25. Oktober 2026

Ray Bradbury, "Oktober 2026: Das Jahrmillionen-Picknick"







(Illustration von Ed Buckley (1940-2002) für Duncan Lunans Sachbuch "New Worlds for Old," 1979 in Englad bei Westbridge Books und in den USA bei William Morrow erschienen. Vorbild für Buckleys Darstellung des "alten Mars" war ausdrücklich die Vorlage aus den "Marschroniken.")

I.

Ray Bradbury – „Oktober 2026: Das Jahrmillionen-Picknick“ (nach der Buchfassung von 1950)

Es war die Mutter, die den Vorschlag machte, mit der ganzen Familie auf einen Angelausflug zu fahren. Aber Timothy wußte, die sie nicht auf die Idee gekommen war. Es war Dads Einfall gewesen; und sie hatte ihn nur ausgeprochen.

Dad scharrte mit den Füßen in den Marskieseln und stimmte ihr zu. Sofort brach ein Getobe aus, es wurde gerufen, und das Lager war schnell in Behältern und Koffern verstaut, die Mutter zog sich Wanderstiefel an und warf sich eine Jacke über, Dad stopfte sich mit zitternden Händen die Pfeife, den Blick auf den Marshimmel gerichtet, und die drei Jungs balgten sich um die Plätze im Motorboot, ohne weiter auf Mom und Dad zu achten, außer Timothy.

Dad drückte auf einen Knopf. Das Boot ließ ein lautes Summen zum Himmel aufsteigen. Das Wasser drückte gegen den Rumpf und das Boot schoß nach vorn, und die ganze Familie brach in ein „Hurra!“ aus.

Timothy saß auf der Rückbank neben Dad, die kleinen Finger lagen über Dads haarigen Fingern, und er saß zu, wie der Kanal sich wand und die Stelle, an der sie in ihrer kleinen Rakete nach dem Flug von der Erde hierher gelandet waren, hinter ihnen zurückblieb. Er erinnerte sich an die Nacht, bevor sie die Erde verließen, wie sie hastig ihr Hab und Gut in der Rakete verstaut hatten, die Dad irgendwo aufgetrieben hatte, und wie von Ferien auf dem Mars die Rede war. Für einen Ferienurlaub war das ziemlich weit weg, aber Timothy hatte nichts dazu gesagt, damit sich seine beiden jüngeren Brüder nicht aufregten. Und so kamen sie zum Mars, und das erste, was sie unternehmen würden, hieß es, war ein Angelausflug.

Dad hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, während das Boot den Kanal hinaustuckerte. Timothy wurde nicht schlau daraus. Er war entschlossen und irgendwie erleichtert. Die tiefen Falten in seinem Gesicht schien ein Lächeln anzudeuten, statt Sorge oder Betrübnis.

Hinter ihnen blieb die abkühlende Rakete zurück, verschwand hinter einer Biegung, und war fort.

„Wie weit fahren wir?“ Robert ließ die Hand plätschernd durch das Wasser gleiten. Es sah aus, als würde eine kleine Krabbe aus dem violetten Wasser springen.

Dad atmete sacht aus. “Eine Million Jahre.“

“Kraß,” sagte Robert.

“Schaut mal, Kinder.” Die Mutter wies mit einem langen, weichen Arm nach vorn. „Eine tote Stadt!“

Sie beugten sich in gespannter Erwartung vor, und da lag die die tote Stadt vor ihnen, ganz allein für sie, und döste in der heißen Stille eines Marssommers, den ein Marswettermacher für sie bestellt hätte.

Und Dad sah aus, als ob er froh war, daß die Stadt tot war. ­

Es war ein leeres Labyrinth aus rosa Steinen, das da auf einem Sandhügel schlief, ein paar umgestürzte Säulen, ein einsamer Tempel, und dann wieder die endlose Sandwüste. Nichts anderes, Meile um Meile. Eine weiße Wüste, die sich links und rechts des Kanals erstreckte, und eine blaue Wüste über ihnen.

In diesem Augernblick flog ein Vogel auf – wie ein Stein, der über einen blauen Teich geworfen wird, ein Aufprall, ein tiefer Fall – und verschwunden.

Dad zuckte erschrocken zusammen, als er ihn sah. „Ich dachte schon, es wäre eine Rakete.“

Timothy sah in das tiefe Meer des Himmels hinauf, versuchte die Erde zu finden, und den Krieg und die zerbombten Städte und die Männer, die sich gegenseitig umbrachten, seit er geboren war. Aber er sah nichts. Der Krieg war so fern wie zwei Fliegen, die sich unter der Decke einer großen, stillen Kathedrale auf Leben und Tod bekämpften – und ebenso sinnlos.

William Thomas wischte sich den Schweiß von der Stirn und fühlte, wie die Hand seines Sohns seinen Arm berührte, wie eine kleine aufgeregte Spinne. Er schenkt ihm ein breites Lächeln. „Na, wie fühlst du dich, Timmy?“

“Gut, Dad.“

Timothy war nicht ganz klar, was in dem großen erwachsenen Wesen da neben ihm vorging. Der Mann mit der gewaltigen Adlernase, dessen sonnengebräunte Haut sich schälte – und die heißen blauen Augen, wie die Murmeln, mit denen man nach Schulschluß im Sommer auf der Erde spielte, und die langen Säulen der Beine in den weiten Reithosen.

„Wonach hältst du so angespannt Ausschau, Dad?“

„Ich suche nach Logik auf der Erde, nach gesundem Menschenverstand, nach guten Regierungen, Frieden, Verantwortung.“

„Und das alles auf der Erde?“

„Nein. Da habe ich nichts davon gefunden. Das gibt es dort nicht mehr. Vielleicht hat es das dort nie gegeben. Wir haben uns das nur eingeredet.“

„Was meinst du damit?“

“Da, guck mal: Fische” sagte Dad und zeigte aufs Wasser.

* * *

Alle drei Jungs brachen in laute Rufe aus, als sie sich vorbeugten und das Boot zum Schaukeln brachten, um besser sehen zu können. Ohs und Ahs füllten die Luft. Neben ihnen schwamm ein Silberringfisch, wogte auf und ab, schloß sich urplötzlich wie ein Paar Augenlider um ein paar Nahrungspartikel, um sie sich einzuverleiben und zu verdauen.

Dad sah zu. Seine Stimme war tief und leise.

„Genau wie der Krieg. Der Krieg schwimmt daher, sieht etwas, das er verdauen kann, und schnappt zu. Und im nächsten Augenblick – gibt es die Erde nicht mehr.“

„William!“ sagte die Mutter.

“Tut mir leid,” sagte Dad.

Sie saßen schweigend und fühlten, wie das Wasser an ihnen vorbei rauschte, kühl, rasch, durchsichtig. Das einzige Geräusch war das Summen des Motors, das Plätschern des Wassers, die Sonne, die die Luft erwärmte und aufsteigen ließ.

“Wann bekommen wir die Marsianer zu sehen?“ wollte Michael wissen.

“Dauert bestimmt nicht mehr lange,“ sagte der Vater. „Vielleicht schon heute nacht.“

„Die Marsianer sind doch jetzt alle tot,“ sagte die Mutter.

„Nein, das sind sie nicht. Ich werde euch bald ein paar Marsianer zeigen,“ gab Dad ihr zur Antwort.

Timothy verzog das Gesicht, als er das hörte, aber er sagte nichts. Nichts mehr war jetzt so, wie sie es gewohnt waren: Ferien und Angelausflüge und die Blicke, die die Menschen wechselten.

Die anderen Jungen hatten schon ihre Hände übereinandergelegt und schauten unter ihnen durch auf die sieben Fuß hohen Steinmauern, die den Kanal säumten, auf der Ausschau nach den Marsianern.

„Wie sehen sie denn aus?“ wollte Michael wissen.

„Das siehst du schon noch, wenn du sie siehst.“ Dad ließ etwas hören, das vielleicht ein Lachen darstellte, und Timothy sah eine Ader an seiner Backe, die dazu im Takt pulsierte.

Die Mutter war schlank und sanft, mit einem geflochtenen Zopf aus Goldhaar, der ihren Kopf wie eine Tiara krönte, und Augen von der Farbe des tiefen Wassers im Kanal, wo es im Schatten der Mauern dahinfloß, fast violett, mit bernsteingelben Pünktchen darin. Man konnte ihre Gedanken an ihren Augen ablesen, wie sie darin schwammen wie Fische – manche hell, andere dunkel, einige langsam, andere rasch, und manchmal, wenn sie zur Erde hinaufsah, sah man in ihnen ihre Farbe und sonst nichts. Sie saß am Bug des Boots, eine Hand auf die Bordkante gestützt, die andere ruhte auf ihrer blauen Hose, und dort, wo sich ihre Jacke wie eine weiße Blüte weitete, war ein Streifen sonnengebräunter Hals zu sehen.

Sie spähte nach vorn, um zu erkennen, was vor ihnen lag, und weil sie es nicht deutlich genug ausmachen konnte, blickte sie wieder zu ihrem Mann zurück, und in seinen Augen, in dem, was sich dort spiegelte, sah sie, was vor ihnen lag, und weil er selbst Teil dieser Spiegelung war, eine entschlossene Gestalt, entspannten sich ihre Gesichtszüge, sie stimme zu und wandte sich wieder um und wußte nun, wonach sie Ausschau halten mußte.

Auch Timothy hielt Ausschau. Aber alles, was er sah, war die schnurgerade Linie des Kanals, dünn wie ein Bleistift, der violett durch ein weites, flaches Tal führte, das von niedrigen, verwitterten Hügeln gesäumt wurde, und sich vor ihnen erstreckte, bis sie vom Horizont verschluckt wurde. Weiter und weiter verlief der Kanal, durch Städte, die geklappert hätten wie Käfer in einem ausgebleichten Schädel, wenn man sie geschüttelt hätte. Einhundert oder zweihundert Städte, die ihre heißen Sommertagsträume träumten und ihre kühlen Sommernachtsträume …

Millionen von Meilen weit waren sie hergekommen – für einen Angelausflug. Aber die Rakete hatte eine Kanone an Bord gehabt. Das hier waren Ferien. Aber wozu brauchten sie dann all die Vorräte, die für viele Jahre reichen würden, und die sie bei der Rakete zurückgelassen hatten? Ferien … Hinter dem Schleier dieser Ferien verbarg sich etwas, und das war kein sanftes, lachendes Gesicht, sondern etwas Hartes, Strenges und womöglich Furchtbares. Timothy gelang es nicht, hinter diesen Schleier zu blicken, und die beiden anderen Jungen waren zu sehr damit beschäftigt, acht und zehn Jahre alt zu sein.

„Immer noch keine Marsianer. Wie blöde.“ Robert legte sein spitzes Kinn auf die Hände und spähte finster auf den Kanal hinaus.

Dad hatte ein atombetriebenes Radio mitgebracht, das er an einem Armband bei sich trug. Es funktionierte nach einem altmodischen Prinzip: man hielt es nahe am Ohr an den Schädelknochen, und es sprach oder sang über die Vibrationen mit dem Hörer. Dad hörte ihm gerade zu. Sein Gesichtsausdruck glich einer der verlassenen Marsstädte: versteinert, beinahe tot.

Dann reichte er das Radio an die Mutter weiter, damit auch sie es hören könnte. Ihr Mund öffnete sich.

“Was…?” wollte Timothy fragen, aber er brachte den Satz nicht zu Ende.

Denn in diesem Augenblick erfolgten zwei gewaltige Explosionen, die sie bis ins Mark erschütterten, die sich gegenseitig verstärkten, gefolgt von einem halben Dutzend geringerer Donnerschläge.

Dad riß den Kopf hoch und schob den Gashebel des Boots nach vorn, ohne einen Augenblick zu verlieren. Das Boot schoß nach vorn, hüpfte hoch, wurde durchgerüttelt. Das riß Robert aus seiner trüben Stimmung und entriß Michael, der sich an den Beinen seiner Mutter festklammerte und auf das Wasser starrte, das vor seiner Nasenspitzer vorbeischoß, erschreckte, heftige Freudenschreie.

Dad lenkte das Boot, bremste es ab und bog in einen kleinen Seitenkanal ab und hielt auf eine uralte verwitterte Kaimauer zu, deren Steine noch den Geruch von ausgedörrten Krabben bewahrt hatten. Das Boot rammte den Kai hart genug, um sie alle nach vorn zu werfen, aber niemand wurde verletzt, und Dad hatte sich bereits umgedreht, um zu schauen, ob die Wellen des Kanals sie bis in ihr Versteck verfolgen würden. Gischt schäumte auf, Wellen überspülten die Steine und liefen trafen beim Ablaufen auf die nachfolgenden und beruhigten sich wieder, funkelnd im Sonnenlicht. Es wurde wieder ruhig.

Dad lauschte. Die anderen taten es ihm nach.

Dads Atem weckte Echos, als wenn jemand mit der Faust gegen die feuchten Steine der Kaimauer schlagen würde. Aus dem Schatten heraus sahen ihn die Katzenaugen der Mutter an und warteten auf das, das was als nächstes passieren sollte.

Dad entspannte sich, stieß den angehaltenen Atem aus, und mußte über sich selber lachen.

“Ich bin schon mit den Nerven fertig. das war die Rakete, natürlich.“

Michael fragte: „Was war da lost, Dad? Was ist passiert?“

„Ach, wir haben bloß unsere Rakete in die Luft gesprengt,“ sagte Timothy, der sich Mühe gab, völlig gelassen zu klingen. „Ich weiß, wie sich das anhört, wenn Raketen explodieren. Das da eben war unsere.“

„Warum haben wir denn unsere Rakete in die Luft gejagt?“ fragte Michael. „Warum, Dad?“

„Das gehört mit zu unserem Spiel, Dummkopf!“ sagte Timothy.

„Zu unserem Spiel!“ Michael und Robert waren von dem Wort begeistert.

„Dad hat das so eingestellt, daß sie explodieren würde – dann weiß niemand, wo wir gelandet sind oder wo wir geblieben sind. Fall jemand nach uns sucht, verstehst du?“

„Toll – ein Geheimnis!“

„Jetzt kriege ich schon Angst vor meiner eigenen Rakete,“ sagte Dad zur Mutter. „Ich bin wirklich mit den Nerven fertig. Es ist so lächerlich. Es werden keine Raketen mehr kommen. Außer einer vielleicht, wenn Edwards und seine Frau es noch schaffen.“

Er hielt sein winziges Radio wieder ans Ohr. Nach zwei Minuten ließ er es fallen wie einen benutzten Putzlappen.

„Es ist vorbei,“ sagte er zur Mutter. „Der atomare Funkleitstrahl ist gerade ausgefallen. Jeder andere Sender auf der Welt sendet nicht mehr. In den letzten Jahren gab es sowieso nur noch ein paar. Jetzt ist der Äther absolut still. Und das wird er wohl auch bleiben.“

„Für wie lange?“ wollte Robert wissen.

„Vielleicht – werden eure Urenkel wieder etwas hören,“ sagte Dad. Er saß einfach nur dort, und die Kinder fühlten sich wie im Mittelpunkt seiner Scheu, seiner Niederlage, seiner Schicksalsergebenheit und seiner Hinnahme.

Schließlich lenkte er das Boot wieder auf den offenen Kanal hinaus, und sie setzen ihre Fahrt in der bisherigen Richtung fort.

Es wurde spät. Die Sonne stand schon tief am Himmel, und vor ihnen lag eine Reihe der toten Städte.

