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7. Juni 2009

Europawahlen: Erste Ergebnisse? Nein. Die bleiben unter Verschluß. Aber eine Sektflasche darf trotzdem geöffnet werden

Jetzt liegen die Ergebnisse der Europawahlen vor. Oder auch nicht.

Denn amtliche Ergebnisse dürfen wir erst um 22 Uhr erfahren, wenn auch das letzte Wahllokal in Polen und in Italien geschlossen hat. Warum? Weil man offensichtlich glaubt, oder zu glauben behauptet, daß die letzten Wähler in Palermo oder Krakau davon beeinflußt werden könnten, wie wir in Deutschland abgestimmt haben.

Wofür es nicht den Schatten eines Belegs gibt. In den USA werden bei nationalen Wahlen die Ergebnisse der Bundesstaaten veröffentlicht, sobald sie vorliegen. Also beispielsweise die von New York, während in Californien noch gewählt wird. Ich kenne keine Untersuchung, die nachgewiesen hätte, daß das die californischen Wähler beeinflußt hat.

Und selbst wenn? Was ist eigentlich falsch daran, daß ein Wähler seine Wahlentscheidung unter Umständen auch auf das gründet, was anderswo an Ergebnissen vorliegt? Gar nichts wäre falsch daran; wenn es das denn gäbe.

Falsch ist allein, daß wieder einmal wir Bürger vor uns selbst geschützt werden sollen; daß der fürsorgliche Staat uns davor bewahren möchte, am Ende noch am Wahlabend eine Dummheit zu machen.



Nun gibt es zum Glück Hochrechnungen. Und das Hochrechnen kann niemand verbieten. Also wissen wir jetzt, daß die Union glänzend abgeschnitten hat, daß die SPD ein miserables Ergebnis eingefahren hat, daß die Kommunisten sich mit rund 7 Prozent wieder dem Wert nähern, den sie hatten, als sie noch PDS hießen.

Die SPD und die Kommunisten zusammen noch keine dreißig Prozent - darauf könnte man schon eine Sektflasche öffnen.

Spannend wird es zwischen der FDP und den Grünen werden. Sie liegen im Augenblick Kopf an Kopf. Würde auch noch die FDP die Grünen überholen - das wäre dann vielleicht sogar eine zweite Flasche Sekt wert.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fahnen vor dem Gebäude der Europäischen Kommission. Autor: Xavier Häpe; frei unter Creative Commons Attribution 2.0 License.

2. August 2008

Der 44. Präsident der USA (8): McCain oder Obama - wer hat die bessere Presse? Und etwas über Master Narratives

Für Deutschland ist die Antwort auf die Frage nach der besseren Presse einfach:

Über Barack Obama wird in den deutschen Medien häufiger, ausführlicher und freundlicher berichtet als über John McCain. Das sagt uns die Erfahrung als Nutzer der deutschen Medien. Und irgendwo muß es ja auch herkommen, daß mehr als siebzig Prozent der Deutschen Obama wählen würden.

Aber wie sieht das eigentlich in den USA selbst aus?

Die führende Tageszeitung der USA, die New York Times, nimmt unverhohlen Partei für Barack Obama. Sie ging dabei kürzlich so weit, eine Entgegnung McCains auf einen Gastkommentar von Obama abzulehnen.

Aber die NYT ist nicht die amerikanische Presse; und die Tageszeitungen sind nicht die einflußreichsten Medien.



Schaut man sich die Berichterstattung der TV-Sender an, dann ergibt sich, wie gestern Katharine Q. Seelye in der New York Herald Tribune berichtete, ein interessantes und differenziertes Bild.

Der Tyndall Report, der seit 1987 die Berichterstattung der abendlichen Nachrichtensendungen analysiert, ermittelte bei den drei großen Senderketten ABC, CBS und NBC vom 3. Juni bis zum 23. Juni insgesamt 166 Sendeminuten für Obama, aber nur 67 Sendeminuten für McCain.

Das zeigt eine eindeutige Bevorzugung Obamas, wie sie eine entsprechende Analyse der deutschen TV-Nachrichten mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso zutage fördern würde.

