21. Januar 2009

Alles Gute, Präsident Obama!

Selten hat ein Staatsmann ein Amt mit so vielen Vorschußlorbeeren angetreten wie Präsident Obama.

Ein Mann, der bisher weder in seinem Beruf noch in der Politik Außergewöhnliches oder auch nur Bemerkenswertes geleistet hat. Ein Präsident, der sein Amt mit so wenig Erfahrung antritt, wie kaum je einer in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Ein Präsident, der dieses Amt seiner ungewöhnlichen rhetorischen Begabung verdankt, einer großen Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen, und dem Umstand, daß mit ihm erstmals ein Schwarzer Präsident der USA wurde.

Und der es vor allem Versprechungen verdankt, die eher in die Welt des Religiösen gehören als in diejenige der Politik: Heilen. Versöhnen. Das Erlebnis, daß man - Yes, we can! - in der großen Gemeinschaft über sich hinauswächst.

Je öfter ich diesen Barack Obama im Wahlkampf auf dem Bildschirm erlebt habe, je mehr ich über ihn gelesen habe, umso kritischer bin ich ihm gegenüber geworden. Ich kann die Obamania, die Begeisterung, die Obama allein mit leeren Worten, mit Appellen an Emotionen und an ein diffuses Gemeinschaftsgefühl bewirkt hat, nicht nachvollziehen. Sie erschreckt mich.

Während des Wahlkampfs habe ich diese Skepsis, habe ich meine Vorbehalte gegen Barack Obama immer wieder dargelegt; nehmen Sie als Beispiele vielleicht diesen und diesen Artikel, beide vom Februar 2008. In dem Jahr, das seither fast vergangen ist, habe ich nichts über Barack Obama erfahren, das mich veranlaßt hätte, diese Sicht auf ihn zu ändern oder auch nur über ihre Änderung nachzudenken.



Dennoch werden Sie diese Beurteilung künftig hier nicht mehr lesen; jedenfalls vorerst nicht. Es gefällt mir nicht, aber Barack Obama ist jetzt der Präsident der USA. Man kann bei aller Skepsis nur wünschen, daß er ein guter Präsident sein wird.

Unabhängig davon, was er als Präsident leisten wird und welche Entscheidungen er treffen wird, hat sein Amtsantritt aus meiner Sicht jedenfalls zwei positive Seiten:

Erstens hat der Umstand, daß nun zum ersten Mal ein Schwarzer Präsident ist, offenbar wirklich das Verhältnis zwischen den Rassen in den USA geradezu umgewälzt. Der Rassismus ist besiegt; das scheint mir nicht zu hoch gegriffen zu sein.

Und zweitens wird es den Feinden der USA mit einem Präsidenten Barack Hussein Obama zumindest erschwert, dieses Land als den "großen Teufel" darzustellen.

Ich werde es also, was Barack Obama angeht, jetzt mit, sagen wir, einem Reset versuchen. Ich habe mir vorgenommen, die Meinung, die ich mir während des Wahlkampfs von ihm gebildet habe, zu suspendieren. Sie auszuklammern, sie in Quarantäne zu schicken. Auf ein Neues!

"Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu", sagt ein Sprichwort. Barack Obama hat sich bisher jeder neuen Lebenssituation bestens angepaßt. Vielleicht gelingt ihm auch die Mutation vom Rhetoriker, der als Retter auftrat, zum verantwortlichen, rational handelnden Staatsmann

Ich wünsche es den USA; und ich wünsche es uns. Ich wünsche Präsident Obama alles Gute.



Die Titelvignette zeigt das offizielle Foto von Präsident Obama. Es wurde wenige Stunden vor seinem Amtsantritt von Peter Souza aufgenommen und ist unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported License freigegeben. Für Kommentare bitte hier klicken.

20. Januar 2009

Von Bush zu Obama (7): Am Krönungstag Präsident Obamas ein Rückblick auf die Amtszeit von George W. Bush. Der unzeitgemäße Präsident

Heute also wird Barack Obama gekrönt. Selten paßte diese Bezeichnung besser auf die Inauguration eines amerikanischen Präsidenten, dieses Wahlmonarchen auf Zeit, als auf Barack Obama, dem das Gewand des Monarchen wie angegossen sitzt.

Über die vorgesehenen Feierlichkeiten und die mit ihnen einhergehenden Probleme in Bezug auf die Sicherheit habe ich vor einem Monat berichtet. Auch darüber, daß Obama, indem er auf den Spuren Abraham Lincolns in Washington Einzug hielt, deutlich macht, in welcher präsidialen Liga er zu spielen gedenkt.

In welcher Liga aber wird George W. Bush in den Augen künftiger Historiker gespielt haben?



Auf den ersten Blick erscheint die Bilanz von acht Jahren Bush verheerend:

Die amerikanische Wirtschaft in ihrer schwersten Krise seit 1929. Ein andauernder Krieg in Afghanistan, ein noch nicht sicher gewonnener Friede im Irak. Im Nahen Osten statt des Friedens, dem Bush seine letzte große außenpolitische Anstrengung gewidmet hat, einmal mehr ein Krieg. Der Iran als dessen Drahtzieher im Hintergrund, weniger denn je bereit, auf seine Atomrüstung zu verzichten. Auf dem indischen Subkontinent eine prekäre Lage, die jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen kann.

Das amerikanische Ansehen ist, so heißt es, auf einem Tiefpunkt. Kürzlich rief im Wall Street Journal Elisabeth Wurtzel das Ende des Amerikanischen Zeitalters aus.

Kein Wunder, so erscheint es diesem flüchtigen Blick auf Bushs Hinterlassenschaft, daß die letzten - die im doppelten Sinn letzten - Umfragen zu seiner Popularität ihn ganz weit unten zeigen: Rund zwei Drittel der Befragten sehen seine Leistung negativ ("disapprove"), nur ein Drittel beurteilt sie positiv ("approve"). Daß das etwas besser ist als im letzten Quartal des alten Jahres mit historischen Tiefstwerten (20 Prozent approval, 72 Prozent disapproval in einer CBS-Umfrage Ende Oktober/Anfang November), ist nur ein matter Lichtblick.

Bush ist ja in diesen letzten Monaten fast schon abgetreten; nicht nur eine lame duck, sondern nachgerade eine dead duck. Da wird das Urteil milder. Es weht schon ein Hauch von de mortuis nil nisi bene.



War das eine mißlungene, eine gescheiterte Präsidentschaft? Eine schwierige war es jedenfalls; vermutlich die schwierigste seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich habe mich oft gefragt, wie dieser Mann das durchhielt: Die Katastrophe des elften September kein Jahr nach seinem Amtsantritt; dann die Kriege, die seine beiden Amtszeiten durchzogen; kaum war der Irak stabilisiert, kündigte sich eine Finanzkrise an, die zu einer schweren Wirtschaftskrise wurde.

Das alles begleitet nicht etwa von der Unterstützung der Medien, sondern von der Häme vieler Kommentatoren; vor allem der meisten Leitmedien in den USA. Begleitet von einem Haß in Teilen der Welt (deprimierenderweise auch in Deutschland), wie er nicht Mao und vermutlich nicht einmal Stalin getroffen hat.

Manchmal wirkte er ein wenig niedergedrückt, dieser George W. Bush, fast ein Hiob. Alles in allem hat er diese acht Jahre aber mit einer bewundernswerten Stärke durchgestanden; mit Gottvertrauen, wird man wohl sagen können.

Er war darin altmodisch, unzeitgemäß. Und er war - das ist die These, die ich jetzt vertreten möchte - überhaupt ein unzeitgemäßer Präsident. Dies in dreierlei Hinsicht:

Erstens war er der wahrscheinlich letzte Präsident, der das alte, konservative Middle America verkörperte. Dasjenige der WASPS, der White Anglo-Saxon Protestants.

Zweitens war er in einer ganz anderen Hinsicht unzeitgemäß dadurch, daß das Konzept, das er von seiner Präsidentschaft gehabt hatte, von der Realität dieser acht Jahre konterkariert wurde.

Und drittens schließlich war er unzeitgemäß in einem wiederum ganz anderen, und hier eigentlich positiven Sinn: Er war seiner Zeit voraus. Er erkannte Notwendigkeiten, denen er meinte begegnen zu müssen, die zu bewältigen aber seine Möglichkeiten, die gegenwärtigen Möglichkeiten seines Landes überschritt.



Der Präsident des Middle America. Seit der Aufbruchzeit der Woodstock Generation findet in den USA so etwas wie ein Kulturkampf statt. Dennis Hoppers Film "Easy Rider" hat ihn schon 1969 ins Bild gesetzt: Das konservative Amerika gegen das Amerika der Jungen, der Aufmüpfigen.

Inzwischen sind es nicht nur die Jungen und Aufmüpfigen, die gegen das konservative Amerika stehen, sondern die diversesten Communities: Von den Schwarzen und den Latinos über die Schwulen und Lesben bis hin zum Universitäts- Milieu, den Umweltschützern, den Yuppies der großen Agglomerationen an der Ost- und an der Westküste; sie alle verbündet mit den Resten der klassischen Linken in den Industriegebieten. Nennen wir es das Multi- Amerika.

Bush vs. Gore: Das war schon 2000 die Konfrontation zwischen diesen beiden Amerikas. Wobei damals Bush das konservative Amerika deutlicher verkörperte, als Gore das Multi- Amerika. 2008 war es umgekehrt: Da war Obama das personifizierte Multi- Amerika; McCain aber nur ein matter Konservativer.

Da hatte sich also schon etwas verschoben. Mit dem Sieg Obamas ist diese Verschiebung offensichtlich geworden: Er gewann dank der Jungen und dank der ethnischen Minderheiten; auch dank der Frauen. Bei weißen Männern hatte McCain einen deutlichen Vorsprung.

Die konservativen weißen Männer, die der Agitator Michael Moore als "dumm" meinte kennzeichnen zu können ("Stupid White Men"), haben eben in den USA nicht nur keine Mehrheit mehr, sondern auch immer weniger ihre angestammte kulturelle Dominanz. Bush hat es 2000 und gegen Kerry 2004 noch einmal knapp geschafft; schon unzeitgemäß. Künftig dürfte ein Republikaner nur noch eine Chance haben, Präsident zu werden, wenn es ihm gelingt, auch Wähler aus dem Multi- Spektrum für sich zu gewinnen.



Bushs Programm und die Realität. Dieser konservative George W. Bush leistete vor acht Jahren, am 20. Januar 2001, seinen Amtseid. Wie er sich seine Präsidentschaft vorstellte, das kann man in seiner damaligen Inauguration Address lesen:
While many of our citizens prosper, others doubt the promise, even the justice, of our own country. The ambitions of some Americans are limited by failing schools and hidden prejudice and the circumstances of their birth. And sometimes our differences run so deep, it seems we share a continent, but not a country.

We do not accept this, and we will not allow it. Our unity, our union, is the serious work of leaders and citizens in every generation. And this is my solemn pledge: I will work to build a single nation of justice and opportunity.

Viele unserer Bürger leben im Wohlstand, aber andere zweifeln an dem Versprechen, gar an der Gerechtigkeit ihres eigenen Landes. Das Streben mancher Amerikaner wird begrenzt durch unzulängliche Schulen und verdeckte Vorurteile und die Umstände, in die sie hineingeboren wurden. Und manchmal greifen die Unterschiede zwischen uns so tief, daß es den Anschein hat, wir lebten auf demselben Kontinent, aber nicht im selben Land.

Wir akzeptieren das nicht, und wir werden es nicht dulden. Unsere Einigkeit, unsere Union sind das schwer errungene Werk der Führer und der Bürger jeder Generation. Und dies ist mein feierliches Versprechen: Ich will dafür arbeiten, eine einzige Nation der Gerechtigkeit und der Chance zu schaffen.
Nicht wahr, das sind Sätze, die man eher von Obamas heutiger Rede - es wird interessant sein, sie mit denen Bushs 2001 und 2005 zu vergleichen - erwarten würde? Es sind aber Kernsätze des Programms, mit dem George W. Bush im Jahr 2001 antrat. Es war ein zentraler Inhalt seines Wahlkampfs gewesen, und es sollte das zentrale Thema seiner Präsidentschaft werden: Den amerikanischen Traum ein Stück weit der Verwirklichung näher zu bringen, indem die Chancengleichheit aller verbessert wird.

