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6. Mai 2009

In gut vier Wochen sind Europawahlen. Hier meine Wahlempfehlung

Morgen in vier Wochen beginnt die Europawahl mit der Öffnung der Wahllokale in Großbritannien und Holland. Die anderen Länder folgen in den Tagen darauf; zur Schlußgruppe gehören wir in Deutschland mit der Wahl am Sonntag, dem 7. Juni. Erst am Sonntag Abend werden europaweit die Resultate veröffentlicht.

Gut einen Monat vor Wahlen ist normalerweise der Wahlkampf längst in seiner heißen Phase. Von den Europawahlen wird man das nicht sagen können, jedenfalls nicht in Deutschland. Keine Wahlspots, kaum Berichterstattung über die Wahlen, nur zögerlich Plakatwerbung. Es gehört keine prophetische Gabe dazu, vorherzusagen, daß die Wahlbeteiligung dürftig sein wird.

Zum ersten Mal, seit ich wahlberechtigt wurde, habe auch ich mir überlegt, ob ich überhaupt zur Wahl gehen werde.

Eigentlich sehe ich es als meine staatsbürgerliche Pflicht an, von meinem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Denn welches Recht habe ich zur Kritik, wenn ich meine Mitwirkung am demokratischen Entscheidungsprozeß verweigere? Der bewußte Wahlverweigerer kommt mir als ein Kritikaster vor, der herummeckert, es aber ablehnt, selbst etwas zu tun.

Anders ist es natürlich bei denjenigen, die sich schlicht nicht für Politik interessieren. Sie haben nicht nur das Recht, dies durch Wahlenthaltung zum Ausdruck zu bringen; sondern es erscheint mir auch angemessen, wenn sie sich so verhalten. Denn was nutzt dem Gemeinwesen die Stimme eines Bürgers, der gar nicht verantwortlich entscheiden kann, weil er von dem, worüber er entscheidet, nichts weiß?

Ob jemand aus Desinteresse oder als bewußte Demonstration dem Wahllokal fernbleibt, kann man freilich nicht wissen. Schon deshalb ist das demonstrative Nichtwählen keine sehr weise Entscheidung - just das Demonstrative daran bleibt ja unbemerkt. Es ist so wirksam wie ein Wahlplakat, das jemand im eigenen Schlafzimmer aufhängt.

Dies gesagt - es gibt für mich Gesichtspunkte, die dafür sprechen, diesen Wahlen fernzubleiben. Denn das Wählen setzt voraus, daß man grundsätzlich mit der Institution einverstanden ist, über deren Zusammensetzung man mitbestimmt; und mit dem Verfassungsrahmen, in den sie eingebettet ist.

Mit der Bundesrepublik Deutschland, mit ihren Institutionen, mit ihren Parlamenten bin ich einverstanden. Mit der Art, wie Europa sich institutionell entwickelt hat und wie es sich auf der Grundlage der Verträge von Lissabon weiterentwickeln soll, bin ich nicht einverstanden.



Die Gründe für diese Haltung habe ich in früheren Artikeln dargelegt, die sich u.a. mit den unklaren Vorstellungen über die Struktur Europas, mit der problematischen Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs und immer wieder mit dem Versuch der Brüsseler Etatisten befaßt haben, bis hin zu lächerlichen Kleinigkeiten ins Leben der EU-Bürger hineinzuregieren. Der Gipfel, sozusagen, war eine EU-Richtlinie mit dem Ziel, das Seilbahn- Wesen in der Europäischen Union zentral zu regulieren. Dieser Richtlinie und ihrer hanebüchenen juristischen Begründung habe ich im September vergangenen Jahres einen längeren Artikel in zwei Teilen gewidmet.

Dieses Europa der Etatisten nun also wollte sich bekanntlich eine Verfassung geben. Als diese von den Franzosen und den Holländern abgelehnt wurde, hat man das nicht respektiert. Genauer: Man hat es nur formal respektiert und den Inhalt umformuliert; ihn in die Form der Verträge von Lissabon gegossen, die nun keiner Zustimmung durch ein Referendum mehr bedurften; mit Ausnahme Irlands.

Dieses neue Europa basiert, mit anderen Worten, auf einer Trickserei, mit der der Volkswille umgangen wurde. Auch der Wille der Iren soll offenbar übergangen werden. Man wird wohl einfach noch einmal abstimmen lassen, nach dem Prinzip: Wir wählen so oft, bis das richtige Ergebnis herauskommt. So ruiniert man das Vertrauen in Institutionen.

Kurz, dieses Europa, dessen Parlament in einem Monat gewählt wird, ist nicht das politische Europa, dem ich so zustimmen kann, wie ich mit der Bundesrepublik Deutschland einverstanden bin. Verpflichtet fühle ich mich deshalb nicht, zur Wahl zu gehen.



Ich werde es gleichwohl tun. Zum einen aus dem schon genannten Grund: Demonstrative Wahlenthaltung ist nicht als demonstrativ erkennbar; sie wird unter die allgemeine "Wahlmüdigkeit" subsumiert.

Zum anderen geht es ja gar nicht primär um Europa.

An der Zusammensetzung des Europäischen Parlaments wird sich nach Umfragen nicht viel ändern; sie ist im übrigen ziemlich egal. Es gibt dort keine Regierungs- und keine Oppositionsparteien. Wenn sich aufgrund der jetzigen Wahlen die Proportionen zwischen den Fraktionen (den Christdemokraten/Konservativen, den Sozialisten, den Liberalen, den Grünen, den Kommunisten und den Euroskeptikern) geringfügig verschieben sollten, dann ist das ohne jeden Belang.

Allenfalls ein gutes Abschneiden der beiden Fraktionen der Euroskeptiker (der Union für ein Europa der Nationen und der Fraktion Unabhängigkeit und Demokratie) könnte eine gewisse Wirkung haben.

Würde in Deutschland eine ernstzunehmende, demokratische euroskeptische Partei zur Wahl antreten - sie hätte meine Stimme. Aber seltsam - während europaweit Euroskeptiker auf den Stimmzetteln stehen werden, sucht man sie in Deutschland vergeblich.

Man kann sie sich bereits ansehen, die Stimmzettel; der Bundeswahlleiter stellt Muster als PDF-Datei zur Verfügung. Weder die EUDemokraten noch Libertas werden in Deutschland zur Wahl stehen.

Diese Stimmzettel sind auch sonst ganz interessant. Sie sind lang; nicht weniger als 31 Parteien oder sonstige Vereinigungen befinden sich darauf. Deren Reihenfolge ist von Bundesland zu Bundesland verschieden; je nach den Ergebnissen früherer Wahlen. Meist steht die Union auf Platz eins, in Bremen aber die SPD, und in Brandenburg sind es gar die Kommunisten.

