird.

„Aneschka,“ lobte ich, „du bist der beste Mechaniker der Welt. Tüchtig wie ein Ingenieur!“

Sie winkte ab. „Herr Münchhausen, diesmal habe ich Angst. Furchtbare Angst. Ich hab geträumt, daß auf Sie …“

Aneschka zögerte. Ich mußte sie ermuntern, weiterzusprechen. „Daß auf Sie etwas lauert, ein Scheusal, Fratzengesicht, das man nicht fassen, ich meine, nicht packen kann, so – aus Nebel und doch nicht aus Nebel, ein- wie soll ich sagen – Sie wissen schon!“

Es fiel mir schwer, nicht laut aufzulachen. „Scheusal, Fratzengesicht, das man nicht packen kann“? Was für ein Unsinn! Und so etwas sagte die kluge Aneschka, die meine Stratosphären-Jacht geprüft hatte, die vielen komplizierten Geräte! Und dann dieses „aus Nebel und doch nicht aus Nebel“! Alle guten Geister, was stellte sich Aneschka darunter vor? Das war doch albern! Wie konnte meine blitzgescheite Dienerin auf einmal so reden? Bestimmt war sie müde von der schweren Arbeit, völlig verdreht, und redete darum sinnloses Zeug.

Ich klopfte Aneschka auf die Schulter und riet ihr, während meiner Abwesenheit gründlich auszuschlafen.

„Bittschön Herr Münchhausen, die Reiseapotheke, nehmen Sie wenigstens die Reiseapotheke mit!“ bat sie.

Es war wirklich höchste Zeit, abzufliegen und meiner Dienerin Ruhe zu gönnen. Ausgerechnet an dieses Etui erinnerte mich Aneschka, als hätte sie nicht gewußt, daß Jod, Mullbinden und eine Rolle Leukoplast stets griffbereit in meiner Rocktasche stecken! Ich verabschiedete mich kurz, sprang in den Supertornado und startete senkrecht in den tiefblauen Himmel.

Bis zur Spitze Schottlands sind es an die vierzehnhundert Kilometer. Meine Stratosphären-Jacht durchraste diese Strecke in zwanzig Minuten. Und doch kam es mir endlos lange vor, ehe ich Schloß Latex erblickte. Der schwarze Brief, das merkwürdige Telefongespräch und nicht zuletzt die eigenartigen Reden meiner Dienerin waren Anzeichen dafür, daß etwas Unerhörtes bevorstand. Ein Abenteuer, gefährlicher als alle bisherigen; vielleicht der Kampf mit einem Gegner, dessen Hinterlist und Heimtücke zu besiegen nur durch äußerste Tapferkeit und Geistesgegenwart gelang. Da solche Zweikämpfe mein Hobby sind, konnte ich meine Ankunft kaum erwarten.

Endlich tauchte Schloß Latex unter mir auf: mitten in einer Sumpflandschaft ein graues Gemäuer mit Zinnen, Schießscharten und winzigen Fenstern; es sah schon von weitem nicht sehr einladend aus. Doch was ich beim Näherkommen bemerkte, gefiel mir noch weniger: das ganze Schloß bestand lediglich aus einem Turm, der so rund war und so wuchtig wie ein Burgverlies. Diesen Turm umgab eine Mauer, ungefähr zehn Meter hoch und dich genug für jede Kanonenkugel.

Eine Falle, in der man einen Münchhausen zu gern fangen möchte, ging’s mir durch den Kopf, als ich das Schloß überflog. Durch die Pforte in der Mauer kommt höchstens ein Zwerg, kein Mensch kriegt die Gitter vor den Fenstern entzwei, und von den Zinnen hinab in die Tiefe – nein, lieber nicht. Wer durchs Drahtnetz an der Turmwand schlüpft, spießt sich unterhalb an den Stahlspitzen auf. Der liebenswürdige Schloßherr hat an alles gedacht. Bloß daran nicht, daß es gegen meine Schlauheit kein Mittel gibt.

Bei der technischen Vollkommenheit meines Supertornados wäre es nicht schwierig gewesen, auf der Plattform des Turmes zu landen. Dann hätte ich das Flugzeug mit einem einzigen Knopfdruck zerlegt und – als Handkoffer getarnt – mitgenommen ins Schloß. Doch die Klugheit riet mir, so zu tun, als wäre ich nicht gescheiter als jeder Tourist. Ich fuhr also die Schwimmer aus und landete vor der Mauer im Sumpf

Gebückt, beinah auf Händen und Füßen, kroch ich durch die Pforte und schaute mich um: ein kleiner Hof, in dem es nach Moder roch; in der Turmwand vor mir ein schiefes Tor, schwer mit Eisen beschlagen, daneben eine rostige Glocke.

Ich läutete. Läutete dreimal. Fünfmal. Siebenmal mußte ich läuten.

Endlich! Schlurfende Schritte kamen näher, das Tor öffnete sich einen Spalt.

„Halber Dollar Eintritt!“ brummte jemand, und dann streckte sich eine Hand heraus.

„Verehrter Herr, ich möchte Mister Daniel Dandy Graf von Danderloo sprechen.“

„Idiot!“ schimpfte der Unbekannte und wollte das Tor zuwerfen.

Ich klemmte den Fuß dazwischen. „Hören Sie, „ sagte ich drohend. „Der Graf hat mich eingeladen. Hier - sein Brief!“

Da flog das Tor auf, und ein Mann mit Bulldoggengesicht grinste mich an. „Herr Münchhausen, nicht wahr? Hereinspaziert, hereinspaziert! Der Graf will Ihnen den Hals umdrehen? Große Ehre! Der Graf kommt erst um Mitternacht, stets pünktlich auf den Glockenschlag. Der gute Daniel Dandy! Keine Sekunde hat er sich verspätet in den dreihundertfünfzig Jahren.“

„Dreihundert ...?“ Ich glaubte nicht recht zu hören.

Das Grinsen wurde noch breiter. Und dann kicherte das Bulldoggengesicht: „Hä, hä, hä, vor dreihundertfünfzig Jahren, hä, hä, hä, da haben sie den Guten hingerichtet!“

„Ein Gespenst hat mich zum Zweikampf eingeladen?“

Ich bekam keine Antwort. Der Mann mit dem Bulldoggengesicht deutete mit dem Kopf ins Turminnere und hob senkrecht den Daumen. Er deutete damit an, daß sich mein Zimmer im ersten Stock befinde.

„Herr Kastellan,“ fragte ich, „würden Sie die Güte besitzen, mich zu wecken? Eine Minute vorher genügt. Und eine Minute nachher kommen Sie bitte mit einem Abfalleimer für das gräfliche Gespenst. Wiedersehen!“

Das Zimmer roch zwar nach Schimmel, gefiel mir aber nicht schlecht. Es war kreisrund wie der Turm und holzgetäfelt bis zur Decke; der Boden bestand aus Eichenparkett – hier ließ es sich wohnen, auch mit drei Gespenstern. Weil aber solche Geister irgendwoher zu kommen pflegen, untersuchte ich sofort den ganzen Raum.

Als erstes nahm ich den Kamin aus Quadergranit buchstäblich unter die Lupe. Ich prüfte alle Fugen, rüttelte an jedem Stein, schaute in den Rauchabzug. Er war vermauert, ansonsten nichts locker. Dann schob ich die dreizehn Ahnenbilder zur Seite – nirgends eine Öffnung, Geheimtür oder hohl klingende Stelle. Ich prüfte genau die Holztäfelung, klopfte sie ab, zerrte an den Brettern – kein einziges ließ sich bewegen. Die Bücherregale an den Wänden standen fest – hinter den Büchern gab es nichts Verdächtiges. Im Fußboden war auch unter Polstermöbeln, Himmelbett und Schrank keine Spur von einer Falltür zu sehen.