George W. Bush wollte ein Präsident mit innenpolitischem Schwerpunkt sein. Er verstand sich als einen Compassionate Conservative, einen mitfühlenden Konservativen. Im April 2002 hat er diese politische Philosophie in einer offiziellen Erklärung des Weißen Hauses niedergelegt. Wir würden sie vielleicht mit dem Schlagwort "Hilfe zur Selbsthilfe" kennzeichnen. Sie steht dem Prinzip der Subsidiarität nahe, wie es die katholische Sozialllehre vertritt.

Vieles davon hat Bush verwirklicht. Mehr jedenfalls, als unsere Medien vermittelt haben; ich habe das in einer früheren Folge dieser Serie mit Beispielen illustriert. Aber der Schwerpunkt seiner Amtszeit wurde es nicht.

Der Anschlag vom 11. September 2001, diese Kriegserklärung an die USA, änderte alles. Ein innenpolitischer Präsident war unzeitgemäß geworden. Bush mußte, nolens volens, ein außenpolitischer Präsident, ja ein Kriegspräsident werden.

Er hat sich dieser Herausforderung gestellt. Im britischen Daily Telegraph hat kürzlich der Historiker Andrew Roberts in einer Würdigung Bushs darauf hingewiesen, wie außerordentlich erfolgreich er bei dieser Aufgabe war:
At the time of 9/11, which will forever rightly be regarded as the defining moment of the presidency, history will look in vain for anyone predicting that the Americans murdered that day would be the very last ones to die at the hands of Islamic fundamentalist terrorists in the US from that day to this.

Zum Zeitpunkt des 9. September, der immer zu Recht als der Augenblick gesehen werden wird, der diese Präsidentschaft prägte, wird die Geschichte vergeblich nach jemandem suchen, der vorhergesagt hätte, daß die Amerikaner, die an diesem Tag ermordet wurden, die überhaupt letzten sein würde, die von damals bis heute von der Hand islamistischer fundamentalistischer Terroristen in den USA starben.
So ist es. So ernst es Bush mit dem Compassionate Conservativism gewesen war, so ernst nahm er nun die Aufgabe, die USA vor dem Terrorismus zu schützen.

Das ist ihm gelungen; und zunächst wußten ihm die Amerikaner Dank. Nach dem Anschlag vom 11. September lag Bushs approval vorübergehend bei 92 Prozent, dem höchsten Wert, den je ein Präsident erreichte, seit unter Franklin D. Roosevelt solche Erhebungen eingeführt wurden.

Diese Zahlen und weitere Einzelheiten können Sie in einer früheren Folge dieser Serie nachlesen; auch, daß Bushs Entscheidung, Saddam Hussein anzugreifen, breite Zustimmung fand. In den Monaten nach Beginn des Kriegs lag diese bei rund 70 Prozent.

Aber der Irak- Krieg war es auch, der Bushs Ansehen in das jetzige tiefe Tal führte. Zu Unrecht. Oder sagen wir: Im historischen Maßstab hatte Bush Recht; aber tagespolitisch scheiterte er.



Demokratisierung als die Herausforderung der Gegenwart. Über die Motive für den Irak- Krieg ist viel geschrieben worden; darunter sehr viel Dummes. Der Gipfel der Dummheit dürfte die ernsthaft vorgetragene Behauptung sein, das Motiv für den Krieg seien Erdöl- Interessen, gar diejenigen der Familien Bush und Cheney gewesen.

Wie die Diskussionen und Entscheidungsprozesse im Weißen Haus im Lauf des Jahres 2002 abgelaufen sind, wird man erst wissen, wenn die Archive geöffnet sind. Bis dahin sollte man das ernst nehmen, was Präsident Bush selbst dazu gesagt hat.

Er hat es sehr deutlich in seiner zweiten Inauguration Address am 20. Januar 2005 gesagt:
America's vital interests and our deepest beliefs are now one. From the day of our Founding, we have proclaimed that every man and woman on this earth has rights, and dignity, and matchless value, because they bear the image of the Maker of Heaven and earth. (...)

So it is the policy of the United States to seek and support the growth of democratic movements and institutions in every nation and culture, with the ultimate goal of ending tyranny in our world. This is not primarily the task of arms, though we will defend ourselves and our friends by force of arms when necessary. (...)

The great objective of ending tyranny is the concentrated work of generations. The difficulty of the task is no excuse for avoiding it. America's influence is not unlimited, but fortunately for the oppressed, America's influence is considerable, and we will use it confidently in freedom's cause.

Die vitalen Interessen Amerikas und unsere tiefsten Überzeugungen fallen jetzt zusammen. Seit den Tagen unserer Gründung haben wir proklamiert, daß jeder Mann und jede Frau auf dieser Erde Rechte, Würde und einen einmaligen Wert haben, weil sie das Ebenbild des Schöpfers der Himmel und der Erde tragen. (...)

Demgemäß ist es die Politik der Vereinigten Staaten, das Wachsen demokratischer Bewegungen und Institutionen in jeder Nation und Kultur zu anzustreben und zu unterstützen. Das Endziel ist es, die Tyrannis in unserer Welt zu beenden. Das ist nicht in erster Linie die Aufgabe der Waffen; jedoch werden wir uns und unsere Freunde mit der Gewalt der Waffen verteidigen, wenn das erforderlich ist. (...)

Das große Ziel, die Tyrannis zu beenden, ist das vereinte Werk von Generationen. Die Schwierigkeit der Aufgabe ist keine Entschuldigung, ihr auszuweichen. Der Einfluß Amerikas ist nicht unbegrenzt, aber zum Glück für die Unterdrückten ist der Einfluß Amerikas beachtlich, und wir werden ihn mit Zuversicht für die Sache der Freiheit einsetzen.
Bushs Grundgedanke in dieser Rede ist ebenso einfach wie schlüssig: Die Bedrohung der USA, wie sie sich in dem Angriff vom 11. September 2001 zeigte, kann dauerhaft nur in dem Maß beendet werden, in dem die Demokratie weltweit Fuß faßt.

Bush hat immer wieder seine Entscheidung für den Irak- Krieg verteidigt. Er hat das, so erscheint es mir wahrscheinlich, deshalb mit solcher Beharrlichkeit und so überzeugt getan, weil dieser Krieg für ihn Ausdruck dieser allgemeinen Strategie war: Sicherheit und Frieden durch die Ausbreitung der Demokratie zu erreichen.

Man kann das natürlich sehr unterschiedlich beurteilen. Aus meiner Sicht ist Bushs Strategie nicht nur richtig, sondern es gibt zu ihr überhaupt keine Alternative. Entweder schafft es der Westen, unsere Werte der Freiheit, der Demokratie und der Menschenwürde offensiv zu vertreten, oder diese Werte werden keinen Bestand haben.

Eine andere Frage ist es, ob der Irak sich dazu eignete, diese Strategie jetzt in die Tat umzusetzen.

Bush teilte - auch darauf weist der Historiker Andrew Roberts hin - die Überzeugung, daß Saddam Hussein über WMDs verfügte, mit allen westlichen Geheimdiensten. Sogar in der Führung des Irak selbst herrschte Unsicherheit darüber, ob man diese Waffen hatte oder nicht.

Insofern bestand die Sorge, daß diese Waffen an Terroristen weitergegeben und für einen verheerenden Angriff auf die USA genützt werden könnten, zu Recht. Daß sie sich als unbegründet erwies, rechtfertigt in keiner Weise die Annahme, Bush habe "gelogen".

Als sich herausstellte, daß Saddam sein Nuklearprogramm tatsächlich unterbrochen (nicht eingestellt) hatte, trat naturgemäß dieses Motiv für den Krieg in den Hintergrund, und Bush betonte mehr den Aspekt der Demokratisierung eines Landes im Nahen Osten mit dem Ziel, die ganze Region zu demokratisieren und damit die von ihr ausgehende Bedrohung dauerhaft zu beseitigen.

Das war, wie heute zu erkennen ist, ein gegenwärtig unerreichbares Ziel.

Langfristig könnte es sich aber sehr wohl zeigen, daß Bushs Strategie richtig war und daß auch die Sicherheit Israels auf Dauer nur gewährleistet ist, wenn im Nahen Osten leidlich demokratische Regierungen, so wie jetzt im Irak, an die Macht kommen.

Dann wäre Bush zwar vorerst mit seinen weitgespannten Plänen gescheitert; auf Dauer könnte er sich aber doch als ein weitsichtiger Präsident erweisen.



Noch eine abschließende Bemerkung: Bush wurde und wird von der Mehrzahl unserer Medien auf eine so absurde Weise und so klischeehaft negativ beurteilt, daß ich in diesem Beitrag den Akzent auf das Positive gelegt habe. Auch aus meiner Sicht ist Bush aber Vieles vorzuwerfen; darüber wird vielleicht im "Kleinen Zimmer" diskutiert werden.



Mit Dank an Gorgasal. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

19. Januar 2009

Zitat des Tages: "Ein irrationales Wirtschaftsmodell". Eine ukrainische Zeitschrift über die Lage Rußlands und die Gaspreis-Krise

With Putin and his puppets directly controlling all key businesses and using mafia- like methods to eliminate potential opponents and foreign interests it seemed to work for a time. But it was rotten inside. Unable to build value with equity capital, the Kremlin's favorite state champions and corrupt tycoons depended not only on high commodity prices but also on ever larger injections of foreign loans even as the rights of foreign partners were brutally limited. It was an irrational economic model bound to fail and it did as oil prices collapsed.

(Putin und seine Marionetten kontrollieren direkt alle Geschäftsbereiche, die eine Schlüsselfunktion haben, und sie benutzen Mafia- ähnliche Methoden, um potentielle Gegner und ausländische Interessen auszuschalten. Eine Zeitlang schien das zu funktionieren. Aber es war innerlich verfault. Unfähig, mit Aktienkapital Wert zu schöpfen, hingen die vom Kreml bevorzugten führenden Staatsunternehmen und korrupten Tycoons nicht nur von hohen Rohstoffpreisen ab, sondern auch von immer höheren Zufuhren von Krediten aus dem Ausland. Zugleich aber wurden die Rechte ausländischer Partner brutal beschnitten. Es war ein irrationales Wirtschafts- Modell, das dem Untergang geweiht war. Und es ging unter, als die Ölpreise zusammenbrachen.)

Alex Alexiev in der englischsprachigen Kiewer Zeitschrift Kyiev Post über den Zustand der russischen Wirtschaft.

Kommentar: Ein sehr lesenswerter Artikel, der zum einen den Hintergrund des Erdgas- Streits erhellt, zum anderen aber auch eine allgemeine Analyse der wirtschaftlichen Lage Rußlands liefert.

Was den Erdöl- Streit angeht, macht Alexiev auf einige Fakten aufmerksam, die im Westen oft außer Acht gelassen werden.

So sei der von der Ukraine jetzt geforderte Gaspreis von 500 Dollar pro 1000 Kubikmeter unrealistisch: Abnehmer wie Armenien und Weißrußland zahlen gerade einmal 110 bis 120 Dollar; Georgien und Moldavien 270 bis 280 Dollar. Sogar auf den westlichen Märkten werde der Preis russischen Gases, so Alexiev, wegen der Bindung an den Ölpreis, bald auf rund 250 Dollar sinken.

Alexiev macht auch darauf aufmerksam, daß die Ukraine aus Sowjet- Zeiten (sie war das Zentrum der sowjetischen Gasindustrie) über riesige Speicher- Kapazitäten verfügt, so daß von vornherein klar war, daß der Boykott sie gar nicht unmittelbar treffen würde. Er traf kleinere Länder Osteuropas, und er alarmierte den Westen.

