31.10.12

"Die Schafe würden Frieden halten, aber sie würden nicht lange leben". Zum Reformationstag ein Text von Martin Luther

Zum Reich der Welt oder unter das Gesetz gehören alle, die nicht Christen sind. Denn sintemal wenige glauben und der kleinere Teil sich nach christlicher Art hält, daß er dem Übel nicht widerstrebe, ja daß er nicht selbst Übel tue, hat Gott denselben außer dem christlichen Stand und Gottes Reich ein anderes Regiment verschafft und sie unter das Schwert geworfen, so daß sie, wenn sie gleich gerne wollten, ihre Bosheit doch nicht tun können, und wenn sie es tun, daß sie es doch nicht ohne Furcht, noch mit Friede und Glück tun können.

(Das geschieht) ebenso wie man ein wildes, böses Tier mit Ketten und Banden fesselt, daß es nicht nach seiner Art beißen noch reißen kann, obwohl es gerne wollte, während ein zahmes, kirres Tier dessen doch nicht bedarf, sondern ohne Ketten und Bande dennoch unschädlich ist.

Denn wo das nicht wäre, sintemal alle Welt böse und unter Tausenden kaum ein rechter Christ ist, würde eines das andere fressen, daß niemand Weib und Kind aufziehen, sich nähren und Gott dienen könnte, wodurch die Welt wüste würde. Deshalb hat Gott die zwei Regimente verordnet: das geistliche, welches durch den heiligen Geist Christen und fromme Leute macht, unter Christus, und das weltliche, welches den Unchristen und Bösen wehrt, daß sie gegen ihren Willen äußerlich Friede halten und still sein müssen. (...)

Wenn nun jemand die Welt nach dem Evangelium regieren und alles weltliche Recht und Schwert aufheben und vorgeben wollte, sie wären alle getauft und Christen, unter welchen das Evangelium kein Recht noch Schwert haben will, (bei denen es) auch nicht nötig ist: Lieber, rate, was würde der machen? Er würde den wilden, bösen Tieren die Bande und Ketten auflösen, daß sie jedermann zerrissen und zerbissen, und daneben vorgäben, es waren feine, zahme, kirre Tierlein.

Ich würde es aber an meinen Wunden wohl fühlen (was sie in Wirklichkeit sind). So würden die Bösen unter dem christlichen Namen die evangelische Freiheit mißbrauchen, ihre Büberei treiben und sagen, sie seien Christen und keinem Gesetz noch Schwert unterworfen, wie jetzt schon etliche toben und närrisch behaupten.

Diesen muß man sagen; ja freilich ists wahr, daß Christen um ihrer selbst willen keinem Recht noch Schwert Untertan sind, noch seiner bedürfen; aber siehe zu und mach die Welt zuvor voll rechter Christen, ehe du sie christlich und evangelisch regierst. Das wirst du aber nimmermehr tun, denn die Welt und die Menge sind und bleiben Unchristen, ob sie gleich alle getauft (sind) und Christen heißen.

Aber die Christen wohnen, wie man sagt, fern voneinander. Deshalb ists in der Welt nicht möglich, daß ein christliches Regiment sich über alle Welt erstrecke, ja, nicht einmal über ein Land oder eine große Menge. Denn der Bösen sind immer viel mehr als der Frommen.

Ein ganzes Land oder die Welt mit dem Evangelium zu regieren sich unterfangen, das ist deshalb ebenso, als wenn ein Hirt in einen Stall Wölfe, Löwen, Adler, Schafe zusammentäte und ein jegliches frei neben dem andern laufen ließe und sagte: Da weidet und seid rechtschaffen und friedlich untereinander, der Stall steht offen, Weide habt ihr genug, Hunde und Keulen braucht ihr nicht zu fürchten. Hier würden die Schafe wohl Frieden halten und sich friedlich so weiden und regieren lassen, aber sie würden nicht lange leben, noch würde ein Tier vor dem andern bleiben.

