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3. November 2008

Zitat des Tages: "Wenige Kandidaten wurden mehr bewundert als John McCain". Eine Würdigung des Verlierers

If the 2008 election were solely about character and experience, Mr. McCain would be winning in a walk. Few Presidential nominees have been better known or more admired. A McCain Presidency would have its surprises, but they would not be from personal vice or political scandal. His courage has been tested far more than most -- both in a personal sense in Vietnam, and in a political sense during the Iraq war.

(Ginge es in der Wahl 2008 nur um Charakter und Erfahrung, dann würde McCain im Vorbeigehen gewinnen. Wenige, die für die Präsidentschaft nominiert wurden, waren besser bekannt und wurden mehr bewundert. Eine Präsidentschaft McCains würde ihre Überraschungen haben, aber diese hätten ihren Ursprung nicht in persönlichen Untugenden oder politischen Skandalen. Sein Mut hat sich mehr bewährt als der der meisten - sowohl in einem persönlichen Sinn in Vietnam als auch in einem politischen Sinn während des Irakkriegs.)

Das Wall Street Journal in einem Editorial unter der Überschrift "McCain's Honor"; die Ehre McCains.

Kommentar: Auch wenn am Ende dieses sehr lesenswerten Kommentars noch einmal davon die Rede ist, was John McCain als Präsident machen würde - er liest sich doch wie die Würdigung eines Verlierers. Eines Mannes, der der bessere Präsident gewesen wäre, es aber nicht werden wird.

So sehe ich das auch. McCain war schon im vergangenen Dezember mein Favorit, als es noch schien, als hätte er keine Chance, nominiert zu werden. Und am 5. Januar stand hier über einen ersten Erfolg McCains bei einer Vorwahl zu lesen:
Ich würde jetzt gern der Versuchung nachgeben, daraus eine günstige Prognose für John McCain, meinen eindeutigen persönlichen Favoriten abzuleiten.

Aber ich fürchte, er wird nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden. (...) Aber ich kann mich irren. Und in diesem Fall würde es mich sehr freuen, wenn ich mich irrte.
Nun bin ich traurig, daß ich mich nicht geirrt habe.



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1. November 2008

Der 44. Präsident der USA (27): Barack Obama wird am Dienstag deutlich gewinnen. In einigen Swing States haben die Wähler bereits entschieden

Dies ist mein vorletzter Beitrag in der Serie "Der 44. Präsident der USA". Die Wahl ist entschieden. Im letzten Beitrag werde ich mich mit der Auszählung der Stimmen und der Höhe des Siegs von Obama befassen.

Barack Obama wird am Dienstag, sieht man sich die verschiedenen Zusammenfassungen der Daten aller wichtiger Umfragen (Polls of Polls) an, zwischen 50 und 53 Prozent der Stimmen bekommen, John McCain zwischen 44 und 47 Prozent. Das wird Obama bei den Elektoren eine komfortable Mehrheit geben - ungefähr 350 der 538 werden für ihn stimmen.

Die Unsicherheit bei den Elektoren ist größer als beim Popular Vote, weil einige Staaten noch auf der Kippe stehen. Daß McCain das Blatt noch wenden kann, ist aber so gut wie ausgeschlossen

Warum kann man sich trauen, das jetzt schon zu sagen? Erstens, weil es die Werte sind, auf die die Umfragen konvergieren. Zweitens, weil drei, vier Tage vor einer Wahl ein so großer Vorsprung wie derjenige Obamas nur dann noch kippen kann, wenn Außergewöhnliches passiert.

Und drittens und hauptsächlich, weil viele Wähler längst ihre Stimme abgeben haben und bekannt ist, wen sie gewählt haben.

Wie vieles, was man in Europa am liebsten vereinheitlichen möchte, ist in den USA auch das Wahlrecht von Staat zu Staat verschieden.

Die meisten - 34 der 50 - Staaten erlauben Early Voting, das "frühe Wählen". In einigen kann es als Briefwahl stattfinden; verbreiteter aber ist, daß ein Teil der Wahllokale bereits vor dem eigentlichen Wahltermin geöffnet sind. Wer "früh wählen" will, braucht dafür in einigen Staaten eine Entschuldigung; in anderen ist es ein Recht, von dem jeder Wähler Gebrauch machen kann.

Dieses Early Voting ist in den USA viel weiter verbreitet als bei uns die Briefwahl (die ja eigentlich nur bei Krankheit oder Abwesenheit aus wichtigem Grund erlaubt ist). Es ist so weit verbreitet, daß die frühen Wähler teilweise einen erheblichen Teil der Wählerschaft ausmachen. So viele, daß sie von den Demoskopen gesondert berücksichtigt werden können.



Warum sind eigentlich die sogenannten "ersten Projektionen" am Wahlabend regelmäßig viel genauer als die letzten Umfragen? Weil sie auf Nachfragen basieren, den sogenannten Exit Polls. Die Institute stellen Interviewer vor ausgewählte Wahllokale und bitten die herauskommenden Wähler, zu sagen, wie sie abgestimmt haben. Am besten macht man das so, daß sie verdeckt ihre Entscheidung in ein Gerät eintippen können oder einen "Wahlzettel" in eine "Urne" werfen.

Das hat gegenüber den Umfragen vor den Wahlen zwei Vorteile.

Erstens kann man sehr viel größere Stichproben wählen, weil die Erhebung weniger aufwendig ist als bei den heute üblichen Telefon- Umfragen. Die zu Befragenden laufen ja den Interviewern sozusagen in die Arme.

Zweitens fragt man nicht nach einer Absicht, sondern nach einem Verhalten. Meinungsänderungen in letzter Minute oder irgendwelche sonstige Diskrepanzen zwischen geäußerter Absicht und tatsächlichem Verhalten (wie der angebliche "Bradley -Effekt) sind also als Fehlerquelle eliminiert.

In Staaten mit Early Voting kann man nun die frühen Wähler bereits vor dem eigentlichen Wahltermin entweder nach dieser Methode befragen oder aber - was häufiger gemacht wird, weil es billiger ist - bei Telefonumfragen die Frage stellen, ob der Betreffende schon gewählt hat und dann nicht nach seiner Absicht, sondern nach seinem tatsächlichen Verhalten fragen.

Die Auswertungen solcher Umfragen liegen jetzt vor. Ein Beispiel ist der Bundesstaat Colorada.

Er ist einer der Swing States, der Staaten mit unsicherem Wahlausgang. 2000 und 2004 gewann George W. Bush bei seinen knappen Siegen Colorado. Diesmal aber hat Barack Obama dort gute Chancen.

Nein, er hat dort nicht gute Chancen, sondern er hat Colorado gewonnen. In einer Umfrage von PublicPolicyPolling, die gestern publiziert wurde, liegt Obama in Colorado nicht nur mit 54 zu 44 Prozent vorn. Wichtiger ist, daß nicht weniger als 65 Prozent der 2023 Befragten bereits gewählt hatten. Das sind 1315 Personen; mehr, als in vielen anderen Umfragen die gesamte Stichprobe umfaßt. Von ihnen gaben 58 Prozent an, sie hätten Obama gewählt; 41 Prozent nannten McCain.

Wenn McCain in Colorado noch gewinnen, also mindestens 51 Prozent holen will, dann müßten, wie eine einfache Rechnung zeigt, 69 Prozent derer, die noch nicht zur Wahl gegangen sind, aber wählen wollen, für ihn stimmen. Das ist ausgeschlossen.

Obama ist also schon jetzt der Wahlsieger in Colorado. Ähnlich sieht es in New Mexico aus, wo Obama bei den Early Voters mit 64 zu 36 Prozent vor McCain liegt. Wie Colorado war auch New Mexico ein Staat, den George W. Bush gewonnen hatte. Auch in den anderen kritischen Staaten - beispielsweise Florida, Ohio und Virginia - liegt Obama deutlich in Führung.



Gibt es überhaupt noch irgend etwas, was den Wahlsieg Obamas gefährden könnte?

Könnten sich die Demoskopen nicht irren? Nein. Wenn man hinreichend viele Daten hat und wenn man methodisch sauber arbeitet, dann ist die Demoskopie ebenso zuverlässig wie jeder andere Schluß von Stichproben auf die Grundgesamtheit.

Jede Umfrage ist fehlerbehaftet, das ist wahr. Das liegt im Wesen eines solchen Schlusses. Aber Dutzende von Stichproben in der Größenordnung von jeweils 1000 bis 2000 Befragten zeigen einhellig einen Vorsprung Obamas; in der Zusammenstellung von PollingReport zum Beispiel alle seit dem 21. bis 25. September. Das sind 57 Umfragen zahlreicher, unabhängig voneinander arbeitender Institute, teils neutral, teils mehr den Republikanern oder mehr den Demokraten zuneigend. Die Wahrscheinlichkeit, daß 57 mal die Werte in den Stichproben massiv und in dieselbe Richtung vom wahren Wert abwichen, ist verschwindend gering.

Könnte es nicht noch im letzten Moment einen gewaltigen Umschwung geben? Am Ende doch einen Bradley-Effekt, aufgrund dessen sich Wähler, die sich bisher zu Obama bekannt haben, in der Einsamkeit der Wahlkabine für McCain entscheiden? Oder ein massenschaftes Umschwenken zu McCain aufgrund irgendeines Faktors oder einer Kombination von Faktoren?

Ganz auszuschließen ist ein Umschwung in letzter Minute nicht. Aber diesmal gibt es keine Anzeichen dafür. Die Daten der Early Voters zeigen eine sogar noch stärkere Bevorzugung Obamas als die der vorausgehenden Umfragen.

Gibt es also am 4. November noch ein Moment der Spannung? Ja. Ob Frau Ypsilanti gewählt wird.



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30. Oktober 2008

Kurioses, kurz kommentiert: Einstechen auf Nicolas Sarkozy und ein aufgehängter Barack Obama. So empörend kann Halloween sein!

Nicolas Sarkozy, débouté mercredi 29 octobre, de sa demande d'interdiction de la poupée vaudou à son effigie, commercialisée par la société Tear Prod, a fait appel de cette décision de référé, a-t-on appris auprès de son avocat et de la cour d'appel de Paris.

(Nicolas Sarkozy, dessen Antrag am Mittwoch, dem 29. Oktober, abgewiesen wurde, eine ihn verkörpernde Vodoo- Puppe zu verbieten, die von dem Unternehmen Tear Prod vertrieben wird, hat gegen diese Gerichts- Entscheidung im Eilverfahren Widerspruch eingelegt. Dies verlautete von seinem Rechtsanwalt und dem Pariser Appellationsgericht.)

Aktuell zu lesen auf der WebSite des Nouvel Observateur.

Kommentar: Morgen, am 31. Oktober, ist zwar auch das Reformationsfest (aber wen interessiert das noch?), vor allem aber ist Halloween.