Was also sollte der Theaterdonner? Alexiev weist auf verschiedene Möglichkeiten hin: Vielleicht sollte versucht werden, durch den Boykott die Preise zu stabilisieren. Vielleicht sollte die Bereitschaft westlicher Länder befördert werden, dem Bau von Pipelines zuzustimmen, die Polen, die Ukraine und das Baltikum umgehen.

Jedenfalls bestehe wohl ein Zusammenhang mit der Krise, vor der eine Wirtschaft steht, die auf den Einkünften aus dem Öl- und Gasgeschäft basiert und die diese Einkünfte jetzt schwinden sieht. Das russische Kartenhaus stehe vor dem Zusammenbruch.



Mit Dank an Thomas Pauli. Für Kommentare bitte hier klicken.

18. Januar 2009

Zitat des Tages: Was die Wähler Andrea Ypsilanti nicht verziehen haben

Ein Teil der Wähler hat uns nicht verziehen, daß wir im November 2008 keine parlamentarische Mehrheit für einen Regierungswechsel hinbekommen haben, und ein anderer Teil war enttäuscht, daß wir den Weg zu einer Minderheitsregierung beschreiten wollten. Das werden wir aufarbeiten müssen.

Andrea Ypsilanti heute Abend zu Beginn der Erklärung, in der sie ihren Rücktritt mitteilte.

Kommentar: Es ist schon gespenstisch. Noch nicht einmal beim Rücktritt bringt sie es fertig, die Wahrheit zu sagen.



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Wahlen in Hessen: Schwarzgelb 54 bis 56 Prozent; Volksfront 41 bis 43 Prozent. Sagen die letzten Umfragen. Aber die Hessen könnten uns überraschen

Vor zehn Monaten war die Situation in Hessen bereits derart verfahren, daß hier zu lesen stand: "Jetzt hilft nur noch ein Reset. Jetzt helfen nur noch Neuwahlen".

Aber da begann für Hessen erst ein politisches Annus horribilis, das so ungefähr alles an Peinlichem, Schäbigem und Verlogenem brachte, was die Politik zu bieten hat. Politik so, wie sie der Politologe Franz Walter propagiert.

Wie werden die Hessen heute auf dieses Schauspiel, auf diese Schmierenkomödie reagieren? Ich bin mir da sehr unsicher.



Die drei Umfragen vom Januar (von Forsa, der Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap) ergaben freilich so übereinstimmende Daten, daß man meinen könnte, das Wahlergebnis stehe schon so gut wie fest: Die CDU erreichte zweimal 41 und einmal 42 Prozent; die SPD zweimal 24 und einmal 25 Prozent, die FDP zweimal 13 und einmal 15 Prozent und die Kommunisten zweimal 5 und einmal 4 Prozent. Selten stimmen Umfragen so perfekt überein.

Schwarzgelb 54 bis 56 Prozent; die Volksfront 41 bis 43 Prozent - so sieht es aus. Das ist in der Tat das wahrscheinlichste Wahlergebnis. Hier sind aber einige Gründe, warum die Hessen uns überraschen könnten:
  • Neuwahlen nach einem Jahr derartigen politischen Frusts hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Niemand hat Erfahrungswerte, wie die Wähler darauf reagieren. Beispielsweise - das erscheint mir wahrscheinlich - mit eine ungewöhnlich niedrigen Wahlbeteiligung. Anders als ihre amerikanischen Kollegen erheben deutsche Demoskopen nicht, wie sicher es ist, daß ein Befragter, der seine Präferenz zu Protokoll gibt, auch tatsächlich zur Wahl geht. Das könnte zu einer Abweichung des Ergebnisses von den Umfragen führen.

  • Die Umfragen sehen seit der Entscheidung für Neuwahlen Schwarzgelb weit vor der Volksfront. Das könnte auf das Verhalten von Wählern zurückwirken, die sich im letzten Augenblick sagen: "So stark wollen wir Koch denn doch nicht machen". In Frankreich nennt man das "Oui, mais"- Stimmen; "Ja, aber"- Stimmen. Vor allem die FDP könnte davon profitieren, die sich in der Krise des vergangenen Jahres als eine glaubwürdige Partei vorteilhaft abgehoben hat; nicht zuletzt ein Verdienst ihres ausgezeichneten Vorsitzenden Jörg- Uwe Hahn.

  • Thorsten Schäfer- Gümbel hat eine bessere Figur gemacht, als viele erwartet haben; was angesichts der bescheidenen Erwartungen freilich nicht schwer war. Möglich, daß das der SPD doch noch die eine oder andere Stimme mehr einbringt, als die Umfragen erwarten lassen.

  • Die Kommunisten haben im Wahlkampf ein miserables Bild geboten. Vielen Wählern dürfte erst jetzt aufgegangen sein, daß "Die Linke" eine kommunistische Partei ist. Es gilt zwar bei Demoskopen als Erfahrungswert, daß eine geringe Wahlbeteiligung extremistischen Parteien nützt, weil deren Anhänger diszipliniert zur Wahl gehen. Das gilt aber nicht für eine Partei in einem so konfusen Zustand, wie ihn die hessischen Kommunisten zeigen. Falls sie Stimmen verlieren, könnten diese der SPD zugutekommen.
  • Das sind überwiegend Faktoren, die dazu führen könnten, daß die SPD etwas besser abschneidet, als die Umfragen erwarten lassen.

    Andererseits neigen die Hessen dazu, Politiker und Parteien abzustrafen. Das Desaster der CDU vor einem Jahr war wesentlich eine Reaktion auf den Wahlkampf Roland Kochs, der als manipulativ wahrgenommen wurde. In diesem Umfang hatte das kaum eine Umfrage vorhergesehen. Auch jetzt ist denkbar, daß der Zorn auf die Intriganz der Andrea Ypsilanti und ihrer Gefolgsleute so groß ist, daß die SPD am Ende noch schlechter abschneidet, als die Umfragen erwarten lassen.



    "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich's Wetter, oder es bleibt, wie's ist" - das ist also so ungefähr die Qualität dessen, was mir diesmal prognostizierbar erscheint. Sieht man von einer geringen Wahlbeteiligung ab, die es wohl geben wird.

    Eigentlich scheue ich es nicht, mich mit einer Prognose festzulegen; bei der Wahl des französischen Präsidenten im Frühjahr 2007 und bei den amerikanischen Wahlen jetzt im vergangenen November habe ich das getan.

    Aber heute nicht. Ich bin gespannt, ob die Hessen sich brav an die Umfragen halten, oder ob sie uns überraschen. Wer den Wahlabend nicht nur am TV, sondern auch im Internet verfolgen möchte, dem ist wie immer die schnelle und präzise Berichterstattung bei Wahlrecht.de zu empfehlen.



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    17. Januar 2009

    Wollen Sie sich über die Hamas informieren? Zweifeln Sie daran, daß die Islamische Republik Iran Israel vernichten will? Dann habe ich zwei Tipps

    Auf diesen Blog wollte ich immer schon einmal aufmerksam machen. Viele werden ihn kennen; wer ihn noch nicht kennt, sollte ihn kennenlernen. Der eine oder andere hat ihn vielleicht einmal über den Link hier in ZR aufgesucht: Den Blog von Gudrun Eussner.

    Ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlicher Blog: Politisch; aber wenn man sich die Links ansieht, dann findet man dort zum Beispiel auch den Maler Manolo Yanes oder das Restaurant Auberge du Cellier im 274- Seelen- Dorf Montner im französischen Roussillon.

    Denn dort, im Roussillon, wohnt und arbeitet Gudrun Eussner; und in ihrer Sparte Le Roussillon insolite (frei übersetzt: Das Roussillon einmal anders) findet man Schönes und Überraschendes über diese alte französische Provinz an der Grenze zu Spanien.

    Ein Blog mit ungewöhnlich sorgfältig recherchierten und formulierten Artikeln. Oft mit einem Anmerkungsapparat, der durchaus einer kleinen wissenschaftlichen Arbeit Ehre machen würde.

    Gudrun Eussners thematischer Schwerpunkt sind Antisemitismus, Israel und dessen Bedrohung durch Islamisten. In diesem Rahmen hat sie sich seit 2001 immer wieder mit der Hamas beschäftigt. Und eine Auswahl dieser Artikel zur Hamas hat sie jetzt zusammengestellt.

    Sehr lesenswert, sehr informativ. Beispielsweise das, was Gudrun Eussner schon 2004 über die Charta der Hamas geschrieben hat.

    Grundwissen. Oder vielmehr: Das sollte es eigentlich sein. Tatsächlich hat man den Eindruck, daß das nicht zum Wissensschatz vieler Politiker und Journalisten gehört.



    Und dann möchte ich noch auf eine ganz andere Informationsquelle hinweisen. Eine total, eine in jeder Hinsicht andere. Aber eine, die doch auch hohen Informationswert hat: Den iranischen Propagandasender Press TV, in Deutschland über Hotbird (=Eutelsat) zu empfangen (12.437 GHz horizontal); ich habe ihn in einem früheren Artikel schon einmal kurz erwähnt.

    Press TV ist im Stil an CNN und Al Jazeera orientiert und sehr professionell gemacht (ungleich besser als zum Beispiel sein russisches Gegenstück Russia Today). Seit Beginn des Gaza- Kriegs ist dieser nahezu das einzige Thema.

    Die Propaganda ist geschickt: Überwiegend wird sie nicht von iranischen Kommentatoren geliefert, sondern von Gästen und Interviewpartnern; viele aus England. Das bietet sich aufgrund des Standorts des Senders an; aber offenbar gibt es im Vereinigten Königreich auch viele intellektuelle Fellow Travellers, die den Islamismus mit ungefähr demselben Enthusiasmus begleiten, den ihre geistigen Großväter einst Lenin und Stalin entgegenbrachten.

    Unter diesen Personen, die in Press TV zu Wort kommen, gibt es sozusagen die Moderaten und die Radikalen. Die Moderaten fordern nur die Beseitigung der - wie sie das nennen - Zionist Entity; irgendwie. Die Radikalen - so gestern ein Gast bei der Sendung Islam & Life, als "Islam- Gelehrter" vorgestellt - fordern einen sofortigen Krieg aller arabischer Staaten mit dem Ziel, Israel militärisch zu vernichten.



    Wer sich im Detail über die Hamas und ihre Hintermänner informieren will, der lese die Artikel von Gudrun Eussner. Und wer ein Gefühl dafür bekommen will, wie ernst und wie unmittelbar die Bedrohung Israels durch den Iran ist, dem empfehle ich, sich Press TV anzusehen.

    Danach wird er nicht mehr glauben, daß nur aufgrund eines "Übersetzungsfehlers" der Eindruck enstanden sei, Ahmadinedschad wolle den Staat Israel von der Landkarte löschen.



    Mit Dank an Werner Stenzig. Für Kommentare bitte hier klicken.

    Deutschland im Öko-Würgegriff (14): Der Wahnwitz der "Abwrackprämie". Mit einem aktuellen Nachtrag über die Einladung zum Abzocken

    Die "Abwrackprämie" ist ein Lehrstück dafür, wie aus einer vernünftigen Idee ein Wahnwitz wird, wenn die Öko- Ideologen sich einmischen.

    Die Automobilindustrie ist bekanntlich eine Schlüsselindustrie. Es ist also eine gute Idee, der Rezession dadurch zu begegnen, daß man Anreize dafür schafft, ein neues Auto zu kaufen.

    Es ist vor allem deshalb sinnvoll, weil man dadurch weniger die Kaufentscheidung als solche beeinflußt, als vielmehr ihren Zeitpunkt.

    Irgendwann steht (fast) jeder Besitzer eines Autos vor der Entscheidung, ob der Zeitpunkt gekommen ist, sein aktuelles Auto gegen ein neues zu tauschen. Man beobachtet die Kosten für Reparaturen, man wägt ab, wie der Markt für Gebraucht- und für Neuautos sich entwickelt; man verfolgt, welche neuen Modelle auf den Markt kommen usw.

