9.10.12

Deutschland im Öko-Würgegriff (35): Senkt eigentlich Wärmedämmung die Heizkosten? Sie kann durchaus den gegenteiligen Effekt haben

Allmählich dämmert es auch unseren großen Medien, was Deutschland mit der "Energiewende" auf sich geladen hat. Im aktuellen gedruckten "Spiegel" (41/2012 vom 8. 10. 2012, S. 25 - 29) kann man einen von fünf Autoren geschriebenen Artikel lesen, der die Umrisse des Desasters zeigt, auf das Deutschland zusteuert.

Unter der Überschrift "Merkels Blackout" erfährt man beispielsweise, daß bereits jetzt der deutsche Strompreis mit 25,30 Euro je 100 Kilowattstunden weit über dem Preis in Frankreich (14,20 Euro) und in Großbritannien liegt (15,80 Euro). Er ist schon gegenwärtig der zweithöchste in Europa; und wir stehen ja erst am Anfang der Energiewende.

Die EEG-Umlage wird auf voraussichtlich 5,40 Euro je 100 Kilowattstunden steigen. Noch im Juni vergangenen Jahres hatte die Kanzlerin versprochen, sie werde 3,5 Cent/Kilowatt­stunde nicht übersteigen; also 3,50 Euro je 100 Kilowattstunden. Demnächst wird diese Sondersteuer zur Finanzierung "alternativer Energien" größenordnungsmäßig den Strom um ein Viertel verteuern.

Diese Steigerung der Stromkosten betrifft natürlich nicht nur die privaten Haushalte. EU Kommissar Oettingern sieht laut "Spiegel" inzwischen die Energiekosten als "das größte Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland".

Der "Spiegel"-Artikel beschreibt auf sechs Druckseiten die ganze Misere, von den irrwitzigen Subventionen für die Photovoltaik bis zu der Entscheidung, in den Offshore-Windanlagen den Strom in vielen hundert Kilometern Entfernung von den Orten zu produzieren, an denen er vorwiegend benötigt wird; ihn von dern Nordsee nach Bayern und Baden-Württemberg längs durch die ganze Republik zu transportieren.

Aber eine Oase sehen die "Spiegel"-Autoren in dieser trostlosen Wüste: Das Einsparen von Energie durch bessere Wärmedämmung. Sie schreiben:
Rund 18 Millionen Wohngebäude gibt es in Deutschland, hier schlummern große Reserven. Etwa 70 Prozent dieser Immobilien wurden vor 1979 gebaut, also bevor die erste Wärmeschutzverordnung in Kraft trat. Bei den meisten sind weder die Außenwand noch die Kellerdecke oder der Boden gedämmt. Würden die Gebäude saniert, könnte sich ihr Energieverbrauch um zwei Drittel verringern, schätzt das Münchner Forschungsinstitut für Wärmeschutz.
Könnte. Könnte aber vielleicht auch nicht.



Benutzen Sie gelegentlich eine Thermosflasche? Vielleicht haben Sie eine, um Ihren Kaffee für die Kaffeepause warmzuhalten. Sie könnten sie aber ebenso gut einsetzen, damit im Sommer Ihr Eistee länger kühl bleibt.

Denn die Thermosflasche ist ja nicht nur eine Wärmefalle. Sie ist ebenso eine Kältefalle. Ihre wärmeisolierende Schicht mindert den Wärmeaustauch zwischen Innen und Außen. Ist es innen warm und außen kalt, dann hält sie die Wärme. Scheint aber beispielsweise die Sonne auf die Flasche mit Eistee, dann bleibt dieser eher kühl, wenn es eine Thermosflasche ist.

Elementare Physik, nicht wahr? Und doch wird sie selten erwähnt, wenn man von Wärmedämmung spricht.

