Eine noch unveröffentlichte Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) besagt, dass Deutschland bereits jetzt 187 Milliarden Euro auf Grund der Finanzkrise verloren hätte. Das klingt zunächst nach viel Geld. Wirklich? Um beurteilen zu können, ob 187 Mrd viel Geld ist oder nicht, muss man zunächst eine Vergleichsbasis haben. Für mich als Privatperson ist das ein hübsches Sümmchen, deutlich mehr als mein Jahresgehalt. Bezogen auf das Bruttosozialprodukt der Welt ist es minimal. Ich lade Sie ein, verschiedene Betrachtungsweisen dieser Summe mit mir durchzuspielen.
Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt
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12. April 2009
Zettels OsterfragerEi (4): Warum sind wir Deutschen (bisher) in der Krise so gelassen geblieben? Ganz anders als die Franzosen

Es mag Zufall gewesen sein, aber es hatte etwas Symbolisches: Die Demonstrationen gegen den Nato-Gipfel in Baden-Baden und Straßburg blieben auf der deutschen Seite überwiegend friedlich, während sie jenseits des Rheins fast schon den Charakter einer Aufruhr annahmen; mit Brandstiftungen, Plünderungen und diversen sonstigen Gewalttaten als Krönung des "Friedensmarschs".
Aufruhr - damit kann man in diesen Tagen Manches in Frankreich kennzeichnen. Nicht nur Aktionen, sondern auch die Stimmung in einem Teil der Bevölkerung; einem freilich großen Teil, vielleicht der Hälfte.
Bereits im Januar gab es eine Aktion, die von den französischen Kommunisten und ihren Verbündeten als "Generalstreik" deklariert wurde. Im März wiederholte sich das Spektakel.
Ich habe damals darauf hingewiesen, daß nicht "die Franzosen" demonstrierten, sondern nur eine Minderheit. Aber die Unterstützung für diese Minderheit ist doch ganz erheblich. Eine Umfrage nach den Demonstrationen im März ergab die "Solidarität" von nicht weniger als 62 Prozent der Befragten mit den Demonstranten; was immer hier unter Solidarität zu verstehen ist.
Bezeichnend, auf eine makabre Weise bezeichnend, ist die Haltung der Franzosen zu den sogenannten Séquestrations de PDG. Was ist das? Extremisten bemächtigen sich des Sptzenmanagers eines Unternehmens und halten ihn mehr oder weniger lang gefangen. So widerfuhr es kürzlich den Chefs von Sony France, von 3M in Pithiviers; so widerfuhr es fünf Managern von Caterpillar in Grenoble.
Und wie finden die Franzosen das? Sie sind tief gespalten. Heute erscheint dazu eine Umfrage, über die der Nouvel Observateur gestern vorab berichtete.
Drei Meinungen waren vorgegeben, zwischen denen die Befragten sich entscheiden sollten. 27 Prozent entschieden sich für "Das ist ein Vorgehen, das ich angesichts der Schwere der Krise billige". Nur 23 Prozent wählten "Das ist ein Vorgehen, das ich ablehne und das bestraft werden sollte". 50 Prozent entschieden sich für ein Sowohl-als-auch: "Das ist ein Vorgehen, das ich ablehne, das aber straffrei bleiben sollte".
Man stelle sich vor, was in Deutschland los wäre, wenn Extremisten Mitglieder der Leitung ihrer Unternehmen gefangen setzen würden! Aber wir brauchen uns das nicht vorzustellen, denn es wird nicht stattfinden.
Während - nein, nicht "die Franzosen", aber doch die, grob gesagt, linke Hälfte der französischen Gesellschaft in Aufruhr ist; während in Frankreich der Kommunist Olivier Besancenot monatelang in den Umfragen als der "beste Gegenspieler " von Nicolas Sarkozy an der Spitze lag, interessieren wir Deutsche uns vor allem dafür, daß die Abwrackprämie nicht vorzeitig ausläuft.
Wie kommt es, daß Deutsche und Franzosen so verschieden auf die Krise reagieren? Liegt es an der jeweiligen aktuellen Situation? Liegt es an historischen Traditionen? Gibt es noch andere Gründe?
Warum bewahren wie Deutschen kühlen Kopf; in einem nachgerade atemberaubenden Maß? Die schlimmste Krise seit 1929 wird uns prophezeit. Wir aber planen weiter unseren Urlaub, freuen uns auf das neue Auto, interessieren uns mehr für den Niedergang von Bayern München als für den der deutschen Exportwirtschaft.
Oder ist das gar nicht so? Beschreibe ich hier nur eine Oberfläche, unter der es brodelt?
Es ist Tradition in diesem Blog, daß zu Ostern eine kleine Sonder- Serie läuft. Im Jahr 2007 war es Zettels Oster- LobhudelEi, in der ich u.a. ein positives Bild unserer Geschichte seit 1945 gezeichnet habe. Vergangenes Jahre begann die Serie Zettels OsterfragerEi, die jetzt ihre Fortsetzung findet.
Wie immer bei der OsterfragerEi bitte ich um Antworten. Wie immer gibt es dazu einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Wer seine Meinung beisteuern möchte, sich dort aber nicht anmelden mag, der kann mir gern auch eine Mail schicken; ich füge sie dann in den Thread ein. Die Adresse sehen Sie, wenn sie rechts oben auf das kleine Bild von Zettels Haus klicken und dann unter Contact auf Email.
Aufruhr - damit kann man in diesen Tagen Manches in Frankreich kennzeichnen. Nicht nur Aktionen, sondern auch die Stimmung in einem Teil der Bevölkerung; einem freilich großen Teil, vielleicht der Hälfte.
Bereits im Januar gab es eine Aktion, die von den französischen Kommunisten und ihren Verbündeten als "Generalstreik" deklariert wurde. Im März wiederholte sich das Spektakel.
Ich habe damals darauf hingewiesen, daß nicht "die Franzosen" demonstrierten, sondern nur eine Minderheit. Aber die Unterstützung für diese Minderheit ist doch ganz erheblich. Eine Umfrage nach den Demonstrationen im März ergab die "Solidarität" von nicht weniger als 62 Prozent der Befragten mit den Demonstranten; was immer hier unter Solidarität zu verstehen ist.
Bezeichnend, auf eine makabre Weise bezeichnend, ist die Haltung der Franzosen zu den sogenannten Séquestrations de PDG. Was ist das? Extremisten bemächtigen sich des Sptzenmanagers eines Unternehmens und halten ihn mehr oder weniger lang gefangen. So widerfuhr es kürzlich den Chefs von Sony France, von 3M in Pithiviers; so widerfuhr es fünf Managern von Caterpillar in Grenoble.
Und wie finden die Franzosen das? Sie sind tief gespalten. Heute erscheint dazu eine Umfrage, über die der Nouvel Observateur gestern vorab berichtete.
Drei Meinungen waren vorgegeben, zwischen denen die Befragten sich entscheiden sollten. 27 Prozent entschieden sich für "Das ist ein Vorgehen, das ich angesichts der Schwere der Krise billige". Nur 23 Prozent wählten "Das ist ein Vorgehen, das ich ablehne und das bestraft werden sollte". 50 Prozent entschieden sich für ein Sowohl-als-auch: "Das ist ein Vorgehen, das ich ablehne, das aber straffrei bleiben sollte".
Man stelle sich vor, was in Deutschland los wäre, wenn Extremisten Mitglieder der Leitung ihrer Unternehmen gefangen setzen würden! Aber wir brauchen uns das nicht vorzustellen, denn es wird nicht stattfinden.
Während - nein, nicht "die Franzosen", aber doch die, grob gesagt, linke Hälfte der französischen Gesellschaft in Aufruhr ist; während in Frankreich der Kommunist Olivier Besancenot monatelang in den Umfragen als der "beste Gegenspieler " von Nicolas Sarkozy an der Spitze lag, interessieren wir Deutsche uns vor allem dafür, daß die Abwrackprämie nicht vorzeitig ausläuft.
Wie kommt es, daß Deutsche und Franzosen so verschieden auf die Krise reagieren? Liegt es an der jeweiligen aktuellen Situation? Liegt es an historischen Traditionen? Gibt es noch andere Gründe?
Warum bewahren wie Deutschen kühlen Kopf; in einem nachgerade atemberaubenden Maß? Die schlimmste Krise seit 1929 wird uns prophezeit. Wir aber planen weiter unseren Urlaub, freuen uns auf das neue Auto, interessieren uns mehr für den Niedergang von Bayern München als für den der deutschen Exportwirtschaft.
Oder ist das gar nicht so? Beschreibe ich hier nur eine Oberfläche, unter der es brodelt?
Es ist Tradition in diesem Blog, daß zu Ostern eine kleine Sonder- Serie läuft. Im Jahr 2007 war es Zettels Oster- LobhudelEi, in der ich u.a. ein positives Bild unserer Geschichte seit 1945 gezeichnet habe. Vergangenes Jahre begann die Serie Zettels OsterfragerEi, die jetzt ihre Fortsetzung findet.
Wie immer bei der OsterfragerEi bitte ich um Antworten. Wie immer gibt es dazu einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Wer seine Meinung beisteuern möchte, sich dort aber nicht anmelden mag, der kann mir gern auch eine Mail schicken; ich füge sie dann in den Thread ein. Die Adresse sehen Sie, wenn sie rechts oben auf das kleine Bild von Zettels Haus klicken und dann unter Contact auf Email.
Die Titelvignette zeigt die Signatur Karls des Großen, des letzten Herrschers von sowohl Deutschland als auch Frankreich. Sie ist copyrightfrei, weil der Urheber schon länger als 70 Jahre tot ist.
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27. März 2009
Zitat des Tages: "Die verbale Gewalt an den Stammtischen und in den Talkshows wächst". Die Finanzkrise. Der dumpfe Bodensatz. Journalisten
In Deutschland müssen die Mitarbeiter der großen Bankkonzerne und der Landesbanken, der Hypo Real Estate und der Finanzinvestoren noch nicht mit Tätlichkeiten rechnen. Aber die verbale Gewalt an den Stammtischen und in den Talkshows wächst. (...)
Unfair, weil viele der in der Wirtschaft Tätigen ganz sicher keine Schuld an der Entwicklung haben. Nicht einmal alle Banker, und übrigens auch nicht alle Vorstände, sind mitverantwortlich für die Entgleisungen des Kreditgeschäfts, deren Folgen uns derzeit quälen.
Marc Beise heute in der "Süddeutschen Zeitung" in einem Kommentar mit der Überschrift "Die blindwütige Verdammnis aller Anzugträger".
Kommentar: Vermutlich noch nie habe ich als "Zitat des Tages" solche Trivialitäten ausgewählt wie diese Sätze Marc Beises. Jedenfalls sind das drei der vier zitierten Sätze.
Ja, selbstverständlich müssen Finanz- Manager in Deutschland nicht mit Tätlichkeiten rechnen. Wo leben wir denn? In Kolumbien? In Somalia?
Ja, selbstverständlich haben viele - nein, haben fast alle "in der Wirtschaft Tätigen" keine Schuld an der Krise; wenn man überhaupt eine solche Krise mit der Kategorie der Schuld fassen will. Und natürlich hatten nicht nur "nicht alle" Banker etwas mit den Ursachen dieser Krise zu tun, sondern die meisten exakt nichts.
Das sind Selbstverständlichkeiten. Sie sind dennoch zitierenswert. Denn bezeichnend, ja entlarvend ist es, daß ein Journalist - immerhin der stellvertretende Wirschaftschef der "Süddeutschen Zeitung" - es für richtig hält, sie zu Papier zu bringen.
Nicht der Inhalt dieser Sätze ist bemerkenswert, sondern der Umstand, daß sie geschrieben und publiziert werden. Womit wir bei dem nicht trivialen Satz sind: "Aber die verbale Gewalt an den Stammtischen und in den Talkshows wächst".
