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7. Mai 2013

Grenzen des Wachstums - über den Saatgutstreit in der EU


Ich habe das Privileg, ein kleines Reihenhäuschen zu besitzen. Im Vorgarten steht eine Kirsche, im Garten ein Apfelbaum und eine Felsenbirne. Außerdem besitze ich Tomaten, Erdbeeren und manchmal Salat. Diese Nutzpflanzen stammen alle entweder von Züchtern (Gärtnereien) oder von Samenhändlern. Damit bin ich schon mittendrin. Im Saatgutstreit. Manche würden sagen: Saatgutkrieg. Ob nun Streit oder Krieg: die Emotionen schlagen hoch und es geht um viel Geld. 
Saatgut: das ist zunächst mal im weitesten Sinn alles, woraus man die nächste Generation der Produkte erzeugt, die später in unserem Mund landen. Ups, Stop: Produkte. Was war das für ein böses Wort? Geht es nicht um Lebewesen, um das Leben selbst, um das Natürlichste überhaupt? Lebensmittel? Steckt das Wort "Leben" doch schon drin. Ist es nicht bereits ein Fehlschritt, diesen Bereich so kommerzialisieren zu wollen, dass man statt von "Lebensmitteln" von "Produkten" spricht? Um eins bereits vorweg zu nehmen: die Antwort wird nicht leicht. Weder für die Befürworter der... äh, jetzt wollte ich irgendwas mit "Seite" schreiben so was wie "liberal-marktwirtschaftliche Seite gegen...". Dann merke ich, dass ich nicht mal in der Lage bin, Namen für die beiden verfeindeten Lager zu finden. Also halten wir fest: es wird nicht einfach. 

12. April 2013

Das unbeugsame Dorf: die Tschechen und ihr Verhältnis zur EU

Manchen mögen die spektakulären Interviews und Auftritte von Václav Klaus, dem letzten Präsidenten Tschechiens in Erinnerung sein. Klaus war ein Streiter gegen die Haftungsunion, ein Streiter gegen den Brüsselerer Zentralismus und Bürokratismus. Und er hatte, entgegen der Darstellung in vielen deutschen Medien, die Mehrheit der Tschechen hinter sich. Klaus war von 1992 bis 1998 Ministerpräsident, von 1998 bis 2002 Vorsitzender des Abgeordnetenhauses und von 2003 bis 2013 Staatspräsident.
Insbesondere Klaus' Kritik an der EU führten bei vielen linken deutschen Politiker zur Abneigung. Sogar Zettel hat sich einmal mit diesem Thema beschäftigt.
Klaus Nachfolger als Staatspräsident wurde erstmalig gewählt. Der Wahlkampf, das Wahlergebnis und die nachfolgenden Wochen zeichnen ein deutliches Bild des heutigen Tschechien.

3. April 2013

Äpfel, Birnen und Euros: ein Vergleich der deutschen Belastungen durch die EU-Krise


Eine noch unveröffentlichte Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) besagt, dass Deutschland bereits jetzt 187 Milliarden Euro auf Grund der Finanzkrise verloren hätte. Das klingt zunächst nach viel Geld. Wirklich? Um beurteilen zu können, ob 187 Mrd viel Geld ist oder nicht, muss man zunächst eine Vergleichsbasis haben. Für mich als Privatperson ist das ein hübsches Sümmchen, deutlich mehr als mein Jahresgehalt. Bezogen auf das Bruttosozialprodukt der Welt ist es minimal. Ich lade Sie ein, verschiedene Betrachtungsweisen dieser Summe mit mir durchzuspielen.

18. November 2009

Gorgasals Kleinigkeiten: Kompetenz in der EU

Ein Scherzbold würde einen Blogbeitrag mit diesem Titel möglicherweise leer lassen. Aber in Zettels Raum geht es ja (meistens) ernst zu.

Die EU will diesen Donnerstag auf einem Sondergipfel zwei Positionen besetzen, die durch den Vertrag von Lissabon geschaffen wurden. Ein ständiger Ratspräsident wird als eine Art Europapräsident die Versammlung der Staats- und Regierungschefs leiten und Europa nach außen repräsentieren. Und ein Außenbeauftragter wird als Europas Außenminister der EU-Kommission angehören und einen diplomatischen Dienst der EU leiten, in den auch die militärischen Strukturen der EU überführt werden sollen.

Keine ganz unwichtigen Positionen also. Entsprechend muss der Proporz gewahrt bleiben. Große und kleine Länder, links und rechts, Zentrum und Peripherie, Alt und Neu, Nord und Süd, Männlein und Weiblein, alles muss ausgewogen repräsentiert sein. Aber auch weniger wichtige Apekte dürfen nicht unter den Tisch fallen:
Carl Bildt, the foreign minister of Sweden, said among all the considerations - the political, geographical and gender balance, there was "also an issue of competence that should not be entirely forgotten."

Carl Bildt, der schwedische Außenminister, wies darauf hin, dass neben all diesen Gesichtspunkten - politische, geographische und Gender-Ausgewogenheit - auch "die Frage der Kompetenz besteht, die nicht völlig vergessen werden sollte."
Wahrscheinlich meinte er das ironisch. Wahrscheinlich.




© Gorgasal. Den Hinweis habe ich von Ulrich Specks Morning Briefs. Für Kommentare bitte hier klicken.

6. September 2009

Deutschland im Öko-Würgegriff (19): Was kommt nach dem Glühbirnen-Verbot? "Öko-Design". Die Pläne der Euro-Bürokraten und ihr Hintergrund

Die Glühbirne ist - wenn Sie mir die hier etwas skurrile Metapher nachsehen - nur die Spitze eines Eisbergs. Was gegenwärtig in Brüssel in Vorbereitung ist, das läuft darauf hinaus, in alle Bereiche unseres Lebens hineinzuregieren. Sämtliche Produkte, die irgend etwas mit dem Verbrauch von Energie zu tun haben - und es gibt ja wenige, für die das nicht der Fall ist - sollen der Regulierung durch die EU unterworfen werden.

Diese Bemühungen sind nicht neu. Sie gehen auf eine Vereinbarung vom April 2005 zurück, über die der EU- Informationsdienst EurActiv dies berichtet:
EU lawmakers reached an agreement in April 2005 on a proposal aimed at increasing energy savings from all consumer appliances running on electricity. With this proposal, the Commission sought to make the design of products such as hairdryers, computers, fridges, or office equipment more environmentally- friendly and reduce emissions of greenhouse gases blamed for global warming.

Im April 2005 einigten sich die europäischen Gesetzgeber auf eine Übereinkunft für einen Plan, dessen Ziel es ist, die Einsparung von Energie bei allen elektrisch betriebenen Konsumartikeln zu verbessern. Mit diesem Plan beabsichtigte die Kommission, die Konstruktion von Waren wie Föhnen, Computern, Kühlschränken oder Bürogeräten umweltfreundlicher zu gestalten und die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren, die für die globale Erwärmung verantwortlich gemacht werden.
Das war die Initialzündung. Dann ging es zügig voran. Hier ist eine Liste der anschließenden Schritte. Ich verzichte ausnahmsweise auf eine Übersetzung, weil es weniger auf die Einzelheiten ankommt als auf einen Eindruck von der Konsequenz, mit der dieses Unternehmen betrieben wird:
  • July 2005: The European Parliament and the Council adopt a final text (EUP Directive 2005/32/EC). (...) Priority products include heating, electric motors, lighting and domestic appliances.

  • 16 July 2008: The Commission adopts a proposal for a directive to extend the scope of the framework Ecodesign Directive to cover other energy-related as well as energy-using products.

  • 26 Sept. 2008: EU governments endorse two proposals to add lighting and TV 'set-top' boxes to the list of regulated equipment.

  • 17 Oct. 2008: EU governments approve a proposal to improve the energy performance of external power supplies (EPS), which convert power for household and office products.

  • 21 Oct. 2008: Commission unveils a list of ten priority energy-using product groups for which it wants energy-efficiency standards to be established within the next three years.

  • 8 Dec. 2008: EU national representatives vote in favour of phasing out energy-guzzling incandescent light bulbs and inefficient halogen bulbs between 2009 and 2012.

  • 17 Dec. 2008: Commission adopts regulation to reduce standby power consumption of electronic household and office equipment.

  • 4 Feb. 2009: Commission adopts efficiency standards for simple set-top boxes.

  • 18 March 2009: Commission adopts two regulations to improve the energy efficiency of house lamps and office, street and industrial lighting.

  • 6 Apr. 2009: Commission adopts regulation to reduce electricity consumption of external power supplies.

  • 24 Apr. 2009: Parliament approves extension of the Eco-design Directive to cover products with an indirect impact on energy use.

  • 22 July 2009: Commission adopts four regulations to make industrial motors, water circulators, televisions, refrigerators and freezers more efficient.
  • Besonders interessant ist die Entscheidung des Europäischen Parlaments vom 24. April 2009, die Direktive auf Produkte mit einer "indirekten Auswirkung auf den Energieverbrauch" auszudehnen. Das ist eine Gummi- Bestimmung, die den Weg für eine nahezu beliebige Ausweitung der Regulierung freimacht.

    Je mehr warmes Wasser man beispielsweise beim Duschen verbraucht, umso höher ist logischerweise der Verbrauch an Energie. Also wird auch das Duschen demnächst der Regulierung durch die Euro- Bürokraten unterliegen.

    Sie halten das für einen Witz? Dann tun Sie es sich doch bitte an und werfen Sie einmal einen Blick auf dieses Dokument der Europäischen Kommission, in dem der Werdegang dieser Direktive aufgelistet ist. Und hier finden Sie die einschlägigen Texte.

    Reguliert werden "energieverbrauchsrelevante Produkte". Ein solches Produkt ist ein
    Gegenstand, dessen Nutzung den Verbrauch von Energie in irgendeiner Weise beeinflusst und der in der Europäischen Union in Verkehr gebracht und/oder in Betrieb genommen wird, einschließlich Teilen, die zum Einbau in ein unter diese Richtlinie fallendes energieverbrauchsrelevantes Produkt bestimmt sind, als Einzelteil für Endnutzer in Verkehr gebracht und/oder in Betrieb genommen werden und getrennt auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft werden können.
    Was damit konkret gemeint ist, das geht aus der Stellungnahme des EU- Parlaments hervor:
    Neben Produkten, die Energie verbrauchen, erzeugen, übertragen oder messen, können ausgewählte energieverbrauchsrelevante Produkte, einschließlich Produkten, die im Baugewerbe verwendet werden, wie Fenster und Isoliermaterialien, oder einige den Wasserverbrauch beeinflussende Produkte wie Duschköpfe oder Wasserhähne auch zu erheblichen Energieeinsparungen beim Gebrauch beitragen.
    Falls Sie also, lieber Leser, die Neigung haben sollten, sich von Ihrer Dusche nicht nur berieseln zu lassen, sondern auch schon einmal einen kräftigen Wasserstrahl einzustellen, dann empfehle ich: Bevorraten Sie sich mit Duschköpfen.



    Wenn man sich die Texte ansieht, aus denen ich zitiert habe, dann hat man den Eindruck, es nicht mit europäischen Dokumenten zu tun zu haben, sondern mit Propaganda der Grünen, von Greenpeace oder des BUND. Lediglich der formale Aufwand verrät, daß da europäische Juristen am Werk sind.

    Wie konnte ausgerechnet die Brüsseler Bürokratie, dominiert von französischen Enarques, den Absolventen der Eliteuniversität ENA, derart dunkelgrün werden? Es hat sich, scheint mir, so etwas entwickelt wie eine Symbiose zwischen Bürokraten und Umwelt- Ideologen.