An dieser Äußerlichkeit wird derjenige Umstand deutlich, der mich veranlaßt, wählen zu gehen: Die wahre Bedeutung dieser Wahlen liegt nicht auf der europäischen Ebene, sondern auf der nationalen. Und das gilt besonders für Deutschland.

Denn mit den Europawahlen wird dieses "Superwahljahr" eröffnet. Sie haben damit so etwas wie eine prägende Wirkung. Wer in diesen Wahlen gut abschneidet, der wird Aufwind für die nachfolgenden Wahlen bekommen. Wer patzt, der geht aus einer schlechten Position in die Wahlen dieses Jahres.

Wie sind die Aussichten der einzelnen Parteien? Es liegen bisher zwei Umfragen vor; beide von Anfang April. Sie zeigen übereinstimmend für die Union und die SPD ungefähr die Werte, die diese auch bei den Umfragen zum Bundestag erreichen. Überraschend aber sind die Zahlen für die Grünen und die FDP: In beiden Umfragen liegen die Grünen bei 13 Prozent und die FDP nur bei 10 Prozent - also eine deutliche Umkehrung der Verhältnisse bei der Sonntagsfrage.

Natürlich kann es sich bei nur zwei vorliegenden Umfragen um Stichprobenfehler handeln. Aber ein solches Ergebnis würde sich auch unschwer interpretieren lassen: Viele Wähler der Grünen dürften gemerkt haben, wie prächtig sich "grüne Inhalte" über den Transmissionsriemen EU - nämlich via Verordnung oder via Richtlinie - durchsetzen lassen. Unter den Wählern der FDP hingegen dürften viele Euroskeptiker sein, die genau aus diesem Grund der EU ablehnend gegenüberstehen. Wer freiheitlich denkt, kann in der Tat dieser EU und ihrem Entwicklungstrend nicht zustimmen. Also dürfte das Interesse an den Europawahlen bei den Wählern der Grünen höher sein als bei denjenigen der Liberalen.



Und damit bin ich bei meinem Fazit, das Sie, lieber Leser, nun nicht mehr verwundern wird: Ich werde zur Wahl gehen, und ich werde die FDP wählen. Ein deutlich schlechteres Abschneiden, als ihr die momentanen Umfragen für den Bundestag vorhersagen, wäre ein miserabler Auftakt für dieses Wahljahr. Erst recht dann, wenn die FDP auch noch deutlich von den Grünen überholt werden würde.

Ich bitte Sie, die Überlegungen, die ich in diesem Artikel vorgetragen habe, zu prüfen, und würde mich freuen, wenn Sie dann zur selben Entscheidung kämen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fahnen vor dem Gebäude der Europäischen Kommission. Autor: Xavier Häpe; frei unter Creative Commons Attribution 2.0 License.

9. September 2008

Zitat des Tages: Der Europäische Gerichtshof hat "Grundsätze der abendländischen richterlichen Rechtsauslegung bewußt und systematisch ignoriert"

Die beschriebenen Fälle zeigen, daß der EuGH zentrale Grundsätze der abendländischen richterlichen Rechtsauslegung bewußt und systematisch ignoriert, Entscheidungen unsauber begründet, den Willen des Gesetzgebers übergeht oder gar in sein Gegenteil verkehrt und Rechtsgrundsätze erfindet, die er dann bei späteren Entscheidungen wieder zugrunde legen kann.

Sie zeigen, daß der EuGH die Kompetenzen der Mitgliedsstaaten selbst im Kernbereich nationaler Zuständigkeiten aushöhlt.


Roman Herzog und Lüder Gerken in der gestrigen FAZ (Nr. 210/2008, Seite 10; hier als PDF-Datei herunterladbar).

Kommentar: Ein starkes Geschütz, nicht wahr, das da gegen den Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Stellung gebracht wird, gegen die höchste richterliche Instanz in der EU!

Ein starkes Geschütz, an dem nicht kleine Kanoniere stehen, sondern sozusagen die Generalität höchstselbst:

Roman Herzog, einer der angesehensten deutschen Staatsrechtler, Ordinarius für Staatsrecht in Berlin und Speyer, Mitautor des maßgeblichen Kommentars zum Grundgesetz (des "Maunz / Dürig / Herzog / Scholz"). Dann, bevor er Bundespräsident wurde, Richter am Bundesverfassungsgericht; von 1987 bis 1994 dessen Präsident. Und ein Kenner europäischen Rechts; Herzog war Leiter des ersten Europäischen Konvents, der dem späteren Verfassungskonvent vorausging und der die Charta der Grundrechte der EU erarbeitete.

Kaum minder sachkundig ist Herzogs Mitautor Lüder Gerken; vormals Leiter des liberalen Walter- Eucken- Institut in Freiburg; Vorstand der Friedrich- August- von- Hayek- Stiftung und seit 2006 Direktor des Centrums für Europäische Politik.

Herzog und Gerken sind ein bewährtes Autorenteam. Im Januar 2007 haben sie gemeinsam in der "Welt" einen ähnlichen Artikel wie jetzt publiziert; damals eine Darlegung des erschreckenden Umstands, daß in Brüssel ganz unklar ist, wohin sich Europa eigentlich entwickeln soll - zu einem Bundesstaat, wie er den "Föderalisten" vorschwebt, oder zu einer Staatenunion, einem Europa der Vaterländer, wie die "Intergouvernementalisten" es wollen.

Jetzt also haben sich die beiden Autoren den Europäischen Gerichtshof vorgenommen. Was sie über ihn schreiben, ist für den Nichtjuristen, der nicht der offenbar schon lange im Gang befindlichen Diskussion unter Juristen folgt, nachgerade unfaßbar.

So heißt es über die Begründung eines Urteils ("Mangold- Urteil") durch den EuGH:
Um sein Urteil zu rechtfertigen, griff der EuGH zu einer abenteuerlichen Konstruktion. (...)

Es sei ... gar nicht die (noch nicht umzusetzende) Antidiskriminierungsrichtlinie, deretwegen die deutsche Vorschrift gegen EU-Recht verstoße, sondern ein "allgemeiner Grundsatz des Gemeinschaftsrechts".

Nur war dieser "allgemeine Grundsatz des Gemeinschaftsrechts" frei erfunden. (...)

Im vorliegenden Fall gebärdete sich der EuGH als Gesetzgeber. Unter Hinweis auf angebliche völkerrechtliche Abkommen und angebliche Verfassungstraditionen der Mitgliedstaaten erfand er EU-Recht.
Urteilsschelte vom Feinsten; wie immer, wenn Herzog etwas schreibt, von untadeliger Logik getragen.