Dad sprach leise und in sanftem Ton mit seinen Söhnen. Früher war er oft brüsk und kalt zu ihnen gewesen, hatte sie von sich fern gehalten, aber jetzt war jedes Wort, als ob er ihnen den Kopf tätscheln würde, und das spürten sie.

„Mike, such dir eine Stadt aus.“

„Wie meinst du das, Dad?“

„Such dir eine Stadt aus, mein Sohn. Irgendeine von denen, an denen wir hier vorbeikommen.“

“Na gut,” sagte Michael. „Wonach soll ich die auswählen?“

“Such dir die aus, die dir am besten gefällt. Ihr auch, Robert und Tim. Sucht euch die Stadt aus, die euch am besten gefällt.“

„Ich möchte eine Stadt mit Marsianern darin,“ sagte Michael.

„Die bekommst du auch,“ sagte Dad. „Das verspreche ich.“ Seine Worte waren an die Kinder gerichtet, aber seine Augen suchten die der Mutter.

In den nächsten zwanzig Minuten kamen sie an sechs Städten vorbei. Dad sprach nicht weiter von den Explosionen; es schien, als wäre er mehr daran interessiert, mit seinen Söhnen Spaß zu haben, sie glücklich zu machen, als an irgendetwas anderem.

Michael gefiel die erste Stadt, an der sie vorbeikamen, aber er wurde überstimmt, weil niemand den ersten flüchtigen Eindrücken traute. Die zweite Stadt gefiel niemandem. Es war eine Siedlung der Siedler von der Erde, aus Holz errichtet, das bereits zu Sägemehl zerfiel. Timothy gefiel die dritte Stadt, weil sie so groß war. Die vierte und die fünfte waren zu klein, und die sechste erhielt Zuspruch von allen, selbst von der Mutter, die in ihre Ahs! und Ohs! und Guck-dir-das-bloß-an! einstimmte.

Fünfzig oder sechzig größere Gebäude standen noch, die Straßen waren voller Staub aber befestigt, und man konnte auf den Plätzen noch einen oder zwei der Zentrifugen-Brunnen sprudeln sehen. Das war das einzige Lebenszeichen – Wasserfontänen, die im letzten Sonnenlicht glitzerten.

„Das ist die Stadt!“ sagten sie alle.

Dad lenkte das Boot an einen Kai und stieg an Land.

„Da wären wir. Das hier gehört uns jetzt. Hier werden wir in Zukunft leben!“

„Von jetzt an?“ Michael konnte es nicht glauben. Er stand auf, sah sich um, und schaute dann die Richtung zurück, in der die Rakete gestanden hatte. „Was ist mit der Rakete? Was ist mit Minnesota?“

„Hier,“ sagte Dad.

Er hielt das kleine Radio an Michael blondgelockten Kopf. „Hör gut hin.“

Michael lauschte.

„Nichts,“ sagte er.

„Eben. Nichts mehr. Überhaupt nichts mehr. Kein Minneapolis mehr, keine Raketen mehr, keine Erde mehr.“

Michael begriff allmählich, was ihm da gesagt wurde und begann leise zu weinen.

„Beruhig dich,“ sagte Dad sofort. „Zum Ausgleich schenke ich dir so viel mehr!“

„Was denn?“ Michael bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten, aus Neugierde, aber bereit, weiter zu weinen, wenn das, was noch kommen würde, ebenso niederschmetternd war wie das Vorige.

„Ich schenke dir diese Stadt, Mike. Sie gehört dir.“

„Mir?“

„Dir und Robert und Timothy, für euch drei zusammen. Ihr dürft sie besitzen.“

Timothy kam vom Boot her angelaufen. „Stellt euch das vor, Jungs! Alles das gehört jetzt uns! Alles!“ Er spielte Dads Spiel mit, er spielte es gut und mit Hingabe. Später, wenn sich die Aufregung gelegt hatte, konnte er immer noch irgendwo hinsetzen und selbst weinen. Fürs erste mußten die anderen beschäftigt werden.

Mike und Robert sprangen an Land und halfen ihrer Mutter beim Aussteigen.

„Paßt gut auf eure Schwester auf,“ sagte Dad, und erst später begriffen sie, was er damit gemeint hatte.

Sie eilten in die große Stadt aus rosafarbigem Sein, unterhielten sich im Flüsterton, denn tote Städte bringen einen dazu, ihre Stille nicht zu stören, und sahen zu, wie die Sonne unterging.

“In fünf Tagen,” sagte Dad leise, „fahre ich dahin zurück, wo unsere Rakete gestanden hat und hole die Vorräte, die wir in den Ruinen versteckt haben und bringe sie hierher. Und ich werde auch nach Bert Edwards und seiner Frau und ihren Töchtern suchen.“

„Töchter?“ wollte Timothy wissen. „Wie viele?“

„Vier.“

Die Mutter nickte nachdenklich. „Das könnte später Probleme geben.“

„Mädchen!“ Michael zog ein Gesicht wie ein alter steinerner Marsgötze. „Mädchen!“

„Kommen sie auch mit einer Rakete?“

„Ja. Wenn sie es schaffen. Familienraketen sind für Flüge bis zum Mond gedacht, nicht für Reisen bis zum Mars. Wir können von Glück sagen, daß wir es geschafft haben.“

„Wo hast du die Rakete her?“ flüsterte Timothy. Die beiden anderen Jungs waren ihnen vorausgeeilt.

„Ich habe dafür gespart. Ich habe zwanzig Jahre darauf gespart. Ich habe das Geld gut versteckt. Ich hatte gehofft, daß ich es nie brauchen würde. Ich hätte es natürlich der Regierung geben sollen, damit sie damit Krieg führen kann. Aber ich mußte immerzu an den Mars denken …“

„Und ein Picknick!“

„Genau. Das bleibt jetzt zwischen uns beiden. Als ich feststellen mußte, daß es auf der Erde zu Ende geht, als ich bis zum letzten Augenblick gewartet hatte, habe ich uns alles einpacken lasen. Bert Edwards hatte sich auch ein Raumschiff bereitgestellt, aber wir haben uns entschieden, daß es sicherer wäre, wenn wir getrennt starten würden, falls jemand versuchen würde, uns abzuschießen.“

„Warum hast du die Rakete gesprengt, Dad?“

„Damit keiner von uns wieder zurückkehren kann. Und wenn einer von diesen bösen Menschen jemals auf den Mars kommt, wird er nie erfahren, daß wir hier sind.“

„Guckst du deshalb die ganze Zeit nach oben?“

„Ja – es ist albern. Ich weiß. Sie werden uns nicht folgen. Sie haben nichts, womit sie uns folgen könnten. Ich bin nur vorsichtig, mehr nicht.“

Michael kam zu ihnen zurückgelaufen. „Gehört die Stadt wirklich uns, Dad?“

„Der ganze Planet gehört uns, Kinder. Der ganze verflixte Planet.“

Da standen sie nun: die Platzhirsche, an der Spitze, Herrscher über alles, soweit das Auge reicht, unanfechtbare Monarchen und Präsidenten, und versuchten zu begreifen, was es heißt, eine Welt sein eigen zu nennen und wie groß eine ganze Welt wirklich ist.

Die Nacht fiel schnell in der dünnen Atmosphäre, und Dad ließ sie auf dem Platz mit dem sprudelnden Brunnen zurück, ging zurück zum Boot und kam mit einem Stapel Papiere in seinen großen Händen zurück.

Er legte die Papiere in einem großen Haufen in einem alten Innenhof ab und zündete sie an. Sie scharten sich um die Flammen, um sich daran zu wärmen und lachten, und Timothy sah zu, wie die kleinen Buchstaben wie verängstigte Tiere aufsprangen, als das Feuer sie erfaßte und verschlang. Die Papiere kräuselten sich wie die Haut eines alten Mannes, und die Glut umrahmte Worte ohne Zahl:

„BUNDESANLEIHEN; Geschäftsbericht, 1999; Religiöse Vorurteile: ein Ansatz; Die Wissenschaft der Logistik; Probleme der allamerikanischen Einheit; Börsenbericht vom 3. Juli 1998; Die Kriegslage, kurzgefaßt …“

Dad hatte diese Papiere einzig zu diesem Zweck mitgebracht. Jetzt saß er hier und warf sie in die Flammen, eins nach dem anderen, voller Befriedigung, und erklärte seinen Kindern, was dies alles zu bedeuten hatte.

„Es ist an der Zeit, euch einiges zu erklären. Ich vermute, es war nicht ganz fair, daß wir euch so viel verschwiegen haben. Ich weiß nicht, ob ihr das hier begreift, aber ich muß es euch sagen - auch auf das Risiko hin, daß ihre einiges davon nicht verstehen werdet.“

Er ließ ein weiteres Blatt in die Flammen fallen.

„Ich verbrenne hier eine Lebensweise. Genau so, wie diese Lebensweise gerade auf der Erde durch Feuer ausgelöscht wird. Ihr müßt mir nachsehen, wenn ich jetzt rede wie ein Politiker. Ich war ja auch nur der Gouverneur eines Bundestaats, und ich habe nicht gelogen, und sie haben mich dafür gehaßt. Das leben auf der Erde hat nie lange genug innegehalten, um etwas wirklich Gutes hervorzubringen. Die Wissenschaft ist uns viel zu schnell vorausgeeilt, und die Menschheit hat sich in einem Maschinendschungel verirrt, wie Kinder,, die sich damit amüsieren, hübsche Spielzeuge zu basteln, Geräte, Hubschrauber, Raketen; die die falschen Dinge erfunden haben, denen es nur um die Maschinen ging statt darum, die Maschinen zu beherrschen. Die Kriege wurden größer und größer, und schließlich fiel ihnen die Erde selbst um Opfer. Das bedeutet das Schweigen im Radio. Davor sind wir geflohen.

„Wir haben Glück gehabt. Es gibt keine Raketen mehr. Es ist an der Zeit, daß ihr erfahrt, daß dies hier keine Angelausflug ist. Das habe ich euch bislang verschwiegen. De Erde gibt es nicht mehr. Flugverkehr zwischen den Planeten gibt es für Jahrhunderte nicht mehr; vielleicht wird es ihn nie wieder geben. Aber die Lebensweise, die dazu geführt hat, hat sich als Irrtum erwiesen; sie hat sich mit ihren eigenen Händen erwürgt. Ihr seid noch jung. Ich werde euch das jetzt jeden Tag erzählen – bis ihr es verstanden habt.“

Er machte eine Pause und warf weitere Blätter in die Flammen.

„Wir sind jetzt allein. Wir und eine Handvoll anderer Menschen, die in ein paar Tagen landen werden. Genug, um neu anzufangen. Genug, um all dem, was auf der Erde war, den Rücken zuzuwenden und einen neuen Anfang zu machen -“

Die emporlodernden Flammen unterstrichen seine Rede. Jetzt waren alle Papiere außer einem verbrannt. Von allen Gesetzen, allen Religionen der Erde war nur noch ein kleines Häufchen heißer Asche geblieben, den der Wind bald davonwehen würde.

Tiothy sah das letzte Blatt an, das sein Vater den Flammen übergab. Es war eine Weltkarte, und sie schrumpfte und verkohlte und zischte – und war vergangen wie ein warmer, schwarzer Schmetterling. Timothy wandte sich ab.

„Und jetzt zeige ich euch die Marsianer,“ sagte Dad. „Kommt alle mit. Komm, Alice ---" Er nahm sie bei der Hand.

Michael weinte jetzt laut, und Dad hob ihn hoch und nahm ihn auf den Arm, und zusammen gingen sie durch die Ruinen zum Kanalufer hinab.

Der Kanal. Wo morgen oder übermorgen ihre zukünftigen Ehefrauen auf einem Boot eintreffen würden, die jetzt noch kleine alberne Mädchen waren, mit ihrem Vater und ihrer Mutter.

Um sie herum fiel die Nacht, und die Sterne erschienen. Aber Timothy konnte die Erde nicht finden. Sie war bereits untergegangen. Darüber mußte er später nachdenken.

Aus den Ruinen drang der Ruf eines Nachtvogels. Dad sagte: „Eure Mutter und ich werden versuchen, euch zu lehren, was wir wissen. Vielleicht nützt es nichts. Ich hoffe es anders. Wir haben viel Gutes gesehen und daraus gelernt. Wir haben diese Flucht viele Jahre lang geplant – noch bevor ihr geboren wurdet. Selbst wenn es keinen Krieg gegeben hätte, wären wir zum Mars geflogen, denke ich, um hier zu leben, nach unseren Vorstellungen. Es hätte ein ganzes Jahrhundert gedauert, bis die Zivilisation auf der Erde den Mars völlig vergiftet hätte. Aber jetzt –“

Sie hatten den Kanal erreicht. Er war lang und gerade und kühl und feucht und in ihm spiegelte sich der Nachthimmel.

„Ich wollte immer einen Marsianer sehen,“ sagte Michael. „Wo sind sie denn, Dad? Du hast es uns versprochen…“

„Da sind sie,“ sagte Dad, und er hob sich Michael auf die Schulter und zeigte nach unten.

Da waren die Marsianer. Timothy begann zu zittern.

Da waren die Marsianer – dort im Kanal – gespiegelt im Wasser: Timothy and Michael und Robert und Mutter und Dad.

Und aus der Tiefe des sich kräuselnden Wassers blickten die Marsianer sie lange, lange Zeit schweigend an…

* * *

II.



(Ill. von Alexander Leydenfrost aus "Planet Stories," Sommer 1946)

(Den Ausdruck des Erstaunens, den ich mit "krass!" statt mit "stark," "cool," "abgefahren," "toll" oder gar "knorke!" wiedergegeben habe, lautet in Original "gee!" Solche Interjektionen hängen jeweils vom sprachlichen Jugendsprech-Zeitgeist ab, und für das im Text genannte Jahr 2026 schien mir diese Wahl angemessen.)

II.

„Das Jahrmillionen-Picknick“ (Text nach der Erstveröffentlichung, Planet Stories, Sommer 1946)

Ray Bradbury – Oktober 2026: Das Jahrmillionen-Picknick (1946)

Es war die Mutter, die den Vorschlag machte, mit der ganzen Familie auf einen Angelausflug zu fahren. Aber Timothy wußte, die sie nicht auf die Idee gekommen war. Es war Dads Einfall gewesen; und sie hatte ihn nur ausgeprochen.

Dad scharrte mit den Füßen in den Marskieseln und stimmte ihr zu. Sofort brach ein Gewühl aus, es wurde gerufen, und das Lager war schnell in Behältern und Koffern verstaut, die Mutter zog sich Wanderstiefel an und warf sich eine Jacke über, Dad stopfte sich mit zitternden Händen die Pfeife, den Blick auf den Marshimmel gerichtet, und die drei Jungs balgten sich um die Plätze im Motorboot, ohne weiter auf Mom und Dad zu achten, außer Timothy.

Dad drückte auf einen Knopf. Das Wasserboot ließ ein lautes Summen zum Himmel aufsteigen. Das Wasser drückte gegen den Rumpf und das Boot begann sich nach vorn zu bewegen, und die ganze Familie brach in ein „Hurra!“ aus.

Timothy saß auf der Rückbank neben Dad, die kleinen Finger lagen über Dads großen haarigen Fingern, und er saß zu, wie der Kanal sich wand und die Stelle, an der sie in ihrer kleinen Touristenrakete nach dem Flug von der Erde hierher gelandet waren, hinter ihnen zurückblieb.