    Wie Unternehmen sind Bürokratien ihrem Wesen nach expansiv. Die Expansion von Unternehmen findet ihre Grenzen in der Konkurrenz und allgemein den Bedingungen des Markts. Die Expansion von Bürokratien bestimmt sich danach, welchen Widerstand ihr die Öffentlichkeit und die Parlamente entgegensetzen. Fehlt dieser Widerstand, wie das im real existierenden Sozialismus der Fall war, dann durchdringt die expandierende Bürokratie alsbald die gesamte Gesellschaft.

    Um den Widerstand gegen ihre Expansion zu verringern, muß eine Bürokratie den - berechtigten oder unberechtigten - Eindruck erwecken, sie sei nützlich. In den modernen kapitalistischen Ländern tun das die Bürokratien höchst erfolgreich in zwei Bereichen: Gesundheit und Umwelt.

    Um ihre Gesundheit kümmerten sich die Menschen in freien Gesellschaften selbst. Heute dagegen hat die Bürokratie unsere Gesundheit zu ihrem Anliegen gemacht; vom staatlich kontrollierten Gesundheitssystem über das Rauchverbot bis hin zum strengen Auge der Bürokratie, das darüber wacht, ob Eltern ihre Kinder auch regelmäßig dem Kinderarzt vorstellen.

    Noch viel erfolgreicher sind die Bürokraten bei der Umwelt. Denn "Umwelt" ist schließlich so ungefähr alles in dieser Welt. Es gibt schlechterdings keinen Bereich, in den sich nicht auch Umweltbürokraten einmischen könnten. Alles muß ja produziert, verwendet, dann irgendwann beseitigt werden. Also hat es Wirkungen auf die Umwelt. Und nahezu alles, was wir tun oder lassen, hat Einfluß auf die Umwelt; vom Fleischverzehr bis zum Flug in den Urlaub.

    Die Umwelt- Ideologie stellt insofern Ersatz für die Rolle bereit, die einst die Religion spielte. Alles kann man unter religiösen Aspekten betrachten; alles eignet sich folglich dazu, Menschen zu lenken und bei ihnen ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. So ist es heute mit der Umwelt; und die Umweltbürokraten haben die Rolle des Klerus übernommen.

    Bessere Expansionsbedingungen kann es folglich für eine Bürokratie gar nicht geben. Diese Chance haben auch die Eurokraten erkannt. Systematisch haben sie Kompetenzen für die Umweltpolitik an sich gezogen.

    Ja, aber gilt denn nicht eigentlich das Subsidiaritätsprinzip? Darf Brüssel denn nicht nur das regeln, was auf nationaler Ebene nicht geregelt werden kann? Gemach, das bekommen sie schon hin, die Eurokraten.

    In der Stellungnahme des Europäischen Parlaments, aus der ich schon zitiert habe, heißt es gegen Ende dazu:
    Da das Ziel der beabsichtigten Maßnahme, nämlich durch angemessene Anforderungen an die umweltrelevanten Eigenschaften von Produkten das Funktionieren des Binnenmarktes zu gewährleisten, auf Ebene der Mitgliedstaaten nicht ausreichend verwirklicht werden kann und daher wegen des Umfangs und der Wirkungen der Maßnahme besser auf Gemeinschaftsebene zu erreichen ist, kann die Gemeinschaft im Einklang mit dem in Artikel 5 des Vertrags niedergelegten Subsidiaritätsprinzip tätig werden.
    Es ist also ganz einfach: Da fast jedes Produkt irgendwie auch energierelevant ist, kann die EU versuchen, nach und nach immer weitere Marktsegmente mit ihrer Regulierungswut zu überziehen. Und da fast jedes Produkt heute nicht mehr nur auf dem nationalen Markt, sondern europaweit angeboten wird, ist sie dafür immer auch zuständig.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Schiffe sinken im Sturm. Gemälde von Ludolf Backhuysen (ca 1630). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist (Ausschnitt). Mit Dank an Jan Filter, durch dessen Artikel ich auf das Thema aufmerksam geworden bin.

    25. Juli 2009

    Zitat des Tages: "Der Absatz von Glühlampen steigt". Hamstern als Akt des Widerstands. Nebst einem Kauftip

    Das vom 1. September an geltende EU- Vermarktungsverbot für Glühlampen geht nach hinten los: Statt auf energiesparende Produkte zu wechseln, decken sich die Verbraucher derzeit massiv mit konventioneller Ware ein. Bundesweit hat der Absatz an Glühlampen laut GfK zwischen Januar und April um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugenommen

    Aus einer Vorabmeldung des "Spiegel"; Überschrift "Hamsterkäufe bei Glühlampen".

    Kommentar: Wie lange hat es in Deutschland keine Hamsterkäufe mehr gegeben! Ich vermute, daß selbst das Wort der jüngeren Generation fremd geworden ist.

    Gehamstert wurde in der Nachkriegszeit, als es nichts zu essen und kein Heizmaterial gab. Wenn doch einmal etwas zu ergattern war, dann besorgte man sich davon so viel, wie man kriegen konnte. Was man selbst nicht brauchte, würde man schon auf dem Schwarzen Markt eintauschen können.

    Dann gab es Hamsterkäufe zur Zeit des Kalten Kriegs, wenn wieder einmal die Gefahr eines Heißen Kriegs am Horizont auftauchte. Man hamsterte dann das, was erfahrungsgemäß in Kriegszeiten knapp wird: Zucker, Mehl, Öl, Dosenwurst; dergleichen.

    Vielleicht wurde auch in der DDR gehamstert, wenn es etwas "gab". Das weiß ich nicht so genau.

    Jedenfalls: Daß ich noch einmal in Deutschland eine Zeit der Hamsterkäufe erleben würde, hätte ich nicht gedacht.

    Aber der Öko-Wahn macht's möglich. Falls Sie von diesem Wahn noch nicht genug haben, mögen Sie vielleicht das eine oder andere aus meiner Serie "Deutschland im Öko- Wahn" lesen.



    Es ist freilich eine andere Art von Hamstern, die unter der Herrschaft des - so habe ich es in diesem Artikel einmal genannt - "Struwwelpeter- Prinzips" auftritt.

    Die Struwwelpeter- Geschichten führen uns exemplarisch Kinder vor, die nicht eigenverantwortlich handeln können; also bleibt nur das Verbieten, um sie vor Schäden zu schützen, die sie sonst anrichten oder selbst erleiden.

    So sieht die EU uns Bürger: Unfähig zur Eigenverantwortung. Nicht einmal die Entscheidung, ob wir zwecks Umweltschutz auf "Sparleuchten" umsteigen wollen, können wir eigenverantwortlich treffen, meinen diese Bürokraten und Politiker. Man muß uns schon zwingen, wie Paulinchen und Friederich, den Wüterich.

    Darauf mit Hamstern zu reagieren ist nicht - wie früher das Hamstern - die nackte Anpassung an die Not des Lebens; sondern es ist ein Akt der Auflehnung gegen die Unverschämtheit dieser Bürokraten. Es ist ein leiser, ein wenn man so will passiver Widerstand. Aber immerhin.

    Und nun möchte ich Ihnen noch ein wenig Lebenshilfe bieten: Hier können Sie günstig Glühbirnen hamstern. Den Tip verdanke ich Meister Petz.



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    6. Mai 2009

    In gut vier Wochen sind Europawahlen. Hier meine Wahlempfehlung

    Morgen in vier Wochen beginnt die Europawahl mit der Öffnung der Wahllokale in Großbritannien und Holland. Die anderen Länder folgen in den Tagen darauf; zur Schlußgruppe gehören wir in Deutschland mit der Wahl am Sonntag, dem 7. Juni. Erst am Sonntag Abend werden europaweit die Resultate veröffentlicht.

    Gut einen Monat vor Wahlen ist normalerweise der Wahlkampf längst in seiner heißen Phase. Von den Europawahlen wird man das nicht sagen können, jedenfalls nicht in Deutschland. Keine Wahlspots, kaum Berichterstattung über die Wahlen, nur zögerlich Plakatwerbung. Es gehört keine prophetische Gabe dazu, vorherzusagen, daß die Wahlbeteiligung dürftig sein wird.

    Zum ersten Mal, seit ich wahlberechtigt wurde, habe auch ich mir überlegt, ob ich überhaupt zur Wahl gehen werde.

    Eigentlich sehe ich es als meine staatsbürgerliche Pflicht an, von meinem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Denn welches Recht habe ich zur Kritik, wenn ich meine Mitwirkung am demokratischen Entscheidungsprozeß verweigere? Der bewußte Wahlverweigerer kommt mir als ein Kritikaster vor, der herummeckert, es aber ablehnt, selbst etwas zu tun.

    Anders ist es natürlich bei denjenigen, die sich schlicht nicht für Politik interessieren. Sie haben nicht nur das Recht, dies durch Wahlenthaltung zum Ausdruck zu bringen; sondern es erscheint mir auch angemessen, wenn sie sich so verhalten. Denn was nutzt dem Gemeinwesen die Stimme eines Bürgers, der gar nicht verantwortlich entscheiden kann, weil er von dem, worüber er entscheidet, nichts weiß?

    Ob jemand aus Desinteresse oder als bewußte Demonstration dem Wahllokal fernbleibt, kann man freilich nicht wissen. Schon deshalb ist das demonstrative Nichtwählen keine sehr weise Entscheidung - just das Demonstrative daran bleibt ja unbemerkt. Es ist so wirksam wie ein Wahlplakat, das jemand im eigenen Schlafzimmer aufhängt.

    Dies gesagt - es gibt für mich Gesichtspunkte, die dafür sprechen, diesen Wahlen fernzubleiben. Denn das Wählen setzt voraus, daß man grundsätzlich mit der Institution einverstanden ist, über deren Zusammensetzung man mitbestimmt; und mit dem Verfassungsrahmen, in den sie eingebettet ist.

    Mit der Bundesrepublik Deutschland, mit ihren Institutionen, mit ihren Parlamenten bin ich einverstanden. Mit der Art, wie Europa sich institutionell entwickelt hat und wie es sich auf der Grundlage der Verträge von Lissabon weiterentwickeln soll, bin ich nicht einverstanden.



    Die Gründe für diese Haltung habe ich in früheren Artikeln dargelegt, die sich u.a. mit den unklaren Vorstellungen über die Struktur Europas, mit der problematischen Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs und immer wieder mit dem Versuch der Brüsseler Etatisten befaßt haben, bis hin zu lächerlichen Kleinigkeiten ins Leben der EU-Bürger hineinzuregieren. Der Gipfel, sozusagen, war eine EU-Richtlinie mit dem Ziel, das Seilbahn- Wesen in der Europäischen Union zentral zu regulieren. Dieser Richtlinie und ihrer hanebüchenen juristischen Begründung habe ich im September vergangenen Jahres einen längeren Artikel in zwei Teilen gewidmet.

    Dieses Europa der Etatisten nun also wollte sich bekanntlich eine Verfassung geben. Als diese von den Franzosen und den Holländern abgelehnt wurde, hat man das nicht respektiert. Genauer: Man hat es nur formal respektiert und den Inhalt umformuliert; ihn in die Form der Verträge von Lissabon gegossen, die nun keiner Zustimmung durch ein Referendum mehr bedurften; mit Ausnahme Irlands.

    Dieses neue Europa basiert, mit anderen Worten, auf einer Trickserei, mit der der Volkswille umgangen wurde. Auch der Wille der Iren soll offenbar übergangen werden. Man wird wohl einfach noch einmal abstimmen lassen, nach dem Prinzip: Wir wählen so oft, bis das richtige Ergebnis herauskommt. So ruiniert man das Vertrauen in Institutionen.

