Randbemerkung: Die Alternativen im Irak und der buridanische Esel
Wenn unser Hund von einem anderen Rüden angemacht wird, dann hat er zwei Möglichkeiten: Entweder stellt er sich dem Kampf, oder er erkennt, daß der andere stärker ist und macht sich, den Schwanz einziehend und die Ohren nach hinten gelegt, aus dem Staub.
Flight or fight - das sind die beiden möglichen Reaktionen in einer solchen Situation. Keine gute Idee wäre es für unseren Hund, weder das eine noch das andere zu tun. Also ohne Kampfesmut stehenzubleiben und sich der Attacke des anderen auszuliefern.
Angesichts der momentanen Schwierigkeiten im Irak stehen die USA vor einer Entscheidung dieses Typs.
Sie können entweder flight wählen. Dann wird der Irak sehr wahrscheinlich im Chaos versinken, möglicherweise zum Schlachtfeld eines Stellvertreter- Kriegs zwischen dem Iran und Saudi- Arabien werden.
Das weltweite Ansehen der USA und ihr Einfluß im Nahen Osten werden bei einer solchen Entscheidung auf historische Tiefpunkte sinken.
Den Demokraten im Irak, die sich im Vertrauen auf die USA politisch engagiert haben, wird es dann vermutlich nicht besser gehen als den Vietnamesen, die sich in den sechziger und siebziger Jahren darauf verlassen hatten, daß die USA einen Verbündeten nicht im Stich lassen würden. 65 000 Menschen wurden von den Kommunisten hingerichtet. Schätzungsweise eine Million Menschen wurden in Konzentrationslager eingeliefert. Rund 250 000 kamen beim Fluchtversuch über das Meer ums Leben. 900 000 gelangten als Flüchtlinge ins Ausland.
Aber immerhin - man könnte ja zu dem Schluß kommen, daß der Krieg im Irak nun einmal verloren ist. Dann wäre ein möglichst schneller Rückzug rationaler als die Fortführung des Kriegs. Dann wäre es unverantwortlich für den Präsidenten und den Kongreß, weiter amerikanische Soldaten zu opfern.
Oder man kommt zu der Einschätzung, daß der Krieg nach wie vor zu gewinnen ist. Dann wäre es unverantwortlich, nicht alles für den Sieg Erforderliche zu tun und dafür auch die erforderlichen Gelder zu bewilligen.
Flight or fight - beides sind rational begründbare Entscheidungen. Ob man die eine oder die andere trifft, hängt davon ab, ob man den Krieg für verloren oder für weiter gewinnbar hält. Wie steht der Präsident, wie steht die demokratische Mehrheit im Kongreß dazu?
Präsident Bush war immer entschlossen - er hat es ja oft genug gesagt -, daß die USA den Irak nicht verlassen werden, bevor die Aufgabe erledigt ist ("the job is done"). Er wird heute Nacht sehr wahrscheinlich ankündigen, daß 20000 weitere Soldaten in den Irak geschickt werden, um dort die Situation zu stabilisieren. Dies ist - so sieht es gegenwärtig aus - auch eine amerikanische Gegenleistung dafür, daß El Maliki versprochen hat, gegen alle Milizen - auch schiitische - entschlossen vorzugehen. Bush ist offensichtlich weiterhin überzeugt, daß der Krieg zu gewinnen ist.
Und die Demokraten? Es scheint, daß sie sich weder für fight noch für flight entscheiden können oder wollen. Wenn sie den Krieg für gewinnbar halten, dann müßten sie eigentlich den Präsidenten unterstützen. Wenn nicht, dann müßten sie sagen: Wir haben den Krieg verloren, laßt uns das eingestehen und unsere Truppen sofort abziehen.
Dazu können sie sich, wie Rich Lowry, der Herausgeber des National Review, gestern dort schrieb, aber offenbar nicht durchringen. Lowry zitiert einen Brief an den Präsidenten, den die demokratischen Fraktionsvorsitzenden in den beiden Kammern, Nancy Pelosi und Harry Reid, an den Präsidenten geschrieben haben. Einerseits schreiben sie "It is time to bring the war to a close"; es sei an der Zeit, diesen Krieg zu einem Ende zu bringen. Andererseits heißt es am Ende des Briefs: "... we want to do everything we can to help Iraq succeed in the future"; - "wir wollen alles tun, was wir können, um dem Irak zu einer erfolgreichen Zukunft zu verhelfen".
Ja, watt denn nu? sagt da der Berliner.