Gestern ist in der "Welt" ein Artikel von Richard Haimann erschienen, der sich mit diesem Sachverhalt beschäftigt. Titel: "Energiewende - Wärmedämmung kann Heizkosten in die Höhe treiben". Haimann ist Fachautor u.a. für das Thema Immobilien; und er hat sich mit Untersuchungen zur Auswirkungen von Wärmedämmung befaßt. Sein Fazit:
Die Ergebnisse werfen die Frage auf, ob die Bundesregierung mit der geplanten Verschärfung der Energieeinsparverordnung ihre Ziele in der Energie­wende nicht konterkariert.
Schon 1987 gab es dazu eine umfassende Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik. Haimann zitiert als ihr Ergebnis, daß
die Verwendung von Dämmstoffen den Heizenergie­verbrauch nicht senkt, sondern im Vergleich zu Massiv­wänden vielmehr in die Höhe treibt. (...)

Dass die Dämmmaterialien die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen, liegt der Studie zufolge an einer simplen physikalischen Gesetzmäßigkeit: Massive Mauern sind selbst im Winter in der Lage, die Wärme der Sonnenstrahlen zu speichern und bis in den späten Abend hinein in die Innenräume abzugeben. Bei gedämmten Häusern ist dies hingegen aufgrund der dicken Kunststoffmassen an den Außenwänden nicht möglich.
Es ist eben wie bei der Thermoskanne. Sie hält die Wärme im Inneren, aber die Isolierung verringert auch die Aufnahme von Wärme von außen. Und diese existiert bei einem Haus in Form von Strahlungswärme auch an einem kalten Wintertag, wenn die Sonne scheint.

Spätere Untersuchungen haben das Ergebnis der Fachleute von der Fraunhofer-Gesellschaft bestätigt.

Das Hamburger Gewos-Institut untersuchte Mehrfamilien­häuser der Baujahre 1984 bis 1992. Ein Teil hatte nur Ziegelwände; der andere Teil war zusätzlich mit einer Außendämmung versehen. Die ungedämmten Häuser wiesen, so faßten die Forscher ihrer Befunde zusammen, "einen niedrigeren Jahresbrennstoffverbrauch auf als die Gebäude mit zusätzlicher Dämmung der Außenwand."

Der Professor für Baukonstruktion an der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hildesheim Jens Fehrenberg verglich in einer weiteren Untersuchung über einen längeren Zeitraum ein gedämmtes und ein ungedämmtes Miethaus hinsichtlich der Heizkosten. Er kam zum selben Ergebnis wie die Gewos-Forscher und die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts. Haimann zitiert seine Schlußfolgerung so: Die Ziegel speichern die Wärme der Sonnenstrahlen und geben sie zum Teil nach innen ab. "Durch eine zusätzliche Außendämmung geht dieser Effekt verloren."



Es scheint, daß wir damit dem Wahnwitz der hochsubventionierten Photovoltaik, dem Wahnwitz des von der Nordsee an den Starnberger See transportierten Stroms und dem Wahnwitz, sichere und kostengünstige KKWs mutwillig abzuschalten, noch einen weiteren hinzufügen dürfen: Den Wahnwitz, Häuser in dämmendes Material einzupacken, so daß die Bewohner im Winter nicht mehr von der Wärme der Sonne profitieren können. Von allen den anderen Häßlichkeiten der Wärmedämmung ganz abgesehen; siehe "Wärmedämmung - die Burka für das Haus". Cora Stephan über Wohnen im Fachwerk und die Energiewende; ZR vom 5. 2. 2012.




Nachtrag am 11. 10.: In Zettels kleinem Zimmer hat Hohenstaufen in diesem und diesem Beitrag darauf aufmerksam gemacht, daß den von Haimann referierten Ergebnisse andere Untersuchungen gegenüberstehen, die einen nachteiligen Effekt von Wärmedämmung auch bei Ziegelwänden nicht belegen.
Zettel



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Schiffe sinken im Sturm. Gemälde von Ludolf Backhuysen (ca 1630). Mit Dank an Califax und Hohenstaufen.