    Kurz, dieses Europa, dessen Parlament in einem Monat gewählt wird, ist nicht das politische Europa, dem ich so zustimmen kann, wie ich mit der Bundesrepublik Deutschland einverstanden bin. Verpflichtet fühle ich mich deshalb nicht, zur Wahl zu gehen.



    Ich werde es gleichwohl tun. Zum einen aus dem schon genannten Grund: Demonstrative Wahlenthaltung ist nicht als demonstrativ erkennbar; sie wird unter die allgemeine "Wahlmüdigkeit" subsumiert.

    Zum anderen geht es ja gar nicht primär um Europa.

    An der Zusammensetzung des Europäischen Parlaments wird sich nach Umfragen nicht viel ändern; sie ist im übrigen ziemlich egal. Es gibt dort keine Regierungs- und keine Oppositionsparteien. Wenn sich aufgrund der jetzigen Wahlen die Proportionen zwischen den Fraktionen (den Christdemokraten/Konservativen, den Sozialisten, den Liberalen, den Grünen, den Kommunisten und den Euroskeptikern) geringfügig verschieben sollten, dann ist das ohne jeden Belang.

    Allenfalls ein gutes Abschneiden der beiden Fraktionen der Euroskeptiker (der Union für ein Europa der Nationen und der Fraktion Unabhängigkeit und Demokratie) könnte eine gewisse Wirkung haben.

    Würde in Deutschland eine ernstzunehmende, demokratische euroskeptische Partei zur Wahl antreten - sie hätte meine Stimme. Aber seltsam - während europaweit Euroskeptiker auf den Stimmzetteln stehen werden, sucht man sie in Deutschland vergeblich.

    Man kann sie sich bereits ansehen, die Stimmzettel; der Bundeswahlleiter stellt Muster als PDF-Datei zur Verfügung. Weder die EUDemokraten noch Libertas werden in Deutschland zur Wahl stehen.

    Diese Stimmzettel sind auch sonst ganz interessant. Sie sind lang; nicht weniger als 31 Parteien oder sonstige Vereinigungen befinden sich darauf. Deren Reihenfolge ist von Bundesland zu Bundesland verschieden; je nach den Ergebnissen früherer Wahlen. Meist steht die Union auf Platz eins, in Bremen aber die SPD, und in Brandenburg sind es gar die Kommunisten.

    An dieser Äußerlichkeit wird derjenige Umstand deutlich, der mich veranlaßt, wählen zu gehen: Die wahre Bedeutung dieser Wahlen liegt nicht auf der europäischen Ebene, sondern auf der nationalen. Und das gilt besonders für Deutschland.

    Denn mit den Europawahlen wird dieses "Superwahljahr" eröffnet. Sie haben damit so etwas wie eine prägende Wirkung. Wer in diesen Wahlen gut abschneidet, der wird Aufwind für die nachfolgenden Wahlen bekommen. Wer patzt, der geht aus einer schlechten Position in die Wahlen dieses Jahres.

    Wie sind die Aussichten der einzelnen Parteien? Es liegen bisher zwei Umfragen vor; beide von Anfang April. Sie zeigen übereinstimmend für die Union und die SPD ungefähr die Werte, die diese auch bei den Umfragen zum Bundestag erreichen. Überraschend aber sind die Zahlen für die Grünen und die FDP: In beiden Umfragen liegen die Grünen bei 13 Prozent und die FDP nur bei 10 Prozent - also eine deutliche Umkehrung der Verhältnisse bei der Sonntagsfrage.

    Natürlich kann es sich bei nur zwei vorliegenden Umfragen um Stichprobenfehler handeln. Aber ein solches Ergebnis würde sich auch unschwer interpretieren lassen: Viele Wähler der Grünen dürften gemerkt haben, wie prächtig sich "grüne Inhalte" über den Transmissionsriemen EU - nämlich via Verordnung oder via Richtlinie - durchsetzen lassen. Unter den Wählern der FDP hingegen dürften viele Euroskeptiker sein, die genau aus diesem Grund der EU ablehnend gegenüberstehen. Wer freiheitlich denkt, kann in der Tat dieser EU und ihrem Entwicklungstrend nicht zustimmen. Also dürfte das Interesse an den Europawahlen bei den Wählern der Grünen höher sein als bei denjenigen der Liberalen.



    Und damit bin ich bei meinem Fazit, das Sie, lieber Leser, nun nicht mehr verwundern wird: Ich werde zur Wahl gehen, und ich werde die FDP wählen. Ein deutlich schlechteres Abschneiden, als ihr die momentanen Umfragen für den Bundestag vorhersagen, wäre ein miserabler Auftakt für dieses Wahljahr. Erst recht dann, wenn die FDP auch noch deutlich von den Grünen überholt werden würde.

    Ich bitte Sie, die Überlegungen, die ich in diesem Artikel vorgetragen habe, zu prüfen, und würde mich freuen, wenn Sie dann zur selben Entscheidung kämen.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fahnen vor dem Gebäude der Europäischen Kommission. Autor: Xavier Häpe; frei unter Creative Commons Attribution 2.0 License.

    23. April 2009

    Zitat des Tages: Aderlaß und Klistier. Gibt es in Deutschland demnächst Schmalspur-Mediziner?

    Die Versuchung ist sicherlich groß, in Form jenes "Bachelors" die Bader und Feldscher der alten Tage wiederauferstehen zu lassen, den Krankenpfleger mit erweiterter Handlungsbefugnis, den Arzt mit eingeschränktem Spielraum. (...) Endlich würde der Ausstiegsbachelor zum weiteren Ausbluten der wissenschaftlichen Medizin in Deutschland führen. Aber das passt ja zur vorwissenschaftlichen Medizin: Aderlass und Klistier gehörten zu deren Lieblingstherapien.

    Die Frankfurter Medizinprofessoren Josef Pfeilschifter und Helmut Wicht in der FAZ zu Überlegungen, im Rahmen des "Bologna- Prozesses" ein sechsemestriges Medizinstudium einzuführen, das zu einem Bachelor- Abschluß führen soll.

    Kommentar: Bereits die Einführung der Bachelor- Studiengänge in denjenigen Fächern, in denen der Studienabschluß zuvor der Magister oder das Diplom gewesen war, hat zu den verheerenden Konsequenzen geführt, die ich hier im Oktober des vergangenen Jahres beschrieben habe: Verschulung des Studiums, das durch die ständigen studienbegleitenden Prüfungen zu einer Paukerei wird; die Erzeugung von Halbakademikern, nicht Fisch, nicht Fleisch.

    Immerhin waren wenigstens diejenigen Studiengänge, die mit einem Staatsexamen abschließen - vor allem Medizin und Jura - bisher von dieser sogenannten Reform verschont geblieben.

    Jetzt also soll auch über die Medizin die Sauce Bolognese ausgegossen werden. Wohl bekomm's!.

    Wer, wenn diese Pläne Wirklichkeit werden, in einigen Jahren zum Arzt geht, der wird gut daran tun, sich erst einmal über dessen Studienabschluß zu informieren.

    Oder wie wäre es damit: Der Kassenpatient muß mit dem Bachelor- Arzt vorliebnehmen, der ja Aderlaß und Klistier beherrscht; vielleicht auch das Handauflegen und die Akupunktur. Der Privatpatient hingegen kann sich für sein gutes Geld einen Master- Arzt leisten. Und gegen entsprechende Zuzahlung bekommt er sogar einen promovierten Doktor.

    Oder er läßt sich gleich im Ausland behandeln.



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    20. Februar 2009

    Zitat des Tages: Eine "Karnevalsrede". Wie unsere Medien über die Rede des tschechischen Staatspräsidenten berichten. Und was er wirklich gesagt hat

    Tschechiens Präsident sorgt für Eklat - "Karnevalsrede" im EU-Parlament

    Überschrift des Berichts der Brüsseler Korrespondentin der ARD, Katrin Brand, im Internet- Auftritt der "Tagesthemen".

    Kommentar: Der Staatspräsident des Landes, das gegenwärtig die Präsidentschaft der EU innehat, hat vor dem Europäischen Parlament eine Rede gehalten. Eine nachdenkliche, eine herausfordernde, eine kritische Rede. Am Ende dieses Artikels finden Sie die wichtigsten Passagen.

    Nicht wahr, es wäre die Aufgabe eines öffentlich- rechtlichen, eines von unseren Gebühren finanzierten, eines zur Ausgewogenheit verpflichteten Senders, über den Inhalt einer so wichtigen Rede ausführlich zu informieren?

    Tut das die Korrespondentin des WDR Katrin Brand? Sie tut das in einer nachgerade empörenden Weise nicht.

    Der Bericht ist so abgefaßt, wie es die reißerische, den Staatspräsidenten herabsetzende Überschrift ankündigt: Über den Inhalt der Rede erfährt man fast nichts; umso mehr über das, was die Überschrift als einen "Eklat" bezeichnet - also die unhöfliche, respektlose Art, wie Angehörige des Parlaments, vor dem der Präsident sprach, auf dessen Rede reagiert haben.

    Der Bericht hat fünf Absätze. Gerade einmal eineinhalb davon befassen sich mit dem Inhalt der Rede; der Rest mit Kritik daran.
    Daniel Cohn Bendit von den Grünen reagierte eher amüsiert: "Die Grünen werden Vaclav Klaus einen Preis vergeben: Die beste Karnevalsrede, die je im Parlament gehalten wurde." Martin Schulz von der SPD kommentierte trocken: "Der Mann hat keine Ahnung!" Und Bernd Posselt von der CDU meinte, das sei die "Provinzposse eines begnadeten Selbstdarstellers" gewesen, der "leider nach dem nationalistischen Libretto aus dem 19. Jahrhundert" gespielt habe.
    So beginnt Katrin Brand ihren Bericht. Der Leser erfährt diese negativen Kommentare, bevor er auch nur mit einem Wort über das informiert worden ist, was der Präsident eigentlich gesagt hat. Die Information darüber beschränkt sich auf ein paar Sätze.

    Nicht besser sieht es in den übrigen Leitmedien aus. "Spiegel- Online" vermischt wie meist Bericht und Kommentar, wenn es schreibt (oder aus den Agenturen zusammenschustert):
    Nachdem der deutsche Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering die Tschechen für ihre wichtige Rolle in Europa gelobt und dabei sogar bis ins 14. Jahrhundert zurückgegangen war, legte Klaus los. Zwar betonte er zunächst, dass es für Tschechien "keine Alternative zum EU-Beitritt gab und gibt". Dann aber fragte er die Abgeordneten, ob sie sich bei Abstimmungen immer sicher seien, dass diese Entscheidungen tatsächlich in Brüssel und nicht besser in den einzelnen Mitgliedstaaten getroffen werden müssten.
    Das nenne ich "loslegen" - Klaus wagt es, an das Prinzip der Subsidiarität zu erinnern; bekanntlich ein Bestandteil der Verträge von Lissabon.

    Ähnlich die meisten anderen Medien. "Ratspräsident Klaus provoziert EU-Abgeordnete" titelt "Zeit- Online"; "Der beste Provokateur - Tschechiens Präsident Klaus poltert in Brüssel" die "Frankfurter Rundschau"; "Tschechiens Präsident sorgt für Eklat im EU-Parlament" ist die Meldung der Bericht der "Deutschen Welle" überschrieben. (Ob es nicht eher die sich echauffierenden Abgeordneten waren, die für den Eklat sorgten?).

    Sachliche Berichte, aus denen wenigstens ein wenig von dem hervorgeht, was Klaus eigentlich gesagt hat, findet man in der FAZ und in der "Welt".



