25. Oktober 2026

Ray Bradbury, "Oktober 2026: Das Jahrmillionen-Picknick"







(Illustration von Ed Buckley (1940-2002) für Duncan Lunans Sachbuch "New Worlds for Old," 1979 in Englad bei Westbridge Books und in den USA bei William Morrow erschienen. Vorbild für Buckleys Darstellung des "alten Mars" war ausdrücklich die Vorlage aus den "Marschroniken.")

I.

Ray Bradbury – „Oktober 2026: Das Jahrmillionen-Picknick“ (nach der Buchfassung von 1950)

Es war die Mutter, die den Vorschlag machte, mit der ganzen Familie auf einen Angelausflug zu fahren. Aber Timothy wußte, die sie nicht auf die Idee gekommen war. Es war Dads Einfall gewesen; und sie hatte ihn nur ausgeprochen.

Dad scharrte mit den Füßen in den Marskieseln und stimmte ihr zu. Sofort brach ein Getobe aus, es wurde gerufen, und das Lager war schnell in Behältern und Koffern verstaut, die Mutter zog sich Wanderstiefel an und warf sich eine Jacke über, Dad stopfte sich mit zitternden Händen die Pfeife, den Blick auf den Marshimmel gerichtet, und die drei Jungs balgten sich um die Plätze im Motorboot, ohne weiter auf Mom und Dad zu achten, außer Timothy.

Dad drückte auf einen Knopf. Das Boot ließ ein lautes Summen zum Himmel aufsteigen. Das Wasser drückte gegen den Rumpf und das Boot schoß nach vorn, und die ganze Familie brach in ein „Hurra!“ aus.

Timothy saß auf der Rückbank neben Dad, die kleinen Finger lagen über Dads haarigen Fingern, und er saß zu, wie der Kanal sich wand und die Stelle, an der sie in ihrer kleinen Rakete nach dem Flug von der Erde hierher gelandet waren, hinter ihnen zurückblieb. Er erinnerte sich an die Nacht, bevor sie die Erde verließen, wie sie hastig ihr Hab und Gut in der Rakete verstaut hatten, die Dad irgendwo aufgetrieben hatte, und wie von Ferien auf dem Mars die Rede war. Für einen Ferienurlaub war das ziemlich weit weg, aber Timothy hatte nichts dazu gesagt, damit sich seine beiden jüngeren Brüder nicht aufregten. Und so kamen sie zum Mars, und das erste, was sie unternehmen würden, hieß es, war ein Angelausflug.

Dad hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, während das Boot den Kanal hinaustuckerte. Timothy wurde nicht schlau daraus. Er war entschlossen und irgendwie erleichtert. Die tiefen Falten in seinem Gesicht schien ein Lächeln anzudeuten, statt Sorge oder Betrübnis.

Hinter ihnen blieb die abkühlende Rakete zurück, verschwand hinter einer Biegung, und war fort.

„Wie weit fahren wir?“ Robert ließ die Hand plätschernd durch das Wasser gleiten. Es sah aus, als würde eine kleine Krabbe aus dem violetten Wasser springen.

Dad atmete sacht aus. “Eine Million Jahre.“

“Kraß,” sagte Robert.

“Schaut mal, Kinder.” Die Mutter wies mit einem langen, weichen Arm nach vorn. „Eine tote Stadt!“

Sie beugten sich in gespannter Erwartung vor, und da lag die die tote Stadt vor ihnen, ganz allein für sie, und döste in der heißen Stille eines Marssommers, den ein Marswettermacher für sie bestellt hätte.

Und Dad sah aus, als ob er froh war, daß die Stadt tot war.

21. Oktober 2026

Das fliegende Auto





Diesmal nahm ich mein silberfarbenes Auto, das ich in monatelanger, mühevollster Arbeit selbst konstruiert habe. Es besitzt Neuerungen, die schlichtweg eine Weltsensation bedeuten. Zum Beispiel Fernsehkameras an Kühler und Heck, die sofort jedes auftauchende Hindernis feststellen und dann über ein Elektronengehirn sämtliche Bremsvorrichtungen betätigen. Doch die umwälzendste Neuheit ist die Kombination zweier Motoren: Vorn habe ich einen Hubschraubermotor eingebaut und hinten im Kofferraum einen Elektromotor. Das hat Riesenvorteile. Erstens kann ich ohne Treibstoff fahren, weil der Elektromotor von Batterien gespeist wird, die aus Sonnenlicht, Mondschein oder Sternefunkeln Strom erzeugen.