Ähnlich zerpflücken die Autoren weitere Urteile des EuGH und kommen zu dem Schluß:
Der EuGH ist als letztinstanzlicher Wächter der Subsidiarität und als Schützer der Belange der Mitgliedstaaten ungeeignet.
Kein Wunder; führe doch
eine EUlastige Rechtsprechung des EuGH dazu, dass die Felder, auf denen er Recht sprechen kann und damit die mitgliedstaatlichen Gerichte verdrängt, ebenfalls wachsen, so dass sein eigener Einfluss ständig zunimmt.
Beängstigende Aussichten, wenn man bedenkt, daß dem EuGH bei der Auslegung der Verträge von Lissabon eine Schlüsselrolle zugedacht ist: Wenn es Streit darüber gibt, ob eine Kompetenz bei den nationalen Regierungen oder in Brüssel liegt, dann soll der EuGH das entscheiden. Der Bock werde damit zum Gärtner gemacht, meinte dazu der Verfassungsrechtler Herbert von Arnim.

Über das "Mangold- Urteil" wird demnächst das Bundesverfassungsgericht zu befinden haben. Es gehe dabei, schreiben Herzog und Gerkens,
um die Frage, ob die exzessive Rechtsprechung des EuGH künftig wieder einer strengeren Kontrolle durch das Bundesverfassungsgericht unterworfen wird oder ob das Bundesverfassungsgericht seine Wächterfunktion endgültig aufgeben will.
Ob es sie noch aufrechterhalten kann, wenn die Verträge von Lissabon erst einmal in Kraft sind, ist eine andere Frage.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

1. September 2008

Zitat des Tages: Lothar Bisky, Vorsitzender von zwei Parteien

Den Vorsitzenden der Partei Die Linke zieht es nach Europa. Für die Wahl zum Europäischen Parlament 2009 will er sich als Spitzenkandidat zur Verfügung stellen. (...) Im November 2007 wurde er einstimmig zum Vorsitzenden der Europäischen Linken (EL) gewählt, einem Zusammenschluss europäischer Linksparteien.

Stefan Berg in "Spiegel- Online".

Kommentar: Wer hier regelmäßig mitliest, der weiß es; aber ich vermute, viele sonst gut politisch Informierte wissen es nicht: Der Vorsitzende fast aller europäischer Kommunisten heißt Lothar Bisky. Nicht nur ist er der Vorsitzende, sondern diese Partei - eine wirkliche Partei, keine Dachorganisation oder dergleichen - ist wesentlich auf Initiative Lothar Biskys gegründet worden.

Über ihre Geschichte gibt sie selbst folgendermaßen Auskunft:
Six years ago, in June 1998, representatives from a number of left socialist, communist, and red-green parties in the European Union met in Berlin on the eve of the 1999 elections to the European Parliament to think about new forms and ways of cooperation. (...)

As a result of this meeting, thirteen European left-wing parties gathered in Paris in January 1999 and for the first time elaborated and passed a common request concerning the European elections, addressing all people living in the EU. (...)

At the above mentioned meeting the Chairman of the PDS Lothar Bisky expressed the need to think beyond the pre-existing forms of parliamentary cooperation within the European Parliament and the Forum of the New European Left (NELF), and to conceive new ways of common political work (...)

Finally, on January 10th and 11th 2004, a meeting of the parties took place in Berlin, which, by calling on all interested left parties in Europe, triggered the initiative for the founding of the Party of the European Left. Eleven parties joined that call; other party representatives present in Berlin declared they would actively observe the process.

The follow-up meeting in the beginning of February of the initial group in Athens ... resulted in an agreement to arrange the founding Congress for May 8th and 9th 2004 in Rome.

Vor sechs Jahren, im Juni 1998, trafen sich am Vorabend der Wahlen zum Europäischen Parlament in Berlin Vertreter verschiedener sozialistischer, kommunistischer und rot-grüner Parteien in der Europäischen Union, um über neue Formen und Wege der Zusammenarbeit nachzudenken. (...)

Als Ergebnis dieses Treffens versammelten sich im Januar 1999 dreizehn linksgerichtete Parteien in Paris und erarbeiteten und verabschiedeten erstmals gemeinsame Forderungen zu den Europawahlen, mit denen sie sich an alle in der EU lebenden Menschen wandten. (...)

Auf dem oben genannten Treffen formulierte der Vorsitzende der PDS Lothar Bisky die Notwendigkeit, über die bereits existierenden Formen parlamentarischer Zusammenarbeit im Europäischen Parlament und dem Forum der Neuen Europäischen Linken (NRLF) hinauszudenken und neue Formen der gemeinsamen politischen Arbeit zu konzipieren. (...)

Am 10. und 11. Januar 2004 schließlich fand ein Treffen der Parteien in Berlin statt, das mittels eines Aufrufs an alle interessierten linken Parteien in Europa die Initiative für die Gründung der Partei der Europäischen Linken ergriff. Elf Parteien schlossen sich diesem Aufruf an; andere Repräsentanten von in Berlin vertretenen Parteien erklärten, daß sie den Prozeß aktiv beobachten würden.

Das Nachfolgetreffen der Initiativgruppe Anfang Februar in Athen ... hatte die Übereinkunft zum Ergebnis, die Gründungskonferenz für den 8. und 9. Mai 2004 nach Rom einzuberufen.
Im Juni 1998 also begann der Prozeß der Parteigründung mit einem ersten Treffen in Berlin. Beim nächsten Treffen in Paris war es Lothar Bisky, der die Notwendigkeit formulierte, "neue Formen der gemeinsamen politischen Arbeit zu konzipieren".

Wiederum in Berlin wurde die Initiative für die Gründung der neuen Partei ergriffen. Und seit November 2007 nun ist Lothar Bisky ihr Vorsitzender, als Nachfolger des italienischen Kommunisten Fausto Bertinotti.



Eine Partei - und eben nicht nur eine Dachorganisation - gründet man nur, wenn man gemeinsame Überzeugungen und Ziele hat. Daß dies kommunistische Ziele sind, geht daraus hervor, daß fast alle kommunistischen Parteien Europas als Mitglieder oder Beobachter in dieser Partei vertreten sind; daneben einige, die das Wort "kommunistisch" nicht im Namen führen.

