Diesmal nahm ich mein silberfarbenes Auto, das ich in monatelanger, mühevollster Arbeit selbst konstruiert habe. Es besitzt Neuerungen, die schlichtweg eine Weltsensation bedeuten. Zum Beispiel Fernsehkameras an Kühler und Heck, die sofort jedes auftauchende Hindernis feststellen und dann über ein Elektronengehirn sämtliche Bremsvorrichtungen betätigen. Doch die umwälzendste Neuheit ist die Kombination zweier Motoren: Vorn habe ich einen Hubschraubermotor eingebaut und hinten im Kofferraum einen Elektromotor. Das hat Riesenvorteile. Erstens kann ich ohne Treibstoff fahren, weil der Elektromotor von Batterien gespeist wird, die aus Sonnenlicht, Mondschein oder Sternefunkeln Strom erzeugen.
Nach ein paar Kilometern bog ich in die Autobahn ein. Und da legte mein Wagen los! Der Tachometer kletterte auf hundert, hundertfünfzig, zweihundert Sachen. Zum Schluß flitzten die Dörfer so schnell vorbei, daß man glauben konnte, in der Hauptstraße einer Großstadt zu sein. Und wenn Bäume vorbeihuschten, sah ich nur eine grüne Mauer. Aber bei der Geschwindigkeit von ungefähr 300 Stundenkilometern war das kein Wunder.
Ich könnte wetten, daß jetzt einer kommt und behauptet: „Nun mach mal einen Punkt, Münchhausen. So schnell fährt kein Auto auf der Autobahn!“
(…)
Tja, halten – bei dieser Geschwindigkeit -, das verlangte sogar von meinen Superbremsen das äußerste. Würden sie’s schaffen? Oder krachte mein Wagen gegen …?
Da! Zwetschgenmus und Dackelschwanz, da war es schon: Rotlicht! Keine zweihundert Meter!
Am Kontrollmanometer merkte ich: Die vordere Fernsehkamera arbeitete wie rasend. Sie nahm die Verkehrsampel und die Autos auf, sie funkte ans Elektronengehirn: „Gefahr! Achtung! Gefahr!““ Doch das Elektronengehirn schaltete nicht eine einzige Bremse ein. Im Gegenteil. Es befahl dem Hubschraubermotor: „Luftschraube waagerecht!“ Gleich darauf: „Fünfzehn, Komma, Null – Vollgas!“
Und schon heulte der Motor auf, der Zeiger des Höhenmessers begann zu zittern, ein Ruck – alle vier Räder hoben sich gleichzeitig vom Boden ab. Der Wagen stieg, sechs, zwölf, genau fünfzehn Meter hoch, bog in die Waagerechte ein und flog über sämtliche Verkehrsampeln hinweg! Und das alles machten Hubschraubermotor und Elektronengehirn allein. Nicht einmal das Steuer mußte ich festhalten. Mein Wagen segelte derart sicher und gemächlich durch die Luft, als hätte er nie etwas anderes getan.
Kurt Maria Ruda, Das fliegende Auto (1967)
I.
Mittlerweile wird deutlich, welche Bilder des Jahres 2026 ins kollektive Gedächtnis der Welt Eingang finden werden. Gemeint ist hier: im positiven Sinn, als eine Erinnerung an das, was die menschliche Erfindungskunst und Wissen vermögen. Nicht wie die aktuellen Bilder aus Frankreich, die zeigen, wie das Toben des blindwütigen Mobs sich in blanker Gewalt und Zerstörung entlädt – wie der Glockenturm des Hôtel de Ville in Limoges, der am Samstag brennend eingestürzt ist, nachdem Terroristen – man kann sie nicht anders nennen - im Zug der bei uns immer noch verlogen „Schülerproteste“ genannten Massenausschreitungen das dortige Rathaus gestürmt, die anwesenden Angestellten bedroht und Feuer gelegt haben. Nein: diese Bilder, die ein Fanal für das sind, was ganz Westeuropa in den nächsten Jahren zu erwarten hat, werden sich ebenfalls in dieses Gedächtnis einbrennen – aber als Zeichen für das, wofür die Bestie Mensch fähig ist, wenn man sie läßt – und für die bläuaugige Idiotie wohlmeinender und wohlstandverwahrloster Politiker, die geglaubt haben, man könnte die Bestien aus der dritten Welt mit Zuckerbrot und Privilegien auf Dauer zähmen und zivilisationskompatibel ruhigstellen.
Hier soll es, wie gesagt, um das Gegenteil gehen, um Neues, um das, was Können und Wissen, zustande bringen, was den Aufbruch zu neuem Ufern ankündigt. Mit anderen Worten, die eine hellere, positive Zukunft ankündigen. Und diese Bilder, auch das zeigt sich immer mehr, werden allesamt aus der Raumfahrt stammen – oder doch indirekt mit ihr zu tun haben.
Dazu gehören die Aufnahmen von der Rückseite des Mondes, die die Besatzung der Mission Artemis 2 im April aus einer Entfernung von 6000 km aufgenommen hat – und die Bereiche zeigen, die noch nie ein Menschenauge zuvor gesehen hat (der Blickwinkel aus dem in der Umlaufbahn verbliebenen Kommandomodul der Apollo-MIssionen vor mehr als einem halben Jahrhundert reichte aus einer Entfernung von 112 Kilometern nicht weit genug nach Norden und Süden – er reichte nur bis zum jeweils 20. Breitengrad) – ein Vorschein auf die künftigen bemannten Mondlandungen, auf eine beständige Präsenz der Menschheit auf dem Erdtrabanten. Dazu gehört das Bild der Oberstufe des 13. Flugs des Starship, wie es nach der Wasserung im Pazifik am 24. Juli nicht explodiert ist, auf den Wellen trieb und nach einer Odyssee von rund 20.000 Kilometern am 7. Oktober wieder im Hafen von Brownsville eintraf. Dazu gehören die Bilder von Schiff 41 in der ersten Umlaufbahn, die das Starship erreicht hat, aufgenommen von einem der zwanzig ausgesetzten Starlink-Satelliten der dritten Generation, mit denen ein neues Zeitalter in der Geschichte der Raumfahrt eröffnet worden ist.