Ergänzt wird dieses Bild durch eine Erhebung des Media Research Center zu den Auslandsreisen der beiden Kandidaten. Über die kürzliche Reise Obamas wurde danach insgesamt 92 Minuten berichtet. Als im März McCain eine Reise mit weitgehend denselben Zielen unternahm, umfaßte die Summe der Berichte nur achteinhalb Minuten. Die Dauer der beiden Reisen war fast dieselbe (McCain sieben, Obama acht Tage).

Die meisten dieser Berichte waren, da in den USA weit strenger als in Deutschland auf die Trennung von Nachricht und Meinung geachtet wird, in der Tendenz neutral. Der Vorteil für Obama lag in mehr exposure, mehr Präsenz also auf den Bildschirmen. Anders als in Deutschland wurde er nicht als der sympathischere Kandidat mit den besseren politischen Zielen dargestellt.

Es scheint sogar so zu sein, daß bei Meinungsäußerungen aus den Redaktionen McCain besser wegkommt als Obama. Das ist natürlich nicht so objektiv zu messen wie die Sendezeit in Minuten; aber es gibt inhaltsanalytische Verfahren (die Einstufung - Rating - durch geschulte Beurteiler), die, wenn sie kompetent angewandt werden, brauchbare Resultate liefern.

Katharine Q. Seelye zitiert eine solche Untersuchung aus der George Mason University. Danach äußerten sich von den Kommentatoren, die zu Obama eine explizite Meinung kundtaten, 72 Prozent negativ und nur 28 Prozent positiv. Von den Meinungen zu McCain waren 43 Prozent positiv und 57 Prozent negativ.



Wie auch immer man dieses Bild bewertet - klar scheint zu sein, daß im Augenblick eine heftige Schlacht zwischen Obama und McCain um ihre Präsenz und Darstellung in den Medien tobt.

Warum gerade jetzt? Katharine Q. Seelye zitiert dazu Martin Kaplan, den Direktor des Norman Lear Center der Annenberg School for Communication an der University of Southern California. Kaplan meint, in der jetzigen Phase des Wahlkampfs seien beide Seiten "engaged in one of its most important missions: establishing a negative narrative about the opponent". Jede Seite sei mit einer ihrer wichtigsten Aufgaben befaßt: Vom Gegner ein negatives Klischee zu entwerfen.

("Narrative" heißt wörtlich "Erzählung", hat aber in den Sozialwissenschaften oft die Bedeutung eines Schemas, einer Standarddarstellung, eines Klischees. Das im folgenden Text erwähnte Master Narrative ist also so etwas wie ein Rahmenschema, ein Interpretationsrahmen, ein allgemeines Bild):
"Both sides believe there is something called the master narrative," Kaplan said. "Yes, there is an abundance of voices and sources trying to influence that master narrative. But it does finally get set, and once it's set, it's virtually impossible to change. So everyone is doing their best to stop the master narrative from setting in a way that disadvantages their side."

The story lines at this relatively early stage are still shifting. The positive story line for McCain, and one backed up by the polls, is that he is a plausible commander in chief; for Obama, it is that he represents change. On the negative side, McCain is perceived as an angry old man, and Obama as a greenhorn who is dangerously full of himself.

"Beide Seiten sind der Auffassung", sagte Kaplan, "daß es etwas gibt, das sie das Master Narrative nennen. Gewiß gibt es eine Flut von Stimmen und Quellen, die dieses Master Narrative zu beeinflussen suchen. Aber irgendwann ist es etabliert, und wenn es erst einmal etabliert ist, dann ist es so gut wie unmöglich, es wieder zu ändern. Folglich tut jeder, was er kann, um zu verhindern, daß das Master Narrative sich zum Nachteil der eigenen Seite etabliert".

Die Inhalte wechseln in dieser relativ frühen Phase noch. Der positive Inhalt für McCain, der auch durch die Umfragen gestützt wird, ist, daß er ein geeigneter Oberbefehlshaber ist; für Obama, daß er den Wandel repräsentiert. Auf der negativen Seite wird McCain als ein zorniger alter Mann wahrgenommen, Obama als Greenhorn und als gefährlich selbstbezogen.



