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2. September 2009

Obamas Politik gegenüber Honduras: Yankee- Imperialismus, Modell 2009. "Imperiale Befehle von Uncle Sam"

Die mittelamerikanische Republik Honduras kann man mit Recht eine Bananenrepublik nennen. Bananen sind unverändert einer ihrer wichtigsten Exportartikel. Und wie in einer Bananenrepublik ging es dort zu, als am 28. Juni dieses Jahres der Präsident Zelaya von Militärs festgenommen und außer Landes gebracht wurde.

Das jedenfalls war der Eindruck, den damals viele unserer Medien vermittelten. "Der spektakuläre Militärputsch in Honduras weckte in Mittel- und Südamerika Erinnerungen an dunkelste Epochen in der Region", schrieb zum Beispiel "Zeit- Online" unter der Überschrift "Militärputsch in Honduras - die Rückkehr der Generale" (siehe "Der Sieger in Honduras ist Hugo Chávez"; ZR vom 4.4.2009).

Aber so war es nicht. Der Lateinamerika- Kenner Alvaro Vargas Llosa hat schon wenige Tage nach den Vorgängen in Honduras in der New York Times deren wahre Hintergründe analysiert; siehe meinen damaligen Artikel. Weitere, detaillierte Informationen lieferte zur selben Zeit in zwei ausgezeichneten Berichten Christian Lüth, der für die Friedrich- Naumann- Stiftung in Honduras tätig ist.

Nicht "Generäle" hatten "geputscht", sondern der damals amtierende Präsident, José Manuel Zelaya Rosales, hatte versucht, sich mit Hilfe der Straße über die Verfassung hinwegzusetzen, um auch nach Ablauf seiner Amtszeit weiter regieren zu können.

Zelaya war als Liberal- Konservativer in sein Amt gewählt worden, hatte sich dann aber auf wundersame Weise zum Sozialrevolutionär und Anhänger von Hugo Chávez gemausert. Nach dessen Vorbild strebte er nun offenbar die Änderung der Verfassung von Honduras an, um seine Wiederwahl zu ermöglichen.

Er verstieß damit eindeutig gegen Artikel 239 dieser Verfassung, der lautet (meine Übersetzung; Hervorhebung von mir):
Kein Bürger, der bereits als Chef der Exekutive amtiert hat, kann Präsident oder Vizepräsident werden.

Wer dieses Gesetz verletzt oder seine Änderung anstrebt, der verliert unverzüglich sein Amt und darf zehn Jahre lang kein öffentliches Amt mehr bekleiden. Dasselbe gilt für diejenigen, die direkt oder indirekt einen solchen Gesetzesverstoß unterstützen.
Gemäß diesem Artikel hatte Zelaya also sein Amt als Präsident verloren. Das Oberste Gericht von Honduras bestätigte das formal und ordnete seine Festnahme an.



Die strikte Begrenzung der Amtzeit des Präsidenten ist in vielen der neuen Demokratien Lateinamerikas ein Grundpfeiler der Verfassung. Die früheren Diktatoren hatten ihre Machtfülle ja wesentlich dem Umstand zu verdanken gehabt, daß sie sich unbegrenzt wiederwählen lassen konnten.

Zelayas Vorgehen rührte also nicht nur deshalb an die honduranische Demokratie, weil er die Straße zu mobilisieren suchte, um am Kongreß vorbei die Verfassung zu ändern; sondern auch das Ziel dieser Aktion war in seinem zentralen Punkt verfassungswidrig. Zelaya hatte durch den Verstoß gegen Artikel 239 seine Präsidentschaft selbst beendet.

Alle demokratischen Institutionen - das Parlament, der Oberste Gerichtshof und die Exekutive in Gestalt des Militärs - gingen daraufhin gemeinsam gegen Zelaya vor, setzten ihn ab und schickten ihn ins Exil nach Costa Rica. Ob diese Ausweisung legal war und ob es andere Möglichkeiten gegeben hätte, Zelaya an der weiteren Ausübung des Amtes, das er durch sein Verhalten verloren hatte, zu hindern, ist umstritten.

Sie finden, lieber Leser, daß diese Darstellung einseitig ist? Dann empfehle ich Ihnen, wenn Sie Englisch lesen, den Artikel von Miguel A. Estrada in der Los Angeles Times vom 10. Juli; und wenn Sie Spanisch lesen, dann möchte ich Ihnen besonders die WebSite der honduranischen Justiz empfehlen, wo Sie zum Beispiel hier und hier die Rechtslage ausführlich dargelegt finden.



Wie es weiterging, wurde in unseren Medien im Groben berichtet: Zelaya versuchte in zwei spektakulären Aktionen - einmal per Flugzeug, einmal zu Lande von Nicaragua aus - die Rückkehr nach Honduras.

Das mißlang, aber er beharrte - und beharrt weiter - darauf, der rechtmäßige Präsident zu sein. Darin findet findet er die Unterstützung vor allem von Hugo Chávez und seinem Staatenbund ALBA, aber auch der Organisation Amerikanischer Staaten und der UNO. Über seinen Versuch, die honduranische Verfassung auszuhebeln - und insbesondere über deren Artikel 239 - haben sich diese Organisationen allerdings nicht geäußert.

Und wie nun verhalten sich die USA?

Jeder US-Präsident vor Barack Obama hätte auf der Seite des demokratischen Honduras und der verfassungstreuen Institutionen gestanden oder sich mindestens neutral verhalten. Jeder hätte den Versuch Zelayas, Honduras an die Seite des den Sozialismus aufbauenden Venezuela zu manövrieren, als gegen die Interessen der USA gerichtet zu konterkarieren versucht. (Honduras war 2008 der ALBA auf Betreiben Zelayas beigetreten; der Kongreß hatte unter fragwürdigen Umständen zugestimmt).

Diese vermutliche Einmischung hätte man gewiß weltweit als Yankee- Imperialismus gebrandmarkt. Und Präsident Obama, der von dergleichen nichts mehr wissen will, wie verhält er sich?

Dazu hat für das Wall Street Journal dessen Redakteurin Mary Anastasia O'Grady recherchiert. Ihr Artikel erschien am vergangenen Sonntag. Titel: "Obama vs. Honduran Democracy. The Obama administration is using its brass knuckles to support Latin American thugs" (Obama gegen die honduranische Demokratie. Die Regierung Obama benutzt ihre Schlagringe, um lateinamerikanische Gangster zu unterstützen).

"Schlagringe" - damit meint O'Grady die Druckmittel, die Obama in bester Tradition des Yankee- Imperialismus einsetzt. Nur nicht zur Unterstützung von Demokraten, sondern zur Unterstützung der Politik von Hugo Chávez. Diesen, der bekanntlich Terroristen im benachbarten Kolumbien mit Waffen versorgt, dürfte O'Grady wohl mit "Gangster" (thug) meinen.

Die OAS hat sich, wie erwähnt, für eine Rückkehr Zelayas in das Amt des Präsidenten ausgesprochen. Die USA hätten das zur Kenntnis nehmen und sich im übrigen aus dieser Angelegenheit eines Staates in Mittelamerika heraushalten können.

Davon kann aber keine Rede sein. Zelaya wurde nach seinem ersten Versuch einer Rückkehr nach Honduras von Hillary Clinton empfangen. Ebenfalls Anfang Juli haben die USA ihre Militärhilfe für Honduras suspendiert.

Und nicht genug damit: Vergangene Woche haben - wie man das bei O'Grady nachlesen kann - die USA die Ausgabe von Visa für Honduras auf unbestimmte Zeit eingestellt und die Streichung von 135 Millionen Dollar Entwicklungshilfe angekündigt.

Und das ist immer noch nicht alles. Bei ihren Recherchen hat O'Grady etwas von dem in Erfahrung gebracht, was sie als "nastier stuff ... going on behind the scenes" bezeichnet, als die häßlicheren Dinge, die hinter den Kulissen stattfinden.

Laut O'Grady übt die Obama- Administration unmittelbaren Druck aus, um die Rückkehr Zelayas zu erreichen. In Honduras habe ein Beamter des US- Außenministeriums prominente Honduraner dazu zu bringen versucht, bei der Regierung auf eine Rückkehr Zelayas zu drängen. Bei verschiedenen lateinamerikanischen Regierungen sei das Außenminsisterium ebenfalls mit dem Ziel vorstellig geworden, sie sollten in diesem Sinn Druck auf die Regierung von Honduras ausüben.

Das State Department hat auf Anfrage von O'Grady beides nicht dementiert.



Da ist er also wieder, der Yankee- Imperialismus. "Imperiale Befehle von Uncle Sam" nennt O'Grady das. Nur spielt der Präsident Obama die Macht der USA nicht zugunsten von Demokraten aus, sondern er unterstützt Politiker wie Zelaya, die im Lager von Chávez und Castro stehen.

Warum tut er das? Mary Anastasia O'Grady meint dazu:
Mr. Obama apparently wants in on this leftie-fest. He ran for president, in essence, against George W. Bush. Mr. Bush was unpopular in socialist circles. This administration wants to show that it can be cool with Mr. Chávez and friends.

Obama will offenbar auf dieser Party der Linken unbedingt mit dabei sein. Im Grunde trat er gegen George W. Bush an, als er sich um die Präsidentschaft bewarb. Bush war in sozialistischen Kreisen unbeliebt. Die jetzige Regierung will zeigen, daß sie mit Chávez und seinen Freunden kann.
Noch drastischer sagt es Jay Ambrose in der Washington Times vom 1. August. Er fragt im Titel des Artikels, warum Obama Zelaya unterstützt, und antwortet:
Here's a fear - that this administration has deep, abiding sympathy for socialist solutions both in the United States and elsewhere and thinks Mr. Zelaya could be just what Honduras needs. Maybe that is a nutty conclusion and absolutely wrong. I hope so, and I hope the administration proves it wrong by changing its stance.

Ich möchte eine Befürchtung nennen: Daß diese Regierung eine tiefe, bleibende Sympathie für sozialistische Lösungen sowohl in den Vereinigten Staaten als auch anderswo hat und daß sie meint, daß Zelaya genau das sein dürfte, was Honduras braucht. Vielleicht ist das eine unsinnige Schlußfolgerung, und ich liege völlig daneben. Ich hoffe das ja, und ich hoffe, daß die Regierung es widerlegt, indem sie ihre Haltung ändert.
Was Jay Ambrose vielleicht nicht so ganz ernst meint. Obama wird seine Haltung nicht ändern. Eine Haltung, die er im Grunde schon überdeutlich gemacht hat, als er sich auf dem Lateinamerika- Gipfel im April ohne ein Wort des Widerspruchs oder eine Geste der Ablehnung von Hugo Chávez ein Buch zum Geschenk machen ließ, das als die Bibel der Gegner der USA in Lateinamerika gilt.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit besonderem Dank an Gorgasal, auf dessen Informationen in diesem Thread in "Zettels kleinem Zimmer" dieser Artikel weitgehend basiert. Titelvignette: Frogsprog; frei unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später.