    Und was hat Vaclav Klaus nun gesagt? Hier ist der Text der Rede in der offiziellen deutschen Übersetzung. Auszüge (aus Gründen des Copyrights muß ich mich auf einige Zitate beschränken):
    Ich möchte aber auch auf diesem Forum ganz eindeutig und – für diejenigen, die das entweder nicht wissen oder auch nicht wissen wollen – ganz deutlich und laut wiederholen, dass es für uns keine Alternative zum EU-Beitritt gab und gibt und dass in unserem Land keine relevante politische Kraft existiert, die diese Aussage in Frage stellen könnte oder möge. (...)

    Verschiedene Barrieren und Hindernisse bestehen weiter und es gibt mehr Entscheidungen auf Brüsseler Ebene, als es optimal wäre. Sicherlich gibt es mehr davon, als die Menschen in den einzelnen europäischen Ländern verlangen. Dessen sind Sie sich – meine sehr geehrten Damen und Herren – sicher auch bewusst. Ich stelle hier daher die eher rhetorische Frage, ob Sie sich – bei jeder Ihrer Abstimmungen – sicher sind, dass Sie über Sachen entscheiden, die gerade hier in diesem Saal und nicht näher am Bürger, das heißt in den einzelnen europäischen Staaten, entschieden werden müssen? (...)

    Wenn ich gesagt habe, dass es für uns keine Alternative zu einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union gab und gibt, ist das nur die Hälfte von dem, was dazu zu sagen ist. Die zweite Hälfte ist ganz logisch die Behauptung, dass es für die Methoden und Formen der europäischen Integration im Gegenteil eine Reihe möglicher und legitimer Varianten gibt, genauso wie es sie auch in der letzten Jahrhunderthälfte gegeben hat. Die Geschichte hat kein Ende. (...)

    Außerdem ist offensichtlich, dass die eine oder andere institutionelle Anordnung der Europäischen Union kein Ziel zum Selbstzweck ist, sondern ein Instrument zu Erreichung tatsächlicher Ziele. Und diese Ziele sind nichts anderes als die Freiheit der Menschen und so eine wirtschaftliche Ordnung, die Prosperität mit sich bringt. Und diese wirtschaftliche Ordnung ist die Marktwirtschaft. (...)

    Das heutige System des Entscheidens in der Europäischen Union ist etwas anderes, als das von der Geschichte geprüfte und in der Vergangenheit erprobte System der klassischen parlamentarischen Demokratie. In einem normalen parlamentarischen System gibt es einen Teil der Abgeordneten, der die Regierung unterstützt und einen oppositionellen Teil. Doch das ist im Europäischen Parlament nicht der Fall. Hier wird nur eine Alternative durchgesetzt und wer über andere Alternativen nachdenkt, wird als Gegner der europäischen Integration angesehen. In unserem Teil Europas lebten wir noch bis vor kurzem in einem politischen System, in dem jegliche Alternative unzulässig war und wo es aus diesem Grund auch keine parlamentarische Opposition gab. Wir haben die bittere Erfahrung gemacht, dass dort, wo es keine Opposition gibt, die Freiheit verkommt. Deshalb muss es politische Alternativen geben. (...)

    Ich sage das alles aus einem Gefühl der Verantwortung für die demokratische und prosperierende Zukunft Europas. Ich möchte an die Grundprinzipien erinnern, auf deren Grundlage die europäische Zivilisation seit Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden gebildet ist. Das sind Prinzipien von zeitloser und universeller Gültigkeit, die deshalb auch in der heutigen Europäischen Union gelten sollen. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Bürger der einzelnen EU-Länder Freiheit, Demokratie und Prosperität wünschen. (...)
    Falls Sie die Zeit erübrigen können, lesen Sie die Rede bitte ganz und sorgfältig. Es ist eine der großen Reden in der Geschichte der europäischen Integration; eine kluge und differenzierte Rede.

    Daß die von Katrin Brand zitierten Abgeordneten sich so flegelhaft geäußert haben, wie sie es taten, sagt nichts über diese Rede, aber viel über diese Abgeordneten. Von denen einer - Daniel Cohn-Bendit - sich übrigens schon einmal gegenüber dem tschechischen Staatspräsidenten als ein Flegel benommen hat.



    Nachtrag (20.2. abends): Erst jetzt habe ich gesehen, daß gestern schon Stunden, bevor ich diesen Artikel publiziert habe, bei den Kollegen von B.L.O.G. Boche auf das Thema eingegangen ist und dazu auch ein weiteres Beispiel für die agitatorische Berichterstattung zitiert hat, den Artikel in der FTD. - Siehe auch die Artikel von Daniel Fallenstein und von Jo@achim vom Antibürokratieteam.



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    30. November 2008

    Zitate des Tages: Deutschland als Diener dreier Herren. Sprünge über Bord. Was tun gegen die somalischen Piraten?

    Die Deutsche Marine bereitet sich einstweilen darauf vor, mit gleich drei Fregatten am Horn von Afrika tätig zu werden. Eine wäre der EU unterstellt, die zweite der Nato, die dritte der Anti- Terror- Operation "Enduring Freedom".

    Aus einer Vorausmeldung zum "Spiegel" der kommenden Woche.

    Three men who jumped off their ship to escape from Somali pirates in the Gulf of Aden have been identified as the vessel's security guards.

    (Drei Männer, die von ihrem Schiff sprangen, um somalischen Piraten im Golf von Aden zu entkommen, sind als die Sicherheitsleute des Schiffs identifiziert worden.)

    Aus einer gestrigen Meldung der VOA News.

    Kommentar: Zwei Meldungen, beide bezeichnend für die Probleme beim Kampf gegen die somalischen Piraten.

    Die Sicherheitsleute flohen von dem unter liberianischer Flagge fahrenden Tanker Biscaglia, den sie hatten bewachen sollen. Sie sind Angestellte der Sicherheitsfirma AntiPiracy Maritime Security Solutions (APMSS) mit Sitz in Großbritannien.

    Warum flohen die Männer, statt zu kämpfen? Weil sie gar nicht kämpfen konnten. Sie waren nämlich unbewaffnet.

    Ihre Aufgabe hatte laut dem Chef der Firma, Nick Davis, lediglich darin bestanden, großen Lärm zu machen. Da das die Piraten leider nicht abgeschreckt hatte, flohen die drei Helden.

    Und zwar nicht vor einer Armada von Piraten, sondern vor gerade mal fünf, die in einem Schnellboot an das Schiff herangefahren waren. Diese waren weniger friedlich gesonnen als die Sicherheitsleute. Sie schossen gemeinerweise auf diese, "even after they had jumped into the water", sogar nachdem sie schon ins Wasser gesprungen waren; so der Sicherheitschef Nick Davis.

    Nicht weniger kurios ist die andere Meldung: Wer die Ehre haben darf, gegen die Piraten zu fechten, darüber streiten sich EU, Nato und Uno. Und die Bundesrepublik sitzt als das Weltkind in der Mitten, das offenbar erwägt, dann eben jeder dieser Organisationen je eine Fregatte der Bundesmarine zu offerieren.



    Zwei Meldungen, die das illustrieren, was Califax am Freitag in einer ausgezeichneten Analyse dargelegt hat: Die Bekämpfung des somalischen Piratentums ist eine immense Aufgabe, die Gewalt und Blutvergießen verlangen wird; aber auch Bemühungen, in Somalia wieder so etwas wie eine Staatsgewalt herzustellen.

    Im Zwanzigsten Jahrhundert galt die Piraterie als nahezu ausgerottet. Mit dem Wort "Pirat" verband man, je nach Generation, Errol Flynn, Dustin Hoffman oder Johnny Depp, aber keine reale Gefahr.

    Piraten - das war etwas Historisches, auch etwas Exotisches und Romantisches. Die Piraten der Karibik im 17. und im frühen 18. Jahrhundert gehörten zum Allgemeinwissen; die nordafrikanische Piraterie der "Barbarenküste" im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert war eher Teil des Bildungsguts derer, die mit Voltaires "Candide" oder mit Rossinis "Italienierin in Algiers" vertraut waren.

    Ganz verschwunden war das Piratentum zwar nie; aber es war doch zu einer Randerscheinung geworden, existent vor allem noch in Südostasien. Jetzt sind die Piraten zurück; dort, wo es auch uns weh tut, weil die Schiffe bedroht sind, die Güter von und nach Europa transportieren.

    Piratentum entsteht dort, wo Staaten korrupt oder schwach sind. Schiffe zu kapern ist einfach; mit der Beute etwas anfangen, ohne daß man bald Beute und Freiheit verliert, wenn nicht das Leben, ist schwer.

    Piraterie verlangt sichere Zufluchten. Diese bot die unübersichtliche und umstrittene Karibik; diese boten die korrupten Staaten der Barbarenküste. Heute bieten sie Failed States wie Somalia. Deshalb ist das Piratentum zurück.

    Es wird nichts übrig bleiben, als nach der Strategie zu verfahren, die Thomas Jefferson gegen die Piraten der nordafrikanischen Barbarenküste durchgesetzt hat: Nicht den scheinbar bequemen Weg gehen und Lösegeld zahlen; damals gar Tribute. Sondern international zusammenarbeiten und den Piraten mit der einzigen Sprache begegnen, die sie verstehen, der Sprache der Gewalt.



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    14. November 2008

    Zitat des Tags: Ein Gespräch unter Staatsmännern. Nebst Bemerkungen über die Neuorientierung der französischen Rußlandpolitik

    Le président français interpelle Poutine et Medvedev: "Vous ne pouvez pas faire cela, le monde ne l'acceptera pas." Poutine réplique dans son langage ordurier habituel: "Saakachvili, je vais le faire pendre par les couilles." "Le pendre?" demande le président français, effaré. "Pourquoi pas? répond le Premier ministre russe. Les Américains ont bien pendu Saddam Hussein." "Oui, mais tu veux terminer comme Bush?", rétorque Sarkozy. Poutine est interloqué. Comme Bush? Il réfléchit puis lâche: "Ah, là, tu marques un point." C'est gagné: Saakachvili sauve sa tête et ses ...

    (Der französische Präsident fährt Putin und Medwedew an: "Das könnt ihr nicht machen, die Welt wird das nicht hinnehmen". Putin antwortet in seiner üblichen ordinären Sprache: "Saakaschwili, den lasse ich an den Eiern aufhängen." "Ihn aufhängen?" fragt der französische Präsident erschrocken zurück. "Warum nicht?", antwortet der russische Ministerpräsident. "Die Amerikaner haben schließlich Saddam Hussein aufgehängt". "Ja, aber willst du wie Bush enden?", gibt Sarkozy zurück. Putin ist verblüfft. Wie Bush? Er denkt nach und läßt dann fallen: "Na, da hast du gepunktet." Die Sache ist gelaufen: Saakaschwili hat seinen Kopf gerettet, und seine ...).

    Vincent Jauvert im aktuellen Nouvel Observateur über ein Gespräch unter Staatsmännern.

    Kommentar: Das Interessante an diesem Dialog, der heute vielfach zitiert wird, zum Beispiel in "Spiegel- Online", sind nicht die Zoten von Putin. So ist dieser Mann halt, der sich vom Straßenjungen an die Spitze Rußlands hochgearbeitet hat.

    Interessant ist erstens die russische Reaktion auf die Veröffentlichung. Und interessant ist zweitens vor allem der Hintergrund dieses Gesprächs.

    Vincent Jauvert ist ein außenpolitischer Redakteur des Nouvel Observateur mit ungewöhnlich guten Kontakten; immer gut für einen Insider- Bericht. Die in dem Zitat geschilderte Szene - sie spielt am frühen Nachmittag des 12. August im Kreml - hat er aus einer Quelle, die er überraschenderweise sogar offenlegt: Jean- David Levitte, diplomatischer Berater des französischen Präsidenten, russischer Abstammung und Experte für Rußland. Levitte hat ihm das Gespräch "on the record" geschildert, also mit der Erlaubnis, ihn als die Quelle zu zitieren.