Ich nahm Krummsäbel, Lanzen, Dolche von der Wand, ich rückte die Zinnteller, Tabaksdosen und Pfeifenständer zur Seite, ich schaute unter das Bärenfell, die Waschschüssel, das Spinnrad – nichts, nichts, nichts! Doch irgendwie *mußte* das Gespenst ins Zimmer gelangen! Vielleicht durch irgendeine verborgene Luke in der Zimmerdecke? Wiederum tastete ich jeden Zentimeter ab. Umsonst. Ergebnislos verlief auch die Untersuchung der beiden winzigen Fenster und der Eingangstür.

Ich muß die Sache anders angehen, dachte ich. Einen Polsterstuhl an die Wand schieben, mich bequem hineinsetzen und das Zimmer in aller Ruhe betrachten. Vielleicht fällt mir etwas auf. Eine Kleinigkeit bloß, die nicht stimmt. Finde ich sie, habe ich das Geheimnis entdeckt.

Aber schon nach dem ersten Schritt blieb ich wie angewurzelt stehen. Merkwürdig – warum stand das Himmelbett mitten im Zimmer? Genau unter dem Lüster! Nur zufällig? Wenn das nicht Absicht war!
Ich riß die Vorhänge des Bettes zur Seite: Kein Betthimmel war gespannt; der Kronleuchter hing direkt über dem, der hier schlief. Und was für ein Kronleuchter! Schmiedeeisen, schwer und dick. Und die Stange, an der er hing, die war noch dicker. Diese Stange kam aus der Zimmmerdecke, schnurgerade aus der … Moment mal! Eine Stange? Nie! Sicher, ganz sicher ein Rohr!

Vorsichtig, um ja kein Geräusch zu verursachen, näherte ich mich dem Kronleuchter. Das untere Ende der Stange war hakenförmig hochgebogen. Ich hielt einen Spiegel darüber – ein Loch! Es handelte sich tatsächlich um ein Rohr! Und mit der Lupe sah ich noch etwas anderes: Am Ende des Rohres klebten Fäden weiß und spinnwebdünn wie die Buchstaben im Brief!

Daniel Dandy Graf von Danderloo mußte also durch dieses Rohr aus der Decke kommen. Vorausgesetzt, daß er wirklich ein Gespenst war.

Um darüber Gewißheit zu erlangen, wendete ich aus meiner Erfahrung mit Spukgestalten aller Art ein bewährtes Mittel an.

Gespenster haben nämlich keine Augen und schlechte Ohren. Dafür aber eine Nase, die nur aus Nasenlöchern besteht und daher besser riechen kann als ein Rudel Polizeihunde. Man möchte es nicht für möglich halten, aber es ist so: Ein echtes mongolisches Gespenst wittert zum Beispiel das Fliegenbein auf der Spitze der Cheops-Pyramide in Ägypten. Und die schottischen Gespenster, absolute Weltklasse, die schnuppern kurz nach links und rechts du wissen schon, wer in den nächsten hundert Jahren Kartoffelpuffer essen wird.

Diesen feinen Geruchssinn machte ich mir zunutze. Ich entzündete eine Zigarre, blies den Rauch ins Rohr und lauschte. Fast augenblicklich war ein unterdrücktes Niesen zu vernehmen; ich hörte sogar, wie sich das gräfliche Gespenst schneuzte.

Nach dieser Feststellung war es ein leichtes, Vorkehrungen zu meinem Schutze zu treffen. Ich legte die volle Waschschüssel ins Bett, genau unter den Kronleuchter, und klemmte ringsum Säbel und Lanzen ein – vielleicht plumpst das Gespenst ins Waser oder spießte sich auf. Dann stellte ich die Bücherregale so schräg um das Bett, daß sie bei der leisesten Berührung umfallen und das Gespenst unter sich begraben mußten. Für den fall aber, daß es über alle diese Hindernisse hinwegkam, traf ich die dritte, wirkungsvollste Maßnahme: Ich besprengte Boden, Wände, Möbel und Zimmerdecke mit Whisky; eine ganze Flasche goß ich auf das Bärenfell. Sofort roch das Zimmer dermaßen nach Branntwein, daß zwölf von den dreizehn Ahnherren auf den Bildern Kulleraugen bekamen und einen regelrechten Schwips.

„Das arme Gespenst!“ kicherte ich. „Weil seine Nase viel empfindlicher ist als die seiner Urgroßväter an der Wand, wird es einen Rausch bekommen und vor dem Zweikampf einschlafen. Schade – zu gern hätte ich’s mit ein bißchen Lachgas und Niespulver zur Strecke gebracht!“

Um mir die Zeit bis Mitternacht zu vertreiben, holte ich ein Buch aus dem Regal, ein hochinteressantes Werk über die Geschichte des Schlosses Latex. Doch schon nach wenigen Seiten spürte ich, daß es im Zimmer nicht mit rechten Dingen zuging.

Einige Male blinzelte ich zur Seite. Es war keine Täuschung: Der Ahnherr auf dem dreizehnten Bild ah mich feindselig an: begegneten sich unsere Blicke, schaute er schnell weg. Ich trat zu dem Gemälde, um festzustellen, wer dieser Burche war, ein Athlet mit rötlich-aufgedunsenem Gesicht, stechenden Augen und einem Kinn, das jedem Boxer Ehre gemacht hätte. Nun, auf dem Rahmen stand. „Daniel Dandy Graf von Danderloo.“ Ich habe allerhand erlebt – daß mich sogar sein Bildnis haßerfüllt beobachtete, fand ich nicht ungewöhnlich.

Weniger gleichgültig ließ mich die Sache mit dem Buch. Eine unverschämte Wichtigtuerei und noch unverschämtere Drohung einem Manne gegenüber, der Münchhausen heißt! Den als ich die Geschichte des Schlosses wieder in die Hand nehmen und weiterlesen wollte, lag über beiden Seiten ein Dolch! Und nicht genug damit: das Buch war an einer ganz anderen Stelle aufgeschlagen, bei einer Abbildung. Groß und deutlich stand darunter: „Graf Danderloo, wie er seinen einundneunzigsten Gegner ersticht.“

Die Zahl der angeblich erstochenen Feinde ließ mich kalt. Vor einigen Jahrhunderten waren die Leute noch nicht so wahrheitsliebend wie ich; sie haben maßlos übertrieben und aus einem Gegner gleich einundneunzig gemacht. Ungemütlich war dagegen etwas anderes. Nämlich der Gedanke, daß mein Feind, das Gespenst, bereits im Zimmer sein mußte.

Ich schaute mich um, sah aber nichts. Doch: ich sah, wie sich das Spinnrad langsam zu drehen begann! Unheimlich lautlos, als wäre es plötzlich verhext. Da ich von Zauberei nichts halte, lauschte ich Und hörte ein feines Geräusch, ein Tappen wie von einem Tausendfüßler, der über Papier läuft. Woher kam dieses Geräusch? Vom Spinrad nicht – das merkwürdige Tappen verlor sich hinter dem Bettvorhang.

Doch wie konnte sich das Spinnrad drehen? Leise stand ich auf, schlich näher und – erblickte Tausende von Spinnen. Das reicht nicht, es müssen Zehntausende gewesen sein. An die fünfhundert drehten das Rad, und die anderen – niemand wird’s mir glauben -, die anderen rannten hin und her und zogen einen giftgrünen Faden an das Spinnrad heran.

Ich ging dem Faden nach, durchs ganze Zimmer bis zum Himmelbett. Und weiter, zwischen den Regalen hindurch. Ich schob die Vorhänge zur Seite. Und sah, was ich vermutet hatte: Der Faden reichte durch den Kronleuchter in die Decke hinein: Die Spinnen arbeiteten für das Gespenst ein neues Gewand!