4. Juli 2009

Zitat des Tages: "Der Sieger in Honduras ist Hugo Chávez". Über die Hintergründe der Entmachtung des honduranischen Präsidenten. Nebst einem Nachtrag

In the weeks leading up to Honduras’s coup, President Manuel Zelaya, an ally of Hugo Chávez of Venezuela, knew what he was doing. In pushing the limits of democracy by trying to force a constitutional change that would permit his re-election, he set a trap for the military. The military fell for it, turning an unpopular president who was nearing the end of his term into an international cause célèbre.

Although the coup has popular support in Honduras, it has also allowed Mr. Chávez, who is leading the international response, to claim the moral high ground.


(In den Wochen vor dem Coup in Honduras wußte Präsident Manuel Zelaya, ein Alliierter von Hugo Chávez, was er tat. Er ging an die Grenze der Demokratie, indem er eine Verfassungsänderung zu erzwingen suchte, die seine Wiederwahl erlauben würde, und stellt dem Militär damit eine Falle. Das Militär fiel darauf herein und machte aus einem unpopulären Präsidenten nah am Ende seiner Amtszeit eine internationale Berühmtheit.

Zwar wird der Coup in Honduras im Volk unterstützt, aber er hat es Chávez, der die internationale Reaktion darauf anführt, ermöglicht, sich aufs moralische hohe Roß zu schwingen.)

Alvaro Vargas Llosa in der New York Times vom 30. Juni


Kommentar: Der Artikel von Vargas Llosa ist schon einige Tage alt. Er gibt aber immer noch die beste Analyse der Vorgänge in Honduras, die ich bisher gefunden habe.

In unseren Medien ist die Darstellung, wie anders, meist eindimensional: Ein demokratisch gewählter Präsident wurde vom Militär abgesetzt; also muß die demokratische Ordnung wieder hergestellt werden, indem man ihn zurück an die Macht bringt.

"Der spektakuläre Militärputsch in Honduras weckte in Mittel- und Südamerika Erinnerungen an dunkelste Epochen in der Region. Brutale Militärdiktaturen kontrollierten im 20. Jahrhundert fast ganz Lateinamerika", schrieb zum Beispiel "Zeit- Online" unter der Überschrift "Militärputsch in Honduras - die Rückkehr der Generale".

Und "Honduras provoziert Rauswurf aus dem Staatenbund" titelt "Spiegel- Online" heute, weil sich der Oberste Gerichtshof von Honduras geweigert hat, einem Ultimatum der Organisation Amerikanischer Staaten Folge zu leisten und den Präsidenten Manuel Zelaya wieder in sein Amt einzusetzen.

Ist das aber nicht seltsam, daß ein Oberstes Gericht offenbar einen Militärputsch billigt? Nein, es billigt ihn nicht nur, sondern es hat das, was die meisten Medien als einen Putsch oder Coup bezeichnen, sogar angeordnet.

Weiter: An die Stelle des Präsidenten Zelaya trat nicht etwa, wie man es nach einem Coup doch erwarten solle, ein gegnerischer Politiker, sondern ein Mitglied seiner eigenen Partei, des Partido Liberal de Honduras (PLH). Dieser Roberto Micheletti war zuvor Präsident des Nationalkongresses gewesen und als solcher der von der Verfassung vorgesehene Nachfolger, falls der Präsident ausfällt.

Nicht nur wurde dieser Nachfolger vom Nationalkongreß mit den Stimmen der Partei des gestürzten Präsidenten gewählt, sondern der Nationalkongreß verurteilte auch einstimmig (oder einmütig; das englische Wort ist unanimously) das Verhalten des gestürzten Präsidenten Zelaya; dieser hätte, so der Beschluß des Nationalkongresses von Honduras, "offensichtliches Fehlverhalten gezeigt", "wiederholt die Verfassung verletzt" und "Anweisungen und Urteile der Institutionen mißachtet".

Nicht wahr, das klingt nicht gerade so, als hätte in Honduras das Militär in einem Putsch die Macht an sich gerissen? Sehen wir uns die Hintergründe an. Zum einen den Weg des - so sein vollständiger Name - José Manuel Zelaya Rosales als Präsident. Zum anderen die Ereignisse, die seinem Sturz vorausgingen.



Bis vor kurzem war Zelaya das genaue Gegenteil eines Linken. Vargas Llosa beschreibt ihn: Er wurde 2006 als Führer der Mitte- Rechts- Partei PLH gewählt; und zwar aufgrund konservativer Wahlversprechen wie Kampf gegen die Kriminalität und Senkung der Staatsausgaben. Er war ein überzeugender Konservativer, nämlich ein reicher Landbesitzer und Geschäftsmann aus einer der führenden Familien des Landes, der zum Beispiel das Amerikanische Freihandels- Abkommen unterstützt hatte.

Dann, etwa zur Mitte seiner Präsidentschaft, so Vargas Llosa, überkam Zelaya sein "ideologisches Damaskus- Erlebnis" (ideological epiphany), und er wandelte sich vom Konservativen zu einem glühenden Anhänger von Hugo Chávez. Er nahme von Chávez großzügige Ölgeschenke für Honduras entgegen und veranlaßte im Gegenzug, daß Honduras der von Chávez organisierten "Bolivarianischen Alternative" für Mittel- und Südamerika beitrat.

Chávez, der sich bekanntlich per Referendum die unbegrenzte Wiederwahl gesichert hat, stand offensichtlich auch Pate, als Zelaya versuchte, die Verfassung von Honduras via Volksbefragung zu verändern. Das ist in dieser Verfassung nicht vorgesehen; sie kennt nur Änderungen durch den Nationalkongreß. Was dann passierte, findet man in der Wikipedia beschrieben:

Zelaya hatte seinen Plan einer Volksbefragung bekannt gegeben und die technischen Vorbereitungen dazu angeordnet. Die Befragung wurde sowohl vom Justizministerium als auch vom Obersten Gericht für rechtswidrig erklärt. Der Nationalkongreß und die Oberste Wahlkommission schlossen sich dem an.

Am 23. Juni verabschiedete der Nationalkongreß ein Gesetz, das es untersagte, innerhalb von 180 Tagen vor einer Wahl (die nächste sollte am 29. November stattfinden) eine Volksabstimmung oder eine Volksbefragung durchzuführen.

Des weiteren diskutierte der Nationalkongreß eine Amtsenthebung von Zelaya, kam damit aber nicht voran, weil die notwendigen Voraussetzung in der honduranischen Verfassung fehlen. Stattdessen wurde mit großer Mehrheit (auch von Zelayas eigener Partei PLH) ein Untersuchungsverfahren eröffnet, um zu klären, ob Zelaya die Verfassung verletzt habe und ob er möglicherweise "geistig nicht in der Lage" sei, ein Amt auszuüben.

In Honduras liegt die Beaufsichtigung von Wahlen und Abstimmungen in der Hand des Militärs. Zelaya beauftragte also das Militär damit, diese vom Kongreß als rechtswidrig erklärte Befragung dennoch vorzubereiten. Der Oberbefehlshaber der Armee, General Romeo Vásquez Velásquez, verweigerte die Ausführung dieses Befehls mit Hinweis darauf, daß die Befragung gesetzwidrig und verfassungswidrig sei.

Darauf enthob Zelaya den General seines Amtes. Der Oberste Gerichtshof setzte ihn postwendend wieder ein.

Die Reaktion von Zelaya bestand darin, einen Protestmarsch zu organisieren mit dem Ziel, das Material für das Referendum, das von der Polizei auf einer Luftwaffenbasis bewacht wurde, in seinen Besitz zu bekommen. Das gelang.

Daraufhin ordnete das Oberste Gericht am 26. Juni die Festnahme von Zelaya an. Sie wurde am Morgen des 28. Juni vollzogen. Daß Zelaya des Landes verwiesen werden sollte, war in dieser Verfügung aber nicht enthalten. Das ist, soweit ich es beurteilen kann, das einzig Rechtswidrige an dem Vorgehen der honduranischen Behörden gegen Zelaya.



Soweit die Fakten, wie sie in der Wikipedia zusammengefaßt sind. Ich habe etliche der dort zitierten Presseberichte nachgeprüft und die Darstellung der Wikipedia bestätigt gefunden.

Soweit ich die Berichte in den deutschen Medien verfolgt habe, liegen sie überwiegend nicht sehr nah bei diesen Fakten.

Verwunderlicher allerdings finde ich es, daß der amerikanische Präsident und seine Außenministerin sich nicht etwa auf die Seite Kongresses von Honduras, des honduranischen Obersten Gerichts, des dortigen Justizministeriums gestellt haben - sondern auf die Seite des Chávez- Anhängers Zelaya.



Nachtrag um 23.25 Uhr: Abraham hat mich in Zettels kleinem Zimmer auf diesen Artikel von Christian Lüth bei der Friedrich- Naumann- Stiftung aufmerksam gemacht, den ich nachdrücklich zur Lektüre empfehle; ebenso seinen weiteren Bericht vom vergangenen Donnerstag aus Honduras. Lüth kommt zur selben Bewertung wie ich, stützt sie aber auf weitere und zum Teil exaktere Informationen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Gorgasal.

17. Juni 2009

Zitat des Tages: Wie der Nahost-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" den Iran sieht

Die Islamische Republik ist ein Zwitterding aus einer theokratischen Diktatur und einer Demokratie.

Tomas Avenarius, Nahost-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung".

Kommentar: Wenn Avenarius aus "Zwitter" und "Mittelding" ein "Zwitterding" zusammenschustert, dann kann sich die deutsche Sprache nicht wehren.

Und die im Iran verfolgten, gefolterten und in den Gefängnissen wie Vieh gehaltenen Demokraten können sich nicht gegen die Unsäglichkeit wehren, daß Avenarius einen der schlimmsten totalitären Unrechtsstaaten irgendwo zwischen Diktatur und Demokratie verortet.



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17. März 2009

Mal wieder ein kleines Quiz: Wie möchten die Iraker leben?

Gestern wurden die Ergebnisse einer Umfrage im Irak veröffentlicht, die im Auftrag der BBC, von ABC News und dem japanischen Sender NHK vom 17. bis 25. Februar 2009 durchgeführt wurde.

Eine der Fragen - Frage 15 - lautete (in meiner Übersetzung):
Es gibt Unterschiede darin, wie die Regierung in einem Land beschaffen ist. Man nennt dies das politische System. Ich lese Ihnen jetzt drei Möglichkeiten vor. Welche, glauben Sie, wäre für den Irak heute die beste?

(A) Starker Führer: Eine Regierung, die von einer einzigen Person auf Lebenszeit geführt wird

(B) Islamischer Staat: In ihm regieren Politiker nach religiösen Prinzipien

(C) Demokratie: Eine Regierungform mit der Möglichkeit, daß man die Regierung von Zeit zu Zeit durch eine andere ersetzen kann.



Und nun das Quiz:
1. Was glauben Sie, für welche Antwort sich die meisten Befragten entschieden?

2. Die Zustimmung zu einer der drei Regierungsformen ist gegenüber dem Februar 2007 auf weniger als die Hälfte gesunken. Welche?

3. Die Zustimmung zu einer der drei Regierungformen ist gegenüber dem Februart 2007 um 50 Prozent gestiegen. Welche?

4. Im Februar 2007 entschieden sich 40 Prozent der Schiiten für einen Islamischen Staat (Antwort B). Wieviel Prozent taten das im Februar 2009?
Die Antworten finden Sie, wie immer, in "Zettels kleinem Zimmer". Dort gibt es auch Links zu den Ergebnissen der gesamten Umfrage.