Und Rich Lowry weist darauf hin, daß es unlogisch ist, wenn die Demokraten Gelder für 20 000 weitere Soldaten verweigern wollen, aber 140 000 Soldaten im Irak weiter finanzieren.
Ich glaube, da hat Lowry recht. Die Haltung der Demokraten im Kongreß (soweit man von einer einheitlichen Haltung sprechen kann) scheint mir sehr einer "Entscheidung" unsers Hunds zu ähneln, weder die Flucht zu ergreifen, noch zum Kampf entschlossen zu sein.
Aber das tut er nicht. Er ist ja kein buridanischer Esel.
Flight or fight - das sind die beiden möglichen Reaktionen in einer solchen Situation. Keine gute Idee wäre es für unseren Hund, weder das eine noch das andere zu tun. Also ohne Kampfesmut stehenzubleiben und sich der Attacke des anderen auszuliefern.
Angesichts der momentanen Schwierigkeiten im Irak stehen die USA vor einer Entscheidung dieses Typs.
Sie können entweder flight wählen. Dann wird der Irak sehr wahrscheinlich im Chaos versinken, möglicherweise zum Schlachtfeld eines Stellvertreter- Kriegs zwischen dem Iran und Saudi- Arabien werden.
Das weltweite Ansehen der USA und ihr Einfluß im Nahen Osten werden bei einer solchen Entscheidung auf historische Tiefpunkte sinken.
Den Demokraten im Irak, die sich im Vertrauen auf die USA politisch engagiert haben, wird es dann vermutlich nicht besser gehen als den Vietnamesen, die sich in den sechziger und siebziger Jahren darauf verlassen hatten, daß die USA einen Verbündeten nicht im Stich lassen würden. 65 000 Menschen wurden von den Kommunisten hingerichtet. Schätzungsweise eine Million Menschen wurden in Konzentrationslager eingeliefert. Rund 250 000 kamen beim Fluchtversuch über das Meer ums Leben. 900 000 gelangten als Flüchtlinge ins Ausland.
Aber immerhin - man könnte ja zu dem Schluß kommen, daß der Krieg im Irak nun einmal verloren ist. Dann wäre ein möglichst schneller Rückzug rationaler als die Fortführung des Kriegs. Dann wäre es unverantwortlich für den Präsidenten und den Kongreß, weiter amerikanische Soldaten zu opfern.
Oder man kommt zu der Einschätzung, daß der Krieg nach wie vor zu gewinnen ist. Dann wäre es unverantwortlich, nicht alles für den Sieg Erforderliche zu tun und dafür auch die erforderlichen Gelder zu bewilligen.
Flight or fight - beides sind rational begründbare Entscheidungen. Ob man die eine oder die andere trifft, hängt davon ab, ob man den Krieg für verloren oder für weiter gewinnbar hält. Wie steht der Präsident, wie steht die demokratische Mehrheit im Kongreß dazu?
Präsident Bush war immer entschlossen - er hat es ja oft genug gesagt -, daß die USA den Irak nicht verlassen werden, bevor die Aufgabe erledigt ist ("the job is done"). Er wird heute Nacht sehr wahrscheinlich ankündigen, daß 20000 weitere Soldaten in den Irak geschickt werden, um dort die Situation zu stabilisieren. Dies ist - so sieht es gegenwärtig aus - auch eine amerikanische Gegenleistung dafür, daß El Maliki versprochen hat, gegen alle Milizen - auch schiitische - entschlossen vorzugehen. Bush ist offensichtlich weiterhin überzeugt, daß der Krieg zu gewinnen ist.
Und die Demokraten? Es scheint, daß sie sich weder für fight noch für flight entscheiden können oder wollen. Wenn sie den Krieg für gewinnbar halten, dann müßten sie eigentlich den Präsidenten unterstützen. Wenn nicht, dann müßten sie sagen: Wir haben den Krieg verloren, laßt uns das eingestehen und unsere Truppen sofort abziehen.
Dazu können sie sich, wie Rich Lowry, der Herausgeber des National Review, gestern dort schrieb, aber offenbar nicht durchringen. Lowry zitiert einen Brief an den Präsidenten, den die demokratischen Fraktionsvorsitzenden in den beiden Kammern, Nancy Pelosi und Harry Reid, an den Präsidenten geschrieben haben. Einerseits schreiben sie "It is time to bring the war to a close"; es sei an der Zeit, diesen Krieg zu einem Ende zu bringen. Andererseits heißt es am Ende des Briefs: "... we want to do everything we can to help Iraq succeed in the future"; - "wir wollen alles tun, was wir können, um dem Irak zu einer erfolgreichen Zukunft zu verhelfen".