Hier ist die Liste (in der Reihenfolge der englischen Namen der betreffenden Länder):

Vollmitglieder
Kommunistische Partei Österreichs

Kommunistische Partei Belgiens (Parti Communiste [Wallonie])

Partei des Demokratischen Sozialismus (Strana demokratického socialismu; Tschechien)

Estische Linkspartei (Eesti Vasakpartei)

Kommunistische Partei Frankreichs (Parti communiste français)

Die Linke (Deutschland)

Koalition der Linken (ΣΥΝΑΣΠΙΣΜΟΣ; Griechenland)

Ungarische Kommunistische Arbeiterpartei (Magyar Kommunista Munkáspárt)

Neugegründe kommunistische Partei (Partito della rifondazione comunista; Italien)

Die Linke (Déi Lénk; Luxemburg)

Linksblock Portugal (Bloco de Esquerda Portugal)

Partei der sozialistischen Allianz (Partidul Alianta Socialista; Rumänien)

Kommunistische Partei Moldawiens (Partidul Comuniştilor din Republica Moldova)

Neugegründete kommunistische Partei San Marinos (Rifondazione Comunista Sammarinese)

Vereinigte Linke (Izquierda Unida; Spanien)

Vereinigte und alternative Linke (Esquerra unida i alternativa; Katalanien)

Kommunistische Partei Spaniens (Partido Comunista de España)

Partei der Arbeit der Schweiz

Freiheits- und Solidaritätspartei (Özgürlük ve Dayanışma Partisi; Türkei)


Parteien mit Beobachterstatus:

Die andere Linke (Une Autre Gauche; Belgien)

Fortschrittliche Arbeiterpartei (Aνορθωτικό κόμμα Eργαζόμενου Λοού; Zypern)

Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (Komunisticka strana Čech a Moravy)

Einheitsliste - die Rot-Grünen (Enhedslisten - De Rød-Grønne; Dänemark)

Kommunistische Partei Finnlands (Suomen kommunistinen puolue)

Deutsche Kommunistische Partei

A.K.O.A. Erneuerte kommunistische und ökologische Linke (Ανανεωτική Κομμουνιστική Οικολογική Αριστερά, Griechenland)

Partei der italienischen Kommunisten (Partito dei Comunisti Italiani)

Europäische Linke (Sinistra Europea; Italien)

Junge Sozialisten (Młodzi Socjaliści; Polen)

Kommunistische Partei Slowakiens (Komunistická strana Slovenska)



Zwei beeindruckende Listen, nicht wahr? Und man fragt sich, warum die deutschen Partei "Die Linke" nicht mehr daraus macht, daß ihr Vorsitzender zugleich der Große Vorsitzende der Kommunisten Europas ist.

Tja ...



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

9. August 2008

Zitat des Tages: "Man muß die Kunden bei der Hand nehmen". Über die neuesten Pläne unserer Erziehungsberechtigten in Brüssel

Es reicht nicht, die Kunden nur über gesundes und umweltbewusstes Verhalten zu informieren. Man muss sie bei der Hand nehmen und ihnen die richtige Auswahl an Möglichkeiten bieten.

Ein EU-Beamter laut einem Artikel von Yovka Dimitrova in den "Stuttgarter Nachrichten" über die von der EU-Kommissarin Meglena Kuneva angestrebte "selbstverpflichtende Regelung", wonach Händler "gesunde Ware gut sichtbar präsentieren und durch entsprechende Kennzeichnung zusätzlich anpreisen" sollen.

Bemängelt wird von der Kommissarin, daß "Süßigkeiten gut sichtbar neben der Kasse [liegen] - kein Weg führt daran vorbei. Nun will sie die Händler zum Umsortieren bewegen. Sie sollen sich freiwillig dazu verpflichten, Obst und Gemüse für jedermann gut sichtbar auszulegen und damit die Käufer zu gesünderem Essen verleiten".

Kommentar: Frau Kuneva, von Bulgarien in die EU-Kommission gesandt, ist eine Pionierin. Denn ihre Idee birgt unerschöpfliche Möglichkeiten der Weiterentwicklung:

Die Elektrohäuser verpflichten sich, Glühbirnen nur noch in dunklen Ecken im Hintergrund des Ladens auf den höchsten oder untersten Etagen der Regale anzubieten. Hingegen werden sie Öko-Funzeln Energiesparlampen in attraktiven Arrangements an den Kassen aufbauen.

Die Restaurants verpflichten sich, ganz oben auf der Speisekarte in großer, auch für Kinder und Senioren gut lesbarer Schrift Grünkernklößchen auf Hirsebrei anzubieten. Steaks und Wiener Schnitzel hingegen dürfen nur noch auf einer Sonderkarte stehen, die nur an Erwachsene gegen Unterschrift auf einem Formular ausgehändigt wird, auf dem sie über die ökologischen Kosten der Zucht von Rindern und Schweinen aufgeklärt werden.

Die Spielzeugläden verpflichten sich, gut sichtbar Holzspielzeug, Puppen aus der Dritten Welt und Lätzchen aus Jute anzubieten. Wasserpistolen, Flugzeug- Bausätze und Computerspiele dürfen nur noch in einem getrennten Raum feilgehalten werden. Dabei gelten sinngemäß dieselben Einschränkungen wie für den Verkauf und die Bewerbung von Pornografie.

Und so fort. Falls Sie weitere Einfälle haben und diese nicht für sich behalten wollen - wie immer gibt es zu diesem Artikel einen ...



... Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.- Mit Dank an DrNick.

13. Juli 2008

Zitat des Tages: Michael O'Leary (Ryanair) sagt, wie es ist

WELT ONLINE: Macht die EU Ihnen das Leben schwer?

O'Leary: Natürlich. Bis vor 20 Jahren war sie ganz wichtig in der Deregulierung. Sie half, die nationalen Monopole zu brechen. In den letzten zehn Jahren hat sie dann verzweifelt versucht, die Regulierung wieder einzuführen. Die Einflussnahme nimmt zu, die Steuern steigen, durch den Emissionshandel werden die Preise steigen. Wir werden uns in Europa dank dieser wunderbaren Kommission noch zu Tode besteuern, während das weder Amerikaner, Russen oder Chinesen tun.

WELT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

O'Leary: Inkompetente Bürokraten und Politiker sind daran schuld. Durch diesen umweltpolitischen Quatsch rutschen wir vielleicht in eine Rezession. Warum? Weil Bürokraten und Politiker mit den wirklichen Dingen des Lebens nichts zu tun haben.


Aus einem Interview, das Andreas Seibel für "Welt Online" mit dem Gründer und Besitzer von Ryanair führte.

Kommentar: Gerade hat ja Michael O'Leary die Regulierungswut, die er beklagt, am eigenen Leib erfahren, als kein Geringerer als das Europäische Parlament festlegte, wo in einem Internet- Buchungsformular der Kunde ein Häkchen einfügen und wo er es wegklicken darf, soll oder muß.

Ansonsten: So wie O'Leary spricht ein freier Bürger eines freien Landes. Wenn man dieses Interview liest, dann versteht man besser, warum die Iren den Vertrag von Lissabon abgelehnt haben.



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2. Juli 2008

Marginalie: Kompetenz-Kompetenz. Was an Gefahren im Vertrag von Lissabon lauert

Es mag daran gelegen haben, daß die Sache der EU-Skeptiker von zwei brillanten Juristen - dem Verwaltungsrechtler Hans Herbert von Arnim und vor allem dem Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider - vertreten wurde, denen die beiden ihnen gegenübersitzenden Befürworter des Vertrags von Lissabon weder fachlich noch intellektuell gewachsen waren.

Jedenfalls war die gestrige Phoenix-Runde nachgerade so etwas wie moralische Aufrüstung für diejenigen, die fürchten, daß im Vertrag von Lissabon mehr an Gefahren lauert, als der Laie auf den ersten Blick sehen kann, oder auch auf den zweiten.