Ein "Fest", das es in Deutschland erst seit zehn, zwanzig Jahren gibt. Nun, warum nicht. Vielleicht tun sich ja die verbliebenen Protestanten und die Neuen Heiden zusammen und betreiben es gemeinsam, daß der 31. Oktober gesetzlicher Feiertag wird. Zusammen mit Allerheiligen, das freilich nur im Katholischen gesetzlich verankert ist, würde das doch schöne Brückentage geben; jedenfalls in diesem Jahr.

Pünktlich zu Halloween nun also hat sich der französische Staatspräsident mit Hilfe einer Vodoo- Puppe lächerlich gemacht. Die Puppe, die er gern verboten sähe, wurde freilich nicht einfach so vertrieben, sondern zusammen mit nicht weniger als zwölf Nadeln, schön verpackt in einer Schatulle, zusammen mit einer Gebrauchsanweisung samt Hintergrund- Material von 56 Seiten.

Man kann sich vorstellen, was Sarkozy alles passieren kann, wenn dieses hübsche Set unter die Leute kommt und wenn sie die Gebrauchsanweisung befolgen, die "invite le lecteur à planter des aiguilles sur la poupée à son effigie pour 'conjurer le mauvais œil'; die den Leser auffordert, Nadeln in die Puppe zu stechen, um "den bösen Blick zu bannen".

Wer weiß, was den Franzosen von ihrem Staatspräsidenten überhaupt noch bleibt, wenn erst einmal sein böser Blick gebannt ist.



Halloween also in Europa. Halloween natürlich erst recht in den USA. AP meldete in der vergangenen Nacht, daß auf dem Campus der University of Kentucky eine Puppe gefunden wurde, die Barack Obama darstellen sollte. Sie trug eine Halloween- Maske, die Obama nachempfunden war. Anders als der Sarkozy- Puppe waren ihr keine Nadeln beigefügt, sondern sie hatte einen Strick um den Hals, und sie war auch bedeutend größer, nämlich lebensgroß.

Zuvor war schon, so heißt es in der Meldung, in West Hollywood (Californien) eine Puppe gefunden worden, die Sarah Palin darstellen sollte; auch sie mit einem Strick um den Hals. Daneben John McCain, er allerdings dabei, auf einer Art Scheiterhaufen verbrannt zu werden.

Kindereien das eine wie das andere. Ein Staatspräsident macht sich lächerlich, indem er, sozusagen prall gefüllt mit der Würde seines Amtes, Anzeige erstattet. Und Barack Obama? Er verhält sich bisher souverän und schweigt. Auch sein Team hat bisher keine Stellungnahme abgegeben.

Umso lauter ist die Betroffenheits- Rhetorik auf dem Campus und in Lexington, wo die Universität von Kentucky liegt. Der Lexington Herald berichtet im Detail, wer alles seiner Empörung Ausdruck verliehen hat. Der Gouverneur von Kentucky und der Bürgermeister von Lexington haben sich bereits bei Obama entschuldigt; ganz so, als steckten sie hinter dem makabren Scherz.

Der stellvertretene Sicherheitschef von Lexington, Anthony Beatty, erklärte, die Polizei ermittle und untersuche, ob die ruchlose Tat vielleicht von Überwachungs- Kameras erfaßt worden sei. Es gebe noch keine Verdächtigen.

Und es sei auch noch unklar, welchen Gesetzesbruchs man eigentlich die Täter beschuldigen werde, wenn sie gefaßt seien ("It's difficult to say what type of charges the culprits may face until police can interview whoever did it").

Die für den Schutz der Kandidaten Obama und McCain zuständige Bundesbehörde ist eingeschaltet und ermittelt ebenfalls.



"Tiefer hängen", soll der Alte Fritz gesagt haben, als er an einer Schmähschrift gegen ihn vorbeiritt, die man an einer Wand aufgehängt hatte. Tiefer, damit alle sie lesen können.

Das war freilich noch zur Zeit des Feudalismus.



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24. Oktober 2008

Der 44. Präsident der USA (25): Scheitert Obamas Wahlsieg an verdecktem Rassismus? (Teil 2)

Im ersten Teil habe ich eine Vermutung zu den US-Wahlen beschrieben, die auch in Deutschland diskutiert wird: Auch wenn Barack Obama in den Umfragen vorn liegt, können doch die Wahlen ganz anders ausgehen.

Denn es gibt, so wird befürchtet, einen verdeckten Rassismus. In Umfragen geben Befragte nicht zu, daß sie aus rassistischen Vorurteilen Obama ablehnen; aber ihr Wahlverhalten zeigt dies.

Als Beleg für diese Vermutung wird der "Bradley-Effekt" angeführt. Ein schwarzer Kandidat, der Demokrat Tom Bradley, soll 1982 entgegen den Vorhersagen der Demoskopen wegen eines solchen verdeckten Rassismus die Wahl zum Gouverneur verloren haben.

In der FAZ hat gestern Stefan Tomik beschrieben, wie es damals tatsächlich in Californien gewesen ist:
Der schwarze Demokrat Tom Bradley kandidierte 1982 für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien. Eine Umfrage des Meinungsforschers Mervin Field und seines Instituts sah Bradley sieben Prozentpunkte vorn, doch die Wahlparty wurde zu früh gefeiert. Bradley unterlag dem weißen Republikaner George Deukmejian mit nicht einmal hunderttausend Stimmen. (...)

Andere Beteiligte wundert der Ausgang der Wahl von 1982 weit weniger. Lance Tarrance, damals Meinungsforscher in Deukmejians Wahlkampfteam, verfügte selbst noch über andere Umfrageergebnisse. Demnach war Bradleys Vorsprung in der Woche vor der Wahl stark geschrumpft und betrug nur noch einen Prozentpunkt. Wegen der Fehlertoleranz war es unmöglich, daraus eine Vorhersage abzuleiten.
Dafür, daß die Wähler in der Kabine anders abstimmten, als die Umfragen vorhergesagt hatten, gibt es, wie Tomik schreibt, darüber hinaus Gründe, die nichts mit Rasse zu tun haben. Field nannte sie selbst in seiner nachträglichen Wahlanalyse:

Zugleich mit der Wahl wurde über eine Verschärfung der Waffenkontrolle abgestimmt, für die Bradley sich ausgesprochen hatte. Dieses Gesetz wurde mit 63 zu 37 Prozent abgeschmettert, was sich auch auf die Stimmen für Bradley ausgewirkt haben dürfte.

Die Auseinandersetzung über dieses Gesetz hatte überproportional viele Wähler der Republikaner mobilisiert, was für sich genommen bereits die Diskrepanz zwischen Umfragedaten und Wahlergebnis erklären könnte.

Trotzdem hatte Bradley am Wahltag sogar eine Mehrheit erhalten. Daß er verlor, lag allein an ungewöhnlich vielen Briefwählern, die in Umfragen nicht adäquat berücksichtigt werden können.

Und schließlich hatte Fields, wie er in seiner Analyse schrieb, mit einem höheren Anteil nichtweißer Wähler gerechnet. Er war von 20 Prozent augegangen, aber nur 15 Prozent waren es an der Wahlurne. Allein diese Abweichung reichte nach den Berechnungen von Fields aus, um zu erklären, warum Bradley nicht, wie vorhergesagt, gewonnen hatte.

Das also schrieb der Demoskop Fields. Als einen weiteren möglichen Faktor erwähnte er das, was dann später "Bradley-Effekt" genannt wurde. Der erste, der dies als einen "Effekt" postuliert hat, dürfte 1983 der Professor für Afro- Amerikanische Studien in Berkeley Charles Henry gewesen sein.

Irgendwelche Belege oder nur Indizien dafür, daß Bradleys Niederlage tatächlich mit verdecktem Rassismus zu tun hatte, gibt es nicht. Der von Tomik erwähnte Lance Tarrance, der selbst bei den californischen Gouverneurswahlen 1982 als Demoskop tätig gewesen war, hat sich vor einer Woche zu der Aufregung über einen angeblichen "Bradley- Effekt" so geäußert:
Now that polls indicate Senator Barack Obama is the favorite to win, some analysts predict a racially biased "Bradley Effect" could prevent Obama from winning a majority on November 4th. That is a pernicious canard and is unworthy of 21st century political narratives. (...)

... to interject this type of speculation into the 2008 presidential election is not only folly, but insulting to the political maturity of our nation's voters. To allow this theory to continue to persist anymore than 25 years is to damage our democracy, no matter who wins.

Jetzt, wo die Umfragen darauf hindeuten, daß Senator Barack der Favorit für den Sieg ist, sagen manche Analytiker vorher, daß ein rassistischer "Bradley- Effekt" verhindern könnte, daß Obama am 4. November eine Mehrheit erhält. Das ist eine üble Ente und des politischen Diskurses im 21. Jahrhundert nicht würdig. (...)

... Spekulation dieser Art in die Wahl des Präsidenten 2008 hineinzutragen, ist nicht nur ein Wahnwitz, sondern eine Beleidigung der politischen Reife der Wähler unserer Nation. Diese Theorie auch über 25 Jahre hinaus immer noch weiterbestehen zu lassen, fügt unserer Demokratie Schaden zu, unabhängig davon, wer gewinnt.



Warum aber läßt man diese schwachbrüstige alte Ente jetzt wieder herumwatscheln? Mir erscheint eine Erklärung wahrscheinlich, die ich freilich nicht als richtig nachweisen kann:

Obama sieht sich einem Problem gegenüber, das - anders als das Pseudoproblem "Rassismus" - seinen Sieg wirklich gefährden könnte: Poor voter turnout. Eine schlechte Beteiligung seiner potentiellen Wähler am 4. November, wie man sie häufig sieht, wenn ein Kandidat als Sieger festzustehen scheint.

Deshalb ist es jetzt ein vorrangiges Ziel des Obama- Teams, die eigenen Wähler zu mobilisieren.

Weniger als zwei Wochen vor einer Wahl haben sich die meisten Wähler entschieden, wen sie favorisieren. Aber für viele ist noch offen, ob sie wirklich die Mühe auf sich nehmen, auch zur Wahl zu gehen. Das ist bei jeder Wahl so; deshalb ist die letzte Phase jedes Wahlkampfs vor allem der Mobilisierung gewidmet. Wenn jemand so deutlich führt wie jetzt Obama, ist das aber besonders wichtig.

Der Rassismus-Vorwurf eignet sich in doppelter Weise dazu, Obama- Wähler zu mobilisieren: Erstens erzeugt er den Eindruck, das Rennen könne doch noch knapp werden. Zweitens ist dies ein Thema, das schon für sich genommen die schwarzen und die Latino- Wähler mobilisiert; desgleichen die vielen Weißen, denen Antirassismus am Herzen liegt.

Und McCain? Dessen Team ist in der Defensive. Und auch für den Underdog kann es nur gut sein, den Eindruck zu befördern, es sei doch noch alles offen. Kein Wunder also, daß auch Konservative wie Jim Garaghty vom "National Review" der Idee freundlich gegenüberstehen, es könne einen Bradley- Effekt geben.