Ja, watt denn nu? sagt da der Berliner.
Und Rich Lowry weist darauf hin, daß es unlogisch ist, wenn die Demokraten Gelder für 20 000 weitere Soldaten verweigern wollen, aber 140 000 Soldaten im Irak weiter finanzieren.
Ich glaube, da hat Lowry recht. Die Haltung der Demokraten im Kongreß (soweit man von einer einheitlichen Haltung sprechen kann) scheint mir sehr einer "Entscheidung" unsers Hunds zu ähneln, weder die Flucht zu ergreifen, noch zum Kampf entschlossen zu sein.
Aber das tut er nicht. Er ist ja kein buridanischer Esel.
Labels: Irak, Präsident Bush, US-Demokraten


5 Comments:
Gleichnisse wie diese mit den Hunden haben natürlich ihre Grenzen, deshalb werde ich mich mit ihnen nicht weiter aufhalten - ich will mich nicht verzetteln. Wuff, von Hundefreund zu Hundefreund. Tatsächlich gibt es wohl sehr viel mehr Optionen neben der Eskalation ausser Flucht, das Problem ist nur, dass keine einzige geeignet scheint, den USA die Initiative in diesem Konflikt zurückzugeben.
Die USA befinden sich im Irak auf historischem Boden. Indem sie sunnitischen Jihadisten dort ein Schlachtfeld anboten, entfachten sie erneut den jahrhunderte alten Kampf zwischen Sunniten und Schiiten in dieser Region. Was als Nebeneffekt zunächst übersehen oder in Kauf genommen wurde, wird nun zur bestimmenden Idee: Scheich Zarquawi warf den Schiiten nicht von ungefähr vor, grössere Teufel noch als Juden und Amerikaner zu sein. Der Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran findet schon statt, lieber Zettel, und ohne die USA würde ein grosser Glaubenskrieg daraus. Die US-Army im Irak ist gleichsam zum einzigen Puffer geworden, der diese alten Fronten noch trennt.
Der Iran kann mit minimalem Aufwand grosse Wirkung erzielen, selbst wenn er gar nichts tut, bleibt noch die Zeit auf seiner Seite. Ob die Amerikaner sich durchsetzen oder nicht, so oder so gewinnen die Schiiten.
Die US-Demokraten müssen prüfen, ob die politischen Ziele des Irakabenteuers noch mit militärischen Mitteln erreicht werden können. Wenn das nicht der Fall ist, kann man getrost auf eine Niederlage wetten, begleitet vom Aufstieg des Iran zur regionalen, vermutlich nuklearen Grossmacht.
Die Frage für Capitol Hill lautet gar nicht, ob Operation Iraqi Freedom nachgebessert werden kann, ob genug Geld und Truppen für Bushs famose neue Micro-Management Strategie vorhanden sind. Die Frage lautet eigentlich, wie man die viel grössere Katastrophe, den Triumph des Erzfeinds Iran verhindern kann.
Eigentlich. Es mag aber auch im Interesse der Democratic Party sein, Bush in der Suppe, die er sich selbst eingebrockt hat, bis 2008 auf kleiner Flamme vor sich hin köcheln zu lassen. Sie könnte dem Vorwurf, nicht hinter den Soldaten zu stehen, leicht entgehen, indem sie Bush gewähren lässt. Dann müssen sich die Soldaten aber fragen, warum sie weiterhin die Suppe auslöffeln sollen, die Bush allen eingebrockt hat - wenn von einem Sieg schon nicht mehr die Rede ist, vergeht jedem Soldaten der Appetit.
Capitol Hill würde seiner patriotischen Verantwortung dadurch am besten gerecht, indem man George W. Bush als die lahme Ente behandelt, die er ist. Die Zeit läuft gegen die USA, je weniger die US-Demokraten jetzt tun, desto schlimmer wird das Vermächtnis, das sie von Bush übernehmen werden.
Ich glaube, es geht nur um eine Frage der Reihenfolge.
"Flight now" heißt höchstwahrscheinlich "fight later", und "fight now" womöglich "flight later".
2020 hat m.E. Recht: Der Irak ist eher ein Nebenkriegsschauplatz, auf dem die eigentlichen Spieler Stellvertreterkriege führen - zwei davon sind regional, der andere personell direkt involviert. Wie schon die Auflösung der UdSSR Voraussetzung für die Freiheit der mitteleuropäischen Länder war, so kann und wird sich im Irak nichts Entscheidendes ändern, so lange mit Ölgeld gefährliche ideologische und historische Träume finanziert werden.