Die verbale Gewalt nämlich gegen die "gierigen Manager"; groß unterschieden wird da ja längst nicht mehr. Es ist alles dasselbe Pack, dasselbe Gesocks in den Augen Vieler. Auf sie mit Gebrüll!
Daß es im Volk einen Bodensatz von Dumpfen gibt, die so denken, weil sie nicht weiter denken können, ist nichts Besonderes. Daß dieser Haß auf "die da oben" - die "Anzugträger" - manchmal auch Leute erfaßt, die einen Hauptschul- Abschluß haben, mag durchgehen. Nicht jeder benutzt ständig seinen Verstand.
Daß dieses primitive Denken, daß diese verbale Gewalt aber inzwischen "in den Talkshows" angekommen ist, wie es Beise zu Recht konstatiert - das ist es, worüber man sich Gedanken machen sollte.
Viele der Journalisten, die diese Talkshows zu verantworten haben, halten sich gern zugute, daß ihre Sendungen aufklärend wirken. Zunehmend findet das Gegenteil statt:
Es wird nicht über die Mechanismen aufgeklärt, die zu der jetzigen Krise geführt haben, sondern es werden Themen mit der Finanzkrise verknüpft, die mit ihren Ursachen exakt nichts zu tun haben; von Bonuszahlungen an Manager bis zur Entlassung einer Kassiererin. So letzten Sonntag Anne Will in ihren Fragen an die Kanzlerin.
Die Krise wird, mit anderen Worten, personalisiert. In dunkleren Zeiten waren es einmal "die Finanzjuden", die Zielpersonen solcher Personalisierungen waren. Heute sind es die "gierigen Manager". Klassenkampf ist angesagt.
Angesicht dieser Neigung vieler unserer Medien freut man sich schon, wenn einer in der "Süddeutschen Zeitung" Trivialitäten schreibt, die - eben weil sie trivial sind - wenigstens zutreffen.
In der jetzigen Stimmung, wie sie in Deutschland geschürt wird, ist es nachgerade mutig, wenn jemand in einer großen Zeitung die Geschäftswelt, wenn er Manager, wenn er gar - horribile dictu - Banker in Schutz nimmt.
Unfair, weil viele der in der Wirtschaft Tätigen ganz sicher keine Schuld an der Entwicklung haben. Nicht einmal alle Banker, und übrigens auch nicht alle Vorstände, sind mitverantwortlich für die Entgleisungen des Kreditgeschäfts, deren Folgen uns derzeit quälen.
Marc Beise heute in der "Süddeutschen Zeitung" in einem Kommentar mit der Überschrift "Die blindwütige Verdammnis aller Anzugträger".
Kommentar: Vermutlich noch nie habe ich als "Zitat des Tages" solche Trivialitäten ausgewählt wie diese Sätze Marc Beises. Jedenfalls sind das drei der vier zitierten Sätze.
Ja, selbstverständlich müssen Finanz- Manager in Deutschland nicht mit Tätlichkeiten rechnen. Wo leben wir denn? In Kolumbien? In Somalia?
Ja, selbstverständlich haben viele - nein, haben fast alle "in der Wirtschaft Tätigen" keine Schuld an der Krise; wenn man überhaupt eine solche Krise mit der Kategorie der Schuld fassen will. Und natürlich hatten nicht nur "nicht alle" Banker etwas mit den Ursachen dieser Krise zu tun, sondern die meisten exakt nichts.
Das sind Selbstverständlichkeiten. Sie sind dennoch zitierenswert. Denn bezeichnend, ja entlarvend ist es, daß ein Journalist - immerhin der stellvertretende Wirschaftschef der "Süddeutschen Zeitung" - es für richtig hält, sie zu Papier zu bringen.
Nicht der Inhalt dieser Sätze ist bemerkenswert, sondern der Umstand, daß sie geschrieben und publiziert werden. Womit wir bei dem nicht trivialen Satz sind: "Aber die verbale Gewalt an den Stammtischen und in den Talkshows wächst".
Die verbale Gewalt nämlich gegen die "gierigen Manager"; groß unterschieden wird da ja längst nicht mehr. Es ist alles dasselbe Pack, dasselbe Gesocks in den Augen Vieler. Auf sie mit Gebrüll!
Daß es im Volk einen Bodensatz von Dumpfen gibt, die so denken, weil sie nicht weiter denken können, ist nichts Besonderes. Daß dieser Haß auf "die da oben" - die "Anzugträger" - manchmal auch Leute erfaßt, die einen Hauptschul- Abschluß haben, mag durchgehen. Nicht jeder benutzt ständig seinen Verstand.
Daß dieses primitive Denken, daß diese verbale Gewalt aber inzwischen "in den Talkshows" angekommen ist, wie es Beise zu Recht konstatiert - das ist es, worüber man sich Gedanken machen sollte.
Viele der Journalisten, die diese Talkshows zu verantworten haben, halten sich gern zugute, daß ihre Sendungen aufklärend wirken. Zunehmend findet das Gegenteil statt:
Es wird nicht über die Mechanismen aufgeklärt, die zu der jetzigen Krise geführt haben, sondern es werden Themen mit der Finanzkrise verknüpft, die mit ihren Ursachen exakt nichts zu tun haben; von Bonuszahlungen an Manager bis zur Entlassung einer Kassiererin. So letzten Sonntag Anne Will in ihren Fragen an die Kanzlerin.
Die Krise wird, mit anderen Worten, personalisiert. In dunkleren Zeiten waren es einmal "die Finanzjuden", die Zielpersonen solcher Personalisierungen waren. Heute sind es die "gierigen Manager". Klassenkampf ist angesagt.
Angesicht dieser Neigung vieler unserer Medien freut man sich schon, wenn einer in der "Süddeutschen Zeitung" Trivialitäten schreibt, die - eben weil sie trivial sind - wenigstens zutreffen.
In der jetzigen Stimmung, wie sie in Deutschland geschürt wird, ist es nachgerade mutig, wenn jemand in einer großen Zeitung die Geschäftswelt, wenn er Manager, wenn er gar - horribile dictu - Banker in Schutz nimmt.
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4. Februar 2009
Zettels Meckerecke: Schildbürger Obama. Viva la Revolución!
In Schilda grassierte eine schwere Epidemie. Da beschlossen die Bürger von Schilda, ihren Ärzten das Honorar zu kappen. Diese verließen daraufhin die Stadt und zogen dorthin, wo sie so viel verdienten wie zuvor. Die Schildbürger aber hatten das schöne Gefühl, daß sie es den Ärzten mal richtig gezeigt hatten.
Ja, so waren sie, die Schildbürger. So könnten sie gewesen sein; denn natürlich habe ich diese Geschichte erfunden.
Oder vielmehr, ich habe diese heutige Meldung der New York Times ein wenig verfremdet:
Und nachrücken werden diejenigen, deren Arbeit bisher als so mittelmäßig bewertet wurde, daß sie weniger als eine halbe Million im Jahr verdienten.
Die schlechten Leute für die schwierigsten Jobs. Kontraproduktiver geht's nimmer.
Aber freilich: Endlich geht es auch in den USA gerecht zu. Viva Obama! Viva la Revolución!
Ja, so waren sie, die Schildbürger. So könnten sie gewesen sein; denn natürlich habe ich diese Geschichte erfunden.
Oder vielmehr, ich habe diese heutige Meldung der New York Times ein wenig verfremdet:
WASHINGTON — The Obama administration is expected to impose a cap of $500,000 for top executives at companies that receive large amounts of bailout money, according to people familiar with the plan. Executives would also be prohibited from receiving any bonuses above their base pay, except for normal stock dividends.Just in denjenigen Unternehmen, die in Schwierigkeiten sind und die also die besten Manager brauchen, soll die Führungsspitze künftig so weit unter dem allgemeinen Gehaltsniveau bezahlt werden, daß die Betroffenen sich so schnell wie möglich einen anderen Job suchen werden.
The new rules would be far tougher than any restrictions imposed during the Bush administration, and they could force executives to accept deep reductions in their current pay.
Es wird erwartet, daß die Regierung Obama die Gehälter von Spitzen- Managern in denjenigen Firmen bei 500.000 Dollar deckeln wird, die in großem Umfang Staatshilfe erhalten. Dies verlautete aus Kreisen, die über diesen Plan informiert sind. Es könnte auch verboten werden, daß Manager irgendwelche Bonus- Zahlungen zusätzlich zu ihrem Grundgehalt erhalten; ausgenommen normale Aktien- Dividenden.
Die neuen Regelungen wären weitaus härter als alle Restriktionen, die während der Regierung Bush verhängt wurden. Sie würden die Manager zwingen, einschneidende Kürzungen ihres gegenwärtigen Gehalts zu akzeptieren.
Und nachrücken werden diejenigen, deren Arbeit bisher als so mittelmäßig bewertet wurde, daß sie weniger als eine halbe Million im Jahr verdienten.
Die schlechten Leute für die schwierigsten Jobs. Kontraproduktiver geht's nimmer.
Aber freilich: Endlich geht es auch in den USA gerecht zu. Viva Obama! Viva la Revolución!
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7. Dezember 2008
Kurioses, kurz kommentiert: Ein Minister möchte sein Ministerium überflüssig machen. Nebst einem Lob für Angela Merkel
L'exécution du plan de relance est prévue pour deux ans. J'espère qu'alors, mon ministère sera devenu inutile.
(Die Ausführung des Plans für den Aufschwung ist für zwei Jahre vorgesehen. Ich hoffe, daß dann mein Ministerium nutzlos geworden sein wird.)
Der frisch ernannte französische "Minister für den Aufschwung" (ministre de la relance), Patrick Devedjian, laut Nouvel Observateur.
Kommentar: Ja, seit Freitag hat Frankreich als vermutlich einziges Land der Welt einen Minister für den Aufschwung; genauer einen "Minister beim Premiermiinister für die Umsetzung des Plans für den Aufschwung" (ministre auprès du Premier ministre, chargé de la mise en oeuvre du plan de relance).
Diesen Plan hat Staatspräsident Sarkozy am Donnerstag verkündet ("devoilé", schreibt der Nouvel Observateur, also "enthüllt"). Er ist ein buntes Sammelsurium aus allerlei Maßnahmen - von öffentlichen Investitionen über die Senkung von Abgaben für Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten bis hin zu Lockerungen des Baurechts.
Im "Spiegel" der zu Ende gehenden Woche steht in der Titelgeschichte über Angela Merkel, sie hätte sich zur Einstimmung auf Nicolas Sarkozy einen Film mit Louis de Funès zeigen lassen. Se non e vero, e ben trovato. Eine Maßnahme jedenfalls, die meinem Bild von Nicolas Sarkozy entspricht.
Das Spektakel, das Sarkozy veranstaltet und das in der Ernennung eines veritablen Aufschwung- Ministers gipfelt, ist teils die Art Sarkozys. Der Mann kann, so scheint es, keinen Augenblick innehalten und nachdenken. Er ist in ständiger Bewegung, muß agieren, agieren, agieren.
Teils freilich mag dieses Vorgehen auch der französischen Mentalität entgegenkommen. Nicht, weil die Franzosen besonders aktionsfreudig wären, das gar nicht. Sondern weil sie vom Staat erwarten, daß er etwas tut, wann immer es Schwierigkeiten gibt. Wenn die Deutschen staatsfromm sind, dann sind die Franzosen orthodoxe Staats- Fundamentalisten.
In dieser Hinsicht mag der "Plan" Wirkungen entfalten. Nicht wegen der in ihm zusammengewürfelten ökonomischen und administrativen Maßnahmen. Sondern weil er den Franzosen Vetrauen gibt; ein bißchen Vertrauen jedenfalls, daß alles wieder gut werden wird.