    Wenn es nun wirtschaftspolitisch erwünscht ist, den Verkauf von Neuwagen anzukurbeln, dann kann die Regierung das tun, indem sie diese Erwägungen beeinflußt; indem sie es also attraktiver macht, mit der Entscheidung für einen Neuwagen nicht länger zu warten. Man verändert die Kosten- Nutzen- Rechnung des Käufers so, daß er einen Kauf, den er auch erst in zwei, drei Jahren tätigen könnte, schon jetzt vornimmt. Jetzt, wo es für die Konjunktur günstig ist.

    Man versucht damit also nicht, den Konsumenten zu irgendeiner beliebigen Anschaffung zu bringen, ob erforderlich oder nicht; so wie wie das bei den "Konsumschecks", der Fall gewesen wäre, die Anfang Dezember von einigen in der SPD vorgeschlagen wurden, die aber glücklicherweise keinen Anklang fanden. Sondern man beeinflußt lediglich, zu welchem Zeitpunkt die ohnehin erforderliche Anschaffung eines Neuwagens stattfindet.

    Wie kann man die Kosten- Nutzen- Rechnung des potentiellen Käufers beeinflussen?

    Zum Beispiel, indem Neuwagen für die nächsten beiden Jahre von der Kfz- Steuer befreit werden, wie es die Bundesregierung im November beschlossen hat. Oder - die einfachste Möglichkeit - durch die direkte Bezuschussung des Kaufs eines Neuwagens.

    So beschloß es das Kabinett auf seiner Sitzung am vergangenen Montag. Inzwischen sind auch die Details der beschlossenen Regelung bekannt. Der Kauf eines Neuwagens wird mit 2500 Euro subventioniert, wenn er bis zum 31. Dezember dieses Jahres erfolgt. Ein Betrag, der (anders als die Steuerbefreiung) so hoch ist, daß diese Maßnahme ein starker Kaufanreiz sein dürfte.



    So weit, so gut. So bestens. So weit geht es um Konjunkturpolitik.

    Wenn es um Autos geht, darf es aber in einer vom Öko- Wahn erfaßten Gesellschaft nicht nur um Konjunkturpolitik gehen.

    Das Auto ist des Ökos liebster Feind. Also mußte das Bundeskabinett diesen Beschluß, der eigentlich die Rezession betraf, sozusagen veredeln; ihn in ökologische Höhen erheben.

    Das Ziel, die Rezession zu mildern, würde nur Menschen ihren Arbeitsplatz retten, aber nicht die Welt. Das ist Zeiten des Öko- Wahns zu wenig. Also muß dem vernünftigen Ziel ein "Umweltziel" aufgepappt werden. Also wird die vernünftige Maßnahme in eine Absurdität transformiert.

    Wie nennt man die beschlossene Subvention? "Kaufprämie"? "Konjunkturprämie"? Nein. Wie man in der Pressemitteilung des Wirtschafts- Ministeriums nachlesen kann, heißt sie offiziell "Umweltprämie"; inoffiziell firmiert sie als "sogenannte Abwrackprämie".

    Was hat die Ankurbelung der Konjunktur mit Umwelt und Abwracken zu tun? Natürlich nichts. Das ist eben die Veredelung der Maßnahme.

    Und das ist der Skandal.



    Es gibt Autos, die auch nach neun Jahren noch bestens im Schuß sind. Mitsubishi zum Beispiel hat damals, vor einem Jahrzehnt und zuvor, Wagen von hoher Qualität mit einer entsprechenden Langlebigkeit gebaut; ebenso Daimler und viele andere.

    Ein solches Auto jetzt zu verschrotten, ist der helle Wahnsinn. Es ist ein volkswirtschaftlicher Unfug ersten Ranges; die mutwillige Vernichtung von Werten. Auch viele andere Autos dieses Alters sind noch keineswegs schrottreif.

    Aber unsere Bundesregierung will ihre Verschrottung fördern. Sie will uns Bürger mit Euros dazu überreden, Autos zu Müll zu erklären, die noch jahrelang genutzt werden könnten. Denn die 2500 Euro gibt es nur gegen einen dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) vom Antragsteller vorzulegenden "Verwertungsnachweis im Zeitraum von 14.01. bis 31.12.2009 durch anerkannten Demontagebetrieb gem. Altfahrzeugverordnung", so teilt uns das Ministerium mit.

    Für die Ankurbelung der Konjunktur ist es gleichgültig, ob das alte Auto weiterfährt - vielleicht in Deutschland, vielleicht anderswo -, oder ob es verschrottet wird. Aber für den Öko- Wahn ist es das Entscheidende.

    Ab in den Demontagebetrieb mit der Dreckschleuder! Weiche, Satanas!

    Diese Vernichtung von Werten, diese unglaubliche volkswirtschaftliche Verschwendung will dieselbe Regierung fördern, die dann, wenn es um Dosen, Flaschen oder die Verpackungen von Pralinen geht, "Wiederverwertung" auf ihr Panier schreibt und die eine riesige Bürokratie aufgebaut hat, um die "Wegwerfgesellschaft" zu bekämpfen.

    Es gibt beim Öko- Wahn immer noch eine Steigerung.



    Nachtrag: Von vornherein gab es Warnungen, daß diese Abwrackprämie zum Abzocken einlädt. Jetzt kann man im Lawblog das Rezept dazu finden:
    (Kommentar Nr. 8, 17.1.2009 um 14:01)

    Wo ist eigentlich die Straftat?

    A. will einen Jahreswagen kaufen
    B. hat ein altes Schrottauto auf seinen Namen zugelassen.

    A. macht mit B. einen Vertrag, das er B. einen konkreten Jahreswagen abkauft.
    B. verschrottet sein Auto, kauft den Jahreswagen. Meldet den Wagen an, gibt ihn am nächsten Tag (wie schon vertraglich geregelt) weiter an A.

    A meldet das Auto auf seinen Namen an.

    B. meldet sich für die 2500€ Abwrack-Prämie.

    B. und A. teilen sich das Geld.

    Sieht jemand die Straftat?

    Oder gibt es einen Pauschalparagraphen gegen "Dummheit der Politik ausnutzen"?

    Plausibel wird das im Familienkreis sowieso passieren: Opa hat das alte Auto, die Eltern wollen einen Neuwagen.
    Mit Dank an RexCramer, der in "Zettels Kleinem Zimmer" auf diese Quelle aufmerksam gemacht hat.



    Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

    16. Januar 2009

    Zitat des Tages: Innenminister Schäuble "braucht keine Belehrung". Wie gefährlich sind eigentlich die Häftlinge, die aus Guantánamo entlassen werden?

    Frau Merkel und ich brauchen da von manchen Beteiligten gar keine Belehrung.

    Innenminister Wolfgang Schäuble laut "Spiegel- Online" gestern auf dem Treffen der EU-Innenminister in Prag zu der Frage, ob Deutschland aus Guantánamo entlassene Häftlinge aufnehmen soll.

    Schäuble bezog sich offensichtlich auf die von seinem Kollegen Steinmeier in einem Offenen Brief an den künftigen US-Präsidenten Obama angedeutete Bereitschaft, Gefangene aus Guantánamo in Deutschland aufzunehmen. Ende Dezember war gemeldet worden, daß im Auswärtigen Amt an Plänen zur Aufnahme von Häftlingen aus Guantánamo gearbeitet werde.

    Kommentar: "Keine Belehrung" braucht Schäuble von seinem Kollegen Steinmeier, denn, so "Spiegel- Online": "Schäuble erklärte dazu, zuständig seien eindeutig 'die Innenminister von Bund und Ländern'".

    In der Tat - Steinmeiers Vorstoß ist schon sehr eigenartig. Zum einen, weil er damit im Kompetenzbereich eines Kollegen wildert. Zum anderen, weil er noch dazu seinen Vorstoß mit diesem offenbar nicht abgestimmt hatte - sonst würde sich ja Schäuble jetzt nicht so ostentativ von Steinmeiers Plänen distanzieren.

    Und drittens, weil nicht zu sehen ist, welches Interesse Deutschland daran haben kann, sich ehemalige Insassen des Lagers Guantánamo ins Land zu holen. Denn damit holt man sich freiwillig potentielle Terroristen ins Land.



    Um wen geht es überhaupt? In der "Zeit" hat Heinrich Wefing am 31. Dezember ein nachgerade idyllisches Bild von diesen Gefangenen gezeichnet:
    Gestrandete des "Kriegs gegen den Terror" sind sie, Männer, deren einziges Verbrechen es wohl gewesen ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Nichts liegt gegen sie vor, kein Komplott gegen Amerika haben sie geplant, kein Selbstmordattentat, wie selbst die Regierung Bush einräumt, und doch sitzen sie zum Teil seit Jahren in Guantánamo fest, wenn auch unter gelockerten Bedingungen. Ihnen Asyl in Deutschland zu gewähren, ganz so wie anderen politisch Verfolgten auch, wäre ein Signal an Washington. Und ein Akt der Menschlichkeit.
    Schön wäre es, wenn die Entscheidung so einfach wäre, wie Wefing es sich vorstellt.

    Was es tatsächlich mit den noch in Guantánamo Einsitzenden auf sich hat, darüber habe ich im November auf der Grundlage eines sachkundigen Artikels in der Washington Post berichtet:

    Es sind erstens Personen, denen der Prozeß gemacht werden soll, weil gegen sie hinreichend eindeutige Beweise vorliegen.

    Es sind zweitens enemy combattants, also feindliche Kämpfer, denen kein Verbrechen nachgewiesen werden kann. Diese zerfallen wiederum in die Gruppe derer, die die US- Behörden für immer noch so gefährlich halten, daß sie sie weiter festhalten möchten; sowie rund sechzig Personen, die sie bereit sind in ihre Heimtländer abzuschieben, weil sie sie für nicht mehr gefährlich halten.

    Um diese letztere Gruppe geht es, jetzt noch ungefähr 60 Männer.

    Sind das "Gestrandete", die nur das Pech hatten, "zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein"? Nichts spricht dafür. Sie wurden bei Kampfhandlungen oder unter anderen Umständen gefangen genommen, die darauf hindeuten, daß sie feindliche Kämpfer sind.

    Die USA haben sie bisher so festgehalten, wie man auch in regulären Kriegen gefangen genommene feindliche Kämpfer festhält: Damit sie nicht weiterkämpfen können. Kriegsgefangenen muß man nicht Mann für Mann nachweisen, daß sie kriminelle Handlungen begangen haben.



    Gibt es die Möglichkeit, zu prognostizieren, wie sich die 60 Gefangenen verhalten werden, wenn sie erst einmal freigelassen sind? Niemand weiß es. Aber es gibt die Möglichkeit zu so etwas wie einer Hochrechnung.

    Die meisten derer, die bisher freigelassen wurden - von denen die US-Behörden also annahmen, sie seien nicht mehr gefährlich -, sind in der Tat nicht wieder als Terroristen bekannt geworden. Die Dunkelziffer kennt man, wie es Dunkelziffern an sich haben, nicht. Aber ungefähr sieben Prozent wurden überführt, erneut als Terroristen aktiv geworden zu sein. Ein Überblick findet man in der Wikipedia. Aktuelle Beispiele nennt eine Zusammenstellung (Fact Sheet) der Defense Intelligence Agency.

    Einige Beispiele daraus:
  • Ibrahim Shafir Sen wurde im November 2003 in die Türkei entlassen. Im Januar 2008 wurde er im türkischen Ort Van festgenommen und angeklagt, Führer einer lokalen Zelle der El Kaida zu sein.

  • Ibrahim Bin Shakaran und Mohammed Bin Ahmad Mizouz wurden im Juli 2004 nach Marokko entlassen. Im September 2007 wurden sie aufgrund der Anklage, Kämpfer für die Gruppe von Abu- Musab al- Zarkawi, der Organisation der Kaida im Irak, angeworben zu haben, zu zwei bzw. zehn Jahren Haft verurteilt.

  • Abdullah Mahsud war im März 2004 nach Afghanistan entlassen worden. Im Oktober 2004 übernahm er u.a. die Verantwortung für einen Bombenanschlag auf ein Hotel. Als ihn pakistanische Truppen im Juli 2007 festnehmen wollten, beging er Selbstmord.