Da vergaß ich jeder Vorsicht, ich *mußte* schallend lachen. Sie waren auch zu komisch, diese tauziehenden Spinnen!

„Hör mal, Opa Dandy,“ platze ich los, „wird das ein eleganter Frack! Ein Staatsrock! Mit dem kannst du sogar in jeder Mülltonne herumgeistern!“

In diesem Moment streifte ein kalter Luftzug mein Genick. Blitzschnell warf ich mich zu Boden. Keine Zehntelsekunde zu früh. Genau dort, wo mein Kopf gewesen war, zischte eine Lanze durch die Luft und bohrte sich in die Holzvertäfelung.

Hölle und Teufel, das Gespenst des Grafen! Vor mir. Höchstens sechs Schritte. Waschschüssel, Säbel, Bücherregale – alles umsonst. Nicht einmal der Branntweingestank schien ihm etwas anzuhaben. Hoffentlich meine Pistole – wenn nicht, die stärkste Waffe war immer noch meine Kühnheit. Und List. List! Ich mußte das Gespenst zu einer Unbesonnnenheit herausfordern.

„Ein höfliches Gespenst stellt sich vor,“ rief ich und steckte die Hände gemütlich in die Hosentaschen. „Du bist mir ein schöner Flegel. Ein miserabler Diener!“

„*Diener!*“ fauchte das Nebelgebilde. Drohend schwebte es näher. „Der Schloßherr von Latex steht vor dir, der Schrecken Schottlands!“

„Angenehm,“ entgegnete ich und stand auf. „Ich heiße“ – meine Fäuste schnellten aus der Tasche: ein Kinnhaken, der zweite – „Münchhausen.“

Der Kopf sprang weg, wuchs aber gleich wieder an. Und das ganze Ding, giftgrüne Schleier, entwischte hinter den Bettvorhang.

Mit einem Satz war ich da. Zog die Pistole, schoß. Schoß, was die Läufe hergaben: Niespulver, Lachgas, Schlaftabletten. Ich warf sämtliche Regale um.

„Ööäää – hähä, ööäää – hähä!“ höhnte das Gespenst. „Da bin ich, hinter dir!“ Und schon legte sich etwas Feuchtkaltes um meinen Hals, versuchte zuzudrücken.

„Fester,“ rief ich, „fester! Paß auf, du Schwächling, ich schmeiß dich runter!“

Das Gespenst versuchte tatsächlich mit aller Kraft, meinen Hals zu umklammern. So ein Tölpel! Es merkte nicht, daß ich die Faust dazwischen hatte.

Was jetzt folgte, war im Handumdrehen passiert.

Aus dem Stand wirbelte ich einen Sato rückwärts. Dadurch flog das Gespenst mit solcher Wucht gegen den Schrank, daß die giftgrünen Schleier haftenblieben. Bloß eine Weile. Doch das genügte, um den Gegner wehrlos zu machen.

„Deine Nase mißfällt mir ganz gewaltig, hochverehrter Schrecken von Schottland! Sie wittert sofort, wo ich bin. Deine Nase muß weg!“ sagte ich und hieb sie mit dem Krummsäbel ab.

„Hilfe! Hilfe!“ Das Gespenst brüllte wie am Spieß. Es brüllte so fürchterlich, daß die Ahnen auf den Bildern leichenblaß wurden und mit den Zähnen klapperten.

„Münchhausen wird dir gleich helfen!“ schrie ich. Den wieder einmal hatte ich einen jener fabelhaften Gedanken, die auf der ganzen Welt nur mir einfallen.

Ich riß die Pistole heraus, hielt sie an den Schrank, ließ den Ventilator sausen und – da, da! Die giftgrünen Schleier, rasend schnell wickelten sich die giftgrünen Schleier herum, das ganze Gespenst steckte aufgerollt und eingeklemmt zwischen den Fächern des Ventilators! Jetzt holte ich das Etui aus der Tasche. Die Rolle Leukoplast! Im Nu war sie über die Schleier gewickelt. Das Schloßgespenst klebte fest. Es war besiegt – für immer unschädlich gemacht durch meine Tapferkeit und List.

„Wo bleibt der Abfalleimer?“ rief ich. „Kastellan!“

Leider mußte ich diesem Gentleman auch noch einen Kinnhaken verpassen. Der Kastellan bracht nämlich keinen Eimer – sondern ein Gewher. Und dieser Schießprügel zielte haargenau auf meine Stirn!

„Verschlagen bist du nicht, aber blöde für drei,“ sagte ich wegwerfend und gab ihm noch eins unter das Bulldoggengesicht. Er sollte gerechterweise nicht weniger bekommen als sein Herr Graf.“

„Mit wem soll ich jetzt trinken?“ jammerte der Kastellan. „Zehn Flaschen Whisky hat er hinuntergegurgelt wie nichts …“

Ich ließ den Kerl jammern, setzte mich in meinen Supertornado und flog nach Hause. Über dem Ärmelkanal schraubte ich den Ventilator von der Pistole, warf ihn über Bord ins Meer. Samt Gespenst. Vielleicht hat es ein Fisch gefressen.

Wer einen Lachs mit rötlich-aufgedunsenem Maul und giftgrünen Streifen fängt, soll ihn gleich braten!

* * *

Über das wenige, das von Kurt Maria Ruda (1914-??) gesichert in Erfahrung zu bringen ist, habe ich an dieser Stelle vor zehn Tagen berichtet (Zettels Raum, „Das fliegende Auto,“ vom 21. Oktober 2026). Das Duell mit dem Schrecken von Schottland bildet das vorletzten Kapitel in seinem 1967 beim Franz Schneider Verlag erschienenen Florilegium der Abenteuer und Aufschneidereien seines Nachfahren des berühmten Lügenbarons.

Der Einsatz von Schießprügeln gegen solche Phantome ist unter Fachleuten freilich umstritten. Johann Peter Hebel warnt in seiner anekdotischen „Merkwürdige[n] Gespenstergeschichte“ im „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“ (1811):

„Mit so etwas läßt sonst nicht jedes Gespenst sich schrecken, denn wenn man auch schießen will, so geht’s nicht los, oder die Kugel fährt zurück und trifft nicht den Geist, sondern den Schütz.“


* * *



Tehnuka, „Der Gott und der Staubsauger“ (2026)

Pillayār wohnt im Staubsauger.

Obwohl ein Gott eigentlich ewig lebt und allgegenwärtig sein sollte, ist dies erst seit kurzem so – soweit es diese Familie betrifft. Ihr Pillayār hat die letzten drei Jahre aufgespießt auf einen winzigen Nagel an der Wand verbracht – nur der kleine Elefantenkopf, ein dünnes Kunststoffscheibchen mit goldfarbenem Überzug – und davor hatte er eine Hochzeitseinladung geschmückt.

Ammā hatte sich so darüber gefreut, als er mit der Post kam. Sie und Appā hatten ihre Bronzegötter und die schönen Bilder in ihren Rahmen verloren oder sie waren gestohlen worden – sie hatten nur ein paar Habseligkeiten mit nach Neuseeland gebracht und ein Foto, das an ihrem Hochzeitstag aufgenommen worden war, auf den sie Goldschmuck trugen (jetzt verloren oder gestohlen) und Blütenkränze – vor dem Hintergrund eines Hauses, das nicht mehr steht.

Auch jetzt, Jahrzehnte später, waren sie immer noch nicht zu gekommen, den Gott mit dem Elefantenantiltz zu ersetzen. Ammā hatte ihn sofort von der Einladungskarte abgerissen und aufgehängt. Erst dann hatte sie nachgeschaut, wer da eigentlich heiratete, hatte in allen Schubladen nach einem Telefonkarte gesucht und hatte zuhause angerufen und sich entschuldigt und Glückwünsche ausgerichtet.