26. Februar 2009

Zitat des Tages: Warum macht Arabien die weltweite Entwicklung zur Demokratie nicht mit? Die Analyse von Michael Mandelbaum. Die Rolle des Irak

If Iraq should evolve, over the course of years if not decades, into a genuine democracy, with regular, free and fair elections and the assurance of property rights, religious liberty, and political freedom, this would have a powerful, and positive, impact on democracy's prospects throughout the region. (...)

Whether, on what schedule, and at what price genuine democracy can be established in Iraq, and, if democracy is possible, whether the American public will be willing to pay the price in blood and treasure necessary to bring it about, cannot be known in advance. What is clear in 2009 is that, far more than any explicit attempts to promote democracy, and perhaps even more than the pattern of global oil consumption, the future of Iraq will determine the fate of democracy in the Arab world.


(Wenn der Irak sich im Lauf von Jahren, wenn nicht Jahrzehnten zu einer echten Demokratie mit regelmäßigen, freien und fairen Wahlen, der Garantie von Eigentumsrechten, Religionsfreiheit und politischer Freiheit entwickeln sollte, dann hätte das eine gewaltige und positive Auswirkung auf die Aussichten der Demokratie in der gesamten Region. (...)

Ob, mit welchem Zeitplan und zu welchem Preis im Irak eine echte Demokratie errichtet werden kann, und ob - wenn die Demokratie möglich ist - die amerikanische Öffentlichkeit willens ist, den dafür erforderlichen Preis an Blut und Geldmitteln zu zahlen, kann man im Voraus nicht wissen. Was im Jahr 2009 klar ist, ist dies: Weit mehr als unmittelbare Versuche, die Demokratie zu verbreiten, und vielleicht selbst mehr als die Gestaltung des weltweiten Verbrauchs von Erdöl wird die Zukunft des Irak das Schicksal der Demokratie in der arabischen Welt bestimmen.)

Michael Mandelbaum, Professor für amerikanische Außenpolitik an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies, gestern im Middle East Forum über die Aussichten einer Demokratisierung der arabischen Welt. Mandelbaum ist Fachmann für dieses Thema; 2007 erschien sein Buch Democracy's Good Name: The Rise and Risks of the World's Most Popular Form of Government (Der gute Name der Demokratie: Aufstieg und Risiken der populärsten Regierungsform der Welt).



Kommentar: Wie viele Beobachter - auch ich habe dazu einmal eine Serie geschrieben - stellt sich Mandelbaum die Frage, warum sich weltweit die Demokratie und mit ihr der Wohlstand ausbreitet; nur nicht in der arabischen Welt.

In seinem sehr lesenswerten Aufsatz analysiert er eine Reihe von Gründen:

Zum einen fehle es in den arabischen Gesellschaften an einer freien Marktwirtschaft als einer wesentlichen Voraussetzung für Demokratie. Das wiederum liegt, meint Mandelbaum, vor allem am Ölreichtum.

Sodann gebe es strukturelle Gründe in der arabischen Gesellschaft - die spezifisch arabische Form des Islam, die ethnische, religiöse und nationale Heterogenität vieler arabischer Staaten; die Jahrhunderte alte antiwestliche Einstellung.

Dies alles stehe vor allem einem der beiden Elemente der Demokratie entgegen, nämlich der Freiheit. Mandelbaum weist - ein simpler Aspekt, der aber meines Erachtens oft übersehen wird - darauf hin, daß Demokratie ja nicht nur in Volkssouveränität besteht, sondern auch in der Freiheit des Einzelnen. Freie Wahlen, die beispielsweise zur Herrschaft der Hamas führen, begründen keine Demokratie.

Dies wohl ist der Grund, warum Mandelbaum der Entwicklung im Irak eine so zentrale Bedeutung zumißt. Dort ist mit Hilfe der USA eine Verfassung entstanden, die demokratische Institutionen, die die Freiheit des Einzelnen beinhaltet. Ein Erfolg des irakischen Modells, seine dann unweigerliche Funktion als Vorbild, würden deshalb die ganze Region zutiefst verändern.



Aber wird das Modell ein Erfolg werden? Mandelbaum beginnt seinen Aufsatz mit der Feststellung: "The Obama Administration apparently does not share its predecessor's determination to promote democracy in Arab countries." Es scheine, daß die Regierung Obama nicht die Entschlossenheit ihrer Vorgängerin teile, die Demokratie in den arabischen Ländern zu fördern.

Und er weist darauf hin, daß in dem Interview, das Präsident Obama kurz nach seinem Amtsantritt dem Sender Al-Arabiya gab, kein einziges Mal das Wort "Demokratie" vorkam.

Wird Obama den Aufbau der Demokratie im Irak auch in Zukunft durch die Anwesenheit amerikanischer Truppen schützen? Niemand weiß es. Wie die gesamte Außenpolitik dieser Regierung ist auch ihre Irak- Politik bisher vage und unbestimmt.

Im Wahlkampf hatte Obama versprochen, alle Kampftruppen innerhalb von 16 Monaten abzuziehen, ungefähr eine Brigade pro Monat. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede; Geschwätz von gestern.

Angeblich - so ließ die Regierung es jedenfalls Anfang dieser Woche durchsickern - ist jetzt ein Abzug binnen 19 Monaten geplant.

Aber keineswegs aller Kampftruppen. 30.000 bis 50.000 Mann, heißt es, sollten nach dem "Abzug" weiter im Irak bleiben. Das wäre ungefähr ein Drittel bis ein Viertel der Truppenstärke vor dem Surge. So also sieht - falls die Meldungen stimmen - für den Präsidenten Obama der "vollständige" Abzug aus, den der Kandidat Obama im Wahlkampf versprochen hatte.

Immerhin - je mehr seiner Wahlkampfversprechen Obama bricht, umso besser. Wenn wirklich 50.000 US-Soldaten auf unbegrenzte Zeit im Irak bleiben sollten (während des Kriegs und in den Jahren danach waren es rund 130.000 gewesen) -, dann hätte dessen Demokratie, und damit die Demokratisierung der arabischen Welt, vielleicht eine echte Chance.



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30. November 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Gysi und ein bißchen Demokratie

Ein bisschen Demokratie ist okay, aber wir wollen doch im Januar fünf Prozent plus X holen.

Gregor Gysi gestern laut "Spiegel- Online" im hessischen Flörsheim auf dem Parteitag der hessischen Partei "Die Linke".

Kommentar: Dieses Zitat wird man Gysi vermutlich noch lange vorhalten, so wie Hermann Höcherl einst seine Bemerkung, Verfassungsschützer könnten "nicht ständig das Grundgesetz unter dem Arm tragen".

Der bodenständige, oft als schlitzohrig titulierte Bayer hatte sich während der "Spiegel"- Krise einen etwas groben Witz erlaubt. So auch jetzt die Berliner Schnauze Gregor Gysi.

Höcherl freilich lieferte damals der linken Propaganda eine Steilvorlage, die sie gnadenlos ausnutzte. Man tat so, als nehme man seinen Witz wörtlich und führte eine jahrelange Kampagne gegen diesen Mann, der sich angeblich als Feind der Demokratie entlarvt habe.

Er war ein guter Demokrat, der Hermann Höcher. Daran, daß Gysi ein Demokrat ist, kann man hingegen begründete Zweifel haben. Immerhin hat er bis zu dessen Zusammenbruch einem Unrechts- Regime mit allen seinen Kräften gedient.

Aber diese flapsige Bemerkung würde ich nicht als Indiz ansehen.



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23. November 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Raten Sie mal, was Obama jetzt auch schon geworden ist. Über eine "Lektion in Demokratie"

Just to watch these kids after the board voted on what they asked them to do, they were so elated. (...) You want to talk about "Yes we can!"? That was a lesson in democracy.

(Man brauchte nur einmal diese Kinder zu sehen, nachdem der Verwaltungsrat so abstimmte, wie sie es beantragt hatten. Sie waren so beglückt! (...) Sie wollen über "Yes we can!" sprechen? Das war eine Lektion in Demokratie.)

Der School District Superintendent (ungefähr: Bezirksschulrat) Dr. Joseph Laria über die Schüler einer Schule im Bezirk Hempstead (Stadt New York), die bisher den Namen "Ludlum Elementary School" getragen hatte.

Und wie heißt sie künftig? Sie ahnen es. Mit sofortiger Wirkung heißt sie "Barack Obama Elementary School". So berichtete es am Freitag Jake Tapper in den ABC News. Noch bevor er Präsident ist, wurde Barack Obama schon Namenspatron einer Schule.



Wie kam es zur Umbenennung? (Sie wurde sofort wirksam, aber erst nach der Amtseinführung von Präsident Obama wird der neue Name feierlich enthüllt).

Laut Jake Tapper hatten Schüler der 5. Klasse eine Debatte zwischen Obama und McCain nachgespielt, die in der nahegelegenen Hofstra- Universität stattgefunden hatte. Danach verfaßten sie die folgende "Resolution":
Whereas the Ludlum School students conducted a mock presidential debate related to the recent presidential elections and whereas the students did a wonderful job of carrying out their tasks and demonstrating their patriotism at an early age and whereas in recognition of their efforts and the victorious feat of Sen. Barack Obama in becoming the first African-American president of the United States, it be resolved that the Hempstead Board of Education proudly renames Ludlum Elementary School as the Barack Obama Elementary School.

In Anbetracht, daß die Schüler der Ludlum- Schule eine Debatte nachspielten, die im Zusammenhang mit den kürzlichen Präsidentschafts- Wahlen stand, und in Anbetracht, daß die Schüler Großartiges darin leisteten, ihre Aufgaben zu erfüllen und schon in jungen Jahren ihren Patriotismus unter Beweis zu stellen, und in Anbetracht ihrer Leistung und der Siegestat von Senator Barack Obama, erster afro- amerikanischer Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, möge man beschließen, daß der Schulausschuß von Hempstead mit Stolz die Ludlum- Grundschule in Barack- Obama - Grundschule umbenennt.
Ich habe diese Resolution zitiert und versucht, sie stilgenau zu übersetzen, weil dieser Text vielleicht doch gewisse Zweifel daran weckt, daß es die Fünftklässler dieser Schule waren, denen spontan die Idee kam, die Umbenennung zu beantragen. So recht nach dem Englisch von Fünftklässlern klingt die "Resolution" jedenfalls nicht.

Und da liegt der Hase im Pfeffer.

Gewiß ist es wünschenswert, wenn schon in der Grundschule Demokratie geübt wird. Gerade da haben wir Deutschen von den USA viel lernen können. Die Demokratisierung der deutschen Schulen im Zug der Reeducation hat viel dazu beigetragen, daß demokratisches Denken in Deutschland Wurzeln schlug.

Es ist auch nicht zu kritisieren, sondern im Gegenteil selbstverständlich, wenn die Lehrer ihren Fünftklässlern dabei helfen, ihre demokratischen Impulse in die rechte Form zu gießen. Nur klingt diese "Resolution" doch sehr danach, als sei sie aus der Feder eines Lehrers geflossen und nicht aus den Kugelschreibern der Schüler.

Und da haben wir die Kehrseite der "Erziehung zur Demokratie": Sie kann leicht in Indoktrination umschlagen.