Auch wir Nichtjuristen können erkennen, daß man das "Nein" der Franzosen und Niederländer zum Verfassungsvertrag unterlaufen will, indem man faktisch dieselben Bestimmungen in einem Vertragswerk unterbringt, das nur halt nicht mehr den Namen "Verfassung" trägt.

Das geben Verantwortliche auch ganz ungehemmt zu. Die Öffentlichkeit werde unwissentlich das akzeptieren, was sie, wenn es ihr direkt vorgelegt werde, ablehnen würde - so unverhüllt hat es kein Geringerer als Valéry Giscard d'Estaing gesagt; ähnlich auch der Obereuropäer Claude Juncker.

Auch wir juristischen Laien können die Chuzpe erkennen, die Barroso und seine Getreuen an den Tag legen, wenn sie als Reaktion auf das "Nein" der Iren nicht etwa überlegen, wie man dieser neuen Lage gerecht werden, sondern nur wie man sie umschiffen kann. Statt eine ernsthafte Diskussion zu führen, wird man erneut die Patschehändchen ganz tief in die Trickkiste stecken.

Auch wir Laien merken, daß etwas faul sein muß an diesen heutigen Europa, wenn - Christian Hannover hat es bei den Kollegen von "Freunde der Offenen Gesellschaft" und Boche hat es bei den Bissigen Liberalen aufgespießt - die Abgeordnete Koch-Mehrin erklärt, die EU dürfe sich jetzt "nicht aufhalten lassen". Das wäre ja auch noch schöner, wenn die Politiker sich durch das renitente Volk würden aufhalten lassen.



Also - das alles kann man auch erkennen, wenn man nichts von Staatsrecht versteht. Was ich aber gestern Abend von Arnim und Schachtschneider gelernt habe, das betrifft die Fallstricke, die im Kleingedruckten lauern.

Ein Beispiel, das vermutlich drastischste Beispiel, ist der Artikel 48, Absatz 6. Dort wird ein "vereinfachtes Veränderungsverfahren" eingeführt, das dem Europäischen Rat - er besteht aus den Staats- und Regierungschefs der EU sowie dem Präsidenten der Kommission, ist also ein rein exekutives Organ - eine "Änderung aller oder eines Teils der Bestimmungen ... über die Arbeitsweise der EU" erlaubt.

Dieser Paragraph ist eines der Kernstücke der Klage des Abgeordneten Peter Gauweiler, die beim Bundes- Verfassungsgericht anhängig ist und die Schachtschneider dort vertritt.

Es geht - so erläuterten es die beiden Juristen - um das, was sie in ihrem Jargon die "Kompetenz-Kompetenz" nennen: Wer hat die Kompetenz, Kompetenzen zu verteilen?

Nach dem Vertrag von Lissabon jedenfalls nicht der Souverän in Gestalt gewählter Volksvertreter. Abgesehen davon - darauf wies Arnim hin -, daß das Europäische Parlament schon deshalb nicht demokratisch gewählt wird, weil die Stimme eines Maltesers oder eines Luxemburgers ein Vielfaches des Gewichts der Stimme eines Deutschen hat.

Ein anderer kritischer Punkt ist die Subsidiarität. Das Subsidiaritäts- Prinzip soll durch den Vertrag von Lissabon erweitert werden (siehe dazu die Diskussion in "Zettels kleinem Zimmer"; für einen schnellen Überblick hier klicken). Klingt zunächst gut. Aber wie steht es mit der Kompetenz-Kompetenz? Wenn es Differenzen über die Anwendung dieses Prinzips gibt, dann entscheidet der EuGH, der "Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften". Der bisher fast durchgängig zugunsten europäischer Institutionen entschieden hat.

Dessen interne Verfahrenssprache ist Französisch. Entscheidungen beispielsweise zur Subsidiarität diesem Gericht vorzulegen hieße, so meinte Herbert von Arnim, den Bock zum Gärtner zu machen.



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19. Juni 2008

Deutschland im Öko-Würgegriff (9): Durchgeknallt. Die EU will Glühbirnen verbieten. Nebst Bemerkungen über das Anfüttern und über Wolfgang Harich

Wann hat der Staat das Recht, den Verkauf bestimmter Produkte zu verbieten? Bisher dann, wenn diese eine Gefahr für den Käufer und/oder für andere darstellen.

Also verbietet man den Verkauf von Opium, den Verkauf von Waffen, den Verkauf von unsicheren Elektro- Geräten.

Jetzt will die EU offenbar ein neues Prinzip einführen: Verboten soll ein Produkt werden, obwohl es sicher ist, obwohl es seit vielen Jahrzehnten von Millionen Menschen benutzt wird, ohne daß dies sie oder andere geschädigt hätte.

Was an der Glühbirne - um deren beabsichtigtes Verbot geht es - zu beanstanden ist, das ist allein, daß man Licht auch auf eine andere Art erzeugen kann, nämlich durch sogenannte Energiesparlampen.

Diese haben Nachteile (zum Beispiel ein unangenehm fahles Licht; meist eine Verzögerung der Lichtabgabe nach dem Einschalten) und sie haben den Vorteil eines höheren Wirkungsgrads als Glühbirnen. Damit wird bei ihrer Verwendung Strom, also Energie gespart, also der CO2-Ausstoß reduziert.

Die EU-Kommission beabsichtigt, durch ein Verbot der Glühbirne in die Freiheit der Bürger einzugreifen, selbst zu entscheiden, auf welche Art sie ihre Wohnungen beleuchten wollen. Und zwar allein aus dem Grund, daß dadurch die CO2-Emissionen reduziert werden sollen.



Ist eigentlich denjenigen, die diese Meldung lesen und das vielleicht doch eigentlich ganz vernünftig finden, bewußt, welche Bresche da in unsere Rechtsordnung geschlagen werden soll?

Wenn sich die EU-Kommission anmaßt, ein Produkt allein deshalb zu verbieten, weil ein anderes umweltfreundlicher ist - wo soll dann noch haltgemacht werden?

Es ist umweltfreundlich, sich vegetarisch zu ernähren; jedenfalls wird das behauptet. Also den Fleischkonsum verbieten oder mindestens gesetzlich einschränken. Es ist umweltfreundlicher, auf dem Balkon als auf den Malediven Urlaub zu machen. Also Ferienflüge wenn auch vielleicht nicht gleich verbieten, so doch erst einmal Bezugsscheine für sie einführen. (Jede Familie darf einmal in fünf Jahren mit dem Flugzeug verrreisen; Singles alle zehn Jahre).

Es ist umweltfreundlicher, mit dem ÖPNV als mit dem PKW zur Arbeit zu fahren. Also wozu noch lange über die Pendlerpauschale streiten? Man kann doch einfach jedem, der auch mit Bahn oder Bus zur Arbeit kommen kann, die Benutzung des PKW verbieten.