„Wenn wir das eher gemerkt hätten, hätten wir im Staubsaugerbeutel nachsehen können,“ sagt Azhaghan, der für das Staubsaugern zuständig ist.

Den ganzen Dreck durchwühlen, um einen Gott zu finden? Das hätten sie sicher können, muß Ammā zugeben, der der Verlust des kleinen Götterbildchens am meisten leid tut. Sie schimpft ihren Sohn deswegen nicht aus, und läßt ihn auch nicht danach suchen. Er hat Prüfungen, und sie möchte ihn nicht unnötig belasten. Und sie mag auch selber nicht in dem Beutel herumwühlen, der jetzt voll ist mit Haaren, Brotkrümeln, Resten welker Blätter, Hautschuppen, eingeschrumpelten toten Spinnen, and Reiskörnern. Und bestimmt hätte Pillayār auch einen anderen Weg gefunden, um sie zu verlassen – vielleicht, indem er unter einer Socke kleben geblieben wäre. Wer außer einem Gott soll so etwas schon wissen?

Kadayar ist überall und zeitlos. Aber Staubsauger sind neu in der Geschichte von Māyai, unsere illusorischen Welt (wenn auch nur, wenn man sich in einer Richtung entlang einer linearen Zeitachse bewegt). Und neu sind auch winzige Schmuckgötter aus fossilen Brennstoffen, die auf Einladungskarten geklebt werden – mit der Folge, daß es, in dieser Richtung der Zeitachse, bislang nur einmal dazu gekommen ist, daß Pillayār in einen Staubsauger geraten ist. Er nutzt die Situation und konzentriert sich auf das Gefühl, wie der sich blähende Beutel gegen die runde Innenwand des runden Plastikgehäuses gedrückt wird.

Das ist ein Fehler.

Pillaiyār wird sich mit einem Anfall von Panik seiner eigenen Winzigkeit bewußt, dem Dröhnen des Motors, dem Herabrieseln des Sternenstaubs, aus dem Planetenstaub wird und schließlich fader Hausstaub, der sein hohles Antlitz füllt. Er denk an seinen Elefantenrüssel, wie er sich biegt und saugt, und an den Staubsaugerschlauch – ein weiteres Abbild seines Seins – und stellt sich eine unendliche Abfolge von Göttern vor, die wie russische Puppen ineinanderstecken.

Eine Woche darauf besteht Azhagan seine Physikprüfung nicht, und Appā verliert einen Betrag, der so groß ist, daß er den anderen nichts davon sagt, infolge einer schlechten Investition. Appā macht Dummheit und Nachlässigkeit dafür verantwortlich, aber Ammā, die davon überzeugt ist, daß sich das Glück von ihnen abgewendet hat, gelobt Pillayār, ihm hundert Thōppukaranangal und eine Kokosnuß zu darzubringen, wenn er für Azhaghans Zukunft und die Familienkasse sorgt. Eine Kokosnuß wirkt sehr geizig, aber hier sind sie teuer, und sie achtet immer auf die Ausgaben – die Ausgaben, die ihr Mann tätigt, sind ihr kein Geheimnis. Sie überredet Azhaghan, noch aus eigener Kasse zweihundert Thōppukaranangal zum Nērththikkadan zuzuschießen. Er ist noch jung und ihm macht das Niederknien und stundenlange gebeugte Stehen nichts aus. „Wenn ich nur besser Englisch gelernt hätte,“ sagt sie, „dann hätte ich dir beim Lernen helfen können und brauchte mich nicht auf den Beistand der Götter verlassen.“

Appā, der nie viel darauf gegeben hat, sich göttliche Hilfe zu erkaufen, ist der Ansicht, daß Pillaiyār seine Pflicht auch im Staubsauger tun könnte. Er gibt nichts zum Nērththikkadan hinzu, und saugt nur einige Kokosraspeln und einen Mōthakam auf, damit der Gott nicht verhungert.

Die ausstehenden Prüfungsergebnisse werden bekanntgeben, und für die meisten davon sieht es nicht gut für Azhaghan aus. Aber er war immer einer des Besten in seiner Klasse, wenn es um die MINT-Fächer ging, sogar bevor Pillaiyār an die Wand geheftet wurde. Sie haben ihm zwar keinen Spaß gemacht, aber er weiß sehr gut, daß Glück hier keine Rolle spielt. Außerdem glaubt Azhaghan nicht, daß Pillaiyār eine rachsüchtige Gottheit wäre. Wenn es ihn denn gäbe.

Gott verschlingt Gott, in einem beständigen Kreislauf, versucht sich Pillaiyār zu beruhigen; es ist alles Teil des Unendlichen. Aber er hat noch niemals (auf dieser linearen Zeitachse, et cetera) daran gedacht, daß er sich im Innern einer Elefantenähnlichen Maschine befinden könnte -oder daß er gar selbst eine elefantenartige Maschine sein könnte. Doch jetzt, in diesem Moment, diesem Augenblick des Kadavul, abgeschnitten von der allerumfassenden Wahrheit des Brahmmam, auf dem Weg von der Erleuchtung in die Zerstückelung, fragt er sich, ob ein belebtes Objekt Teil des Göttlichen sein kann.

Nein. Das sind keine unterschiedlichen Dinge. Pillaiyār soll die Quelle des Andam sein - des Anfangs des Universums – nicht etwas künstlich Erschaffenes, dessen einziger Zweck darin besteht, alles zu verschlingen.

Er erinnert sich daran, daß sein Bauch die gesamte Masse des Universums umspannt. Ōm, denkt er; ja. Ich stehe immer am Anfang.

Eine weitere Einladung zu einer Hochzeit in der Heimat - die sie ebensowenig annehmen können – trifft mit einem weiteren goldenen Pillaiyār ein. Dieser besitzt auch einen kugelrunden Bauch. Ammā heftet ihn an die Wand, kreuzt die Arme, greift sich an die Ohrläppchen und beginnt mit ihrem Thōppukaranangal, verteilt über vier Wochen aus Nachsicht für ihr Alter und, obwohl ihr Wohlstand nicht zugenommen hat und Azhgahan die Hälfte seiner Fächer wiederholen muß oder seinen Traum von einem Medizinstudium aufgeben muß.

Sie fragt sich laut, ob sie vielleicht noch ein weiteres ansehnliches Nērththikkadan geloben muß, um sicherzugehen, daß er auch von einem Medizinstudium träumt.

Die Kokosnuß, die sie im Supermarkt ersteht, verströmt einen ranzigen, öligen Geruch, als sie sie mit dem Hammer aufschlägt. Azhaghan muß würgen und bringt sie nach draußen auf den Komposthaufen. Sie verspricht es in der kommenden Woche noch einmal zu versuchen.

Am ersten Tag der Sommerferien, während seine Eltern auf der Abriet sind und alle anderen Jungen mit ihren Freunden am Strand abhängen, holt Azhaghan den Staubsauger aus dem Wandschrank und holt den Staubbeutel heraus – nicht weil er hofft, das Glück so wiederzufinden, sondern weil er voll ist. Die Staubwolke, die ihn einhüllt und sich über den Teppich verteilt, macht ihm klar, daß er das schon eher und besser draußen hätte tun sollen. Er schaut hinein, auf der Hut vor ausgetrockneten Insektenleichen. Wird er dort einen kleinen, glänzenden Elefantenkopf finden, der ihn ruhig und unerschütterlich anschaut? Muß er vielleicht selber noch ein Opfer darbringen?

Die Außenseite des Beutels wölbt sich nach außen, straff gespannt wie ein Sofabezug. Darin herrscht Leere, eine hell leuchtende Leere.