Die Schüler dieser Schule - überwiegend Schwarze und Latinos - mögen ja Obama- begeistert sein. Aber wäre es dann in einer Demokratie nicht die Aufgabe der Lehrer gewesen, ihnen auch die Vorzüge von dessen Gegenkandidaten nahezubringen? Sie zu lehren, auch die andere Seite zu sehen? Hätte man ihnen nicht zu bedenken geben müssen, daß jemand als Präsident erst einmal etwas geleistet haben muß, bevor eine Schule nach ihm benannt wird? Daß Schulen am besten überhaupt nicht nach aktiven Politikern benannt werden, die ja noch im Meinungsstreit stehen?

Offenbar hat man das nicht getan. Jedenfalls findet sich in der Meldung darauf kein Hinweise. Sondern man hat den Schülern eine "Resolution" vorformuliert, die mit wenigen Änderungen ebenso von DDR- Schülern hätte "verabschiedet" werden können. Des Inhalts, sie hätten den brennenden Wunsch, ihre Schule nach Erich Honecker zu benennen.



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21. Oktober 2008

Oskar Lafontaines Verständnis von Demokratie. Eine Spurensuche. Teil 2: Bundestagsreden, ein wenig Philologie und ein Bewunderer Stalins

Im ersten Teil habe ich geschildert, wie Oskar Lafontaine, indem er Peter Sodann zur Seite sprang, sein Verständnis von Demokratie sichtbar machte. Als Eideshelfer zitierte er Perikles mit einem Satz, den Thukydides überliefert hat.

Es scheint, daß Lafontaine in dieses Zitat nachgerade verliebt ist. Er verwendete es, nicht nur, wie berichtet, jetzt aktuell im Interview mit der "Welt" und zuvor in einem Artikel in der FAZ. Auch im Bundestag kommt er offenbar nicht davon los:
Viele glauben, es sei Demokratie, wenn man regelmäßig zur Wahlurne gehen könne. Ich wiederhole, dass die klassische Definition der Demokratie von den Ergebnissen her kam. Wir bezeichnen eine gesellschaftliche Ordnung dann als demokratisch, wenn die Entscheidungen so getroffen werden, dass die Interessen der Mehrheit bei den Entscheidungen berücksichtigt werden. Genau dies ist nicht eingetreten, sondern das glatte Gegenteil. Deshalb ist die Demokratie nachweislich verabschiedet worden. (Oskar Lafontaine am 25. September 2008 im Bundestag)

Demokratie heißt nun einmal eine Gesellschaftsordnung, in der die Entscheidungen so getroffen werden, dass sich die Interessen der Mehrheit durchsetzen. (...) Deshalb möchte ich für meine Fraktion sagen: Demokratie gibt es erst dann wieder, wenn die Interessen der Mehrheit tatsächlich zur Geltung kommen (Oskar Lafontaine am 15. Oktober 2008 im Bundestag).
Daß dies das (mit dem Grundgesetz konforme?) Demokratie- Verständnis von Oskar Lafontaine ist, haben wir jetzt verstanden. Aber war es wirklich das von Perikles, oder vielmehr dasjenige, welches Thukydides dem Perikles in den Mund legt?



Die Textstelle, auf die Lafontaine sich bezieht, findet sich am Ende des zweiten Buchs des "Peloponnesischen Kriegs", im sechsten Kapitel (2.37).

Die Athener ehren ihre Gefallenen, und aus diesem Anlaß hält Perikles eine Rede, in der er Athen preist. Unter anderem dessen Verfassung; und in diesem Zusammenhang sagt er im im griechischen Text: "chrômetha gar politeiai ou zêlousêi tous tôn pelas nomous, paradeigma de mallon autoi ontes tisin ê mimoumenoi heterous. kai onoma men dia to mê es oligous all' es pleionas oikein dêmokratia keklêtai".

In seiner Monographie The First Democracies diskutiert Eric W. Robinson eingehend und mit großer philologischer Akribie die Übersetzung dieser Passage und kommt, nachdem er vor allem die Verwendung der Wörter "es" und "oikein" bei Thukydides und seinen Zeitgenossen untersucht hat, zu der folgenden Übersetzung:
For we enjoy a constitution which does not emulate the laws of our neighbors; rather we ourselves, not imitating anyone else, are a model for others. By name it is called democracy because the management of affairs is not given over to the few but to the many.

Denn wir erfreuen uns einer Verfassung, die nicht die Gesetze unserer Nachbarn übernimmt; sondern wir selbst, die wir niemanden anderen nachahmen, geben das Beispiel für andere ab. Mit Namen nennt man das Demokratie, weil die Handhabung der Dinge nicht den Wenigen, sondern den Vielen übergeben ist.
Das ist alles. Es ist just die Definition, die auch unserem modernen Verständnis von Demokratie zugrundeliegt. Das Volk ist der Souverän. Er ist letztlich für die Handhabung der Dinge zuständig.



Wo also hat Lafontaine seine sehr andere Übersetzung her? Als ich danach gesucht habe, bin ich auf eine Buchrezension in der linken Zeitschrift "Freitag" gestoßen. Besprochen wird ein Buch des italienischen Kommunisten Luciano Canfora mit dem Titel "Kurze Geschichte der Demokratie".

Über diesen Autor und sein Buch schreibt im "Perlentaucher" Adam Krzeminski:
Stalin hält er für einen großen Staatsmann und die kommunistischen "Volksdemokratien" für eine höhere Entwicklungsstufe der Demokratie als parlamentarische Demokratien. (...) Der Leser fasst sich an den Kopf. Denn da akzeptiert Canfora 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in vollem Umfang den stalinistischen Grundsatz: Alles, was der UdSSR diente, war historisch richtig. (...) Dieses Buch - auch wenn es effektvoll geschrieben ist - lässt sich nicht verteidigen, weder intellektuell, noch moralisch. Es ist ein Skandal.
Im "Freitag" allerdings gehen die Rezensenten sehr liebevoll mit diesem Buch um. Und dort finden wir auch die Antwort auf die Frage, wo denn Oskar Lafontaine seine seltsame Übersetzung der Textstelle im "Peloponnesischen Krieg" herhat:
Canfora leitet sein Buch mit dem Hinweis auf ein Falschzitat (...) aus Thukydides so genannter Totenrede des Perikles (430 v. u. Z. ) ein: "Mit Namen heißt unsere Verfassung, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist, Volksherrschaft". Laut Canfora geht aus dem korrekt übersetzten Originaltext etwas anderes hervor: "Der Name, mit dem wir unsere politische Ordnung [es ist modernistisch und falsch, politeia mit Verfassung wiederzugeben] bezeichnen, heißt Demokratie [Volksherrschaft], weil die Angelegenheiten [das hier verwendete Wort heißt oikein] nicht im Interesse weniger, sondern der Mehrheit [also geht es mitnichten um den ›Staat‹ oder die Staatsmacht und schon gar nicht um ›eine größere Zahl‹] gehandhabt werden."
Nun heißt "oikein" ganz gewiß nicht "Angelegenheiten"; schon weil es kein Substantiv ist, sondern ein Verb. Seine Kernbedeutung ist "wohnen" und, durch Erweiterung der Bedeutung davon abgeleitet, auch "wirtschaften, die Dinge handhaben".

So also sieht es mit Canforas Vorwurf des "Falschzitats" aus: Die gängige Übersetzung ist keineswegs falsch, sondern die sehr wahrscheinlich richtige. Daß bei Thukydides die Handhabung der Dinge durch das Volk auch deren Handhabung in seinem Interesse mit einschließt, hält Richardson für möglich.

Freilich geht es Canfora ja auch gar nicht um philologische Feinheiten. Denn nachdem er angeblich ein "Falschzitat" entlarvt hat, läßt er nun die Katze aus dem Sack hüpfen (Hervorhebung von mir):
Obwohl es bei Perikles ausschließlich um die freien Bürger Athens ging, könne man - so Canfora - seine Aussage drehen wie man wolle, hier sei die Demokratie der Freiheit realistischerweise entgegengesetzt worden, während ihre gegenwärtig lautesten Verfechter eher eine automatische Verknüpfung beider Kategorien suggerieren. Im antiken Begriff der Demokratie sei der Zwang fest verankert gewesen, der - zumindest in Form der Gesetzgebung - notwendig ist, um die Interessen der Mehrheiten gegenüber den Interessen von Minderheiten durchzusetzen.
Da haben wir zwar nicht Thukydides oder Perikles; diesen "Zwang" in die Textstelle hineinzulesen ist abwegig. Wohl aber haben wir das Programm dieses italienischen Kommunisten Luciano Canfora, das Programm Oskar Lafontaines, das Programm seiner Genossen von "Die Linke".

Man darf sich da nichts vormachen: Sie wollen eine andere Republik. Ihnen geht es nicht um die Freiheit, sondern um eine Gleichheit, die sie mit Zwang durchsetzen wollen. Zwecks semantischer Vorbereitung sind sie im Augenblick dabei, den Begriff "Demokratie" umzuinterpretieren.

Wie immer geht es bei einem solchen Unternehmen um Legitimation. Also versucht Lafontaine, gestützt auf seinen Glaubensbruder Canfora, die Legende zu verbreiten, schon Perikles habe mit "Demokratie" das gemeint, was die Kommunisten anstreben.



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Oskar Lafontaines Verständnis von Demokratie. Eine Spurensuche. Teil 1: Lafontaine verteidigt Sodann und zitiert Perikles

Oskar Lafontaine möchte sich gern als ein Mann von Bildung präsentieren. Er weiß Goethe und Peter Hacks ebenso zu zitieren wie Marx, wie Walter Benjamin, Horkheimer und Adorno.

Nicht immer freilich mit Glück. Als er zum Beispiel im Mai dieses Jahres auf dem Cottbuser Parteitag seiner Partei Goethe zitierte, da ging das ziemlich gründlich daneben.

Er hatte in diesem Fall aus einem Dialog zwischen Faust und Wagner im "Faust I" drei Zeilen herausgepickt und sie auf eine abwegige Weise interpretiert. So abwegig, wie man es nur dann kann, wenn man keine Ahnung von dem Text hat, den man zitiert.

Das kam mir in Erinnerung, als ich las, daß Lafontaine mal wieder Bildung hatte durchschimmern lassen, und zwar im Gespräch mit Uwe Müller von der "Welt".

Es ging um das Bekenntnis des Kandidaten Peter Sodann, daß nach seiner Ansicht Deutschland keine Demokratie sei. Andere Granden der Partei "Die Linke" hatten das herunterzuspielen versucht. Oskar Lafontaine aber wählte die Vorwärts- Verteidigung. Er stimmte Sodann zu:
"Im Gegensatz zu seinen Kritikern ist Peter Sodann gebildet", sagte er der WELT. Als Theatermann kenne er seinen Thukydides. Der berühmteste Historiker der Antike habe Perikles' Sicht auf die Demokratie so beschrieben: "Der Name, mit dem wir unsere politische Ordnung bezeichnen, heißt Demokratie, weil die Angelegenheiten nicht im Interesse weniger, sondern der Mehrheit gehandhabt werden." In diesem Sinne ist die Bundesrepublik auch für Lafontaine keine Demokratie.
Warum ein Theatermann ausgerechnet "seinen" Thukydides kennen soll, der mit antikem Theater ungefähr so viel zu tun hatte wie Golo Mann mit Ionesco, das ist freilich Lafontaines Geheimnis. (Er wird doch nicht Thukydides mit Euripides verwechselt haben?).