Und so fort. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Sie finden, ich übertreibe? Ein Verbot der Glühbirne sei doch wirklich harmlos?

Ich fürchte, lieber Leser, dann haben Sie zweierlei übersehen:

Erstens, daß Machtgier unersättlich ist. Hat man erst einmal der Glühbirne den Garaus gemacht, dann wird man als nächstes natürlich nicht gleich den Urlaub mit dem Flieger verbieten, aber vielleicht die elektrischen Heizkörper. Und dann Stand- By- Schaltungen. Und dann Spielzeug aus Materialien, für deren Herstellung viel Energie benötigt wird. Und so fort. Bis nicht mehr die Anbieter und wir Konsumenten entscheiden, was ver- und gekauft wird, sondern die Bürokraten in Brüssel.

Und zweitens dienen ja solche scheinbar harmlosen Verbote wie das der Glühbirne auch dazu, uns, die vom Verbot Betroffenen, daran zu gewöhnen, daß wir nicht mehr frei entscheiden können, was wir kaufen.

Es wird nicht nur eine juristische Bresche geschlagen, sondern wir werden auch psychologisch auf die Herrschaft der Öko- Bürokraten vorbereitet. Angefüttert, wie man so etwas in gewissen Kreisen nennt.

Und angefüttert wurden wir, streng genommen, schon zuvor, nur haben wir das, wie es beim Anfüttern so ist, nicht gemerkt. Nämlich, als Abgasnormen für Autos eingeführt wurden. Das erschien harmlos, ja einsichtig, denn der Gebrauchswert eines Fahrzeugs wird ja nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigt, wenn es bestimmte Abgasnormen erfüllt. Lediglich teurer wird es, aber das haben wir alle brav akzeptiert.

Würde man für Glühbirnen lediglich einen bestimmten Wirkungsgrad vorschreiben, dann bliebe das ebenso unmerklich, was den Gebrauchswert angeht. Aber, einmal angefüttert, werden wir nun den nächsten Schritt zu akzeptieren haben, daß man gleich eine ganze Art von Produkt verbietet. Das wäre etwa so, wie wenn man bei den Automobilen den SUV verbieten würde; sicher einer der feuchten Träume mancher Umweltfreunde.



Wie soll ein Verbot der Glühbirne eigentlich durchgesetzt werden? Wird sich die Zollkontrolle künftig auch auf heimlich aus Nicht- EU- Ländern eingeschmuggelte Glühbirnen erstrecken? Wird ein Kontrolldienst eingerichtet, der im Verdachtsfall eine Wohnung nach verbotenen Glühbirnen durchsucht?

Das könnte der Vorläufer einer Umweltbehörde mit exekutiven Befugnissen sein, die unausweichlich sein wird, wenn die jetzige Entwicklung weitergeht. Man könnte sie Geheime Umweltpolizei (GeUmPo) und das zuständige Ministerium Ministerium für Umweltsicherheit (MfU) nennen.

Und noch etwas, das mir, lieber Leser, immer mehr am Herzen liegt: Es wird wirklich Zeit, Wolfgang Harich, den Propheten der Öko- Diktatur, als den Pionier anzuerkennen, der er gewesen ist. Er gehört auf Briefmarken, ihm sollten Denkmäler gesetzt und Straßen und Plätze sollten dringend nach ihm benannt werden.



Links zu den früheren Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

24. November 2007

Europapolitik: Brüsseler Anmaßungen, deutsche Unfähigkeiten

"Die EU-Kommission plant nach den Worten ihres Präsidenten José Manuel Barroso Strafzahlungen für Autofirmen, die gegen Klimaschutz- Vorgaben aus Brüssel verstoßen", berichtet heute die Presse - beispielsweise das "Handelsblatt" - über ein Interview, das Barroso "Bild am Sonntag" gegeben hat.

Kaum jemand, der eine Meldung wie diese liest, fragt sich noch, wie eigentlich eine Kommission dazu kommt, Strafen gegen Autofirmen zu verhängen. Strafen, nicht wahr, werden ja eigentlich von Gerichten verhängt. Und für Autofirmen ist eigentlich das Land ihres Firmensitzes zuständig, nicht eine Kommission, die in Brüssel sitzt.

Eigentlich, d.h. innerhalb eines Rechtssystems, in dem die Gewaltenteilung funktioniert und in dem Staaten souverän sind.

Kein Mitglied der EU ist aber mehr im klassischen Sinn souverän. Viele Rechte, die in den USA jeder Bundesstaat für sich beansprucht, sind von den nominell souveränen Staaten der EU nach Brüssel abgegeben worden. Beispielsweise haben in den USA die Bundesstaaten das Recht auf ihre eigenen Anti- Diskriminierungs- Gesetze, während die EU-Staaten an EU-Direktiven wie die Direktive 2000/43/EG (Antirassismus) gebunden sind.



"Nach Brüssel abgeben" - was heißt das aber? An wen denn abgeben? Haben wir in Brüssel eine Europa- Regierung, die nach dem Prinzip der Gewaltenteilung gegliedert ist? Werden dort die Gesetze von der Legislative gemacht und von der Exekutive ausgeführt? Wird über Strafen von einer unabhängigen Judikative entschieden?

Nein. In Brüssel residiert bekanntlich eine Institution namens "EU-Kommission", die das alles in einem ist - sie führt als Exekutive die Geschäfte, sie betätigt sich faktisch als Legislative, indem sie Direktiven erläßt, die von den nationalen Parlamenten in Gesetzesform gegossen werden müssen, und sie benimmt sich wie eine Judikative, wenn sie beispielsweise, siehe oben, Geldstrafen gegen Firmen verhängt. Gewiß, es gibt ein Europäisches Parlament, einen Europäischen Gerichtshof. Aber sie haben noch längst nicht die Kompetenzen, die eigentlich einer Legislative, einer Judikative zustehen.



Europa ist eben noch im Werden. Niemand, der die Fakten fair beurteilt, wird die EU, könnte er es denn, wieder abschaffen wollen. Wohl aber ist zu fragen, ob es so weitergehen kann, daß zwar erbittert um nationale Sitze in Gremien gerungen wird, daß aber noch niemand weiß, worauf die europäische Einigung eigentlich hinauslaufen soll - ob man nämlich ein Bundesstaat oder ein Europa der Vaterländer werden will. Wenn man einmal erwachsen ist.

Solange Europa das nicht ist, tut man gut daran, die Entwicklung des Adoleszenten in so vernünftige Bahnen zu lenken, wie das nun einmal, rebus sic stantibus, schlecht und recht geht.

Das heißt zum einen, die Herrschaft der Bürokratie zu beschneiden, wo immer es dafür eine Chance gibt.

Es heißt zweitens, als nationale Regierung Eurokraten in ihre Schranken zu weisen, wenn sie - wie z.B. jetzt Barroso - sich in Dinge wie ein Tempolimit in Deutschland einmischen, die sie nichts angehen.