Dad hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, während das Boot den Kanal hinaustuckerte. Timothy wurde nicht schlau daraus. Er war entschlossen und irgendwie erleichtert. Die tiefen Falten in seinem Gesicht schien ein Lächeln anzudeuten, statt Sorge oder Betrübnis.

Hinter ihnen blieb die abkühlende Rakete zurück, verschwand hinter einer Biegung, und war fort.

„Wie weit fahren wir?“ Robert ließ die Hand plätschernd durch das Wasser gleiten. Es sah aus, als würde eine kleine Krabbe aus dem violetten Wasser springen.

Dad atmete aus. “Eine Million Jahre.“

“Stark,” sagte Robert.

„Aber wirklich,“ sagte Michael.

“Schaut mal, Kinder.” Die Mutter wies mit einem langen, weichen Arm nach vorn. „Eine tote Stadt!“

Sie beugten sich in gespannter Erwartung vor, und da lag die die tote Stadt tot vor ihnen, ganz allein für sie, und döste in der heißen Stille eines Marssommers, den ein Marswettermacher für sie bestellt hätte.

Und Dad sah aus, als ob er froh war, daß die Stadt tot war.

Es war ein leeres Labyrinth aus rosa Steinen, das da auf einem Sandhügel schlief, das schläfrig seine verwitterten Arme drei Meilen weit ausstreckte und schließlich in ein paar umgestürzten Säulen endete, ein paar zerborstene Kaimauern, ein einsamer Tempel, dessen Götterbilder längst gestohlen waren und dann wieder die endlose Weite des Sandes. Nichts anderes, Meile um Meile. Eine weiße Wüste, die sich links und rechts des Kanals erstreckte, und eine blaue Wüste über ihnen, mit einer Sonne, die über die blaue dahinzog.

In diesem Augernblick stieg eine Rakete auf – wie ein Stein, der über einen blauen Teich geworfen wird, zog eine flammende Narbe über den Himmel, fiel tief und immer tiefer - und verschwand.

In Dads Augen trat ein ängstlicher Ausdruck, als er sie sah, und er gab Gas, während er mit den Zähnen knirschte.

Das war für die kommenden hundert Tage die letzte Rakete zur Erde.

Wenn man in den Himmel, der sich wie ein Meer über ihnen erstreckte, hinaufsah, war keine Spur des Krieges sichtbar. Nichts von den Männern, die miteinander kämpften und umbrachten wie Schweine in einem Schlachthaus, aus denen das heiße, salzige Blut spritzte.

Die Entfernung des Weltraums ließ das zu einem winzigen Klümpchen Materie schrumpfen, zu einem Pünktchen im All mit Namen Erde. So weit entfernt wie zwei Fliegen, die sich unter der Decke einer großen, stillen Kathedrale auf Leben und Tod bekämpften – und ebenso sinnlos.

William Thomas wischte sich den Schweiß von der Stirn und fühlte, wie die Hand seines Sohns seinen Arm berührte, wie eine kleine aufgeregte Spinne. Er schenkt ihm ein breites Lächeln. „Na, wie fühlst du dich, Timmy?“

“Gut, Dad.“

Timothy war nicht ganz klar, was in dem großen erwachsenen Wesen da neben ihm vorging. Der Mann mit der gewaltigen Adlernase, dessen sonnengebräunte Haut sich schälte – und die heißen blauen Augen, wie die Murmeln, mit denen man nach Schulschluß im Sommer auf der Erde spielte, und die langen Säulen der Beine in den weiten Reithosen.

„Wonach hältst du so angespannt Ausschau, Dad?“

„Ich suche nach Logik auf der Erde, nach gesundem Menschenverstand, nach guten Regierungen, Frieden, Verantwortung.“

„Und das alles auf der Erde?“

„Nein. Da habe ich nichts davon gefunden. Das gibt es dort nicht mehr. Vielleicht hat es das dort nie gegeben. Wir haben uns das nur eingeredet.“

„Was meinst du damit?“

“Seht mal die Fische da,” sagte Dad und zeigte aufs Wasser.

* * *

Alle drei Jungs brachen in laute Rufe aus, als sie sich vorbeugten und das Boot zum Schaukeln brachten, um besser sehen zu können. Ohs und Ahs füllten die Luft. Neben ihnen schwamm ein Silberringfisch, wogte auf und ab, schloß sich urplötzlich wie ein paar Augenlider um ein paar Nahrungspartikel, um sie sich einzuverleiben und zu verdauen.

Dad sah zu. Seine Stimme war tief und leise.

„Genau wie der Krieg. Der Krieg schwimmt daher, sieht etwas, das er verdauen kann, und schnappt zu. Und im nächsten Augenblick – gibt es die Erde nicht mehr.“

„William!“ sagte die Mutter.

“Tut mir leid,” sagte Dad.

Ein zweiter Ringfisch trieb vorbei, und sorgte für mehr Rufe und ausgestreckte Finger. Und dann saßen sie schweigend und fühlten, wie das Wasser unter ihnen vorbei rauschte, kühl, rasch, durchsichtig. Das einzige Geräusch war das Summen des Motors, das Plätschern des Wassers, die Sonne, die die Luft erwärmte – aber nur ein wenig. Ab und zu kam ein Vogel singend angeflogen und flog singend davon und verlor sich wieder aus ihren Augen.

Auf beiden Seiten des Kanals sahen sie jetzt die großen Sauerstoffbüsche, die in unregelmäßigen Abständen standen: Pflanzen mit tiefreichenden Wurzeln, die Meilen bis in die dürftigen Wasserreservoirs des Planeten hinabreichten und die hellsichtige Wissenschaftler von der Erde vor einem halben gepflanzt hatten, und deren Zahl erst jetzt groß genug war, um dem Mars eine dünne Lufthülle zu schenken.

Dad betrachtete sie und schüttelte den Kopf. Es sah weg, als er bemerkte, daß die Mutter ihn ansah - auch das etwas war, aus dem Timothy nicht schlau wurde.

“Wann bekommen wir die Marsianer zu sehen?“ fragte Michael, der zehn Jahre alt war, und reichlich mit den Ordenszeichen des Mendelschen Erbgangs für die Pigmentierung der Haut ausgezeichnet war – Sommersprossen.

“Es dauert bestimmt nicht mehr lange,“ sagte der Vater. „Vielleicht schon heute nacht.“

„Wie meinst du das?“ fragte die Mutter. „Die Marsianer sind doch jetzt alle tot.“

„Nein, das sind sie nicht. Ich werde euch ein paar Marsianer zeigen,“ gab ihr Wiliam Thomas zur Antwort.

Timothy verzog das Gesicht, als er das hörte, aber er sagte nichts. Die seltsamen Gedankengänge der Erwachsenen galten unumstößlich. Und er hatte gelernt, daß es besser war, nur wenige Fragen zu stellen, und nur dann, wenn er sicher sein konnte, daß seine Eltern auf sie eingehen würden.

Die anderen Jungen hatten schon ihre Hände übereinandergelegt und schauten unter ihnen durch auf die sieben Fuß hohen Steinmauern, die den Kanal säumten, auf der Ausschau nach den Marsianern.

„Wie sehen sie denn aus?“ wollte Michael wissen.

„Das siehst du schon noch, wenn du sie siehst.“ Dad ließ etwas hören, das vielleicht ein Lachen darstellte, und Timothy sah eine Ader an seiner Backe, die dazu im Takt pulsierte.

Die Mutter war schlank und sanft, mit einem geflochtenen Zopf aus Goldhaar, der ihren Kopf wie eine Tiara krönte, und Augen von der Farbe des tiefen Wassers im Kanal, wo es im Schatten der Mauern dahinfloß, fast violett, mit bernsteingelben Pünktchen darin. Man konnte ihre Gedanken an ihren Augen ablesen, wie sie darin schwammen wie Fische – manche hell, andere dunkel, einige langsam, andere rasch, und manchmal, wenn sie zur Erde hinaufsah, sah man in ihnen ihre Farbe und sonst nichts.

Sie saß am Bug des Boots, eine Hand auf die Bordkante gestützt, die andere ruhte auf ihrer blauen Hose, und dort, wo sich ihre Jacke wie eine weiße Blüte weitete, war ein Streifen sonnengebräunter Hals zu sehen.

Sie spähte nach vorn, um zu erkennen, was vor ihnen lag, und weil sie es nicht deutlich genug ausmachen konnte, blickte sie wieder zu ihrem Mann zurück, und in seinen Augen, in dem, was sich dort spiegelte, sah sie, was vor ihnen lag, und weil er selbst Teil dieser Spiegelung war, eine entschlossene Gestalt, entspannten sich ihre Gesichtszüge, sie stimme zu und wandte sich wieder um und wußte nun, wonach sie Ausschau halten mußte.

Auch Timothy hielt Ausschau. Aber alles, was er sah, war die schnurgerade Linie des Kanals, dünn wie ein Bleistift, der violett durch ein weites, flaches Tal führte, das von niedrigen, verwitterten Hügeln gesäumt wurde, und sich vor ihnen erstreckte, bis sie vom Horizont verschluckt wurde. Weiter und weiter verlief der Kanal, durch Städte, die geklappert hätten wie Käfer in einem ausgebleichten Schädel, wenn man sie geschüttelt hätte. Einhundert oder zweihundert Städte, die ihre heißen Sommertagsträume träumten und ihre kühlen Sommernachtsträume …

Sie fuhren weit für einen Angelausflug. Aber sie hatten ein Gewehr mit an Bord. Das hier waren Ferien. Aber wozu brauchten sie dann all die Vorräte, die für viele Jahre reichen würden, und die sie bei der Rakete zurückgelassen hatten? Ferien … Hinter dem Schleier dieser Ferien verbarg sich etwas, und das war kein sanftes, lachendes Gesicht, sondern etwas Hartes, Strenges und womöglich Furchtbares. Timothy gelang es nicht, hinter diesen Schleier zu blicken, und die beiden anderen Jungen waren zu sehr damit beschäftigt, acht und zehn Jahre alt zu sein.

„Immer noch keine Marsianer. Wie blöde.“ Robert legte sein spitzes Kinn auf die Hände und spähte finster auf den Kanal hinaus.

Dad hatte ein atombetriebenes Radio mitgebracht, das er an einem Armband bei sich trug. Es funktionierte nach einem altmodischen Prinzip: man hielt es nahe am Ohr an den Schädelknochen, und es sprach oder sang über die Vibrationen mit dem Hörer. Dad hörte ihm gerade zu. Sein Gesichtsausdruck glich einer der verlassenen Marsstädte: versteinert, beinahe tot.

Dann reichte er das Radio an die Mutter weiter, damit auch sie es hören könnte. Ihr Mund öffnete sich.

“Was…?” wollte Timothy fragen, aber er brach den Satz ab und zog es vor, nur zuzusehen.

Dad schaute hastig nach oben und schob den Gashebel des Boots nach vorn, ohne einen Augenblick zu verlieren. Das Boot schoß nach vorn, hüpfte hoch, wurde durchgerüttelt. Das riß Robert aus seiner trüben Stimmung und entriß Michael, der sich an den Beinen seiner Mutter festklammerte und auf das Wasser starrte, das an seiner Nasenspitzer vorbeischoß, erschreckte, heftige Freudenschreie.

Dad mußte irgendetwas gesehen haben, denn er bremste das Boot ab und bog in einen kleinen Seitenkanal ab und hielt auf eine uralte verwitterte Kaimauer zu, deren Steine noch den Geruch von ausgedörrten Krabben bewahrt hatten.

Luftbremsen brachten das Boot zum Stillstand, und Dad hatte sich bereits umgedreht, um zu schauen, ob die Wellen des Kanals sie bis in ihr Versteck verfolgen würden. Gischt schäumte auf, Wellen überspülten die Steine und liefen trafen beim Ablaufen auf die nachfolgenden und beruhigten sich wieder, funkelnd im Sonnenlicht. Es wurde wieder ruhig.

Dad lauschte. Die anderen taten es ihm nach.

Hoch am Himmel entstand ein Geräusch, als ob eine eiserne Spinne aus Netz aus Lärm spinnen würde: hinauf und hinab, kreuz und quer, hinauf, hinab – ein rasches Weben, das das ganze Land einhüllte. Die Spinne war eine Rakete, und das Netz waren die Flammen, die aus ihren Triebwerken schossen.

Dads Atem weckte Echos, als wenn jemand mit der Faust gegen die kalten feuchten Steine der Kaimauer schlagen würde. Aus dem Schatten heraus sahen ihn die Katzenaugen der Mutter an und warteten auf das, das was als nächstes passieren sollte.

Die Himmelspinne hörte auf, ihr Netz zu weben und verschwand. Der Vater ließ sich mit einem Seufzer wieder auf die Sitzbank fallen, und Timothy streckte die Hand aus und fuhr ihm über die dunklen Haare auf seinem Arm.

Einen Augenblick später erfolgten zwei gewaltige Explosionen, die sie bis ins Mark erschütterten, die sich gegenseitig verstärkten, gefolgt von einem halben Dutzend weiterer.

„Das Schiff,“ sagte Dad. „Sie haben die Rakete entdeckt.“

Michael fragte: „Was war da lost, Dad? Was ist passiert?“

„Ach, sie haben bloß unsere Rakete in die Luft gesprengt,“ sagte Timothy, der sich Mühe gab, völlig gelassen zu klingen. „Ich weiß, wie sich das anhört, wenn Raketen explodieren. Das da eben war unsere. Und noch vier andere.“

Timothy dachte kurz nach und fuhr dann fort: „Es gab nur vier weitere auf dem Mars. Hinten die bei der Wissenschaftler-Kolonie, wo etwa hundert Menschen lebten.“

„Warum haben sie das getan?“ fragte Michael. „Warum, Dad?“

Dad lauschte immer noch, das Radio am Ohr. Nach zwei Minuten ließ er es fallen wie einen benutzten Putzlappen.

„Es ist vorbei,“ sagte er zur Mutter. „Der atomare Funkleitstrahl ist gerade ausgefallen. Jeder andere Sender auf der Welt sendet nicht mehr. In den letzten Jahren gab es sowieso nur noch ein paar. Jetzt ist der Äther absolut still. Und das wird er wohl auch bleiben.“

„Für wie lange?“ wollte Robert wissen.

„Vielleicht – werden eure Urenkel wieder etwas hören,“ sagte Dad. Er saß einfach nur dort, und die Kinder fühlten sich wie im Mittelpunkt seiner Scheu, seiner Niederlage, seiner Schicksalsergebenheit und seiner Hinnahme.

Schließich lenkte er das Boot wieder auf den offenen Kanal hinaus, und sie setzen ihre Fahrt in der bisherigen Richtung fort.

Es wurde spät. Die Sonne stand schon tief am Himmel, und vor ihnen lag eine Reihe der toten Städte.

Dad sprach leise und in sanftem Ton mit seinen Söhnen. Früher war er oft brüsk und kalt zu ihnen gewesen, hatte sie von sich fern gehalten, aber jetzt war jedes Wort, als ob er ihnen den Kopf tätscheln würde, und das spürten sie.

„Mike, such dir eine Stadt aus.“

„Wie meinst du das, Dad?“

„Such dir eine Stadt aus, mein Sohn. Irgendeine von denen, an denen wir hier vorbeikommen.“

“Na gut,” sagte Michael. „Wonach soll ich die auswählen?“

“Such dir die aus, die dir am besten gefällt. Ihr auch, Robert und Tim. Sucht euch die tadt aus, die euch am besten gefällt.“

„Ich möchte eine Stadt mit Marsianern darin,“ sagte Michael.

