18.10.12

Marginalie: Australien exportiert verstärkt Uran. Indien wird die Stromerzeugung aus KKWs vervierfachen. Und wo bleiben wir deutschen Vorreiter?

Eveline Lemke, Ministerin für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung des Landes Rheinland-Pfalz, hat im Frühjahr dieses Jahres erklärt, warum die "Energiewende" in Deutschland von globaler Bedeutung ist:
Wenn wir diese Energiewende nicht hinkriegen und der Welt nicht zeigen können, wie man Klimawandel gestaltet in der Energiewirtschaft, dann kann sich keiner was abgucken. Deutschland ist Vorreiter. Wir wollen, daß sich die Welt abguckt, wie das geht, das Klima zu schützen.
Ich habe das damals zitiert und kommentiert. Diese Äußerung ist ein schönes Beispiel dafür, wie die großkotzige "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen"-Mentalität alle Wendungen der deutschen Geschichte überlebt hat; nur sind die sie tragenden Schichten jetzt nicht mehr der Adel und das Großbürgertum wie zur Zeit Wilhelms des Zweiten, sondern es ist die neue rotgrüne Aristokratie. (Dazu und zur aristokratischen Attitüde der Ministerin Eveline Lemke siehe Sollen sie doch Kuchen essen; ZR vom 15. 10. 2012).

Der Kern der "Energiewende" ist bekanntlich der im Frühsommer 2011 beschlossene "Ausstieg aus der Kernenergie". Hier speziell möchten wir Deutschen gern dem Rest der Welt voranreiten; so, wie dies der seinerzeitige Minister Röttgen im April 2011 formuliert hat:
Wir müssen Vorreiter sein und zeigen, dass dieser Weg gangbar ist, gerade in einem Hochindustrieland wie Deutschland. Wenn wir erfolgreich vorangehen, werden auch andere folgen.
Und wie ist es nun mit der Vorreiterei? Wen sieht denn der Vorreiter Deutschland in seinem Gefolge, wenn er sich umblickt? Niemanden.

Japan hat seine eigenen Gründe, in einer fernen Zukunft vielleicht die friedliche Nutzung der Kernenergie aufzugeben; da bedurfte es keines Vorreiters. Ansonsten setzt man weltweit nicht aufs Aussteigen, sondern auf einen Ausbau der Kernenergie. Ein Beispiel ist Indien.



Die folgenden Angaben entnehme ich einer Analyse, die heute bei Stratfor erschienen ist. Sie hat das allgemeinere Thema der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Indien, Australien und Japan; befaßt sich in diesem Rahmen aber auch mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie:

Indien kann seinen wachsenden Energiehunger nicht selbst befriedigen. Nach Auskunft des indischen Energieministeriums hat das Land im Augenblick bei der Strom­erzeugung eine Kapazität von 206 Gigawatt, eine der höchsten der Welt. Davon entfallen 56 Prozent auf Kohle, 19 Prozent auf Wasserkraft und 9 Prozent auf Erdgas. Die Kohle muß größtenteils importiert werden, was sie erstens teuer macht und zweitens eine Abhängigkeit Indiens von den Lieferanten bedeutet. Deshalb wird Indien seine Atomkraft verstärkt ausbauen.

Im Augenblick hat Indien 20 KKWs, die nur 2 Prozent des Strombedarfs decken. Innerhalb der nächsten beiden Jahrzehnte soll die Kernkraft massiv ausgebaut werden, so daß sie weitere 63 Gigawatt liefern wird - also fast ein Drittel dessen, was Indien gegenwärtig insgesamt erzeugt. Allerdings wird bis dahin der Bedarf weiter angestiegen sein, so daß 2030 der Anteil der Kernenergie sich "nur" vervierfachen wird - von jetzt 2 auf dann 8 Prozent.

Indien ist auch für die Kernkraft auf Importe angewiesen. (Um das Thorium nutzen zu können, über das es verfügt, fehlt noch die Technologie). Ein potentieller Lieferant ist Australien.

Dort hatte man bisher aus politischen Gründen Indien nicht beliefert, weil es dem Atomwaffen-Sperrvertrag nicht beigetreten ist. Diese Politik hat Australien jetzt revidiert. Dabei spielt eine Rolle, daß die Nachfrage aus Deutschland und möglicherweise demnächst Japan sinken wird und Australien deshalb Indien als neuer Abnehmer für sein Uran willkommen ist.

Generell strebt Australien es an, neben seinen traditionellen Exportgütern Kohle und Eisenerz verstärkt auch Uran zu exportieren; angesichts des weltweiten Ausbaus der Nuklear­energie ein Wachstumsmarkt.

Neben dem Uranmarkt geht es um den Markt für den Bau von Kernkraftwerken. Aus der Zeit des zum Sozialismus tendierenden Indien besitzt das Land noch vor allem KKWs aus der Sowjetunion. Aber 2008 wurde ein Kooperations­abkommen mit den USA unterzeichnet.

Die USA verbanden damit die Hoffnung, daß nun amerikanische Lieferanten von KKWs verstärkten Zugang zum indischen Markt erhalten würden. Das hat sich aber nur bedingt realisiert, weil bürokratische Hindernisse aufgebaut wurden und die Inder lieber mit Lieferanten aus verschiedenen Ländern kooperieren. Vor allem Japan versucht mit dem Bau von KKWs in Indien ins Geschäft zu kommen. Derzeit hat die indische Regierung Vorverträge für den Bau neuer KKWs sowohl mit Westinghouse als auch mit Hitachi unterzeichnet.



Es geht also alles seinen normalen Gang. Weltweit wird die Kernenergie ausgebaut, weil sie eine kostengünstige, sichere und umweltfreundliche Form der Stromerzeugung ist. Nur Deutschland hat sich in einem Akt kollektiver Besoffenheit in den Kopf gesetzt, da nicht mitzumachen.

Wie die meisten verschrobenen Weltverbesserer glauben wir Deutschen, wir hätten als einzige die richtigen Einsichten; wir seien die Vorreiter. Aber es reitet so gut wie niemand hinterher.

Der Vorreiter Deutschland ist eher ein Ritter von der traurigen Gestalt; freilich noch nicht einmal mit einem Sancho Pansa, der für ein wenig praktische Vernunft sorgt.
Zettel



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