Ich fand den Artikel lesenswert. Hinzufügen könnte man, daß solche Versuche, vom eigenen Kandidaten ein positives und vom gegnerischen ein negatives Bild zu entwerfen, schon oft wahlentscheidend gewesen sind. Daß Bush vor vier Jahren Kerry besiegt hat, lag zum Beispiel wesentlich daran, daß Kerry erfolgreich mit dem Etikett "flip-flop" versehen werden konnte, weil er zu zentralen Fragen seine Meinung geändert hatte.

In den letzten Tagen hat das Team McCains einen Spot geschaltet, der in den USA großes Aufsehen erregte; CNN kommentierte ihn ausführlich. Es wurde versucht, den Erfolg von Obamas Auslandsreise ins Gegenteil umzukehren, indem dieser als ein Showstar wie Britney Spears dargestellt wurde: "He's the biggest celebrity in the world. But is he ready to lead?" (Er ist der größte Promi der Welt. Aber eignet er sich zur Führung?).

Und der neueste Spot bezieht sich auf das, was ich in der Serie über Obamas Weg in die Lächerlichkeit beschrieben habe: Obamas Selbstdarstellung mit Bezügen zur Bibel. In dem Spot sieht man Charlton Heston als Moses, unterlegt mit Zitaten von Obama wie dem über seine de- facto- Nominierung: "This was the moment when the rise of the oceans began to slow and our planet began to heal" (Dies war der Moment, an dem sich der Anstieg der Ozeane zu verlangsamen und in dem unser Planet zu gesunden begann).



Unter Wahlforschern ist der Nutzen solcher Herabsetzungen des Gegners, des "negative campaigning", umstritten.

Ein allgemeines Rezept, ob es nutzt oder schadet, gibt es wohl nicht. Es kommt auf die Situation an. Das Konzept des Master Narrative hilft das verstehen: Ist es einmal etabliert, dann kann ein negativer Wahlkampf leicht schaden, wenn er diesem etablierten Bild widerspricht. Solange das Bild eines Kandidaten aber noch unbestimmt ist, können solche negativen Spots es mit prägen.

Darauf hofft jedenfalls das Team von John McCain. Und es könnte richtig liegen. Nach dem aktuellen Gallup Poll daily tracking vom 31. Juli, das gleitende Mittelwerte aus täglichen Erhebungen bringt, liegen McCain und Obama mit je 44 Prozent jetzt gleichauf. In den vergangenen Wochen hatte Obama durchweg einen mal kleineren, mal größeren Vorsprung gehabt.



Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. - Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

11. April 2007

Der Fall Nguyen Van Ly. Oder: Wie ist eigentlich die Situation in Vietnam?

Auf den Fall bin ich durch die wöchentliche Kolumne von Delfeil de Ton im "Nouvel Observateur" aufmerksam geworden. Ein glänzender, satirisch- bitterer Autor, den ich seit Jahrzehnten sehr schätze. Einst ein Achtundsechziger, heute ein Liberal- Konservativer mit starken libertären Neigungen. Einer, der das "Il est défendu de défendre" ("Verbieten verboten") nicht gegen die Unterordnung unter eine maoistische oder sonstige Doktrin eingetauscht hat, wie fast alle seine anfänglichen Mitstreiter.

Es geht um Nguyen Van Ly.

Um wen? Ich vermute, daß die meisten Leser mit diesem Namen so wenig anfangen können, wie ich es konnte, bevor ich die Kolumne von Delfeil de Ton gelesen hatte. Denn Nguyen Van Ly wird nicht in den USA oder in sonst einem freien Land seiner Menschenrechte beraubt, sondern in Vietnam.



Zu den erstaunlichsten Erfahrungen meines politischen Lebens gehört es, mit welchem Gleichmut, um nicht zu sagen welcher Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen welcher zynischen Gleichgültigkeit diejenigen, die mit Parolen wie "Ho - Ho - Ho Tschi Minh" und "Schafft zwei, drei viele Vietnams!" zwischen 1967 und 1975 durch die Straßen gezogen waren, es hingenommen haben, daß ihre Helden, an die Macht gelangt, eine der barbarischsten Diktaturen des Zwanzigsten Jahrhunderts errichteten.