Und dazu gehören die Bilder von der Präsentation des „fliegenden Roadsters“ von Tesla, der am vergangenen Donnerstag, dem 15. Oktober 2026, seinen öffentlichen Jungfernflug in der Kleinstadt McGregor im Herzen des Bundesstaats Texas absolviert hat. Daß diese Vorstellung etwas mit einem „fliegenden Auto“ zu tun haben könnte, war in den sozialen Medien vielfach vermutet worden, nachdem Tesla den ursprünglich auf dem 30. September angesetzten Termin kurzfristig „wegen der Gefahr von Höhenwinden“ um zwei Wochen verschoben hatte. Ebenso, als Elon Musk zwei Tage vorher den Beginn für 7:55 nachmittags angekündigt hat. In den 24-Stunden-Modus übertragen ergibt dies die Zahl 1955, und 1955 ist bekanntlich das Jahr, das Marty McFly in „Zurück in die Zukunft“ in Docs fliegendem DeLorean ansteuert.
Aber was in diesen drei Minuten zu sehen war, hat nicht wenige, die es auf ihren Monitoren und Telefonen live miterlebt haben, dazu gebracht, an dem was „ihre eigenen lügenden Augen“ ihnen da zeigten, leichte Zweifel anzumelden (die Frage: „who are you going to believe – me or your own lyin‘ eyes?“ stammt aus dem Film Duck Soup von 1933, und gestellt hat sie Chico Marx, der in dieser Szene vorgibt, Groucho zu sein) – der niedrige Roadster, der die innere Wandung der 16 Meter hohen halbkreisförmigen Rampe langsam emporfuhr, bis er mit seinem Gewicht von 1,7 Tonnen wie eine Fliege an der Wand in der Senkrechten klebte, wieder herabsetzte, bis ganz oben hinauffuhr, kopfüber pausierte und dann ins Leere hinausstieß - und nach einer halben Drehung in einer großen Wolke sicher auf seinen Rädern aufsetzte. Elon Musks trockener Kommentar lautete: „Well, it worked – es hat funktioniert!“ Anschließend setzte der Roadster über eine Reihe der übrigen Modelle aus der Modellpalette von Tesla – der Reihenfolge nach einen Cybercab, einen Cybertruck, einen Tesla Semi und die Modelle Y und 3 – während er eine Drehung um die Längsachse vollführte. Im Kunstflug spricht man von einer „gerissenen Rolle,“ wenn sie nicht mittels des Höhenruders ausgeführt wird; Tesla spricht von einem „Kickflip“ – der sich auf das gleiche Kunststück beim Skateboardfahren bezieht - und demonstrierte zum Schluß die Beschleunigung, die den Boliden in acht Zehntelsekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer befördert).
Erwartungsgemäß war nicht jeder, der die Aufnahmen davon gesehen hat, hellauf begeistert. Elon Musk ist seit Jahren eines der – paradox ausgedrückt – beliebtesten Haßobjekte in den sozialen Medien. Nicht zuletzt auf X, vormals Twitter, seinem eigenen Internetdienst, das mittlerweile für einen Großteil der Welt die Funktion einnimmt, den das Westfernsehen in der früheren einstmaligen weiland DDR innegehabt hat. Viele argwöhnten schlecht gemachten „AI slop“ dahinter, eine schlecht von Künstlicher Intelligenz erzeugte Animation. Karl Lauterbach, früherer ehemaliger „Minister für Pieks-Pieks“ etwa, und heutiger Vorsitzender (!) des Ausschusses für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung im Kabinett Merz, befand im Hinblick auf die Neuauflage des legendären Citroën 2CV, den der französische Ministerpräsident Macron am gleichen Tag der Öffentlichkeit als elektrisches Konzeptfahrzeug vorgestellt hat, das frappant als ein Bobbycart erinnert, der Öffentlichkeit vorgestellt hat (ja, die Bezeichnung, die von „deux cheveux“ abgeleitet ist, die sich nicht auf die Leistung des ausgelieferten ersten Modells von 1948 bezog – die immerhin bei etwa 9 PS lag – sondern auf die Steuerklasse für Motoren „bis zu zwei Pferdestärken,“ ist erhalten geblieben):
Die Elektro-Ente ist nützlich und erschwinglich. Das groteske Raketenauto von @elonmusk wird im Verkehr keine Rolle spielen. Wenn es überhaupt die Zulassung bekommt können es sich nur Millionäre leisten. Die deutsche Autoindustrie hat von Tesla nichts mehr zu befürchten.
(Daß Audi in der gleichen Woche einen Abbau von 6000 Stellen bis Ende 2027 bekanntgegeben hat; daß Teslas Modelle 3 und Y mit 1,6 Millionen verkauften Exemplaren weltweit die erfolgreichste E-Mobil-Marke darstellen und ebenfalls in der vergangenen Woche bekanntgegeben hat, das Werk in Grünheide auf die doppelte Größe zu erweitern, eine Million Fahrzeuge jährlich zu produzieren und zu den bislang 12.000 Beschäftigten weitere 30.000 einzustellen, sollte man dem Beauftragten für Technik und Weltraumfahrt besser nicht zu verraten.)
