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22. Februar 2009

Zitate des Tages: Was tut Gerhard Schröder eigentlich im Iran? Rätselraten in Deutschland. Informationen aus Rußland

Wie privat ist es, wenn ein deutscher Ex-Kanzler den amtierenden iranischen Staatschef besucht, der das Existenzrecht Israels und die Existenz des Holocaust in Frage stellt? Völlig privat, befindet das Büro von Altkanzler Schröder. (...) Aus dem Auswärtigen Amt verlautet lediglich, dass Schröders 4-tägige Reise nach Iran rein privaten Charakter habe. Doch allein die Tatsache, dass das Außenministerium in die Reise des Ex-Kanzlers eingebunden ist, zeigt, dass, die Reise sehr wohl eine gehörige Portion politischen Charakters innehat.

Der "Tagesspiegel" über den Besuch Gerhard Schröders im Iran.

German ex-chancellor Gerhard Schroeder, head of Nord Stream AG, operator of the gas pipeline being built from Russia to Germany across the Baltic Sea, arrived in Iran yesterday. His unofficial visit coincided with the beginning of Tehran- EU talks on the possibility of Iran joining the Nabucco project, a pipeline planned to bypass Russia. Schroder, a long-time friend of Russia, may try to convince Iran to opt for Gazprom's South Stream pipeline instead. (...) Mikhail Korchemkin, director of the East European Gas Analysis consultancy, said: "Schroeder as Gazprom's agent of influence will talk about export flexibility in Tehran."

(Der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Chef der Nord Stream AG, des Betreibers der Gas- Pipeline, die durch die Ostsee von Rußland nach Deutschland gebaut wird, traf gestern im Iran ein. Sein inoffizieller Besuch traf zusammen mit dem Beginn der Gespräche zwischen Teheran und der EU über die Möglichkeit, daß der Iran sich an dem Projekt Nabucco beteiligt, einer Pipeline, die an Rußland vorbeiführen soll. Schröder, schon seit langem ein Freund Rußlands, dürfte versuchen, den Iran dazu zu bringen, sich stattdessen für die South Stream- Pipeline von Gazprom zu entscheiden. (...) Mikhail Korchemkin, der Direktor der Beratungsfirma East European Gas Analysis, erklärte: "Schröder als Einflußagent der Gazprom wird in Teheran über Flexibilität des Exports sprechen".)

Die russische Zeitung Kommersant, zitiert von der Nachrichten- Agentur RIA Novosti, unter der Überschrift "Gazprom's 'agent of influence' arrives in Tehran" (Gazproms "Einflußagent" trifft in Teheran ein) zum selben Thema.


Kommentar: Er ist schon seltsam, daß man in Deutschland darüber rätselt, ob Schröders Besuch nun "privat" ist oder "politisch". Er ist selbstverständlich weder das eine noch das andere, sondern geschäftlich.

In Deutschland scheinen viele immer noch zu meinen, Gerhard Schröder sei ein deutscher Politiker oder gar Staatsmann; manche titulieren ihn gar noch mit dem Ehrentitel "Altkanzler".

Gerhard Schröder ist aber ein Geschäftsmann, der ein von dem russischen Staatskonzern Gazprom dominiertes Unternehmen leitet. Der Friede im Nahen Osten oder das Thema der Leugnung des Holocausts dürfte ihn ungefähr so sehr interessieren wie die die Ergebnisse der Fußball- Liga von Neuseeland. Und für einen Urlaub dürfte er sich auch ein anderes Land aussuchen als ausgerechnet den Iran.

Wenn dieser Mann nach Teheran reist, dann im Auftrag seines Arbeitgebers. Daß er einmal Politiker war, hilft ihm freilich, diesen Auftrag zu verschleiern. Just wegen dieser Möglichkeit, wegen des Ansehens, das Schröder als ehemalige Kanzler immer noch hier und da genießt, hat man ihn ja eingestellt.

Eben als Einflußagenten. Eine sehr treffende Bezeichnung.