Aber gut, räumen wir einmal an, daß Sodann den Thukydides kennt, und fragen wir uns, wie gut ihn denn wohl Oskar Lafontaine kennt.

Zumindest scheint er das, was er uns da als Thukydides verkaufen will, sehr zu lieben. Er hat dieses Zitat nämlich schon früher benutzt, beispielsweise in diesem Artikel in der FAZ vom 9. Juni 2007. Darin schreibt Lafontaine:
"Der Name, mit dem wir unsere politische Ordnung bezeichnen, heißt Demokratie, weil die Angelegenheiten nicht im Interesse weniger, sondern der Mehrheit gehandhabt werden", sagte der athenische Staatsmann Perikles vor über 2000 Jahren. Konfrontieren wir die politische Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2007 mit dieser einfachen Definition der Demokratie, dann kommen wir zu dem Schluss, dass wir in einer parlamentarischen Demokratie leben, die dem entscheidenden Kriterium des Perikles für eine politische Ordnung, die Demokratie heißt, nicht gerecht wird.
Hier wird klar, warum Lafontaine dieses "Zitat" so liebt, welches er damals allerdings noch Perikles selbst zuschrieb. (Es handelt sich um etwas, das Thukydides dem Perikles in den Mund legt; ich komme darauf im zweiten Teil):

Lafontaine liebt dieses Zitat, weil er damit einen Unterschied illustrieren möchte, auf den es ihm ankommt: Dem zwischen der Demokratie als einer Staatsform, in der die Mehrheit entscheidet, und Demokratie in dem Sinn, daß das geschieht, was nach Lafontaines Meinung im Interesse der Mehrheit liegt.

Daß sie im Interesse der Mehrheit regieren, das haben natürlich die Kommunisten immer behauptet; sie haben es überall dort behauptet, wo sie an der Macht waren und sind. Es ist ein leninistischer Grundsatz, daß die Mehrheit ihre eigenen Interessen nicht erkennen, geschweige denn durchsetzen kann und deshalb der Avantgarde bedarf - eben der Kommunisten -, damit diese Interessen verwirklicht werden.

Die Verwirklichung der "Interessen der Mehrheit" zum Kriterium der Demokratie zu machen bedeutet, daß ein Staat nur dann demokratisch ist, wenn in ihm diejenigen regieren, die nach Lafontaines Überzeugung allein die "Interessen der Mehrheit" vertreten, nämlich Sozialisten. Für Pluralismus, für Freiheit ist da kein Platz mehr. Nur ein sozialistisches Deutschland ist für Lafontaine demokratisch; das ist der offensichtliche Sinn seiner Aussage.

(Fortsetzung folgt)



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2. Juli 2008

Marginalie: Kompetenz-Kompetenz. Was an Gefahren im Vertrag von Lissabon lauert

Es mag daran gelegen haben, daß die Sache der EU-Skeptiker von zwei brillanten Juristen - dem Verwaltungsrechtler Hans Herbert von Arnim und vor allem dem Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider - vertreten wurde, denen die beiden ihnen gegenübersitzenden Befürworter des Vertrags von Lissabon weder fachlich noch intellektuell gewachsen waren.

Jedenfalls war die gestrige Phoenix-Runde nachgerade so etwas wie moralische Aufrüstung für diejenigen, die fürchten, daß im Vertrag von Lissabon mehr an Gefahren lauert, als der Laie auf den ersten Blick sehen kann, oder auch auf den zweiten.



Auch wir Nichtjuristen können erkennen, daß man das "Nein" der Franzosen und Niederländer zum Verfassungsvertrag unterlaufen will, indem man faktisch dieselben Bestimmungen in einem Vertragswerk unterbringt, das nur halt nicht mehr den Namen "Verfassung" trägt.

Das geben Verantwortliche auch ganz ungehemmt zu. Die Öffentlichkeit werde unwissentlich das akzeptieren, was sie, wenn es ihr direkt vorgelegt werde, ablehnen würde - so unverhüllt hat es kein Geringerer als Valéry Giscard d'Estaing gesagt; ähnlich auch der Obereuropäer Claude Juncker.

Auch wir juristischen Laien können die Chuzpe erkennen, die Barroso und seine Getreuen an den Tag legen, wenn sie als Reaktion auf das "Nein" der Iren nicht etwa überlegen, wie man dieser neuen Lage gerecht werden, sondern nur wie man sie umschiffen kann. Statt eine ernsthafte Diskussion zu führen, wird man erneut die Patschehändchen ganz tief in die Trickkiste stecken.

Auch wir Laien merken, daß etwas faul sein muß an diesen heutigen Europa, wenn - Christian Hannover hat es bei den Kollegen von "Freunde der Offenen Gesellschaft" und Boche hat es bei den Bissigen Liberalen aufgespießt - die Abgeordnete Koch-Mehrin erklärt, die EU dürfe sich jetzt "nicht aufhalten lassen". Das wäre ja auch noch schöner, wenn die Politiker sich durch das renitente Volk würden aufhalten lassen.



Also - das alles kann man auch erkennen, wenn man nichts von Staatsrecht versteht. Was ich aber gestern Abend von Arnim und Schachtschneider gelernt habe, das betrifft die Fallstricke, die im Kleingedruckten lauern.

Ein Beispiel, das vermutlich drastischste Beispiel, ist der Artikel 48, Absatz 6. Dort wird ein "vereinfachtes Veränderungsverfahren" eingeführt, das dem Europäischen Rat - er besteht aus den Staats- und Regierungschefs der EU sowie dem Präsidenten der Kommission, ist also ein rein exekutives Organ - eine "Änderung aller oder eines Teils der Bestimmungen ... über die Arbeitsweise der EU" erlaubt.

Dieser Paragraph ist eines der Kernstücke der Klage des Abgeordneten Peter Gauweiler, die beim Bundes- Verfassungsgericht anhängig ist und die Schachtschneider dort vertritt.

Es geht - so erläuterten es die beiden Juristen - um das, was sie in ihrem Jargon die "Kompetenz-Kompetenz" nennen: Wer hat die Kompetenz, Kompetenzen zu verteilen?

Nach dem Vertrag von Lissabon jedenfalls nicht der Souverän in Gestalt gewählter Volksvertreter. Abgesehen davon - darauf wies Arnim hin -, daß das Europäische Parlament schon deshalb nicht demokratisch gewählt wird, weil die Stimme eines Maltesers oder eines Luxemburgers ein Vielfaches des Gewichts der Stimme eines Deutschen hat.

Ein anderer kritischer Punkt ist die Subsidiarität. Das Subsidiaritäts- Prinzip soll durch den Vertrag von Lissabon erweitert werden (siehe dazu die Diskussion in "Zettels kleinem Zimmer"; für einen schnellen Überblick hier klicken). Klingt zunächst gut. Aber wie steht es mit der Kompetenz-Kompetenz? Wenn es Differenzen über die Anwendung dieses Prinzips gibt, dann entscheidet der EuGH, der "Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften". Der bisher fast durchgängig zugunsten europäischer Institutionen entschieden hat.

Dessen interne Verfahrenssprache ist Französisch. Entscheidungen beispielsweise zur Subsidiarität diesem Gericht vorzulegen hieße, so meinte Herbert von Arnim, den Bock zum Gärtner zu machen.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

22. Juni 2008

Arroganz der Macht: Wie man in Europas politischer Führung über die Öffentliche Meinung denkt

Eine erneute irische Abstimmung über Europa müsse man "so vorbereiten, daß sie zu gewinnen ist". Das sagte, so berichtet Boche in B.L.O.G., der luxemburgische Minister des Äußerern Asselborn.

Das könnte eine echte Herausforderung werden. Denn die Iren sind ein trotziges Völkchen. Sie könnten, je mehr man sie bedrängt, umso mehr in Reaktanz gehen. Schon vor der jetzt gescheiterten Abstimmung hatten 17 Prozent derer, die mit "nein" stimmten, als Grund genannt: "Ich mag nicht, daß man mir sagt, was ich tun soll".



Aber wenn doch ganz Europa für den Vertrag von Lissabon ist - wie können sich da die Iren auf Dauer wehren?

Ja, wenn. Nur kann keine Rede davon sein, daß ganz Europa für den Vertrag von Lissabon ist.

In Frankreich veröffentlicht am heutigen Sonntag die Zeitung Sud Ouest eine Umfrage des Instituts Ifop, über die der Nouvel Observateur vorab berichtet. Danach würden 53 Prozent der Franzosen, die sich an einer solchen Abstimmung beteiligen würden, mit "nein" stimmen. 33 Prozent der Befragten sagten, sie würden sich gar nicht beteiligen.

Die Neinstimmen sind bei den Arbeitern (73 Prozent "nein") und einfachen Angestellten (63 Prozent "nein") am zahlreichsten. Hingegen würden von den höheren Angestellten und Angehörigen Freier Berufe 57 Prozent mit "ja" stimmen.

Bei den Sympathisanten der Linken überwiegen deutlich (mit 64 Prozent) die Neinstimmen, bei den Anhängern der Rechten weniger eindeutig (54 Prozent) die Jastimmen. Dieser Rechts- Links- Differenzierung überlagert sich ein unterschiedliches Verhalten von Anhängern gemäßigter und extremer Parteien: Von den gemäßigt Linken (Anhängern der PS) würden nur 59 Prozent mit "nein" stimmen, von den gemäßigt Rechten (Sympathisanten der UMP) sogar 71 Prozent mit "ja".



In Frankreich sind also die Gegner des Vertrags von Lissabon vor allem in den unteren und mittleren Schichten zu finden, vor allem bei der Linken und ganz besonders bei den extremen Parteien, auf der Rechten wie auf der Linken. In Irland dürfte die Verteilung ähnlich gewesen sein. Aber zur Mehrheit konnten die Gegner des Vertrags von Lissabon hier wie dort nur dadurch werden, daß sie sich quer über das gesamte politische Spektrum finden.

Wie gehen die politischen Führern Europas mit solch einer Mehrheit um? Dazu hat der American Thinker, eine immer sehr lesenswerte Web- Publikation, eine Sammlung von Äußerungen zusammengestellt; eine erschreckende, eine entlarvende Sammlung von knapp dreißig Stellungnahmen führender Politiker Europas. Ich empfehle sie dringend zur Lektüre.

Selten hat man die Arroganz vieler Führer Europas, linker wie rechter, gegenüber ihren Wählern so unverhüllt lesen können.

Valéry Giscard d'Estaing zum Beispiel, dessen Kommission wir bekanntlich die gescheiterte Europäische Verfassung zu verdanken haben, erklärte unverhohlen, der Vertrag von Lissabon enthalte im wesentlichen dieselben Bestimmungen, nur habe man sie aufgespalten und in verschiedenen Verträgen, oft Ergänzungen zu bestehenden Verträgen, untergebracht:

"The public opinion would therefore unknowingly adopt the dispositions that it would not accept if presented directly." Die Öffentliche Meinung werde so, ohne es zu wissen, diese Bestimmungen akzeptieren, die sie ablehnen würde, wenn sie direkt darüber zu entscheiden hätte.

