22.10.12

US-Präsidentschaftswahlen 2012 (39): Das Geheimnis von Romneys Aufschwung. Aber Obama hat weiter die besseren Chancen. Die Lage vor dem letzten Duell

Noch Anfang dieses Monats schien der Sieg Obamas eine ausgemachte Sache zu sein. Sein Parteitag war eine glänzende Show gewesen, derjenige Romneys ein Flop. In den Umfragedaten öffnete sich ab Ende August die Schere immer weiter. Der poll of polls - eine Zusammenfassung aller Umfragedaten - von Pollster läßt das deutlich erkennen. Es schien alles zu laufen wie 2008, als Obama seinen Siegeszug gegen McCain ebenfalls nach den beiden National Conventions begonnen hatte.

Inzwischen kann von einem sicheren Sieg Obamas keine Rede mehr sein. Was ist passiert?

Die übliche Antwort lautet, daß die glänzende Vorstellung Romneys und der klägliche Auftritt Obamas in der Debatte am 3. Oktober die Wende brachten (siehe Klarer Sieg für Romney. Ein Live-Kommentar zur Debatte; ZR vom 4. 10. 2012). Das ist auch nicht falsch. Aber warum war Romney so gut?

Für das Internetmagazin Politico hat jetzt Mike Allen in Romneys Hauptquartier recherchiert. Das Ergebnis: Entscheidenden Anteil an der Wende hatte Romneys Sohn Tagg, ein 42jähriger Harvard-Absolvent und erfolgreicher Geschäftsmann, der jetzt zum Beraterstab seines Vaters gehört.

Er hat sich gegen den Chefberater Stuart Stevens durchgesetzt, der einen harten, ganz auf die Ökonomie ausgerichteten Wahlkampf gegen Obama führen wollte. Tagg Romneys Devise war "let Mitt be Mitt" - Romney solle sich so geben, wie er wirklich ist und wie er seiner Familie vertraut ist: "the looser, generous and more approachable man they knew"; der lockerere, großzügige und weniger unnahbare Mensch, wie sie ihn kennen würden.

Wer Romneys Auftritte im Vorwahlkampf und auch noch auf dem Parteitag verfolgt hat, der mußte in der Tat erstaunt sein darüber, wie sympathisch und selbstsicher, wie wenig verkrampft der Kandidat in den letzten Wochen herüberkam.

Eine Folge dieses neuen Stils war die vielleicht erstaunlichste Entwicklung in diesem Präsident­schafts­wahl­kampf: Noch im Sommer sah eine Mehrheit der Wähler Mitt Romney negativ. Inzwischen wird er nicht nur deutlich positiver beurteilt. Sondern er genießt sogar mehr Sympathie (favorability) als Barack Obama, dessen Leistung als Präsident die Wähler zwar zunehmend kritisch gesehen hatten, der aber lange Zeit trotzdem noch als sympathisch wahrgenommen worden war.

Die letzte Zusammenfassung aller Umfragedaten bei Pollster zeigt Obama bei den Sympathiewerten nur noch knapp im Plus (49,3 Prozent positiv, 47,0 Prozent negativ; Differenz also 2,3 Prozentpunkte). Romney dagegen ist aktuell mit einer Differenz von 5,1 Prozentpunkten deutlich im positiven Bereich (49,1 Prozent positiv, 44,0 Prozent negativ). Noch im Juni war Romney mit ungefähr demselben Differenzbetrag mehrheitlich negativ beurteilt worden.

Parallel dazu hat sich das Engagement der Wähler Romneys seit dem Sommer, als nur ein Drittel ihn "stark" unterstützt hatte, nachgerade dramatisch verbessert. Auch hier liegt er inzwischen gleichauf mit Obama (siehe Romneys Aufschwung - "Bounce" oder Wende? ; ZR vom 11. 10. 2012). Die republikanische Basis ist mobilisiert; besser als die Obamas. Sogar der erzkonservative Rick Santorum, der noch auf dem Parteitag den Kandidaten Romney nur lauwarm unterstützt hatte, macht jetzt mit Begeisterung Wahlkampf für ihn.

Der Wahlkampf Romneys hat also in den vergangenen Wochen Schwung bekommen. Der Sieg in der Debatte am 3. Oktober war ein wichtiger Teil dieser Entwicklung, aber ihr Kern war die Umstellung der Strategie gewesen. Den Wählern präsentierte sich ein neuer Romney, der doch eigentlich nur der alte Romney war - weder verzerrt durch die persönlichen Attacken seiner Gegner noch zurechtgestutzt von seinen eigenen Strategen.



Eine Rolle spielte bei diesem Imagewandel auch, daß sich die persönliche Kampagne gegen Mitt Romney totgelaufen hatte.

Seit dem Vorwahlkampf hatten sich Romneys Gegner in negative campaigning geübt - in Kampagnen, die ihn persönlich herabzusetzen trachteten; die ihn als einen herzlosen, geldgierigen Kapitalisten, als einen Mann ohne Überzeugungen malten. Im Vorwahlkampf hatte das vor allem sein Konkurrent Newt Gingrich betrieben; Obamas Wahlkampf nach der Nominierung der Kandidaten brauchte daran nur anzuknüpfen.