„Die bekommst du auch,“ sagte Dad. „Das verspreche ich.“ Seine Worte waren an die Kinder gerichtet, aber seine Augen suchten die der Mutter.

In den nächsten zwanzig Minuten kamen sie an sechs Städten vorbei. Dad redeten nicht weiter von den Explosionen; es schien, als wäre er mehr daran interessiert, mit seinen Söhnen Spaß zu haben, sie glücklich zu machen, als an irgendetwas anderem.

Michael gefiel die erste Stadt, an der sie vorbeikamen, aber er wurde überstimmt, weil niemand den ersten flüchtigen Eindrücken traute. Die zweite Stadt gefiel niemandem. Es war eine Siedlung der Siedler von der Erde, aus Holz errichtet, das bereits zu Sägemehl zerfiel. Timothy gefiel die dritte Stadt, weil sie so groß war. Die vierte und die fünfte waren zu klein, und die sechste erhielt Zuspruch von allen, selbst von der Mutter, die in ihre Ahs! und Ohs! und Guck-dir-das-bloß-an! einstimmte.

Fünfzig oder sechzig größere Gebäude standen noch, die Straßen waren voller Staub aber befestigt, und man konnte auf den Plätzen noch einen oder zwei der Zentrifugen-Brunnen sprudeln sehen. Das war das einzige Lebenszeichen – Wasserfontänen, die im letzten Sonnenlicht glitzerten.

„Das ist die Stadt,“ sagte Timothy.

„Ja, das ist sie,“ stimme ihm Dad zu. „Stimmt’s, Alice?“

Die Mutter nickte rasch; ihr Gesicht zeigte den gleichen Ausdruck wie das des Vaters.

Dad lenkte das Boot an einen Kai und sprang an Land.

„Da wären hier, Kinder. Das hier gehört uns jetzt. Hier werden wir in Zukunft leben!“

„Von jetzt an?“ Michael konnte es nicht glauben. Er stand auf, sah sich um, und schaute dann die Richtung zurück, in der die Rakete gestanden hatte. „Was ist mit der Rakete? Was ist mit New York?“

„Hier,“ sagte Dad.

Er hielt das kleine Armbandradio an Michael blonden, erbsenrunden Kopf. „Hör gut hin.“

Michael lauschte.

„Nichts,“ sagte er.

„Eben. Nichts mehr. Überhaupt nichts mehr. Kein New York mehr, keine Erde mehr, keine Rakete mehr.“

Michael begriff allmählich, was ihm da gesagt wurde und begann leise Schluchzer auszustoßen, noch nicht von Tränen geschmiert.

„Beruhig dich,“ sagte Dad sofort. „Zum Ausgleich schenke ich dir so viel mehr, Mike!“

„Was denn?“ Michael bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten, aus Neugierde, aber bereit, weiter zu weinen, wenn das, was noch kommen würde, ebenso niederschmetternd war wie das Vorige.

„Ich schenke dir diese Stadt, Mike. Sie gehört dir.“

„M-Mir …“

„Dir und Robert und Timothy, für euch drei zusammen. Ihr dürft sie besitzen.“

Timothy sprang aus dem Boot. „Stellt euch das vor, Jungs! Alles für uns! ALLES!“ Er spielte Dads Spiel mit, er spielte es gut und mit Hingabe. Später, wenn sich die Aufregung gelegt hatte, konnte er immer noch irgendwo hinsetzen und selbst zehn Minuten lang weinen. Aber jetzt war es noch ein Spiel, ein Familienausflug, und die anderen mußten beschäftigt werden.

Mike und Robert sprangen an Land und halfen ihrer Mutter beim Aussteigen.

„Paßt gut auf eure Schwester auf,“ sagte Dad, und erst später begriffen sie, was er damit gemeint hatte.

Sie eilten in die große Stadt aus rosafarbigem Sein, unterhielten sich im Flüsterton, denn tote Städte bringen einen dazu, ihre Stille nicht zu stören, und sahen zu, wie die Sonne unterging.

“In fünf Tagen,” sagte Dad leise, „fahre ich dahin zurück, wo unsere Rakete gestanden hat und hole die Vorräte, die wir in den Ruinen versteckt haben und bringe sie hierher. Und ich werde auch nach Ralph Edwards und seiner Frau und ihren Töchtern suchen.“

„Töchter?“ wollte Timothy wissen. „Wie viele?“

„Vier.“

„Das könnte später Probleme geben,“ sagte die Mutter, ohne daß sie verstanden, was sie damit meinte.

„Mädchen!“ Michael zog ein Gesicht wie ein alter steinerner Marsgötze. „Ah-bah!“

„Gehört die Stadt wirklich uns, Dad?“

„Der ganze Planet gehört uns, Kinder. Der ganze verflixte Planet.“

Da standen sie nun: die Platzhirsche, an der Spitze, Herrscher über alles, soweit das Auge reicht, unanfechtbare Monarchen und Präsidenten, und versuchten zu begreifen, was es heißt, eine Welt sein eigen zu nennen und wie groß eine ganze Welt wirklich ist.

Die Nacht fiel schnell in der dünnen Atmosphäre, und Dad ließ sie auf dem Platz mit dem sprudelnden Brunnen zurück, ging zurück zum Boot und kam mit einem Stapel Papiere in seinen großen Händen zurück.

Er legte die Papiere in einem großen Haufen in dem alten Innenhof ab und zündete sie an. Sie scharten sich um die Flammen, um sich daran zu wärmen und lachten, und Timothy sah zu, wie die kleinen Buchstaben wie verängstigte Tiere aufsprangen, als das Feuer sie erfaßte und verschlang. Die Papiere kräuselten sich wie die Haut eines alten Mannes, und die Glut umrahmte Worte wie diese:

„Bundesanleihen, politische Karten, religiöse Streitigkeiten, Glaubenssysteme, Wissenschaften, Vorurteile der allamerikanischen Einheit, Börsenbericht vom 23. Juli 2044, Die Kriegslage, kurzgefaßt …“

Dad hatte diese Papiere einzig zu diesem Zweck mitgebracht. Jetzt saß er hier und warf sie in die Flammen, eins nach dem anderen, voller Befriedigung, und erklärte seinen Kindern, was dies alles zu bedeuten hatte.

„Ich verbrenne hier eine Lebensweise. Genau so, wie diese Lebensweise gerade auf der Erde durch Feuer ausgelöscht wird. Ihr müßt mir nachsehen, wenn ich jetzt rede wie ein Politiker. Ich war ja auch nur der Gouverneur eines Bundestaats, und ich habe nicht gelogen, und sie haben mich dafür gehaßt. Das leben auf der Erde hat nie die richtige Richtung genommen. Es hat nie lange genug innegehalten, um etwas wirklich Gutes hervorzubringen. Die Wissenschaft ist uns viel zu schnell vorausgeeilt, und die Menschheit hat sich in einem Wissenschaftsdschungel verirrt, wie Kinder, die sich damit amüsieren, hübsche Spielzeuge zu basteln, Geräte, Hubschrauber, Raketen; die die falschen Dinge erfunden haben, denen es nur um die Maschinen ging statt darum, die Maschinen zu beherrschen. Die Kriege wurden größer und größer, und schließlich fiel ihnen die Erde selbst um Opfer. Das bedeutet das Schweigen im Radio. Davor sind wir geflohen.

“Der Mars ist für eine Besiedlung bereit. Die Wissenschaftler haben ein halbes Jahrhundert lang daran gearbeitet, um ihn für Kolonien vorzubereiten. Aber es gab zu wenig Raketen. Ich war Bundesstaatsgouverneur; ich hatte Einfluß. Ich habe es so arrangiert, daß eure Mutter und ich euch hierher bringen konnten, als erste Siedlerfamilie. Ich wußte, daß es Krieg geben würde, daß die Wissenschaftler wieder zur Erde zurückgerufen werden würden, um dort zu helfen. Das sollten wir auch. Aber wir haben uns nicht daran gehalten. Wir haben einen Angelausflug unternommen. Naja – ich hatte gehofft, daß es nicht so schlimm kommt. Deswegen habe ich euch bislang nichts davon gesagt. Aber jetzt gibt es keine Erde mehr. Flugverkehr zwischen den Planeten gibt es für die nachsten zweihundert Jahre nicht mehr, vielleicht für noch länger, vielleicht wird es ihn nie wieder geben. Die alte Lebensweise hat sich als Irrtum erwiesen; sie hat sich mit ihren eigenen Händen erwürgt. Ihr seid noch jung. Ich werde euch das jetzt jeden Tag erzählen – bis ihr es verstanden habt.“

Er machte eine Pause und warf weitere Blätter in die Flammen.

„Wir sind jetzt allein. Wir und eine Handvoll anderer Menschen, die in ein paar Tagen eintreffen werden, wenn sie überlebt haben. Ein par davon werden bestimmt hier den Kanal hinaufkommen. Genug, um neu anzufangen. Genug, um dem Chaos dem Rücken zuzukehren, und einen neuen Anfang zu machen -“

Die Flammen schossen empor und unterstrichen seine Worte. Er war von diesem Feuer erfüllt. Und dann waren die Papiere fort, bis auf eines. Auch das war ein Symbol. Alle die Gesetze, die Religionen der Erde waren zu einem kleinen heißen Haufen Asche verbrannt, den der Wind bald davonwehen würde.

Tiothy sah das Letzte an, das sein Vater in die Flammen warf. Es war eine Karte der Vereinigten Staaten, und sie schrumpfte und verkohlte und zischte – und war vergangen wie ein warmer, schwarzer Schmetterling.

Timothy mußte sich abwenden und heftig schlucken.

„Und jetzt zeige ich euch die Marsianer,“ sagte Dad. „Kommt alle mit. Komm, Alice ---" Er nahm sie bei der Hand.

Michael weinte jetzt laut, und Dad hob ihn hoch und nahm ihn auf den Arm, und zusammen gingen sie durch die Ruinen zum Kanalufer hinab.

Der Kanal. Wo morgen oder übermorgen ihre zukünftigen Ehefrauen auf einem Boot eintreffen würden, die jetzt noch kleine alberne Mädchen waren, mit ihrem Vater und ihrer Mutter.

Um sie herum fiel die Nacht, und die Sterne erschienen. Aber Timothy konnte die Erde nicht finden. Sie war bereits untergegangen. Darüber mußte er später nachdenken. Sie war schon untergegangen.

Ein kühler Nachtwind umwehte sie, und während sie gingen, sagte Dad: „Eure Mutter und ich werden versuchen, euch zu lehren, was wir wissen. Wir haben beide einen Abschluß in Psychologie. Vielleicht nützt es nichts. Aber ich glaube schon. Wir haben Erfahrung. Wir haben vieles gesehen. Wir haben diesen Flug viele Jahre lang geplant – noch bevor ihr geboren wurdet. Selbst wenn es keinen Krieg gegeben hätte, wären wir zum Mars geflogen, denke ich, um hier zu leben, nach unseren Vorstellungen. Es hätte ein ganzes Jahrhundert gedauert, bis die Zivilisation auf der Erde den Mars völlig vergiftet hätte. Aber jetzt –“

Sie hatten den Kanal erreicht. Er war lang und gerade und kühl und feucht und in ihm spiegelte sich der Nachthimmel.

„Ich wollte immer einen Marsianer sehen,“ sagte Michael. „Wo sind sie denn, Dad? Du hast es uns versprochen.“

„Da sind sie,“ sagte Dad, und er hob sich Michael auf die Schulter und wies nach unten.

Da waren die Marsianer - tatsächlich. Timothy durchfuhr ein Schauder.

Da waren die Marsianer – dort im Kanal – gespiegelt im Wasser: Timothy and Michael und Robert und die Mutter und Dad.

Und aus der Tiefe des sich kräuselnden Wassers blickten die Marsianer sie lange, lange Zeit schweigend an…

* * *

III.



(Ill. von Ian Miller für "The Martian Chronicles," im September 1979 als illustriertes Taschenbuch in leicht größerem Format bei Bantam Books publiziert.)

Es liegt eine gewisse literarische Ironie darin, daß es sich bei dem ersten Text, den Ray Bradbury im Rahmen der gut 20 Erzählungen und Skizzen, aus denen er vier Jahre später das Mosaik der „Marschroniken“ zusammenstellte, um den nach interner Chronologie letzten Teil handelt, der den Versuch der Landnahme der Erdlinge auf dem roten Planeten und sein Scheitern schildert, zum Abschluß bringt. Wie aus den in den beiden Fassungen genannten Jahresangaben deutlich wird, hatte Bradbury beim Schreiben der einzelnen Geschichten noch nicht das chronologische Gerüst vor Augen, in das er sie in der Buchfassung rückte. Dieser Rahmen, der dem ganzen den Charakter eines Episodenromans verleiht, bringt allerdings zwei Konsequenzen mit sich, die beim Lesen nicht stören, sich aber bei einer analytischen Nachschmeckung doch zu Wort melden: zum einen ist der Rahmen der Haupthandlung doch außerordentlich eng gefaßt. Von der ersten Landung der Menschen (in „Ylla“ wird sie von der Hauptfigur als dunkle Drohung erahnt) im Februar 1999 über das Aussterben der Marsbewohner durch irdische Krankheitskeime (hier invertiert Bradbury das Motiv von H. G. Wells‘ „Krieg der Welten“ von 1897, in dem die irdischen Erreger das fertigbringen, woran die Militärtechnik des ausgehenden 19. Jahrhunderts gnadenlos scheitert), über die Hochphase der Besiedlung bis zum Rückruf aller Siedler zur irdischen Heimat nach dem Ausbruch des Atomkriegs im November 2005 liegen gerade einmal sechs Jahre. Gripp, der Protagonist der nachfolgenden Erzählung „The Silent Towns,“ findet im Dezember 2005 schon alle Siedlungen verlassen vor und flieht vor den Zudringlichkeiten der „letzten Frau auf dem Mars“ – nachdem sich die geheimnisvolle Anruferin, nach deren Spuren er gesucht hat, als alles andere als eine Traumfrau entpuppt hat.

Als sich das Einsetzen der Handlung, also 1999, bedrohlich näherte, hat Bradbury für die im Februar 1997 bei Avon Books erschienene Ausgabe die Datierung der einzelnen Sektionen um 31 Jahre in die Zukunft verlagert, ansonsten aber die Texte unangerührt gelassen.