Zögernd faßt Azhaghan hinein. Sie ist warm und feucht. Seine ganze Hand paßt dort hinein. Und dann sein Arm, und seine Schulter. Und sein Kopf.

Einen Moment später kniet er auf Händen und Füßen auf feuchter roter Erde neben einer Veranda aus dunkelrotem Beton.

Die Bäume sind ein wenig größer, und schütten die letzten Regentropfen über ihn aus. Die Wände, die niedergerissen worden sind, bevor er geboren wurde, sind frisch in der sanften Farbe junger Pfirsiche getüncht worden, und seine frischverheirateten jungen Eltern sind nicht zu sehen, aber als er hinauf in den Himmel schaut, der hinter den Palmenzweigen, langen Mangoblättern und dem schwarzen, glänzenden Laubdach eines Brotfruchtbaums schimmert – spürt er eine ganze Welt um sich herum – ein ganzes Andam entfernt – und er weiß, aus seiner Erinnerung an das gerahmte Familienfoto und den Geruch der Erde, der ihn willkommen heißt, daß sie jetzt ihr Zuhause gefunden haben.

* * *

Tehnuka ist der Name (oder der nom de plume) einer jungen Autorin aus Neuseeland mit indischem Migrationshintergund, die seit 2021 ungefähr dreißig kürzere Erzählungen in diversen Online-Publikationen veröffentlicht hat. „God in the Vacuum“ entnehme ich der fünften und neuesten Ausgabe des seit Januar 2026 zweimonatlich erscheinenden Magazins „Adventitious“ (Nov.-Dez. 2026).

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Vielen Lesern wird längst die „Geisterfalle“ oder Muonenfalle in den Sinn gekommen sein, mit der die Geisterjäger in Ivan Reitmans Komödie „Ghostbusters“ 1984 erst durch energetischen Beschuß fixiert, dann eingesaugt und schließlich zur späteren Entsorgung in einem Geisterlager im Keller der Feuerwache, die ihnen als Operationsbasis dient, zwischenspeichern. Aber dabei handelt es sich natürlich um eine Spezialkonstruktion – ähnlich der Vorrichtung, die, gewissermaßen als spektrales Pendant zum Faradayschen Käfig - es in Ian Watsons Roman „Deathhunter“ (1981) möglich macht, den Tod selbst als Seelen- und Lebenskraft stehlende dämonische Wesenheit sichtbar zu machen und einzufangen.





Anderswo genügt dazu bereits ein handelsüblicher Staubsauger (vorausgesetzt, es handelt sich nicht um ein nach der EU-Vorschrift von 2017 aus 900 Watt Leistung beschränktes Modell).

In der Serie „Suske en Wiske“ des belgischen Comiczeichners Willy Vandersteen kommt es in der 38. Folge, „De spokenjagers“ - als Fortsetzung abgedruckt in „De Standaard“ und „Het Nieuwsblad“ vom 31 März bis zum 8. August 1956 und als einfarbiges Album im folgenden Jahr erschienen, in zweifarbiger Fassung 1964 und in der heute nachgedruckten Vorfarbenversion 1967 – kommt es auf dem Landsitz der Baronin Lamer de Rodeldal zu einem heftigen Poltergeisterbefall. Ursache sind die Flüche und Kraftausdrücke, die der Bruder der Baronin regelmäßig ausgestoßen hat und die ihn das Amt als Bürgermeister im Nachbardorf in den Ardennen gekostet haben. Um den Gestalt gewordenen Fluch der unguten Tat zu bannen, sperrt die Baronin die sechs Plagegeister kurzerhand in eine entsprechend präparierte Truhe, die Suske und Wiske auf ihrer fürwitzigen Suche nach verborgenen Schätzen aufbrechen, woraufhin die Geisterlein für die erlittene Unbill Rache nehmen.

Nachdem sich ein Schießeisen als wirkungslos erwiesen hat – hätte Tante Leonie doch nur auf Hebels Rat gehört! – entsorgt Jerom (Lesern der alten deutschen Fassungen im Bastei-Verlag aus den 60er und 70er vielleicht noch als „Wastl“ in Erinnerung) das Gelichter kurzerhand mittels eines normalen Bodenstaubsaugers.





An dieser Stelle sei aber noch an den Film „A Useful Ghost“ des thailändischen Regisseurs Ratchapoom Boonbunchachoke erinnert, dessen Erstlingswerk im Mai 2025 auf den Filmfestspielen in Canes Premiere hatte, im August 2025 in den thailändischen Kinos anlief und Ende März in die deutschen Kinos kam. In dieser Komödie (und anders als komödiantisch läßt sich dieser Stoff nun einmal nicht durchspielen) geht es um einen Witwer, der feststellen muß, daß der Staubsauger, den er gerade gekauft hat, den Staub, den er damit am Tag zuvor aufgesaugt hat, über Nacht wieder von sich gegeben hat und überhaupt ein Eigenleben zu entwickeln scheint. Ein zu Rate gezogener Exorzist stellt fest, daß das Haushaltsgerät vom Geist seiner vor kurzem verstorbenen Frau Nat besessen ist. Nat, die zu Lebzeiten von Marchs Familie abgelehnt und geschnitten worden ist (und die mit ihm in Verbindung treten kann, indem sie in seinen Träumen auftaucht), setzt daraufhin alles daran, doch bei ihr auf Wohlwollen zu stoßen – und sie von ihrer Existenz zu überzeugen! – indem sie sich im Haushalt irgendwie nützlich machen kann, was zu den erwartbaren Mißgeschicken und Konfusionen führt. (Und wer an dieser Stelle vermutet, die Grundkonstellation der amerikanischen Fernsehserie „Bezaubernde Jeannie“ aus den sechziger Jahren könnte hier Pate gestanden haben, irrt sich womöglich nicht wirklich.)



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Ernst Bloch, „Technik und Geistererscheinungen“ (1935)

Viel Arges gibt es heute zu fürchten. Doch das besondere Grauen, das ein Spuk auslöst, ist selten geworden. Nur wenige können sich einer unheimlichen Erfahrung rühmen, so berühmt auch die erzählte ist. Das Leben verläuft dieser Art geheuer. Ausnahmen lösen sich meist in Schein oder Betrug auf. Auch der Rest ist häufiger trüb als schaurig.

Wie aber bekannt, fühlten sich frühere Zeiten unvorstellbar verspukt. Jeder dritte Bauer hatte seinen Kobold im Haus, in allen Winkeln fürchtete man die andere Welt. Teufel drückten und drängten in der nächtlichen Zimmerwand, bald brach ein Auge, bald eine Zunge vor, nur Gebete verhinderten, daß der ganze Dämon km. In den Wäldern hausten Geister, wilde und zarte, Männer ohne Kopf am Kreuzweg, Moosweibchen, die von Satan gejagt wurden. Selbst in den Städten gab es Nachgespenster, oft kurioser Art, in Frankfurt den Kettengaul, in Worms die feurige Eule. Die Sage ist voll solcher Berichte, und sie wirken desto erstaunlicher, als sie bei allem Aberglauben so schlicht und zweifelsfrei vorgetragen werden wie eine wirkliche Beschwerde oder Mitteilung. Sehr witzig preßte das Hebbel in der Erzählung „Die beiden Vagabonden“ zusammen: „So armselig war keine Hütte, daß nicht zuweilen ein Gespenst, ein Toter, der nach Erlösung seufzte, so winzig kein Berg, in dessen Klüften nicht irgendein Geist sein Wesen treibe.“ Grimmms Bauer wundert sich nicht, als er ein Moosweibchen trifft, das ihn um Schutz gegen den Teufel bittet, er sagt nur: „Was kümmert mich solches Gespenst.“ Und er wundert sich nicht, als er des Morgens ein Viertel des Moosweibchens an der Stalltür hängen sieht, gleichsam als Anteil an der Jagdbeute des Teufels, er fühlt nur nüchterne und gleichsam reale Angst: Ist das ein unwissender Bauer und zudem einer, der nur in Grimms Sagen überliefert ist, so waren die Gebildete und Gelehrten an Geisterglauben ihm ebenbürtig. Der Bauer bezog sein Grauen auch von ihnen, die Obrigkeit hat vor wenig mehr als hundert Jahren die letzte Hexe verbrannt. Daß keine mehr verbrannt wird, daß eigentliche Geistererscheinungen nicht mehr gedeihen, daran hat die Aufklärung gewiß großen Anteil. Dich einen noch entschiedeneren hat das verbesserte Licht, das im sauberen Zimmer und auf den geraden Straßen brennt.