Beide Kandidaten haben ein Interesse daran, die Wahl als ein Kopf- an- Kopf- Rennen erscheinen zu lassen. Also watschelt sie wieder, eine Ente namens "Bradley".



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Der 44. Präsident der USA (25): Scheitert Obamas Wahlsieg an verdecktem Rassismus? (Teil 1)

Seit drei Wochen haben sich in den Umfragen die Daten in ihrer Tendenz nicht mehr verändert. Alles deutet darauf hin, daß Barack Obama der 44. Präsident der USA sein wird. Gut möglich, daß es nicht ein knapper Sieg werden wird, wie ihn Bush zweimal geschafft hat, sondern ein Landslide Victory, ein Erdrutsch- Sieg.

In den Daily Trackings der großen Institute - täglichen Befragungen, deren Ergebnisse zu gleitenden Mittelwerten zusamengefaßt werden - sieht es im Augenblick so aus:

Reuters / C-SPAN / Zogby (22. Oktober): Obama 52, McCain 40. Diageo / Hotline (21. Oktober): Obama 47, McCain 42. Daily Kos (21. Oktober): Obama 51, McCain 41. Gallup: (21. Oktober): Obama 52, McCain 44. ABC / Washington Post (18. - 21. Oktober): Obama 54, McCain 43.

Der Poll of Polls (die Zusammenfassung aller Umfragedaten) von FiveThirtyEight berechnet für Obama 51,8 Prozent, für McCain 46,8 Prozent. Im Wahlmänner- Gremium ergibt das 344 Stimmen für Obama, 194 für McCain. Im Poll of Polls von Pollster ist der Abstand noch größer: Obama 50,5 Prozent, McCain 42,8 Prozent. Die zugehörige Verlaufsgrafik zeigt, wie die Schere sich in den letzten Wochen immer mehr geöffnet hat.

Alles klar also? Nicht für die Strategen Obamas. Sie zeigen sich in den letzten Wochen ganz im Gegenteil zunehmend besorgt. So besorgt, daß das sogar bis in die deutschen Medien gedrungen ist. Das Zauberwort heißt "Bradley- Effekt".



Am 9. Oktober schrieb Myriam Chaplain- Riouin in der "Welt" unter der Überschrift "Rassismus - Obamas unsichtbarer Gegner bei der US-Wahl":
Im Kampf um das Weiße Haus liegt Barack Obama momentan vor seinem Konkurrenten John McCain. Doch wieviel dieser Vorsprung in der Anonymität der Wahlkabine wert ist, wird sich erst am 4. November zeigen. Denn Experten glauben, dass Obamas Hautfarbe den Demokraten Stimmen kosten wird. (...)

Nur eine kleine Minderheit der US-Bürger würde heutzutage noch offen einräumen, dass die Hautfarbe eines Politikers für sie eine Rolle spielt. Dennoch könnte Obama sein dunkler Teint nach einer aktuellen Umfrage der kalifornischen Stanford Universität bis zu sechs Prozentpunkte kosten – wenn in der Anonymität der Wahlkabine verschwiegene rassistische Vorbehalte zum Tragen kommen. (...)

In den USA wird dieses Phänomen "Bradley- Effekt" genannt, nach Tom Bradley, dem ehemaligen schwarzen Bürgermeister von Los Angeles. Dieser unterlag 1982 bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien, obwohl alle Umfragen ihm einen Sieg prophezeiten.
Diese Vermutung - Obama liegt in den Umfragen zwar vorn, aber verdeckter Rassismus könnte ihn den Sieg kosten - gibt es in zwei Varianten.

Die eine sagt, daß unter den Wählern Rassisten sind, die sich nur in den Umfragen nicht als solche zu erkennen geben.

Die andere Variante geht tiefer, im Wortsinn: Sie behauptet, daß auch Menschen, die der Überzeugung sind, keine Rassisten zu sein, das "im Unterbewußtsein" doch sind.

Sie geben - so besagt es diese Überlegung - in Umfragen ehrlich an, für Obama stimmen zu wollen. Aber wenn es ernst wird, wenn sie erst einmal in der Wahlkabine sind, dann bringen sie es doch nicht fertig, für einen Schwarzen zu stimmen. Und bemänteln das vor sich selbst mit irgendeinem Grund - weil er zu unerfahren sei, zu weit links; dergleichen. Es gibt sogar einen psychologischen Test, den Implicit Association Test, der diesen "unbewußten Rassismus" angeblich nachweist.



Das Bemerkenswerte an diesen Überlegungen ist, daß sie ohne jede empirische Basis sind.

Es gibt schlechterdings keine Daten, die belegen, daß der Verdacht eines verdeckten Rassismus in der einen oder der anderen Version stimmt.

Im Gegenteil: Analysiert man für die Vorwahlen die jeweils letzten Umfrageergebnisse und die tatsächliche Entscheidung der Wähler, dann unterschätzten die Umfragen Obamas Ergebnis!

Das hat Nate Silver in FiveThirtyEight gezeigt. Die Differenz lag im Schnitt bei 3,3 Prozent. In den - ja der Annahme nach besonders rassistischen - Südstaaten schnitt Obama sogar um 7,2 Prozentpunkte besser ab, als es die letzten Umfragen vorhergesagt hatten. Es kann also keine Rede davon sein, daß Wähler sich in den Umfragen für Obama ausgesprochen, sich in der Wahlkabine dann aber doch gegen ihn entschieden hätten.

Wer keine aktuellen Belege hat, der verweist gern auf die Vergangenheit. Und da nun taucht der ominöse Bradley auf. Es wird behauptet, jener Tom Bradley hätte 1982 in Californien in "allen Umfragen" geführt. Dennoch hätten ihn die Californier am Ende nicht gewählt - weil hinreichend viele von ihnen in der Wahlkabine im letzten Augenblick davor zurückschreckten, einen Schwarzen zu wählen.

Dieser angebliche "Effekt" ist mindestens so fragwürdig wie der Rassimus- Verdacht, den er angeblich belegt. Im zweiten Teil werde ich das im einzelnen zeigen.

(Fortsetzung folgt)



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15. Oktober 2008

Zitat des Tages: Wenn Barack Obama weiß wäre und Barry O'Malley hieße ... Nebst dem Vorschlag, daß Sie einmal Ihren unterbewußten Rassismus testen

Liberal Democrats have a long tradition of tarring opponents as the monolithic forces of hatred and prejudice while casting themselves as the enlightened proponents of peace, love and decency. And this election shows that tradition is alive and well. (...)

If Obama were a white Democratic nominee named Barry O'Malley, the GOP would be going after him twice as hard. But many liberals would still caterwaul about fomenting hatred and racism, because that's what they always do.


(Es gibt bei linken Demokraten eine lange Tradition, ihre Gegner als die monolithischen Mächte des Hasses und des Vorurteils anzuschwärzen, während sie sich selbst in der Rolle der aufgeklärten Vertreter von Frieden, Liebe und Wohlanständigkeit gefallen. Und die jetzigen Wahlen zeigen, daß diese Tradition weiter lebendig ist. (...)

Wenn Obama ein weißer Kandidat der Demokraten wäre, der Barry O'Malley hieße, dann würde ihn die Republikanische Partei doppelt so hart attackieren. Aber viele Linke würden immer noch fauchen, daß Haß und Rassismus geschürt würden. Weil sie es immer so machen.)

Der Kolumnist Jonah Goldberg gestern in der Los Angeles Times.

Kommentar: Der Einfall, Barack Obama in einer kleinen gedanklichen Volte einmal in einen Iren zu verwandeln, ist Lesern dieses Blogs nicht ganz neu.

Ich finde solche Gedankenexperimente oft hilfreich. (Zum Beispiel jenes, sich probeweise vorzustellen, daß es Rechts- und nicht Linksextreme wären, die etwas tun oder äußern. Daß, sagen wir, kürzlich in Köln nicht eine Veranstaltung von "Pro Köln" von Linksextremisten gewaltsam verhindert wurde, sondern eine Veranstaltung der VVN durch Rechtsextremisten).

Jonah Goldberg geht es in seiner Kolumne um den Nachweis, daß die jetzigen Vorwürfe des Rassismus, die gegen McCain und sein Team erhoben werden, einem altbekannten Muster folgen.

Dasselbe Klischee hat bereits 1964 der damalige demokratische Kandidat Lyndon B. Johnson gegen seinen republikanischen Gegner Barry Goldwater benutzt ("Vorurteil, Bigotterie und Haß"); und noch früher, schreibt Goldberg, habe im Wahlkampf 1948 der Demokrat Truman den Republikaner Dewey als eine Art amerikanischen Hitler darzustellen versucht.

Natürlich ist dieses Thema "Rassismus" auch flugs bei uns in Deutschland aufgegriffen worden, und natürlich von "Spiegel- Online".

Und zwar in der aparten Variante, daß jemand, der kein bewußter Rassist ist, noch lange nicht exkulpiert sei. Denn, sagt der Sozialpsychologe Philipp Goff, "das Rassenthema spielt sich vor allem im Unterbewusstsein ganz normaler Bürger ab".

Goff nennt damit ein Thema, das seit Jahren durch die Sozialpsychologie spukt, sogenannte "implizite Einstellungen":

Jemand hat nichts gegen Schwarze, vielleicht im Gegenteil sogar viel Sympathie für sie. Er nimmt an einem Test teil, in dem seine Reaktionszeiten beim Klassifizieren von Begriffen gemessen werden - und schwupp! ist er des Rassismus überführt. Eines Rassismus, von dem er nichts geahnt hatte. Weil er ja "implizit" ist oder, wie Goff sagt, "im Unterbewußtsein".



Haben Sie ein wenig Zeit, lieber Leser, und möchten Sie gern einmal einen solchen Test machen?

Dann gehen Sie bitte auf diese WebSite. Sie finden dort IATs (Implizite Assoziationstests), die von einem Team der Harvard- Universität unter Leitung von Tony Greenwald entwickelt wurden und angeboten werden.

Wenn Sie wissen wollen, ob Sie implizit rassistisch sind, dann folgen Sie bitte den Anweisungen, bis Sie zur Liste der Tests gelangen, und wählen Sie dann "Rasse".

Sie meinen, Sie seien nicht rassistisch? Sie werden sich wundern!



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8. Oktober 2008

Der 44. Präsident der USA (24): Obama/Palin werden gewinnen (Teil 2)

Im Augenblick spricht - das war der Inhalt des ersten Teils - alles für einen Sieg Barack Obamas über John McCain.

Alle Institute sehen Obama seit etlichen Tagen deutlich vorn. Sie unterscheiden sich nur in der Höhe des Vorsprungs; Daily Kos, das allerdings als Freund der Demokraten gilt, hat ihn gestern mit nicht weniger als 11 Prozentpunkten (52 zu 41) gemessen.