Und das ist, so scheint mir, das Entscheidende in der jetzigen Krise. Die Rezession ist ja nicht das Ergebnis einer zu starken Ausweitung der Kapazitäten, von Überproduktion, von Überhitzung der Konjunktur, wie das im allgemeinen der Fall ist.
Sondern es ist eine Vertrauenskrise. Wenn die Banken nicht darauf vertrauen können, Kredite zurückgezahlt zu bekommen, dann vergeben sie keine. Wenn die Unternehmen keine Kredite bekommen, dann können sie nicht investieren, unter Umständen nicht einmal mehr ihre laufenden Ausgaben decken. Also drohen Entlassungen, also halten die Menschen sich mit dem Konsum zurück. Also erhöhen sich die Absatz- Schwierigkeiten der Unternehmen; also werden sie noch weniger kreditwürdig.
Diesen Teufelskreis kann man nicht durch Albernheiten wie einen "Konsumscheck" und auch nicht durch den Pot-au-Feu von Maßnahmen durchbrechen, den Sarkozy jetzt auf den Herd gestellt hat. Entscheidend ist, daß das Vertrauen zurückkehrt.
Und da dürfte, jedenfalls für die deutsche Mentalität, die ruhige, bedachtsame Politik der Kanzlerin erfolgreicher sein als Sarkozys Hektik.
Auf dem Merkel-Titel hat der "Spiegel" stehen: "Angela mutlos". Welch eine Fehleinschätzung! Zum Aktionismus gehört im Augenblick kein Mut. Mut gehört dazu, sich dem allgemeinen Aktionismus zu verweigern.
(Die Ausführung des Plans für den Aufschwung ist für zwei Jahre vorgesehen. Ich hoffe, daß dann mein Ministerium nutzlos geworden sein wird.)
Der frisch ernannte französische "Minister für den Aufschwung" (ministre de la relance), Patrick Devedjian, laut Nouvel Observateur.
Kommentar: Ja, seit Freitag hat Frankreich als vermutlich einziges Land der Welt einen Minister für den Aufschwung; genauer einen "Minister beim Premiermiinister für die Umsetzung des Plans für den Aufschwung" (ministre auprès du Premier ministre, chargé de la mise en oeuvre du plan de relance).
Diesen Plan hat Staatspräsident Sarkozy am Donnerstag verkündet ("devoilé", schreibt der Nouvel Observateur, also "enthüllt"). Er ist ein buntes Sammelsurium aus allerlei Maßnahmen - von öffentlichen Investitionen über die Senkung von Abgaben für Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten bis hin zu Lockerungen des Baurechts.
Im "Spiegel" der zu Ende gehenden Woche steht in der Titelgeschichte über Angela Merkel, sie hätte sich zur Einstimmung auf Nicolas Sarkozy einen Film mit Louis de Funès zeigen lassen. Se non e vero, e ben trovato. Eine Maßnahme jedenfalls, die meinem Bild von Nicolas Sarkozy entspricht.
Das Spektakel, das Sarkozy veranstaltet und das in der Ernennung eines veritablen Aufschwung- Ministers gipfelt, ist teils die Art Sarkozys. Der Mann kann, so scheint es, keinen Augenblick innehalten und nachdenken. Er ist in ständiger Bewegung, muß agieren, agieren, agieren.
Teils freilich mag dieses Vorgehen auch der französischen Mentalität entgegenkommen. Nicht, weil die Franzosen besonders aktionsfreudig wären, das gar nicht. Sondern weil sie vom Staat erwarten, daß er etwas tut, wann immer es Schwierigkeiten gibt. Wenn die Deutschen staatsfromm sind, dann sind die Franzosen orthodoxe Staats- Fundamentalisten.
In dieser Hinsicht mag der "Plan" Wirkungen entfalten. Nicht wegen der in ihm zusammengewürfelten ökonomischen und administrativen Maßnahmen. Sondern weil er den Franzosen Vetrauen gibt; ein bißchen Vertrauen jedenfalls, daß alles wieder gut werden wird.
Und das ist, so scheint mir, das Entscheidende in der jetzigen Krise. Die Rezession ist ja nicht das Ergebnis einer zu starken Ausweitung der Kapazitäten, von Überproduktion, von Überhitzung der Konjunktur, wie das im allgemeinen der Fall ist.
Sondern es ist eine Vertrauenskrise. Wenn die Banken nicht darauf vertrauen können, Kredite zurückgezahlt zu bekommen, dann vergeben sie keine. Wenn die Unternehmen keine Kredite bekommen, dann können sie nicht investieren, unter Umständen nicht einmal mehr ihre laufenden Ausgaben decken. Also drohen Entlassungen, also halten die Menschen sich mit dem Konsum zurück. Also erhöhen sich die Absatz- Schwierigkeiten der Unternehmen; also werden sie noch weniger kreditwürdig.
Diesen Teufelskreis kann man nicht durch Albernheiten wie einen "Konsumscheck" und auch nicht durch den Pot-au-Feu von Maßnahmen durchbrechen, den Sarkozy jetzt auf den Herd gestellt hat. Entscheidend ist, daß das Vertrauen zurückkehrt.
Und da dürfte, jedenfalls für die deutsche Mentalität, die ruhige, bedachtsame Politik der Kanzlerin erfolgreicher sein als Sarkozys Hektik.
Auf dem Merkel-Titel hat der "Spiegel" stehen: "Angela mutlos". Welch eine Fehleinschätzung! Zum Aktionismus gehört im Augenblick kein Mut. Mut gehört dazu, sich dem allgemeinen Aktionismus zu verweigern.
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2. Dezember 2008
Zettels Meckerecke: Vier Philosophen und ein Kolumnist. Zweimal Interdisziplinäres über die Finanzkrise. Geschwätz vs. Analyse
Dem Inschenör ist nichts zu schwör. Und der Philosoph ist für nichts zu doof, ist man versucht weiter zu kalauern.
Im ZDF läuft zu einer so nächtlichen Stunde, daß man vor allzu vielen Zuschauern einigermaßen sicher ist, immer einmal wieder die Sendung "Das Philosophische Quartett". Sie kann anregend und unterhaltsam sein, wenn Safranski einen guten Tag hat, also überraschende Perspektiven eröffnet, und wenn Sloterdijk einen schlechten Tag hat, sich also mit seinen Platitüden zurückhält. Und wenn - das vor allem - man sich durch intelligente Gäste zu einem Quartett komplettiert.
Was ist Philosophie? Alles. Also gibt es nichts auf diesem weiten Erdenrund, das nicht Gegenstand dieses Quartetts sein könnte. Diesmal war die Ökonomie dran. Für die vorgestrige Sendung, hatte man sich einen wortverspielten Titel einfallen lassen: "Markt der Illusionen. Wie der Kredit seinen Kredit verlor".
Die Redaktion hatte dazu eine Idee, wie sie einst den Reiz römischer Gladiatorenkämpfe ausmachte: Zwei Gegner aufeinander loszulassen, die mit ganz unterschiedlichen Waffen kämpfen.
Bei den Gladiatoren waren das der Secutor, der gepanzert dastand, mit Schild und Schwert, und der Retiarius - ungeschützt, halbnackt, beweglich mit dem Dreizack und einem Fangnetz kämpfend. David gegen Goliath also, der Leichtfüßige gegen den Hopliten.
Der Hoplit, der Secutor, das war in dieser Sendung Rüdiger von Rosen, ein Mann der Praxis, einst Chef der Deutschen Börse, derzeit Vorsitzender des Vorstands des Deutschen Aktieninstituts, des Verbands der börsennotierten AGs. Ein Praktiker, der aber auch an der Frankfurter Uni lehrt, der auch allerlei über Börsen und Aktien publiziert hat.
Die Rolle des leichtfüßigen Retiarius war einem in der Tat beweglichen Geist zugedacht, einem wahren Tausendsassa: Albrecht Koschorke, der, so erfahren wir es, nicht weniger als sechs Wissenschaften studiert hat (Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte, Kommunikationswissenschaft und Ethnologie) und den das ZDF folglich - solch ein Mann läßt sich nicht auf ein Fach reduzieren - als "Geisteswissenschaftler" vorstellte.
Im Vorstellungstext des ZDF wird Koschorke ein "Verknüpfer vieler Wissensbereiche" genannt, der sich mit der Frage befasse, "wie soziale Strukturen, medizinische Menschenbilder, ökonomische Systeme, technische und mediale Erfindungen, Wahrnehmungsmöglichkeiten und Imaginationen miteinander verknüpft seien."
Wow! In Konstanz allerdings hat Koschorke bloß einen germanistischen Lehrstuhl.
Nun, das hätte spannend werden können, wie eben ein Kampf zwischen Secutor und Retiarius. Es war aber nur peinlich. Der Secutor stand da mit seinen schweren Waffen und fuchtelte ein wenig. Der Retiarius tänzelte um ihn herum und schlug mit seinem Dreizack zierliche Figuren in die Luft. Der eine schien so wenig wie der andere daran interessiert zu sein, den Kontrahenten auch nur zu berühren.
Rüdiger von Rosen erklärte, wie es zu der jetzigen Krise gekommen war; er erläuterte, welche kurz- und welche langfristigen Maßnahmen er für erforderlich hielt, um wieder herauszukommen und eine Wiederholung zu verhindern. Koschorke ließ sich über Kultur und Gesellschaft als solche, über Illusionen und über den Kapitalismus vernehmen. Ebenso hätte man eine Diskussion zwischen dem Eisbären Knut und Donald Duck veranstalten können.
Und die beiden Moderatoren? Safranski wirkte noch nilpferdhafter als sonst. Gelegentlich schien es, daß er ein wenig eingenickt war. Sloterdijk hatte mal wieder die Platitüde des Abends gefunden, die er als eine geistige Kostbarkeit in die Runde warf: Am Ende eines Jahrhunderts gehe es eben immer "frivol" zu; ein Tanz auf dem Vulkan. Diesmal habe sich das etwas in den Anfang des folgenden Jahrhunderts hinein verschoben.
Na, dann wissen wir's ja, wie es zu dieser Krise gekommen ist. Spätrokoko, Fin de Siècle, Gier der Manager. Alles klar?
Genug gemeckert. Wo bleibt das Positive? Auf Positives stoßen wir mal wieder, wenn wir das Medium wechseln und den Kontinent. Also in der amerikanischen Publizistik.
Auch dort denkt man über die Implikationen der jetzigen Krise nach. Auch dort tut man das, wenn man so will, interdisziplinär. Wie beispielsweise Charles Krauthammer.
In seiner aktuellen Kolumne in der Washington Post spannt Krauthammer zwar nicht den Bogen zu vergangenen Jahrhunderten und von der Wirtschaft zur Sprache und zur Kultur, aber eine interdisziplinäre Frage wirft auch er auf.
"From Market Economy to Political Economy" lautet der Titel der Kolumne, von der Marktwirtschaft zur Politischen Wirtschaft. Ohne Fragezeichen; obwohl der Text doch eher darauf hinausläuft, ein Fragezeichen zu setzen.
Political Economy würde man im allgemeinen mit "Politische Ökonomie" übersetzen. Aber just das meint Krauthammer nicht. Was er meint, das ist eine von der Politik abhängige Wirtschaft. Als Beispiel dienen ihm die Börsenkurse der vergangen Wochen: Sie waren "volatil", gingen also hektisch auf und ab. Warum? Nicht aufgrund von wirtschaftlichen Daten, sondern aufgrund der jeweils aktuellen politischen Verlautbarungen, Ankündigungen, Entscheidungen.
Die Wirtschaft ist, so Krauthammer, als Folge der Krise extrem abhängig von der Politik geworden.
