26.10.12

Zettels Meckerecke: Sie wollten doch nur spielen. Die Jugendpartei "Die Piraten" scheitert am Erwachsenwerden

Gut ein Jahr hat er also gedauert, der Kindergeburtstag, den "Die Piratenpartei Deutschland" dem staunenden, mal amüsierten und mal entsetzten Publikum als neue Politik verkaufen wollte. Im September 2011 hatte diese Partei ihren Überraschungserfolg in Berlin, und von nun an ging's bergauf.

Lange Zeit jedenfalls; sofern ein Jahr eine lange Zeit ist (in der Jugend ist es das). Jetzt, so scheint es, müssen die Kinder nach Hause. Die Mamas und Vatis werden die bunten Tellerchen und die Lampions und all die schöne Dekoration schon wegräumen.



Denn in dem Dauerstreit, den diese Partei Vorstandsarbeit nennt, gibt es eine neue Runde: Wie man beispielsweise in dem Bericht von Manuel Bewarder in "Welt-Online" lesen kann, haben die Vorstandsmitglieder Julia Schramm und Matthias Schrade ihren Rücktritt erklärt.

Ein harter Schlag für die Partei. Und umgekehrt trifft es sie offenbar nicht weniger hart, daß ihr Bundes­geschäfts­führer angekündigt hat, nicht zurückzutreten. Bewarder über Johannes Ponader:
Der stellvertretende Vorsitzende Sebastian Nerz legte ihm indirekt den Rücktritt nahe. Parteichef Bernd Schlömer sagte, Ponader solle mal arbeiten gehen. (...) Noch am Donnerstag war abgemacht, dass auch Ponader zurücktreten werde. Am Freitag änderte er jedoch seine Meinung und teilte auf Twitter mit, er werde nicht zurücktreten (...) .
Machtkäpfe also, wie sie nun einmal in jeder Partei vorkommen? Nein, so kommt das nicht in jeder Partei vor.

Nach ihrem Wahlsieg in Berlin habe ich die Entwicklung dieser Piratenpartei ziemlich genau verfolgt und immer wieder darüber geschrieben. Es war und ist eine Partei von Jugendlichen - nicht bei allen dem Alter, aber bei allen der Mentalität nach. Man glaubte, erfüllt von den Macht­phantasien, die der Jugendzeit eigen sind, alle anderen Parteien machten es falsch, und nur man selbst mache es richtig.

Man wollte nicht in Hinterzimmern kungeln, sondern alles sollte in totaler Transparenz ablaufen. Alle im Vorstand, möglichst auch in der Geschäftsführung, sollten ehrenamtlich "sich einbringen", statt Vollzeit für die Partei zu arbeiten. Alle wollten sich immer den Beschlüssen der Basis fügen, statt zu versuchen, ihre eigene Meinung durchzusetzen.

Das war weltfremd, eben jugendlich-unreif; so unreif wie die Vorstellung von einer Rundumversorgung durch Vater Staat, der aber zugleich den Nachwuchs spielen lassen soll, was immer er spielen will (siehe Die Naivität der Piraten. Ein Vater Staat, ganz wie Papa zu Hause; ZR vom 12. 7. 2012).

Es konnte nicht funktionieren und hat von Anfang nicht funktioniert.

Die "Ehrenamtlichen" haben geschmissen, als sie entdeckten, daß ein Spitzenpolitiker einen Fulltime-Job hat. Der vorübergehende Star Marina Weisband zum Beispiel; Christofer Lang, Aleks Lessmann, René Brosig und der frühere Berliner Landesvorsitzende Gerhard Anger. Sie alle traten "aus Überforderung" zurück (siehe Erschöpfte "Piraten". Die Jugendpartei und das Erwachsenwerden; ZR vom 1. 6. 2012). Jetzt also Julia Schramm ("Aus dem Ehrenamt Politik ist ein Beruf geworden, den ich so nicht ausüben möchte").

Genauso wie die Vorstellung vom Freizeit-Spitzenpolitiker scheiterten die Phantasien von der totalen Transparenz und von der totalen Basisdemokratie. Auf der Flucht vor ihrer Öffentlichkeit verlegten Vorständler ihre Sitzung kurzerhand in eine Privatwohnung. Die Basisdemokratie via Liquid Feedback führte dazu, daß winzige Minderheiten von Mitgliedern Entscheidungen bestimmen konnten (siehe Wie die Basisdemokratie und wie die Transparenz bei der Piratenpartei funktioniert. In Berlin jedenfalls; ZR vom 17. 5. 2012).



Diese Partei, die den Namen von Verbrechern führt und die als Logo das Segel eines Piratenschiffs hat, macht schon durch diese Selbstkennzeichnung sichtbar, daß sie es nicht ernst meint: Piraten, das sind für sie offenbar keine Mörder und Diebe wie im richtigen Leben. Pirat, nicht wahr, das haben wir doch alle mal gespielt zum Kinderkarneval; mit dem aufgemalten Bart, dem Säbel in der Hand und dem Totenkopf auf dem roten Kopftuch.

Seien Sie doch nicht so! mag auch jetzt der eine oder der andere Pirat denken, der diesen Artikel vielleicht liest. Wir wollten halt einmal etwas Neues ausprobieren. So ist Jugend eben.

Genau. Gewiß. Nur daß üblicherweise Jugendliche ihre ersten politischen Erfahrungen im Schülerparlament machen, dann vielleicht bei den Jungliberalen, der Jungen Union oder den Jusos. Und nicht gleich ihre eigene Jugendpartei gründen; mit dem Anspruch, als Erwachsene ernstgenommen zu werden.
Zettel



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