  • Mohammed Ismail erklärte nach seiner Freilassung im Januar 2004, er werde zu seinen Angehörigen zurückkehren und Arbeit suchen. Im Mai 2004 wurde er gefangen genommen, als er an an einem Angriff auf US- Truppen in Afghanistan teilnahm. Er trug einen Brief bei sich, der ihn als Mitglied der Taliban auswies.

  • Maulvi Abdul Ghaffar wurde Ende 2002 aus Guantánamo entlassen. Er wurde danach der regionale Kommandeur der Taliban in den afghanischen Provinzen Uruzgan und Helmand. Im September 2004 wurde er bei einem Angriff auf US- Truppen getötet.
  • Und so fort. Wohlgemerkt: Alle diese Leute wurden entlassen, weil die US- Behörden hinreichend sicher waren, daß sie nicht wieder in den Terrorismus zurückkehren würden. Sie gehörten also zu jener dritten Gruppe von jetzt noch 60 Gefangenen, von denen unser Außenminister Steinmeier gern einige aufnehmen möchte.

    Deutschland kann Glück haben, und wir bekommen nur solche Entlassene, die aussteigen wollen. Vielleicht auch solche, die tatsächlich, wie der "Zeit"- Autor Wefing es sich vorstellt, nur "zur falschen Zeit am falschen Ort" waren.

    Wenn wir allerdings Pech haben, dann holen wir uns ein paar Terroristen ins Land.

    Und da man niemandem ansieht, ob er zur einen oder zur anderen Gruppe gehört, wird dem Innenminister Schäuble, falls sein Kollege Steinmeier sich mit seinem Plan durchsetzt, nichts anderes übrig bleiben, als die Aufgenommenen von unseren Sicherheitsorganen überwachen zu lassen.

    Absurd, finden Sie nicht? Aber vielleicht haben wir ja Glück, und der eine oder andere reist gleich ins Ausbildungslager in Pakistan oder Afghanistan weiter.



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    15. Januar 2009

    Zitat des Tages: "Es geht um die Freiheit des cubanischen Volks". Hillary Clinton vor dem Senat. Wandel durch Annäherung. Wie ist die Lage in Cuba?

    You know, our policy is, first and foremost, about the freedom of the Cuban people and the bringing of democracy to the island of Cuba. We hope that the regime in Cuba, both Fidel and Raul Castro, will see this new administration as an opportunity to change some of their typical approaches. Let those political prisoners out. Be willing to, you know, open up the economy and lift some of the oppressive strictures on the people of Cuba. And I think they would see that there would be an opportunity that could be perhaps exploited.

    (Also, in allererster Linie geht es bei unserer Politik um die Freiheit des cubanischen Volks und darum, der Insel Cuba die Demokratie zu bringen. Wir hoffen, daß das Regime in Cuba, sowohl Fidel als auch Raul Castro, diese neue Regierung als eine Chance sehen, einige ihrer typischen Ansätze zu ändern. Laßt diese politischen Gefangenen frei. Seid, nicht wahr, bereit, die Wirtschaft zu öffnen und einige der Strukturen aufzuheben, durch die das cubanische Volk unterdrückt wird. Und ich denke, daß sie sehen würden, daß es eine Gelegenheit gibt, die vielleicht genutzt werden könnte.)

    Die designierte US-Außenministerin Hillary Clinton vorgestern bei ihrer Anhörung vor dem Senat.

    Clinton hat außerdem in der Anhörung erklärt, daß die bisherigen Einschränkungen für Exilcubaner, nach Cuba zu reisen und Geld dorthin zu transferieren, aufgehoben werden würden. - Von dem Embargo gegen Cuba war nicht die Rede; Clinton wurde nicht danach gefragt und ging auch nicht von sich aus darauf ein.

    Kommentar: Kommt Ihnen das, was Clinton sagte, auch bekannt vor? Es ist offenkundig die Politik eines "Wandels durch Annäherung", die - wesentlich gestaltet von Egon Bahr - von der Regierung Willy Brandts gegenüber der DDR und dem Ostblock betrieben wurde.

    War diese Politik erfolgreich? Wie man es nimmt.

    Damals - in den siebziger und auch noch in den achtziger Jahren - hat sie den Sozialismus zunächst nur stabilisiert und seinen Zusammenbruch hinausgezögert. Herbeigeführt hat ihn nicht die weiche Politik à la Brandt und Bahr, sondern Reagans harte Politik, die Kommunisten zu stellen und herauszufordern.

    Daß dieser Zusammenbruch in Form einer größtenteils friedlich verlaufenen Implosion statt als eine gewaltsame Revolution gegen den Sozialismus stattfand, mag freilich mit das Verdienst dieser Politik sein.

    Während die Regimes wirtschaftlich und politisch stabilisiert wurden, wurden sie doch zugleich auch gesellschaftlich und ideologisch aufgeweicht: Der Eiserne Vorhang wurde immer durchlässiger für "Menschen und Meinungen", wie Rainer Barzel das damals formulierte. Es entstanden die Voraussetzungen für einen friedlichen Übergang zum freiheitlichen Rechtsstaat.



    Und jetzt in Cuba? Wenn man die Stellungnahme von Clinton genau liest, dann klingt sie reichlich naiv. Das Ziel der neuen Politik seien Freiheit und Demokratie in Cuba. Zugleich aber sollten die Führer Cubas " ... sehen, daß es eine Gelegenheit gibt, die vielleicht genutzt werden könnte".

    Ja, sie werden sehen, daß das vielleicht genutzt werden könnte: Um sie zu verjagen.

    Das Versprechen von Freiheit und Demokratie ist ja nichts anderes als das Versprechen, dem kommunistischen Regime ein Ende zu bereiten.

    Bisher waren es die USA, die durch Reise- Restriktionen einen freien Reiseverkehr nach Cuba verhinderten. Man darf gespannt sein, wie Raúl Castro reagiert, wenn diese Restriktionen tatsächlich fallen und ein massiver Reiseverkehr einsetzt. Seine Freude über den Besuch all der lieben Verwandten dürfte sehr gedämpft sein.



    Was das Embargo angeht, empfehle ich sehr den Artikel von Humberto Fontova im gestrigen American Thinker ("A Bailout for Castro Too?").

    Fontova schildert zum einen die desolate Wirtschaftslage Cubas: Bereits Ende 2006 hat die französische staatliche Export- Import- Bank COFACE Cuba wegen Zahlungsunfähigkeit den Kredit gesperrt; Cuba stand dort mit 175 Millionen Dollar in der Kreide. Dasselbe tat im selben Jahr die staatliche mexikanische Bancomex, der Cuba Schulden in Höhe von 365 Millonen Dollar nicht zurückzahlen konnte. 2008 hat sich Südafrika angeschlossen, bei dem Cuba ebenfalls mehr als 100 Millionen Dollar Schulden hat.

    Rating- Gesellschaften positionieren Cuba, was die Zahlungsfähigkeit angeht, an das untere Ende der Rangreihe; zusammen mit Ländern wie Weißrußland und Angola.

    Liegt das etwa am US-Embargo? Keineswegs, schreibt Fontova. Dieses sei seit 1998 faktisch so gut wie aufgehoben; es bestehe lediglich noch darin, daß von Cuba verlangt werde, alle Lieferungen cash zu bezahlen.

    Und diese Lieferungen - das ist (laut Fontova) im Umfang nicht wenig. Unter den Ländern, aus denen Cuba Waren importiert, liegen die USA an fünfter Stelle; bei den Importen von Lebensmitteln sogar an erster Stelle.



    Wie wird es also unter Obama weitergehen? Das kommunistische Cuba hat allein keine Überlebenschance. Es gibt drei mögliche Entwicklungen:

    Erstens die Implosion des Regimes à la Ostblock 1989; das ist offensichtlich das Ziel von Obama und Clinton. Zweitens eine Revolution, die mehr oder weniger blutig ausfallen kann.

    Und drittens - diese Möglichkeit wird oft übersehen - könnte das Regime sich zu retten versuchen, indem es eine staatliche Union, in welcher Form auch immer, mit Venezuela eingeht. Vieles spricht dafür, daß es solche Überlegungen gibt. Ich habe immer einmal wieder darüber berichtet; zum Beispiel im Oktober 2007, als Hugo Chávez durch Cuba reiste, als sei er bereits dessen Präsident.

    Die Vorteile für beide Seiten liegen auf der Hand: Venezuela würde Cuba wirtschaftlich stützen; dieses könnte mit seinem Geheimdienst und seiner Armee Chávez vor jedem Putsch gegen ihn bewahren.

    Nur muß für eine solche Lösung der Aufbau des Sozialismus in Venezuela weit genug vorangekommen sein. Und andererseits wird das Regime in Cuba vielleicht schon mit dem Tod Fidel Castros, spätestens mit dem Raúls - er wird im Juni auch schon achtundsiebzig - am Ende sein. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.



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    14. Januar 2009

    Der Privatgelehrte und sein Riesenwerk

    Betrachtungen zum Werk "Die Rettung des Abendlandes durch den Geist der Goethezeit" in 2 Bänden von Dr. Friedrich Muckle aus Binau am Neckar aus dem Jahre 1932, sowie der 600seitigen Kurzfassung desselben, von welchem Nola die Leser von "Zettels Kleinem Zimmer" in Kenntnis gesetzt hat, zugleich mit Dank an sie
    Ein Gastbeitrag von Kallias

    In Antiquariaten, Abt. Philosophie stöbernd, kann man schon ein wenig trübsinnig werden bei all diesen großen Abhandlungen ("Sprachphilosophie im Anschluß an Plotin" u.dgl.), die von hochbegabten gebildeten Menschen erdacht und geschrieben wurden, dann gedruckt, verkauft und ungelesen in der Buchkloake enden, dem Wühltisch oder der zweiten Reihe im antiquarischen Regal.

    Manche schaffen es in einer Nische zum Standardwerk, wie zum Beispiel "der Cheron" über das Endspiel im Schach in vier Bänden. Ich erinnere mich auch, eine gigantische "Theorie der Landkarte" gesehen zu haben, veröffentlicht 1918 in der "Hoffnung, neben den Leistungen unseres Heeres nicht ganz unwürdig dazustehen" oder so ähnlich. Das tat sie bestimmt nicht, ebensowenig wie das große Werk über die Schrottbewirtschaftung in Österreich- Ungarn während des Ersten Weltkrieges. Solche Werke werden normalerweise niemals mehr übertroffen.

    Manche haben auch das Glück, in einem populären Werk erwähnt zu werden. Claudio Magris' Buch "Donau", Pflichtlektüre für alle, die wie ich ein paar hundert Meter von dem Fluß entfernt aufgewachsen sind, und ein großartiges Buch für alle Literaturinteressierten, jedenfalls solange bis die Donau in Buchmitte aus dem deutschen Sprachraum herausfließt und der Germanist Magris ins Schwimmen gerät, bis er in Rumämien mit Canetti und Istrati wieder festeren Boden unter den Füßen hat, also dieses schöne Buch schildert das Hauptwerk eines Ingenieurs, der die Geschichte der Schifffahrt auf der oberen Donau in 2750 (oder so) Seiten in sämtlichen ermittelbaren technischen Einzelheiten beschrieben hat. Ein strenges Lebenswerk, verewigt in einer komischen Passage von einem unterhaltsamen Dampfplauderer! Das ist doch ein weit besseres Schicksal als der übliche Gang des Hauptwerks zum Orkus.



    Wieviele solcher Werke heute noch geschrieben werden? Das ist die Frage nach dem inspirierenden Original. Spengler, Muckle, Friedell: vermutlich sind das Abkömmlinge von Diltheys Idee der Geistesgeschichte. Die zahllosen philosophischen "Systeme", zu deren Erdenkung sich Generationen von Philosophen verpflichtet fühlten, waren Folgen wohl der spektakulären Systeme des Idealismus; die ihrerseits vom Originalsystematiker Spinoza abstammen. Einige Jahrzehnte lang musste ja auch jeder Komponist seine neun Symphonien schreiben; als der erste wagen konnte, eine zehnte vorzulegen, ging es wohl schon abwärts mit den Symphonien.