Damit wird ausgerechnet unter dem Gegner des Lobbyismus Obama das Lobbytum eine nie gekannte Bedeutung erhalten: Es geht nicht mehr darum, sich den einen oder anderen kleinen Vorteil zu verschaffen, sondern die Arbeit der Lobbyisten entscheidet darüber, wen der Staat in welchem Umfang stützt und wen er fallenläßt.
Ebenso könnte die Automobil- Industrie vor einem Umbruch stehen. Gerät sie unter staatliche Kontrolle, dann werden nicht mehr nur ökonomische, sondern auch politische Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Beispielsweise bei der Modellpolitik.
Kurzum, die USA stehen vor einer Weichenstellung, meint Krauthammer: Wird das staatliche Eingreifen in die Wirtschaft eine vorübergehende Situation sein, oder entsteht hier eine - nun, eben eine "Politische Wirtschaft"? Er schreibt:
Im ZDF läuft zu einer so nächtlichen Stunde, daß man vor allzu vielen Zuschauern einigermaßen sicher ist, immer einmal wieder die Sendung "Das Philosophische Quartett". Sie kann anregend und unterhaltsam sein, wenn Safranski einen guten Tag hat, also überraschende Perspektiven eröffnet, und wenn Sloterdijk einen schlechten Tag hat, sich also mit seinen Platitüden zurückhält. Und wenn - das vor allem - man sich durch intelligente Gäste zu einem Quartett komplettiert.
Was ist Philosophie? Alles. Also gibt es nichts auf diesem weiten Erdenrund, das nicht Gegenstand dieses Quartetts sein könnte. Diesmal war die Ökonomie dran. Für die vorgestrige Sendung, hatte man sich einen wortverspielten Titel einfallen lassen: "Markt der Illusionen. Wie der Kredit seinen Kredit verlor".
Die Redaktion hatte dazu eine Idee, wie sie einst den Reiz römischer Gladiatorenkämpfe ausmachte: Zwei Gegner aufeinander loszulassen, die mit ganz unterschiedlichen Waffen kämpfen.
Bei den Gladiatoren waren das der Secutor, der gepanzert dastand, mit Schild und Schwert, und der Retiarius - ungeschützt, halbnackt, beweglich mit dem Dreizack und einem Fangnetz kämpfend. David gegen Goliath also, der Leichtfüßige gegen den Hopliten.
Der Hoplit, der Secutor, das war in dieser Sendung Rüdiger von Rosen, ein Mann der Praxis, einst Chef der Deutschen Börse, derzeit Vorsitzender des Vorstands des Deutschen Aktieninstituts, des Verbands der börsennotierten AGs. Ein Praktiker, der aber auch an der Frankfurter Uni lehrt, der auch allerlei über Börsen und Aktien publiziert hat.
Die Rolle des leichtfüßigen Retiarius war einem in der Tat beweglichen Geist zugedacht, einem wahren Tausendsassa: Albrecht Koschorke, der, so erfahren wir es, nicht weniger als sechs Wissenschaften studiert hat (Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte, Kommunikationswissenschaft und Ethnologie) und den das ZDF folglich - solch ein Mann läßt sich nicht auf ein Fach reduzieren - als "Geisteswissenschaftler" vorstellte.
Im Vorstellungstext des ZDF wird Koschorke ein "Verknüpfer vieler Wissensbereiche" genannt, der sich mit der Frage befasse, "wie soziale Strukturen, medizinische Menschenbilder, ökonomische Systeme, technische und mediale Erfindungen, Wahrnehmungsmöglichkeiten und Imaginationen miteinander verknüpft seien."
Wow! In Konstanz allerdings hat Koschorke bloß einen germanistischen Lehrstuhl.
Nun, das hätte spannend werden können, wie eben ein Kampf zwischen Secutor und Retiarius. Es war aber nur peinlich. Der Secutor stand da mit seinen schweren Waffen und fuchtelte ein wenig. Der Retiarius tänzelte um ihn herum und schlug mit seinem Dreizack zierliche Figuren in die Luft. Der eine schien so wenig wie der andere daran interessiert zu sein, den Kontrahenten auch nur zu berühren.
Rüdiger von Rosen erklärte, wie es zu der jetzigen Krise gekommen war; er erläuterte, welche kurz- und welche langfristigen Maßnahmen er für erforderlich hielt, um wieder herauszukommen und eine Wiederholung zu verhindern. Koschorke ließ sich über Kultur und Gesellschaft als solche, über Illusionen und über den Kapitalismus vernehmen. Ebenso hätte man eine Diskussion zwischen dem Eisbären Knut und Donald Duck veranstalten können.
Und die beiden Moderatoren? Safranski wirkte noch nilpferdhafter als sonst. Gelegentlich schien es, daß er ein wenig eingenickt war. Sloterdijk hatte mal wieder die Platitüde des Abends gefunden, die er als eine geistige Kostbarkeit in die Runde warf: Am Ende eines Jahrhunderts gehe es eben immer "frivol" zu; ein Tanz auf dem Vulkan. Diesmal habe sich das etwas in den Anfang des folgenden Jahrhunderts hinein verschoben.
Na, dann wissen wir's ja, wie es zu dieser Krise gekommen ist. Spätrokoko, Fin de Siècle, Gier der Manager. Alles klar?
Genug gemeckert. Wo bleibt das Positive? Auf Positives stoßen wir mal wieder, wenn wir das Medium wechseln und den Kontinent. Also in der amerikanischen Publizistik.
Auch dort denkt man über die Implikationen der jetzigen Krise nach. Auch dort tut man das, wenn man so will, interdisziplinär. Wie beispielsweise Charles Krauthammer.
In seiner aktuellen Kolumne in der Washington Post spannt Krauthammer zwar nicht den Bogen zu vergangenen Jahrhunderten und von der Wirtschaft zur Sprache und zur Kultur, aber eine interdisziplinäre Frage wirft auch er auf.
"From Market Economy to Political Economy" lautet der Titel der Kolumne, von der Marktwirtschaft zur Politischen Wirtschaft. Ohne Fragezeichen; obwohl der Text doch eher darauf hinausläuft, ein Fragezeichen zu setzen.
Political Economy würde man im allgemeinen mit "Politische Ökonomie" übersetzen. Aber just das meint Krauthammer nicht. Was er meint, das ist eine von der Politik abhängige Wirtschaft. Als Beispiel dienen ihm die Börsenkurse der vergangen Wochen: Sie waren "volatil", gingen also hektisch auf und ab. Warum? Nicht aufgrund von wirtschaftlichen Daten, sondern aufgrund der jeweils aktuellen politischen Verlautbarungen, Ankündigungen, Entscheidungen.
Die Wirtschaft ist, so Krauthammer, als Folge der Krise extrem abhängig von der Politik geworden.
Damit wird ausgerechnet unter dem Gegner des Lobbyismus Obama das Lobbytum eine nie gekannte Bedeutung erhalten: Es geht nicht mehr darum, sich den einen oder anderen kleinen Vorteil zu verschaffen, sondern die Arbeit der Lobbyisten entscheidet darüber, wen der Staat in welchem Umfang stützt und wen er fallenläßt.
Ebenso könnte die Automobil- Industrie vor einem Umbruch stehen. Gerät sie unter staatliche Kontrolle, dann werden nicht mehr nur ökonomische, sondern auch politische Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Beispielsweise bei der Modellpolitik.
Kurzum, die USA stehen vor einer Weichenstellung, meint Krauthammer: Wird das staatliche Eingreifen in die Wirtschaft eine vorübergehende Situation sein, oder entsteht hier eine - nun, eben eine "Politische Wirtschaft"? Er schreibt:
The ruling Democrats have a choice: Rescue this economy to return it to market control. Or use this crisis to seize the commanding heights of the economy for the greater social good. Note: The latter has already been tried. The results are filed under "History, ash heap of."Das, so scheint mir, trifft den Kern der Sache. Wird der Kapitalismus, wie aus allen bisherigen Krisen, so auch aus der jetzigen wieder gestärkt, verbessert, reformiert hervorgehen - oder werden diejenigen, die jetzt ihre Rettungs- Aktionen unternehmen, ihn zu Tode therapieren?
Die regierenden Demokraten stehen vor einer Wahl: Diese Wirtschaft retten, um sie dann wieder der Kontrolle durch den Markt zu übergeben. Oder diese Krise nutzen, um die Feldherren- Hügel der Wirtschaft an sich zu bringen, zum höheren Wohl der Gesellschaft. Man beachte: Das Letzere ist schon versucht worden. Die Ergebnisse sind unter "Geschichte, Müllhaufen der" archiviert.
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15. November 2008
Zitat des Tage: "Wir werden diese Raketen kaufen". Weißrußlands Lukaschenko über Rüstung und Finanzkrise
Even if Russia does not offer these promising missiles, we will purchase them ourselves
(Selbst wenn Rußland uns diese vielversprechenden Raketen nicht anbietet, werden wir sie von uns aus kaufen).
Der weißrussische Regierungschef Lukaschenko gegenüber dem Wall Street Journal über die Aufstellung von Iskander- Raketen in seinem Land.
Kommentar: Wie das WSJ anmerkt, könnten diese Raketen "hit targets deep inside Europe", Ziele weit in Europa treffen.
Lukaschenko äußerte sich auch zur gegenwärtigen Finanzkrise: "And I warned the Americans and others. No one listened to me. As it turned out, I was right". Er habe die Amerikaner und andere gewarnt, aber niemand hätte auf ihn gehört. Und nun zeige sich, daß er Recht gehabt habe.
Was für ein Mann!
(Selbst wenn Rußland uns diese vielversprechenden Raketen nicht anbietet, werden wir sie von uns aus kaufen).
Der weißrussische Regierungschef Lukaschenko gegenüber dem Wall Street Journal über die Aufstellung von Iskander- Raketen in seinem Land.
Kommentar: Wie das WSJ anmerkt, könnten diese Raketen "hit targets deep inside Europe", Ziele weit in Europa treffen.
Lukaschenko äußerte sich auch zur gegenwärtigen Finanzkrise: "And I warned the Americans and others. No one listened to me. As it turned out, I was right". Er habe die Amerikaner und andere gewarnt, aber niemand hätte auf ihn gehört. Und nun zeige sich, daß er Recht gehabt habe.
Was für ein Mann!
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26. Oktober 2008
Zitat des Tages: "In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht". Hans-Werner Sinn über Antisemitismus damals, Ressentiments gegen Manager heute
"In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken", sagte er dem Tagesspiegel. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 "hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager".
Der "Tagesspiegel" in seiner morgen erscheinenden Ausgabe über ein Gespräch mit dem Chef des Ifo-Instituts Hans- Werner Sinn.
Kommentar: Es gibt Vergleiche, die empörend sind. Das Wort "Hühner-KZ" ist ein Beispiel. Es ist empörend, wenn fanatische Vegetarier von einem "Holocaust auf deinem Teller" schwadronieren, oder wenn ein Führer der Hamas es als einen "wirklichen Holocaust" bezeichnet, wenn Israel die Überweisung von Steuermitteln an eine Hamas- Regierung einstellt.
Ebenso abwegig ist es, die Flucht von Palästinensern mit dem Holocaust auf eine Stufe zu stellen oder andere Vergleiche mit dem Holocaust vorzunehmen, wie man sie zum Beispiel in einem lesenswerten Artikel in "Liza's Welt" vom Juli vergangenen Jahres zusammengestellt findet.
Dies vorweg, um klarzustellen, wie ich zu solchen Vergleichen stehe; auch um Beifall von der falschen Seite gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Dieser könnte mir drohen, weil ich jetzt die Äußerung von Hans- Werner Sinn verteidigen möchte. Sie verteidigen möchte in dem Sinn, daß ich das, was er sagt, für zutreffend halte. Ich halte es allerdings für falsch, daß er es in dieser Form gesagt hat.