Wie anders brachten die alten Dinge aufs Fürchten, wie zogen sie es an. Das winklige Haus, das kleine Öllicht, die vielen Schatten, der Spuk liegt nahe. Niemand weiß heute mehr, wie dunkel die Nacht ist, außer im Wald, und auch da fehlt die meilenweite Einsamkeit früherer Zeiten. Wo bleibt ein Irrlicht neben dem Scheinwerfer des Autos das auf der Landstraße jagt; was ist die Totenuhr im Gebälk, sobald der Bauer sein Radio auf London eingestellt hat. Der Klabautermann ist obdachlos, seit das Segelschiff verschwunden ist, ein Kobold gar hinterm Gasherd oder der Zentralheizung ist nicht unheimlich, sondern lächerlich und geschmacklos. Kauzgeschrei, Türknarren und Knirschen von Sargdeckelschrauben hat sich mit Recht auf den schlecht beleuchteten Horrorfilm zurückgezogen. „Das Licht brennt blau, s’ist öde Mitternacht,“ ruft Richard III und sieht schaudernd umher (die blaue Flamme zeigt die Nähe von Geistern an, nach altem Aberglauben); doch nur Kerzenlicht brennt so blau, kann so unheimlich erlöschen. Die elektrische Birne, setzt sie aus, so zweigt sie keine Geisterwelt an, die das Licht erdrückt, sondern Kurzschluß oder Reparatur im Elektrizitätswerk. Die Einsamkeit, sagt Schopenhauer ist der wahre Nährboden allen Spuks, „Weshalb ein Mensch, den vor solchen Erscheinungen graut, Gesellschaft zu sich nimmt.“ As Erstere gilt heute noch, nur im Einsamen formieren sich diese halbgaren Fratzen, setzen sich schrecklich nach außen, bekleidet wird auch manch Unbekanntes in den Hohlräumen der äußeren Welt. Doch das Zweite, die Remedur, die Schopenhauer gegen den Spuk empfiehlt, ist nicht mehr die Geselligkeit allein, sondern das veränderte Requisit unserer Wohnung. Ohne Übertreibung läßt sich sagen: Die Glühbirne im schattenarm gewordenen Zimmer hat die Anfechtungen des Nachtgrauens weit gründliche geheilt als etwa Voltaire; denn sie hat das Grauen aus den Schlupfwinkeln der äußeren Dunkelheit selbst vertrieben und nicht nur aus der des Kopfs. Die Gemütslage „Geistern“ gegenüber wurde durch eine einzige Veränderung der Beleuchtungstechnik weit gründlicher gelichtet als durch tausend Aufklärungsschriften – bei der Unschlittkerze, um Mitternacht, im öden Haus, unter flatternden Schatten und knarrenden Verstecken gelesen. Gewiß, auch die Technik hat das „neue Mittelalter“ nicht verhindert, worin wir stehen (und das jetzt erst das finstere genannt werden kann): ein SA-Überfall zur Nacht nimmt es mit dem besten Grauen auf, und der Judenwahn und Bolschewikenwahn, der die Nazis wiederum beunruhigt ist vom alten Hexen- und Teufelsschreck nur stofflich verschieden. Ebenso rührt jede Technik, nicht nur die des Krieges, auf neue Weise Dämonen an, so lange wenigstens, als sie die Mächte nicht kennt, deren sie sich bedient; als der Gewitterstrom ihr dunkel bleibt, woraus sie Licht und Kraft bezieht. Indes die eigentlich *transzendenten Dämonen*, die Geister ohne Fleisch und Blut, finden selbst beim Nazi keinen Glauben, und wo sie ihn anderswo zu finden scheinen, in theosophische Zirkeln, dann nicht mehr den echten, mythischen, alten. Ein begriffener Gott mag noch ein Gott sei, eine elektrisch gefeierte Rauhnacht, ein Mysterium, zu dem man in Autos fährt, ist sicher weder Rauhnacht noch Mysterium. All das steht und fällt mit der Szenerie, in der und in die der alte magisch geglaubte Bezug einmal gebaut war.

Doch selbst aus Tagen, wo dieser Bezug noch stand, läßt sich zum heutigen Fall etwas lernen. Ist doch die Furcht nicht geschichtslos, gab es doch jederzeit Veränderungen der technischen Umwelt, denen die „Geister“ nicht nachkamen. Droht ein Sandsturm, so werfen Negerstämme in die Richtung, von woher er aufzieht, ein Stück Eisen oder rufen auch nur das Wort Eisen hinüber. Denn die Dämonen des Samum stammen aus der Bronzezeit, also ist ihnen das Eisen fremd und unwirtlich; aus demselben Grund ist der Schmied in ganz Afrika ein verehrtes oder aber ein höchst mißachtetes Wesen. Die gleiche Lokalbindung der Spirits an frühere Technik und früheres Material findet sich, mit Zähigkeit, im Gottesdienst der Kulturvölker. Die älteste kultische Geisterfalle war aus Holz und Stein, nicht aus Metall; demgemäß wird das Brandopfer noch bis weit in die Bronze- und Eisenzeit mit der Steinaxt geschlachtet, mit dem Feuerquirl entzündet. Die Beschneidung wird mit dem Steinmesser vollzogen, die Musik des Gottesdienstes mit uralten Instrumenten zelebriert, ja die Bindung alles Numinosen an ein bestimmtes Material und an bestimmte Zustände dieser Welt galt als so fest, daß eine Staatsreligion wie die römische noch bis 300 v. Chr das Amt des pontifex maximus nur einem Priester übergab und Jupiter qar im Glauben ließ, Rom hat noch einen rex. Der Patrizier ist der dem Spirit einzig vertraute Menschstoff, und da der Spirit Jupiter angezogen werden soll und nicht wie die Samum-Dämonen verscheucht, so wird ihm patrizische Bronze zugeworfen, sein altes Material und nicht Eisen oder der neumodische Menschstoff des Plebejers. Gab es hier also schon solch empfindliche Störungen und Abstufungen in der Häuslichkeit transzendenter Erscheinungen, wie einleuchtend wirkt erst ihr Rückgang in der Welt der Glühbirne, des Radios und der elektrischen Lokomotive. Wobei all diese Veränderungen der Umwelt selbstverständlich nur als Veränderungen in der Empfangslage der Menschen beachtet werden, die in dieser Umwelt wohnen; doch eben, wo das Himmellicht nicht mehr trüb durch gemalte Scheiben bricht, sondern durch große Schiebefenster, kommt kein Erdgeist. Und wird heute noch so viel von diesen, gerade von diesem gesprochen: er hat Urväter Hausrat gebraucht, um von den Insassen dieses Hausrats als Flamme sui generis halluziniert zu werden. Damals war die Welt eine einzige spirituelle Geistermaschine, der Meister dreht, und die gestalten liefen. So sprach noch Jean Paul, und Hoffmanns Biedermeier bezeichnet genau die Grenze, dir zudem durch Punsch und einsame Sonderlinge hinausgeschobene, an der „Graus und Zauber der Geisterwelt“ sich ohne Draperie oder historische Requisiten ansetzen konnte.