Zum anderen ist die Schilderung der Marsianer bei Bradbury alles andere als konsistent. Die schemenhaften Lotosesser aus „Ylla,“ die geheimnisvolle nächtliche Begegnung eines Fernfahrers mit einem marsianischen Kollegen in „Night Meeting,“ die Ungeheuer, die den Besatzungsmitgliedern der „dritten Expedition“ mit ihren hypnotischen Kräften vorgaukeln, im Paradies ihrer verlorenen Kindheit gelandet zu sein, um sie dann im Lauf der Nacht umzubringen – all das führt zu einem merkwürdig blassen, konturlosen Eindruck, den diese Gestalten beim Leser hinterlassen. Sicher: das ist Teil des Programms, das diesen Geschichten so oft die Aura eines Traums, einer mehr erahnten als wirklich geschilderten Kontur verleihen. Aber es fällt schon ins Auge, wenn man es etwa mit den Schilderungen der durchaus vergleichbaren Situationen kontrastiert, die Bradburys Autorenkollegin Leigh Brackett zur gleichen Zeit und in denselben Pulp-Magazinen wie „Planet Stories,“ „Startling Stories“ und „Thrilling Wonder Stories“ veröffentlicht hat, in denen der „magische Flair des Orients“ auf die Kulisse einer uralten, exotischen, ebenfalls verlöschenden Kultur auf dem Mars projiziert worden ist. In derselben Ausgabe von „Planet Stories,“ in der auch „The Million Year Picnic“ erschien und die im März 1946 an die Zeitungsvertriebe ausgeliefert wurde, findet sich die von Bradbury und Brackett gemeinsam verfaßte längere Erzählung „Loreley of the Red Mist.“ Nachdem Brackett von Howard Hawks Ende 1944 darum gebeten worden war, das Drehbuch für die geplante Verfilmung von Raymond Chandlers Roman „The Big Sleep“ zu verfassen, überließ sie ihrem fünf Jahre jüngeren Kollegen das halb fertiggestellte Typoskript zur Fertigstellung. Das Ergebnis ist der Beleg, daß auch Bradbury durchaus handfeste „Shoot ‘Em Up!“-Reißer nach dem Muster der knalligen Groschenhefte liefern konnte – etwas, das sich auch in den zahlreichen Erzählungen zeigt, die er in den Kriminal- und Detektiv-Magazinen ab 1944 veröffentlicht hat.

Eine weitere, und durchaus finstere, Ironie liegt in der Tatsache, daß Bradbury, in diesem Text, aber auch in der vorhergehenden Episode „There Will Come Soft Rains“ (Zettels Raum vom 4. August 2026) den endgültigen Untergang aller irdischen Kultur, aller Tradition in einer Feuersbrunst ins Zentrum stellt. In seinem Roman „Fahrenheit 451“ von 1952 ist es Freitag, der „Feuerwehrmann,“ dessen Aufgabe es ist, jedes Buch, dessen er und seine Kollegen noch finden können, in Flammen aufgehen zu lassen. Das Auswendiglernen der „Buchmenschen“, der „lebenden Bücher,“ denen sich Freitag am Ende anschließt, ist ein letztes verzweifeltes Aufbäumen, wenigstens noch einige Texte in kulturellen Gedächtnis der Menschheit zu bewahren und dem Zugriff der allumfassenden Kontrolle und der Vernichtung zu entziehen – während im Jahrmillionen-Picknick genau dieses Brandopfer die Voraussetzung dafür ist, sich von diesem Erbe zu befreien – ein Schritt, der bis auf die Scheiterhaufen zur Verbrennung aller „Eitelkeiten“ durch Savonarola in Florenz ein halbes Jahrhundert zuvor zurückreicht. Daß Bradburys Kehrtwende in dieser Hinsicht vor allem auch die den verspäteten Eindruck der Bücherverbrennungen im Dritten Reich zurückgeht, die ihm angesichts des geistigen Klimas der McCarthy-Zeit wie ein Menetekel erschien, braucht man eigentlich nicht besonders zu betonen.

Hinter dem Autodafé in unserem Text erhebt sich allerdings schemenhaft ein anderes Gespenst, daß aus einer etwas weiter zurück liegenden Zeit herüber grüßt: Nathaniel Hawthornes „Earth’s Holocaust,“ zuerst in „Graham’s Magazine“ im Mai 1844 erschienen und 1846 in Hawthornes zweiter Sammlung „Mosses from an Old Manse“ (erschienen bei Wiley & Putnam) in Buchform nachgedruckt. „Graham’s Magazine,“ das von 1840 bis 1858 mit wechselnden Untertiteln in Philadelphia erschien ist heute vor allen deshalb noch im Gedächtnis der Nachwelt präsent, weil Edgar Allan Poe vom Februar 1841 bis zum April 1842 für das Journal als Herausgeber tätig war. Poe veröffentlichte unter anderem seine Erzählungen „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ und „Die Maske des roten Todes“ darin. Poe nannte später als Grund für sein Ausscheiden das „lächerliche“ Jahresgehalt von 800 Dollar, während der Verleger George Rex Graham sich für den gleichen Zeitraum 25.000 Dollar gutschreiben ließ. (Ein wenig erinnert das an den Skandal um den Herausgeber des ersten „wirklichen SF-Magazins, Hugo Gernsback, der die Herausgeberschaft von „Amazing Stories“ und „Amazing Stories Quarterly“ im Frühjahr 1929 vor Gericht einbüßte, unter anderem aufgrund des Vorwurfs, Gernsback und sein Bruder Sydney hätten sich vom Gesamtbudget von 200.000 Dollar je ein stattliches Jahresgehalt von 50.000 Dollar genehmigt, während Zahlungen an die Autoren oft nur lange nach der Veröffentlichung und auf gerichtliche Verfügung erfolgt seien.)

Poes Nachfolger auf dem Posten als Chefredakteur war Rufus Griswold (1815-1857), der als Poes schärfster Konkurrent und sein literarischer Todfeind in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Fast alle späteren Verunglimpfungen Poes – als schwerer Trinker, Opiumsüchtiger, Plagiator und Verleumder – gehen auf Griswolds Konto. 1848, nachdem die Umsatzzahlen des Magazins drastisch eingebrochen waren, verkaufte Graham sein Journal. Harper’s Magazine, zwei Jahre später gestartet, wandte sich an die gleiche Leserschaft und fand bei ihr erheblichen größeren Zuspruch, bis „Graham’s Magazine“ schließlich 1858 unbeklagt eingestellt wurde.

* * *

IV.

In dem von EC Comics vertriebenen Magazin "Weird Fantasy" erschien die Bildgeschichten-Adaptation von "The Million Year Picnic" in der Ausgabe 19 vom September-Oktober 1953 in der Fassung von John Severin und Will Elder.

















* * *

V.





Nathaniel Hawthorne, „Das Brandopfer der Erde“ (1844)

Einstmals – ob in der Vergangenheit oder Zukunft, hat wenig zu besagen – hatte sich auf dieser weiten Welt abgenutzter Plunder in solcher Überfülle angesammelt, daß die Bewohner beschlossen, sich mittels eines großen Freudenfeuers sich von ihm zu befreien. Die Gegend auf Anraten der Versicherungsgesellschsften dafür wählte und die genauso zentral gelegen war wie jeder andere Punkt auf dem Globus, war eine der ausgedehntesten Prärien des Westens, wo keine menschliche Ansiedlung durch die Flammen in Gefahr geriet und eine gewaltige Zuschauermenge die Darbietung ungestört bewundern konnte. Da ich für Schauspiele dieser Art etwas übrighatte und mir überdies einbildete, das Aufleuchten des Freudenfeuers könne irgendeine tiefe moralische Wahrheit enthüllen, die sich bisher in Nebel oder Dunkelheit verborgen hatte, richtete ich es so ein, daß ich hinfahren und anwesend sein konnte. Bei meinem Eintreffen hatte man an den Haufen des zum Verbrennen verurteilten Abfalls bereits Feuer gelegt, obwohl er noch verhältnismäßig klein war. Inmitten der grenzenlose Ebene schimmerte in der Abenddämmerung gleich einem fernen Stern, der einsam am Firmament steht, nur ein einziger flackernder Lichtschein, bei dessen Anblick niemand die mächtige Feuersglut vorausahnen konnte, die noch folgen sollte. Doch unablässig kamen von nah und fern Fußgänger herbei, Frauen mit aufgehaltenen Schürzen, Reiter, Schubkarren, schwerfällige Packwagen und andere große und kleine Fahrzeuge, alle beladen mit Dingen, die sich für nichts anderes mehr eigneten als fürs Verbrennen.

„Welches Material hat man verwendet, um das Feuer zu entzünden?“ erkundigte ich mich bei einem der Umstehenden, denn ich wollte den ganzen Vorgang von Anfang bis Ende kennenlernen. Die angesprochene Person war ein gesetzter Mann von etwa fünfzig Jahren, der offenbar als Zuschauer hergekommen war; er machte sofort den Eindruck, als ob er für sich den wahren Wert des Lebens und dessen Wechselfälle erwogen hätte und darum nur geringes persönliches Interesse für die Meinung aufbrächte, welche die Welt darüber hegte. Bevor er meine Frage beantwortete, blickte er mir beim Schein des flackernden Feuers ins Gesicht.

„Ach, irgendsoein trockenes und leicht brennbares Zeug,“ versetzte er, „ das sich für diesen Zweck hervorragend eignet – genaugenommen nichts anderes als Zeitungen von gestern, Zeitschriften vom letzten Monat und welkes Laub vom letzten Jahr. Da kommt gerade wieder ein Haufen alten Plunders, der Feuer fangen wird wie eine Handvoll Holzspäne.“

Bei diesen Worten näherten sich einige rauhe Männer dem Rand des Feuers und warfen, so schien es, den ganzen Abfall des Heroldsamtes hinein: kunstvoll gemalte Wappenschilde, die Helmzieren und Sinnbilder berühmter Familien, Stammbäume, die wie Lichterketten weit in den Nebel dunkler Zeiten zurückreichten, zusammen mit Ordensternen, Hosenbändern und riechbestickten Kragen, die allesamt, sosehr sie auch dem ungeschulten Auge wie nutzloser Tand vorkamen, einst eine erhebliche Bedeutung besessen hatten und von den Verehrern der glorreichen Vergangenheit tatsächlich noch immer zu den wertvollsten moralischen oder materiellen Gütern gezählt wurden. In diesem wirren Haufen, von dem ein Armvoll nach dem anderen in die Flammen geworfen wurde, befanden sich zahllose Embleme von Rittersorden, darunter solche von allen europäischen Herrschern und Napoleons Kreuz der Ehrenlegion, dessen Bänder sich mit denen des alten St.-Ludwigs-Orden verwickelten. Ins Feuer flogen auch die Medaillen unserer eigenen Gesellschaft der Cincinnati, mit deren Hilfe, wie uns die Geschichte berichtet, die Königsbezwinger der Revolution beinahe einen erblichen Ritterorden begründet hätten. Und daneben gab es die Adelspatente deutscher Grafen und Barone, spanischer Granden und englischer Peers, von der wurmzerfressenen Urkunde mit der Unterschrift Wilhelms des Eroberers bis hin zum funkelnagelneuen Pergament des letzten Lords, der seine Ehren aus Viktorias schöner Hand empfangen hatte.

Beim Anblick der dichten, von züngelnden Flammen durchzuckten Rauchsäulen, die aus diesem gewaltigen Scheiterhaufen irdischer Auszeichnungen hervorbrachen und emporwirbelten, stieß die Masse der plebejischen Zuschauer einen Freudenschrei aus und klatschte so lautstark in die Hände, daß das Himmelsgewölbe widerhallte. Das war für sie der Augenblick des nach langen Jahren errungenen Triumphs über Geschöpfe aus dem gleichen Staub und mit den gleichen Schwächen, die sich Vorrechte angemaßt hatten, welche nur den besseren Hervorbringungen des Himmels zustehen. Doch jetzt stürzte auf den lodernden Haufen ein grauhaariger Mann von gebieterischer Statur zu, der einen Rock trug, von dessen Brust augenscheinlich ein Ordensstern oder ein anderes Rangabzeichen gewaltsam abgerissen worden war. Sein Gesicht ließ nicht auf große geistige Fähigkeiten schließen, aber er hatte das Benehmen - die gewohnheitsmäßige und fast angeborene Würde – eines Mannes, der mit der Vorstellung der eigenen sozialen Überlegenheit aufgewachsen ist und bis zu diesem Augenblick noch nie erlebt hat, daß man sie in Frage stellt.

„Leute,“ rief er, indem er den Untergang dessen, was ihm das Teuerste war, mit Gram und Erstaunen, aber auch mit einer gewissen Größe anstarrte, „Leute, was habt ihr getan? Dieses Feuer verzehrt alles, was euch über die Barbarei erhebt oder verhindert, daß ihr wieder in sie zurücksinkt. Wir, die Vertreter der privilegierten Orden, haben über die Jahrhunderte hinweg den alten ritterlichen Geist erhalten, das vornehme und großmütige Denken, das höhere, das reinere, das kultiviertere und empfindsamere Leben! Mit dem Adel verwerft ihr auch den Dichter, den Maler, den Bildhauer -alle die schönen Künste; denn wir waren ihre Gönner und schufen die Atmosphäre, in der sie gediehen. Durch die Abschaffung der majestätischen Rangunterschiede verliert Gesellschaft nicht nur ihre Anmut, sondern auch ihren festen Halt...“

Er hätte zweifellos noch mehr gesagt, doch da erhob sich ein ausgelassener, verachtungsvoller und empörter Aufschrei, der den Appell des gestürzten Edelmanns völlig ertränkte, so daß dieser mit einem verzweifelten Blick auf seine halb verkohlte Ahnentafel in die Menge zurückwich und froh war, sich hinter seiner soeben erworbenen Bedeutungslosigkeit verschanzen zu können.

„Er soll seinen Sternen danken, daß wir ihn nicht mit ins Feuer geworfen haben!“ brüllte ein roher Kerl und versetzte der Glut einen verächtlichen Fußtritt. „Und fortan soll es keiner mehr wagen, ein verschimmeltes Stück Pergament vorzuweisen als Freibrief dafür, aß er seine Mitmenschen schikanieren darf! Wenn er einen starke Arm hat – schön und gut: das ist eine Form der Überlegenheit. Wenn er Geist, Klugheit, Mut Charakterstärke besitzt, dann soll er sich mit diesen Eigenschaften durchsetzen, so gut er kann. Aber vom heutigen Tage an darf kein Sterbliche mehr auf Rang und Achtung hoffen, der bloß auf die vermoderten Gebeine seiner Vorfahren zählt! Mit diesem Unsinn ist jetzt Schluß!“

„Und gerade zur rechten Zeit,“ bemerkte der bedächtige Zuschauer neben mir – allerdings mit leiser Stimme, „sofern kein schlimmerer Unsinn an seine Stelle tritt. Aber in jedem Fall hat sich diese Art von Unsinn überlebt.“

Es war wenig Zeit, über die Asche dieses altehrwürdigen Abfalls nachzusinnen oder moralische Betrachtungen anzustellen; denn bevor er noch halb verbannt war, näherte sich von jenseits des Ozeans eine neue Menschenmenge, welche die Purpurgewänder von Fürsten und die Kronen, Reichsäpfel und Szepter von Kaisern und Königen mit sich trugen. All diese Dinge waren als nutzloser Tand verworfen worden; sie eigneten sich allenfalls als Spielzeug für die Kindheit der Welt oder als Ruten, mit denen man sie in ihrer Unmündigkeit leiten und züchtigen konnte, aber eine voll erwachsene universale Menschheit nicht mehr beleidigen durfte. Diese königlichen Insignien waren einer solchen Verachtung anheimgefallen, daß die vergoldeten Kronen und Flitterroben, des Königsdarstellers vom Drury-Lane-Theater gleichfalls auf den Haufen geworfen wurde, zweifellos in dem Bestreben, damit die königlichen Kollegen auf der großen Bühne der Welt zu verhöhnen. Es war ein seltsames Gefühl, die englischen Kronjuwelen wiederzuerkennen, die im Feuer glühten und funkelten. Einige von ihnen stammten noch aus der Zeit der Sachsenfürsten; andere waren mit riesigen Steuersummen erworben oder vielleicht der toten Stirn hindustanischer Eingeborenenpotentaten entrissen worden; und alle zusammen verglühten nun mit einem blendenden Schein, als wäre ein Stern auf diese Stelle gefallen und in tausend Stücke zerplatzt. Der Glanz der untergegangenen Monarchien spiegelte sich nur noch in diesen unschätzbaren Edelsteinen. Doch genug davon! Es wäre ermüdend zu beschreiben, wie der Mantel des Kaisers von Österreich zu Asche wurde oder wie die Säulen und Pfeiler des französischen Throns sich in ein Häuflein Asche verwandelten, die sich nicht von der Asche irgendeines anderen Holzes unterscheiden ließ. Hinzufügen möchte ich jedoch noch, daß ich einen verbrannten Polen bemerkte, der das Freudenfeuer mit dem Szepter des russischen Zaren schürte, das er hinterher in die Flammen schleuderte.