Im gestrigen Poll of Polls von Pollster.com, dem gemittelten Ergebnis aller großen Institute, lag Obama mit 49,8 Prozent mehr als sechs Punkte vor McCain (43,6 Prozent). Auf dieser Verlaufsgrafik können Sie sehen, wie stark sich die Schere in den vergangenen Tagen geöffnet hat.

Das Rennen scheint gelaufen. Zwar ist es bei früheren Wahlen immer einmal wieder vorgekommen, daß wenige Wochen vor der Wahl des Präsidenten die Stimmung kippte. Aber dieses Ereignis haben wir im Grunde schon hinter uns: Mit dem Offenbarwerden der Finanzkrise kippte die Stimmung zugunsten von Obama.

Eine erneute so ausgeprägte Wende wäre nach allen bisherigen Erfahrungen nur dann zu erwarten, wenn es zu einem ganz ungewöhnlichen Ereignis käme, das McCain favorisiert.

Denn zunehmend profitiert Obama jetzt auch von einem Bandwagon Effect wie am Ende seines Vorwahlkampfs gegen Hillary Clinton: Je mehr er wie der Sieger aussieht, umso mehr schwenken Unentschlossene auf seine Seite.

Sein Sieg ist jetzt ein Selbstläufer: Sozusagen nach dem ersten Newton'schen Gesetz wird er, wenn keine starke Kraft mehr auf das Geschehen einwirkt, seinen Zustand der Bewegung bis zum 4. November beibehalten. Den der Bewegung hinein ins Oval Office, in dem der Schreibtisch des Präsidenten steht.



Mit ihm wird dann sein Running Mate Joe Biden ins Weiße Haus gelangen. Was also soll das "Obama/Palin" im Titel dieses Artikels?

Ich halte es für wahrscheinlich, daß Sarah Palin zwar nicht als Siegerin an der Seite von McCain ins Weiße Haus einzieht, daß sie aber neben Obama die große Gewinnerin dieser Wahlen sein wird.

Sie erschien Ende August auf der Bühne des Wahlkampfs so überraschend, so strahlend, wie in manchen Aufführungen der "Zauberflöte" die "Königin der Nacht" erscheint. Und ein wenig war sie auch die Eliza aus "My Fair Lady" - aus ihrem hinterwäldlerischen Alaska hineinbefördert in die Glitzerwelt Washingtons; hineingebeamt ins Gewitter der Blitzlichter. Der Erbarmungslosigkeit von Medien ausgesetzt, die ihren Ehrgeiz darein setzten, jeden noch so kleinen Versprecher von ihr, jeden Gaffe aufzuspüren und auszuschlachten.

Sie meinen, ich fände da allzu lyrische Töne? Ich würde die banale Wahl einer Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten zum kulturellen Ereignis verklären?

Ja, so klingt das ein wenig. Es soll so klingen, weil das, so scheint es mir, die Sache charakterisiert: Sarah Palin hat mit Barack Obama gemeinsam, daß sie Bilder aktiviert, die wir im Kopf haben. Und sie kann das - wie Obama - nicht nur deswegen, weil solche Bilder (vielleicht gar Archetypen) auf sie passen; sondern weil sie auch eine persönliche Ausstrahlung hat, die faszinieren kann.

Sie hat diese Ausstrahlung, diese Präsenz bei ihren Auftritten, diese Selbstbewußtheit, die auch Obamas Erfolgsrezept sind.

Das hat sie auf dem Parteitag gezeigt, und das war vergangenen Donnerstag wieder da, als sie mit Biden debattierte.



Wer hat diese Debatte "gewonnen"? Seltsame Frage, recht betrachtet. Aber sie ist so selbstverständlich geworden, daß nicht nur alle Demoskopen sie stellen, sondern daß sogar ein Kommentator den "Kampf" in Runden einteilte und jede wertete, wie beim Boxen. Nicht weniger als achtzehn Runden teilte er ab, und am Ende stand es für ihn 9 : 9.

Vielleicht nicht so falsch. Sofort nach der Debatte machten sich natürlich die Demoskopen ans Werk; mit ziemlich ähnlichen Ergebnissen:

Fragte man allgemein, wer "besser" war, dann erwies sich Biden als der Sieger. Bei CNN beispielsweise sahen ihn 51 Prozent vorn, gegen 36 Prozent für Sarah Palin. Ähnlich war das Zahlenverhältnis bei CBS; nur daß es dort mehr Antworten "gleich gut" gab (33 Prozent). Von denen, die sich festlegten, favorisierten 46 Prozent Biden und 21 Prozent Palin.

Das Bild sieht anders aus, wenn man die Wahrnehmung der beiden Debattierenden in Relation zu den Erwartungen setzt. In der CNN- Umfrage sagten nicht weniger als 84 Prozent, daß Palin besser gewesen sei als erwartet. Von Biden sagten das 64 Prozent.

CBS verglich "vorher- nachher"- Urteile über die beiden Kontrahenten. Vor der Debatte meinten von noch nicht festgelegten Zuschauern 43 Prozent, daß Palin über die wichtigen Themen Bescheid wisse; danach waren es 66 Prozent. Daß sie die Voraussetzung für eine Vizepräsidentin habe, meinten vorher 39 und nach der Debatte 55 Prozent.

In beiden Bereichen lagen die Werte für Biden vor und nach der Debatte weitaus höher, änderten sich aber kaum durch die Debatte. Mit anderen Worten: Für ihn hatte dieser Disput sich weniger gelohnt als für Sarah Palin.

Man kann das so zusammenfassen: Die Debatte am vergangenen Donnerstag hat zwar Joe Biden gewonnen, aber mehr genutzt hat sie Sarah Palin.



Mehr genutzt wozu? Sehr wahrscheinlich, wie erläutert, nicht, um das Amt der Vizepräsidentin zu erlangen. Jedenfalls nicht jetzt.

Aber mit Palin ist ein Stern am Himmel von Washington, D.C., aufgegangen.

Viele, die einmal Präsident oder Vizepräsident werden wollten, verschwinden, wenn es damit nichts geworden ist, in der Versenkung - wer kennt zum Beispiel noch Jack French Kemp, der 1996 der Kandidat der Republikaner für die Vizepräsidentschaft war?

Das wird Palin nicht passieren. Sie ist schon jetzt eine nationale Figur. Was man ihr jetzt noch negativ attribuiert - mangelnde Erfahrung auf der nationalen Ebene -, das wird sie leicht ausräumen können, wenn sie sich entschließt, für den Senat zu kandidieren.

Im American Thinker schrieb Kyle-Anne Shiver am Tag nach der Debatte:
When I saw Sarah Palin make her national debut at the RNC convention, and again in her first major debate last night, I found her to be quite the American version of Margaret Thatcher. Thatcher, too, faced scathing derision from her country's press and from her opposition, much of it focused on the issues of small town vs. big city and commoner vs. elite. (...)

Despite her harping critics, Maggie Thatcher proved to be a most able leader upon the world stage, even at a time of rather perilous threats on many fronts. When besieged by naysayers, she once remarked, "If my critics saw me walking over the Thames they would say it was because I couldn't swim." And after watching Sarah Palin last night, I would say that she agrees with Maggie.

Als ich Sarah Palin sah, wie sie auf dem Parteitag der Republikanischen Partei ihr nationales Debüt hatte, und dann wieder in ihrer ersten Debatte gestern Abend, fand ich, daß sie so so ziemlich die amerikanische Margaret Thatcher ist. Auch Frau Thatcher sah sich beißendem Hohn von der Presse ihres Landes und seitens der Opposition ausgesetzt, und viel davon konzentrierte sich auf die Themen Kleinstadt gegen Großstadt und einfache Leute gegen Elite. (...)

Als sie wieder einmal von Neinsagern bedrängt wurde, sagte sie: "Wenn meine Kritiker mich auf der Themse wandeln sehen würden, dann würden sie sagen, daß ich das nur mache, weil ich nicht schwimmen kann". Nachdem ich gestern Sarah Palin sah, würde ich sagen, daß es bei ihr ist wie bei Maggie.
Mir gefällt dieser Vergleich mit Maggie Thatcher, auch wenn Sarah Palin erst noch zeigen muß, daß sie ihn verdient. Den Jesus- Witz jedenfalls hätte sie auch machen können, und sie hätte dabei unschuldig- aggressiv gelächelt.



Nachtrag: Einen Kommentar zur Debatte Obama/McCain in der vergangenen Nacht finden Sie hier.



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7. Oktober 2008

Der 44. Präsident der USA (24): Obama/Palin werden gewinnen (Teil 1)

Wenn jetzt die Primaries im Gang wären, dann hätte vemutlich weder Barack Obama noch John McCain eine gute Chance, die Nominierung zu erreichen. Nicht der unerfahrene Obama, der noch niemals Führungsaufgaben hatte; auch nicht der Maverick McCain.

Gefragt wären dann sehr wahrscheinlich Kandidaten wie die erfolgreichen Geschäftsleute Mitt Romney und Michael Bloomberg oder Rudy Giuliani, der effiziente Bürgermeister von New York und Held der Tage nach dem 11. September.

Als im Frühsommer und Sommer die Weichen für die Nominierung gestellt wurden, konnte niemand ahnen, daß die Wochen vor den Wahlen von Angst bestimmt sein würden; von der Angst vor der größten Wirtschaftskrise seit dem Schwarzen Donnerstag am 24. Oktober 1929. Von der persönlichen Angst vieler Wähler, ihren Job zu verlieren, ihr Haus, ihre Krankenversicherung.

Der ideale Kandidat wäre jetzt einer, der Führungsstärke mit administrativer Erfahrung und vor allem wirtschaftlichem Sachverstand verbindet.

Zu entscheiden haben die Wähler aber zwischen zwei Kandidaten, die sich beide nicht für diese Rolle anbieten. Präsident wird derjenige werden, der immer noch überzeugender als der andere ökonomische Kompetenz vermittelt.



Das ist Barack Obama. Nein, er ist bisher so wenig als Wirtschaftspolitiker hervorgetreten wie John McCain. Auch sein Vize- Kandidat Joe Biden ist darin nicht beschlagener als Sarah Palin, die immerhin als Gourverneurin von Alaska energiepolitische Erfahrungen hat.

Dennoch wird Obama von den Wählern eine größere ökonomische Kompetenz zugesprochen als McCain.

Anfang August lagen beide in diesem Punkt mit je 45 Prozent noch gleichauf. In einer gestern veröffentlichten Umfrage des Rasmussen- Instituts jedoch hatten die Demokraten bei der Frage nach dem Vertrauen im Bereich der Wirtschaftspolitik mit 51 zu 38 Prozent einen großen Vorsprung vor den Republikanern. Und bereits in einer am 24. September (also noch vor dem Höhepunkt der Finanzkrise) publizierten Umfrage desselben Instituts lag auch McCain persönlich bei der Frage nach der wirtschaftlichen Kompetenz mit 42 zu 51 Prozent hinter Obama zurück.