Wir sagten, niemand weiß mehr, wie dunkel die Nacht ist. Das hindert freilich nicht, daß der gewesene Spuk fortlebt, nämlich *nachhallend.* Die Kinder fürchten und nähren ihn noch, denn sie stecken tief in der ältesten Zeit. Ihr nächtlicher Schrecken zeigt ihnen Finger und Fratzen am Fenster das elektrische Licht vertreibt sie nicht, sie sind ja nicht in der Stube. Auch die erwachsene menschliche Kreatur ist in ihrem Leib so voll millionenjähriger Angst vorm Unsichtbaren daß mindestens die Frissons einer Geisterwelt erzählerisch, gegebenenfalls okkultistisch erweckbar bleiben. Doch eben: es sind nicht mehr als die *Frissons* und bezeichnenderweise gehen auch diese, in der bloßen *Literatur*, die sie gefunden haben auf altfränkische Umwelt notwendig zurück. „Wenn die Gespenster aufhören,“ sagt die Vorrede in Apels und Launs „Gespensterbuch“ rechtzeitig, nämlich um 1805, „dann beginnt ihre Geschichte.“ Selbst diese „Geschichte“ aber setzt noch eine halbwegs erhaltene, mindestens nah erinnerbare Unschlitt-Zeit der Dinge voraus, unter denen sie spielt. An dieser Grenze eben, und zwar auf eine einzigartige Weise, stand nur die Wende des 18. Zum 19. Jahrhundert; genau damals und nur damals blühte auch der eigentliche Schauerroman als packendstes Nachbild vergangenen Spuks, als Literaturgattung, die außer Schmutz und Schund immerhin Schillers „Geisterseher,“ Jean Pauls „Titan“ i sich aufgenommen hat. Nur hier sind die alten technisch-architektonischen „Eingangspforten zum Tartarus“ noch einmal gesammelt die Handlung führte oft weit, doch die Welt der Angst war dicht im alten Raum zusammengezogen. Dunkler Gang und Treppe, Nacht, Friedhof, Eulen, unbestimmtes Licht, rätselhaftes Geräusch, Falltür, gotisches Schloß, gotisches Zimmer - das waren die eigentlichen „Lagen“ des Schauerromans und die gesucht altmodischen Elemente seiner Ausdruckslandschaft. (Garte, in seiner „morphologischen Untersuchung über die ‚Kunstform Schauerroman,‘“ Leipzig 1935, hat mit Recht diesen altmodischen Tartarus neben einem ebenso altmodischen Elysium erblickt).

Kurz, hier ist ein Ensemble von „Lagen,“ deren in der heutigen Umgebung des Stadtmenschen kaum eine geblieben ist und auf dem Land keine im alten Spinnweb-, Efeu-, Mondlicht-Zauber. Noch im 18. Jahrhundert genoß man die Ruinen mit Vorliebe bei Nacht und Fackellicht; so war der Weg zu dem allemal makabren Ruinenbild des Barocks nicht weit und auch nicht zur Dämonologie der Renaissance, die in den Ruinen den nachtspuk, die „Saturnstiere“ gleichsam kaserniert sein ließ. Ja, E. Th. A . Hoffmann konnte, im „Goldenen Topf,“ noch das Dresden seiner Tage, die Biedermeier-Menschen seiner Tage als Szenarium verwenden, und es war nicht nur Hoffmanns Genie, sondern eben ein noch weithin barock-allegorischer Schauplatz, welcher Hexen, Geisterfürsten, reine Toren, selbst den Gral hineinzubilden gestattete. Und Jean Paul konnte mindestens noch aus Kuriositäten seiner Umwelt folgende großartige Hadesvision im „Titan aufbauen: „- feste Tiere, Pferde, Hunde , Vögel stehen saufend am finsteren Ufer nämlich ihre ausgepolsterten Häute -schmale, von der Zeit geschliffene Leichensteine sind das Pflaster – an einer hellen Nische lieset man, daß hier eine Nonne eingemauert gewesen - an zerstreuten Orten waren schwarze Papierherzen arkebusierter Menschen gesammelt - eine gläserne Büste mit einem Phosphorpunkt im Wasser.“ Wenige Zeit danach, so kam der große Wandel vom deutschen Biedermeier zur deutschen Industrie, und alle Geister-Affinität ist so gestorben, daß nicht einmal der *Muff* der *Plüschwohnung* auf literarische Phantome brachte. An sich enthielte die Eisenbahn trotz ihres völligen Gegensatzes zur „Bronzezeit“ der Postkutsche, noch manche Nachbarschaft zum Spuk. Denn jeder Schmutz ist spukhaft („wie man nach Norden weiter kommt,“ sagt Goethe, „so nehmen Ruß und Hexen zu); Rauch, Dampf Rasseln der Räder, Ächzen der Wagen, gar Katastrophe sind angestammte Requisiten des Tartarus. Dennoch fand die Eisenbahn – ihrem total neuen, scharfen, raschen, überwindenden Dasein entsprechend - kaum mehr einen Spukdichter von Rang und der Plüschwohnung, wenigstens keinen unmittelbaren. Hackländers halbe Gespenstergeschichte „Im Damencoupé“ (mit einer Wachsfigur, einem verkleideten Mann, einer höchst unheimlichen Nonne im Nachtzug, auf den rüttelnden Polstern) zeigt auf recht lehrreiche Weise, wie das „Saturntier“ an der neuen Welt zugrunde geht, wenigstens in seiner alten, unmittelbaren, einzig gespenstischen Gestalt. Das amerikanische Schauerstück „Der Geisterzug“ wartet freilich auch im Neuen mit Phosphor auf, desgleichen – was Plüschlabyrinthe angeht – der französische Kriminalroman „Phantom der Oper“; indes stammen beide aus einem älteren Schauplatz des Schreckens und haben die Spukfuhre, beziehungsweise die Spiegelzimmer nur in ganz andere Mobilien interpoliert. Am schönsten zeigt Oscar Wildes Erzählung „Der Geist von Canterville,“ wie bedenklich es den bloß *romantisch* überkommenen Gespensterbildern im belichteten Polierraum ergeht, den die Aufklärung außer ihr selbst mitbringt. Der Schauplatz ist hier ganz der beste alte, nämlich ein gotisches Schloß, auch der Geist wird als durchaus echt geschildert, überdies ist er besonders reich an furchtbaren Talenten der Erscheinung. Jedoch, er ist an eine amerikanische Familie geraten, an eine, die auch der Geisterwelt keine Kraft zutraut, dem modernen Komfort zu widerstehen. Der ständig erneuerte Blutfleck im Rittersaal wird durch Pinkertons Fleckmittel geschwächt; Tammanys Aurora-Créme wird dem Gespenst zum Schmieren seiner rostigen Ketten angeboten Doktor Dobells Magentinktur zur Behebung der dämonischen Geisterlache (und der Übelkeit als ihrer mutmaßlichen Ursache). Kurz, die moderne Technik, hier in ihrer skurrilsten Anwendung, läßt der Spukwelt kein Requisit mehr übrig wenigstens nicht in der romantischen Gestalt, und was ist ein Gespenst ohne Romantik? Das, was dem Unbekannten, Unheimlichen, Grauenhaften, auch überirdisch Süßem und Leichten entsprechen mag, ist jedenfalls auch literarisch – im modernen Wohnungs-, Straßen- und Verkehrsbild - mit Gespensterglauben, mit theosophischer Geisterallegorik nicht mehr kolorierbar. Das Unheimliche besteht, es gibt eine Hölle auf Erden, es gibt Vorgänge in Deutschland, die das alte bekannte Diesseits der Menschennatur und den rationalen Bogen um sie herum sprengen es gibt Zwischenräume im Subjekt wie Objekt, worin parapsychische und paralysische Vorgänge hausen mögen. Aber nirgends zeigt sich deutliche als gerade an überkommenen Geisterbildern und ihrem Abklang in der Schauergeschichte, wie ausschließlich die darin erzählten Phänomene in den Maßen der alten Technikwelt gestanden haben, wie vergänglich und letzthin unzutreffend ihr Kostüm war. Das echte Grauen, erst recht das echte Objekt des Grauens wohnt heute nicht mehr in den überlieferten Schauerberichten, nicht mehr im romantischen Grünspan, der hier so lange als wesentlich erachtet worden war. Es gibt heute bedeutend echtere, nähere Grauenwelt als diejenige des Schauerromans, der unter der elektrischen Standlampe gelesen wird. Und dieser Graus geht nicht weniger ins Mark, weil er diesseits statt jenseitig ist, weil er an Teuflisches glauben läßt, ohne im mindesten noch Glauben an den Teufel nötig zu haben. Das ist der Spuk, der trotz elektrischer Stromflut übrig geblieben ist, ja sich ihrer bis zum Jupiterlicht über Fratzen bedient, die auch am Tage nicht verschwinden, bis zum geladenen Stacheldraht um sehr irdische Höllen. Also schafft die Technik doch nur den illusionären, nicht den einwandfreien Spuk bis jetzt fort, nämlich das Infernalische aus dem menschlichen Abgrund selber und in einer Welt, deren Technik das Urböse geradezu ungeahnt elektrifiziert hat. Es gibt auch eine Nacht und eine Fülle neuer Schauergeschichten in ihr, die erst recht Nacht bleibt, weil zu sehr bloß Glühbirne, zu wenig anders glühendes Licht darin funkt, nachdenkliches.