Romney hat sich dagegen kaum gewehrt. Er hat auch darauf verzichtet, mit gleicher Münze heimzuzahlen und seinerseits eine persönliche Kampagne gegen Obama zu führen. Er hat offenbar darauf gesetzt, daß das negative campaigning auf Dauer nicht tragen würde und daß, je mehr seine Wahlkampfspots und seine Auftritten in Debatten ihn bekannt machen, umso schneller sich das Publikum dieser Negativ­propaganda entziehen würde. Mit dem Wechsel seiner Strategie hat das funktioniert.

Ein weiterer Faktor für seinen Aufschwung in den vergangenen Wochen ist, daß Romney von Anfang an die Entscheidung in der letzten Phase des Wahlkampfs und bei Sachthemen gesucht hatte. Seine Strategie war die eines Langstreckenläufers, der es in Kauf nimmt, hinter seinen Gegnern herzutraben und der deshalb noch mehr Reserven für den Endspurt hat.

Deshalb hat er anfangs weniger Geld ausgegeben und hat er deshalb jetzt noch mehr Mittel zur Verfügung als Obama (siehe Romney und Obama liegen Kopf-an-Kopf; ZR vom 16. 10. 2012). Deshalb hat er den thematisch profilierten Paul Ryan auf sein ticket geholt (siehe Romney spielt Vabanque - aufgrund einer rationalen Analyse. Paul Ryan und Politics 101; ZR vom 12. 8. 2012).

Diese letzte Phase des Wahlkampfs wird dadurch von Romney dominiert. Der Wendepunkt war die Debatte am 3. Oktober. Aber auch die zweite Debatte am vergangenen Donnerstag, in der Obama deutlich besser aussah, scheint Romney kaum geschadet zu haben. Denn Obama erkaufte seinen "Punktesieg" mit unaufhörlichen Attacken auf Romney.

Auch an diesem Abend wurde mehr über dessen Programm als über die Bilanz der Regierung Obama debattiert. Romney hat nicht "gewonnen"; aber er hat zum zweiten Mal präsidiale Statur gezeigt. Er festigte das Image eines sympathischen und kompetenten Kandidaten. Obama punktete zwar mit Angriffslust. Aber wegen dessen Angriffslust (noch dazu nach der vorangegangenen lustlosen Vorstellung) wählt man nicht jemanden zum Präsidenten.

Also hat Mitt Romney gegenwärtig ausgezeichnete Chancen, die Wahl am 6. November zu gewinnen?



Glaubt man den Daten von Gallup (letzter Erhebungszeitraum: 14. bis 20. Oktober), dann ist das so. Bei den likely voters (LV) - denen, die wahrscheinlich zur Wahl gehen werden - hat dort Romney einen Vorsprung von 7 Prozentpunkten (52 zu 45 Prozent).

Aber mit diesem Wert steht Gallup allein (zu den möglichen Ursachen siehe meine Anmerkung in Zettels kleinem Zimmer und ausführlicher Nate Silver). Im Schnitt der anderen Umfragen (die sehr zahlreich sind; vielleicht 20 jeden Tag, diejenigen für Bundesstaaten eingeschlossen) liegen die beiden Kandidaten gleichauf. Bei RealClearPolitics führt Obama heute Nachmittag mit 47,3 zu 47,0 Prozent. Bei Pollster liegt Romney mit 47,1 zu 47,0 Prozent vorn. Es herrscht also ein perfekter Gleichstand.

Was die Siegeschancen angeht, ist allerdings nicht dieser popular vote ausschlaggebend, der Anteil an den Wählerstimmen. Präsident wird, wer die Mehrheit im electoral college hat, dem Gremium der Wahlleute. In dieses entsendet jeder Staat eine bestimmte Anzal von Elektoren, die ungefähr proportional zu seiner Bevölkerung ist. Sie wählen (im Prinzip) geschlossen denjenigen, der in ihrem Staat gesiegt hat; wenn auch unter Umständen nur ganz knapp. Dieses System kann es durchaus mit sich bringen, daß jemand Präsident wird, der beim popular vote hinten liegt; so, wie George W. Bush 2000 gegen Al Gore.

Die meisten Staaten sind mehr oder weniger eindeutig "rot" (republikanisch) oder "blau" (demokratisch). Bei Nate Silver finden Sie für jeden Staat die Wahrscheinlichkeit, daß er beim gegenwärtigen Stand der Umfragen ins eine oder andere Lager fällt.

Obamas großer Vorteil ist, daß die meisten der bevölkerungsreichen Staaten blaue Staaten sind; vor allem Kalifornien (55 Elektoren), New York (29 Elektoren) und der Industriestaat Illinois (20 Elektoren). Sie wertet Silver alle drei mit "100 Prozent blau"; damit hat also Obama bereits 104 der benötigten 270 Elektoren völlig sicher.