Und drittens und vor allem heißt es, daß jeder Staat gut beraten ist, seine Interessen nach Kräften in Brüssel zu vertreten, wenn er sie schon nicht mehr mit der eigenen Machtvollkommenheit eines souveränen Staats unmittelbar durchsetzen kann. "If you can't beat 'em, join 'em".



Und damit - mit der Vertretung unserer Interessen in Brüssel - ist es in Deutschland miserabel bestellt. Wie miserabel, wie hundserbärmlich es damit bestellt ist, das beschreibt jetzt Christoph B. Schiltz in einem äußerst lesenswerten Artikel in "Welt Online" unter dem drastischen Titel: "Die sieben Todsünden der Deutschen in Brüssel".

Warum sind wir in Bezug auf Brüssel allzumal Sünder, wir Deutsche? Es gibt, wie Schiltz darlegt, viele Gründe. Aber einer liegt auf der Hand: Wir leisten uns in Deutschland den Luxus, kein nationales Europa- Ministerium zu haben.

Fast alle anderen EU-Länder haben das - entweder in Gestalt eines ausschließlich für Europa zuständigen Ministers wie zeitweise in Frankreich, oder in Personalunion mit einem anderen Ministerium. In der Regierung Fillon zum Beispiel ist Bernhard Kouchner zugleich Außen- und Europaminister; seine offizielle Amtsbezeichnung lautet Ministre des Affaires étrangères et européennes. Innerhalb dieses Ministeriums leitet ein Staatsminister die Europapolitik, der frühere enge Mitarbeiter des Sozialisten Lionel Jospin, Jean-Pierre Jouyet.

Europaminister - so etwas gibt es in Deutschland auch. Allerdings nur auf Länderebene! Die Bundesländer haben in der Regel ein Ministerium, das die Kompetenz für Europa mit anderen Aufgaben (am häufigsten Bundes- Angelegenheiten) kombiniert; teils aber auch nur Bevollmächtigte oder Beauftragte für Europa. Im Bund aber gibt es kein einziges Ministerium, das den Namen "Europa" auch nur im Namen führt.

Es gibt eine Europaabteilung des Auswärtigen Amts; auf derselben hierarchischen Ebene angesiedelt wie z.B. seine Abrüstungsabteilung. Aber viele andere Köche kochen mit; nicht weniger als 58 Referate in diversen Ministerien sind für Europa zuständig!

Der Kanzler Schröder hatte einmal, nach der 2002 gewonnenen Wahl, die Ernennung eines Europaministers geplant, wollte ihn aber im Bundeskanzleramt ansiedeln. Der damalige designierte Außenminister Fischer hörte die Nachtigall trapsen und sperrte sich. So versuchen die einzelnen beteiligten Ministerien halt ihre Europapolitik irgendwie zu koordinieren.

Genügen wird das nicht. Die Todsünden, die Schiltz aufzählt - u.a. eine verfehlte Personalpolitik, die Unterschätzung des EU- Parlaments, schwache Netzwerke und eben dieser Kompetenzwirrwarr in der Bundesregierung - müssen angegangen werden. Auf nach Brüssel!

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2. November 2007

Marginalie: Der bedrohte Äbbelwoi. Eine philosophisch-psychologische Überlegung

In Brüssel gibt es den Entwurf einer Verordnung, mit der es verboten werden soll, den Apfelwein noch Apfelwein zu nennen. "Wein" soll nur noch der Traubenwein heißen dürfen.

Das schreibt heute die FAZ, und dazu berichtet sie ausführlich über den Sturm der Entrüstung, den das - parteiübergreifend, von der CDU bis zu den Grünen - in Hessen und speziell in Frankfurt ausgelöst hat. In Frankfurt, wo der Äbbelwoi bekanntlich das Nationalgetränk ist.



Wie eine solche EU-Verordnung aussieht, das kann man sich hier anschauen und es sich, wenn man denn mag, auf der Zunge zergehen lassen.

Nun gut, Juristerei. Nur - wer läßt sie aus dem Gatter, diese furchtbaren Juristen, die sich nachgerade darin suhlen, alles und jedes ihrem Regulierungsdrang zu unterwerfen? Wie muß ein Gehirn gewickelt sein, in dem der Gedanke sich entfalten kann, daß man den Apfelwein nicht mehr Apfelwein nennen dürfen soll?

Gewiß gibt es Regelungen über die Bezeichnung von Lebensmitteln, die nachvollziehbar sind. Wenn auf einer Flasche "Orangensaft" steht, dann sollte der Verbraucher schon sicher sein können, daß darin kein mit chemischen Aromen, Farbe und Zucker versetztes Wasser ist. Wenn er, laut Etikett, eine Dose "italienische Tomaten" ersteht, dann sollte er sich darauf verlassen können, daß diese Tomaten nicht in einem holländischen Gewächshaus gezogen wurden.

Da geht es darum, Betrug zu unterbinden. Aber es ist ja kein Betrug, Apfelwein Apfelwein zu nennen.

Könnte ein Verbraucher wegen des Wortteils "-wein" auf den Gedanken kommen, es handle sich um Traubenwein? Offenbar nicht, denn der andere Wortteil sagt ihm ja, daß das nicht der Fall ist. Und sofern es sich um auf Flaschen gezogenen Apfelwein handelt, prangt zusätzlich in der Regel ein Apfel oder prangen Äpfel auf dem Etikett.



Also, was geht in den Gehirnen der Bürokraten vor, die sich so etwas ausdenken?

Ich weiß es nicht. Aber ich habe eine Idee, eine Spekulation, eine wilde Hypothese:

Ich stelle mir einen Bürokraten vor, der in Brüssel sitzt und die Welt zu ordnen versucht.

Sie ist unordentlich, diese Welt, in der er leben muß. Begriffe werden unscharf verwendet. Schöne, sanft gebogene Früchte heißen ebenso "Bananen" wie krumme und schiefe Kümmerlinge. Es gibt Wiener Würstchen, die gar nicht aus Wien kommen. Das deutsche Bier schmeckt anders als das belgische. Die Baguette gar wird in Deutschland aus Mehl Typ 405 oder 505 gebacken, in Frankreich aber aus Typ 630.

Kurzum - Unordnung, Unschärfe, ein Durcheinander, wohin er auch blickt, der Bürokrat.

Aber er hat seinen Schliff auf der ENA bekommen, der École Normale d'Administration, unser Bürokrat. Dort hat man ihm eingebleut und eingetrichtert, daß die Welt cartesianisch rational ist. Daß sie geordnet ist, klar und distinkt.

Und daß dort, wo es in dieser Hinsicht Mängel gibt, es seine, des Bürokraten, Aufgabe ist, Abhilfe zu schaffen.