* * *

Ernst Bloch (1885-1977) schrieb in jungen Jahren, bevor er zum Hausphilosophen des Kasernensozialismus in der jungen DDR avancierte (bis er Ende 1961 nach seiner Übersiedlung nach Tübingen zur Persona non grata wurde) und mit dem „Prinzip Hoffnung“ (1954-59) einen der unlesbaren Klassiker des wortgewaltigen Luftschlossbaus ablieferte, in den zwanziger und dreißiger Jahren zahllose Brotarbeiten und Glossen für die Tagespresse, unter anderem für die ab der Machtergreifung der Nazis ab 1933 in Prag erscheinende „Neue Weltbühne.“ Ein Teil dieser Arbeiten ist zuerst in den beiden Sammelbänden „Verfremdungen“ (Suhrkamp, 1962 und 1963) nachdruckt worden und dann später im neunten Band der ebenfalls bei Suhrkamp erschienenen Gesamtausgabe (Band 9, „Literarische Aufsätze,“ 1965). Wo der Text zum ersten Mal publiziert worden ist, läßt sich nicht mehr ermitteln; der Klappentext dieses neunten Bandes, dem ich des Text entnehme, sagt nur: „an entlegenden Stellen erschienen.“

Leszek Kolakowski schreibt im dritten Band seiner „Hauptströmungen des Marxismus“ (München. R. Piper, 1979):

Die Werke Blochs sind eigentlich prophetische Apelle, verfaßt in einer aphoristischen poetischen Prosa, die sich an den Traditionen der deutschen expressionistischen Literatur ausrichtet. Blochs Stil ist ungewöhnlich verworren, mit Neologismen aufgeplustert und schwer verdaulich für Menschen, die nicht mit den Absonderlichkeiten des philosophierenden Deutschtums vertraut sind. … Wenn man Bloch liest, hat man das Gefühl, durch die dichten Dämpfe einer Alchemistenküche zu irren, und die Inhalte, die zurückbleiben, wenn man diese Dämpfe auf die Normalsprache reduziert, kommen einem manchmal banal und nichtssagend vor.“ (S. 459-60)


Friedrich Wilhelm Hackländers Novelle „Im Damen-Coupé,“ die Bloch in seinem Text erwähnt, ist zuerst in der „Politischen Frauen-Zeitung,“ die von 1869 bis 1871 als Sonntagsbeilage der „Wiener Tageszeitung“ erschien, in fünf Fortsetzungen vom 17. Oktober bis zum 28. November 1869 gebracht und in Buchform in der Sammlung „Krieg und Frieden“ (1871) zusammen mit zwei anderen Novellen nachgedruckt worden; dort umfaßt der Text 80 Seiten.

Fritz Leiber (1910-1992), späterer Großmeister im literarischen Bermudadreieck zwischen Science Fiction, Fantasy und Horror, und als Schöpfer der Geschichten um Fafhrd und den Grauen Mausling einer der Väter der Schwert-und-Magie-Abteilung, hat fünf Jahre nach Blochs Beschwörung der altmodischen Requisitenkulisse aus Unschlittkerze und Käuzchenruf auf nächtlichem Gottesacker die Technik und das moderne Großstadtambiente als Brutstätte des übernatürlichen Grauens in seiner Erzählung „Smoke Ghost“ (Unknown Worlds, Oktober 1940) rehabilitiert und in ihre Rechte eingesetzt:



(aus: Unknown Worlds, Oktober 1940. Illustration von Edd Cartier.)

„Haben Sie jemals daran gedacht, wie ein Gespenst heutzutage aussehen würde, Miss Millick? Stellen Sie es sich doch einmal vor. Ein graues Gesicht, zusammengesetzt aus der hungrigen Furcht des Arbeitslosen, der neurotischen Unruhe eines Menschen der kein Ziel im Leben hat, der nervösen Angespanntheit des Arbeiters in einer Großstadt, dem dumpfen Zorn der Streikenden, der gleichgültigen Gewalt des Streikbrechers, der bissigen Aufdringlichkeit des Schiebers, der unterdrückten Panik des ausgebombten Bürgers, und tausend anderen mißbrauchten, uneingestandenen Gefühlen, die sich alle übereinander legen und miteinander verschmelzen, wie Glas, wie halb durchsichtige Masken? … Ja, genau so würde ein Gespenst oder eine zum Leben erweckte Projektion aussehen, Miss Millick“ fuhr er fort und lächelte dünn. „Er würde aus der wirklichen Welt erwachsen. Es würde all die verworrenen, die schäbigen, die niederträchtigen Dinge wiederspiegeln. All das Verlorene. Es würde schmutzig sein. Ich glaube nicht, daß es in weißen Laken spuken würde oder als Nebelstreif auf Friedhöfen zu finden wäre. Es würde nicht stöhnend umgehen. Es aber würde unverständliche Worte flüstern – wie ein kranker, bös gelaunter Affe. Was würde ein solches Wesen von uns wollen, Miss Millick? Daß wir ihm ein Opfer bringen? Es verehren? Oder einfach nur fürchten? Und wie könnten Sie sich dagegen wehren? Natürlich könnte es ihnen nichts anhaben – es ist ja nicht materiell. Jedenfalls zu Anfang nicht. Man würde besonders geschärfte Sinne brauchen, um es zu sehen, oder es überhaupt spüren zu können. Aber es würde anfangen, Ihre Handlungen zu beeinflussen. Sie dazu bringen, etwas zu tun. Oder etwas zu unterlassen. Es wäre nichts als eine Projektion, aber es würde sich in die Welt der konkreten Dinge drängen. Und vielleicht sogar die Kontrolle über Menschen erlangen, die hinreichend dafür empfänglich sind. Und dann könnte es alles erreichen, was es will.“


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U.E

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