So gut wie sicher sind ihm auch (mit Werten von über 95 Prozent in Silvers Modell) an der Westküste Oregon und Washington, im Industriezentrum um die Großen Seen Minnesota und Michigan, im Südwesten New Mexico; dazu fast alle Staaten Neuenglands mit Ausnahme von New Hampshire, wo Silver Obamas Siegeschance mit derzeit 63 Prozent bewertet.

Mitt Romney hat zwar - Sie können das sehr schön auf dieser Karte sehen - in allen anderen Staaten gute Siegeschancen oder ist dort der sichere Sieger. Aber das sind ganz überwiegend Staaten, die nur wenige Delegierte in das electoral college entsenden; Wyoming, Montana, North Dakota und South Dakota zum Beispiel je 3, die meisten anderen zwischen 4 und 10. Der einzige große Staat mit einer 100prozentigen Siegeswahrscheinlichkeit für Romney ist Texas (38 Elektoren).

So kommt es, daß sich die Wahl in den wenigen swing states (auch battleground states genannt) entscheiden wird; denjenigen Staaten, in denen noch offen ist, wer die Elektoren für sich gewinnt. Dort hat derzeit noch immer überwiegend (nämlich - nach der Auswertung Nate Silvers - in Nevada, Colorado, Wisconsin, Iowa und New Hampshire) Obama die Nase vorn; Romney nur in Virginia, North Carolina und dem allerdings wichtigen Florida (29 Elektoren). Besonders umstritten ist Ohio. Auch dort liegt Obama derzeit noch in Führung; wenn auch nur mit einem Abstand von 2 Prozentpunkten und mit einem Trend zugunsten von Romney. Aber während des gesamten Wahlkampfs hat dieser dort noch nie vorn gelegen.

Es liegt im Wesen der Definition von swing state, daß das alles noch keine Vorentscheidung bedeutet. Geringfügige Änderungen können einen Staat vom einen Lager ins andere befördern. Es kann gut sein, daß Romney eine Mehrheit erreicht; aber die gegenwärtigen Chancen sind für Obama größer.



Der Debatte in der heutigen Nacht in der Lynn University in Baco Baton, Florida, kommt deshalb eine große Bedeutung zu. Anders als beim letzten Mal ist es kein townhall meeting, in dem Bürger Fragen stellen können; sondern die beiden Kontrahenten sind wie am 3. Oktober mit dem Moderator allein vor dem Auditorium.

Diesmal werden sie nicht an Pulten stehen, sondern gemeinsam an einem Tisch sitzen. Der Moderator Bob Schieffer, ein altgedienter, 75jähriger Journalist des Senders CBS, hat bereits 2004 und 2008 eine solche Debatte moderiert und dürfte sich nicht die Ausrutscher einer Candy Crowley leisten (siehe Hat Obama Romney "der Lüge überführt"? Nein. Eine Dokumentation der Fakten. Nebst einer Anmerkung zur Einmischung der Moderatorin Candy Crowley; ZR vom 17. 10. 2012).

Das Thema ist diesmal die Außenpolitik. Das Internetmagazin Slate meint in seiner Presseschau, daß die Erwartungen an Obama höher seien als die an Romney, weil der Präsident mit seiner Außenpolitik bisher überwiegend Zustimmung gefunden habe. Obama hat als derjenige, der vier Jahre lang die Verantwortung trug und der international erfahren ist, den leichteren Stand als Romney, der sich bisher in der Außenpolitik nur wenig profilieren konnte.

Andererseits dürfte Mitt Romney entlang einer Linie argumentieren, die in Amerika meist auf Resonanz trifft: Daß die nationale Sicherheit Vorrang hat und daß Obama auf diesem Gebiet zu wenig getan hätte. Es wird noch einmal um die Morde an den amerikanischen Beamten in Bengasi in Libyen gehen, um die Politik gegenüber dem Iran. Dabei dürfte vor allem auch die aus Obamas Regierungsapparat lancierte, inzwischen dementierte Meldung eine Rolle spielen, daß der Iran jetzt zu bilateralen Gesprächen mit den USA bereit sei - aber erst nach der Wahl (siehe Vor Direktverhandlungen Iran-USA? Obama bekommt Wahlkampf-Hilfe; ZR vom 21. 10. 2012).

Bob Schieffers hat allerdings angekündigt, daß er ein breites Spektrum von Themen ansprechen wird: Die Rolle der USA in der Weltpolitik, den Krieg in Afghanistan, das iranische Atomprogramm, die politischen Differenzen mit Israel; nicht zuletzt den Aufstieg Chinas und die Frage, wie die USA darauf reagieren.

Wie immer beginnt die Debatte um 3.00 Uhr MESZ und wird von CNN übertragen. Man kann CNN über Astra empfangen oder sich den Livestream ansehen.
Zettel



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Das Lansdowne-Porträt von George Washington, gemalt von Gilbert Stuart (1796). National Portrait Gallery der Smithsonian Institution. Das Porträt zeigt Washington, wie er auf eine weitere (dritte) Amtszeit verzichtet. Links zu allen Beiträgen dieser Serie finden Sie hier. Siehe auch die Serie Der 44. Präsident der USA von 2008.
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