Lars Moravy, seit 16 Jahren bei Tesla beschäftigt und mittlerweile Vizedirektor der Abteilung für Fahrzeugentwicklung, hat am Samstag in einem interview auf dem YouTube-Kanal von Hagerty einiges zu der Technik mitgeteilt, die diese Umsetzung des „Wingardium leviosa!“ ermöglicht. Dazu und zu den technischen Spezifikationen des für 2028 angekündigten neuen Modells weiter unten. Doch zunächst etwas zu Sinn, Zweck und Berechtigung solcher „Zirkusvorführungen“.
Der Markt hat jedenfalls prompt reagiert:
II.
Irgendwann um die Mitte der 20. Jahrhunderts herum wurde das „fliegende Auto“ zu einem Gemeinplatz, einem Kürzel, einem Klischeebild für „Zukunftstechnik“ – zusammen mit dem Raumschiff und dem Roboter in humanoider Form: ein griffiges Symbol dafür, daß eine Geschichte oder ein Film in der mehr oder weniger nahen Zukunft spielte, die nur so weit entfernt lag, daß die eigenen Kinder oder Enkel eine gute Chance haben würden, sie noch zu erleben. Die Weiterentwicklung von Doc Browns DeLorean im zweiten Teil von „Back to the Future“ (1989), das Dienstfahrzeug der „Men in Black“ (1997 - nach dem Drücken des „roten Knopfs“), das Stadtbild in Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982) oder Luc Bessons „The Fifth Element“ (1997) sind das nur einige Beispiele. Das hatte zur Folge, daß IBM im Sommer des Jahres 2000 – mit dem allgemein akzeptierten Anbruch des „neuen Jahrtausends“ – einen Werbespot im amerikanischen Fernsehen brachte, in dem sich Avery Brooks, frisch nach der Beendigung seines Dienstverhältnisses als Captain Sisko auf der Raumstation Deep Space Nine im Orbit um den Planeten Bajor, vor der altehrwürdigen Kulisse der Brooklyn Bridge beschweren konnte: „It is the year 2000. But where are the flying cars? I was promised flying cars. I don’t see any flying cars. Why? Why? Why?” Die Antwort von IBM lautete: weil wir jetzt das Internet haben, und deshalb keine Lufttaxis benötigen. Gut, das war zu der Zeit, als „das Internet für uns alle Neuland war“ (um es mit den Worten einer unvergessenen deutschen Weltkanzlerin zu sagen), als die Deutsche Telekom noch mit Bumm-Bumm Becker und „Ich bin drin!“ werben konnte und gefühlt jeder zweiten Computerzeitschrift die Starter-CD von AOL beilag.
Interessanterweise zeigen die ersten futuristischen Entwürfe, die solche Fahrzeuge als Familienkutschen zumeist auf dem Dach des Eigenheims im Grünen geparkt zeigen (in den „Jetsons“ war das 1962 bereits ein verfestigtes Klischee) einen Autogiro – also einen Drehflügler, bei dem der Rotor antriebslos ist und durch den Fahrtwind in Rotation versetzt wird, während der Vortrieb durch einen üblichen Propeller erzeugt wird – etwa beim „Haus für die Zukunft,“ das die dänischen Architekten Arne Jacobsen (1902-1971) und Flemming Lassen (1902-1984) 1929 auf einer Ausstellung in Kopenhagen präsentierten, oder das „Haus für das Jahr 2089,“ das der amerikanische Architekt William Lascaze (1896-1969) zehn Jahre später entwarf. Der Autogiro, der 1923 von dem spanischen Ingenieur Juan de la Cierva entwickelt worden war, benötigte zum Abheben eine Startbahn von nur knapp 50 Metern – beim Parken auf dem Hausdach ein leichter Nachteil. Aber technische Machbarkeit und die praktische Umsetzung haben solche Visionäre nie besonders interessiert. Hier gilt das, was man im Englischen als „the Rule of Cool“ bezeichnet.
(Das "Haus für die Zukunft," 1929)
(William Lescaze, "House for 2089," 1939 - mittlerweile sind wir dem späteren Datum näher als dem früheren)
Das erste Flugtaxi (die damalige Staatsministerin für Digitales – nicht mit Digitalis zu verwechseln! - Dorothea Bär hat ihres bekanntlich im März 2018 angefordert), das wirklich nach einem Auto aussah, war die „Luftlimousine“ („aerial sedan“), die der amerikanische Tüftler Stanley Hiller (1926-2006) im Juli 1957 in der Zeitschrift „Popular Mechanics“ vorstellte, und dessen Markteinführung er für 1967 voraussah. Hiller war alles andere als ein Spinner oder Hinterhof-Schrauber; sein Entwurf für einen einsatzfähigen Hubschrauber (die XH-44) wurde 1944 von der amerikanischen Armee zur Weiterentwicklung bis zur Einsatzreife übernommen; im Jahr darauf gründete er mit Henry J. Kaiser die erste Firma für die Serienfertigung von Helikoptern, Hiller Industries. Seine spätere Karriere bestritt er damit, Konzerne, die kurz vor dem Bankrott standen, aufzumischen und wieder auf die Gewinnschiene zu bringen.