Vor knapp einer Woche stand hier zu lesen:
Nimmt man hinzu, daß das Thema Wirtschaft die kommenden Wochen beherrschen wird und daß Obama in diesem Bereich als kompetenter eingeschätzt wird als McCain (warum auch immer), dann sieht es in der Tat düster aus für McCain und Palin. Im Grunde können sie nur noch gewinnen, wenn etwas ganz Unerwartetes geschieht - sei es, daß Obama einen tödlichen Fehler macht, sei es, daß es zu einer außenpolitischen Krise kommt.
Gestern faßte in Pollster.com Steve Lombardo die aktuellen Umfrage- Ergebnisse so zusammen:
The financial crisis has catapulted Obama into the lead both nationally and in key states. (...) The economic situation has virtually ended John McCain's presidential aspirations and no amount of tactical maneuvering in the final 29 days is likely to change that equation. (...)

Die Finanzkrise hat Obama sowohl auf Bundesebene als auch in Schlüsselstaaten an die Spitze katapultiert. (...) Die wirtschaftliche Lage hat McCains Hoffnungen auf das Amt des Präsidenten so gut wie zerstört, und wahrscheinlich werden noch so viele taktische Manöver in den verbleibenden 29 Tagen an dieser Gleichung nichts mehr ändern können.
Nicht nur bei den Wählerstimmen liegt Obama inzwischen deutlich vorn, sondern auch bei den Stimmen im entscheidenden Electoral College. Die verlinkte Karte (von Pollster.com) gibt diesen Vorsprung nicht sehr augenfällig wieder. Deutlicher sieht man ihn auf dieser Karte des Princeton Electoral Consortium, die die Bundesstaaten der USA in einer Größe proportional zur Zahl ihrer Stimmen im Electoral College zeigt.

Es ist an der Zeit, sich darauf einstellen, daß der 44. Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama heißen wird.

Ich kann nicht sagen, daß mich das freut. Ich habe das Phänomen Obama anfangs erstaunt und dann zunehmend negativ gesehen. Er kam mir umso ungeeigneter zum Präsidenten vor, je mehr das Messianische, das Quasi-Religiöse, ja das Populistische seines Wahlkampfs offensichtlich wurde. Die Einzelheiten meiner Beurteilung Obamas kann man in den bisherigen Beiträgen dieser Serie nachlesen.

Das, was für einen Erfolg McCains sprechen konnte, habe ich in dieser Serie gern geschildert. Aber schon in der ersten Folge stand, am 4. Juni, dies:
Gerade die republikanisch gesonnene Mittelschicht sieht sich zunehmend in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Gerade sie könnte für die Flötentöne Obamas anfällig sein (...). McCains Erfolg wird sich daran entscheiden, ob es ihm gelingt, als wirtschaftspolitisch kompetenter wahrgenommen zu werden als Obama. Im Augenblick ist das noch nicht so.
Das war genau vor vier Monaten; und leider hat sich diese pessimistische Sicht bestätigt.

Obama wird, wenn nicht etwas ganz Unverwartetes geschieht, also Präsident werden. Der Vizepräsident wird Joe Biden heißen. Aber nicht er wird von den beiden Kandidaten für die Vizepräsidentschaft der Gewinner sein, sondern Sarah Palin.

(Fortsetzung folgt)



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1. Oktober 2008

Zitat des Tages: Wen hörte Sarah Palin als Zweitkläßlerin?

I've been hearing his speeches since I was in the second grade.

(Ich höre seine Reden, seit ich Zweitklässerin war).

Sarah Palin über ihren Konkurrenten Joe Biden, dem sie morgen Nacht in einem TV-Duell gegenüberstehen wird; zitiert im heutigen Wall Street Journal.

Kommentar: Der Artikel im WSJ hat die Überschrift: "Palin Proved to Be Formidable Foe in Alaska Debates" - In Debatten in Alaska erwies Palin sich als eine gefürchtete Gegnerin.

Wer meint, daß Joe Biden sie mühelos an die Wand debattieren wird, der sollte diesen Artikel lesen.

Das Zitat ist im übrigen bezeichnend für Palin: Kurz und bissig. In einem kleinen Satz bringt sie unter, wie alt ihr Gegner im Vergleich zu ihr ist - und daß er gern und viel redet. Und macht zugleich auch noch darauf aufmerksam, daß er natürlich der gewieftere Rhetoriker ist.

Seit Palins Nominierung versuchen die demokratischen Strategen ihr das Etikett des geistig unbedarften, bigotten Trampels aus der Provinz anzuheften.

Für die Debatte kann ihr das nur nützen. Die meisten Wähler erwarten nicht viel von ihr. Wenn sie nur Biden einigermaßen Paroli bietet, wird das schon als Erfolg gewertet werden.



Allerdings hat das Team McCain/Palin einen Erfolg auch bitter nötig. Gut einen Monat vor den Wahlen hat sich Obamas Vorsprung in den Umfragen stabilisiert. Schlimmer noch für McCain: Es ist jetzt deutlich zu sehen, daß der Aufschwung McCains Anfang September nur die vorübergehende Umkehrung eines langfristigen Trends zugunsten von Obama gewesen ist. Eine Schwalbe, auf die kein Sommer folgte.

Nimmt man hinzu, daß das Thema Wirtschaft die kommenden Wochen beherrschen wird und daß Obama in diesem Bereich als kompetenter eingeschätzt wird als McCain (warum auch immer), dann sieht es in der Tat düster aus für McCain und Palin.

Im Grunde können sie nur noch gewinnen, wenn etwas ganz Unerwartetes geschieht - sei es, daß Obama einen tödlichen Fehler macht, sei es, daß es zu einer außenpolitischen Krise kommt. Diese müßte freilich schon gewaltig sein, um in der Bewertung der Amerikaner das Thema Wirtschaftskrise auf den zweiten Platz zu verweisen.



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27. September 2008

Der 44. Präsident der USA (23): Die Debatte. Ein Live Ticker

3.35 Uhr: Die Debatte ist jetzt eine halbe Stunde alt. Die Debatte? Eine Debatte ist das bisher nicht. Die beiden Kandidaten beantworten Fragen des Moderators, Jim Lehrer. Miteinander diskutieren sie kaum.

Lehrer hat einen Versuch gemacht, das zu ändern. Er hat Obama eingeladen, statt von "John" zu reden, doch McCain direkt anzusprechen. Ohne Wirkung.

McCain spricht nicht von "Barack", sondern von "Senator Obama". Kein Streit, keine Schärfe bisher.

Beide wirken fit. Erstaunlich fit, wenn man bedenkt, daß sie Dauer- Verhandlungen in Washington zur Finanzkrise hinter sich haben. Der Hauptunterschied im Verhalten ist, daß Obama meist in die Kamera blickt, McCain zum Moderator hin.

Obwohl es eigentlich um Außen- und Sicherheitspolitik gehen soll, wird - wie anders - zunächst die Finanzkrise besprochen. Kaum Unterschiede zwischen den beiden. Sie wetteifern darin, "Mainstreet" zugunsten von "Wallstreet" zu entlasten. Kein Angriff von Obama auf das Finanzsystem, wie man das von einem deutschen Linken erwarten würde.

McCain hebt vor allem hervor, daß in Washington beide Parteien gemeinsam die Probleme zu lösen versuchen. Obama will vor allem den kleinen Sparern helfen.

McCain weist immer wieder darauf hin, wie Obama als Senator abgestimmt hat. Höhere Steuern. Ausgaben für Projekte von zweifelhaftem Nutzen. Der Senator mit dem am weitesten linken Abstimmungs- Verhalten aller Senatoren. Obama wehrt sich kaum. McCain verweist auf das, was er selbst als Senator konkret in die Wege geleitet und unterstützt hat.

3.50 Uhr: Man ist jetzt bei der Außen- und Sicherheitspolitik angekommen. Es geht zunächst um den Irak. McCain weist auf den Erfolg des Surge hin, auf seinen Anteil daran, diese Strategie zu verfolgen. Obama spricht darüber, daß der Krieg als solcher falsch gewesen sei. Man dürfe die Entwicklung nicht erst ab 2007 betrachten.

McCain wird lebhaft, als er Obama vorwirft, daß dieser sich ohne Vorbedingungen mit Ahmadinedschad treffen wolle. Er erinnert an Ahmadinedschads Äußerungenüber Israel und fragt sarkastisch: Und dann sitzen Sie als Präsident Ahmadinedschad gegenüber; dieser sagt, er wolle Israel von der Landkarte tilgen, und dann sagen Sie: Nein, bitte nicht?

4.20 Uhr: Es geht jetzt um Rußland und Georgien. McCain geht auf Details ein; berichtet über sein Erfahrungen auf Reisen und im Gespräch mit Putin. Obama kommt von der Außenpolitik auf das Thema Energie und wirft McCain vor, nicht für Solarenergie gestimmt zu haben.

Die Reaktionen im Publikum werden fortlaufend angezeigt, getrennt für Republikaner, Demokraten und Unabhängige. Auffällig ist, daß dann, wenn McCain spricht, die Werte oft sehr stark auseinandergehen - hohe Zustimmung bei den Republikanern, geringe bei den Demokraten. Wenn Obama spricht, liegen die Werte meist näher beeinander. Die Unabhängigen liegen häufiger nah bei den Demokraten als bei den Republikanern.

McCain polarisiert offenkundig mehr als Obama. McCain greift an. Obama bleibt verbindlich, fast harmoniesüchtig. Immer wieder die Formel "I agree with John ..." Es wirkt wie eine Umarmungstaktik.



Fazit: Ich habe versucht, unvoreingenommen zu beschreiben, wie die Diskussion ablief. Das ist mir aber schwer gefallen. Natürlich habe ich eine persönliche Position, von der ich bei etwas nun einmal Subjektivem wie der Wahrnehmung der beiden Kandidaten in dieser Debatte schwer absehen kann.

McCain wirkt auf mich ungleich kompetenter und ehrlicher als Obama. Er war auch sicherer. Obama war - vergleicht man es mit seinen spektaktulären Auftritten im Wahlkamopf - seltsam zögerlich. Nichts von Charisma. Seine Botschaft schien nicht mehr zu sein "Yes, we can", sondern "I will try".

McCain war vor allem intellektuell präsenter als Obama. Er hatte die Fakten parat, ging auf Einzelheiten ein, wies auf Zusammehänge und historische Parallelen hin. Kaum etwas davon bei Obama. Er blieb fast durchweg auf der Ebene allgemeiner Aussagen.

Wie erinnerlich, versuchen publizistische Sympathisanten der Demokraten gegenwärtig, McCain als altersdement und unkontrolliert darzustellen. Wer diese Debatte sieht, kann sich davon überzeugen, wie kontrolliert, wie präzise und wie klar in seinen Aussagen McCain ist.