Sinn hat dem "Tagesspiegel" ein Interview gegeben. Aber es wird dort nicht als Interview gedruckt, sondern es werden einzelne Äußerungen herausgegriffen. Ob sie repräsentativ sind für das, was Sinn zur jetzigen Finanzkrise zu sagen hatte, kann der Leser folglich nicht beurteilen.
Soweit man es dem Artikel im "Tagesspiegel" entnehmen kann, ging es Sinn um die Ursachen für diese Krise und um einen Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise von 1929:
Dieser Vergleich ist, so scheint mir, zutreffend.
Der Antisemitismus ist ja, anders als der Holocaust, nicht etwas in vieler Hinsicht Singuläres. Er ist - leider - etwas, das sich in den unterschiedlichsten Formen in vielen Ländern findet und fand, das freilich hinter diesen vielen Erscheinungsformen wenige, identifizierbare Motive hat. Dazu gehört die Ablehnung von Fremdem, dazu gehört Neid, dazu gehört eine Neigung zu Verschwörungstheorien, und dazu gehört eben auch der Versuch, Personen oder Personengruppen für das verantwortlich zu machen, was einem selbst an Negativem widerfährt.
Dieser letzte Punkt ist es, den Sinn mit seinem Vergleich anspricht. Denn eine solche Zuschreibung geschieht auch jetzt, wenn "die Gier der Manager" für die jetzige Finanzkrise verantwortlich gemacht wird.
Das ist sozusagen an der Oberfläche die Analogie; die zutreffende Parallele. Man könnte diese darüber hinaus genauer verfolgen und fragen, wieweit der damalige gegen "das Finanzjudentum", gegen die amerikanische "Ostküste" sich richtende Antisemitismus zum Teil auf demselben antikapitalistischen Ressentiment basierte wie heute der Haß auf die "gierigen Manager"; wieweit da dieselben Klischees wirksam sind.
Nicht ohne Grund hat ja der FAZ-Journalist Peter Richter einen Auftritt des Kandidaten Sodann, der gern Josef Ackermann verhaften möchte, so kommentiert: "Von einer NPD-Versammlung unterscheidet sich diese Veranstaltung im Grunde nur dadurch, dass NPD-Mitglieder wenigstens wissen, dass sie rechtsradikal und ressentimentgetrieben sind".
Also, in der Sache hat Sinn aus meiner Sicht Recht: Damals wie heute werden Personengruppen als "Schuldige" für etwas angeprangert, das in Wahrheit auf ein Zusammenwirken zahlreicher objektiver Ursachen zurückgeht. Und zweitens - das sagt Sinn nicht; es ist meine Meinung -: Die Ressentiments, die dem zugrundeliegen, gehen zum Teil auf dieselbe antikapitalistische Haltung zurück.
Aber es ist eine ganz andere Frage, ob es geschickt war, eine solche von der Sache her berechtigte Parallele in der Form zu ziehen, in der Sinn das getan hat.
Sie nicht in einer wissenschaftlichen Abhandlung über die Ursachen der beiden Krisen zu ziehen, sondern in einem Zeitungs- Interview. Einem Interview, das diese Zeitung noch dazu nun gar nicht abgedruckt, sondern aus dem sie nur ein paar Sätze, ja Satzteile zitiert. Bisher jedenfalls. Kein Wunder, daß das zu falschen Deutungen dessen einlädt, was Sinn meinte.
Hans-Werner Sinn dachte gewiß nicht im Traum daran, zu bestreiten, daß der damalige Antisemitismus zu unvergleichbar schlimmeren Folgen geführt hat, als sie jetzt jemals von dem Ressentiment gegen Manager zu erwarten sind. Eine solche Parallele auch nur zu erwägen wäre dermaßen absurd, daß einem rational denkenden Mann wie Sinn gar nicht bewußt gewesen sein dürfte, daß man so etwas auch nur vermuten würde können.
Aber wenn zwei Phänomene auch unvergleichbar verschiedene Folgen haben, dann können sie ja doch - in diesem Fall partiell - auf dieselben Ursachen zurückgehen. Darauf hat Sinn aufmerksam gemacht.
Der "Tagesspiegel" in seiner morgen erscheinenden Ausgabe über ein Gespräch mit dem Chef des Ifo-Instituts Hans- Werner Sinn.
Kommentar: Es gibt Vergleiche, die empörend sind. Das Wort "Hühner-KZ" ist ein Beispiel. Es ist empörend, wenn fanatische Vegetarier von einem "Holocaust auf deinem Teller" schwadronieren, oder wenn ein Führer der Hamas es als einen "wirklichen Holocaust" bezeichnet, wenn Israel die Überweisung von Steuermitteln an eine Hamas- Regierung einstellt.
Ebenso abwegig ist es, die Flucht von Palästinensern mit dem Holocaust auf eine Stufe zu stellen oder andere Vergleiche mit dem Holocaust vorzunehmen, wie man sie zum Beispiel in einem lesenswerten Artikel in "Liza's Welt" vom Juli vergangenen Jahres zusammengestellt findet.
Dies vorweg, um klarzustellen, wie ich zu solchen Vergleichen stehe; auch um Beifall von der falschen Seite gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Dieser könnte mir drohen, weil ich jetzt die Äußerung von Hans- Werner Sinn verteidigen möchte. Sie verteidigen möchte in dem Sinn, daß ich das, was er sagt, für zutreffend halte. Ich halte es allerdings für falsch, daß er es in dieser Form gesagt hat.
Sinn hat dem "Tagesspiegel" ein Interview gegeben. Aber es wird dort nicht als Interview gedruckt, sondern es werden einzelne Äußerungen herausgegriffen. Ob sie repräsentativ sind für das, was Sinn zur jetzigen Finanzkrise zu sagen hatte, kann der Leser folglich nicht beurteilen.
Soweit man es dem Artikel im "Tagesspiegel" entnehmen kann, ging es Sinn um die Ursachen für diese Krise und um einen Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise von 1929:
Niemand habe damals an einen "anonymen Systemfehler" glauben wollen, der die Krise ausgelöst habe, befand Sinn. Zugleich bezeichnete er das 480- Milliarden- Euro- Rettungspaket für die Banken als richtig. Sonst hätte es wie 1929 "dramatische Folgen" gegeben. "Eine Kernschmelze im Finanzsystem, Massenarbeitslosigkeit, die Radikalisierung der Länder der westlichen Welt, am Ende eine Systemkrise der Marktwirtschaft. Die deutsche Geschichte ist hier ja ganz klar."In diesem Zusammenhang wies Sinn darauf hin, daß es damals wie heute die Tendenz gab und gibt, nicht objektive Ursachen für die Krise zu sehen, sondern sie Personen als den vermeintlich Schuldigen zuzuschreiben. Das seien damals "die Juden" gewesen, so wie heute "die Manager".
Dieser Vergleich ist, so scheint mir, zutreffend.
Der Antisemitismus ist ja, anders als der Holocaust, nicht etwas in vieler Hinsicht Singuläres. Er ist - leider - etwas, das sich in den unterschiedlichsten Formen in vielen Ländern findet und fand, das freilich hinter diesen vielen Erscheinungsformen wenige, identifizierbare Motive hat. Dazu gehört die Ablehnung von Fremdem, dazu gehört Neid, dazu gehört eine Neigung zu Verschwörungstheorien, und dazu gehört eben auch der Versuch, Personen oder Personengruppen für das verantwortlich zu machen, was einem selbst an Negativem widerfährt.
Dieser letzte Punkt ist es, den Sinn mit seinem Vergleich anspricht. Denn eine solche Zuschreibung geschieht auch jetzt, wenn "die Gier der Manager" für die jetzige Finanzkrise verantwortlich gemacht wird.
Das ist sozusagen an der Oberfläche die Analogie; die zutreffende Parallele. Man könnte diese darüber hinaus genauer verfolgen und fragen, wieweit der damalige gegen "das Finanzjudentum", gegen die amerikanische "Ostküste" sich richtende Antisemitismus zum Teil auf demselben antikapitalistischen Ressentiment basierte wie heute der Haß auf die "gierigen Manager"; wieweit da dieselben Klischees wirksam sind.
Nicht ohne Grund hat ja der FAZ-Journalist Peter Richter einen Auftritt des Kandidaten Sodann, der gern Josef Ackermann verhaften möchte, so kommentiert: "Von einer NPD-Versammlung unterscheidet sich diese Veranstaltung im Grunde nur dadurch, dass NPD-Mitglieder wenigstens wissen, dass sie rechtsradikal und ressentimentgetrieben sind".
Also, in der Sache hat Sinn aus meiner Sicht Recht: Damals wie heute werden Personengruppen als "Schuldige" für etwas angeprangert, das in Wahrheit auf ein Zusammenwirken zahlreicher objektiver Ursachen zurückgeht. Und zweitens - das sagt Sinn nicht; es ist meine Meinung -: Die Ressentiments, die dem zugrundeliegen, gehen zum Teil auf dieselbe antikapitalistische Haltung zurück.
Aber es ist eine ganz andere Frage, ob es geschickt war, eine solche von der Sache her berechtigte Parallele in der Form zu ziehen, in der Sinn das getan hat.
Sie nicht in einer wissenschaftlichen Abhandlung über die Ursachen der beiden Krisen zu ziehen, sondern in einem Zeitungs- Interview. Einem Interview, das diese Zeitung noch dazu nun gar nicht abgedruckt, sondern aus dem sie nur ein paar Sätze, ja Satzteile zitiert. Bisher jedenfalls. Kein Wunder, daß das zu falschen Deutungen dessen einlädt, was Sinn meinte.
Hans-Werner Sinn dachte gewiß nicht im Traum daran, zu bestreiten, daß der damalige Antisemitismus zu unvergleichbar schlimmeren Folgen geführt hat, als sie jetzt jemals von dem Ressentiment gegen Manager zu erwarten sind. Eine solche Parallele auch nur zu erwägen wäre dermaßen absurd, daß einem rational denkenden Mann wie Sinn gar nicht bewußt gewesen sein dürfte, daß man so etwas auch nur vermuten würde können.
Aber wenn zwei Phänomene auch unvergleichbar verschiedene Folgen haben, dann können sie ja doch - in diesem Fall partiell - auf dieselben Ursachen zurückgehen. Darauf hat Sinn aufmerksam gemacht.
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16. Oktober 2008
Marginalie: Heribert Prantl und die Deutschen. Da staunste!
So sieht er uns, der Heribert Prantl, in der heutigen "Süddeutschen Zeitung". Uns Bürger, um die herum die Finanzkrise tobt:
Wenn ich ihn recht verstehe, dann will Heribert Prantl uns sagen, uns deutschen Bürgern: Ihr seid ja gar keine geistig minderbemittelten Nervenbündel.
Tja, da staunste.
Die Bürger sind bisher erstaunlich ruhig geblieben.Das sind Zitate aus einem längeren Text. Von mir herausgerissen und montiert.
Ihre innere Unruhe bricht sich nicht Bahn in Tollheit und Irrwitz
Die Wähler gehen aber, wie sich zeigt, nicht zu denen, die schon immer erklärt haben, dass es zum Zusammenbruch kommen muss
sondern sie wollen sich zunächst einmal auf die verlassen, die ihnen sagen, wie man da wieder herauskommt.
Die Wähler sehen in den Parteien weniger die Verfechter von Ideologien als die Vertreter konkreter Positionen
In der Finanzkrise ist die Bevölkerung daran interessiert, dass sich die Lage stabilisiert, nicht daran, dass sie sich dramatisiert.
Wenn ich ihn recht verstehe, dann will Heribert Prantl uns sagen, uns deutschen Bürgern: Ihr seid ja gar keine geistig minderbemittelten Nervenbündel.
Tja, da staunste.