Vietnam, das die Phantasie bis zum Sieg der Kommunisten so sehr beschäftigt hatte, wurde danach - sieht man von den anfänglichen Berichten über die Boat People ab - sozusagen zur Terra Incognita.

Von den Linken, deren gefeiertes Vorbild der vietnamesische Stalin Ho Tschi Minh gewesen war, ignoriert: Was scherte einen sein Geschwätz von gestern?

Aber auch von den anderen vergessen.

Totalitären Diktaturen erzeugen, sieht man von ihrer eigenen Propaganda ab, selten News. Das ist ja ein Aspekt jedes totalitären Systems, daß die Nachrichten aus dem betreffenden Land deckungsgleich werden mit der Regierungspropaganda dieses Landes.

Aber auch das, was eigentlich berichtenswert wäre, gelangt kaum in die Medien. Wie Diktaturen ihre Untertanen behandeln, das ist keine Meldung wert; es hat keinen News Value. Ja, sicher, da geht es nicht rechtsstaatlich zu. Das weiß doch jeder - was also darüber berichten?

Interessant wird es erst, wenn sich politisches Kapital aus solchen Meldungen schlagen läßt. Wenn also eine Verletzung von Menschenrechten mit den USA und/oder mit dem Kapitalismus in Verbindung gebracht werden kann. Dann rollt die Angela- Davis- Kampagne; die Älteren erinnern sich.



Nguyen Van Ly - das Foto zeigt ihn, wie ihm vor Gericht der Mund zugehalten wird - ist ein katholischer Priester und Menschenrechtler, der seit Jahrzehnten für Religionsfreiheit in Vietnam kämpft und der dafür bisher 15 Jahre in Gefängnissen verbracht hat. Schon 1983 wurde er von Amnesty International in die Betreuung als Gefangener aus Gewissensgründen aufgenommen.

Der aktuelle Anlaß dafür, daß in dieser Woche Delfeil de Ton über ihn schreibt, ist seine erneute Verurteilung zu acht Jahren Gefängnis am 30. März dieses Jahres.

Seine ersten Gefängnisstrafen verbüßte Pater Nguyen Van Ly von 1977 bis 1978 und von 1983 bis 1992 wegen "Widerstands gegen die Revolution und Zerstörung der Einheit des Volks". Im Oktober 2001 wurde er erneut wegen seines Eintretens für die Meinungsfreiheit zu 15 Jahren verurteilt; die Strafe wurde dann verkürzt, und er kam 2004 frei.

Als Mitglied einer Menschenrechts- Organisation wurde er jetzt erneut verurteilt, weil er die "nationale Sicherheit gefährdet" habe. Er hatte nämlich zum Boykott der bevorstehenden "Wahlen" aufgerufen.



Kommentar? Delfeil de Ton schreibt sarkastisch:
Huit ans de prison pour le prêtre vietnamien Nguyen Van Ly. (...) Son crime ? Il a un comportement qui "met en danger la République socialiste du Vietnam", il mène une action contraire à la Constitution vietnamienne, "laquelle stipule que le Vietnam a un système de parti unique". Le parti unique impose une Constitution qui institue le parti unique, on ne voit pas ce que le prêtre Nguyen Van Ly peut dire là contre, sinon des sottises, et il est heureux que des photos montrent un policier qui plaque ses mains sur la bouche de l'accusé pour l'empêcher de les proférer.

Acht Jahre Gefängnis für den vietnamesischen Priester Nguyen Van Ly. (...) Sein Verbrechen? Er zeigt ein Verhalten, das "die sozialistische Republik Vietnam gefährdet", er handelt gegen die vietnamesische Verfassung, "welche in Vietnam ein Einparteiensystem bestimmt". Die Einheitspartei verordnet eine Verfassung, die die Einheitspartei institutionalisiert, es ist nicht einzusehen, was der Priester Nguyen Van Ly dagegen sagen könnte, höchstens Dummheiten, und es ist ein Glück, daß Fotos einen Polizisten zeigen, der dem Angeklagten die Hände über den Mund hält, um ihn daran zu hindern, das loszuwerden.