„Der Geruch versengter Kleider ist hier nicht zu ertragen,“ versetzte mein neuer Bekannter, als der Wind uns in den Rauch einer königlichen Garderobe einhüllte. „Entfernen wir uns aus dem Wind uns sehen uns einmal an, was sie auf der anderen Seite des Feuers machen!“

Wir gingen also um das Feuer herum und kamen gerade rechtzeitig, um die Ankunft einer langen Prozession von Washingtonern - so nennen sich die Verfechter der Enthaltsamkeit heutzutage – mitzuerleben, die begleitet waren von Tausenden der irischen Anhänger Pater Mathews, welcher große Apostel ihren Zug anführte. Sie leisteten einen reichen Beitrag zum Freudenfeuer der in nichts Geringerem bestand als sämtlichen Branntweintonnen und -fässern der Welt, welche sie über die Prärie vor sich her rollten.

„Und jetzt, meine Kinder,“ rief Pater Mathew, als sie den Rand des Feuers erreicht hatten, „nur noch einen einzigen Schub, und das Werk ist getan! Dann wollen wir zurücktreten und zuschauen, wie Satan mit seinem eigenen Branntwein verfährt!“

Also zog sich die Prozession, nachdem sie ihre hölzernen Behälter in Reichweite der Flammen abgestellt hatte, in eine sichere Entfernung zurück und sah zu, wie sie sehr bald in einer Lohe zerbarsten, die bis zu den Wolken emporschoß und den Himmel selbst in Brandt zu stecken drohte. Und das hätte durchaus geschehen können. Denn hier war der Vorrat an geistigen Getränken aus der ganzen Welt vereint, und statt wie vormals ein irres Leuchten in den Augen des einzelnen Trinkers zu entzünden, stieg er nun mit einem sinnverwirrenden Feuerschein, der die gesamte Menschheit aufschreckte, in die Luft empor. Es war der Zusammenschluß all der wilde Feuer, die sonst die Herzen von Millionen versengt hätten. Unterdessen wurden unzählige Flaschen edlen Weins in die Glut geworfen, die den Inhalt verzehrte, als ob sie ihn liebte, und wie alle Trinker immer fröhlicher und hitziger wurde, je mehr sie trank. Nie wieder wird der unersättlich durstige Feuerteufel dergestalt verwöhnt werden! Hier kamen die Schätze berühmter Lebemänner zusammen – Spirituosen, die auf dem Ozean geschaukelt worden waren und in der Sonne heranreiften und lange im Innern der Erde lagerten -der blasse, der goldene, der rötliche Saft der vorzüglichsten Rebenhänge – die gesamte Tokajer Weinernte -, alle vereinigten sich zu einem einzigen Strom mit dem Fusel der ordinären Kneipen und bewirkten, daß die Flammen hoch emporschlugen. Und während sie wie ein riesenhafter Turm aufstiegen, der bis an das Gewölbe des Firmaments heranzureichen und sich im Licht der Sterne zu verlieren schien, johlte die Menge, als frohlocke das weite Erdenrund über seine Erlösung von einem uralten Fluch.

Doch die Freude war nicht allgemein. Viele befürchteten, das menschliche Leben werde düstere sein al je zuvor, sobald das kurze Feuerwerk in sich zusammengesunken sei. Während die Reformer am Werk waren, vernahm ich die gemurmelten Proteste mehrerer ehrenwerter Herren mit roten Nasen und Gichtschuhen, und ein zerlumpter Ehrenmann, dessen Gesicht einem erloschenen Kaminfeuer glich, äußerte jetzt unverhohlener und kühner seine Unzufriedenheit.

„Wozu taugt denn diese Welt noch,“ sagte der treffliche Zecher, „wenn wir nie mehr fröhlich ein können? Womit soll sich der arme Mann in seinem Leid und Kummer trösten? Wie soll er sein Herz warmhalten vor den kalten Winden dieser freudlosen Erde? Und welchen Ersatz bietet ihr ihm für die Erquickung, die ihr ihm raubt? Wie sollen alte Freunde am Kamin beisammensitzen, wenn die Gläser nicht mehr lustig klingen? Die Pest hole eure Reform! Das ist eine traurige Welt, eine gemeine Welt, in der sich für einen ehrlichen Kerl das Leben nicht mehr lohnt, nachdem die alte Gemütlichkeit für immer dahin ist!“

Diese Tirade löste bei den Umstehenden große Heiterkeit aus. Doch so albern die Ansicht auch war, ich konnte nicht umhin, Mitleid mit der aussichtslosen Lage es trefflichen Zechers zu empfinden, dessen Zechkumpane sich einer nach dem anderen davonschlichen und den armen Kerl allein zurückgelassen hatten, ohne eine Menschenseele, die ihm beim Trinken zugeprostet hätte, ja ohne einen einzigen Schluck Branntwein. Das entsprach freilich nicht ganz dem wahren Sachverhalt; denn ich hatte ihn dabei beobachtet, wie er entscheidenden Augenblick eine Flasche mit erstklassigem Brandy, die dem Feuer entgangen war, gestohlen und in die Tasche gesteckt hatte.

Nachdem die Reformer alle alkoholischen Getränke auf ihre Weise beseitigt hatten, trieb sie ihr Eifer als nächstes dazu, das Feuer mit sämtlichen Teekisten und Kaffeesäcken der Welt anzuheizen. Und dann kamen die Pflanzer aus Virginia mit ihren Tabakernten. Als diese auf den Scheiterhaufen des Nutzlosen geworfen wurden, wuchs er zur Größe eines Berges an und erfüllte die Atmosphäre mit einem so mächtigen Geruch, daß ich glaubte, wir könnten nie mehr reine Luft atmen. Die Opferung dieses Krauts schein dessen Liebhaber mehr zu erregen als alle anderen, die sie bislang erlebt hatten.

„Nun ja, sie haben dafür gesorgt, daß meine Pfeife nicht mehr brennt,“ sagte ein alter Herr, indem er selbige verärgert in die Flammen warf. – „Was soll noch aus dieser Welt werden? Alles Köstliche und Urwüchsige – die ganze Würze des Lebens – wird als unnütz verdammt. Wenn sich diese verrückten Reformer, nachdem sie das Feuer geschürt haben, jetzt selber hineinstürzten, wäre alles nur noch halb so schlimm!“

„Nur Geduld,“ versetze ein standfester Konservativer, „am Ende kommt es noch soweit. Zuerst werden sie uns hineinschmeißen und zuletzt sich selber.“

Nach den allgemeinen und systematischen Reformmaßnahmen wandte ich mich nun den individuellen Beiträgen zu diesem denkwürdigen Freudenfeuer zu. In vielen Fällen hatte sie etwas sehr Belustigendes. Ein armer Teufel warf seinen leeren Geldbeutel hinein und ein andere ein Päckchen gefälschter oder ungültig gewordener Banknoten. Elegante Damen übergaben den Flammen ihre Hüte der letzten Saison nebst Haufen von Bändern, gelben Spitzen und vielen anderen kaum getragenen Putzartikeln, die sich im Feuer als noch weniger haltbar erwiesen als in der Mode. Zahlreiche Liebesleute beiderlei Geschlechts – sitzengeblieben Jungfern oder Junggesellen sowie Ehepaare, die einander überdrüssig geworden waren – verbrannten bündelweise wohlriechende Liebesbriefe und verliebte Sonette. Ein Hintertreppenpolitiker, der durch den Verlust seines Amtes brotlos geworden war, warf sein Gebiß hinein, das allerdings künstlich war. Der hochwürdige Herr Sidney Smith – der eigens zu diesem Zweck den Atlantik überquert hatte - trat mit bitterem Lächeln an das Feuer heran und überantwortete ihm gewisse Schuldverschreibungen, die nicht eingelöst worden waren, obgleich sie das prächtige Siegel eines souveränen Staates trugen. Ein kleiner Junge von fünf Jahren warf im Bewußtsein seiner für diese Zeit typischen Frühreife seine Spielsachen hinein; ein Hochschulabsolvent sein Diplom; ein Apotheker, den die Ausbreitung der Homöopathie ruiniert hatte, seinen ganzen Vorrat an Drogen und Arzneien; ein Arzt seine Bibliothek; ein Pfarrer seine alten Predigten; und ein feiner Herr der alten Schule seinen Sittenkodex, den er einst zum Nutzen des nachfolgenden Generation verfaßt hatte. Eine Witwe, zu einer zweiten Ehe fest entschlossen, ließ schlauerweise das Miniaturporträt ihres ersten Mannes verschwinden. Ein junger Mann, der von seiner Geliebten einen Korb bekommen hatte, hätte am liebsten sein verzweifeltes Herz in die Flammen geschleudert wenn er nur gewußt hätte, wie er es sich aus der Brust reißen sollte. Ein amerikanischer Schriftsteller, dessen Werke vom Publikum nicht beachtet wurden, warf Feder und Papier ins Feuer und widmete sich fortan einer weniger zermürbenden Tätigkeit. Ich bekam einen gelinden Schrecken, als ich mit anhörte, wie mehrere höchst respektierlich wirkende Damen den Vorschlag äußerten, ihre Kleider und Unterröcke den Flammen zu übergeben und die Tracht, zugleich aber auch die Manieren, Pflichten, Ämter und Verbindlichkeiten des anderen Geschlechts zu übernehmen.

Welchen Vorteil sie sich von diesem Vorhaben versprachen, vermag ich nicht zu sagen; denn meine Aufmerksamkeit wurde plötzlich auf ein armes, betrogenes und halb dem Wahnsinn verfallene Mädchen gelenkt, da sich mit einem Aufschrei, es sei das wertloseste alle lebenden oder toten Geschöpfe, ins Feuer zu stürzen versuchte, inmitten des ganzen verdorbenen und zerbrochenen Plunders der Welt. Doch ein guter Mensch eilte herbei, sie zu retten.

„Geduld, mein armes Kind!“ sagte er, als er sie der heftigen Umarmung des Engels der Zerstörung entriß. „Habe nur Geduld und füge dich in den Wilen des Himmels. Solange du noch eine lebendige Seele hast, kann alles wieder so werden, wie es ursprünglich war. Diese materiellen Dinge, diese Erzeugnisse der menschlichen Phantasie, taugen nur noch zum Verbrennen, wenn ihre Zeit vorbei ist. Aber deine Zeit ist die Ewigkeit!“ „Ja,“ erwiderte das unglückliche Mädchen, dessen Raserei sich inzwischen in eine tiefe Niedergeschlagenheit verwandelt hatte, „ja – und die Sonne ist in ihnen erloschen.“

Unter den Zuschauern lief unterdessen das Gerücht um, alle Waffen und Kriegsmunition sollten ins Feuer geworfen werden, ausgenommen das gesamte Schießpulver der Welt, das man, weil dies die sicherste Methode sei, bereits im Meer versenkt hätte. Bei diese Kunder erhob sich ein großer Meinungsstreit. Der hoffnungsfrohe Menschenfreund erblickte darin ein Zeichen, daß das Zeitalter des Friedens angebrochen sei, wohingegen Leute anderen Schlages, nach deren Auffassung die Menschheit ein Gezücht von Bulldoggen war, prophezeiten, daß die alte Mannhaftigkeit, Begeisterung, Vornehmheit, Großmütigkeit und Hochherzigkeit des Menschengeschlechts insgesamt verschwinden würden, weil diese Eigenschaften, so behaupteten sie, Blut als Nahrung verlangten. Sie trösteten sich jedoch mit der Überzeugung, daß die vorgeschlagene Abschaffung des Krieges auf die Dauer undurchführbar sei.

Wie dem auch sei, unzählige schwere Kanonen, deren Donner seit langem in der Schlacht den Ton angab – ie Artillerie der Armada, der Belagerungstroß Marlboroughs und die gegnerischen Geschütze Napoleons und Wellingtons -, wurden mitten ins Feuer geschoben. Dank der ständigen Zufuhr trockenen Brennmaterials war es inzwischen so mächtig geworden, daß weder Bronze noch Eisen ihm zu widerstehen vermochten. Es war ein wundervoller Anblick, wie diese furchtbaren Mordinstrumente wie Wachsspielzeug dahinschmolzen. Dann zogen die Armeen der Erde, deren Musikkapellen Triumphmärsche spielten, um den Feuerofen herum und schleuderten ihre Musketen und Schwerter hinein. Die Bannerträger warfen noch einen Blick zu ihren Fahnentüchern hinauf, die allesamt von Kugeln durchlöchert und mit den Namen der siegreichen Schlachten bestickt waren, ließen sie noch ein letztes Mal im Wind flattern und senkten sie dann in die Flammen, die sie packten und zu den Wolken emporwirbelten. Als diese Zeremonie vorüber war, hielt die Welt keine einzige Waffe mehr in der Hand, abgesehen vielleicht von ein paar alten königlichen Rüstungen und verrosteten Schwertern sowie anderen Trophäen in unseren staatlichen Zeughäusern. Und nun wurden die Trommeln gerührt, und alle Trompeten schmetterten gemeinsam, als Vorspiel zur Proklamation des ewigen Weltfriedens und zu der Ankündigung, daß Ruhm nicht mehr durch Blut zu erringen sei, sondern daß der Wettstreit des Menschengeschlechts hinfort der Förderung des allgemeinen Wohls dienen solle und daß in den künftigen Annalen der Erde nicht mehr die Tapferkeit, sondern die Wohltätigkeit den Preis davontragen werde. Diese segensreiche Botschaft wurde entsprechend schnell verbreiztet und löste bei jenen grenzenlosen Jubel aus, welche sich vor den Schrecken und der Sinnlosigkeit des Kriegs entsetzt hatten.

Ich bemerkte indes, wie ein grimmiges Lächeln über das narbenbedeckte Gesicht eines würdevollen allen Heerführers huschte – seiner vom Kireg gezeichneten Gestalt und seiner reichen Unform nach zu schließen, hätte er einer von Napoleons berühmten Marschällen sein können – der soeben, wie das übrige Militär der Welt, seinen Degen weggeschleudert hatte, welcher ein halbes Jahrhundert lang seiner Rechten so vertraut gewesen war.