@ 2020
Danke für den durchdachten Beitrag; auch wenn ich Ihre Einschätzung nicht durchgängig teile.
Ja, stimmt, Gleichnisse haben immer ihre Grenzen. Nur machen sie, finde ich, manchmal etwas deutlich.
Hier, daß die USA sich entscheiden müssen, ob sie das Ziel eines einigermaßen demokratischen und friedlichen Irak weiterverfolgen wollen oder nicht.
Wenn ja, dann ist es entscheidend, die Regierung Maliki so weit zu stärken, daß sie eine Chance hat, sich gegen die Milizen (vor allem auch die schiitischen) durchzusetzen. Das versucht Bush jetzt. Meines Erachtens hatte er keine Wahl. Vielleicht gelingt es, dann hat er am Ende gewonnen. Vielleicht scheitert es - dann hat er wenigstens alles versucht.
Das basiert auf einer alles in allem optimistischen Einschätzung der Lage.
Wenn die USA andererseits zu der Überzeugung kommen, daß dieses Ziel nicht zu erreichen ist, dann ist die Frage nur noch, wie man schnellstmöglich aus dem Irak herauskommt. Dann wäre es unverantwortlich, auch nur das Leben der jetzt im Irak stehenden Soldaten weiter aufs Spiel zu setzen, geschweige denn neue hinzuschicken.
Einen Mittelweg sehe ich (leider) nicht. "In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod" hieß einmal, wenn ich mich richtig erinnere, ein Film von Alexander Kluge.
Herzlich, Zettel
@ Rayson
Lieber Rayson,
ich sehe wie du eine Parallele zur Auflösung der UdSSR, aber in etwas anderer Hinsicht: Arabien ist meines Erachtens - siehe meine kleine Serie "Arabiens Misere" - dabei, den arabischen Sozialismus hinter sich zu lassen. Plus die religiöse Form der Rückständigkeit, wie sie im Iran und in Saudi-Arabien herrscht. Also, es befindet sich in einer Endzeit, zugleich einer Aufbruchszeit, wie die Sowjetunion ab Anfang der neunziger Jahre.
Das erzeugt Spannungen, Unsicherheiten, und wie so oft führt es zur Flucht ins Nationale, in die ethnische und religiöse Identität. So hat es sich in der sich auflösenden UdSSR abgespielt, noch massiver in Jugoslawien.
Am Ende wird - das halte ich immer noch für wahrscheinlich - der Eintritt auch Arabiens in die Moderne stehen, also der Aufbau des Kapitalismus und des demokratischen Rechtsstaats.
Irak ist aus meiner Sicht insofern, so zynisch das klingen mag, ein Experimentierfeld. Die rückwärtsgewandten Kräfte versuchen verzweifelnt, den Fortschritt aufzuhalten.
Ich glaube aber immer noch, daß langfristig das Experiment gelingen wird, auch diese rückständige Zone der Welt an den Rest der Welt, vor allem auch das sich mit Riesenschritten in die Moderne bewegende Ostasien, anzukoppeln.
Vielleicht scheitert das kurzfristig, und Präsident Bush erscheint als der große Verlierer.
Er hat kürzlich gesagt, erst die Geschichte würde über seinen Erfolg oder Mißerfolg urteilen. Das glaube ich auch. Und ich halte es für gar nicht unwahrscheinlich, daß sie langfristig positiv urteilen wird.
Eine andere Frage ist, ob man einen Krieg gewinnen kann, wenn die Nation nicht dazu entschlossen ist.
Die US-Demokraten handeln meines Erachtens verantwortungslos. Wenn sie den Krieg für verloren halten, dann sollen sie das sagen und für den möglichst umgehenden Abzug der Truppen eintreten. Wenn sie ihn wie der Präsident für immer noch gewinnbar halten, dann haben sie sich gefälligst wie Patrioten zu verhalten, also ihre Regierung in Kriegszeiten zu unterstüzten.
So, wie das die Opposition in demokratischen Ländern immer getan hat.
Herzlich, Zettel
"Irak ist aus meiner Sicht insofern, so zynisch das klingen mag, ein Experimentierfeld. Die rückwärtsgewandten Kräfte versuchen verzweifelnt, den Fortschritt aufzuhalten."
Im gewissen Sinne zynisch - aber die rückwärtsgewandten Kräft müssen wirklich weg, damit die Mensche auch da in Freiheit leben können.
"Die US-Demokraten handeln meines Erachtens verantwortungslos."
So lange es den eigenen Interessen hilft, werden die immer dagegen reden. Das ist eine traurige Tatsache.
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