Eben habe ich den Namen "Nguyen Van Ly" als Suchbegriff bei Paperball eingegeben, das sehr vollständig die Berichterstattung der deutschen Presse dokumentiert. Das Resultat:
Leider gibt es keine Treffer zu Ihrer Suchanfrage.
Formulieren Sie Ihre Anfrage anders oder versuchen Sie es mit diesen Tipps:
- Überprüfen Sie die korrekte Schreibweise.
- Verwenden Sie weniger Wörter oder eine allgemeinere Formulierung.
Tja, allgemeinere Formulierung. Wäre der Priester Nguyen Van Ly in den USA oder in einem den USA freundlich gesonnenen Land seiner Menschenrechte beraubt worden, dann hätte ich nicht einmal seinen Namen, sondern nur "Menschenrechte USA" als Suchbegriffe einzugeben brauchen, um eine reiche Berichterstattung der deutschen Presse zu erschließen.

Aber ein Opfer des Kommunismus? Ehrlich, wen interessiert das?

23. Dezember 2006

Ketzereien zum Irak (2): Die Nachrichtenlage

Es ist im Grunde absurd: Der Irak steht im Mittelpunkt des Medieninteresses, und doch wird aus dem Irak kaum berichtet.

Es wird "kaum berichtet" in dem Sinn, daß die - freilich sehr lebhafte - Berichterstattung sich auf Anschläge von Terroristen beschränkt. Und auf die Schwierigkeiten der US-Regierung und des US-Militärs, diese terroristischen Aktivitäten zusammen mit der irakischen Armee einzudämmen. Der Irak wird uns ganz überwiegend als ein Schlachtfeld vorgeführt; und als ein politisches Chaos.

Wenn ich auf das hinweise, was darüber hinaus im Irak sich abspielt, sich entwickelt, vorangeht - dann hat das also, in Deutschland, in dieser manchmal sehr uniformen Medienlandschaft, wohl etwas Ketzerisches. Deshalb der Titel dieser Serie.



Der Irak hat ein massives, ein leider noch längst nicht beherrschtes Terrorismus-Problem. Nur ist der Irak ja nicht nur ein Land, das ein Terrorismus-Problem hat. So wenig, wie Deutschland nur ein Land mit Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus ist.

Aber die Berichterstattung aus dem Irak in der Mehrheit unserer Medien - sie ist ungefähr so, als würde die weltweite Berichterstattung aus Deutschland sich darauf beschränken, von der Not der Arbeitslosen und der Frechheit der Neonazis zu berichten.

Hier sind ein paar Informationen, die man im Blog Iraq the Model, geschrieben überwiegend von zwei Autoren aus Bagdad, Mohammed und Omar, in den letzten Tagen und Wochen lesen konnte. Leider sind die Beiträge nicht einzeln verlinkbar; man muß also ein wenig scrollen, um sie zu finden (Hervorhebungen von mir):



  • Auf den neuesten Beitrag, den Blog vom 20. Dezember, habe ich gestern hier aufmerksam gemacht: Omar sieht die aktuell anstehende politische Aufgabe darin, die gemäßigte, demokratisch gesonnene Mehrheit bei den Schiiten ebenso wie bei den Sunniten aus ihrer Abhängigkeit von den jeweiligen Extremisten zu lösen. Für mich gestern ein Anlaß, auf das allgemeine Problem einzugehen, wie Demokraten mit den Extremisten "ihrer Richtung" umgehen.



  • Blog vom 15. Dezember: Darin berichtet Mohammed über aktuelle Überlegungen zu einer Regierungsumbildung, die diesem Ziel dienen würde. Er erörtert die Chancen, daß sich bestimmte Gruppen beteiligen würden, und kommt dann zu einem interessanten Punkt:
    Either they insist on their obsolete doctrine and keep falling back in the face of liberal democracy which eventually leads to their defeat as a political power or, the moderate elements of political Islam, such as the two in the front in question, consider redesigning their policy and agenda in such a manner that avoids conflicts with other powers and accepts the concept of power-sharing and stop imposing their vision as the one and only right one to accept being a partner, not a sole leader. The good thing in all of this however is that extremism will be the loser and will keep shrinking on the long term.
    "They", das sind die nicht-terroristischen islamischen Gruppen. Was er von ihnen erwartet, das ist der Verzicht darauf, ihre eigene politische Vision gegen die der anderen vollkommen durchzusetzen. Sie müssen, meint er, sich demokratischen Spielregeln anbequemen. Die Extremisten, glaubt er, werden die Verlierer sein.