Der Luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker sagte: "Of course there will be transfers of sovereignty. But would I be intelligent to draw the attention of public opinion to this fact?" Natürlich werde es eine Übertragung von Souveränitätsrechten geben. "Aber wäre ich denn intelligent, wenn ich die Aufmerksamkeit der Öffentlichen Meinung auf diese Tatsache lenken würde?"

Der belgische Außenminister Karel de Gucht: "The aim of the Constitutional Treaty was to be more readable; the aim of this [Lisbon] treaty is to be unreadable... The Constitution aimed to be clear, whereas this treaty had to be unclear. It is a success." - "Das Ziel des Verfassungs- Vertrags war es gewesen, lesbar zu sein; das Ziel dieses Vertrags [von Lissabonn] ist es, unlesbar zu sein... Die Verfassung strebte nach Klarheit, während dieser Vertrag unklar sein mußte. Er ist ein Erfolg."

Den Vogel aber schoß Giorgio Napolitano ab: "Those who are anti-EU are terrorists. It is psychological terrorism to suggest the specter of a European superstate." Die Gegner der EU seien Terrorirsten. "Es ist psychologischer Terrorismus, das Gespenst eines europäischen Superstaats herauf zu beschwören".

Zu Superstaaten dürfte Giorgio Napolitano eine besondere Beziehung haben. Bevor er vor zwei Jahren von der damals in Italien regierenden Volksfront aus diversen kommunistischen Parteien, Sozialisten und Linksbürgerlichen zum Präsidenten gewählt wurde, hatte er die folgende politische Karriere hinter sich:

1945 Eintritt in die Kommunistische Partei Italiens. 1953 erstmals für die Kommunisten ins Parlament gewählt. Ab 1956 Mitglied des Zentralkomitees der PCI. 1956 gehörte er zu denjenigen innerhalb der PCI, die beim Ungarn- Aufstand das Vorgehen der Sowjettruppen verteidigten.

Von 1966 bis 1969 war Napolitano Koordinator des Sekretariats und des Politbüros der PCI, später der Verantwortliche für Kultur, dann für Wirtschaft und schließlich für Außenpolitik der Kommunistischen Partei Italiens. Der PCI gehörte Napolitano bis zu ihrer Auflösung 1991 an; seither ist er Mitglied der jeweiligen Nachfolgepartei, wie sie gerade heißt.



Nein, es sind nicht nur Kommunisten, die sich nicht um die Öffentliche Meinung in Europa scheren.

Nur haben Kommunisten halt darin, sich zynisch über die Meinung ihrer Untertanen hinwegzusetzen, etwas mehr Erfahrung als die Führer des demokratischen Westeuropa. Insofern paßt es schon, wenn Napolitano am lautesten das gesagt hat, was andere etwas leiser äußern.



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17. Mai 2008

Monarchie - warum eigentlich nicht?

Durch eine Mail, die mir freundlicherweise zugeschickt wurde, bin ich auf einen am 10. Mai gegründeten Verein aufmerksam geworden. Er heißt "Bund aufrechter bayerischer Monarchisten und Föderalisten", hat das "Ziel des bayerischen Staatsoberhauptes aus dem Hause Wittelsbach" und möchte sich diesem Ziel vorerst dadurch nähern, daß man Lehrern an bayerischen Schulen einschlägige Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellt.

Die WebSite, auf der sich die Informationen darüber finden, heißt "Monarchistische Nachrichen", und das "kaisertreu" in der Webadresse läßt erkennen, daß es um Monarchie allgemein und nicht nur um die Treue zum Haus Wittelsbach geht.



Es geschieht immer wieder einmal, daß mir jemand eine Mail schickt in der Erwartung oder Hoffnung, daß sie einen Artikel in ZR anregt. Daß ich das im jetzigen Fall aufnehme, mag Stammleser von ZR zu der kopfschüttelnden Frage veranlassen, ob ich denn, zusätzlich zu den sonstigen gedanklichen Kapriolen, die mir gelegentlich angelastet werden, nun auch noch zum Monarchisten geworden bin.

"Hm, hm, ..." lautet meine Antwort, und statt ihn zu schütteln, wiege ich den Kopf.

Denn einerseits bin ich gewiß durch die Nachricht von der Gründung dieses Vereins zu nichts geworden, was ich nicht schon war. Andererseits - war ich vielleicht schon, bin ich also vielleicht ein Monarchist?



Als ZR noch jung und sehr klein war, im August 2006, habe ich mich schon einmal mit der Monarchie befaßt; in einem Artikel, in dem das zu lesen ist, was ich sonst jetzt hier schreiben würde.

Vielleicht ist dieser Artikel ein Lob der Monarchie; jedenfalls steht darin Positives über die europäischen Monarchien.

Es steht darin Positives, denn wenn man vorurteilslos an die Sache herangeht, dann kann der Vergleich zwischen Monarchien und Republiken nur zugunsten der Monarchien ausgehen.

Alles in allem ist es denjenigen europäischen Ländern, die ihre Monarchen behalten haben, statt sie im 19. Jahrhundert oder nach dem ersten Weltkrieg davonzujagen, besser gegangen als vielen Republiken. Ganz sicher ist es ihnen nicht schlechter gegangen, den Briten und Schweden, den Luxemburgern und Norwegern und nicht zuletzt den Spaniern, denen die Monarchie den friedlichen Übergang von der Franko- Diktatur in die Demokratie ermöglicht hat.



Demokratie und Monarchie - das sind ja keine Gegensätze. Eine demokratische politische Verfassung ist in keiner Weise an die Staatsform der Republik gebunden. Eher im Gegenteil, möchte man sagen.

Die schlimmsten Diktaturen waren und sind Republiken; von den Staatswesen Hitlers, Stalins, Maos, Pol Pots und Saddams bis zu den heutigen Diktaturen im Iran, in Cuba, in Nordkorea.

Oder nehmen wir Indochina und den arabischen Raum: In der Monarchie Thailand geht es entschieden demokratischer zu als in den Republiken Vietnam und Burma alias Myanmar. Ebenso finden sich Ansätze zu einer Mehrparteien- Demokratie unter den arabischen Ländern nicht in Republiken wie Algerien und Syrien, sondern in den Monarchien Marokko und Jordanien.



Und also?

Nein, wir werden in Deutschland nicht wieder eine Monarchie bekommen; auch nicht in Bayern.

Aber dem "Bund aufrechter bayerischer Monarchisten und Föderalisten" wünsche ich dennoch gute Arbeit. Träumen darf man ja in der Politik. Und ein Bund, der von einer Monarchie träumt, ist mir entschieden lieber als Parteien und Vereinigungen, die vom Sozialismus träumen.



Mit Dank an Martin Spannbrucker. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

31. Januar 2008

Zettels Meckerecke: Die Spitzen unserer Politik und die degradierten Zukunftsprobleme

"Unions- Spitzenpolitiker gegen Ausländer- Wahlkampf", meldete gestern die "Tagesschau" der ARD.

Ehrlich gesagt - für mich zählten Emine Demirbüken- Wegner, Adolf Sauerland, Fritz Schramma, Wolfgang Schuster, Wolfgang Reiniger, Yasar Bilgin, Dieter Oberndörfer, Bülent Arslan, Ismail Akpinar und Agül Özkan bisher nicht zu den Spitzenpolitikern der CDU. Die meisten dieser Namen habe ich heute zum ersten Mal bewußt gehört oder gelesen; einige sind mir als kommunale Größen bekannt.

Aber nun gut, was ein Spitzenpolitiker ist, darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein, und zwei der siebzehn Autoren des Artikels in der aktuellen Ausgabe der "Zeit", auf den sich die "Tagesschau"- Meldung bezieht, wird man in der Tat der CDU-Spitze zurechnen können: Ole von Beust und Ruprecht Polenz. Andere, wie die Landesminister Laschet und Christa Stewens und die einst sehr populäre Rita Süssmuth gehören, sagen wir, ins breitere Umfeld der erweiterten CDU-Spitze.



Warum nennt die "Tagesschau" Leute aus der D-Prominenz wie Wolfgang Schuster und Ismail Akpinar "Unions- Spitzenpolitiker"? Warum tut es nicht schlicht "Unions- Politiker"?

Man darf vermuten, daß das mit dem Inhalt des Artikels zu tun hat, den sie gemeinsam verfaßt haben. Dieser Artikel ist ein Brief. Das geht daraus hervor, daß er eine Anrede trägt; nein, sogar gleich zwei: "Sehr geehrte Bürger!" heißt es in der Überschrift, und dann am Beginn des Textkorpus: "Sehr geehrte Damen und Herren". (Eine Grußfloskel am Schluß fehlt allerdings; insofern endet der Brief ein wenig unhöflich).

An wen wendet sich der Brief? An, so heißt es im Vorspann, "21 prominente Deutschtürken". Diese hatten eine Woche zuvor in einem Offenen Brief, der ebenfalls in der "Zeit" erschienen war, "Wahlkampfpopulismus" kritisiert und "ernsthafte Reaktionen auf eine fehlgeschlagene Integrationspolitik" gefordert.



Die Antwort der siebzehn Spitzenpolitiker ist überwiegend so abgefaßt, daß sie mir keinen Anlaß zu einer Meckerecke geben würde. Es stehen im Gegenteil Sätze darin, die ich als ausgesprochen vernünftig empfinde.

Zum Beispiel: "Gewalt und Kriminalität gedeihen, wo Respektlosigkeit, mangelnde Bildung und Erziehung herrschen."

Oder: "Wir brauchen politische Vorbilder, Erfolgsgeschichten, für die Sie stehen und die in dieser Klarheit sagen, dass abscheuliche Vorgänge wie in der Münchner U-Bahn 'die ganze Härte unserer bestehenden Gesetze' erfahren müssen."

Ja, richtig. Dazu konnte ich, als ich es las, nur innerlich nicken. ich glaube, es war ziemlich genau das, was Roland Koch im Wahlkampf gesagt hatte.

Aber dann stieß ich auf einen Satz, den ich so ungeheuerlich finde, daß ich darüber eigentlich nicht nur meckern, sondern mich über ihn von Herzen empören möchte. Dieser Satz lautet:

"Integrationspolitik ist so fundamental für die Zukunft unseres Landes, dass sie nicht zum Wahlkampfthema degradiert werden darf."

Welche Mißachtung des Wählers, welche Arroganz gegenüber dem Souverän drückt sich in diesem Satz aus!

Was "fundamental für die Zukunft unseres Landes" ist, das darf, so fordern es diese siebzehn Spitzenpolitiker, nicht zum Wahlkampfthema werden.

Nein, zu wenig. Es muß noch eins drauf. Nicht nur nicht im Wahlkampf debattiert werden darf nach Auffassung der siebzehn Spitzenpolitiker das, was die Zukunft unseres Landes fundamental betrifft. Sondern es darf dazu nicht degradiert werden.

Ist so etwas zu fassen? Was glauben sie, die siebzehn Spitzenpolitiker, welche Quittung für ihre Unverschämtheit ihnen Wähler in den USA oder in England dafür geben würden, daß sie es als "Degradierung" eines Themas bezeichnen, wenn es dort debattiert wird, wo allein die Politiker - Spitzen und Fußvolk - mit uns, ihren Wählern diskutieren: im Wahlkampf?