Aber darum geht es bei solchen „Super Cars“ oder „Concept Cars“ auch gar nicht. Zumindest in der „aufgemotzten“ Version mit der Lizenz zum Salto mortale (der „Rocket“-Variante), dürfte der Roadster, dessen Markteinführung für 2028 angekündigt ist, ein Exot bleiben, ein exzentrisches Spielzeug ohne größeren Alltagsnutzen. In dieser Hinsicht dürfte unsere ehemaliger ex-weiland Klabauterminister durchaus recht behalten. Hier geht es darum, nicht nur das Publikum zum Staunen zu bringen – sondern auch, um das Können des Ingenieurteams zu demonstrieren, um noch-nie-Dagewesenes vorzuführen, um zu zeigen, daß sie solchen unmöglich scheinenden Aufgaben mit Geduld und unendlicher Mühe absolut gewachsen sind. Und daß die Kombination von technischen Verfahren aus dem Automobilbau und der Raumfahrt solche – und potenziell noch zahlreiche weitere – Umsetzungmöglichkeiten eröffnet. Und nicht zuletzt ist es die Herausforderung an eben dieses Team, solch etwas Großartiges zustande gebracht zu haben – das über jeden praktischen Nutzen hinausgeht.
Und der Einwand, daß solche „Showeinlagen“ der Dekadenz und Informationsüberflutung der heutigen Zeit geschuldet seien, deren Aufmerksamkeitspanne auf die Länge eine Videoschnipsels auf TikTok geschrumpft ist, zeigt einen eklatanten Mangel an Kenntnis der Technikgeschichte (und stellt damit einen Beleg für genau dieses Phänomen dar). Auf die Raketenfahrten von Fritz von Opel aus dem Jahr 1928, die den Höhepunkt des „Raketenfiebers“ der zwanziger Jahre in Deutschland darstellten, habe ich weiter untern verwiesen. Nein, irgendeinen „praktischen“ Nutzen hatten diese Rennwagen und Gleitflugzeuge, die da von Dutzenden von Feststoffraketen beschleunigt an der Zuschauermenge vorbeischossen, in keiner Weise (die Versuche des JATO, des „Jet-Assisted Takeoff“ wurden während des Zweiten Weltkiegs sowohl in Deutschland wie in den USA wieder aufgenommen – es blieb aber bei ersten Prototypen). Aber der Begeisterung und Hingabe der Ingenieure und Erfinder aus diesem Umfeld – auch wenn sie wie Hermann Oberth den Konstrukteur Max Valier für einen eitlen Sensationshascher hielten – verdanken wir die ersten Schritte zu allem, was die Raumfahrt in den letzten 69 Jahren zustande gebracht hat.
Bei der Flottenparade der englischen Marine im Juni 1897 zu Ehren es 60. Thronjubiläums Königin Viktorias mit 160 Schiffen fuhr William Parsons mit der „Turbinia“ der abschließenden Wettfahrt zwischen den Schnellbooten der Navy im Wortsinn „in die Parade,“ als er unangemeldet und vorschriftswidrig aus der Formation ausscherte, sich an die Spitze setzte und mit einer Geschwindigkeit von mehr als 34 Knoten, guten 70 km/h die nachsetzenden Boote hoffnungslos „im Staub hinter sich ließ.“ Die Admiralität, die Parsons Entwicklung der Dampfturbine bis dahin ignoriert hatte, war wenig erbaut – vor allem nicht über das Presseecho, daß sie sich durch dieses Versäumnis einhandelte. Andererseits war dies nicht das erste Mal, daß die Admiralität Ihrer Majestät wie begossene Pudel dastanden: schon nach dem Seegefecht zwischen den Panzerschiffen „Virginia“ und „Monitor“ während des amerikanischen Bürgerkriegs hatte die britische Presse unisono befunden, der Stolz England sei mit einem Schlag auf ihren Schrottwert reduziert worden.
Im Oktober 1829 fanden ebenfalls in England im Vorfeld der Eröffnung der ersten Bahnfernstrecke zwischen Manchester und Liverpool die „Rain Hill Trials“ statt, bei denen die beste Praxistauglichkeit der angebotenen Dampflokomotiven zu ermitteln, bei denen fünf der zehn vorgestellten Modelle sich ein Rennen über parallel verlegte Gleise über eine Strecke von einer Meile und zurück lieferten. Gewinner war die „Rocket“ der Brüder George und Robert Stephenson mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von guten 22 Stundenkilometern. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: die von einem Pferd über ein Laufband angetriebene „Cycloped“ von Thomas Shaw Brandreth hatte auch nicht wirklich Aussichten auf einen Gewinn.
Das neben der „Turbinia“ vielleicht spektakulärste Debüt dieser Art darf als direkter Vorläufer des Tesla-Roadsters gelten. Bei 8. Rennen der Formel-1-Saison 1978 in Anderstorp in Südschweden fuhr Niki Lauda zum ersten – und einzigen – Mal den BT46B für das Team Brabham von Bernie Ecclestone. Der Wagen verfügte über eine Besonderheit, die die Konkurrenz nicht vorweisen konnte. Vier große Turbinengebläse im Heck saugten Luft unter dem Chassis an - nominell, um durch den erhöhten Luftstrom die Kühlung des Motors zu verbessern. Als kleiner Nebeneffekt entstand unter dem Wagenboden dabei ein Unterdruck, der durch mehrere verstellbare Spoiler zusätzlich geregelt werden konnte und der mit erhöhter Geschwindigkeit zunahm. Neu war die Technik auch in diesem Fall nicht wirklich. Die US-amerikanische Firma Chapparall hatte sie schon 1970 für ihr Modell 2J eingesetzt, mit dem sie am Can-Am Coup, der kanadisch-amerikanischen Meisterschaft teilnahm. In diesem Fall erwies sich die neue Technik als unzuverlässig und störanfällig. Der Rennsportverband SCAA (Sports Car Association of America) verbot ihren Einsatz daraufhin umgehend, um die Konkurrenz nicht im Regen stehen zu lassen. Acht Jahre später gewann Niki Lauda das Rennen im Handumdrehen, nachdem der Ford von Didier Peroni durch den Bruch einer Leitung Öl verloren und die Fahrbahn verschmiert hatte, was alle anderen Fahrer zu einer vorsichtigeren Fahrweise veranlaßte, während der Brabham „wie auf einem Gleis lief.“ Lauda gewann das Rennen mit einem Vorsprung von 34 Sekunden vor Riccardo Patrese, obwohl „er sich noch zurückgehalten habe, um die Überlegenheit des Wagens nicht zu drastisch vorzuführen,“ wie er in seiner Autobiographie „To Hell and Back“ schreibt. Der Rennsportverband FOCA handelte daraufhin ein Gentlemen’s Agreement mit Ecclestone aus, mit dem Wagen nur noch in den drei folgenden der noch acht ausstehenden Rennen anzutreten, aber die Commission Sportive Internationale sprach umgehend ein Startverbot aus.