  • Blog vom 9. Dezember: Der Irak hatte dieses Jahr Öleinnahmen von 35 Milliarden Dollar, 14,3 Prozent mehr als vergangenes Jahr. (Da sieht man, wie die Ölkonzerne den Irak ausbeuten; Anmerkung von Zettel). Die Regierung hat es, schreibt, Mohammed, kaum geschafft, dieses ganze Geld auszugeben - nicht nur wegen des Terrorismus, sondern auch wegen mangelnder Effizienz der Behörden. Jetzt wird im Parlament diskutiert, die Bezüge der Beamten zu erhöhen und/oder einen Teil der Öl-Einkünfte direkt an die Bürger auszuschütten.

    Damit könnte die Entwicklung des privaten Sektors im Irak weiter angekurbelt werden. Und diese Passage zitiere ich wörtlich und übersetze sie, weil sich vielleicht viele bei der Lektüre die Augen reiben werden:
    The private sector in Iraq had witnessed giant leaps immediately after the fall of Saddam; that could be seen in the form of the thousands of private businesses that were established in the course of the past three years and that had a direct positive effect on the standards of living after long years of deprivation. It's worth mentioning that between 1946 and the beginning of 2003 a total of 8374 businesses were registered while between April 2003 and the end of 2005 more than 20,000 have been registered. During last month alone 286 new businesses were added. Such statistics seem quite extraordinary under the current security situation which sadly continues to overshadow and limits further improvement of this aspect of life in Iraq.

    Der private Sektor im Irak hat nach dem Fall Saddams einen gigantischen Sprung nach vorn erlebt; das zeigte sich in Gestalt tausender von Privatunternehmen, die im Verlauf der letzten drei Jahre gegründet wurden und die nach langen Jahren des Mangels eine unmittelbare Auswirkung auf den Lebensstandard hatten. Es verdient erwähnt zu werden, daß zwischen 1946 und Anfang 2003 insgesamt 8374 Unternehmen eingetragen wurden, während zwischen April 2003 und Ende 2005 mehr als 20 000 eingetragen wurden. Im letzten Monat allein kamen 286 Unternehmen hinzu. Solche Statistiken erscheinen recht außergewöhnlich unter der gegenwärtigen Sicherheitssituation, die leider weitere Verbesserungen dieses Aspekts des Lebens im Irak überschattet und beschränkt.



  • Blog vom 7. Dezember: Hier zitiert Omar diese offizíelle Mitteilung über die Gefangennahme zahlreicher Führer der terroristischen Ansar al-Sunna.

    Wo in den deutschen Medien wurde darüber berichtet? Während jeder Anschlag von Terroristen eine Meldung, oft einen Aufmacher, wert ist. Die Berichterstattung in den deutschen Medien hat insofern große Ähnlichkeit mit der Wehrmachtsberichterstattung: Die Erfolge der einen Seite (der Wehrmacht damals, der irakischen Terroristen heute) werden groß herausgestellt. Die der anderen Seite (der Alliierten damals, der MNF und der Irakischen Armee heute) werden unterschlagen oder heruntergespielt.


  • Warum diese Unvollständigkeit, diese Einseitigkeit der Nachrichten, die uns Deutsche aus dem Irak erreichen? Well, that's another question.

    Ob ich sie beantworten kann, weiß ich noch nicht. Aber mir scheint, daß die Unehrlichkeit, die Einseitigkeit, die Ereiferung in Sachen Irak zu den weniger erfreulichen Episoden linken Denkens in Deutschland, in Europa gehört.

    Es war ja sehr heftig getroffen, das linke Denken, durch das Scheitern des Sozialismus. Und mir scheint, am Irak versucht es sich jetzt wieder aufzurichten.