    Nachdem gestern die aktuelle Nummer des Nouvel Observateur mit dieser Geschichte erschienen war, dementierte der Kreml nicht etwa den geschilderten schönen Dialog. In der Meldung von RIA Novosti heißt es in der deutschen Version lediglich, der Bericht löse "nichts als Befremden aus" und sei eine "vollständige und provokative Unterstellung". In der sehr viel ausführlicheren französischen Version wird der Kreml- Sprecher Preskow so zitiert:
    Vladimir Poutine fait en effet usage d'une rhétorique rigoureuse à l'égard du régime Saakachvili. Mais la publication de telles citations en référence à un conseiller du président français suscite notre plus grande incompréhension (...) Globalement, la seule chose qu'on pourrait dire c'est que toutes les décisions définitives en matière de politique étrangère sont prises par le président russe Dmitri Medvedev.

    Wladimir Putin verwendet in der Tat eine deutliche Sprache in Bezug auf das Regime Saakaschwilis. Aber die Veröffentlichung derartiger Zitate mit Verweis auf einen Berater des französischen Präsidenten löst unser größtes Befremden aus (...) Allgemein ist das einzige, was man sagen könnte, daß die letzten Entscheidungen in der Außenpolitik stets vom russischen Präsidenten Dmitri Medwedew getroffen werden.
    Es ist also klar, was den Kreml an dem Bericht stört: Nicht, daß Putins Vulgärsprache zitiert wird. Sondern daß der Bericht erstens zeigt, daß Putin auch in der Außenpolitik das Sagen hat, und nicht sein getreuer Medwedew. Und zweitens, daß ein Berater Sarkozys offenbar die Veröffentlichung autorisiert hat.



    Das Interessanteste an dem Artikel von Vincent Jauvert ist aber nicht diese Episode, sondern ihr Hintergrund. Jauvert schildert, wie Sarkozy anfangs gegenüber dem Kreml einen anderen Kurs hatte steuern wollen als sein Vorgänger Chirac; wie er aber inzwischen zu "Sarko dem Russen" geworden sei; so der Titel des Artikels.

    Bevor er Präsident wurde, gehörte Sarkozy zu den schärfsten Kritikern Rußlands, was beispielsweise Tschetschenien angeht. Davon ist nichts geblieben. Selbst als Unterhändler der EU während der Georgien- Krise hat Sarkozy die Position des Kreml übernommen, daß dieser ein Recht hätte, den "Russen" in Südossetien zur Hilfe zu kommen (also Personen, an die man zuvor russische Pässe verteilt hatte, die aber keine Russen waren).

    Als einen der Gründe für diesen Kurswechsel Sarkozys sieht Jauvert die engen persönlichen Beziehungen zwischen Mitgliedern der außenpolitischen Mannschaft Sarkozys und ihren russischen Pendants an; Beziehungen, die zum Teil weit zurückreichen.

    Die Außenminister Kouchner und Lawrow kennen sich zum Beispiel schon aus gemeinsamen Zeiten bei der UNO und sind Duzfreunde. Im Matignon, dem Amtssitz des Premierministers François Fillon, auch er ein alter Freund Rußlands, sitzen hohe Beamte wie Jean de Boishue und Igor Mitrofanoff, Rußland- Experten mit besten Kontakten in den Kreml.

    Zweitens, schreibt Jauvert, verstünden Sakozy und Putin sich persönlich blendend. Sie lernten einander auf dem Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 kennen und waren auf Anhieb voneinander angetan. Über Sarkozys Reaktion auf Putin schreibt Jauvert:
    L'homme l'impressionne. "Un vrai dur", dit-il. Même âge, même taille (ou presque), même démarche, même langage cru, ces deux-là semblent faits pour s'entendre.

    Der Mann beeindruckt ihn. "Das ist ein ganz Harter", sagt er. Selbes Alter, selbe Körpergröße (fast jedenfalls), selbe Gangart, die selbe rüde Sprache - diese beiden scheinen wie gemacht dafür, einander zu verstehen.
    Sarkozy ist von seinem neuen Freund so begeistert, daß er sogar seine damalige Frau Cécilia anruft, damit sie Putin kennenlernen und ein wenig mit ihm plauschen kann.

    Und so geht es weiter: Sarkozy darf Putin in seiner Datsche besuchen und lobt ihn danach überschwänglich. Als Putins Partei die Parlamentswahlen 2007 unter fragwürdigen Umständen gewinnt, halten sich Angela Merkel und Gordon Brown zurück. Sarkozy aber gratuliert sofort, als erster Staatschef weltweit.

    Das sind Symptome für einen allgemeinen Wechsel der franzöischen Rußland- Politik. Ohne daß das schon recht ins allgemeine Bewußtsein gedrungen ist, entsteht gegenwärtig eine Achse Moskau- Paris, die an die Zusammenarbeit zwischen Putin und Chirac im Vorfeld des Irak-Kriegs Anfang 2003 anknüpft.

    Kein Wunder, daß Sarkozy, nachdem er für die EU während der Invasion Georgiens mit Putin verhandelt hatte, einen "Friedensplan" nach Georgien mitnahm, dessen entscheidende Passagen im Kreml formuliert worden waren.

    Kein Wunder auch, daß unter dem Vorsitz Sarkozys die EU kein halbes Jahr nach der Invasion Georgiens wieder die enge Zusammenarbeit mit Rußland anstrebt.



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    9. September 2008

    Zitat des Tages: Der Europäische Gerichtshof hat "Grundsätze der abendländischen richterlichen Rechtsauslegung bewußt und systematisch ignoriert"

    Die beschriebenen Fälle zeigen, daß der EuGH zentrale Grundsätze der abendländischen richterlichen Rechtsauslegung bewußt und systematisch ignoriert, Entscheidungen unsauber begründet, den Willen des Gesetzgebers übergeht oder gar in sein Gegenteil verkehrt und Rechtsgrundsätze erfindet, die er dann bei späteren Entscheidungen wieder zugrunde legen kann.

    Sie zeigen, daß der EuGH die Kompetenzen der Mitgliedsstaaten selbst im Kernbereich nationaler Zuständigkeiten aushöhlt.


    Roman Herzog und Lüder Gerken in der gestrigen FAZ (Nr. 210/2008, Seite 10; hier als PDF-Datei herunterladbar).

    Kommentar: Ein starkes Geschütz, nicht wahr, das da gegen den Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Stellung gebracht wird, gegen die höchste richterliche Instanz in der EU!

    Ein starkes Geschütz, an dem nicht kleine Kanoniere stehen, sondern sozusagen die Generalität höchstselbst:

    Roman Herzog, einer der angesehensten deutschen Staatsrechtler, Ordinarius für Staatsrecht in Berlin und Speyer, Mitautor des maßgeblichen Kommentars zum Grundgesetz (des "Maunz / Dürig / Herzog / Scholz"). Dann, bevor er Bundespräsident wurde, Richter am Bundesverfassungsgericht; von 1987 bis 1994 dessen Präsident. Und ein Kenner europäischen Rechts; Herzog war Leiter des ersten Europäischen Konvents, der dem späteren Verfassungskonvent vorausging und der die Charta der Grundrechte der EU erarbeitete.

    Kaum minder sachkundig ist Herzogs Mitautor Lüder Gerken; vormals Leiter des liberalen Walter- Eucken- Institut in Freiburg; Vorstand der Friedrich- August- von- Hayek- Stiftung und seit 2006 Direktor des Centrums für Europäische Politik.

    Herzog und Gerken sind ein bewährtes Autorenteam. Im Januar 2007 haben sie gemeinsam in der "Welt" einen ähnlichen Artikel wie jetzt publiziert; damals eine Darlegung des erschreckenden Umstands, daß in Brüssel ganz unklar ist, wohin sich Europa eigentlich entwickeln soll - zu einem Bundesstaat, wie er den "Föderalisten" vorschwebt, oder zu einer Staatenunion, einem Europa der Vaterländer, wie die "Intergouvernementalisten" es wollen.

    Jetzt also haben sich die beiden Autoren den Europäischen Gerichtshof vorgenommen. Was sie über ihn schreiben, ist für den Nichtjuristen, der nicht der offenbar schon lange im Gang befindlichen Diskussion unter Juristen folgt, nachgerade unfaßbar.

    So heißt es über die Begründung eines Urteils ("Mangold- Urteil") durch den EuGH:
    Um sein Urteil zu rechtfertigen, griff der EuGH zu einer abenteuerlichen Konstruktion. (...)

    Es sei ... gar nicht die (noch nicht umzusetzende) Antidiskriminierungsrichtlinie, deretwegen die deutsche Vorschrift gegen EU-Recht verstoße, sondern ein "allgemeiner Grundsatz des Gemeinschaftsrechts".

    Nur war dieser "allgemeine Grundsatz des Gemeinschaftsrechts" frei erfunden. (...)

    Im vorliegenden Fall gebärdete sich der EuGH als Gesetzgeber. Unter Hinweis auf angebliche völkerrechtliche Abkommen und angebliche Verfassungstraditionen der Mitgliedstaaten erfand er EU-Recht.
    Urteilsschelte vom Feinsten; wie immer, wenn Herzog etwas schreibt, von untadeliger Logik getragen.

    Ähnlich zerpflücken die Autoren weitere Urteile des EuGH und kommen zu dem Schluß:
    Der EuGH ist als letztinstanzlicher Wächter der Subsidiarität und als Schützer der Belange der Mitgliedstaaten ungeeignet.
    Kein Wunder; führe doch
    eine EUlastige Rechtsprechung des EuGH dazu, dass die Felder, auf denen er Recht sprechen kann und damit die mitgliedstaatlichen Gerichte verdrängt, ebenfalls wachsen, so dass sein eigener Einfluss ständig zunimmt.
    Beängstigende Aussichten, wenn man bedenkt, daß dem EuGH bei der Auslegung der Verträge von Lissabon eine Schlüsselrolle zugedacht ist: Wenn es Streit darüber gibt, ob eine Kompetenz bei den nationalen Regierungen oder in Brüssel liegt, dann soll der EuGH das entscheiden. Der Bock werde damit zum Gärtner gemacht, meinte dazu der Verfassungsrechtler Herbert von Arnim.

    Über das "Mangold- Urteil" wird demnächst das Bundesverfassungsgericht zu befinden haben. Es gehe dabei, schreiben Herzog und Gerkens,
    um die Frage, ob die exzessive Rechtsprechung des EuGH künftig wieder einer strengeren Kontrolle durch das Bundesverfassungsgericht unterworfen wird oder ob das Bundesverfassungsgericht seine Wächterfunktion endgültig aufgeben will.
    Ob es sie noch aufrechterhalten kann, wenn die Verträge von Lissabon erst einmal in Kraft sind, ist eine andere Frage.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    7. September 2008

    Marginalie: Lesefutter zu Liberalität, Gender Mainstreaming, EU, Freigeistern, sexueller Identität, libertärem und autoritärem Sozialismus

    Sie finden, da stehen ein wenig viele Themen in der Überschrift? In der Tat. Aber so ist das eben bei Lesefutter; es ähnelt darin dem Studentenfutter.

    Das Büffet ist "Zettels kleines Zimmer". Dort finden Sie etwas von dem angerichtet, was - und damit Schluß mit dieser Metapher! - dort im Anschluß an diesen Artikel aufgetischt wurde.