Deshalb muß man diese beiden Regimente mit Fleiß voneinander scheiden und beides bleiben lassen: eines, das fromm macht, das andere, das äußerlich Frieden schaffe und bösen Werken wehret. Keines ist ohne das andere genug in der Welt.
Martin Luther




Es ist Tradition, daß in diesem Blog zum Reformationstag ein Beitrag erscheint, der Martin Luther würdigt; unten finden Sie eine Liste dieser Artikel. In diesem Jahr sollte einmal Luther selbst zu Wort kommen; und zwar mit einem Text, der an Aktualität und Brisanz nichts verloren hat.

Es ist ein Auszug aus der Schrift "Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei", die der knapp vierzigjährige Luther 1522 verfaßte. Die Widmung an seinen thüringischen Landesherren Landgraf Johann I. (den Betändigen) ist "Zum Neujahrstag 1523" datiert und erläutert den Zweck der Schrift:
Wieder zwingt mich, Durchlauchter, hochgeborener Fürst, gnädiger Herr, die Not und die Bitte vieler Leute, vor allem der Wunsch Euer Fürstlichen Gnaden, von der weltlichen Obrigkeit und ihrem Schwert zu schreiben, wie man es christlich gebrauchen soll, und wie weit man ihm Gehorsam schuldig ist. (...) Ich hoffe aber, die Fürsten und die weltliche Obrigkeit so zu unterrichten, dass sie Christen und Christus ein Herr bleiben sollen, und man dennoch nicht Christi Gebote um ihretwillen zu bloßen "Räten" zu machen brauche.
Zum Hintergrund und zur theologischen Bedeutung der Schrift mögen Sie vielleicht diesen Gastbeitrag von Herr lesen: Gedanken zur christlichen Friedensbotschaft, Beobachtungen aus Afghanistan und eine Erinnerung an Luthers Zwei-Reiche-Lehre; ZR vom 1. 1. 2010.

Als ich Luthers Schrift jetzt gelesen habe, kam sie mir außerordentlich modern vor. Man könnte Luther, was seine Abgrenzung der Rechte des Staats (des Fürsten) angeht, nachgerade als einen Vorläufer des politischen Liberalismus verstehen.

Denn er weist, wie das Zitat es verdeutlicht, dem Staat (dem Fürsten) die Aufgabe zu, die Bürger vor Übergriffen zu schützen; er gibt ihm die Rolle des, wie man später sagte, "Nachtwächterstaats". Aber zugleich verbietet er ihm jeglichen Eingriff in deren Privatsphäre; vor allem, was den Glauben angeht. So richtig es ist, daß der Fürst Recht und Gesetz mit dem Schwert verteidigt, so sehr verlangt Luther von ihm - so würden wir es heute nennen - weltanschauliche Neutralität:
Wenn nun dein Fürst oder weltlicher Herr dir gebietet, es mit dem Papst zu halten, so oder so zu glauben, oder dir gebietet, Bücher von dir zu tun, sollst du so sagen: (...) Lieber Herr, ich bin euch schuldig zu gehorchen mit Leib und Gut; gebietet mir nach dem Maß eurer Gewalt auf Erden, so will ich folgen. Heißt ihr mich aber glauben und Bücher von mir zu tun, so will ich nicht gehorchen. Denn da seid ihr ein Tyrann und greift zu hoch, gebietet, wo ihr weder Recht noch Macht habt (...).
Welche Brisanz muß diese Lehre in totalitären Diktaturen, mußte sie beispielsweise in der DDR gehabt haben!



Frühere Beiträge zum Reformationstag:
  • Zum Reformationstag: Mein Luther; ZR vom 31. 10. 2006

  • Was wird am 31. Oktober gefeiert? Halloween?; ZR vom 31. 10. 2007

  • Zum Reformationstag: D. Martin Luther, der deutscheste aller deutschen Denker. Nebst Anmerkungen zum Deutschen Michel; ZR vom 31. 10. 2009

  • Zum Reformationstag: Von der Freiheit eines Christenmenschen; ZR vom 31. 10. 2010

  • Zum Reformationstag: Martin Luther – "ein Dichter und Sprachmeister von sonderlicher Gewalt"; ZR vom 31. 10. 2011 (von Herr)
  • Zettel



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Martin Luther als "Junker Jörg" auf der Wartburg. Das Porträt entstand 1522; in dem Jahr, in dem Luther den Text "Von weltlicher Obrigkeit" schrieb.
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