Ich kann mir die hochgezogenen Brauen, die abgesenkten Mundwinkel mancher vorstellen, die soweit gelesen haben. Populismus! höre ich sie rufen. Ja ist Ihnen denn nicht klar, Zettel, höre ich sie sagen, daß das Thema "Integration" eine vorsichtige, eine differenzierte Befassung verlangt? Während im Wahlkampf doch geklotzt, vereinfacht, emotionalisiert wird?

Ja, ist Ihnen denn nicht klar, Zettel, höre ich sie sagen, daß gerade wir Deutschen mit unserer Geschichte ...

An dieser Stelle höre ich nichts mehr. Vermutlich, weil ich mir die Ohren zugehalten habe. Als wenn die Geschichte des Totalitarismus in Deutschland, die ja nicht 1945, sondern erst 1989 zu Ende ging, es nicht ganz im Gegenteil verlangte, endlich mit der Bevormundung "unserer Menschen" Schluß zu machen.

Wie in aller Welt soll man denn demokratisches Selbstbewußtsein fördern, wenn Politiker in ihrer Arroganz die für unsere Zukunft fundamental wichtigen Themen der Enscheidung durch den Souverän entziehen wollen?

Wenn sie es als die Degradierung eines Themas betrachten, es mit uns, den Bürgern, im Wahlkampf zu diskutieren?

Sehen sie denn nicht, diese siebzehn Spitzenpolitiker, daß sie mit ihrer Forderung den Extremisten in die Hände arbeiten, die behaupten, in unserem Land hätten die Bürger nichts zu sagen, wenn es um die wichtigen Entscheidungen geht?



"Integrationspolitik ist so fundamental für die Zukunft unseres Landes, dass sie nicht zum Wahlkampfthema degradiert werden darf." Dieser eine, entlarvende Satz entwertet - soll ich sagen: degradiert? - in meinen Augen alles das, was in diesem Offenen Brief Vernünftiges steht. Es zeigt, welch Geistes Kind seine Autoren sind.

Eines undemokratischen Geistes sind sie, eines Geistes obrigkeitsstaatlichen Denkens, den man auf der Linken freilich erwartet. Überraschend fand ich allerdings, daß Unions- Politiker so argumentieren.

Trösten kann ich mich allenfalls damit, daß sie, diese Siebzehn, so ganz richtige Spitzenpolitiker ja vielleicht doch nicht sind.

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4. Dezember 2007

Randbemerkung: Warum Putin und Chávez jetzt in einer ähnlichen Lage sind

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien Wladimir Putin und Hugo Chávez durch die Voten ihrer Wähler am Sonntag in sehr unterschiedliche Positionen gebracht worden.

Putin hat einen triumphalen Wahlsieg errungen; er braucht jetzt für seine Zweidrittel- Mehrheit in der Duma noch nicht einmal die Stimmen der "Oppositionspartei" mit Namen "Gerechtes Rußland", die er sicherheitshalber von Getreuen hatte gründen lassen.

Dem Präsidenten Chávez dagegen scheint der Wind ins Gesicht zu wehen. Unerwartet hat er für seine "Verfassungsreform", die den Sozialismus per Referendum einführen sollte, keine Mehrheit bekommen.



Bei genauerem Hinsehen wird aber erkennbar, daß Putin und Chávez jetzt in einer sehr ähnlichen Lage sind.

Beide streben es an, ihr nominell noch demokratisch verfaßtes Land in ein autoritäres System umzuwandeln. Beide wollen die verfassungsmäßigen Restriktionen aushebeln, die ihrer Herrschaft auf unbegrenzte Zeit gegenwärtig noch entgegenstehen.

Und beide scheinen entschlossen, denselben Weg zu gehen: Kein Putsch, kein offener Verfassungsbruch. Sondern die legale Machtergreifung.

Wie Putin es fertigbringen wird, zum Herrscher aller Reußen aufzusteigen, hat er uns noch nicht verraten; aber er hat wiederholt betont, er werde sich an die Verfassung halten. Er wird sie wohl ein wenig drücken und dehnen müssen, die Verfassung; vielleicht wird seine Duma sie auch für ihn ändern. Aber gegen die Verfassung verstoßen wird er nicht.

Chávez' Reaktion auf die knappe Niederlage zeigt dasselbe Bestreben um demokratische Wohlanständigkeit. Er hat diese Niederlage eingeräumt; er war ganz der faire Verlierer.

"Chavez's Vice President, Jorge Rodriguez, appeared as the night wore on and told reporters, 'We will respect the result, whatever it is.' And, to the astonishment of his opponents, Chavez did", schrieb gestern Time Magazine. Chávez Vizepräsident Rodriguez habe gegenüber Reportern während der Auszählung gesagt: "Wir werden das Resultat anerkennen, egal, wie es lautet". Und zum Erstaunen seiner Gegner habe Chávez just das getan.



Natürlich bedeutet das nicht, daß dieser Bewunderer Castros nun auf einmal zum Demokraten geworden ist.

Er wird die cubanischen Agenten nicht nach Hause schicken, die den venezolanischen Geheimdienst kontrollieren und die das venezolanische Militär ausbilden. Agenten, die bereits seit Ende 2004 das gesetzlich verbriefte Recht haben, Venezolaner zu verhaften und gegebenenfalls zur Aburteilung nach Cuba zu bringen.

Er wird nicht die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit mit der cubanischen Diktatur stoppen, nicht auf das Ziel einer Konföderation mit dem kommunistischen Cuba verzichten, "zwei Länder in einem", wie er es nennt.

Aber er kann, dieser begnadete Show Man, jetzt den Demokraten auf die Bretter stellen, der demütig seine Niederlage akzeptiert.

Denn er hat - anders als Putin, der bis zum 2. März 2008 alles geregelt haben muß - viel Zeit. Er ist gewählt bis zum Jahr 2012. Und das im Januar dieses Jahres verabschiedete Ermächtigungsgesetz gibt ihm noch bis mindestens Mitte 2008 das Recht, mit Notverordnungen zu regieren, in bestimmten Bereichen.

Bis dahin kann er in Ruhe die neue Taktik für den Übergang zum Sozialismus entwickeln: "... sólo los soldados bisoños creen la causa perdida ante los primeros obstáculos". Nur die noch nicht kampferprobten Soldaten glauben die Sache schon verloren, wenn die ersten Hindernisse auftauchen, sagte er dazu laut der cubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina.

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16. Juli 2007

Ketzereien zum Irak (15): Der Irak, Syrien, die politische Philosophie von Präsident Bush

"Al Jazeera" hatte gestern eine Sendung über den Irak, in der drei Politiker interviewt wurden. Einer war der Koordinator der Irak- Politik im State Department, der eine sehr klare, überzeugende Analyse gab. Einer war ein britischer Labour- Abgeordneter, der herumschwafelte.

Der dritte war ein Syrer; Botschafter in London, glaube ich. (Ich habe die Sendung leider nicht von Anfang an gesehen).

Dieser Syrer sagte etwas sehr Interessantes: Syrien rechnet damit, daß die Verhältnisse im Irak nach Syrien übergreifen könnten.

Er hat das in einem argumentativen Zusammenhang gesagt: Also sei Syrien doch nicht daran interessiert, den Irak weiter zu destabilisieren.



Nun weiß jeder, daß das gelogen ist. Der Moderator von "Al Jazeera" hat den syrischen Würdenträger auch gleich darauf aufmerksam gemacht, daß ein großer Teil des Terrors im Irak von Syrien ausgeht oder jedenfalls von Syrien geduldet wird.

Aber in einem bestimmten Sinn stimmt ja, was er sagte: Wenn das demokratische Experiment im Irak gelingt, dann werden diese Verhältnisse auf Syrien übergreifen.

Als die US-Administration die Invasion des Irak beschloß, wollte sie ein Volk von einer Diktatur befreien, sie wollte aber auch den ganzen Nahen Osten revolutionieren.

Es ist die politische Philosophie von Condoleezza Rice, die sich der Präsident zu eigen gemacht hat, daß man in einer Krisenregion nur dadurch Frieden stiften kann, daß dort demokratische Verhältnisse ermöglicht werden. Auch wenn es lange dauert, wenn es schwierig ist, wenn es große Opfer kostet.

Hitler- Deutschland, Stalin- Rußland, Tenno- Japan, das Vietnam von Ho Tschi Minh, heute das Korea von Kim, der Iran von Ahmadinedschad usw. usw. - sie waren und sind nur deshalb Gefahren für den Frieden, weil sie nicht demokratisch regiert werden.



Das ist die Logik der amerikanischen Politik. Vielleicht ist sie irrig. Aber daß sie unbegründet ist, wird man nicht sagen können.

Für das Baath-Regime in Syrien, eine der - nach Nordkorea, Vietnam und Cuba- schlimmsten Dikaturen der Welt, ist die Situation also sehr einfach:

Man muß um jeden Preis verhindern, daß die Demokratie im Irak siegt. Ein stabiler demokratischer Irak würde das Ende der Assad-Diktatur, also der Macht der dortigen sozialistischen Ausbeuter bedeuten.



Sie können gar nicht anders, als den Irak nach Kräften zu destabilierern, die Herrscher in Syrien.

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6. Mai 2007

Ketzereien zum Irak (12): Die Politik der US-Demokraten und der Kommentar eines Irakers

Der Irak- Krieg wird zunehmend ein Wettlauf mit der Zeit. Wird es gelingen, den Irak noch in der Amtszeit von Präsident Bush so weit zu stabilisieren, daß der anschließende - jedenfalls bei einem Sieg von Obama oder Clinton zu befürchtende - Abzug der US- Truppen nicht zu einer Katastrophe führt?

Wenn es zu dieser Katastrophe - einem Zusammenbruch des verfassungsgemäßen Systems im Irak - kommt, dann wird das nicht nur das Kräfteverhältnis im Nahen Osten radikal ändern und alle Hoffnungen auf dessen Demokratisierung auf Jahrzehnte hin zunichte machen; Israel also im Zustand extremer Gefährdung lassen.

Es wird nicht nur die Diktaturen im Iran und in Syrien als die beiden Großmächte der Region etablieren und der El Kaida eine Macht geben, von der sie bisher nur träumen konnte; ihr möglicherweise sogar neue Trainingszentren verschaffen, wie sie sie in Afghanistan gehabt hatte.

Sondern es wird darüber hinaus ein persönliches, existenzielles Unglück für alle diejenigen freiheitlich gesonnenen Iraker sein, die sich trotz aller Risiken für die Demokratie eingesetzt, die mit den Koalitionstruppen zusammengearbeitet haben. Die Glücklicheren werden fliehen können, die anderen setzen sich der Gefahr aus, verfolgt, eingekerkert, ermordet zu werden.

Zum zweiten Mal werden dann die USA eine Bevölkerung, die ihnen vertraut hat, im Stich gelassen und sie einem brutalen Regime ausgeliefert haben. Zu welchen Opfern das in Vietnam geführt hat, ist hier nachzulesen; dort stehen auch Links zu den Untersuchungen des Historikers R.J. Rummel, der diese schändliche Seite des Vietnam- Kriegs seit Jahrzehnten erforscht.