    Der Artikel, betitelt "Die Zwangsjacke der Eva- Britt Svensson. Brüsseler Doublespeak" befaßte sich mit Aktivitäten im Europa- Parlament, die darauf abzielen, die Freiheit der Werbung (weiter) einzuschränken. Natürlich EU-weit, auch wenn die Initiative von einer schwedischen Linkssozialistin ausgegangen ist, die putzigerweise einer Bürgerinitiative "Nein zur EU!" vorstand.

    Dazu also entwickelte sich in den letzten beiden Tagen im "Kleinen Zimmer" eine aspektenreiche Diskussion, aus der ich Ihnen als Lesefutter den Dialog zwischen Kallias und mir anbieten möchte:
  • Kallias über linkslibertären Subjektivismus, Freigeister und Paradiesvögel

  • Zettel über das hüpfende liberale Herz, den Schillerkragen und Kesse Väter

  • Kallias über Hardcore-Kampflesben, klischeefreie Werbung und fünfundzwanzig Zwangsjacken

  • Zettel über Puck und Porzia, Klementine und Frank S. Thorn, sozialistisches und liberales Staatsverständnis.
  • Sie werden, wenn Sie den Links folgen, bemerken, daß es dort, im "Kleinen Zimmer", etwas lockerer und bunter zugeht als hier im Blog.

    Daß es also so zugeht, wie es - denke ich - zu diesem Thema paßt. Es würde mich freuen, wenn Sie dort auch andere Beiträge lesen würden als die jetzt hier verlinkten; beispielsweise diejenigen von C., FAB. und Nola.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer", der diesmal selbstreferentiell mit demjenigen identisch ist, wovon dieser Artikel handelt. Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    5. September 2008

    Zettels Meckerecke: Die Zwangsjacke der Eva-Britt Svensson. Brüsseler Doublespeak

    "Geschlechtsspezifische Klischees in der Werbung stecken Frauen, Männer, Mädchen und Jungen in eine Zwangsjacke" sagte die Berichterstatterin des Frauen- Ausschusses des Europäischen Parlaments, Eva- Britt Svensson, in einem Interview auf der WebSite des Europäischen Parlaments.

    Der Anlaß zu diesem Interview war die Abstimmung des Europäischen Parlaments über einen von Svenssons Ausschuß (sie ist dessen stellvertretende Vorsitzende) vorgelegten, von ihr initiierten Text, über den gestern der Brüsseler Korrespondent der FAZ, Hendrik Kafsack, dies berichtete:
    Mit überwältigender Mehrheit stimmten die Europa- Abgeordneten nun in Brüssel dafür, dass jedes sexistische Klischee in der Fernsehwerbung künftig tabu sein soll: Keine Hausfrau hinter dem Herd oder vor der Waschmaschine mehr also, aber auch kein starker Hausmann mehr, der den Rasen trimmt.

    Schließlich fordert das Europaparlament pauschal, dass "traditionelle Geschlechterrollen in Frage gestellt werden müssen, wenn die Gleichstellung der Geschlechter erreicht werden soll".
    Wir sehen: Das Brüsseler Parlament will die Freiheit der Werbetreibenden einschränken, Frauen und Männer so darzustellen, wie es den Agenturen und ihren Auftraggebern richtig erscheint.

    Und die Abgeordnete, auf deren Initiative dieser freiheitsfeindliche Beschluß zurückgeht, spricht von einer Zwangsjacke, die damit beseitigt werden solle.

    Klassisches Doublespeak also. Die bisherige Freiheit der Werbung wird als Zwang dargestellt. Die Einschränkung der Freiheit wird als Befreiung vom Zwang verkauft.



    Wer ist diese Eva-Britt Svensson? Hier kann man karg das Wichtigste lesen; die Wikipedia ist in diesem Fall auch kaum ergiebiger.

    Sie gehört der linkssozialistischen schwedischen Vänsterpartiet an, deren Generalsekretärin sie bis 2000 war. Und sie war Vorsitzende und ist jetzt stellvertretende Vorsitzende einer schwedischen Bürgerbewegung.

    Und jetzt werden Sie sich wundern: Diese Bürgerbewegung heißt "Volksbewegung Nein zur EU".



    So sind sie, diese Sozialisten.

    Sie bringen es fertig, eine Einschränkung unserer Freiheit als Beseitigung einer Zwangsjacke zu verkaufen.

    Und sie sind gegen die EU. Was sie aber nicht daran hindert, die EU zu nutzen, um uns ihrem sozialistischen Paradies einen Schritt näherzubringen.

    Uns näher heran an eine Gesellschaft zu bringen, in der alle Menschen gleich sind. So gleich, daß - Frau Svensson geht optisch mit ihrem Beispiel voran - auch die Unterschiede zwischen Mann und Frau aufgehoben sind.

    Um Gleichmacherei geht es ihnen, nicht um Gleichberechtigung.



    Mit Dank an Meister Petz, auf dessen Beitrag in "Zettels kleinem Zimmer" diese "Meckerecke" zurückgeht. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    17. August 2008

    Zitat des Tages: "Nach Georgien kommt die Ukraine dran". Sowie über militärische Aspekte der Invasion Georgiens

    For the first time since 1991, Russia has used military force against a sovereign state in the post-Soviet area. The world will not be the same. A new phenomenon is unfolding in front or our eyes: a re-emerging power that is willing to use force to guarantee it interests. The West does not know how to respond. (...)

    After Georgia is Ukraine. The EU and U.S. cannot take their eyes off Ukraine now. Russia will do everything possible to ensure that NATO will not offer Ukraine the chance to start accession talks in December.


    (Erstmals seit 1991 wendet Rußland in der nachsowjetischen Ära militärische Gewalt gegen einen souveränen Staat an. Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein. Vor unsren Augen bildet sich ein neues Phänomen: Eine wieder aufstrebende Macht, die gewillt ist, ihre Interessen mit Gewalt sicherzustellen. Der Westen weiß nicht, wie er reagieren soll.

    Nach Georgien kommt die Ukraine dran. Die EU und die USA dürfen den Blick jetzt nicht von der Ukraine wenden. Rußland wird alles nur irgend Mögliche tun, um dafür zu sorgen, daß die Nato der Ukraine nicht die Chance gibt, im Dezember Beitrittsgespräche zu beginnen.)

    Pawel Swieboda, Direktor von demosEUROPA, einem Warschauer Forschungs- Institut, zitiert von Judy Dempsey in der gestrigen International Herald Tribune.

    Kommentar: Ich empfehle, die machtpolitische Analyse von Judy Dempsey zusammen mit Thom Shankers militärischer Analyse des Überfalls auf Georgien ebenfalls in der International Herald Tribune zu lesen (Titel: "Russian blitz melded old-school onslaught with modern military tactics" - "Der russische Blitzkrieg verband einen Angriff alter Schule mit moderner Militärtaktik").

    Auszüge daraus habe ich auch in Zettels kleinem Zimmer zitiert und kommentiert.

    Zusammen ergeben diese beiden Aspekte das Bild einer aufstrebenden Hegemonialmacht, die sich militärisch nicht auf die Konfrontation mit den USA oder China vorbereitet, sondern auf die Beherrschung ihrer "Nahen Nachbarn", also der Staaten, die zum zaristischen und dann zum kommunistischen Kolonialreich gehört hatten.

    Beim Aufbau einer Interventionsarmee, die diese Staaten rund um Rußland bedrohen und nach dem Vorbild der jetzigen Invasion nach Belieben besetzen kann, hat Rußland, wie man in dem Artikel von Thom Shanker nachlesen kann, große Fortschritte gemacht.

    Die Russen hätten sich, schreibt er, offenbar das neueste militärische Denken angeeignet und die militärtechnische Literatur der USA studiert; unter anderem hätten sie Lehren aus dem Irak- und dem jetzigen Afghanistan- Krieg berücksichtigt.

    Gelobt wird von den Fachleuten des Pentagon vor allem die gute Koordination von Bodentruppe und Luftwaffe; auch Spezialtruppen waren offenbar auf abchasischer Seite angelandet worden. Als militärische Schwachstellen werden schlechte Wartung der Flugzeuge und schlechte Ausbildung der Piloten genannt.



    Das wirklich Bemerkenswerte (und Besorgniserregende) an der russischen Aktion ist aber nicht diese militärische Schlagkraft für sich genommen, sondern deren Einbeziehung in ein koordiniertes Vorgehen. Shanker zitiert einen Beamten des Pentagon:
    "They seem to have harnessed all their instruments of national power — military, diplomatic, information — in a very disciplined way," said one Pentagon official (...) "It appears this was well thought out and planned in advance, and suggests a level of coordination in the Russian government between the military and the other civilian agencies and departments that we are striving for today."

    "Es scheint, daß sie alle ihre Instrumente nationaler Macht auf eine sehr disziplinierte Art miteinander verknüpft haben - Militär, Diplomatie, Medien", sagte ein Beamter des Pentagon (...) Es hat den Anschein, daß das im Vorhinein gut ausgedacht und geplant war, und es deutet bei der russischen Regierung auf ein Niveau der Koordination zwischen dem Militär und den anderen, zivilen Behörden und Ministerien hin, das wir heutzutage anstreben."
    Beeindruckend war es in der Tat, wie die Russen es schafften, in den ersten Kriegstagen weltweit ihre Master Narrative durchzusetzen, daß die Georgier aus heiterem Himmel Südossetien angegriffen hätten und die Russen lediglich zum Schutz dort wohnender Landsleute einmarschiert seien.

    Selten ist eine Lüge zur Rechtfertigung eines Angriffskriegs so unkritisch akzeptiert worden. Hätten die USA so etwas gewagt, dann wäre die Story innerhalb weniger Stunden geplatzt. Die weltweite Empörung, die Demonstrationen "betroffener" Friedensfreunde kann man sich ausmalen.



    Die Länder, die einmal zur UdSSR oder zum Warschauer Pakt gehörten, sind nicht zu beneiden. Auch wenn diejenigen, die in der Nato sind, etwas besser dran sind als jetzt Georgien.

    Aber wer soll eigentlich eines dieser Länder gegen eine Aktion der Russen nach dem jetzigen Vorbild schützen? Angenommen, diese würden - das wurde ja schon exerziert - in den baltischen Ländern Unruhen inszenieren, eine Bedrohung der dortigen russischen Minderheit behaupten und zu deren "Schutz" einmarschieren - würde dann die Bundeswehr den Überfallenen zur Hilfe kommen?

    Würde Frankreich mit dem Einsatz seiner Force de Frappe drohen? Würde ein Präsident Obama GIs in Marsch nach Riga oder Tallinn setzen? Würde die Nato auch nur den Verteidigungsfall ausrufen?

    Nein. Man würde, genau wie jetzt, vermeiden, von einem Angriff oder Überfall zu sprechen. Man würde, wie jetzt, den Russen ihre offenkundige Lüge abkaufen, sie seien nur in das Land gekommen, um Frieden zu stiften.

    Und man würde, statt sich in einen militärischen Konflikt mit unabsehbaren Folgen zu stürzen, die Russen mit ihrer Beute davonkommen lassen, so wie jetzt.

    Die baltischen Staaten werden dank ihrer Nato- Mitgliedschaft nicht die ersten sein, die es trifft. Polen und Tschechien haben sich durch die Abkommen zur Stationierung des US- Raketensystems fürs erste gerettet. Die Ukraine aber ist dran; siehe oben.

    Einmarschieren müssen die Russen gar nicht unbedingt. Es genügt, daß jeder weiß: Sie könnten es jederzeit. Schon das wird genügen, um die Ukraine ebenso zum Vasallen Rußlands zu machen, wie das für Georgien offenkundig vorgesehen ist.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    14. Juli 2008

    Zettels Meckerecke: Warum das Land Berlin ein Seilbahngesetz hat. Ja, wo treiben sie denn ihr Wesen, die Schildbürger?