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14. Oktober 2008
Zitat des Tages: "Absurder geht es kaum". Die Finanzkrise, der Kapitalismus und der Einsturz der Wiener Reichsbrücke
Absurder geht es kaum: Während das Kabinett beschließt, den Finanzsektor mit 500 Milliarden Euro zu stützen, stellt Friedrich Merz sein Buch vor. Es heißt: "Mehr Kapitalismus wagen".
Vorspann zu einem Artikel von R. Meinhof in der heutigen "Süddeutschen Zeitung".
Kommentar: Absurd ist es, das als absurd zu bezeichnen. Denn was in aller Welt hat die jetzige Finanzkrise damit zu tun, daß wir mehr Kapitalismus wagen sollten, vielleicht wagen müssen?
Die Krise hatte doch ihre Ursache nicht in "zuviel Kapitalismus", sondern in der Kreditvergabe- Praxis der staatlich geförderten Banken (government sponsored enterprises) Fanny Mae und Freddie Mac. Daß sie sich dann über diese Banken hinaus ausbreitete, lag an zahlreichen Faktoren, von denen man einige im aktuellen Economist nachlesen kann; ich habe das kürzlich zitiert.
Für die Krise "zuviel Kapitalismus" verantwortlich zu machen ist so dämlich - na gut, sagen wir: absurd -, als würde man für ein schweres Flugzeug- Unglück "zuviel Luftfahrt" verantwortlich machen, oder für den Einsturz der Reichsbrücke in Wien im August 1976 "zuviel Brückenbau".
Vorspann zu einem Artikel von R. Meinhof in der heutigen "Süddeutschen Zeitung".
Kommentar: Absurd ist es, das als absurd zu bezeichnen. Denn was in aller Welt hat die jetzige Finanzkrise damit zu tun, daß wir mehr Kapitalismus wagen sollten, vielleicht wagen müssen?
Die Krise hatte doch ihre Ursache nicht in "zuviel Kapitalismus", sondern in der Kreditvergabe- Praxis der staatlich geförderten Banken (government sponsored enterprises) Fanny Mae und Freddie Mac. Daß sie sich dann über diese Banken hinaus ausbreitete, lag an zahlreichen Faktoren, von denen man einige im aktuellen Economist nachlesen kann; ich habe das kürzlich zitiert.
Für die Krise "zuviel Kapitalismus" verantwortlich zu machen ist so dämlich - na gut, sagen wir: absurd -, als würde man für ein schweres Flugzeug- Unglück "zuviel Luftfahrt" verantwortlich machen, oder für den Einsturz der Reichsbrücke in Wien im August 1976 "zuviel Brückenbau".
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10. Oktober 2008
Zitat des Tages: "Exzesse gab es schon, bevor es die Wall Street gab"
John McCain and Barack Obama talk as if it was all down to the greed of modern bankers. But financial excesses existed centuries before a brick had been laid on Wall Street.
... today’s bust — and the bubble that preceded it — had several causes besides dodgy lending, including a tide of cheap money from emerging economies, outdated regulation, government distortions and poor supervision.
(John McCain und Barack Obama reden so, als läge alles an der Gier der heutigen Banker. Finanzielle Exzesse gab es allerdings schon Jahrhunderte bevor in der Wall Street ein einziger Stein vermauert wurde.
... die heutige Krise - und die Blase, die ihr vorausging - hatten eine Reihe von Ursachen, neben der Vergabe fragwürdiger Kredite. Dazu gehört eine Flut billigen Gelds aus den aufstrebenden Volkswirtschaften, eine überholte Regulierung, staatliche Verzerrungen und schlechte Überwachung.)
Der Economist im Leitartikel seiner aktuellen Ausgabe über die Finanzkrise.
Kommentar: In "The Outside of the Asylum" hat Califax trefflich beschrieben, wie alle jene, die von Volkswirtschaft so viel verstehen wie ich - also wenig oder nichts - gleichwohl fest davon überzeugt sind, sie wüßten, wie das alles gekommen ist:
Aber ob nun zu wenig Bändigung oder vielleicht doch gerade zu viel Bändigung: Wie immer das Geflecht von Ursachen beschaffen ist, das die jetzige schwere Krise bewirkt hat - vorerst geht es darum, sie in den Griff zu bekommen.
Der Leitartikel des Economist hält dafür Maßnahmen mit drei Zielrichtungen für erforderlich:
Erstens den blockierten Kreditmarkt wieder flottbekommen, indem die Zentralbanken vorübergehend den kurzfristigen Bedarf an Bargeld befriedigen.
Zweitens die Banken mit Liquidität versorgen, damit sie nicht arbeitsunfähig werden.
Drittens muß die Auswirkung der Krise auf die Realwirtschaft gedämpft werden, die in eine Deflationskrise zu geraten droht. Ein Mittel zur Gegensteuerung sind die jetzt beschlossenen Senkungen der Zinssätze.
Wenn man diesen Zielen näherkommt - und weltweit arbeiten die Regierungen ja daran -, dann, so die Autoren des Leitartikels, wird es immer noch schwer genug werden, aber es besteht Aussicht auf Erfolg:
Wer verstehen will, wo eigentlich die 700 Milliarden geblieben sind, die jetzt den US-Banken fehlen, dem empfehle ich in "Zettels kleinem Zimmer" diesen Thread, in dem Kundige diese Frage diskutieren.
... today’s bust — and the bubble that preceded it — had several causes besides dodgy lending, including a tide of cheap money from emerging economies, outdated regulation, government distortions and poor supervision.
(John McCain und Barack Obama reden so, als läge alles an der Gier der heutigen Banker. Finanzielle Exzesse gab es allerdings schon Jahrhunderte bevor in der Wall Street ein einziger Stein vermauert wurde.
... die heutige Krise - und die Blase, die ihr vorausging - hatten eine Reihe von Ursachen, neben der Vergabe fragwürdiger Kredite. Dazu gehört eine Flut billigen Gelds aus den aufstrebenden Volkswirtschaften, eine überholte Regulierung, staatliche Verzerrungen und schlechte Überwachung.)
Der Economist im Leitartikel seiner aktuellen Ausgabe über die Finanzkrise.
Kommentar: In "The Outside of the Asylum" hat Califax trefflich beschrieben, wie alle jene, die von Volkswirtschaft so viel verstehen wie ich - also wenig oder nichts - gleichwohl fest davon überzeugt sind, sie wüßten, wie das alles gekommen ist:
Es geht fröhlich hin und her, wobei streng auf die Einhaltung der ideologischen Grenzen geachtet wird. Die Gier ist schuld, der Staat ist schuld, zuviel Regulierung hat die Krise verursacht, zuwenig Regulierung hat sie ermöglicht, bla, bla, bla…Bei diesem Blabla hat im Augenblick die Juso- Vorsitzende Franziska Drohsel den Vogel abgeschossen, die in einem heute in der FAZ veröffentlichten Interview sagte:
Die Finanzkrise bestätigt uns darin, dass unsere Kritik am Kapitalismus richtig war und ist. Man kann sagen: Dieses System fährt vor die Wand. Das sieht man jetzt sehr deutlich. (...) Oskar Lafontaine war nicht der einzige Linke, der vor den Auswüchsen des ungebändigten Kapitalismus gewarnt hat. ... All diejenigen, die das getan haben, können sich heute bestätigt fühlen. Vergangenen Sommer mussten diese sich noch in Heiligendamm von Wasserwerfern wegräumen lassen.Nun sind damals ja die Demonstranten nicht von Wasserwerfern weggeräumt worden, weil sie vor Auswüchsen des ungebändigten Kapitalismus gewarnt haben, sondern weil sie auf eine ungebändigte Art, weil sie in Gestalt von Auswüchsen gegen den Kapitalismus demonstriert haben.
Aber ob nun zu wenig Bändigung oder vielleicht doch gerade zu viel Bändigung: Wie immer das Geflecht von Ursachen beschaffen ist, das die jetzige schwere Krise bewirkt hat - vorerst geht es darum, sie in den Griff zu bekommen.
Der Leitartikel des Economist hält dafür Maßnahmen mit drei Zielrichtungen für erforderlich:
Erstens den blockierten Kreditmarkt wieder flottbekommen, indem die Zentralbanken vorübergehend den kurzfristigen Bedarf an Bargeld befriedigen.
Zweitens die Banken mit Liquidität versorgen, damit sie nicht arbeitsunfähig werden.
Drittens muß die Auswirkung der Krise auf die Realwirtschaft gedämpft werden, die in eine Deflationskrise zu geraten droht. Ein Mittel zur Gegensteuerung sind die jetzt beschlossenen Senkungen der Zinssätze.
Wenn man diesen Zielen näherkommt - und weltweit arbeiten die Regierungen ja daran -, dann, so die Autoren des Leitartikels, wird es immer noch schwer genug werden, aber es besteht Aussicht auf Erfolg:
Even in the best of circumstances, the consequences of the biggest asset and credit bubble in history will linger. But if the panic is stemmed, it could be a manageable problem, cushioned by the economic strength in the emerging world.
Selbst unter günstigsten Umständen werden die Folgen der größten Anlagen- und Kreditblase in der Geschichte fortdauern. Aber wenn die Panik eingedämmt werden kann, dann könnte es ein beherrschbares Problem sein, abgefedert durch die ökonomische Stärke in der aufstrebenden Welt.
Wer verstehen will, wo eigentlich die 700 Milliarden geblieben sind, die jetzt den US-Banken fehlen, dem empfehle ich in "Zettels kleinem Zimmer" diesen Thread, in dem Kundige diese Frage diskutieren.
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7. Oktober 2008
Zitate des Tages: Von Amerika lernen?
Wir haben uns in Paris drittens darüber geeinigt, daß die Bilanzierungsregeln denen der amerikanischen Standards anzugleichen sind.
Kanzlerin Merkel in ihrer heutigen Regierungserklärung im Bundestag.
Und tatsächlich hat die amerikanische Rechenart wohl erheblich zur Entstehung und zur Eskalation der Finanzkrise beigetragen.
Rüdiger Jungbluth, stellvertreter Chef des Ressorts "Wirtschaft", in der "Zeit" Nr. 41/2008 vom 1. 10. 2008, S. 24, über die amerikanischen Bilanzierungsregeln.
Auf einen Kommentar verzichte ich diesmal und hoffe auf Aufklärung durch Diskutanten in "Zettels kleinem Zimmer". Also:
Kanzlerin Merkel in ihrer heutigen Regierungserklärung im Bundestag.
Und tatsächlich hat die amerikanische Rechenart wohl erheblich zur Entstehung und zur Eskalation der Finanzkrise beigetragen.
Rüdiger Jungbluth, stellvertreter Chef des Ressorts "Wirtschaft", in der "Zeit" Nr. 41/2008 vom 1. 10. 2008, S. 24, über die amerikanischen Bilanzierungsregeln.
Auf einen Kommentar verzichte ich diesmal und hoffe auf Aufklärung durch Diskutanten in "Zettels kleinem Zimmer". Also:
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Der 44. Präsident der USA (24): Obama/Palin werden gewinnen (Teil 1)

Wenn jetzt die Primaries im Gang wären, dann hätte vemutlich weder Barack Obama noch John McCain eine gute Chance, die Nominierung zu erreichen. Nicht der unerfahrene Obama, der noch niemals Führungsaufgaben hatte; auch nicht der Maverick McCain.
Gefragt wären dann sehr wahrscheinlich Kandidaten wie die erfolgreichen Geschäftsleute Mitt Romney und Michael Bloomberg oder Rudy Giuliani, der effiziente Bürgermeister von New York und Held der Tage nach dem 11. September.
Als im Frühsommer und Sommer die Weichen für die Nominierung gestellt wurden, konnte niemand ahnen, daß die Wochen vor den Wahlen von Angst bestimmt sein würden; von der Angst vor der größten Wirtschaftskrise seit dem Schwarzen Donnerstag am 24. Oktober 1929. Von der persönlichen Angst vieler Wähler, ihren Job zu verlieren, ihr Haus, ihre Krankenversicherung.