Hinzu kommt, daß die spätere (massenhafte) Verwendung neuer Produktenwicklungen mit dem ursprünglich geplanten Nutzung oft nicht viel zu tun hat. WD-40, heute als Kontaktspray für elektrische Verbindungen und Reinigungsmittel in Gebrauch, ist 1953 als Korrosionsschutz für Raketenstufen entwickelt worden. Die bei Kindern so beliebte Luftpolsterfolie zum Verpacken stoßempfindlicher Inhalte war ursprünglich 1957 als wasserbeständige Kunststofftapete gedacht. Steven Silver sollte 1968 für die Firma 3M einen Sekundenkleber entwickeln, das Ergebnis war ein nutzloses Gemisch, das „nichts ordentlich und dauerhaft“ fixieren konnte – bis jemand auf die Idee verfiel, damit eine Kante von Notizzettelblöcken zu bestreichen und der Welt die Post-It-Notes oder Haftzettel bescherte. Und so weiter: die Evolution hat es vorgemacht, indem sie aus den Ketamin-Spießen, die manche Saurier zur Abführung schädlicher Körpersubstanzen entwickelt hatten, Federn bildete, die zunächst der Wärmespeicherung und später der Ausbildung der Flugfähigkeit dienten. Biologen sprechen in solchen Fällen von Exaptation.
"Immer haftet den großen Heldentaten der Menschheit, weil sie sich so hoch über das mittlere irdische Maß erheben, etwas Unbegreifliches an; aber immer gewinnt nur an dem Unglaubhaften, das sie geleistet, die Menschheit ihren Glauben an sich selbst zurück." - Stefan Zweig, Magellan. Der Mann und seine Tat, 1938
III.
Die Ankündigung Elon Musks für eine solche Technik reicht schon etwas weiter zurück. Anfang Januar 2018, zwei Monate vor Frau Bärs Anfrage im ZDF („Kann ich auf der Infrastruktur, die wir haben, auch autonom fahren? Kann ich in Deutschland mit einem Flugtaxi durch die Gegend kommen?“ – heute journal vom 5. März 2018) postete er auf Damals-noch-Twitter folgendes:
Die SpaceX-gemäße Ausstattung für den neuen T[esla] R[oadster] wird 10 kleine Schubdüsen einschließen, die rings um das Auto angeordnet sind. Diese Raketenantriebe werden die Beschleunigung, die Höchstgeschwindigkeit, Bremsweg und Wenden drastisch verbessern. Vielleicht kann man damit sogar einen Tesla zum Fliegen bringen…
Ein Jahr darauf, am 10. Januar 2019, antwortete er auf die Bemerkung „Ich habe den Eindruck, daß Sie hier keine Witze machen“:
Tue ich auch nicht. Werde SpaceX Schubdüsen verwenden, mit höchstverdichteter Luft aus einem faserverstärkten Druckbehälter anstelle der beiden Rücksitze.
Und diese beiden unabhängig voneinander arbeitenden Systeme sind es, die dem neuen Roadster erlauben, sich in die Ahnengalerie von Fahrzeugen wie Chitti-Chitty-Bang-Bang (der aus der Feder des Bond-Erfinders Ian Fleming entstammte) oder K.I.T.T. aus der Fernsehserie Knight Rider (1982-86) einzureihen. Die zehn Lagekontrolldüsen, die es ihm erlauben, wie eine Katze auf allen Vieren zu landen und eine Baerbocksche „Wendung um 360 Grad“ durchzuführen, werden aus einem 600 Liter umfassenden Drucklufttank gespeist, der für einen Innendruck mit bis zu 10.000 PSI (378 bar) ausgelegt sind. Solche Kaltgas-Thruster sorgen auch für die Lagekontrolle und Steuerung der Dragon-Raumkapseln und der Erststufen der Falcon 9 beim „Rücksturz zur Erde.“ Sie werden aus einer externen Stickstoff-Quelle bei einer Betriebstemperatur von -129°C betankt, wobei der vollständige Ladevorgang zur Zeit noch bei 6 bis 7 Stunden liegt; bis zur Marktreife solle sie auf 30 Minuten reduziert werden. (Die niedrige Temperatur erklärt auch die eindrucksvolle Wolkenentstehung beim Einsatz, bei dem die Luftfeuchtigkeit der Umgebungsluft schlagartig kondensiert.) Jedes dieser Triebwerke entwickelt laut der Angabe auf dem Typenschild einen Schub von bis zu 95 KiloNewton, was der Leistung eines Triebwerks eines Kampfjets entspricht – allerdings dauern diese Stöße nur den Bruchteil einer Sekunde.
Drei Varianten des Roadsters sind vorgesehen: das noch in der Entwicklung befindliche Basismodell mit einer Leistung von 1360 PS, das innerhalb von 1,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigen kann, mit einer Spitzengeschwindigkeit von 336 km/h; die „Thruster“-Version (mit 0,85 Sekunden und 370 km/h) und die „Rocket“-Version mit sechs zusätzlichen Thrustern (0,6 Sekunden), die über einen zusätzlichen 400-Liter-Takn anstelle des Beifahrersitzes verfügt.