    Wie mit deutschen Umweltschützern hat es mit Brüsseler Bürokraten die Satire schwer. Wer sich eine satirische Überspitzung ausdenkt, der muß immer damit rechnen, daß sie alsbald von der Realität eingeholt wird; wenn sie es denn nicht längst ist.

    Die Sache mit der EU-einheitlichen Krümmung der Gurke oder die mit der EU-Vorschrift, Leitern so aufzustellen, daß sie bei der Benutzung nicht umfallen - das ist allgemein bekannt. Das mit dem Berliner Seilbahngesetz habe ich aber erst heute gelesen, in einem Artikel von Hannelore Crolly, Brüsseler Korrespondentin der "Welt".

    Ein Schildbürgerstreich auch dies. Aber nicht deshalb meckere ich, sondern weil Frau Crolly die Schildbürger dort lokalisiert, wo sie nicht sind. Jedenfalls nach meinem Dafürhalten.



    Zunächst der Sachverhalt, wie die Autorin ihn uns beschreibt:
    Das Bundesland Berlin hat ein Seilbahn-Gesetz. Eine Seilbahn selbst zwar nicht, und wegen hoher Schulden und topfdeckelflacher Topographie wird das wohl auch so bleiben. Aber ein Gesetz für den Betrieb ist schon mal da – Brüssel sei Dank. Denn eine EU-Richtlinie vereinheitlichte vor acht Jahren die Standards für alle Personen- Seilbahnen Europas.

    Berlin hatte sich zwar mit Verweis auf fehlende Gipfel lange gegen die Umsetzung gesträubt. Brüssel aber drohte eine Strafe von 791.000 Euro an. In seiner Not klaute der Senat das Seilbahn- Gesetz aus Bayern. Seither ist Europas Paragraphen- Welt wieder in Ordnung.
    Dreimal kurz gelacht. Aber wo sitzen sie denn nun, die Schildbürger?

    Frau Crolly, deren Artikel, was die EU-Bürokratie angeht, eine unverhohlen apologetische Tendenz erkennen läßt (von jener Krümmung der Gurke bis hin zum EU-einheitlich genormten Traktorsitz habe Vieles seine guten Gründe, lernen wir) - die Autorin Crolly also lokalisiert sie nicht etwa in Brüssel, die Schildbürger. Sondern schuld seien die deutschen Verhältnisse:
    Nach einigen schweren Seilbahn- Unglücken erschienen den Ministern EU-Sicherheitsstandards als sinnvoll. Dass die Umsetzung in deutsches Recht zum Schildbürgerstreich geriet, lag nicht an Brüssel, sondern der Überregulierung im föderalen Deutschland. Während in den meisten EU-Ländern ein einziges Seilbahn- Gesetz ausreichte, hat der Bund in Deutschland keine Kompetenz in dieser Frage. Deshalb musste jedes Bundesland ein Gesetz erlassen, selbst wenn es überflüssig war.
    Hm, hm. Also der deutsche Föderalismus ist, meint Hannelore Crolly, schuld daran, daß das Land Berlin nicht in eigener Kompetenz entscheiden kann, ob es ein Seilbahngesetz haben will. Just weil es die Freiheit hat, über Seilbahnen zu entscheiden, hat das Bundesland keine Freiheit, über Seilbahnen zu entscheiden.

    Da haben wir, in a nutshell, den ganzen Brüsseler Wahnwitz.

    Er besteht nicht nur darin, daß die dortigen Bürokraten lächerliche Direktiven formulieren. Sondern lächerlich ist es bereits, daß die Kommission überhaupt Direktiven zu Dingen erlassen darf, die sie nichts angehen. Nicht deutsches Recht ist schuld an diesem Schildbürgerstreich, sondern europäisches Recht; genauer: die Verlagerung von Kompetenzen aus dem deutschen Recht in europäisches Recht.



    Es gab einige schwere Seilbahn- Unglücke. Wenn so etwas passiert, dann sind möglicherweise die Sicherheits- Standards in dem betreffenden Land unzureichend gewesen. Also sollten sie verbessert werden - in dem betreffenden Land.

    Wieso kann man in Brüssel besser beurteilen, wie eine Seilbahn in Österreich oder in den Pyrenäen konstruiert sein sollte, als die Wiener oder die Pariser Behörden? Wissen die Bürokraten in Brüssel denn mehr über die Sicherheit von Seilbahnen, haben sie die besseren Ingenieure als Gutachter, die besseren Juristen zum Formulieren eines Gesetzes als die lokalen Verantwortlichen?

    Die Brüsseler Bürokraten glauben das. Sie glauben es deshalb, weil sie den Schildbürgern gleichen wie ein Ei dem anderen.

    Wie sie waren, die Schildbürger, das hat Karl Simrock in "Die Schildbürger" beschrieben, und zwar im Zweiten Kapitel:
    Daher sie, die von ihrem getreuen Vater und Lehrmeister unterwiesen worden und fleißig gelernt hatten (...), auch mit allen Gaben und Tugenden, vornehmlich mit Weisheit, aufs Höchste begabt und geziert, ja überschüttet wurden, so daß ihnen damals in der Welt (...) Niemand vorzusetzen; – was vorzusetzen? sage vielmehr zu vergleichen gewesen.
    Besser kann man sie auch heute nicht beschreiben, die Elite- Beamten, die in Brüssel über ihren Verordnungen und Direktiven brüten.

    Für jemanden, der seine Ausbildung an der französischen ENA, der École Nationale d'Administration bekommen hat, ist es sonnenklar, warum in Brüssel und nicht in Wien oder Paris über die Sicherheit von Seilbahnen entschieden werden muß: Weil Beamte umso höher in der Hierachie gelangen, je intelligenter, je besser ausgebildet, also je kompetenter sie sind.

    Und Brüssel - das ist für diese Beamten ein Super- Paris. Die besten Absolventen der ENA sitzen in den Ministerien. Die Besten der Besten sitzen in den Spitzen der Ministerien. Aber die Allerbesten werden nach Brüssel entsandt. Denn Frankreich, das ist ja seit Jahrhundeten schon so einheitlich, wie sich Etatisten das erträumen. Die EU aber ist eine gewaltige Herausforderung.

    Eine Herausforderung für diejenigen, die unter den besten Abiturienten Frankreichs gewesen waren, die dann die ENA mit den besten Noten abgeschlossen hatten, kurzum die "mit Weisheit, aufs Höchste begabt und geziert, ja überschüttet wurden".

    Ihnen allein kann es obliegen, über die Sicherheit aller Seilbahnen zu befinden, vom Atlantik bis ans Schwarze Meer, von der Nordspitze Finnlands bis nach Malta.

    Falls sie denn Seilbahnen haben, die Malteser.



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    10. Juli 2008

    Überlegungen zur Freiheit (7): Wieviel Schutz braucht der Verbraucher?

    In französischen Restaurants wurde früher nicht nur ein Bedienungsgeld von meist 15 Prozent erhoben, sondern auch eine Gebühr namens Couvert: Ein Betrag, der auf alle Rechnungen aufgeschlagen wurde und der Fixkosten wie eben das Couvert, also das Gedeck, abdecken sollte.

    Vor ein paar Jahrzehnten hat man begonnen, das alles einzupreisen; heute setzt sich auch in Frankreich der Rechnungsbetrag in der Regel einfach aus der Summe dessen zusammen, was die einzelnen Gerichte und Getränke kosten. Eine Zeitlang stand noch auf der Speisekarte "Service et couvert compris" - Bedienung und Couvert einbegriffen. Heute fehlt dieser Zusatz oft, weil das selbstverständlich geworden ist.

    Hatten die Franzosen früher Probleme mit der Addition? Fühlten Sie sich gar durch die damalige Regelung hinters Licht geführt?

    Ich bezweifle das. Im Gegenteil: Man sah, was am Rechnungsbetrag dem Kellner zugutekam. Man konnte sich je nach Höhe des Couvert billiger im Hinterzimmer oder teurer auf der Terrasse seinen Repas servieren lassen.

    Und der Patron hatte es, in jener Zeit vor dem Einzug des Computers in die Gastronomie, leichter, zum Beispiel den Betrag auszurechnen, der den einzelnen Kellnern als Bedienungsgeld zustand.



    Den Franzosen jener Zeit traute man es zu, daß sie den Preis für Bedienung und Couvert berücksichtigten, wenn sie entschieden, ob sie in ein bestimmtes Restaurant gehen, ob sie sich ein bestimmtes Menu leisten wollten.

    Anders ist das heutzutage offenbar mit uns, den Fluggästen von sogenannten Billigfliegern wie Ryanair.

    Diese hatten es bisher so gemacht wie früher die französischen Gastronomen: Sie boten einen Preis für jeden Flug an, der ständig nach Angebot und Nachfrage neu berechnet wurde, dazu fixe Aufschläge für Lande- und Startgebühren, Gepäck usw. Jeder, der buchte, wußte, daß diese Aufschläge hinzukamen. Spätestens beim Buchen des ersten Flugs bei Ryanair oder sonst einem Billigflieger erfuhr man es ja.

    Nur ist es offenbar so: Menschen, die, wenn sie sonst als Konsumenten auftreten, alle Rabatte ausnützen, gnadenlos um Preise feilschen, sich von keinem Lockangebot hinters Licht führen lassen, wie deutsche Verbraucher eben so sind - diese Menschen mutieren offenbar, kaum, daß sie ihren Urlaub planen, zu hilflosen, strohdummen Bürgern.

    Zu Konsumenten also, die gierigen Profiteuren wie Michael O'Leary schutzlos ausgeliefert sind. Oder vielmehr ausgeliefert wären, wenn wir nicht die Bürokraten in Brüssel hätten, unsere Schutzengel. Denn diese helfen uns.

    Die Meldung ging heute durch die Medien; in "Welt Online" zum Beispiel ist im Augenblick zu lesen:
    Für die Reisenden gibt es nun mehr Transparenz. Denn die Europäische Union macht Schluss mit Lockvogel- Angeboten und untergejubelten Zusatzkosten bei Flugtickets: Das EU-Parlament hat eine Verordnung dazu abgesegnet und den Billigfliegern noch ein paar Schummeleien untersagt.
    Manches, was da "untersagt" werden soll, ist sicherlich bedenklich. Zum Beispiel, wenn mit Preisen geworben wird, die gar nicht zur Verfügung stehen. Das freilich dürfte schon bisher als unlauterer Wettbewerb verboten gewesen sein.

    Aber unsere fürsorglichen Bürokraten gehen viel weiter:
    Der neuen Verordnung zufolge müssen "fakultative Zusatzkosten" wie die Koffer- Gebühren schon zu Beginn des Buchungsvorgangs angekündigt werden. Das Europa- Gesetz verbietet den Anbietern auch, in den Online- Buchungsformularen vorab Häkchen neben optionale Leistungen zu setzen. Die Fluggäste müssen Zusatzleistungen aktiv bestellen, statt sie abzuwählen.
    Ein Häkchen, das als Default schon dasteht, weil man im Normalfall mit Gepäck reist, gegenbenfalls wegzuklicken - das überfordert uns offenbar, wenn wir im Internet buchen.

    Hingegen gehen die Bürokraten der EU augenscheinlich davon aus, daß niemand, der Gepäck mit sich führt, vergessen wird, das entsprechende Feld auch anzuklicken. Wer das künftig beim Buchen vergißt, der könnte beim Einchecken eine unangenehme Überraschung erleben.



    Aber ganz abgesehen davon, ob diese Neuregelung aus Brüssel nun besser als die bisherige Praxis bewirkt, daß der Kunde dasjenige Produkt bekommt, das er will, zu dem Preis, den er zu zahlen bereit ist - mir scheint schon der Umstand als solcher, daß hier wieder einmal regulierend eingegriffen wurde, ein Ärgernis zu sein.