Der ideale Kandidat wäre jetzt einer, der Führungsstärke mit administrativer Erfahrung und vor allem wirtschaftlichem Sachverstand verbindet.
Zu entscheiden haben die Wähler aber zwischen zwei Kandidaten, die sich beide nicht für diese Rolle anbieten. Präsident wird derjenige werden, der immer noch überzeugender als der andere ökonomische Kompetenz vermittelt.
Das ist Barack Obama. Nein, er ist bisher so wenig als Wirtschaftspolitiker hervorgetreten wie John McCain. Auch sein Vize- Kandidat Joe Biden ist darin nicht beschlagener als Sarah Palin, die immerhin als Gourverneurin von Alaska energiepolitische Erfahrungen hat.
Dennoch wird Obama von den Wählern eine größere ökonomische Kompetenz zugesprochen als McCain.
Anfang August lagen beide in diesem Punkt mit je 45 Prozent noch gleichauf. In einer gestern veröffentlichten Umfrage des Rasmussen- Instituts jedoch hatten die Demokraten bei der Frage nach dem Vertrauen im Bereich der Wirtschaftspolitik mit 51 zu 38 Prozent einen großen Vorsprung vor den Republikanern. Und bereits in einer am 24. September (also noch vor dem Höhepunkt der Finanzkrise) publizierten Umfrage desselben Instituts lag auch McCain persönlich bei der Frage nach der wirtschaftlichen Kompetenz mit 42 zu 51 Prozent hinter Obama zurück.
Vor knapp einer Woche stand hier zu lesen:
Es ist an der Zeit, sich darauf einstellen, daß der 44. Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama heißen wird.
Ich kann nicht sagen, daß mich das freut. Ich habe das Phänomen Obama anfangs erstaunt und dann zunehmend negativ gesehen. Er kam mir umso ungeeigneter zum Präsidenten vor, je mehr das Messianische, das Quasi-Religiöse, ja das Populistische seines Wahlkampfs offensichtlich wurde. Die Einzelheiten meiner Beurteilung Obamas kann man in den bisherigen Beiträgen dieser Serie nachlesen.
Das, was für einen Erfolg McCains sprechen konnte, habe ich in dieser Serie gern geschildert. Aber schon in der ersten Folge stand, am 4. Juni, dies:
Obama wird, wenn nicht etwas ganz Unverwartetes geschieht, also Präsident werden. Der Vizepräsident wird Joe Biden heißen. Aber nicht er wird von den beiden Kandidaten für die Vizepräsidentschaft der Gewinner sein, sondern Sarah Palin.
(Fortsetzung folgt)
Gefragt wären dann sehr wahrscheinlich Kandidaten wie die erfolgreichen Geschäftsleute Mitt Romney und Michael Bloomberg oder Rudy Giuliani, der effiziente Bürgermeister von New York und Held der Tage nach dem 11. September.
Als im Frühsommer und Sommer die Weichen für die Nominierung gestellt wurden, konnte niemand ahnen, daß die Wochen vor den Wahlen von Angst bestimmt sein würden; von der Angst vor der größten Wirtschaftskrise seit dem Schwarzen Donnerstag am 24. Oktober 1929. Von der persönlichen Angst vieler Wähler, ihren Job zu verlieren, ihr Haus, ihre Krankenversicherung.
Der ideale Kandidat wäre jetzt einer, der Führungsstärke mit administrativer Erfahrung und vor allem wirtschaftlichem Sachverstand verbindet.
Zu entscheiden haben die Wähler aber zwischen zwei Kandidaten, die sich beide nicht für diese Rolle anbieten. Präsident wird derjenige werden, der immer noch überzeugender als der andere ökonomische Kompetenz vermittelt.
Das ist Barack Obama. Nein, er ist bisher so wenig als Wirtschaftspolitiker hervorgetreten wie John McCain. Auch sein Vize- Kandidat Joe Biden ist darin nicht beschlagener als Sarah Palin, die immerhin als Gourverneurin von Alaska energiepolitische Erfahrungen hat.
Dennoch wird Obama von den Wählern eine größere ökonomische Kompetenz zugesprochen als McCain.
Anfang August lagen beide in diesem Punkt mit je 45 Prozent noch gleichauf. In einer gestern veröffentlichten Umfrage des Rasmussen- Instituts jedoch hatten die Demokraten bei der Frage nach dem Vertrauen im Bereich der Wirtschaftspolitik mit 51 zu 38 Prozent einen großen Vorsprung vor den Republikanern. Und bereits in einer am 24. September (also noch vor dem Höhepunkt der Finanzkrise) publizierten Umfrage desselben Instituts lag auch McCain persönlich bei der Frage nach der wirtschaftlichen Kompetenz mit 42 zu 51 Prozent hinter Obama zurück.
Vor knapp einer Woche stand hier zu lesen:
Nimmt man hinzu, daß das Thema Wirtschaft die kommenden Wochen beherrschen wird und daß Obama in diesem Bereich als kompetenter eingeschätzt wird als McCain (warum auch immer), dann sieht es in der Tat düster aus für McCain und Palin. Im Grunde können sie nur noch gewinnen, wenn etwas ganz Unerwartetes geschieht - sei es, daß Obama einen tödlichen Fehler macht, sei es, daß es zu einer außenpolitischen Krise kommt.Gestern faßte in Pollster.com Steve Lombardo die aktuellen Umfrage- Ergebnisse so zusammen:
The financial crisis has catapulted Obama into the lead both nationally and in key states. (...) The economic situation has virtually ended John McCain's presidential aspirations and no amount of tactical maneuvering in the final 29 days is likely to change that equation. (...)Nicht nur bei den Wählerstimmen liegt Obama inzwischen deutlich vorn, sondern auch bei den Stimmen im entscheidenden Electoral College. Die verlinkte Karte (von Pollster.com) gibt diesen Vorsprung nicht sehr augenfällig wieder. Deutlicher sieht man ihn auf dieser Karte des Princeton Electoral Consortium, die die Bundesstaaten der USA in einer Größe proportional zur Zahl ihrer Stimmen im Electoral College zeigt.
Die Finanzkrise hat Obama sowohl auf Bundesebene als auch in Schlüsselstaaten an die Spitze katapultiert. (...) Die wirtschaftliche Lage hat McCains Hoffnungen auf das Amt des Präsidenten so gut wie zerstört, und wahrscheinlich werden noch so viele taktische Manöver in den verbleibenden 29 Tagen an dieser Gleichung nichts mehr ändern können.
Es ist an der Zeit, sich darauf einstellen, daß der 44. Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama heißen wird.
Ich kann nicht sagen, daß mich das freut. Ich habe das Phänomen Obama anfangs erstaunt und dann zunehmend negativ gesehen. Er kam mir umso ungeeigneter zum Präsidenten vor, je mehr das Messianische, das Quasi-Religiöse, ja das Populistische seines Wahlkampfs offensichtlich wurde. Die Einzelheiten meiner Beurteilung Obamas kann man in den bisherigen Beiträgen dieser Serie nachlesen.
Das, was für einen Erfolg McCains sprechen konnte, habe ich in dieser Serie gern geschildert. Aber schon in der ersten Folge stand, am 4. Juni, dies:
Gerade die republikanisch gesonnene Mittelschicht sieht sich zunehmend in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Gerade sie könnte für die Flötentöne Obamas anfällig sein (...). McCains Erfolg wird sich daran entscheiden, ob es ihm gelingt, als wirtschaftspolitisch kompetenter wahrgenommen zu werden als Obama. Im Augenblick ist das noch nicht so.Das war genau vor vier Monaten; und leider hat sich diese pessimistische Sicht bestätigt.
Obama wird, wenn nicht etwas ganz Unverwartetes geschieht, also Präsident werden. Der Vizepräsident wird Joe Biden heißen. Aber nicht er wird von den beiden Kandidaten für die Vizepräsidentschaft der Gewinner sein, sondern Sarah Palin.
(Fortsetzung folgt)
Für Kommentare bitte hier klicken.
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Präsidentschaftswahlen,
USA
30. September 2008
Was ist da im US-Repräsentantenhaus passiert? Über die Angst von Abgeordneten und die Gefahren des Populismus

Wie konnte so etwas passieren? Wie konnte eine Mehrheit der Abgeordneten im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten so unvernünftig, ja so verantwortunglos sein, den zwischen den Parteien ausgehandelten Rettungsplan abzulehnen, der den amerikanischen Finanzmarkt, vielleicht die Finanzmärkte der Welt vor dem Kollaps bewahren sollte?
Die Abgeordneten sagten nein. Mit dem ersten absehbaren Effekt, daß die New Yorker Börse "zusammenklappte", wie es das Wall Street Journal formulierte ("Broad Stock-Market Swoon"). Was noch alles an schwarzen Schwänen auftauchen wird, weiß niemand.
Was ist da passiert? Es gibt eine wohlfeile, eine bestens zu den üblichen Vorurteilen über die neoliberalen Konservativen in den USA passende Story, die man zum Beispiel von ZDF angeboten bekommt:
Nur spricht wenig dafür, daß die "Einschätzung" von Siegloch zutrifft.
Haben Sie sich auch darüber gewundert, wieso der Plan eigentlich scheitern konnte, wo doch im Repräsentantenhaus nicht die Konservativen, sondern die von Nancy Pelosi angeführten Demokraten eine Mehrheit haben? Und zwar eine deutliche: An der Abstimmung nahmen 235 Demokraten und 198 Republikaner teil.
War etwa zur Annahme des Rettungsplans eine qualifizierte Mehrheit erforderlich? Keineswegs. Die Demokraten hätten den Plan durchbringen können, selbst wenn die Republikaner geschlossen dagegen gestimmt hätten.
Also - mit ideologischen Vorbehalten gegen einen "Finanzsozialismus" allein kann das Abstimmungsergebnis nicht erklärt werden.
Sehen wir uns einmal an, wer denn für und wer gegen den Rettungsplan gestimmt hat. Das Wall Street Journal listet auf, wie jeder einzelne Abgeordnete abgestimmt hat. Zugestimmt haben ganze 140 Demokraten von 235. Abgelehnt haben den Plan 133 von 198 Republikanern.
Der Plan ist also an Abgeordneten beider Parteien gescheitert. Bei den Republikanern gab es mehr Neinstimmen, das ist wahr. Aber auch zahlreiche Demokraten haben mit "nein" gestimmt. Hatten auch sie "ideologische Gründe" für ihr negatives Votum?
Vielleicht. Aber gewiß fürchteten sie keinen Finanzsozialismus. In der heutigen "Süddeutschen Zeitung" schreiben Christian Wernicke und Moritz Koch:
In Europa wird oft übersehen, daß am 4. November nicht nur der Präsident gewählt wird, sondern auch alle Abgeordenten des Repräsentantenhauses und die Hälfte der Senatoren. Da es in den USA bekanntlich ein reines Mehrheitswahlrecht gibt, kann kein Abgeordneter, kann kein Senator seiner Wiederwahl sicher sein.
Anders als die oft durch einen Listenplatz abgesicherten Abgeordneten in Deutschland hängt in den USA jeder Mandatsträger unmittelbar von den Wählern seines Heimatstaats, seines Wahlbezirks ab. Und diese nutzen ihre Macht, indem sie ihre Abgeordneten zu wichtigen und aktuellen Themen mit Briefen und Emails bombardieren, in denen sie ihre Meinung kundtun; oft ganz direkt ein bestimmtes Abstimmungsverhalten fordern.
Daß dies der Kern des jetzigen Abstimmungs- Desasters ist, hat in der BBC Kevin Connolly gestern Abend sehr klar herausgearbeitet.