    Welchem lebensfüllenden Werk könnte man sich heute widmen? Vielleicht würde Dr. Friedrich Muckle eine Goethepedia ins Netz stellen, mit zehntausenden von Wiki-Stummelseiten, die nach und nach mit Inhalt ausgefüllt werden; der technische Fortschritt gestattet es ja, den Zettelkasten direkt in die Publikationsform zu überführen. Spengler mit seinem Gestaltdenken hätte es da schwerer, er würde sich vielleicht mit einem "Zoom User Interface" behelfen, um die analogen Phasen der auf- und abblühenden Zivilisationen in einem zweidimensionalen Schema einander zuzuordnen.

    Nur wäre das alles noch in der Tradition der gelehrten Abhandlung, einem arg veraltetem Genre, wenn Sie meine Ansicht darüber wissen wollen. Heute könnte man vielleicht Programmiersprachen entwickeln. Davon gibt es schon einen Haufen, und es sind auch bereits zahlreiche Einzelkämpfer tätig, die in jahrzehntelanger Arbeit Entwicklungssysteme basteln, die großartig sind, wenn sie auch von niemandem zum Programmeschreiben verwendet werden. Auf breiter Front hat sich das aber noch nicht durchgesetzt, man muss noch nirgends befürchten, beim Smalltalk gefragt zu werden, welches System man denn entwickele und für welche Architektur ("Cross-platform?" - "Nein, für MIPS." - "Interessant.").



    Systematisch gesprochen, gibt es Hühner-, Eichhörnchen- und Biberhobbies. Die meisten pflegen Hühnerhobbies, d.h. gackern, legen ein Ei, gackern wieder und legen ein weiteres Ei. (Ok, das war jetzt bei Nietzsche geklaut.) So tun es jedenfalls die Hobbymaler, -fotografen usw. Die Eichhörnchen sammeln, sie kümmern sich um Einzelstücke, sehen aber auch auf das Ganze ihrer Sammlung. Damit stehen sie grundsätzlich über den Hühnern; diese können dem Rang der Eichhörnchen allerdings ein wenig näherkommen, indem sie ihr Tun in Phasen organisieren, nach dem Vorbild des Picasso. Die Krone der Hobbies jedoch sind die Biberhobbies: der in Jahrzehnten aufgeführte organisch gewachsene Bau. Manche bauen ihr Leben lang ein Haus, oder ein Perpetuum Mobile, ein überlegenes Roulettesystem, eine Winkeldreiteilung mit Zirkel & Lineal, oder ein gelehrtes Hauptwerk.

    Entscheidend dabei ist es, zu klotzen. Eine 600seitige Kurzfassung vorwegzuschicken, ist schon ziemlich klasse. Es verrät den rechten Geist bei der Sache.

    Ich stelle jetzt mal die These auf, daß sich die Biberhobbies im Niedergang befinden, überspringe die langweilige Frage, ob das auch stimmt und gehe lieber gleich zu den Mutmaßungen über, woran es liegen könnte.

    Es liegt an der Verstädterung. In der Öde der Provinz gibt es nicht besseres als ein Biberhobby; jeder Tag, jedes Jahr und jedes Jahrzehnt erhält durch es sein unverwechselbares Gesicht, und während die Tage scheinbar gleichmäßig vorüberziehen, entfaltet sich das Leben als eine einzige kleine Weltgeschichte (wie Stirner sagte). "Anno 94", erinnert sich dann so ein Biber, der sein Leben vielleicht der Geschichte der Lochtechnik gewidmet hat, "erforschte ich die Entwicklung der skandinavischen Briefmarken- Perforations- Maschinen; das Stanzgerätearchiv in Kopenhagen erwies sich als wahre Fundgrube..." usw. Oder denken Sie an Jünger, der in seinem Wölflingen ein riesenhaftes Tagebuch verfasste und sich so einen Lebensgang erschrieb (obwohl man ihm vielleicht doch nur den Rang eines Eichhörnchens zubilligen kann).

    Der Städter hingegen hat für so etwas keinen Sinn. Als Städter fragt man sich, was heute Abend los ist. Das bedeutet keineswegs Passivität. Man ist durchaus kreativ, immer wieder mal, manche sogar so kreativ, daß in der kleinteiligen Abwechslung wieder alles einförmig wird, vergleichbar etwa der Musik Telemanns, dem einfallsreichsten aller Komponisten, dem es gelang, auf hunderttausend verschiedene Weisen langweilige Musik zu komponieren. (Im diametralen Gegensatz zu Mozart, der nur mit Tonleitern zahllose aufregende Stücke schreiben konnte - dies wäre ein weiteres Thema, das auf Einfälle, Blicke, Aphorismen, Signaturen, dem Augenblick und sein Verhältnis zur Ewigkeit usw. führen würde. Man könnte sich z.B. fragen, ob die Liebe eher als ein Aperçu, oder als ein Biberhobby angesehen werden kann. Ich schweife ab.)



    Begrenzt wird die Größe solcher Hauptwerke durch die Lebenszeit. Luhmann, der letzte der Biber, legte sein Lebenswerk auf dreißig Jahre an, schrieb es in dreißig Jahren und starb. Hätte er auf ein längeres Leben gerechnet, hätte er sich an ein größeres Vorhaben machen können. Leider ist es so schwer, über den Tod hinaus zu planen. Ich kann daher die Aufregung vieler Leute über die Möglichkeit einer Reinkarnation nicht verstehen. Ob ich schon mal da war, ist doch solange völlig wurscht, wie ich außerstande bin, Projekte meines vorigen Lebens fortzusetzen. Es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, daß ich die Reinkarnation Claire Waldoffs bin, aber was soll ich damit anfangen? Und obwohl Goethe wahrscheinlich als Dr. Muckle wiederkehrte, mußte er doch sein eigenes Werk erst wiederlesen, bevor er zur Erneuerung des Abendlandes schreiten konnte.

    Das Privatgelehrtentum stößt hier an Grenzen, die nur mit Hilfe des Vereinswesens überwunden werden können. Ich denke da an so etwas wie den "Verein zur Vollendung von Prousts Recherche in 800 Bänden" und dergleichen. Im Unterschied zu den herkömmlichen synchronischen Vereinen, wo dutzende oder hunderte von Mitgliedern gleichzeitig zusammenhocken und dies und das tun, im Stile eines Hühnerhaufens, wäre das Bibertum in diachronischen Vereinen zu organisieren, mit jeweils nur einem einzigen Mitglied, das seine Mitgliedschaft vererbt, woraufhin erst der nächste Biber tätig werden würde.

    Statt zahlloser vergessener Werke würde sich eine verhältnismäßig kleine Zahl von Erbprojekten ergeben, die über Generationen hinweg weiterentwickelt werden und deren Ruf hauptsächlich auf ihrer Dauer beruhen würde. Dies könnte durchaus ein wichtiger Beitrag zur Rettung des Abendlandes sein.

    So hat sich am Ende auch dieser überaus substantielle Kommentar von einer Spenglerschen Melancholie zu einem Muckleschen Optimismus gewendet.




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    Zitat des Tages: "Zurück zum Verbrennungsofen!" Gaza-Krieg und Antisemitismus. Über Nazi-Vergleiche

    Go back to the oven! You need a big oven, that's what you need!

    (Zurück zum Verbrennungsofen! Ihr braucht einen großen Verbrennungsofen, genau das!).

    Äußerung einer Frau auf einer Kundgebung gegen Israel in Fort Lauderdale, Florida; mitgeteilt von Jonah Goldberg in seiner Kolumne in der Los Angeles Times.

    Kommentar: Jonah Goldbergs Kolumne erschien schon vor einer Woche. Ich komme heute auf sie zurück, weil das, worüber er schreibt, in Deutschland in dieser Woche aktuell geworden ist: Reminiszenzen an die Nazi- Zeit im Zusammenhang mit dem Gaza- Krieg.

    Lesen Sie bitte einmal diesen Bericht eines Augenzeugen:
    ... stand P. mit seiner Freundin auf der Straße, in unmittelbarer Nähe. Er hatte den Zug begleitet, weil er eventuelle Hetzparolen dokumentieren wollte. Was sich angesichts der Flaggen entwickelte, nennt P. "eine Lynchstimmung". "Tod Israel", sei von einigen Demonstranten geschrien worden, und "Verrecke!" (...)

    Die Aktion der Polizei löste bei den Demonstranten Jubel aus. (...) Auch Gegenstände flogen gegen P.s Fenster, mit ziemlicher Sicherheit Eisbrocken, ein zusammengeklapptes Taschenmesser, ein Nagelknipser, möglicherweise auch Steine.

    P. sagt, er sei "schockiert" gewesen. Aus Angst, in die eigene Wohnung zu gehen, sei er zunächst mit seiner Freundin in die Innenstadt weitergezogen. Etwa zwei Stunden später kam er zurück, mit seiner Freundin und einem Bekannten - doch noch immer standen Jugendliche vor dem Haus und warfen Gegenstände.
    Sie werden wissen oder vermuten, worum es geht: Es ist der Bericht des Studenten, der in Duisburg Fahnen Israels in sein Fenster und an seinen Balkon gehängt hatte und dem, zwecks Entfernung der Fahnen, die Polizei die Wohnungstür eingetreten hatte. Entnommen habe ich dieses Zitat einem Artikel von Yassin Musharbash, der gestern Abend in "Spiegel- Online" erschien.

    Schon zuvor hatte der Ruhrgebiets- Blog "Ruhrbarone" in zwei Beiträgen Berichte zu dem Vorfall gebracht.



    Nicht wahr, was ich aus "Spiegel- Online" zitiert habe, könnte mit minimaler Veränderung (statt "Tod Israel" vielleicht "Tod den Juden") ein Bericht über eine Aktion der SA aus dem Jahr 1933 sein?

    Noch beklemmender wird die Parallele, wenn man sich die Artikel in "Ruhrbaron" ansieht. Dort berichtete Stefan Laurin bereits am Samstag über den Vorfall in Duisburg und schloß Informationen aus Gelsenkirchen an:
    Die Duisburger Polizei hat mit dieser Aktion ein absurdes Demokratieverständnis gezeigt. Gleiches gilt wohl auch für die Polizei in Gelsenkirchen. Am Rand der dortigen Demo, so das Blog Gelsenclan, wurde die Vergasung von Juden gefordert.
    Und in dem zweiten Artikel von "Ruhrbarone" über den Duisburger Vorfall berichten David Schraven und Stefan Laurin aus einem Gespräch mit dem betroffenen Studenten unter anderem dies:
    Dass die Polizei sich auf die Seite des, wie P. es nennt, "antisemitischen Mobs stellt" hat ihn erschreckt: "Ich weiß von Freunden aus den USA, dass dort die Polizei dafür sorgt, dass auch Demonstrationen für Israel in der Nähe arabischer Demonstranten stattfinden können und keine israelischen Fahnen verschwinden müssen." In Düsseldorf dagegen hätte die Polizei vor wenigen Tagen Gegendemonstranten einer pro- palästinensischen Kundgebung Platzverweise erteilt.
    Was Jonah Goldberg über solche Demonstrationen in den USA berichtet, das ist - siehe das Eingangs- Zitat - nun allerdings auch beunruhigend.



    Man soll mit Nazi- Vergleichen vorsichtig sein. Erstens, weil es sich meist um in der Größenordnung nicht Kompatibles handelt. Zweitens, weil solche Vergleiche häufig in propagandistischer Absicht eingesetzt werden; zur Verunglimpfung dessen, das Gegenstand des Vergleichs ist.

    Ginge es nur darum, daß damals die Nazis Antisemiten waren und daß es heute - in Form von "Antizionismus" - diejenigen sind, die wie in Duisburg und Gelsenkirchen demonstriert haben, dann würde das einen Vergleich nicht rechtfertigen.

    Es findet aber etwas anderes statt: Diese Antisemiten selbst stellen die Verbindung zu den Nazis her.