Eine Vorstellung davon, mit welchen Sorgen die freiheitlich gesonnenen Iraker das sehen, was sich im Augenblick in der amerikanischen Innenpolitik abspielt - insbesonder der Iraq War De-Escalation Act -, gibt ein Beitrag von Omar Fadhil, dem Bagdader Korrespondenten von Pajamas Media. Auszüge:
Instead coming up with ideas to help the US Democrats are trying to stop the effort to stabilize Iraq and rescue the Middle East from a catastrophe. I am an Iraqi. To me the possible consequences of this vote are terrifying. Just as we began to see signs of progress in my country the Democrats come and say, ‘Well, it’s not worth it. Time to leave’. To the Democrats my life and the lives of twenty-five other million Iraqis are evidently not worth trying for. They shouldn’t expect us to be grateful for this. (...)

In the last two months, we have had a fresh start; a new strategy with new ideas and tactics. (...) We must give this effort the chance it deserves. We should provide all the support necessary. We should heed constructive critique, not the empty rhetoric that the "war is lost". It is not lost. Quitting is not an option we can afford — not in America and definitely not in Iraq. I said it before and I say it again; this war must be won. If it is not the world as you in the United States know it today (and as we here in Iraq dream for it to become) will exist only in books of history. (...)

In no time al-Qaeda and all similarly extremist factions will start boasting about how America is fleeing Iraq under the heavy blows of the "Mujahideen" planned by OBL himself. The Democrats just offered al-Qaeda victory on a silver plate. For free. An imaginary victory for sure, for now, but it can still be used by al-Qaeda to promote their ideology of death and attract more recruits. "America’s will can be broken, America is not invincible," they will say in a thousand ways. Is this the kind of message you want to send to the enemy?

Reconsider your position before it’s too late. For us and for yourselves.

Statt Ideen für eine Hilfe zu entwickeln, versuchen die US-Demokraten das Bemühen zu stoppen, den Irak zu stabilisieren und den Mittleren Osten vor einer Katastrophe zu bewahren. Ich bin Iraker. Für mich sind die möglichen Konsequenzen dieser Abstimmung [im US-Senat, zum Truppenabzug; Zettel] schrecklich. Gerade jetzt, wo wir in meinem Land Anzeichen für Fortschritte sehen, kommen die Demokraten und sagen: "Well, das ist es nicht wert. Es ist Zeit zu verschwinden". Für die Demokraten sind mein Leben und das Leben der fünfundzwanzig Millionen anderen Iraker es offenbar nicht wert, den Versuch zu wagen. Sie sollten nicht erwarten, daß wir dafür dankbar sind. (...)

In den vergangenen beiden Monaten gab es bei uns einen neuen Anfang; eine neue Strategie mit neuen Ideen und Taktiken. (...) Wir müssen diesem Versuch die Chance geben, die er verdient. Wir sollten alle erforderliche Unterstützung bereitstellen. Wir sollten konstruktive Kritik aufmerksam beachten, aber nicht die leere Rhetorik, daß "der Krieg verloren" sei. Er ist nicht verloren. Ein Abzug ist keine Option, die wir uns leisten können - nicht in Amerika und mit Sicherheit nicht im Irak. Ich habe es früher gesagt und sage es nochmals: Dieser Krieg muß gewonnen werden. Wenn nicht, dann wird die Welt, wie Sie in den Vereinigten Staaten sie heute kennen (und wie wir im Irak sie uns erträumen) nur noch in den Geschichtsbüchern existieren. (...)

Es wird kein Augenblick vergehen, und die El Kaida und alle ähnlich extremistischen Gruppierungen werden anfangen, sich zu rühmen, wie Amerika unter den schweren Schlägen der "Mudschaheddin" flieht, die von Osama Bin Laden selbst geplant wurden. Die Demokraten haben soeben der El Kaida den Sieg auf einem Silbertablett angeboten. Kostenlos. Gewiß einen vorerst imaginären Sieg, aber dennoch kann er von der El Kaida genutzt werden, um ihre Ideologie des Todes zu verbreiten und neue Anhänger zu rekrutieren. "Der Wille Amerikas kann gebrochen werden, Amerika ist nicht unbesiegbar" werden sie auf tausend Weisen sagen. Ist das die Art von Botschaft, die Sie an den Feind richten wollen?

Überdenken Sie ihre Haltung, bevor es zu spät ist. Für Sie und für uns.


Ein persönlicher Kommentar:

Kaum etwas hat mein Bild der USA so verändert wie dieses gegenwärtige Verhalten der US- Demokraten in Bezug auf den Irak.

Ich bin mit der Erfahrung politisch aufgewachsen, daß die USA zuverlässige Verbündete sind, die niemandem im Stich lassen. Sie haben während der Berliner Blockade den Kommunisten nicht nachgegeben, nicht in Korea, nicht in Bezug auf Taiwan. Sie haben in der Berlin-Krise in den sechziger Jahren, als Chruschtschow Berlin als "Freie Stadt" unter seine Kontrolle bringen wollte, keinen Zentimeter nachgegeben. Sie haben nicht nachgegeben, als Anfang der achtziger Jahre die Kommunisten mit Hilfe der "Friedensbewegung" die USA aus Europa herausdrängen wollten.

Kurz, ich habe es immer wieder erlebt, daß die USA bündnistreu sind. Natürlich nicht aus Edelmut, sondern weil man mit niemandem mehr ein Bündnis eingehen wird, an dessen Zuverlässigkeit begründete Zweifel bestehen. Daß man sich auf sie als Partner verlassen kann, daß sie einen Verbündeten nicht im Stich lassen, war und ist eine der wichtigsten Grundlagen für die weltweite Macht der USA.



Zu diesem meinem Bild von den USA gehörte auch das, was man dort "bipartisanship" nennt. So sehr man sich innenpolitisch streitet - wenn es um das nationale Interesse geht, wenn man sich gar im Krieg befindet, dann stehen beide Parteien hinter dem Präsidenten.

So war es auch gewesen, als die Invasion des Irak vorbereitet wurde. Eine große, parteiübergreifende Mehrheit stimmte diesem Krieg zu, darunter Hillary Clinton und der heutige demokratische Mehrheitsführer Harry Reid.



Jetzt gilt das offenbar alles nicht mehr; jedenfalls nicht mehr für die US- Demokraten, jedenfalls nicht mehr für ihre Führung. Sie sind augenscheinlich bereit, einen Verbündeten im Stich zu lassen. Sie sind bereit, die Kriegsführung ihres Präsidenten zu torpedieren. Was ich in drei früheren Beiträgen geschrieben habe, scheint mir immer offensichtlicher zu werden: Diese US- Demokraten handeln verantwortungslos.

Daß diese Partei ein überzeugendes oder auch nur ein durchdachtes alternatives Konzept für einen freiheitlichen Irak, für den Sieg über die El Kaida, für die Verhinderung eines Chaos im Nahen Osten hat, kann ich nicht erkennen. Mein Eindruck ist, daß man abhauen will, koste es, was es wolle. Ohne Rücksicht auf die Folgen.

Was ist los mit dieser Partei? Was hat sich im amerikanischen politischen System verändert, daß eine solche verantwortungslose Politik einer der beiden großen Parteien möglich ist? Ich verstehe es nicht.

28. Februar 2007

Was wird aus der SPD?

Von elf SPD-Mitgliedern im Ausschuß für Gesundheit des Bundestags haben ganze vier für das jetzt verabschiedete Gesetz zur Gesundheitsreform gestimmt. Fünf haben dagegen gestimmt, zwei sich enthalten. Die Fraktion läuft aus dem Ruder.

Die Hamburger SPD ist gerade dabei, den Ruf Hamburgs als einer Stadt seriöser Kaufleute zu zerstören.

Kindergartenspiele, anders kann man das wohl nicht nennen, was diese Partei dort veranstaltet.

Die Partei, die einmal fast mit Hamburg identisch gewesen war - mit ihren großen Bürgermeistern Max Brauer, Paul Nevermann, Herbert Weichmann, Hans-Ulrich Klose, Klaus von Dohnanyi, Henning Voscherau - führt sich auf wie eine Selbsterfahrungsgruppe aus ausgeflippten Hanse- Stadtneurotikern.

In der Hauptstadt Hessens, das zur Zeit von Georg August Zinn, zur Zeit des großen Fritz Bauer, das Bundesland großzügiger Liberalität gewesen war, hat die SPD eine Groteske veranstaltet, als wolle sie Wiesbaden endlich zu einer der Karnevals- Hochburgen machen, als Sieg über den Konkurrenten Mainz. Gelebte Realsatire.

Zufall? Ja, das kann man ja nicht ausschließen. Pech und Pannen, shit happens.

Nur könnte es auch symptomatisch sein.



Als ich Ende der sechziger Jahre in die SPD eintrat, war das eine Arbeiterpartei. Ich habe in den Ortsvereinen, in denen ich aktiv war, wirkliche Sozialdemokraten erlebt- ehrliche, selbstlose, durch und durch demokratisch gesonnene Menschen. Es war eine schöne Zeit, in der ich viel politisch gelernt habe.

Ungefähr 1970 habe ich für die Zeitung unseres Ortsvereins einen fast neunzigjährigen Genossen interviewt, der es noch erlebt hatte, wie die Polizei des Kaisers Wilhelm II in jeder SPD-Versammlung die Aufpasser stellte.

Ich habe in diesem Ruhrgebiets- SPD- Ortsverein viele solche beeindruckende Menschen kennengelernt - "Zeitzeugen" des Kampfs für den demokratischen Rechtsstaat.

Die SPD ist ja einmal die Partei des Fortschritts gewesen, der Demokratie. Die Partei, die dem Ermächtigungsgesetz die Zustimmung verweigert hatte. Die Partei Kurt Schumachers dann, und des großen Intellektuellen Carlo Schmid.



Die Partei, aus der ich dann ausgetreten bin, als Lafontaine putschte, war nicht mehr diese SPD. Sie war eine Partei von Lehrern, Sozialarbeitern, Angehörigen des Öffentlichen Dienstes, Karriersten aller Art geworden. Arbeiter gab es kaum noch in den Ortsvereinsvorständen. Allenfalls als Kassierer, weil das Arbeit machte. Ansonsten hatten die 68er die Partei erobert.

Nun sind sie alt geworden, die 68er. Sie haben aus einer liberalen, weltoffenen Partei, aus der Partei Ernst Reuters und Fritz Bauers, eine öde Funktionärspartei gemacht. Sie haben die SPD ruiniert.

Und wer ist jetzt die SPD, nachdem die 68er abtreten? Ich weiß es nicht; ich habe ja zu dieser Partei seit langem keine Verbindung mehr.

Offenbar aber sind es Schussel, die keinen Termin einhalten können; undiszplinierte Parlamentarier, die gegen ihre Partei stimmen; Infantile, die Urnen klauen.



Nein, zu dieser heruntergekommenen Partei habe ich keine Beziehung mehr. Ihr Schicksal könnte mir egal sein.

Nur ist sie ja die einzige demokratische Alternative zur demokratischen Rechten.

Und in dem heruntergewirtschafteten Zustand, in dem sie sich jetzt befindet, traue ich ihr alles zu. Auch eine Koalition mit den Kommunisten.

Grund also zur Sorge.