„Ja, ja,“ murrte er. „Laß sie nur verkünden, was sie wollen, aber am Ende werden wir feststellen, daß dieser ganze Unsinn den Waffenschmieden und Kanonengießereien nur mehr Arbeit einbringt!“

„Aber, Sir!“ rief ich verwundert aus, „können Sie sich vorstellen, daß das Menschengeschlecht jemals wieder in seinen früheren Wahnsinn verfällt und noch einmal Schwerter schmiedet und Kanonen gießt?“

„Das wird gar nicht nötig sein,“ bemerkte höhnisch lächelnd ein Mann, der Menschenfreundlichkeit weder kannte noch an sie glaubte. „Als Kain seinen Bruder erschlagen wollte, war eine Waffe schnell gefunden.“

„Wir werden ja sehen,“ versetzte der altgediente Heerführer. „Sollte ich mich geirrt haben, um so besser; doch nach meiner Ansicht – ohne daß ich mir anmaße, diesen Gegenstand philosophisch zu erörtern – hat die Notwendigkeit des Kriegs viel tiefere Ursachen, als diese braven Leute annehmen. Wie? Wenn es einen Platz gibt, auf dem die Einzelmenschen ihre kleinen Streitereien austragen, soll es dann keinen großen Gerichtshof für die Regelung nationaler Probleme geben? Das Schlachtfeld ist das einzige Gericht, wo solche Auseinandersetzungen beigelegt werden können.“

„Sie vergessen, General,“ entgegnete ich, „daß auf dieser hohen Stufe der Zivilisation die Verbindung von Vernunft und Menschenliebe genau das Tribunal darstellt, das notwendig ist.“

„Ah, das hatte ich allerdings vergessen,“ sagte der alter Kriegsmann und hinkte davon.

Das Feuer sollte nun mit Gegenständen gespeist werden, denen man bis dahin noch eine größere Bedeutung für das Wohl der Gesellschaft beigemessen hatte als dem bereits verzehrten Kriegsgerät. Eine Abordnung von Reformern war um die ganze Erde gereist auf der Suche nach den Maschinen, mit denen die verschiedenen Nationen üblicherweise die Todesstrafe vollzogen. Ein Erschauern lief durch die Menge, als diese gräßlichen Geräteherbeigeschleppt wurden. Selbst die Flammen schienen zunächst zurückzuschrecken und enthüllten die Form und die mörderischen Vorrichtungen der einzelnen Geräte in ihrem hellen Feuerschein, was allein schon genügte, die Menschheit von dem langwährenden tödlichen Irrtums des Gerichtswesen zu überzeugen. Diese alten Instrumente der Grausamkeit – diese schrecklichen mechanischen Ungeheuer – diese Erfindungen, deren Verwirklichung offenbar etwas Schlimmeres voraussetzte als das natürliche Menschenherz und die, von grausigen Legenden umwoben, in den düsteren Winkeln alter Verliese auf der Lauer gelegen hatten – boten sich jetzt den Blicken dar. Henkersbeile, noch verkrustet von adligem und königlichem Blut, und eine riesige Sammlung von Stricken, mit denen man plebejischen Opfern den Atem abgeschnürt hatte, wanderten gemeinsam ins Feuer. Ein Aufschrei begrüßte die Ankunft der Guillotine, die auf denselben Rädern herangerollt wurde, welche sie einst in Paris von einer blutbesudelten Straße zur anderen befördert hatten. Aber der lauteste Beifallssturm erhob sich und verkündete dem fernen Himmel den Triumph der erlösten Erde, al der Galgen erschien. Ein übel aussehender Bursche stürzte jedoch vor und versuchte, indem er sich unter heiserem Geheul den Reformern in den Weg stellte, deren Vorhaben mit roher Gewalt zu behindern.

Es ist wohl nicht allzu verwunderlich, daß der Henker alles tat, um die Maschine zu schützen und zu retten, der er seinen Lebensunterhalt und edlere Menschen den Tod verdankten. Doch es verdient Beachtung, daß Menschen ganz andere Herkunft – selbst die Angehörigen jener geheiligen Klasse, deren Obhut die Welt ihr Heil anzuvertrauen geneigt ist – die Auffassung des Henkers teilten. „Ihr seid irregeführt durch falsche Menschenliebe! Ihr wißt nicht, was ihr tut. Der Galgen ist ein Werkzeug, das dem Himmel dient. Tragt ihn also demütig zurück und richtet ihn an seinem alten Platz auf, damit die Welt nicht schon bald dem Untergang und der Verwüstung anheimfalle!“

„Weiter, weiter!“ brüllte ein Anführer der Reformer. „In die Flammen mit dem verfluchten Instrument blutiger politischer Macht! Wie kann die menschliche Gesetzgebung Wohlwollen und Liebe heischen, wenn sie darauf beharrt, als ihr wichtigstes Symbol den Galgen zu errichten? Noch einen kräftigen Stoß, gute Freunde, und die Welt ist erlöst von ihrem größten Irrtum!“

Tausend Helfer, die sich nichtsdestoweniger vor der Berührung ekelten, packten jetzt mit an und stießen die unselige Last weit, weit hinein in die Mitte des tosenden Feuerofens. Dort bot sie nun ihr verhängnisvolles und verabscheuungswürdiges Bild den Blicken dar, zuerst schwarz, dann rot verkohlt und schließlich zu Asche geworden.

„Das war richtig!“ rief ich aus.

„Ja, das war richtig,“ versetzte – jedoch mit weniger Begeisterung, als ich erwartet hatte – der bedächtige Betrachter, der noch immer neben mir stand; „richtig, wen die Welt für diesen Schritt gut genug wäre. Der Gedanke an den Tod läßt sich freilich nicht so leicht ausschalten im menschlichen Dasein, zwischen der Zeit der ursprünglichen Unschuld und jenem anderen Zustand der Reinheit und Vollkommenheit, den zu erreichen uns vielleicht bestimmt ist, nachdem wir unsere Lebensbahn durchmessen haben. Doch in jedem Fall ist es gut, daß man jetzt den Versuch unternimmt.“

„Zu nüchtern gesprochen! Viel zu nüchtern!“ rief voller Ungeduld der hitzige junge Anführer des Triumphes. „Hier soll das Herz ebenso sprechen wie der Verstand. Und was die Reife – und was den Fortschritt angeht, so soll die Menschheit stets das tun, was sie zum gegebenen Zeitpunkt als das Höchste, Gütigste und Edelste erkannt hat; und dies kann gewiß nicht falsch sein oder zur falschen Zeit geschehen!“

Ich weiß nicht, ob es an der allgemeinen Erregung lag oder ob die guten Leute rings um das Freudenfeuer mit jedem Augenblick tatsächlich mehr erleuchtet wurden – jedenfalls ergriffen sie nun Maßnahmen, bei denen ich ihnen auf Dauer kaum noch folgen konnte. So warfen beispielweise einige ihre Heiratsurkunden in die Flammen und erklärten sich zu Anhängern einer höheren, heiligeren und umfassenderen Bindung, als es jene ist, die seit Anbeginn der Zeiten in Form des ehelichen Bundes bestanden hat. Andere begaben sich eilends in die Gewölbe der Banken und die Schatzkammern der Reichen – die allesamt in dieser schicksalhaften Stunde dem ersten, der kam, offenstanden – und holten ganze Ballen Papiergeld, um die Glut zu entfache, und Tonnen von Münzen, die in ihr dahinschmolzen. Hinfort, so sagten sie, solle die universale Nächstenliebe, ungemünzt und unerschöpflich, die goldene Währung der Welt sein. Bei dieser Botschaft erbleichten die Bankiers und die Börsenspekulanten, und ein Taschendieb, der in der Menschenmenge reiche Ernte gehalten hatte, fiel, vom Schlag getroffen, tot um. Einige Geschäftsleute verbannten ihre Journale und Hauptbücher, die Quittungen und Schuldverschreibungen ihrer Gläubiger sowie alle übrigen Belegs für die Außenstände, während ein wohl noch größere Gruppe ihren Reformeifer dadurch befriedigte, daß sie jede unangenehme Erinnerung an eigene Schulden hinopferte. Dann wurde der Ruf laut, es sei an der Zeit, die Grundbesitzurkunden den Flammen zu übergeben und alles Land der Erde der Allgemeinheit zurückzuerstatten, da man es ihr unrechtmäßig genommen und höchst ungleich an Einzelpersonen verteilt habe. Eine andere Partei forderte, daß alle geschriebenen Verfassungen, Regierungserklärungen, Gesetzbücher und alles andere, dem menschliche Findigkeit ihre willkürlichen Gesetze aufzuprägen gewagt habe, sogleich vernichtet werden müßten, damit die vollkommene Welt so frei sei wie der Mensch bei seiner Erschaffung.

Ob diesen Vorschlägen entsprechende Taten folgen, weiß ich nicht, denn soeben bahnte sich etwas an, was meine Anteilnahme unmittelbarer erregte. „Seht! Seht! Was für Haufen an Büchern und Broschüren!“ rief ein Kerl, der offenbar kein Literaturfreund war. „Jetzt werden wir ein prächtiges Feuerwerk erleben!“

„Das ist recht,“ sagte ein moderner Philosoph. „Jetzt befreien wir uns endlich von der Gedankenfracht der Toten, die bisher so schwer auf dem Verstand der Lebenden gelastet hat, daß er unfähig war, sich wirkungsvoll zu betätigen. So ist’s recht, meine Freunde! Ins Feuer damit! Jetzt wird die Welt tatsächlich erleuchtet!“

„Aber was soll aus dem Handel werden?“ schrie ein aufgebrachter Buchhändler.

„Oh, die Händler sollen ihre Waren auf jeden Fall begleiten,“ bemerkte ein Schriftsteller kühl. „Das gibt einen vornehmen Scheiterhaufen!“

Das Menschengeschlecht hatte mittlerweile wahrhaftig eine Entwicklungsstufe erreicht, die so weit über das hinausging, was die weisesten und geistreichsten Männer früherer Zeiten je erträumt hatten, daß es einfach absurd gewesen wäre, die Erde noch länger mit deren armseligen Hervorbringungen auf literarischem Gebiet zu belasten. Demgemäß hatte man die Buchhandlungen, die Bücherstände, die öffentlichen und privaten Bibliotheken und sogar die kleinen Bücherborde am ländlichen Kamin gründlich durchsucht und alles bedruckte Papier der Welt, ob gebunden oder ungebunden, herbeigeholt, damit unser ruhmreiches Freudenfeuer, das bereits so groß wie ein Berg war, noch höher anschwelle. Dickleibige Folianten, in denen die mühselige Arbeit von Lexikographen, Kommentatoren und Enzyklopädisten steckte, versanken bleischwer in der Glut und verkohlten zu Asche wie morsches Holz. Die kleinen reichvergoldeten französischen Bücher des vorigen Jahrhunderts, unter ihnen die hundert Bände von Voltaire, verschwanden unter einem leuchtenden Funkenregen und kleinen Stichflammen, wohingegen die Gegenwartsliteratur derselben Nation mit rotem und blauem Schein verbrannte und die Gesichter in ein infernalisches Licht tauchte, so daß sie alle wie gescheckte Teufel aussahen. Von einer Sammlung deutscher Erzählungen stieg ein schwefliger Gestank auf. Die englischen Klassiker gaben ein ausgezeichnetes Brennmaterial ab und wiesen die Eigenschaften solider Eichenholzscheite auf. Miltons Werke zumal warfen einen mächtigen Feuerschein und verwandelten sich allmählich in rote Kohle, die länger vorzuhalten schien als fast alle anderen Bestandteile des Scheiterhaufens. Shakespeare sandte eine Flamme von so wunderbarem Glanze empor, daß die Menschen die Augen beschatteten wie gegen die Strahlen der Mittagssonne; selbst als die Werke seiner Ausdeuter auf ihn fielen, hörte er nicht auf, aus dem hochtürmten Haufen heraus ein sinnbetörendes Licht zu verbreiten. Es ist meine Überzeugung, daß er immer noch so hell leuchtet wie einstmals.

„Könnte ein Dichter doch eine Lampe an dieser herrlichen Flamme entzünden,“ bemerkte ich, „er würde dann sein mitternächtliches Öl zu einem guten Zweck verbrauchen.“

„Ebendies haben die modernen Dichter nur zu gern getan - oder wenigstens versucht,“ entgegnete ein Kritiker. „Der größte Vorteil, den man von dieser Verbrennung alter Literatur erwarten kann, ist zweifellos der, daß die Schriftsteller fortan gezwungen sind, ihre Lampen an der Sone oder an den Sternen zu entzünden.“

„Sofern sie so hoch hinaufreichen können,“ sagte ich. „Aber diese Aufgabe verlangt einen Riesen, der hinterher das Licht unter die kleinen Menschen verteilt. Nicht jeder kann das Feuer vom Himmel stehlen wie Prometheus, doch als dieser seine tat vollbracht hatte, wurde das Feuer in tausend Herden entzündet.“

Ich beobachtete voller Staunen, wie wenig sich das Verhältnis zwischen dem Umfang des Werkes eines bestimmten Autors und der Leuchtkraft und Dauer der Verbrennung voraussagen ließ. So gab es zum Beispiel keinen Quartband aus dem letzten Jahrhundert - geschweige denn aus dem gegenwärtigen -, der es in diesem Punkt mit einem kleinen goldverzierten Kinderbuch, den „Melodien der Mutter Gans,“ hätte aufnehmen können. Das „Leen und Sterben des Tom Thumb“ überdauerte die Biographie Marlboroughs. Ein Heldenepos – nein, gleich ein Dutzend davon - wurde zu weißer Asche, ehe noch das einzelne Blatt einer alten Ballade zur Hälfte verzehrt war. In mehr als einem Fall brachten dicke Bände mit hochgerühmten Versen nicht mehr zustande als erstickenden Qualm, während das unbeachtete Lied eines namenlosen Sängers, das vielleicht in der Ecke einer Zeitung stand, zu den Sternen emporschwebte, getragen von einer Flamme, die nicht weniger leuchtete als diese. Was die Eigenschaften der Flamme angeht, so schien mir Shelleys Dichtung ein reineres Licht auszusenden als nahezu alle anderen Werke seiner Zeit; es bildete einen schönen Gegensatz zu den unregelmäßigen und gespenstischen Strahlen und Rauchschwaden, die von den Bänden Lord Byrons hervorgingen und hochwirbelten. Und einige Gedichte von Tom Moore verbreiteten einen Duft wie von brennenden Räucherkerzen.

Mit besonderem Interesse beobachtete ich die Verbrennung amerikanischer Schriftsteller, und mit der Uhr in der Hand notierte ich mir, wie lange die meisten von ihnen brauchten, um sich aus schäbig gedruckten Büchern in gleichförmige Asche zu verwandeln. Es wäre allerdings gehässig, wenn nicht gefährlich, diese furchtbaren Geheimnisse zu verraten, so daß ich mich mit der Bemerkung begnüge, daß es nicht immer der am meisten beredete Autor war, der auf dem Scheiterhaufen den glänzendsten Eindruck machte. Im besonderen erinnere ich mich, daß sich ein schmaler Gedichtband von Ellery Channing als außerordentlich leicht entflammbar erwies, obwohl, die Wahrheit zu sagen, wenn auch einzelne Partien auf sehr unangenehme Weise zischten und spuckten. Ein merkwürdiges Phänomen zeigte sich bei verschiedenen einheimischen und ausländischen Schriftstellern. Ihre Bücher gingen, obgleich sie höchst ansehnlich wirkten, nicht in Flammen auf oder schieden ihren Geist in schwelenden Rauch aus sondern schmolzen plötzlich dahin, als ob sie aus Eis bestanden hätten.