Angetrieben wird der Wagen über zwei Motoren in der Hinterachse mit einem Drehmoment von mehr als Nm; die Bordelektrik ist wie beim Cybertruck und dem Semi auf eine Betriebsspannung von 800 Volt ausgelegt. Die Batterie besteht aus 4680 Zellen, wobei das Zellgehäuse zur Gewichtseinsparung und besseren Wärmeableitung aus Aluminium statt aus Stahl besteht; bei Reichweite beträgt 483 km; die Ladezeit von einer Kapazität von 15 auf 80 Prozent soll auf 10 Minuten reduziert werden; die Ladung soll dann für das Durchhalten der Höchstgeschwindigkeit für eine Dauer von 20 bis 30 Minuten reichen. Statt eines üblichen Lenkrads erfolgt die Lenkung über ein Steuerhorn; Sensoren darin lösen die elektronische Lenkung und Bremsung aus. Insgesamt verfügt das Auto über fünf justierbare Spoiler, deren Vorderkante um 80 Grad verstellt werden kann; die Bewegung erfolgt von Aktuatoren, die „eigentlich“ für die Beinbewegungen des Optimus-Roboters entwickelt worden sind.
Das Lüfter-System, das den Wagen an die Fahrbahn saugt, umfaßt vier Lüfter mit einer Leistung von jeweils 20 kW, die von Hochvolt-Kompressor der Wärmepumpe abgeleitet wird; der so erzeugte Unterdruck sorgt dafür, daß das Fahrzeug mit Kurven mit einer seitlichen Beschleunigung von 2 G durchfahren kann. Und dieser gesteigerte Bodenkotakt verkürzt natürlich auch den Bremsweg immens. Er kann auch das Doppelte des Fahrzeuggewicht kopfüber oder in der Senkrechten halten. Die Karosserie besteht – jedenfalls bei den bislang gefertigten Prototypen – komplett aus Kohlefaser-Verbundstoff.
(Der 400-Liter-Tank für die "Rocket"-Version)
(Ansaugstutzen aus dem von Tesla im April 2025 eingereichten Patentantrag)
Nach Angaben von Tesla übertrifft der Schub aus den Kaltgasdüsen den Vortrieb (oder die Bremswirkung) der Reifen um den Faktor 4 bis 5. Die beste denkbare Nutzanwendung solcher Druckluftdüsen wäre der Einsatz bei einer Vollbremsung. In Fahrtrichtung abgefeuert, würden sie den Bremsweg bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h von knapp 30 Metern auf nur 6 m verkürzen. Druckbehälter mit einem Innendruck von 10.000 PSI sind bereits jetzt in Autos im alltäglichen Einsatz: Manche Airbags werden aus Drucktank mit diesem Innendruck durch Argon und Helium aufgeblasen, die bis zu zehn Jahre lang einsatzbereit bleiben.
IV.
Kurt Maria Ruda, dem ich mein Eingangszitat verdanke, gehört zu jenen Autoren, die nicht in Vergessenheit geraten sind, weil sie es niemals zu irgendeiner Bekanntheit gebracht haben. Der einzigen Quelle, der in ein paar dürftige Angaben zu ihm zu entdecken sind, ist der Fragebogen, den er Anfang der siebziger Jahre für Kürschners Literatur-Kalender ausgefüllt hat und der in einigen nachfolgenden Jahrgängen unverändert nachgedruckt worden ist. Daraus kann man entnehmen, daß er am 5. September 1917 in Prag geboren ist, an der dortigen Karlsuniversität eine Ausbildung zum Ingenieur durchlaufen hat und nach dem Krieg in München (in der Zillertalstraße 34) lebte. Von den genannten sieben Buchveröffentlichungen scheint es sich bei sechs davon um sogenannte „Spuriosa“ zu handeln, wie bei den „Gesammelten Vorträgen“ (1972) oder den „Neuen Erzählungen“ (1981). Davon ist nur ein einziger im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek nachgewiesen. Lediglich der Eintrag „Die wundersamen Abenteuer des Magnus Freiherr von Münchhausen“ mit der Jahresangabe 1966 verweist auf den tatsächlich ein Jahr später beim Franz Schneider Verlag herausgekommenen schmalen Band „Das fliegende Auto“ mit Strichzeichnungen von Kurt Schmischke. Der Untertitel lautet dort: „… und andere abenteuerliche Erlebnisse der Magnus Freiherrn von Münchhausen, Ur-Ur-Ur-Enkel des berühmten Hieronymus von Münchhausen.“ Nur für drei Titel wird er als Übersetzer aus dem Tschechischen aufgeführt (Rudolf Ströbinger: A 54: Spion mit drei Gesichtern, 1966; Přemysl Pitter, Unter dem Rad der Geschichte, 1970 sowie Rudolf Turek, Böhmen im Morgengrauen der Geschichte, 1974).
Immerhin zeigt der Nachfahre des „Lügenbarons“ gelegentlich eine, nun ja, „poetische Ader,“ die seinem bekannteren Urahn völlig fremd ist.
Kurz und gut: meinem Weiterflug zum Saturn stand nichts mehr im Wege. Vorsichtig steigerte ich das Tempo bis zu Höchstgeschwindigkeit und saute in einen Himmel hinein, dessen Wunder vor mir kein Mench gesehen hat. Wunder, die jedermann als Hirngespinst bezeichnen wird, wenn ich sie beschreibe. Da ist verständlich; mir ging’s eine Zeitlang nicht besser. Was ich mit eigenen Augen sah, schien unglaubhafter als ein Traum.