Immer wieder sagt er "Senator Obama does not understand that ...". Und das scheint wirklich so zu sein. Die beiden haben - während ich das schreibe, geht die Debatte zu Ende - nicht nur nicht wirklich debattiert, sondern sie haben in ihren Statements auch auf verschiedenen Niveaus argumentiert. Obama plakativ. McCain konkret und informiert.



4.37 Uhr: Jim Lehrer beendet die Veranstaltung. Das Publikum, das vergattert gewesen war, während der Debatte keine Reaktionen zu zeigen, applaudiert. Und - wie anders kann es in den USA sein - die beiden Frauen kommen auf die Bühnen und umarmen ihren Liebsten.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

24. September 2008

Der 44. Präsident der USA (22): Die Entwicklung der Umfragedaten. Was Sie dazu in "Spiegel-Online" nicht lesen können

Wenn "Spiegel- Online" aus den USA oder über die USA berichtet, dann kann man im Allgemeinen davon ausgehen, daß der Artikel entweder einseitig ist oder überholt; oder auch beides.

Heute Mittag machte "Spiegel- Online" mit einer Meldung auf, die inzwischen wieder ins Ausland- Ressort befördert, aber, soweit ich sehe, nicht geändert wurde. Unter der Überschrift "Obama geht in neuer Umfrage deutlich in Führung" heißt es darin:
Es geht aufwärts für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Nach Wochen des Gleichstands zwischen ihm und seinem republikanischen Rivalen John McCain scheint die Wende geschafft.
Wer die Berichterstattung über den US-Wahlkampf hier in ZR verfolgt, der weiß, daß es weder "Wochen des Gleichstands" gegeben hat, noch daß es jetzt plötzlich für Obama "aufwärts geht". Die Fakten waren und sind anders:
  • Wie man zum Beispiel bei Gallup Daily Tracking oder im Poll of Polls von Pollster sehen kann, begann sich der Abstand zwischen dem führenden Obama und McCain seit Obamas Orient- und Europa- Reise allmählich zu verringern.

  • Nach dem Parteitag der Republikaner und der Nominierung von Sarah Palin gab es einen Umschwung zugunsten von McCain, über den ich vor genau zwei Wochen in einem dreiteiligen Artikel berichtet habe.

  • In einem weiteren Artikel habe ich am 12. September drei Gründe dafür genannt, daß es für McCain dennoch schief gehen könnte. Vor allem habe ich darauf hingewiesen, daß noch unklar ist, ob die Nominierung von Sarah Palin ihm am Ende mehr nützt oder schadet. Das war noch vor der aktuellen Finanzkrise.

  • Vor einer Woche, am 18. September, war bereits offensichtlich, daß Obama McCain wieder überholt hatte. Die wahrscheinlichen Gründe dafür waren - hier nachzulesen - erstens die Finanzkrise und zweitens die sinkende Popularität von Sarah Palin. Außerdem ging vor einer Woche der Convention Bounce zu Ende; der Aufschwung, den jede Partei nach einem erfolgreich verlaufenen Parteitag hat.
  • Das ist jetzt also eine Woche her. Seither haben sich die Umfragen keineswegs zugunsten von Obama verändert.

    Im Gallup Daily Tracking hat sich der Abstand zwischen dem 17.9. und dem 22.9. folgendermaßen entwickelt: 4, 5, 6, 4, 5, 3 Prozentpunkte zugunsten von Obama. Im Überblick von Pollster über alle größeren Umfragen entwickelte sich die Differenz zwischen der Umfrage von Gallup (17. bis 19. September) und der gegenwärtig aktuellsten von Daily Kos (21. bis 23. September) wie folgt: 4, 1, 1, 7, 4, 1, 9, 3, 2, -2, 6, 2, 4 Prozentpunkte.

    Wer da einen Trend zugunsten von Obama hineinlesen will, der muß schon die Qualitäten eines Redakteurs von "Spiegel- Online" haben.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    19. September 2008

    Der 44. Präsident der USA (21): Hat John McCain Alzheimer? Über den schmutzigen Wahlkampf in der US-Linken

    Zu den großen politischen Blogs in den USA gehört die linksaußen positionierte Huffington Post. Im gedruckten "Spiegel" dieser Woche (38/2008, S. 116) geht Klaus Brinkbäumer in seinem Bericht über US- Blogger ausführlich auf diesen Blog ein.

    Dort erschien gestern ein Artikel von David Goldstein jr. über John McCain. Überschrift: "John McCain's Señor Moment". Das ist ein Wortspiel: "To have a senior moment" heißt im Englischen "Alzheimer haben". Zu "señor" hat Goldstein das "senior" verballhornt, weil es um ein Interview ging, das McCain einem auf Spanisch sendenden Radio in Florida gegeben hatte, Radio Caracol Miami. Über dieses Interview schreibt Goldstein:
    ... it sure does sound like the 72-year-old McCain was suffering from a transitory senior moment. (...) ... listen to his halting words, the obvious fatigue in his voice and the confusion in his answers. He wasn't simply being evasive or vague, he was disoriented, and while this may have only been a transient episode it should be alarming nonetheless. (...) McCain may very well have no underlying condition apart from the normal effects of aging--he may even be sharp for his age--but experience tells us that the mind ages just like the body.

    ... das klingt mit Sicherheit so, als hätte der 72jährige McCain unter einer vorübergehenden Altersverwirrtheit gelitten. (...) ... hören Sie sich seine stockenden Worte an, die offensichtliche Müdigkeit in seiner Stimme und die Konfusion in seinen Antworten. Er war nicht einfach ausweichend oder vage, er war desorientiert. Mag sein, daß das nur eine vorübergehender Vorfall war, aber er sollte dennoch alarmierend sein. (...) Es mag ja sein, daß bei McCain keine Krankheit dahintersteckt, außer den normalen Auswirkungen des Alterns - er mag für sein Alter ja sogar gut drauf sein - , aber die Erfahrung sagt uns, daß der Geist ebenso altert wie der Körper.



    Offenbar - so muß man denken, wenn man das liest - hat McCain in diesem Interview Unsinn geredet, war er geistesabwesend. Schauen wir uns das einmal an.

    Das Interview kreiste um Lateinamerika. McCain äußerte sich zu Venezuela, zu Cuba, zu Bolivien. Und dann kam die Interviewerin unversehens auf Spanien zu sprechen:
    Q: Senator, finally, let's talk about Spain. If you are elected president, would you be willing to invite President Jose Luis Rodriguez Zapatero to the White House to meet with you?

    McCain: I would be willing to meet with those leaders who are friends and want to work with us in a cooperative fashion. And by the way, President Calderon of Mexico is fighting a very, very tough fight against the drug cartels. I am glad we are now working in cooperation with the Mexican government on the Merida plan. And I intend to move forward with relations and invite as many of them as I can, of those leaders to the White House.

    Q: Would that invitation be extended to the Zapatero government, to the president himself?

    McCain: I don't, I, you know, honestly, I have to look at relations, and the situations, and the priorities but I can assure you I will establish closer relations with our friends, and I will stand up to those who want to do harm to the United States of America. I know how to do both.

    Q: So you have to wait and see if he is willing to meet with you, will you be able to do it in the White House?

    McCain: Well, again, I don't. All I can tell you is that I have a clear record of working with leaders in the hemisphere that are friends with us and standing up to those who are not. And that's judged on the basis of the importance of our relationship with Latin America and the entire region.

    Q: Okay, what about you? I'm talking about the President of Spain.

    McCain: What about me what?

    Q: Okay, are you willing to meet with him if you are elected president?

    McCain: I am willing to meet with any leader who is dedicated to the same principles and philosophy that we are for human rights, democracy, and freedom. And I will stand up to those that do not.
    Ich übersetze diese Passage jetzt nicht; denn das lohnt sich nicht. Ich habe sie nur dokumentiert, damit Sie, lieber Leser, sich ein Bild machen können:

    Die Interviewerin fragt McCain mehrfach danach, ob er bereit sei, sich mit dem "spanischen Präsidenten" Zapatero zu treffen, und dieser reagiert klüger, als es seinerzeit Obama getan hatte, der auf eine analoge Frage vollmundig erklärt hatte, er würde sich als Präsident ohne Vorbedingungen mit Castro, Chávez und Ahmadinedschad treffen.

    McCain tat das nicht. Er antwortete ausweichend, wie man es vernünftigerweise tut, wenn man sich nicht festlegen will. Vielleicht hatte er auch anfangs nicht verstanden, was die Interviewerin überhaupt gewollt hatte. Das Interview wurde telefonisch geführt, und die Interviewerin sprach nicht eben ein akzentfreies Englisch. Zuvor war es ausschließlich um die USA und Lateinamerika gegangen.

    Wie auch immer - wenn jemand aus dieser Gesprächspassage ableitet, daß McCain Anzeichen von Altersverwirrtheit gezeigt hätte und desorientiert gewesen sein, dann ist das nicht nur dreist, sondern es zeigt, daß dieser David Goldstein jr. (und er ist bei weitem nicht der einzige; die Blogs sind seit gestern voll von derlei) elementarsten menschlichen Anstand vermissen läßt.



    Und wie kam es nun dazu, daß die Interviewerin, Yoly Cuello, mitten in einem Gespräch über die USA und Lateinamerika auf einmal das Thema wechselte und eine Frage zu Spanien stellte? In der Washington Post haben Glenn Kessler und Ed O'Keefe das aufgeklärt:

    Radio Caracol, mit dem das Interview geführt wurde, gehört zur Gruppe Union Radio, die im Besitz der spanischen Groupo Prisa ist. Und von der spanischen Zentrale war, so erklärte es der Nachrichtenchef von Radio Caracol, Madelin Prendes, gegenüber der Washington Post, eine entsprechende Anweisung für das Interview gekommen: "'The reason we asked the question about Spain is that we're owned by this big company in Spain. They wanted us to ask that question in the interview'".

    Und die Interviewerin, Yoly Cuello, sagte gegenüber der Washington Post:
    "I think he was just trying not to answer the question, I think he understood" who Zaptero is and where he's from. (...) Cuello said she cannot believe the attention her interview has earned, noting that she's heard almost nothing about it from her listeners in Miami. "People here are worried about lots of things, the economy, immigration. Not about Spain."

    "Ich glaube, daß er einfach versuchte, meine Frage nicht zu beantworten, ich glaube, er verstand" wer Zapatero ist und wo er herkommt. (...) Cuello sagte, sie könne die Aufmerksamkeit nicht glauben, die ihrem Interview zuteil wurde, und bemerkte, daß sie von den Hörern in Miami kaum etwas dazu gehört hätte. "Die Menschen hier machen sich über vieles Sorgen, die Wirtschaft, Immigration. Nicht über Spanien."
    Das war also wohl nichts mit John McCains Alzheimer- Erkrankung. Aber gemach, der nächste Schmutzkübel dürfte in der US-Linken schon gefüllt werden.