    Zum einen, weil jede Vorschrift unweigerlich einen Apparat zur Kontrolle ihrer Einhaltung nach sich zieht. Das ist ja eine ihrer Funktionen, die Bürokratie zu ernähren und zu mästen.

    Zum anderen, weil eine solche Vorschrift uns Verbraucher für dumm verkauft.

    Wer mit Ryanair oder sonst einem Billigflieger reiste, der wußte bisher, daß ihn Zuschläge erwarteten. Er buchte ja im Internet. Alles war fein säuberlich aufgelistet, bevor er auf "Bezahlen" klickte, der Kunde. Er klickte nur dann, wenn ihm der Flug das Geld wert war, das Ryanair dafür haben wollte.

    Wer sich durch diese Zuschläge dennoch übervorteilt fühlte, der hätte jederzeit zu einem anderen Anbieter gehen können, etwa zur Lufthansa; spätestens beim nächsten Flug.

    Wenn dem Verbraucher etwas nicht gefällt, dann reagiert er darauf, und auf seine Reaktion reagiert der Anbieter. So ist das auf einem freien Markt.

    Bestünde ein Bedarf für Pauschalpreise für solche Flüge, dann gäbe es längst Fluggesellschaften, die sie anbieten; so, wie auf einem freien Markt alles angeboten wird, wonach eine Nachfrage erkennbar ist. Bisher gab es diesen Bedarf offenkundig nicht, weil wir Kunden keine Trottel sind, sondern selbst rechnen können.

    Für Trottel halten sie uns aber, die Brüsseler Bürokraten. Für die dumme Masse; so, wie die DDR-Nomenklatura "unsere Menschen" für unfähig hielt, über ihre Angelegenheiten selbst zu entscheiden.

    Mein Vorschlag deshalb: Man sollte für solche durch Verordnung erzwungenen Pauschalpreise einen Namen einführen, der sie kenntlich macht: "Endverbraucherpreis" (EVP). So hieß das bekanntlich in der DDR.



    Links zu den bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    30. Juni 2008

    Zitat des Tages: "Die EU ist an die Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit gelangt". Nebst Anmerkungen zu einer Mittelmeerunion

    Mit der „Union für das Mittelmeer“, deren Gründung Sarkozy am 13. Juli mit republikanischem Pomp im Grand Palais zelebrieren wird, soll eine Alternative zur Vollmitgliedschaft in der EU entstehen. Sarkozy ist davon überzeugt, dass die EU an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit gelangt ist und an der Integration eines großen Landes wie der Türkei zerbrechen würde.

    Michaela Wiegel heute in der FAZ unter der Überschrift "Sarkozys europäischer Tatendrang".

    Kommentar: Über Sarkozys Mittelmeer- Strategie berichtete vor knapp einem Jahr erstmals Jean Daniel im Nouvel Observateur, nachdem er Sarkozy auf einem Besuch in Algerien begleitet hatte. Im Flugzeug hatte Sarkozy den Journalisten seine Pläne skizziert; auch bereits das Datum des 13./14. Juli 2008 für eine Konferenz über die Mittelmeer- Union genannt.

    Aus deutscher Sicht hat dieser Plan, den Sarkozy seither hartnäckig verfolgt, einen ausgesprochen ambivalenten Charakter.

    Einerseits dient er dazu, Frankreich in der EU eine Vormachtstellung zu verschaffen. Denn es wird dann zugleich eine der großen Mächte in der EU und die Vormacht der Mittelmeer- Union sein und kann je nach Bedarf die eine Funktion innerhalb der anderen Gemeinschaft zur Geltung bringen.

    Relativ zu Deutschland würde eine Mittelmeer- Union das Gewicht Frankreichs in der EU deutlich erhöhen. Sie dient insofern dem, was Michaela Wiegel so kennzeichnet: "'L’Europe, c’est moi' (Europa, das bin ich) umschreibt ...[Sarkozys] ... Selbstverständnis. Er hat wieder angeknüpft an die vom späten Chirac begrabene Vorstellung, dass die EU ein verlängerter Arm Frankreichs sei."

    Das ist aus deutscher Sicht die eine, die bedenkliche Seite dieses Plans einer Mittelmeer- Union. Die andere ist, daß dies der bisher einzige ernstzunehmende Gegenentwurf zu dem Versuch der terroristischen Fundamentalisten ist, vom Irak bis zum Maghreb ein panarabisches Reich zu errichten.

    Das Mittelmeer, einschließlich der Länder an seiner Südküste, ist ein älterer gemeinsamer Kulturraum als Europa. Ihn auch als eine politische Union wiederzubeleben, könnte langfristig in der Tat ein erfolgreiches Bollwerk gegen den politischen Islamismus sein.

    Und noch wichtiger als dieser Aspekt ist der EU-politische, daß die Mittelmeer- Union (vielleicht) für die Türkei eine attraktive Alternative zur Vollmitgliedschaft in der EU werden könnte. Wie es in der zitierten Passage des Artikels von Michaela Wiegel zum Ausdruck kommt.



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    22. Juni 2008

    Arroganz der Macht: Wie man in Europas politischer Führung über die Öffentliche Meinung denkt

    Eine erneute irische Abstimmung über Europa müsse man "so vorbereiten, daß sie zu gewinnen ist". Das sagte, so berichtet Boche in B.L.O.G., der luxemburgische Minister des Äußerern Asselborn.

    Das könnte eine echte Herausforderung werden. Denn die Iren sind ein trotziges Völkchen. Sie könnten, je mehr man sie bedrängt, umso mehr in Reaktanz gehen. Schon vor der jetzt gescheiterten Abstimmung hatten 17 Prozent derer, die mit "nein" stimmten, als Grund genannt: "Ich mag nicht, daß man mir sagt, was ich tun soll".



    Aber wenn doch ganz Europa für den Vertrag von Lissabon ist - wie können sich da die Iren auf Dauer wehren?

    Ja, wenn. Nur kann keine Rede davon sein, daß ganz Europa für den Vertrag von Lissabon ist.

    In Frankreich veröffentlicht am heutigen Sonntag die Zeitung Sud Ouest eine Umfrage des Instituts Ifop, über die der Nouvel Observateur vorab berichtet. Danach würden 53 Prozent der Franzosen, die sich an einer solchen Abstimmung beteiligen würden, mit "nein" stimmen. 33 Prozent der Befragten sagten, sie würden sich gar nicht beteiligen.

    Die Neinstimmen sind bei den Arbeitern (73 Prozent "nein") und einfachen Angestellten (63 Prozent "nein") am zahlreichsten. Hingegen würden von den höheren Angestellten und Angehörigen Freier Berufe 57 Prozent mit "ja" stimmen.

    Bei den Sympathisanten der Linken überwiegen deutlich (mit 64 Prozent) die Neinstimmen, bei den Anhängern der Rechten weniger eindeutig (54 Prozent) die Jastimmen. Dieser Rechts- Links- Differenzierung überlagert sich ein unterschiedliches Verhalten von Anhängern gemäßigter und extremer Parteien: Von den gemäßigt Linken (Anhängern der PS) würden nur 59 Prozent mit "nein" stimmen, von den gemäßigt Rechten (Sympathisanten der UMP) sogar 71 Prozent mit "ja".



    In Frankreich sind also die Gegner des Vertrags von Lissabon vor allem in den unteren und mittleren Schichten zu finden, vor allem bei der Linken und ganz besonders bei den extremen Parteien, auf der Rechten wie auf der Linken. In Irland dürfte die Verteilung ähnlich gewesen sein. Aber zur Mehrheit konnten die Gegner des Vertrags von Lissabon hier wie dort nur dadurch werden, daß sie sich quer über das gesamte politische Spektrum finden.

    Wie gehen die politischen Führern Europas mit solch einer Mehrheit um? Dazu hat der American Thinker, eine immer sehr lesenswerte Web- Publikation, eine Sammlung von Äußerungen zusammengestellt; eine erschreckende, eine entlarvende Sammlung von knapp dreißig Stellungnahmen führender Politiker Europas. Ich empfehle sie dringend zur Lektüre.

    Selten hat man die Arroganz vieler Führer Europas, linker wie rechter, gegenüber ihren Wählern so unverhüllt lesen können.

    Valéry Giscard d'Estaing zum Beispiel, dessen Kommission wir bekanntlich die gescheiterte Europäische Verfassung zu verdanken haben, erklärte unverhohlen, der Vertrag von Lissabon enthalte im wesentlichen dieselben Bestimmungen, nur habe man sie aufgespalten und in verschiedenen Verträgen, oft Ergänzungen zu bestehenden Verträgen, untergebracht:

    "The public opinion would therefore unknowingly adopt the dispositions that it would not accept if presented directly." Die Öffentliche Meinung werde so, ohne es zu wissen, diese Bestimmungen akzeptieren, die sie ablehnen würde, wenn sie direkt darüber zu entscheiden hätte.

    Der Luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker sagte: "Of course there will be transfers of sovereignty. But would I be intelligent to draw the attention of public opinion to this fact?" Natürlich werde es eine Übertragung von Souveränitätsrechten geben. "Aber wäre ich denn intelligent, wenn ich die Aufmerksamkeit der Öffentlichen Meinung auf diese Tatsache lenken würde?"

    Der belgische Außenminister Karel de Gucht: "The aim of the Constitutional Treaty was to be more readable; the aim of this [Lisbon] treaty is to be unreadable... The Constitution aimed to be clear, whereas this treaty had to be unclear. It is a success." - "Das Ziel des Verfassungs- Vertrags war es gewesen, lesbar zu sein; das Ziel dieses Vertrags [von Lissabonn] ist es, unlesbar zu sein... Die Verfassung strebte nach Klarheit, während dieser Vertrag unklar sein mußte. Er ist ein Erfolg."

    Den Vogel aber schoß Giorgio Napolitano ab: "Those who are anti-EU are terrorists. It is psychological terrorism to suggest the specter of a European superstate." Die Gegner der EU seien Terrorirsten. "Es ist psychologischer Terrorismus, das Gespenst eines europäischen Superstaats herauf zu beschwören".

    Zu Superstaaten dürfte Giorgio Napolitano eine besondere Beziehung haben. Bevor er vor zwei Jahren von der damals in Italien regierenden Volksfront aus diversen kommunistischen Parteien, Sozialisten und Linksbürgerlichen zum Präsidenten gewählt wurde, hatte er die folgende politische Karriere hinter sich:

    1945 Eintritt in die Kommunistische Partei Italiens. 1953 erstmals für die Kommunisten ins Parlament gewählt. Ab 1956 Mitglied des Zentralkomitees der PCI. 1956 gehörte er zu denjenigen innerhalb der PCI, die beim Ungarn- Aufstand das Vorgehen der Sowjettruppen verteidigten.

    Von 1966 bis 1969 war Napolitano Koordinator des Sekretariats und des Politbüros der PCI, später der Verantwortliche für Kultur, dann für Wirtschaft und schließlich für Außenpolitik der Kommunistischen Partei Italiens. Der PCI gehörte Napolitano bis zu ihrer Auflösung 1991 an; seither ist er Mitglied der jeweiligen Nachfolgepartei, wie sie gerade heißt.



    Nein, es sind nicht nur Kommunisten, die sich nicht um die Öffentliche Meinung in Europa scheren.

    Nur haben Kommunisten halt darin, sich zynisch über die Meinung ihrer Untertanen hinwegzusetzen, etwas mehr Erfahrung als die Führer des demokratischen Westeuropa. Insofern paßt es schon, wenn Napolitano am lautesten das gesagt hat, was andere etwas leiser äußern.



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