(…)
Das Weltall, diese ungeheurere Höhle, war nämlich voller Schätze. Auf seinem purpurvioletten Grund schwebte Sternbild an Sternbild, Tausende, Zehntausende, Gott weiß wie viel. Nicht bloß die bekannten, die man stets am Himmel sieht, nein, alles waren da. Und jedes Sternbild funkelte in einer anderen Farbe. Krebsrot der Krebs, goldgrün der Wassermann, gelb der Löwe, und von den Fischen her strahlte ein besonderes Licht: blau wie das Meer und silbern wie Schuppen. Es war so unbeschreiblich schön, daß ich bald dahin, bald dorthin schauen mußte und doch nicht sagen kann, was mir am besten gefiel. Steinbock, Widder, Waage und Jungfrau – schneeweiß glitzerte dieses Sternbild, rosafarben das Zwillingspaar, Helm und Panzer des Schützen glänzten wie Stahl, und drüben der Stier, der Skorpion – da wäre es mir beinah an den Kragen gegangen. (Kap. „Das abenteuerlichste aller Abenteuer“)
(Abb. aus dem Himmelsatlas „Uranometria“ von Johann Bayer. Die erste Ausgabe ist 1603 in Nürnberg gedruckt worden; bei den 52 Tafeln handelte sich um die ersten korrekten Himmelskarten; Bayer stützte sich dabei auf eine handschriftliche Kopie der noch ungedruckten Tabellen von Tycho Brahe. Bei den abgebildeten Vorlagen handelt es sich um die Tafeln einer nachkolorierten Ausgabe des Nachdrucks aus Ulm, der ab 1633 in vier weiteren Auflagen bis 1649 durch Johannes Görlin d.Ä. besorgt worden ist.)
Über die ursprünglichen Fährnisse des Freiherrn hat uns bekanntlich der deutsche Bibliothekar Rudolf Erich Raspe in Kenntnis gesetzt, nachdem er wegen des Diebstahls von Silbermünzen aus dem Kabinett des Landgrafen Friedrich II von Hessen-Kassel 1775 nach England geflüchtet war. Die erste auf, Englisch verfaßte, Ausgabe von Baron Munchausen's Narrative of his Marvellous Travels and Campaigns in Russia erschien Ende 1785 mit dem Imprimatur des Londoner Buchhändlers M. Smith aus der Fleet Street 46 und der Jahresangabe „1786“ mit fünfzehn der bekannten Anekdoten, bei einem Umfang von 49 Seiten und einem Satzspiegel, vor dem alle Pixie-Bücher verblassen. Eine um weitere fünf Geschichten vermehrte zweite Auflage folgte im April 1786 – aber bereits die dritte, die der Verleger George Kearney im Mai 1786 folgen ließ, dem Smith die Druckrechte abgetreten hatte, enthielt Anekdoten, bis mit der 6. Auslage und der drei Jahre später herausgekommene „Fortsetzung“ („A Sequel to the Adventures of Baron Munchhausen“) der Sammlung dann in ihrer endgültigen Form vorlag. In der englischen Literaturforschung herrscht bis heute die Auffassung vor, daß diese Ergänzungen das Werk von anonymen Lohnschreibern sind, die Kearney damit beauftragt hat. Das würde dann auch für das bekannteste dieser Abenteuer, den Ritt auf der Kanonenkugel, gelten, der erst in der 4. Auflage vom Juli 1786 erschienen ist (und dem auch das Frontispiz zum „Fliegenden Auto“ Reverenz erweist und den Dreispitz davor zieht). Dem hat der langjährige Leiter des Münchhausen-Museums in Bodenwerder, Bernhard Wiebel, der in diesem Juni verstorben ist, vehement widersprochen. In seinem umfangreichen Nachwort zu seiner Übersetzung der beiden „Endfassungen“ verweist er auf Themenwahl, Erzählstil und die Objekte der Satire und schreibt sie samt und sonders Raspe gut (Rudolf Erich Raspe: Münchhausens Abenteuer – die fantastischen Erzählungen vollständig aus dem Englischen übersetzt. Herausgegeben von Stefan Howald und Bernhard Wiebel. Frankfurt a.M.: Stroemfeld 2015.) Ab dieser dritten Auflage trug das Buch den Titel „Gulliver Revived,“ mit wechselnden Untertiteln für jede neue Auflage.
Das Erscheinen des originalen „Gulliver,“ an dessen Erfolg der umtriebige Londoner Verleger hier anknüpfen wollte, jährt sich übrigens in diesen Tagen zum 300. Mal: am 28. Oktober 1726 brachte der (ebenfalls in London ansässige) Verleger Benjamin Motte die Erstausgabe der „Travels into Several Remote Nations of the World“ auf den Markt.
V.
(Ben Wishaw als Q in "No Time to Die")
Aber warum liegen zwischen der Ankündigung des „fliegenden Autos“ und seiner Präsentation mehr als acht Jahre? Sicher: Musk ist bekannt, geradezu berüchtigt dafür, angekündigte Termine zu reißen und das Unmögliche statt bald“ eben „später“ umzusetzen. Verschobene Prioritäten? Unvorhergesehene technische Probleme?