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19. Januar 2009

Zitat des Tages: "Ein irrationales Wirtschaftsmodell". Eine ukrainische Zeitschrift über die Lage Rußlands und die Gaspreis-Krise

With Putin and his puppets directly controlling all key businesses and using mafia- like methods to eliminate potential opponents and foreign interests it seemed to work for a time. But it was rotten inside. Unable to build value with equity capital, the Kremlin's favorite state champions and corrupt tycoons depended not only on high commodity prices but also on ever larger injections of foreign loans even as the rights of foreign partners were brutally limited. It was an irrational economic model bound to fail and it did as oil prices collapsed.

(Putin und seine Marionetten kontrollieren direkt alle Geschäftsbereiche, die eine Schlüsselfunktion haben, und sie benutzen Mafia- ähnliche Methoden, um potentielle Gegner und ausländische Interessen auszuschalten. Eine Zeitlang schien das zu funktionieren. Aber es war innerlich verfault. Unfähig, mit Aktienkapital Wert zu schöpfen, hingen die vom Kreml bevorzugten führenden Staatsunternehmen und korrupten Tycoons nicht nur von hohen Rohstoffpreisen ab, sondern auch von immer höheren Zufuhren von Krediten aus dem Ausland. Zugleich aber wurden die Rechte ausländischer Partner brutal beschnitten. Es war ein irrationales Wirtschafts- Modell, das dem Untergang geweiht war. Und es ging unter, als die Ölpreise zusammenbrachen.)

Alex Alexiev in der englischsprachigen Kiewer Zeitschrift Kyiev Post über den Zustand der russischen Wirtschaft.

Kommentar: Ein sehr lesenswerter Artikel, der zum einen den Hintergrund des Erdgas- Streits erhellt, zum anderen aber auch eine allgemeine Analyse der wirtschaftlichen Lage Rußlands liefert.

Was den Erdöl- Streit angeht, macht Alexiev auf einige Fakten aufmerksam, die im Westen oft außer Acht gelassen werden.

So sei der von der Ukraine jetzt geforderte Gaspreis von 500 Dollar pro 1000 Kubikmeter unrealistisch: Abnehmer wie Armenien und Weißrußland zahlen gerade einmal 110 bis 120 Dollar; Georgien und Moldavien 270 bis 280 Dollar. Sogar auf den westlichen Märkten werde der Preis russischen Gases, so Alexiev, wegen der Bindung an den Ölpreis, bald auf rund 250 Dollar sinken.

Alexiev macht auch darauf aufmerksam, daß die Ukraine aus Sowjet- Zeiten (sie war das Zentrum der sowjetischen Gasindustrie) über riesige Speicher- Kapazitäten verfügt, so daß von vornherein klar war, daß der Boykott sie gar nicht unmittelbar treffen würde. Er traf kleinere Länder Osteuropas, und er alarmierte den Westen.

Was also sollte der Theaterdonner? Alexiev weist auf verschiedene Möglichkeiten hin: Vielleicht sollte versucht werden, durch den Boykott die Preise zu stabilisieren. Vielleicht sollte die Bereitschaft westlicher Länder befördert werden, dem Bau von Pipelines zuzustimmen, die Polen, die Ukraine und das Baltikum umgehen.

Jedenfalls bestehe wohl ein Zusammenhang mit der Krise, vor der eine Wirtschaft steht, die auf den Einkünften aus dem Öl- und Gasgeschäft basiert und die diese Einkünfte jetzt schwinden sieht. Das russische Kartenhaus stehe vor dem Zusammenbruch.



Mit Dank an Thomas Pauli. Für Kommentare bitte hier klicken.

10. Januar 2009

Marginalie: Wie geht das eigentlich technisch - einem Land das Gas abdrehen? Und was sollen die Inspektoren eigentlich in der Ukraine inspizieren?

Die Antworten kann man in Slate vom Donnerstag nachlesen:

Was das Abdrehen angeht: Zum einen gibt es in einer Gasleitung Ventile, die im Abstand von einigen Kilometern angebracht sind, um zum Beispiel bei einem Leck oder zur Wartung das Gas abstellen zu können. Diese können die Russen - oder auch die Ukrainer - schließen.

Zweitens (und interessanter) gibt es im Abstand von ungefähr hundert Kilometern Kompressor- Stationen. Das Gas verliert nämlich beim Transport an Druck, und dieser wird durch die Turbinen dieser Stationen wieder auf die erforderliche Höhe gebracht.