Nach ein paar Kilometern bog ich in die Autobahn ein. Und da legte mein Wagen los! Der Tachometer kletterte auf hundert, hundertfünfzig, zweihundert Sachen. Zum Schluß flitzten die Dörfer so schnell vorbei, daß man glauben konnte, in der Hauptstraße einer Großstadt zu sein. Und wenn Bäume vorbeihuschten, sah ich nur eine grüne Mauer. Aber bei der Geschwindigkeit von ungefähr 300 Stundenkilometern war das kein Wunder.

Ich könnte wetten, daß jetzt einer kommt und behauptet: „Nun mach mal einen Punkt, Münchhausen. So schnell fährt kein Auto auf der Autobahn!“

(…)

Tja, halten – bei dieser Geschwindigkeit -, das verlangte sogar von meinen Superbremsen das äußerste. Würden sie’s schaffen? Oder krachte mein Wagen gegen …?

Da! Zwetschgenmus und Dackelschwanz, da war es schon: Rotlicht! Keine zweihundert Meter!

Am Kontrollmanometer merkte ich: Die vordere Fernsehkamera arbeitete wie rasend. Sie nahm die Verkehrsampel und die Autos auf, sie funkte ans Elektronengehirn: „Gefahr! Achtung! Gefahr!““ Doch das Elektronengehirn schaltete nicht eine einzige Bremse ein. Im Gegenteil. Es befahl dem Hubschraubermotor: „Luftschraube waagerecht!“ Gleich darauf: „Fünfzehn, Komma, Null – Vollgas!“

Und schon heulte der Motor auf, der Zeiger des Höhenmessers begann zu zittern, ein Ruck – alle vier Räder hoben sich gleichzeitig vom Boden ab. Der Wagen stieg, sechs, zwölf, genau fünfzehn Meter hoch, bog in die Waagerechte ein und flog über sämtliche Verkehrsampeln hinweg! Und das alles machten Hubschraubermotor und Elektronengehirn allein. Nicht einmal das Steuer mußte ich festhalten. Mein Wagen segelte derart sicher und gemächlich durch die Luft, als hätte er nie etwas anderes getan.

Kurt Maria Ruda, Das fliegende Auto (1967)


12. Oktober 2026

Streiflicht: Landtagspräsidentendienstfahrzeugsleasingvertragsvergabevorschlag







„Some German words are so long that they have a perspective. Observe these examples: Freundschaftsbezeigungen; Dilettantenaufdringlichkeiten; Stadtverordnetenversammlungen. These things are not words, they are alphabetical processions. And they are not rare; one can open a German newspaper at any time and see them marching across the page – and if he has any imagination he can see the banners and hear the music, too.” – Mark Twain


Auch wenn es nur eine Petitesse ist, eine Quisquilie (und deshalb an dieser Stelle auch nur mit einer Glosse bedacht werden soll), so ist der Vorgang, um den es geht, doch bezeichnend für das politische Klima in diesem Land. Worum geht es? Am vergangenen Dienstag, den 6. Oktober 2026, ist in Magdeburg der AfD-Politiker Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten von Sachsen-Anhalt gewählt worden. Für ihn stimmten 48 der insgesamt 82 Abgeordneten – das sind vier Stimmen mehr, als die Alternative und der BSW (der zuvor seine Unterstützung bekannt gegeben hatte) auf sich vereinigen. Da es unwahrscheinlich ist, daß diese Stimmen von Abgeordneten der Grünen oder der Sozialdemokraten gekommen sind, steht seitdem die Frage nach den „Abweichlern“ aus den Reihen der Christdemokraten im Raum, die das gesetzlich verbriefte Recht auf freie Gewissenentscheidung über die Parteiraison gestellt haben. Bundeskanzler Merz hat am Freitag freilich öffentlich eine „False-Flag-Aktion“ hinter diesem Wahlausgang vermutet, die seine treu zu ihm stehenden Paladine in ein schlechtes Licht rücken soll (die klassische Steigerung „Freund - Feind – Parteifreund“ dürfte aus seiner Sicht mit dem Anbruch der postmerkelschen Ägide wohl hinfällig sein), und Chan-jo Jun, immerhin stellvertretender Richter des bayerischen Verfassungsgerichts, hat gestern gefordert, daß alle CDU-Abgeordneten des Landtags eine eidesstattliche Erklärung über ihre Stimmabgabe leisten sollten, um die „Verräter“ dingfest machen zu können. Man fragt sich schon, mit welchem der beiden Adjektive “frei“ und „geheim“ ein Verfassungsrichter intellektuell überfordert ist. Und dann stellt man fest, daß er auf Betreiben der bayerischen Grünen auf diesen Posten gelangt ist und fragt es sich nicht mehr.

6. Oktober 2026

Ein Rebus

PS.







U.E.

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