Unter der Überschrift: "Warum scheiterte der Bail-Out"? schreibt er, daß die Abgeordneten in den letzten Tagen zwei Arten von Druck ausgesetzt gewesen seien. Zum einen dem unerbittlichen Druck aus dem Weißen Haus: Ohne den Rettungsplan würde das ganze amerikanische Finanzsystem zu einem knirschenden Stillstand kommen, weil der Geldfluß austrocknen würde. Aber das war nicht alles:
Nur ist es die Aufgabe verantwortlich handelnder Politiker, in einer solchen Situation nicht der Vox Populi zu folgen, sondern ihrer eigenen Einsicht.
Diese sagt ihnen, daß ohne eine Rettungsaktion nicht nur die Finanzmärkte in die Knie gehen werden, sondern am Ende auch das Haus und das kleine Vermögen des Kleinen Manns in Gefahr wäre. Wie meist geht es den Krauses ja nicht besser, wenn es den Krupps schlecht geht; im Gegenteil.
Diesen Zusammenhang haben viele Wähler augenscheinlich noch nicht erkannt.
Und viele Abgeordnete des Repräsentantenhauses, die um ihrer Wiederwahl willen gern dem Verlangen ihrer Wähler folgen wollten, dürften gestern wohl stillschweigend darauf gerechnet haben, daß das Gesetz am Ende doch eine Mehrheit bekommen würde. Daß sie selbst mit "nein" stimmen und damit vor ihren Wählern würden glänzen können. Daß aber die anderen Abgeordneten schon dafür sorgen würden, daß das Gesetz eine Mehrheit bekäme.
Das ist danebengegangen. Jetzt liegt das Kind erst mal im Brunnen. Man wird alle Anstrengungen machen, es herauszuklauben, bevor es ertrunken ist. Donnerstag soll die nächste Sitzung sein.
Leicht wird das nicht werden. Denn das Abstimmungs- Verhalten jedes Abgeordneten ist jetzt aktenkundig. Jeder, der bei einer erneuten Vorlage des Gesetzes sein Votum ändert, wird sich im Wahlkampf vorwerfen lassen müssen, zugunsten der Bosse umgefallen zu sein.
Erst einmal, schreibt Kevin Connolly, werden jetzt die Kurse abstürzen. Es wird unübersehbar werden, daß wir vor der Gefahr einer Welt- Wirtschaftskrise stehen. Und das könnte auf eine paradoxe Weise auch sein Gutes haben:
Ob diese jetzige Krise ein Lehrstück in Sachen Kapitalismus ist, weiß ich nicht. Aber es scheint, daß sie ein Lehrstück in Sachen Demokratie ist:
Werden sich im amerikanischen Kongreß genug Abgeordnete finden, die das Wohl des Gemeinwesens über die Chancen für ihre eigene Wiederwahl stellen?
Wird, mit anderen Worten, der Populismus siegen oder die Vernunft?
Die Abgeordneten sagten nein. Mit dem ersten absehbaren Effekt, daß die New Yorker Börse "zusammenklappte", wie es das Wall Street Journal formulierte ("Broad Stock-Market Swoon"). Was noch alles an schwarzen Schwänen auftauchen wird, weiß niemand.
Was ist da passiert? Es gibt eine wohlfeile, eine bestens zu den üblichen Vorurteilen über die neoliberalen Konservativen in den USA passende Story, die man zum Beispiel von ZDF angeboten bekommt:
Nach Einschätzung von ZDF- Korrespondent Klaus- Peter Siegloch hat die Ablehnung des Rettungsplans vor allem ideologische Gründe. Die Mehrheit der Republikaner lehnten staatliche Eingriffe in die Marktwirtschaft ab. Einige Abgeordnete würden in dem Rettungsplan eine Art Finanzsozialismus sehen, bei dem der Steuerzahler für die Verluste der Banken aufkommen solle.Da haben wir sie, die Konservativen: Erst richten sie mit ihrem Neoliberalismus ein Desaster an, und dann legen sie auch noch ihr Veto gegen einen Rettungsplan ein.
Nur spricht wenig dafür, daß die "Einschätzung" von Siegloch zutrifft.
Haben Sie sich auch darüber gewundert, wieso der Plan eigentlich scheitern konnte, wo doch im Repräsentantenhaus nicht die Konservativen, sondern die von Nancy Pelosi angeführten Demokraten eine Mehrheit haben? Und zwar eine deutliche: An der Abstimmung nahmen 235 Demokraten und 198 Republikaner teil.
War etwa zur Annahme des Rettungsplans eine qualifizierte Mehrheit erforderlich? Keineswegs. Die Demokraten hätten den Plan durchbringen können, selbst wenn die Republikaner geschlossen dagegen gestimmt hätten.
Also - mit ideologischen Vorbehalten gegen einen "Finanzsozialismus" allein kann das Abstimmungsergebnis nicht erklärt werden.
Sehen wir uns einmal an, wer denn für und wer gegen den Rettungsplan gestimmt hat. Das Wall Street Journal listet auf, wie jeder einzelne Abgeordnete abgestimmt hat. Zugestimmt haben ganze 140 Demokraten von 235. Abgelehnt haben den Plan 133 von 198 Republikanern.
Der Plan ist also an Abgeordneten beider Parteien gescheitert. Bei den Republikanern gab es mehr Neinstimmen, das ist wahr. Aber auch zahlreiche Demokraten haben mit "nein" gestimmt. Hatten auch sie "ideologische Gründe" für ihr negatives Votum?
Vielleicht. Aber gewiß fürchteten sie keinen Finanzsozialismus. In der heutigen "Süddeutschen Zeitung" schreiben Christian Wernicke und Moritz Koch:
Die Reichen an der Wall Street dürften nicht mit Steuergeld für ihre riskanten Exzesse belohnt werden. Das sehen auch viele Demokraten so. Vor allem linke Abgeordnete aus Wahlkreisen, wo die Krise inzwischen die Arbeitslosigkeit in die Höhe und die Preise für das Eigenheim in den Keller getrieben hat, spüren Wut darüber, welche Art von Solidarität ihnen ihre Parteiführung abverlangt.Nicht um Finanzsozialismus geht es. Es geht um Wall Street gegen Main Street. Es geht um Wir da unten und Die da oben. Es geht um die Krupps und die Krauses. Es geht um Populismus.
In Europa wird oft übersehen, daß am 4. November nicht nur der Präsident gewählt wird, sondern auch alle Abgeordenten des Repräsentantenhauses und die Hälfte der Senatoren. Da es in den USA bekanntlich ein reines Mehrheitswahlrecht gibt, kann kein Abgeordneter, kann kein Senator seiner Wiederwahl sicher sein.
Anders als die oft durch einen Listenplatz abgesicherten Abgeordneten in Deutschland hängt in den USA jeder Mandatsträger unmittelbar von den Wählern seines Heimatstaats, seines Wahlbezirks ab. Und diese nutzen ihre Macht, indem sie ihre Abgeordneten zu wichtigen und aktuellen Themen mit Briefen und Emails bombardieren, in denen sie ihre Meinung kundtun; oft ganz direkt ein bestimmtes Abstimmungsverhalten fordern.
Daß dies der Kern des jetzigen Abstimmungs- Desasters ist, hat in der BBC Kevin Connolly gestern Abend sehr klar herausgearbeitet.
Unter der Überschrift: "Warum scheiterte der Bail-Out"? schreibt er, daß die Abgeordneten in den letzten Tagen zwei Arten von Druck ausgesetzt gewesen seien. Zum einen dem unerbittlichen Druck aus dem Weißen Haus: Ohne den Rettungsplan würde das ganze amerikanische Finanzsystem zu einem knirschenden Stillstand kommen, weil der Geldfluß austrocknen würde. Aber das war nicht alles:
But the second pressure which is much harder to measure came from ordinary voters writing or emailing their own members of Congress angrily demanding that they reject a scheme which is universally perceived here as a bail-out of Wall Street bankers.Eine verständliche Reaktion vieler Wähler, die um ihr Haus, um ihr kleines Vermögen fürchten und die wissen, daß ihnen der Staat nicht aus der Klemme helfen würde, wenn es ihnen ginge wie jetzt den Bankern.
Der zweite Druck aber, der viel schwerer zu messen ist, kam von gewöhnlichen Wählern, die ihren jeweiligen Mitgliedern des Kongresses wütende Emails schickten und sie auffordertern, einen Plan abzulehnen, der hier allgemein so wahrgenommen wird, daß den Bankern der Wallstreet aus der Klemme geholfen werden soll.
Nur ist es die Aufgabe verantwortlich handelnder Politiker, in einer solchen Situation nicht der Vox Populi zu folgen, sondern ihrer eigenen Einsicht.
Diese sagt ihnen, daß ohne eine Rettungsaktion nicht nur die Finanzmärkte in die Knie gehen werden, sondern am Ende auch das Haus und das kleine Vermögen des Kleinen Manns in Gefahr wäre. Wie meist geht es den Krauses ja nicht besser, wenn es den Krupps schlecht geht; im Gegenteil.
Diesen Zusammenhang haben viele Wähler augenscheinlich noch nicht erkannt.
Und viele Abgeordnete des Repräsentantenhauses, die um ihrer Wiederwahl willen gern dem Verlangen ihrer Wähler folgen wollten, dürften gestern wohl stillschweigend darauf gerechnet haben, daß das Gesetz am Ende doch eine Mehrheit bekommen würde. Daß sie selbst mit "nein" stimmen und damit vor ihren Wählern würden glänzen können. Daß aber die anderen Abgeordneten schon dafür sorgen würden, daß das Gesetz eine Mehrheit bekäme.
Das ist danebengegangen. Jetzt liegt das Kind erst mal im Brunnen. Man wird alle Anstrengungen machen, es herauszuklauben, bevor es ertrunken ist. Donnerstag soll die nächste Sitzung sein.
Leicht wird das nicht werden. Denn das Abstimmungs- Verhalten jedes Abgeordneten ist jetzt aktenkundig. Jeder, der bei einer erneuten Vorlage des Gesetzes sein Votum ändert, wird sich im Wahlkampf vorwerfen lassen müssen, zugunsten der Bosse umgefallen zu sein.
Erst einmal, schreibt Kevin Connolly, werden jetzt die Kurse abstürzen. Es wird unübersehbar werden, daß wir vor der Gefahr einer Welt- Wirtschaftskrise stehen. Und das könnte auf eine paradoxe Weise auch sein Gutes haben:
It is possible that the sense of global crisis may - perversely - offer a way out of this. American voters simply have not seen this as a crisis that affects their real lives on Main Street - it is seen as a welfare scheme for the humbled plutocrats of Wall Street. If the problems deepen and people suddenly see unemployment rising because businesses cannot get money from the banks to pay their bills and honour their payrolls, then that sentiment might change.
Es ist möglich, daß eine allgemeine Krisenstimmung - perverserweise - einen Ausweg bieten könnte. Die amerikanischen Wähler sehen das einfach noch nicht als eine Krise, die ihr reales Leben an der Main Street betrifft; es wird als ein Hilfsprogramm für die gedemütigten Plutokraten der Wall Street gesehen. Wenn die Probleme sich verschärfen und die Menschen plötzlich die Arbeitslosigkeit ansteigen sehen, weil die Unternehmen von den Banken kein Geld mehr bekommen, um ihre Rechnungen und die Gehälter zu bezahlen, dann könnte diese Stimmung kippen.
Ob diese jetzige Krise ein Lehrstück in Sachen Kapitalismus ist, weiß ich nicht. Aber es scheint, daß sie ein Lehrstück in Sachen Demokratie ist:
Werden sich im amerikanischen Kongreß genug Abgeordnete finden, die das Wohl des Gemeinwesens über die Chancen für ihre eigene Wiederwahl stellen?
Wird, mit anderen Worten, der Populismus siegen oder die Vernunft?
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