    Sie tun das zum einen selbst mit ihrem Vokabular. Verbrennungsöfen. Vergasen. Auch Parolen wie "Verrecke" sind direkt dem Vokabular der Nazis entnommen; "Juda verrecke" war eine ihrer häufigsten Parolen.

    Vor allem aber tun sie es - und das ist das Hauptthema von Goldberg - , indem sie nach der Methode "Haltet den Dieb!" ihrerseits die Israelis mit den Nazis vergleichen. Goldberg:
    At a Saturday New York protest against Israel's military assault on Gaza, some carried signs that read: "Israel: The Fourth Reich"; "Holocaust by Holocaust Survivors"; "Stop Israel's Holocaust"; "Holocaust in Gaza"; and "Stop the Zionist Genocide in Gaza." Type "Israel" and "Nazi" into any news search engine and you'll be rewarded, or punished, with a bounty of such statements just over the last week or so. Gaza is the new Auschwitz, the Israeli Defense Forces are SS troops ...

    Bei einem Protest am Samstag in New York gegen den militärischen Angriff Israels gegen Gaza trugen einige Plakate, auf den stand: "Israel: Das Vierte Reich"; "Holocaust durch Holocaust- Überlebende"; "Stoppt Israels Holocaust"; "Holocaust in Gaza" und "Stoppt den zionistischen Völkermord in Gaza". Geben Sie "Israel" und "Nazi" in eine beliebige Nachrichten- Suchmaschine ein, und sie werden allein aus ungefähr der letzten Woche mit jeder Menge solcher Äußerungen belohnt werden, oder vielmehr bestraft. Gaza ist das neue Auschwitz, die Israelischen Verteidigungsarmee ist die SS ...



    Wir stehen also nicht vor der Wahl, Parallelen zu den Nazis zu ziehen oder das aus wohlerwogenen Gründen besser nicht zu tun. Der Zusammenhang wird von den Anti- Israel- Demonstranten selbst hergestellt.

    Er wird hergestellt durch ihr Verhalten - wer Andersdenkende mit Gewalt bedroht, nur weil sie im Wortsinn "Flagge zeigen", der benutzt eben SA- Methoden - ; er wird hergestellt durch ihre eigenen Parolen, ihre eigene Propaganda.

    Warum sind die Feinde Israels so versessen darauf, dieses Land in die Nähe des Dritten Reichs zu rücken? Jonah Goldberg weist auf einige offensichtliche Motive hin (weil das schmerzhaft für die Juden ist, weil es Aufmerksamkeit erregt, Extremisten elektrisiert usw.), meint aber, daß das noch nicht die ganze Erklärung sei:
    But I think, deep down, the desire to cast the Israelis as Nazis is fueled by the haters' need to see their own hatreds and ambitions mirrored in their enemy's actions. Hamas has an avowedly Hitlerite agenda. The only way to make such an agenda defensible is to convince yourself and others that the Israelis deserve it. (...)

    It brings to mind Huey Long's reported prophecy that if fascism ever came to America, it would be called anti-fascism. Well, with Hamas, Hitlerism comes to the Middle East wearing the mask of anti-Hitlerism.

    Ich glaube aber, daß tief im Inneren der Wunsch, die Israelis als Nazis darzustellen, sich aus dem Bedürfnis der Hasser speist, ihren eigenen Haß und ihr eigenes Bestreben in den Handlungen des Feindes gespiegelt zu sehen. Die Hamas hat ein eingestandenermaßen hitleristisches Programm. Die einzige Art, ein solches Programm vertretbar zu machen, besteht darin, sich selbst und anderen einzureden, daß die Israelis es nicht besser verdienen. (...)

    Das erinnert an die Vorhersage, die Huey Long gemacht haben soll: Wenn der Faschismus je nach Amerika käme, würde er Anti- Faschismus genannt werden. Nun, mit der Hamas kommt der Hitlerismus in den Nahen Osten, maskiert als Anti- Hitlerismus.
    In Deutschland haben wir einen unmaskierten Hitlerismus, in Gestalt der Neonazis. Mit scheint, daß uns das oft den Blick verstellt für den maskierten Hitlerismus.



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    13. Januar 2009

    Zitat des Tages: "Meinungsfreiheit einzelner". Die Duisburger Polizei begründet ihr Vorgehen gegen das Zeigen von zwei israelischen Flaggen

    Bei der Abwägung zwischen der Unversehrtheit der Wohnung bzw. der Meinungsfreiheit einzelner und der drohenden Gefahr für zahlreiche Unbeteiligte (Körperverletzung / Sachbeschädigungen) bei einer Eskalation der Situation, entschied der Polizeiführer die Wohnung zu öffnen. Diese Entscheidung ist auch aus heutiger Sicht nicht zu beanstanden.

    Aus einer gestrigen Pressemitteilung der Duisburger Polizei zu dem Vorfall, über den ich am Sonntag berichtet habe: Aus einer von der extremistischen Vereinigung Milli Görüs organisierten Demonstration heraus waren zwei israelische Flaggen, die sich in einem Wohnungsfenster befanden, beworfen worden. Die Polizei hatte daraufhin die Tür zur Wohnung "gewaltsam geöffnet" und die Flaggen entfernt.

    Kommentar: Bisher konnte man noch glauben, daß ein örtlicher Polizeiführer, der bei der juristischen Schulung nicht aufgepaßt hatte, keine Vorstellung vom Rang der Grundrechte "Unverletzlichkeit der Wohnung" und "Meinungsfreiheit" hatte.

    Jetzt also schließt sich die Duisburger Polizei offiziell dessen Beurteilung an.

    Abzuwägen war die Verletzung von zwei Grundrechten gegen - ja, wogegen eigentlich? Die Überschrift der Pressemitteilung lautet: "10000 demonstrierten friedlich über zwei Stunden in Duisburg gegen den Krieg im Gazastreifen". In der Pressemitteilung selbst ist von keiner anderen Gewalt die Rede, als daß sich "die Gemüter erhitzten" und "Schneebälle und andere Gegenstände" flogen, und zwar "in Richtung der Fahnen".

    Wieso die Gefahr einer Körperverletzung bestand, ist das Geheimnis der Duisburger Polizei; an wem denn?

    Abzuwägen war die Verletzung von zwei fundamentalen Rechten gegen Erhitzung der Gemüter und fliegende Schneebälle und andere Gegenstände, die offenbar, da die Wohnung im dritten Stock lag, diese gar nicht trafen.

    Da hat sie sich also gegen die Grundrechte entschieden, die Duisburger Polizei. Gegen die Grundrechte "einzelner" - als wenn es nicht das Wesen der Grundrechte wäre, Rechte jedes einzelnen zu sein.

    Nicht nur diese unglaubliche "Rechtfertigung" ist ein Skandal. Ein Skandal ist es auch, wie die Pressemitteilung die Perspektive der Extremisten einnimmt: "Mehrere hundert Teilnehmer empfanden zwei israelische Fahnen in der dritten Etage eines Wohnhauses am Demonstrationsweg als Provokation".

    Sie empfanden, die Sensibelchen. Die israelische Fahne hat sozusagen den Volkszorn erregt, so klingt das. Diese Fahne, die zu zeigen in Deutschland immerhin nicht verboten ist.

    Während es in Deutschland bekanntlich verboten ist, sich als Teilnehmer einer Demonstration zu vermummen. In diesem Artikel können Sie einen vermummten Teilnehmer der Demonstration sehen. Daß die Duisburger Polizei gegen die Vermummung eingeschritten wäre, ist nicht bekannt.



    Bitte lesen Sie auch den ausgezeichneten Kommentar von C. in "Zettels Kleinem Zimmer", dem ich auch den Hinweis auf die Pressemitteilung der Duisburger Polizei verdanke.



    Nachtrag: Inzwischen - am Dienstag Abend - scheint die Sache doch auch in den Medien ins Rollen zu kommen (siehe die aktuellen Beiträge in "Zettels kleinem Zimmer"); zwei Tage, nachdem mein erster Artikel dazu erschienen war. Dieser basierte auf dem Hinweis von Califax, der die Information aus dem israelischen Blog Muquata hatte. An diesen hatten die Geschädigten eine Email geschickt - ein Beispiel dafür, wie Blogger für die Verbreitung von Nachrichten sorgen können, die sonst schwerlich das Licht der medialen Öffentlichkeit erblickt hätten.



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    Deutschland im Öko-Würgegriff (13): Jetzt hilft nur noch Verbieten. Über den Niedergang der Mehrwegquote

    Mit der Pferdekutsche von A nach B zu fahren ist umweltfreundlicher, als ein Auto, die Bahn oder ein Flugzeug zu benutzen.

    Leider wird man dabei auch durchgerüttelt, im Winter friert man, es geht langsam voran, und der Kilometerpreis dürfte angesichts der Unterhaltskosten für Pferde, für ein System von Poststationen usw. höher sein als der für das Fliegen oder irgend ein anderes modernes Verkehrsmittel.

    Aber wie auch immer - hätte es um 1830 weitblickende und hinreichend einflußreiche Umweltschützer gegeben und hätten diese vorhergesehen, welche Umweltschäden einmal Eisenbahn, Automobil und der Flieger anrichten würden - dann hätten sie vermutlich eine Kutschenquote verordnet.

    In einer "Transportverordnung" mit der Zielvorgabe, daß mindestens 80 Prozent des Personen- Reiseverkehrs mittels Pferdekutschen erfolgen sollen.



    Nein, ich habe diese Zahl keineswegs aus der Luft gegriffen. 80 Prozent - das ist die Mehrwegquote, wie sie in der Verpackungsverordnung über die Vermeidung und Verwertung von Verpackungsabfällen (Verpackungsverordnung - VerpackV) vom 21. August 1998 festgeschrieben ist.

    Das war eine Zielvorgabe. Mit anderen Worten, es handelte sich um eine Verordnung, die automatisch weitere Verordnungen generieren würde. Gewissermaßen eine Mutter- Verordnung, die seither viele, viele Kinder in Gestalt weiterer Verordnungen, von Anhängen usw. geboren hat. Wie so ein Sprößling ausschaut, davon kann man sich zum Beispiel in dieser kleinen Dokumentation ein Bild machen.

    Viele Jahre hat jetzt eine Bürokratie für das Ziel einer Mehrwegquote von 80 Prozent gearbeitet. Mit Fleiß, mit Einfallsreichtum. Mit dem ganzen Eifer, mit dem Bürokraten auch noch den hintersten Winkel der Wirklichkeit unter ihre Kontrolle zu bringen trachten. Man hat wirklich keine Mühe gescheut.

    Und das Ergebnis? Man konnte es gestern in der "Süddeutschen Zeitung" lesen. Titel des Artikels: "Jede zweite Flasche wird Müll". Untertitel: "Die Mehrwegquote ist so gering wie nie. Nun fordert die Umwelthilfe eine Abgabe auf Wegwerfbehälter".

    Im Text erfahren wir, daß die Mehrwegquote nach Erlaß der Verordnung nicht stieg, sondern sank. Daraufhin führte die rotgrüne Bundesregierung 2003 das Dosenpfand ein.

    Damals lag die Mehrwegquote bei 64 Prozent. Nach fünf Jahren Dosenpfand liegt sie jetzt bei 48,2 Prozent. Das ist der aktuellste Wert, vorläufig noch eine "Hochrechnung", geliefert von der Nürnberger "Gesellschaft für Konsumforschung".

    Selbst dieser Wert verdeckt noch das wahre Ausmaß des Desasters. Er ist nämlich nur dank des Biers noch so relativ hoch. Das kann nicht in PET-Flaschen oder Pappbehälter abgefüllt werden; jedenfalls tut man das in Deutschland nicht. Die Bierdose ist aufgrund des Pfands so gut wie aus den Regalen verschwunden (neuerdings taucht sie gelegentlich wieder auf). Bier wird also überwiegend in Glasflaschen verkauft; und da ist die Mehrweg- Variante immer noch vergleichsweise attraktiv für den Konsumenten.