Es ist eine große Aufgabe, eine Aufgabe von fast metaphysischer Dignität, die ihm gestellt ist, dem Bürokraten: Ordnung schaffen. Wo Es war, soll Ich werden. Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe. Kultivierung des Urwalds, Beseitigung von Wildwuchs.

Solch ein Wildwuchs ist der "Apfelwein". Wild gewachsen ist diese Bezeichung, vor Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden. Als Äppelwoi, Äbbelwoi, Ebbelwoi oder auch -wei, wie immer man es verschriftlicht.

Nicht im klaren, distinkten Frankreich ist das geschehen, sondern in Deutschland. In Hessen, wo das "Wirtshaus im Spessart" steht und wo in Niederzwehren die Viehmännin den Brüdern Grimm ihre Märchen erzählte.

Da mußte Ordnung rein. So wie er seinen Schreibtisch wohlgeordnet hält wie Gärtner die Umgebung des Schlosses von Versailles, so will er auch lateinische Klarheit in die Welt der Getränke bringen, der Bürokrat.

Das muß man doch verstehen.

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24. Juli 2007

Gedanken zu Frankreich (17): Sarkozys mediterrane Strategie

Nicolas Sarkozy hat einen fulminanten Start hingelegt. Innenpolitisch war das zu erwarten gewesen. Schon im Mai hatte er angekündigt, daß seine Regierung die Reformen nicht einzeln nacheinander anpacken werde, sondern alle zugleich ("mener toutes les réformes en même temps").

Überraschender ist, daß Sarkozy in der Außenpolitik dasselbe Tempo vorlegt. Und dabei zeichnet sich eine Strategie ab, eines Napoléon würdig, mit dem Sarkozy ja mancherlei gemeinsam hat.



Klar war von vornherein gewesen, daß Sarkozy in der EU Deutschland die Rolle der Nummer eins streitig machen würde.

Dazu diente, sozusagen als Einstieg, Sarkozys Idee eines traité simplifié, eines vereinfachten Vertrags, anstelle der gescheiterten Europäischen Verfassung.

Die Konferenz von Brüssel war aus französischer Sicht primär nicht ein Erfolg Merkels, sondern ein Triumph Sarkozys, der anschließend ohne falsche Bescheidenheit verkündete, mit der Annahme dieser seiner Idee sei Europa gerettet worden.



Nur ändert das ja langfristig nichts daran, daß Deutschland nun einmal mehr Einwohner hat als Frankreich, eine größere Wirtschaftskraft. Jetzt zeichnet sich ab, was Sarkozy dagegen setzen will.

Er will einen geographisch- kulturellen Vorteil nutzen, den Frankreich gegenüber Deutschland hat: Es ist nicht nur ein westeuropäisches Land, sondern zugleich ein Mittelmeer- Land.

Und zwar nicht nur in dem Sinn, daß Südfrankreich zur mediterranen Kultur gehört, daß Frankreich mit Marseille einen der größten Mittelmeer- Häfen hat.

Sondern auch insofern, als es enge historische Verbindungen über das Mittelmeer hinweg hat, nach Nordafrika. Vor allem nach Algerien, das ja lange ein Teil des französischen Staatsgebiets war und keine Kolonie.



Sein erster Besuch eines afrikanischen Landes führte Sarkozy am 10. Juli nach Algerien.

Unter den Journalisten, die ihn im Flugzeug begleiten durften, war Jean Daniel, der Herausgeber des linken Nouvel Observateur; eines Blattes, das im Wahlkampf heftig für Ségolène Royal eingetreten war.

In seinem Leitartikel dieser Woche, betitelt "Sarko l'Algérien" berichtet Daniel Erstaunliches über das, was Sarkozy auf diesem Flug den Journalisten darlegte.



Er werde, sagte Sarkozy, zum Nationalfeiertag 2008 alle Länder des Mittelmeer- Raums einladen. "Je crois plus que tout à la force des symboles. Après l'Union européenne, ce sera l'Union méditerranéenne." Er glaube mehr als alles an die Kraft der Symbole. Auf die Europäische Union werde die Mittelmeer- Union folgen.

Und so, wie das couple Franco- Allemand, das französisch- deutsche Paar, wie man in Frankreich sagt, den Kern der EU bildet, so soll eine enge Allianz zwischen Frankreich und Algerien den Kern einer solchen Mittelmeer- Union bilden.
Nicolas Sarkozy déclare avec tranquillité qu'il entend conclure avec les Algériens un partenariat si privilégié, si exceptionnel et qui profiterait de manière si égalitaire aux deux parties que cela dissuaderait les ambitions compétitives des autres grandes puissances.

Nicolas Sarkozy teilt ruhig mit, daß er beabsichtigt, mit den Algeriern eine so privilegierte, so außergewöhnliche Partnerschaft einzugehen, von der auf eine so ausgeglichene Weise beide Seiten profitieren, daß das die damit im Wettstreit stehenden Ambitionen der anderen Großmächte vereiteln werde.


Voilà! Klassische Bündnispolitik. Deutschland und Frankreich bilden die Führungs- Allianz der EU. Aber Frankreich und Algerien bilden die Führungsallianz der neuen Mittelmeer- Union. Im Machtgefüge der einen Union kann Frankreich jeweils seine Rolle in der anderen Union in die Waagschale werfen.

Zusammen mit Deutschland ist es stärker als irgendwer sonst in der EU. Zusammen mit Algerien ist es stärker als irgendwer sonst in einer Mittelmeer- Union. Die beiden Stärken addieren sich aber nicht einfach, sondern sie treten in Wechselwirkung; die eine erhöht die andere.

Eine beeindruckende Strategie.

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23. Juni 2007

Marginalie: So wird Polen nicht gewinnen

Es ist geschafft: Am Ende haben alle, genervt von den Polen, diesen Sonderrechte eingeräumt.

Ein Sieg für die beiden hartnäckigen Zwillinge? Ich glaube nicht. Sie sind meines Erachtens die Verlierer dieses Gipfels.

Denn ein de Gaulle, eine Margaret Thatcher trat da nicht auf. Sondern Leute, die sich benahmen wie Prolls, die es in ein bürgerliches Restaurant verschlagen hat.

Nun gut, man bedient sie. Aber man macht ihnen doch klar, daß man auf ihren zukünftigen Besuch keinen Wert legt.



Die Brüder Kaczynski haben es geschafft, die Stimmung nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa gegen ihr Land zu wenden.

Sie werden künftig mit keinem Entgegenkommen, mit keiner Freundlichkeit über das hinaus mehr rechnen können, was sie sich heute ertrotzt haben.

Keine europäische Regierung kann es jetzt noch ihren Wählern gegenüber verantworten, diesen unkooperativen, undiplomatischen Polen irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Schon gar keine finanziellen.



Spieltheoretiker haben das untersucht: Wer sich der Kooperation verweigert, der hat oft vorübergehend Erfolg. Langfristig schadet er seinen Interessen.

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