Falls es kein Mangel an Bescheidenheit ist, meine eigenen Werke zu erwähnen, so muß ich hier bekennen, daß ich mit väterlicher Anteilnahme nach ihnen Ausschau hielt, doch vergebens. Höchstwahrscheinlich werden sie, sich beim ersten Ansturm der Glut in Rauch aufgelöst haben; bestenfalls kann ich hoffen, daß sie in ihrer stillen Art ein paar schimmernde Funken zu diesem abendlichen Schaugepränge beitrugen. „Ach, wehe mir!“ so bemitleidete sich ein bedrückt dreinschauender Mann mit einer grünen Brille. „Die Welt ist völlig zugrunde gerichtet, und es gibt nichts mehr, wofür sich zu leben lohnte! Mein Dasein hat seinen Sinn verloren. Weder für Geld noch für gute Worte kann man jetzt noch ein Buch bekommen!“

„Dies,“ bemerkte der gelassene Beobachter neben mir, „ist ein Bücherwurm – einer von denen, die dazu geboren sind, an toten Gedanken herumzunagen. Seine Kleider sind, wie Sie sehen, mit dem Staub der Bibliotheken bedeckt. Er hat keine innere Ideenquelle, und nachdem nun die alten Bestände vernichtet sind, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, was aus dem armen Kerl werden soll. Haben Sie kein Wort des Trostes für ihn?“

„Mein werter Herr,“ sagte ich zu dem verzweifelten Bücherwurm, „ist nicht die Natur besser als ein Buch? Ist nicht das Menschenherz tiefgründiger als alle philosophischen Lehrmeinungen? Ist nicht das Leben reicher an Wissen, als die Weltbetrachter der Vergangenheit in Maximen zu fassen vermochten? Seien Sie guten Mutes! Das große Buch der Zeit liegt noch immer weit aufgeschlagen vor uns, und wenn wir es richtig lesen, wird es für zu einem Buch voll ewiger Wahrheit.“

„O meine Bücher, meine Bücher, meine kostbaren gedruckten Bücher!“ wiederholte der hilflose Bücherwurm. „Meine einzige Wirklichkeit war ein gebundenes Buch; und jetzt wollen sie mir nicht einmal mehr eine unscheinbare Broschüre lassen.“

Tatsächlich gingen soeben die letzten Überreste der Literatur aller Zeiten auf den flackernden Haufen nieder, und zwar in Gestalt eines Schauers von Broschüren aus den Druckerpressen der Neuen Welt. Auch sie wurden augenblicklich verzehrt, und zum ersten Mal seit Kadmos‘ Tagen war die Welt frei von der Seuche des geschriebenen Worts - eine beneidenswerte Lage für die Schriftsteller der nächsten Generation!

„Nun -was bleibt jetzt noch zu tun?“ fragte ich ein wenig beunruhigt. „Wenn wir nicht die Erde selbst in Brand stecken und uns dann mutig in den unendlichen Raum stürzen, können wir meines Erachtens die Reform nicht mehr weiter vorantreiben.“

„Sie irren sich gewaltig, guter Freund,“ sagte der Beobachter. „Glauben Sie mir, das Feier wird nicht erlöschen, ehe man es mit einem Brennmaterial versorgt hat, das viele Menschen, die bis jetzt bereitwillig mitgemacht haben, erschrecken wird.“

Desungeachtet schien der Eifer für ein Weilchen nachzulassen, während die Anführer der Bewegung vermutlich überlegten, was sie als nächstes tun sollten. In dieser Pause warf ein Philosoph seine Hypothese in die Flammen - ein Opfer, das von denen, die es zu würdigen verstanden, das als bedeutendste bezeichnet wurde, das bislang dargebracht worden war. Die Verbrennung war indes keineswegs beeindruckend. Einige Unermüdliche, die es verschmähten, sich auch nur einen Augenblick lang auszuruhen, sammelten inzwischen im Wald alle dürren Blätter und herabgefallenen Äste, die das Freudenfeuer höher emporlodern ließen als je zuvor. Doch das war nur eine Nebenhandlung.

„Da kommt das frische Brennmaterial, das ich gemeint habe,“ sagte mein Nebenmann.

Zu meinem Erstaunen trugen die Leute, die jetzt den leeren Platz rings um das berghohe Feuer betraten, Chorhemden und andere Priestergewänder, Mitren, Krummstäbe und allerlei papistische und protestantische Embleme, mit denen sie offensichtlich dieses große Autodafé zu krönen gedachten. Kreuze von den Turmspitzen alter Kathedralen wurden so bedenkenlos auf den Scheiterhaufen geworfen, and hätten die Gläubigen vieler Jahrhunderte, die in langen Reihen an den hoch aufragenden Türmen vorbeigezogen waren, nicht zu ihnen als den heiligsten Symbolen aufgeblickt. Die Taufbecken, in denen die Kinder Gott geweiht worden waren, und die Abendmahlskelche, aus denen die Frommen den heiligen Trank empfangen hatten, fielen gleichfalls der Vernichtung anheim. Vielleicht am stärksten wurde mein Herz gerührt, als ich unter diesen geweihten Gegenständen Bruchstücke der schlichten Kommunionstische und schmucklosen Kanzeln erkannte, die man aus den Bethäusern in Neu-England herausgebrochen hatte. Diesen einfachen Bauwerken hätte man gestatten sollen, ihren sakralen Zierrat, den ihre puritanischen Gründer gestiftet hatten, unversehrt zu behalten, auch wenn selbst der mächtige Bau von St. Peter seine geplünderten Schätze zu dem furchtbaren Brandopfer beitrug. Doch ich spürte, daß dies nur die Äußerlichkeiten der Religion waren, die am leichtesten von jenen Geistern, die ihre tiefe Bedeutung am besten kannten, aufgegeben werden konnten.

„Alles ist gut,“ sagte ich heiter. „Die Waldpfade sollen die Schiffe unserer Kathedrale sein – das Firmament selbst soll ihre Decke bilden! Wozu ist ein irdisches Dach zwischen der Gottheit und ihren Anbetern erforderlich? Unser Glaube kann es sich leisten, auf alle Dekorationen zu verzichten, mit denen ihn sogar die heiligsten Menschen umkleidet haben, und er wird in seiner Einfachheit nur um so erhabener dastehen.“

„Gewiß,“ sagte mein Gefährte. „Doch werden sie es dabei bewenden lassen?“

Der Zweifel, der in dieser Frage steckte, war wohl begründet. Bei der bereits beschriebenen allgemeinen Bücherverbrennung war ein heiliges Buch – das nicht zum Katalog der menschlichen Literatur gehörte und dennoch in einem bestimmten Sinne an seiner Spitze stand – verschont geblieben. Aber der Titan der Erneuerung ein Engel oder Teufel, in seiner Doppelnatur zu Taten fähig, die beiden Charakteren wohl anstanden – schien nunmehr, nachdem er zunächst nur die alten und brüchigen Formen zerschmettert hatte, seine furchtbare Hand an die Hauptpfeiler zu legen, die das gesamte Gebäude unseres moralischen und religiösen Systems trugen. Die Bewohner der Erde waren mittlerweile viel zu aufgeklärt, um Glauben noch in starre Formeln zu fassen oder das Spirituelle durch irgendwelche Analogien zu unserer materiellen Existenz einzugrenzen. Wahrheiten, von denen einmal die Himmel erzitterten, waren jetzt nur noch Legenden von der Kindheit der Welt Was blieb demnach als letztes Opfer menschlichen Irrens für diesen schrecklichen Scheiterhaufen noch übrig als jenes Buch, das in früheren Jahrhunderten als himmlische Offenbarung galt, für die gegenwärtige Menschheit aber nur noch eine Stimme aus einer niederen Sphäre war? So geschah es! Auf den lodernden Haufen der Irrtümer und der überlebten Wahrheiten – jener Dinge also, welche die Erde nie gebraucht hatte oder nicht mehr brauchte oder deren sie wie ein Kind überdrüssig geworden war - sank nun die schwere Kirchenbibel, das große alte Buch, das so lange auf dem Samtkissen der Kanzel gelegen und aus dem die feierliche Stimme des Pastors an so manchem Sabbat heilige Texte vorgetragen hatte. Genauso verfuhr man mit der Familienbibel, die der längst im Grabe ruhende Hausvater seinen Kindern in Freud und Leid, am Kamin und im sommerlichen Schatten der Bäume, vorgelesen hatte und die von einer Generation zur anderen weitervererbt worden war. Nicht anders erging es der kleinen Taschenbibel, dem Seelenfreund irgendeines leidgeprüften Erdenbürgers, der in einer standhaft ertragenen Prüfung auf Leben und Tod aus ihr Mut geschöpft hatte, im festen Glauben auf die Unsterblichkeit.

Sie alle flogen in die wilde, rebellische Feuersglut; und dann raste mit verzweifeltem Geheul, das wie die empörte Klage der Erde über den Verlust des himmlischen Sonnenlichts klang, ein heftiger Sturm über die Ebene; und er die gigantische Flammenpyramide und verstreute die Aache der halbverkohlten Greuel über die Zuschauer ringsum.

„Das ist entsetzlich!“ sagte ich, und ich spürte, wie meine Wangen erbleichten, und sah, daß eine ähnliche Veränderung in den Gesichtern der Umstehenden vorging.

„Seien Sie dennoch guten Mutes,“ entgegnete der Mann, mit dem ich schon so oft gesprochen hatte. „Seien Sie guten Mutes – aber frohlocken Sie auch noch nicht allzusehr; denn die Wirkung dieses Freudenfeuers ist bei weitem nicht so gut oder schlimm, we die Welt gerne glauben möchte.“

„Wie kann das zugehen?“ rief ich ungeduldig. „Hat es nicht alles verzehrt? Hat es nicht alle irdischen oder göttlichen Attribute unseres Menschseins, die genügend Substanz besaßen, um den Flammen Nahrung zu bieten, verschlungen oder zum Schmelzen gebracht? Bleibt uns morgen früh noch etwas, was besser oder schlechter ist als ein Haufen Glut oder Asche?“

„Ganz gewißlich,“ sagte mein bedächtiger Freund. „Kommen Sie morgen früh hierher - oder dann, wenn die brennbaren Bestandteile des Scheiterhaufens völlig ausgebrannt sind -, und Sie werden in der Asche alles wirklich Wertvolle wiederfinden, das Sie haben ins Feuer fliegen sehen. Glauben Sie mir: die Welt von morgen wird sich mit dem Gold und den Edelsteinen bereichern, welche die Welt von heute weggeworfen hat. Keine einzige Wahrheit ist zerstört oder unter der Asche so tief begraben, daß sie nicht schließlich wieder ausgescharrt werden würde.“

Das war eine merkwürdige Versicherung. Und doch war ich geneigt, sie zu glauben, , als ich zwischen den lodernden Flammen ein Exemplar der Heiligen Schrift bemerkte, dessen Seiten nicht zu schwarzem Zunder geworden waren, sondern ein noch blendenderes Weiß annahmen, da nun die Fingerabdrücke der menschlichen Unvollkommenheit ausgetilgt waren. Randbemerkungen und Kommentare hielten freilich der Hitzeprobe nicht stand, aber nicht eine Silbe, die der Feder Inspiration entflossen war, litt geringsten Schaden.

„Ja – das ist der Beweis für das, was Sie gesagt haben,“ antwortete ich dem Beobachter. „Aber wenn nur das Böse die Macht des Feuers zu spüren bekommt, dann war ja die Verbrennung von unschätzbarem Nutzen. Ja, wenn ich es recht verstehe, so haben Sie ihre Zweifel, ob durch sie die Hoffnung auf eine bessere Welt erfüllt werden könne.“

„Hören Sie sich einmal an, was diese würdigen Herren reden,“ sagte er und zeigte auf eine Gruppe, die vor dem flackernden Scheiterhaufen stand. „Möglicherweise verraten sie Ihnen wider Willen etwas Wissenswertes.“ Die Personengruppe, auf die er deutete, bestand aus der brutalen und höchst erdverbundenen Gestalt, die sich so wütend zum Verteidiger des Galgens aufgeschwungen hatte – kurzum, aus dem Henker – sowie dem letzten Dieb und dem letzten Mörder, die sich alle drei um den letzten Säufer geschart hatten. Der zuletzt Genannte ließ gerade großzügig die Branntweinflasche herumgehen, die er vor der allgemeinen Vernichtung der Weine und Spirituosen gerettet hatte. Diese kleine Gesellschaft schien auf der untersten Stufe der Niedergeschlagenheit angelangt zu sein: denn die drei dachten, daß die geläuterte Welt notwendigerweise ganz anders aussehen müsse als die Zustände, die sie bisher gekannt hatten und deshalb nur sonderbarer und trübseliger Aufenthalt für Leute ihres Schlages sein könne.

„Das Beste, was ich uns allen raten kann, ist dies,“ meinte der Henker, „daß ich, sobald wir den letzten Tropfen Branntwein vertilgt haben, euch, meinen drei Freunden, am nächsten Baum zu einem gemütlichen Ende verhelfe und mich dann ebenfalls am selben Ast aufhänge. Diese Welt ist nichts mehr für unsereinen.“

„Na, na, meine guten Leute!“ sagte ein dunkelhäutiger Mensch, der sich jetzt zu der Gruppe gesellte - sein Gesicht war in der Tat erschreckend dunkel, und seine Augenglühten röter als das Freudenfeuer. „Seid nicht so bedrückt, meine lieben Freunde; ihr werdet noch gute tage erleben. Es gibt nämlich etwas, was diese Besserwisser vergessen haben ins Feuer zu werfen, und darum taugt die ganze Feuersbrunst überhaupt nichts -ja, selbst wenn sie die Erde insgesamt zu Asche verbrannt hätten!“

„Und was könnte das sein?“ fragte eifrig der letzte Mörder.

„Nun denn, nichts anderes als das menschliche Herz!“ erwiderte der dunkelgesichtige Fremdling mit einem unheilverkündenden Grinsen. „Und wenn ihnen keine Methode einfällt, diese üble Höhle zu läutern, dann werden aus ihre abermals alle Formen des Unrechts und Elends hervorgehen – die gleichen alten Formen, vielleicht sogar noch schlimmere -, die sie heute mit so gewaltigem Aufwand in Asche verwandelt haben. Ich habe ganze lange Nacht dabeigestanden und mir ins Fäustchen gelacht, während ich ihnen bei der Arbeit zuschaute. Ja, ich gebe euch mein Wort darauf, daß die Welt dennoch die alte bleibt!“

Dieses kurze Gespräch gab mir reichlich Stoff zum Nachdenken. Welch traurige Wahrheit – falls es denn eine Wahrheit war -, daß das uralte Streben des Menschen nach Vollkommenheit lediglich dazu gedient haben sollte, ihn dem Spott des bösen Prinzips auszusetzen, nur weil an er eigentlichen Wurzel des ganzen ein verhängnisvoller Irrtum geschehen war! Das Herz – das Herz: dies war der kleine, doch grenzenlose Raum, in dem das Urübel steckte, von dem das Verbrechen und Elend der äußeren Welt bloße Ausprägungen waren. Wird dieser innere Raum geläutert, so werden sich die vielen Formen des Bösen, welche die Außenwelt heimsuchen und uns heute fast als unsere einzige Wirklichkeit erscheinen,, in schattenhafte Phantome verwandeln und von selber verschwinden. Doch wenn wir nicht tiefer eindringen als unser Verstand und nur mit diesem schwachen Instrument das Böse zu erkennen und zu überwinden trachten, wird unser ganzes Vorhaben nur ein so wesenloser Traum bleiben, daß es wenig bedeutet, ob das Freudenfeuer, das ich so getreulich beschrieben habe, etwas war, was wir gerne als eine wahre Begebenheit bezeichnen, also eine Flamme, an der man sich die Finger verbrennen kann – oder nur ein phosphorisches Aufleuchten und ein Gleichnis, das ich mir ausgedacht habe!







U.E.

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