    Für den Konsumenten? Ja, es gibt ihn noch, den Konsumenten. Und statt sich dem zu fügen, was die Obrigkeit ihm verordnet, versucht er - so gut er denn noch kann - sich beim Kaufen vernünftig zu entscheiden.

    In Glasflaschen wurden Getränke überwiegend abgefüllt, als es noch keine bessere Verpackung gab; so, wie man mit der Pferdekutsche fuhr, solange es noch keine Eisenbahn und kein Auto gab.

    Glasflaschen sind freilich schwer und zerbrechen leicht. PET-Flaschen haben ein geringes Gewicht und sind fast unzerbrechlich; jedenfalls zerbrechen sie nicht, wenn man sie auf den Boden der Garage fallen läßt. Weil sie leicht sind, kann man sie größer herstellen als die klassische Getränkeflasche; mit einem Volumen von 1,5 Litern zum Beispiel. Teuerer als eine Glasflasche ist solch eine PET-Flasche auch nicht; eher billiger.

    Kurzum, die PET-Flasche hat nur Vorteile gegenüber der Glasflasche. Also kauft sie der vernünftige Konsument. Und tut sie entweder, wenn geleert, in den Gelben Sack oder bringt sie, falls bepfandet, zum Schreddern zurück. Wohin sie auch wandert, wenn er sie in den Gelben Sack tut, der Konsument. Nur nicht auf einem so umständlichen, teuren, bürokratisch überwachten Weg.

    Auf welchem dieser Wege sie auch in den Schredder gelangt - umweltfreundlich ist sie auch noch, die PET-Flasche, denn aus dem Geschredderten werden ja neue Flaschen, oder sonst Nützliches. Und die Kosten für den Transport und die Reinigung des Leerguts entfallen.



    Nur entstehen bei der Schredderei keine Mehrwegflaschen. Also sinkt die Mehrwegquote. Der Geßlerhut wird immer seltener gegrüßt. Zehn Jahre bürokratischer Mühen für die Katz.

    Sie müssen sich verhohnepiepelt vorkommen, die Bürokraten des Umweltministeriums und die sich ja auch bereits wie Bürokraten gerierenden Funktionäre der Umweltverbände. Sie lenken und lenken, sie ersinnen eine Verordnung nach der anderen - und der Bürger reagiert einfach nicht. Als wenn man einen Ochs ins Horn petzt, wie man in Hessen sagt.

    Was tun? Im Umweltministerium sieht man sozusagen die Wellen über sich zusammenschlagen, die des Mineralwassers (Mehrwegquote im Augenblick nur noch gut 34 Prozent). Die "Süddeutsche Zeitung":
    Auch das Bundesumweltministerium denkt darüber nach, wie sich der Verfall der Mehrwegquote stoppen lässt. "Unser Ziel muss sein, den Anteil zu stabilisieren", sagte ein Ministeriumssprecher in Berlin. Entsprechende Instrumente würden derzeit geprüft.
    "Stabilisieren", wie den Zustand eines Schwerkranken, bei dem man Besserung ohnehin nicht mehr erhofft. Ein "Instrument" dazu, ein nur allzu naheliegendes, schlägt die sogenannte "Deutsche Umwelthilfe" vor: eine "Klimaabgabe", durch die die Einwegflaschen künstlich verteuert werden sollen.

    Nur wird das doch auch nicht helfen. Dann wird die Industrie halt Wege finden, die PET-Verpackungen noch etwas billiger herzustellen, so daß die Abgabe eingepreist werden kann.



    Es ist zum Verzweifeln für die beamteten oder selbsternannten Umweltschützer: Sie können machen, was sie wollen - der Vernunft des Verbrauchers, dem Erfindungsgeist der Unternehmer ist einfach nicht beizukommen. Der Konsument kauft das, was gut und preiswert ist und was seinen Bedürfnissen entspricht. Der Hersteller sorgt dafür, daß ihm das auch angeboten wird.

    So ist es nun einmal in einer freien Marktwirtschaft. "Lenkungswirkung" hin, "Lenkungswirkung" her. Am Ende bringt das alles nichts. Was allein den Verbraucher, was allein die Hersteller und Anbieter zur Räson bringt, das ist das nackte Verbot.

    Die EU-Kommission hat das erkannt, als sie bei der Glühbirne nicht lange fackelte, sondern ein schlichtes Verbot aussprach. Auch unsere heimischen Umwelt- Bürokraten, die wackeren Kämpfer gegen die Einwegflasche, werden zu der Einsicht kommen: Jetzt hilft nur noch Verbieten!

    Man hätte es damals auch so machen sollen, als die ersten Eisenbahnen rollten, dann die ersten Autos. Hätte man sie verboten, dann würden wir heute noch glücklich und zufrieden mit der Postkutsche fahren, und wir hätten den ganzen Ärger mit der Umwelt nicht.



    Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

    12. Januar 2009

    Kurioses, kurz kommentiert: Der Frust der Gesine Schwan

    Die Präsidentschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan, kritisiert die Planungen der Bundesregierung für die Feiern zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes am 23. Mai. Zum Auftakt der Feierlichkeiten in Berlin sollen nur CDU-Vertreter sprechen: Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert. Sozialdemokraten sind als Redner nicht vorgesehen.

    Aus einer Vorabmeldung zum aktuellen "Spiegel" 3/2009.

    Kommentar: Ob der Politologin Gesine Schwan entgangen ist, daß bei den Feierlichkeiten überhaupt keine Vertreter von Parteien sprechen, sondern die höchsten Repräsentanten unseres Staats? Und das sind nun einmal, laut Protokollarischer Rangordnung, die drei Personen, die als Redner vorgesehen sind.

    Schwan will einer staatlichen Feier einen parteipolitischen Akzent verpassen. Und nach der Methode "Haltet den Dieb!" versucht sie, der Bundesregierung parteipolitische Motive in die Schuhe zu schieben. Aus derselben Meldung:
    Auch müsse man sich fragen, ob die geplante Groß- Inszenierung an Brandenburger Tor und Gendarmenmarkt nicht vor allem als Schützenhilfe für die Wiederwahl von Bundespräsident Horst Köhler gedacht sei.
    Kuriose Frage. Und eine, sagen, wir, kleinkarierte Frage. Der Blick auf unseren Staat aus der Froschperspektive der Parteipolitik.

    Und noch dazu ein arg schiefer Blick. Glaubt denn Frau Schwan allen Ernstes, daß sich die Vertreter der Parteien in der Bundesversammlung bei ihrer Stimmabgabe davon beeinflussen lassen, daß Horst Köhler zuvor bei Feierlichkeiten aufgetreten sein wird?

    Verwechselt die Politologin da nicht diese Vertreter der Parteien, überwiegend geübte Parlamentarier, mit unpolitischen Wählern, die ja vielleicht für den stimmen mögen, der am nettesten reden kann oder der gerade erst wieder so schön im Fernsehen aufgetreten ist?



    Gesine Schwans Beschwerde ist neben der Sache, und insofern kurios für eine intelligente Politologin. Veständlich ist sie freilich, und insofern wieder auch weniger kurios.

    Denn als sie zur Kandidatin gekürt wurde, herrschte in der SPD die heimliche Vorsitzende Andrea Nahles unter dem peinlichen Vorsitzenden Kurt Beck. Man wollte die Weichen in Richtung auf eine Volksfront nach den Wahlen dieses Jahres stellen. Das sollte, nach dem Vorbild der Wahl von Gustav Heinemann, als ein "Stück Machtwechsel" inszeniert werden, indem Sozialdemokraten, Kommunisten und Grüne gemeinsam Gesine Schwan wählen.

    Nun sitzt sie da, die Kandidatin Schwan. Der Wind in der SPD hat sich gedreht. Steinmeier und Müntefering sind Gegner der Volksfront; jedenfalls auf Bundesebene, jedenfalls schon 2009. Die Kandidatur von Gesine Schwan hat damit ihren Sinn verloren. Hätte die SPD jetzt zu entscheiden, dann würde sie Horst Köhler mitwählen.

    Gesine Schwan sitzt jetzt da wie Ilsebilse, niemand willse. Und diesem Frust hat sie offenbar Luft gemacht.



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    11. Januar 2009

    Zitat des Tages: "Karl, Rosa, Wladimir" - einmal im Jahr ist das große kommunistische Familientreffen

    Karl – Rosa – Wladimir – für unsre Zukunft kämpfen wir.

    Laut FAZ war das eine Parole auf der diesjährigen Rosa- Luxemburg- Demonstration.

    Kommentar: Jetzt habe ich doch einen Augenblick überlegen müssen, welcher Wladimir da gemeint war.

    Nein, Putin wohl doch nicht. Doch wohl eher Wladimir Iljitsch Uljanow, Kampfname Lenin.

    Diese Rosa- Luxemburg- Demonstrationen, alljährlich zum Todestag von Rosa Luxemburg zelebriert, sind bemerkenswert, weil sich auf ihnen die Kommunisten, die sonst gern getrennt auftreten, vereint zeigen. Die kommunistische "Junge Welt" berichtet:
    Unter dem Motto "Nichts und niemand ist vergessen – Aufstehen und widersetzen" zogen nach Angaben der Veranstalter mehr als 10.000 Menschen vom U-Bahnhof Frankfurter Tor zur Gedenkstätte, darunter auch die Europaabgeordneten Sahra Wagenknecht und Tobias Pflüger sowie die innenpolitische Sprecherin der Partei Die Linke im deutschen Bundestag, Ulla Jelpke. Außerdem protestierten zahlreiche kommunistische, marxistische und autonome Gruppen aus Deutschland und Europa gegen Krieg und Kapitalismus.
    Und am Grab von Rosa Luxemburg waren sie natürlich alle versammelt. "Am Morgen hatte Egon Krenz ... eine Nelke am Stein niedergelegt. Gregor Gysi, Lothar Bisky waren da, Oskar Lafontaine ist auf Wahlkampf in Hessen" meldet die FAZ.

    Und wer war sonst noch da? Die "Junge Welt":
    In einem Meer von roten Fahnen mehrheitlich deutscher und türkischer Organisationen waren auch immer wieder palästinensische Flaggen zu sehen. Darüber hinaus hatten mehrere arabische Gruppen aus Solidarität mit den Palästinensern angesichts des israelischen Bombardements von Gaza einen eigenen Block gebildet.

    Solidarität mit den Palästinensern war auch das zentrale Thema der türkischen Föderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF) und vieler anderer Gruppen. Rund 50 verschiedene Organisationen, Parteien und Initiativen hatten zu der Demonstration aufgerufen.



    Getrennt marschieren, vereint schlagen - das ist im allgemeinen die Taktik der Kommunisten.

    Bisky, Lafontaine, Gysi geben sich bürgerlich und grundgesetztreu. Sie drängen in die Landesregierungen; wenn vorerst nicht in Hessen, dann in diesem Jahr vielleicht im Saarland und in Thüringen. Und irgendwann in die Bundesregierung; wenn nicht in diesem Jahr, dann eben 2013. Als Freund Israels, versteht sich. Eine Partei wie jede andere - wer ist da so dumpf antikommunistisch, daß er sie für nicht regierungsfähig hält?

    Die "zahlreichen kommunistischen, marxistischen und autonomen Gruppen" agitieren derweil auf der extremen Linken, Arm in Arm mit "türkischen Organisationen" und "arabischen Gruppen". Natürlich in "Solidarität mit den Palästinensern".

    Normalerweise gelingt es den kommunistischen Strategen bestens, die beiden Marschsäulen voneinander getrennt zu halten - so getrennt, daß zum Beispiel immer noch kaum jemand in Deutschland wissen dürfte, daß Lothar Bisky der Vorsitzende fast aller Kommunisten Europas ist oder daß Oskar Lafontaine Wahlkampf für die französische Kommunistische Partei macht.

    Nur einmal im Jahr, da ist kommunistisches Familienfest. Da treffen sie sich alle, die mit unterschiedlichen Taktiken dem gemeinsamen Ziel zustreben - dem Ziel von Karl, Rosa, Wladimir.



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