Diese Turbinen nun werden ihrerseits mit Gas betrieben, das aus den Leitungen abgezweigt wird. Womit wir bei der zweiten Frage sind: Was sollen die Inspektoren inspizieren?

Die Gaslieferungen aus Rußland nach dem übrigen Europa fließen durch dieselben Leitungen wie diejenigen in die Ukraine. Damit sie in Deutschland usw. ankommen, müssen die Kompressor- Stationen in der Ukraine arbeiten. Diese verbrauchen Gas.

Die Russen behaupten, die Ukrainer hätten von den Gaslieferungen, die für Europa bestimmt gewesen waren, einen Teil für sich selbst abgezweigt. Diese entgegnen, sie hätten nur das Gas abgezweigt, das zum Betrieb der Turbinen erforderlich sei. Die Inspektoren sollen überwachen, was tatsächlich passiert.



So jedenfalls erklärt es uns Jacob Leibenluft in Slate, und er hat dazu nicht einfach in der Wikipedia nachgesehen, sondern Experten befragt: Tom Miesner von Pipeline Knowledge and Development, Jonathan Stern vom Oxford Institute for Energy Studies und Brian Towler von der University of Wyoming.

Das hat er gemacht für einen kleinen Artikel in Slate.

Würde "Spiegel- Online" doch nur für einen langen Artikel wenigstens ein Drittel dieses Recherche- Aufwands investieren!



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28. August 2008

Zitat des Tages: "Wir könnten das Gas abdrehen"

Der Westen hat nichts, aber auch gar nichts, womit er uns antworten könnte, sollte er es aber - Gott behüte - versuchen, werden ihn selbst einige Sanktionen treffen. Wir könnten beispielsweise ihm das Gas abdrehen.

Valeri Galtschenko, Abgeordneter der Duma und Mitglied des Präsidiums von Putins Partei "Geeintes Russland" laut der russischen Nachrichtenagentur Novosti.

Kommentar: Es ist vielleicht kein Zufall, daß gestern die Internet- Zeitung "Russland.ru" einen Artikel über die Abhängigkeit Deutschlands von den Erdgaslieferungen aus Rußland hatte. Dort ist zu lesen:
Erdgas aus Russland spielt für Deutschlands Energieversorgung eine herausragende Rolle.

Mehr als 60 Prozent des gesamten Energiebedarfs muss Deutschland inzwischen mit Importen decken, bei Erdgas waren es nach Berechnungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) im vergangenen Jahr sogar 85 Prozent.

Wichtigstes Bezugsland war dabei Russland mit 37 Prozent weit vor Norwegen mit 26 Prozent und den Niederlanden mit 18 Prozent. Deutsche Erdgasfelder deckten nur 15 Prozent des Verbrauchs. (...)

Im europäischen Vergleich ist Deutschland überdurchschnittlich von Einfuhren abhängig. Im Durchschnitt erzeugten die Mitgliedstaaten 2006 rund 46 Prozent ihres Energiebedarfs selber, in Deutschland waren es nach Berechnungen des EU-Statistikamts Eurostat nur knapp 39 Prozent.
Falls die jetzige Georgien-Krise etwas Gutes hat, dann ist es vielleicht der Beginn einer Diskussion in Deutschland über unsere Energieversorgung. Und zwar einer politischen Diskussion.

In den vergangenen Jahren wurde viel, sehr viel über Energie diskutiert. Aber eine politische Diskussion war das nicht, sondern eine ganz überwiegend ideologische.

Wir haben in Deutschland so diskutiert, als lebten wir in einem Energie- Paradies, in dem wir nur vor der Entscheidung dafür stehen, die bekömmlichsten Früchte von den Bäumen zu pflücken und die anderen abzulehnen.

Daß es vielleicht einmal knapp werden könnte mit den eigenen Früchten und denen, die wir jederzeit von anderen bekommen können, das kam in dieser Diskussion als Thema kaum vor.

Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn die Russen uns demnächst einmal den Gashahn zudrehen würden. Das könnte vermutlich eine realistische Diskussion über die langfristige Sicherung unserer Energieversorgung anstoßen.

Allerdings wird Putin es genau deshalb sein lassen, das Zudrehen des Gashahns. Vorerst jedenfalls, solange wir noch die Option eines Ausstiegs aus der Abhängigkeit von Rußland haben.



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