(Keke Memes, 2020)
In Wirklichkeit liegt die Sache natürlich viel einfacher. Der bekannteste britische Geheimagent – „Mein Name ist Bond, James Bond“ – hat seinen letzten Einsatz im Dienst Ihrer Majestät bekanntlich mit dem Leben bezahlt (nachzusehen in dem Biopic „No Time to Die,“ das im Herbst 2022 nach der weltweiten Spielpause durch die einem Bond-Bösewicht durchaus anstehende chinesische Grippe der erste nachfolgende weltweite Kintopp-Kassenschlager geworden ist). Der der Öffentlichkeit nur durch das kryptische Kürzel „Q“ bekannte Tüftler, Erfinder oder Ingenieur hat im Lauf seiner Karriere, soweit bekannt, nur für Bond als einem Agent mit der doppelten Null von der Dienststellung (sie bezeichnet bekanntlich die Erlaubnis, im Zug von Aufträgen gegnerische Agenten töten zu dürfen, ohne dienstliche Konsequenzen fürchten zu müssen) Fahrzeuge, Waffen und sonstige sinnreiche Vorrichtungen konstruiert (mit der Ausnahme von Nomi, die nach dem Ausscheiden Bonds aus dem aktiven Dienst für zwei Jahre die 007-Kennziffer übernommen hatte). Am Ende von „Keine Zeit zu sterben“ sieht man, wie M, Nomi, Bill Tanner, Moneypenny und eben auch Q einen Toast auf das Andenken von Bond ausbringen. Es liegt nahe, daß jemand, der über so lange Zeit eng mit diesem Kollegen verbunden gewesen ist, auch nach seiner Zeit beim MI6 eben diesem Andenken treu geblieben ist und ein Elektroauto konstruiert hat, an dessen Steuer sich auch ein James Bond mit Begeisterung gesetzt hätte. Damit dürfte klar sein, bei welcher Firma „Q“ nach seinem Abschied angeheuert hat.
Der letzte Zweifel wird durch den Vergleich dieser beiden Fahrzeuge beseitigt: Der Flugstil ist in beiden Fällen, 1974 wie 2026, identisch.
(The Man with the Golden Gun / Der Mann mit den goldenen Colt, 1974)
* * *
Anmerkungen:
Fun fact (wie man auf neudeutsch sagt): Zwischen dem Beginn des Verladens von Schiff 40 vor der Hügelkette der Weihnachtsinsel am 24. August um 11 Uhr Ortszeit und dem Festmachen des Halbtauchers Forte am Kai D16 im Hafen von Brownsville um 9 Uhr morgens (Central Daylight Time, CDT) liegen exakt 1000 Stunden. Solche chronometrischen Zufälle bestätigen den Kleinen Zyniker, der hier immer mitschreibt, in seiner frivolen Ansicht, hier könnte es sich um einen Fingerzeig der Programmierer der Matrix handeln, die von anderen auch „das Universum“ genannt wird.
Das Testgelände in McGregor hat Tesla 2016 von der Firma Beal Aerospace übernommen, die im Jahr 2000 in Konkurs gegangen ist und es zur Erprobung von Feststoffraketen genutzt hat. Zu diesem Zweck ist es seit 1952 auch von den Vorgängerunternehmen Phillips Petroleum Company, Astrodyne Inc., Rocketdyne und Hercules Inc. genutzt worden. Während des zweiten Weltkriegs war das Gelände als Bluebonnet Ordnance Plant von der amerikanischen Armee als eine der vier landesweiten Produktionsstätten für TNT und andere Sprengstoffe genutzt worden.
Fun fact II: die Präsentation des Roadsters fiel auf den Tag genau 97 Jahre nach der Weltpremiere von Fritz Langs Film „Die Frau im Mond“ im Ufa-Palast im Zoo in Berlin am 15. Oktober 1929. Stichwort „Feststoffraketen“: ein Jahr zuvor war Regisseur Fritz Lang mit in der Zuschauermenge, als der „Raketenfritz“ - Fritz von Opel - am 23. Mai 1928 auf der AVUS in Berlin mit dem von 24 Feststoffraketen angetriebenen RAK2 eine Geschwindigkeit von 238 km/h erreichte.
Und die Präsentation fand auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Tag statt, als die Welt zuerst von den Abenteuern eines Bären von sehr geringem Verstand Kenntnis gesetzt wurde, als A. A. Milnes Kinderbuchklassiker „Winnie the Pooh“ im Londoner Verlag Methuen herauskam.
„Minister für Pieks-Pieks“: die „tagesschau IN EINFACHER SPRACHE“ hat am Samstag Finanzminister Klingbeil als den „Minister für Geld“ vorgestellt. Diese Sprachregelung sei hiermit dankend aufgegriffen. Wörtlich lautete die Meldung dort:
"Um einen Beschluß von der Regierung geht es auch in der nächsten Nachricht. Höhere Steuern: Rauchen wird teurer. Viele Menschen in Deutschland rauchen Zigaretten - so wie auf dem Foto. Wenn man Zigaretten kauft, dann bezahlt man dabei auch Steuern. Steuern sind Geld für den Staat. Jetzt hat die Regierung einen Beschluß gemacht. Die Regierung sagt: wir machen die Steuern für Zigaretten höher. Das heißt, Zigaretten werden teurer. Wenn die Steuern höher werden, dann bekommt der Staat mehr Geld. Der Minister für Geld, Lars Klingbeil, sagt: damit bezahlen wir zum Beispiel die Schulden von Deutschland. Viele Menchen finden die höheren Steuern aber nicht gut. Dazu zeigen wir einen Film:"
„Wingardium leviosa“: Arthur C. Clarkes „drittes Gesetz“ (angelehnt an Isaac Asimovs drei „Robotergesetze“ formuliert, lautet bekanntlich: „eine hinreichend fortgeschrittene Technik ist von Magie nicht zu unterscheiden.“
Zum Presseecho der englischen Presse auf den „Stolz Albions“ verweise ich auf die entsprechenden Passagen in „The Autobiography of Henry Adams“ (zuerst als Privatdruck 1907 erschienen und nach dem Tod des Verfassers 1918 als reguläre Buchausgabe), der zu dieser Zeit als Student aus Boston in London Jura studierte.
U.E.
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