    Mit Dank an Dagny. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    12. September 2008

    Der 44. Präsident der USA (19): McCain im Aufwind dank Palin. Drei Gründe, warum es trotzdem schief gehen könnte

    Im Augenblick spricht alles dafür, daß John McCains Wahlkampf mit dem Parteitag in St. Paul, Minnesota, und mit der Nominierung von Sarah Palin einen Aufschwung genommen hat, den in diesem Ausmaß kaum jemand erwartet hatte.

    Noch Ende August lag Obama in fast allen Umfragen deutlich vorn (CBS, 31. August: 48 zu 40 für Obama; Diageo, 31. August: 48 zu 39; Rasmussen, 30. August: 49 zu 46; Gallup, 29. August: 49 zu 41. Das Datum ist jeweils der letzte Tag der Umfrage).

    Jetzt hat sich das umgekehrt. Bei nahezu allen Instituten hat McCain seinen Gegner überholt; im Durchschnitt liegt er jetzt mit 47,2 zu 44,9 Prozent vor Obama. Was, als es sich andeutete, noch eine Zufallsschwankung hätte sein können, hat sich mit dem Hinzukommen weiterer Daten verfestigt: McCain ist jetzt der Frontrunner, der Führende im Rennen.

    Nein, so ist es eigentlich nicht ganz richtig formuliert: Nicht McCain liegt vor Obama, sondern das Team McCain / Palin hat das Team Obama / Biden überholt. Denn es gibt etliche Anzeichen dafür, daß McCain den jetzigen Aufwind vor allem seiner Partnerin Sarah Palin verdankt. Auf eines dieser Anzeichen komme ich gleich noch zurück.

    War also Palins Nominierung am Ende doch die brillante Entscheidung, die der Kommentator Ed Rollins in einer ersten Reaktion diagnostiziert hatte?

    Vielleicht. Aber sicher ist das nicht. Und zwar aus drei Gründen.



    Bitte überlegen Sie einmal kurz, was sie über Joe Biden wissen. Und was über Sarah Palin.

    Sehen Sie. Palin beschäftigt uns, sie interessiert uns. Sie ist ein Star nicht unbedingt in dem Sinn, daß sie verehrt wird. Aber jedenfalls in dem Sinn, daß sie unsere Phantasie aktiviert, daß sie Aufmerksamkeit weckt.

    Nichts davon by Joe Biden. Hier in Europa so wenig, wie in den USA selbst. Ein blasser, nicht besonders interessanter Mensch. Noch dazu ein Politiker, dessen Gesicht seit nicht weniger als fünfunddreißig Jahren auf den TV-Schirmen zu sehen ist. Als Biden zum ersten Mal Senator wurde, war Sarah Palin ein Mädchen von neun Jahren!

    Dieser Unterschied zwischen Palin und Biden ist sehr wahrscheinlich einer der Gründe für McCains Aufschwung. Aber es ist ein Unterschied sozusagen mit einem Verfallsdatum.

    Bis im November gewählt wird, werden die Amerikaner Sarah Palin derart oft auf den Bildschirmen gesehen, werden sie so viel über sie und ihre Familie erfahren haben, daß die jetzige Neugier, daß das momentane Human Interest vorbei sein wird. Worn down, wie man im Englischen sagt - abgenutzt wie ein zu oft getragener Anzug.



    Bei welchen Sendungen wird Palin dann auf den Bildschirmen erschienen sein? Zum einen bei der Übertragung von Wahlkampf- Veranstaltungen. Solche Situationen beherrscht sie. Das hat sie nicht nur in St. Paul bewiesen, sondern auch in der Serie von Auftritten gemeinsam mit John McCain, die sie seither absolviert hat. Durchaus star-like. Aus dem Stand besser als die ungleich erfahrenere Hillary Clinton.

    Aber es wird ja andere Sendeformate geben, in denen Sarah Palin sich bewähren muß. Interviews vor allem und Diskussionen; am wichtigsten die Diskussionen mit ihrem Gegenüber Joe Biden.

    Das wird Sarah Palins eigentliche Bewährungsprobe werden. Dort wird man versuchen, ihr Fallen zu stellen, ihre Unerfahrenheit zu entlarven.

    Vor allem in der Außenpolitik - dem Spezialgebiet Joe Bidens - lauern jede Menge Fallen. Sollte es ihr unterlaufen, zwei Staaten im Kaukasus miteinander zu verwechseln, den Namen eines afrikanischen Staatsmanns falsch wiederzugeben oder den Verlauf einer Pipeline nicht zu kennen, dann werden sich die Medien begierig darauf stürzen.

    So war es George W. Bush vor seiner Wahl zum Präsidenten gegangen; wie Palin war er Gouverneur gewesen und also mit der Außenpolitik wenig vertraut. Im Wahlkampf 2000 wurde ihm immer wieder um die Ohren gehauen, daß er im Juni 1999 gegenüber einem slowakischen Journalisten Slowakien und Slowenien verwechselt hatte.

    Inzwischen hat Sarah Palin ein erstes Interview auch zu außenpolitischen Themen gegeben und es bravourös bestanden. Allerdings war der Interviewer - Charles Gibson von ABC News - auch fair. Damit wird sie nicht immer rechnen können.



    Das also sind zwei Gründe, warum es gegenwärtig unsicher ist, ob Palins Erfolg anhält: Man wird sich an sie gewöhnen, und sie hat noch nicht bewiesen, daß sie in Diskussionen bestehen kann, in denen es auf Detailwissen ankommt.

    Der dritte Grund, warum der jetzige Aufschwung vielleicht nicht reicht, um John McCain ins Weiße Haus zu bringen, hat etwas mit dem amerikanischen Wahlrecht zu tun.

    Daß es nach diesem Wahlrecht bei der Wahl des Präsidenten nicht um die Anteile an den Wählerstimmen (dem Popular Vote) geht, sondern um die Sitze im Electoral College, dem Wahlmännergremium, habe ich kürzlich anhand der Frage erläutert, in welchen US-Staaten sich denn die Wahl entscheiden wird. Es sind weniger als ein Dutzend; die Swing States, die Battleground States.

    Gestern nun erschien in dem auf die Analyse von Umfragedaten spezialisierten Blog FiveThirtyEight ein Artikel, in dem untersucht wurde, wie sich denn der Aufschwung des Teams McCain / Palin geographisch verteilt.

    Das Ergebnis: Dieser Aufschwung fand überwiegend in solchen Staaten statt, die den Republikanern ohnehin so gut wie sicher waren; plus dem sicheren Obama- Staat Washington, wie Palins Heimat Alaska im äußersten Nordwesten gelegen. Das ist eines der Indizien dafür, daß der Aufschwung hauptsächlich Palin zu verdanken ist: Er konzentriert sich dort, wo die konservativen Wähler sitzen, die sie besonders anspricht. Auch der starke Anstieg im Staat Washington paßt in dieses Bild; für dessen Einwohner ist sie sozusagen ein Girl von nebenan.

    Aber für das Electoral College bringt das wenig. In Alaska zum Beispiel hat sich der Abstand zwischen McCain und Obama um nicht weniger als 13,8 Prozentpunkte vergrößert. Aber dort hatte McCain auch schon vor der Nominierung von Palin deutlich vorn gelegen. Dasselbe gilt für Staaten wie Idaho und Georgia.

    Mehr als die Wahlmänner solcher Staaten gewinnen kann McCain für die End- Abrechnung ja nicht. Die Marge spielt am Ende keine Rolle. In diesen Staaten erlebt McCain gegenwärtig einen Aufschwung, von dem er sich sozusagen nichts kaufen kann.

    Und wie sieht es in den Battleground States aus? In New Hampshire ist es sogar Obama, der einen zuvor knappen Vorsprung ausbauen konnte, entgegen dem allgemeinen Trend. In Ohio hat sich McCain nur um 0,6 Prozentpunkte verbessert, in Florida um 0,3, in New Mexico um 0,7 Prozentpunkte.

    Mit anderen Worten: In diesen Battleground States gab es praktisch keinen Palin- Effekt. Mit einer Ausnahme (Virginia) war der relative Zuwachs für McCain in allen diesen kritischen Staaten geringer als im US-Durchschnitt.

    So kommt es, daß aktuell bei Pollster McCain mit den eingangs genannten 47,2 zu 44,9 Prozent vor Obama liegt. Rechnet man aber die Werte aus den einzelnen Bundesstaaten in Sitze im Electoral College um, dann führt Obama noch immer; mit jetzt 243 zu 224 Stimmen (71 Stimmen sind gegenwärtig nicht zuordenbar).

    Es ist also nach wie vor alles offen. Es bleibt dabei: Mehr Kopf-an-Kopf geht nicht.



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    11. September 2008

    Der 44. Präsident der USA (18): Mehr Kopf-an-Kopf geht nicht (Teil 3)

    Seit ich gestern den ersten Teil dieses Artikels geschrieben habe, hat sich der Mittelwert der Umfragen, wie Pollster ihn ständig neu berechnet, bereits wieder verändert. Gestern lag McCain mit 46,7 Prozent zu 46,2 Prozent nur hauchdünn vor Obama. Jetzt sind es bereits 1,5 Prozentpunkte (McCain 46,9; Obama 45,4).

    Solche Schwankungen sind nun allerdings ohne viel Belang.

    Sie sind nicht nur deshalb ziemlich bedeutungslos, weil sie in der Logik des Schließens von Stichproben auf eine Grundgesamtheit liegen, zu der es gehört, daß der gemessene Wert einmal mehr, einmal weniger, einmal in die eine und einmal in die andere Richtung vom wahren Wert abweicht.

    Sondern sie sind auch deshalb ohne viel Belang, weil nach den Wahlen im November nicht Prozentpunkte oder gar deren Stellen hinter dem Komma entscheiden werden. Wer Präsident wird, das bestimmt nicht dieser Popular Vote, sondern das entscheidet die Mehrheit im Electoral College, im Gremium der Wahlmänner.

    Formal bestimmt sich dessen Zusammensetzung natürlich nach den Resultaten aller Bundesstaaten. Faktisch aber haben die meisten mit dem Ausgang der Wahl nichts zu tun.



    Im Grunde geht es nur um maximal ein Dutzend Staaten, die sogenannten Battleground States, die "umkämpften Staaten". Alle anderen werden so stimmen, wie es ihrer Tradition entspricht - Californien und die ganze Pazifik- Küste zum Beispiel für Obama, der Bible Belt im Südosten für McCain.

    Eine sehr nützliche Einteilung der US-Staaten unter diesem Gesichtspunkt findet man in dem überhaupt ausgezeichneten Wahl- Blog FiveThirtyEight:

    Die folgenden Regionen sind fest in der Hand von Obama:

    Acela (Die Staaten entlang der gleichnamigen Schnellbahn: New York, New Jersey, Maryland, District of Columbia, Delaware)

    Nördliche Mitte (Illinois, Wisconsin, Minnesota, Iowa)

    Die Pazifikstaaten (Californien, Washington, Oregon, Hawaii)


    Zu Obama tendierend, aber nicht ganz so sicher:

    Neuengland (Massachusetts, Connecticut, New Hampshire, Maine, Rhode Island, Vermont)


    Sichere Regionen für McCain sind:

    Die Golfküste (Texas, Alabama, Louisiana, Mississippi)

    Das Hochland (Montana, Oklahoma, Arkansas, West Virginia, Kentucky, Tennessee)

    "Big Sky", das "Weite Land" (Utah, Idaho, Montana, Wyoming, Alaska)


    Zu McCain tendierend, aber nicht ganz sicher:

    Die Südküste (North Carolina, South Carolina, Florida, Georgia, Virginia)

    Die Präriestaaten (Kansas, Nebraska, Norddakota, Süddakota)


    Und hier sind die umkämpften Regionen:

    Der "Rostgürtel" (Pennsylvania, Ohio, Michigan, Indiana)

    Der Südwesten (Arizona, Colorado, New Mexico, Nevada)

    Diejenigen Staaten, in denen das Rennen besonders knapp ist, habe ich gefettet. In ihnen wird sich entscheiden, wer der 44. Präsident der USA wird.



    Noch einmal zurück zu den Auswirkungen der Nominierung von Sarah Palin. Wie erinnerlich, findet Sarah Palin die mit Abstand meisten Sympathien (80 Prozent Zustimmung) bei weißen Frauen, die Kinder erziehen. Es liegt also nahe, einmal nachzusehen, wie diese Gruppe in den kritischen Bundesstaaten vertreten ist.

    Das hat FiveThirtyEight getan. Das Ergebnis bring uns leider nicht viel weiter. Der Anteil weißer Frauen an der Gesamtbevölkerung, die eigene Kinder in ihrem Haushalt haben, liegt zwischen 18,7 Prozent (Utah) und 13,1 Prozent (Hawaii). Die Battleground States verteilen sich ziemlich gleichmäßig über diese Liste; New Mexico zum Beispiel liegt auf Platz 9, Ohio auf Platz 26 und Florida auf Platz 49.

    Diejenige Gruppe, die von Sarah Palin besonders stark angesprochen wird, findet sich also nicht gehäuft in denjenigen Staaten, in denen die Wahl sich entscheidet. Es bleibt ein Kopf- an- Kopf- Rennen; vielleicht bis zum Wahltag.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    10. September 2008

    Der 44. Präsident der USA (18): Mehr Kopf-an-Kopf geht nicht (Teil 2)

    Die Umfragewerte für McCain und Palin gehen im Augenblick - das war das Thema von Teil 1 - steil nach oben. Das könnte noch der Convention Bounce sein; der Aufschwung, der auf jeden halbwegs gelungenen Wahl- Parteitag folgt. Es könnte aber auch die Wirkung der Nominierung von Sarah Palin sein.

    Diese Wirkung ist nicht leicht zu analysieren, weil sich, wie es scheint, verschiedene Effekte dieser Entscheidung überlagern; teils einander verstärkend, teils auch einander entgegenwirkend.

    Gewiß ist, daß Sarah Palin die religiöse Rechte, die Evangelikalen nicht nur anspricht, sondern sie nachgerade begeistert.

    Das ist wichtig, nicht nur weil für McCain die Gefahr bestand, daß viele von diesen Religiös- Konservativen gar nicht zur Wahl gehen würden. Sondern unter ihnen sind auch viele politisch Engagierte, deren Mitmachen - oder eben deren Verweigerung - für McCains Wahlkampf kritisch ist.

    Der US-Wahlkampf ist ja viel mehr, als wir das in Europa kennen, eine Sache engagierter Bürger. Man lädt Nachbarn und Verwandte zu Wahlparties ein, man organisiert Email- Ketten, man telefoniert und wirbt für seinen Kandidaten. Und man spendet. Die wöchentlichen Spendenaufkommen werden stolz der Öffentlichkeit mitgeteilt; die Zahlen sollen wiederum zum Spenden anregen.

    In diesem ganzen Bereich des Wahlkampfs von unten war Obama bisher McCain weit überlegen. Jetzt wird sich das ändern. Die Gefahr, daß die wichtigen religiös- konservativen Multiplikatoren McCain von der Fahne gehen, ist mit der Entscheidung für Palin gebannt. Zugleich gibt dies McCain Spielraum, sich selbst mehr in Richtung Mitte, hin zu den Independents zu orientieren.

    Wie sieht es aber mit der zweiten Zielgruppe aus, von der man erwarten konnte, daß die Entscheidung für eine Frau bei ihr Sympathien für McCain wecken würde? Die bisherigen Umfragen lassen vermuten, daß in der Gruppe der Frauen die Reaktionen auf Palin außerordentlich differenziert, ja gegensätzlich sind.



    Es gibt Frauen, die auf Palin ungefähr so reagieren wie deutsche Feministinnen auf Eva Herman - mit einem offenbar unbezähmbaren Reflex, sie wegzubeißen. Ein Beispiel für diese Reaktion ist ein Artikel von Judith Warner in der New York Times vom 4. September, auf den in "Zettels kleinem Zimmer" Reader aufmerksam gemacht hat und den ich hier kommentiert habe.

    Es scheint, daß Sarah Palin bei zahlreichen Frauen diesen Reflex auslöst, wenn auch vielleicht nicht so heftig wie bei der Autorin Judith Warner. Jedenfalls ist das eine naheliegende Erklärung für ein Umfrage- Ergebnis, das CNN gestern publizierte. Danach haben von den befragten Männern 62 Prozent eine gute Meinung von Sarah Palin; bei den Frauen sind es nur 53 Prozent.

    Nun, 53 Prozent - das ist immerhin eine Mehrheit. Welche Frauen mögen Sarah Palin, welche mögen sie nicht? Dazu gibt eine Umfrage von ABC News / Washington Post (PDF) Hinweise, die am Montag veröffentlicht wurde.

    Danach hat die Entscheidung für Palin vor allem bei weißen Frauen die Bereitschaft erhöht, für McCain zu stimmen. In dieser Gruppe lag vor dem republikanischen Parteitag Barack Obama mit 50 zu 42 Prozent vorn. Das hat sich drastisch umgekehrt: Jetzt würden von den weißen Frauen 53 Prozent für John McCain und nur noch 41 Prozent für Obama stimmen.

    Und weiter: Von denjenigen, die schon vor der Convention für McCain waren, hatten damals nur 30 Prozent gesagt, sie seien "begeisterte" (enthusiastic) Anhängerinnen McCains. Jetzt sind es 51 Prozent. (Bei den weißen Männern stieg der Wert nur von 29 auf 39 Prozent). Auch das war eine deutliche Schwäche McCains gewesen: Daß er eine eher lauwarme als enthusiastische Zustimmung genoß. Palin hat jetzt Schwung in seinen Wahlkampf gebracht.

    Man sieht, eine einheitliche Reaktion "der" Frauen auf die Kandidatur von Sarah Palin gibt es nicht. Nimmt man alle Daten zusammen, dann weckt sie keine sehr große Begeisterung. Bei schwarzen Frauen, bei Latinas findet sie wenig Zustimmung. Bei weißen Frauen kann sie eine Mehrheit begeistern, aber eine wohl überwiegend feministisch orientierte Minderheit reagiert, wie die Autorin Judith Warner, mit heftiger Ablehnung.

    Wer sind die Frauen, die am stärksten genau umgekehrt reagieren wie Judith Warner? Es sind weiße Frauen, die Kinder erziehen. Nicht weniger als 80 Prozent von ihnen haben eine gute Meinung von Sarah Palin. Offenbar können sie sich mit ihr identifizieren.

    Wie wird sich diese komplizierte und widersprüchliche Reaktion von Frauen auf die Kandidatur von Sarah Palin am Ende auswirken? Das ist deshalb so schwer zu prognostizieren, weil es dann ja nicht auf die absoluten Stimmenzahlen (den Popular Vote) ankommt, sondern auf die Zusammensetzung der Versammlung, die den Präsidenten wählt, des Electoral College.

    Dort hat jeder Bundesstaat eine bestimmte Zahl von Stimmen, und alle gehen an denjenigen, der in diesem Staat die Mehrheit hat; der damit diesen Staat "abschleppt" (to carry a state).

    Wahlprognosen, die nur den Popular Vote berücksichtigen, sind also wenig aussagekräftig. Man muß sich schon die Situation in den einzelnen Bundesstaaten ansehen.

    (Fortsetzung folgt)



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    Der 44. Präsident der USA (18): Mehr Kopf-an-Kopf geht nicht (Teil 1)

    Schauen Sie sich bitte einmal diese Grafik an. Sie zeigt die Daten eines "Poll of Polls", also einer Zusammenfassung der Daten der großen Umfrage- Institute. Jeder Datenpunkt steht für eine Umfrage; die Kurven - rot für McCain, blau für Obama - zeigen den Verlauf der Mittelwerte.

    Man sieht, daß seit Mai/Juni Obama einen stabilen, wenn auch nicht großen Vorsprung gehabt hatte - zwischen drei und fünf Prozentpunkten, aber das eben Woche für Woche. Dann, im August, begann sich eine neue Dynamik abzuzeichnen; ich habe darüber am 21. August berichtet: Die Kurven für die beiden Kandidaten näherten sich an.

    Ende August/Anfang September wurde dieses Bild durch die National Conventions der beiden Parteien überlagert, die traditionell der jeweiligen Partei ein allerdings kurzes Umfrage- Hoch (Convention Bounce) bescheren. Man sieht, wie die Schere sich kurz weiter öffnet (Parteitag der Demokraten Ende August) und dann wieder zu schließen beginnt (Parteitag der Republikaner Anfang September).

    Heute sieht Pollster McCain bei 46,7 Prozent und Obama bei 46,2 Prozent. Darauf paßt der alte Fußballer- Witz: "Das Spiel endete 1:1. Es hätte aber auch umgekehrt ausgehen können".



    Was im Augenblick noch niemand sagen kann: Ist der steile Anstieg der Werte für McCain in den letzten Tagen nur der Convention Bounce, oder verbirgt sich dahinter ein längerfristiger Effekt?

    Ein solcher Effekt könnte Sarah Palin zu verdanken sein.

    Als McCain die riskante Entscheidung für sie als Running Mate getroffen hat, war völlig offen, ob das eine brillante Wahl oder der Beginn eines Fiaskos war. In den ersten Tagen, als sofort eine Schmutzkampagne gegen Palin einsetzte (dank des Wirkens von Journalisten wie Marc Pitzke gediehen auch in Deutschland manche dieser Sumpfblüten), da sah es zunächst nach einem Fiasko aus.

    Aber dann hielt Palin eine vielleicht nicht große, aber erfolgreiche Rede, und die "Vorwürfe" gegen sie erwiesen sich immer mehr als der Dreck, der sie waren.

    Bringt sie also McCain den Schwung, bringt sie ihm die Stimmen, die er braucht, um Obama am Ende doch zu überholen?

    (Fortsetzung folgt)



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