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23. Juli 2009

Zitat des Tages: Worin sich britische Universitätsdozenten und Neonazis einig sind. Ein Blick auf Europa von jenseits des Atlantik

Never mind Iran's crackdown on peaceful protestors, China's killings of ethnic Uighurs or the epidemic murders of Kremlin critics. When it comes to Europe's bien pensants, the only country that really seems to engage their moral indignation is Israel. Calling for Israel to be sanctioned may be the one cause that unites British university lecturers and Scandinavian union activists with radical Islamists and neo-Nazis.

(Was kümmern sie das gewaltsame Vorgehen des Iran gegen friedlich Protestierende, die Morde der Chinesen an Angehörigen des Volks der Uiguren, die ständigen Ermordungen von Kritikern des Kreml. Bei den Gutmenschen in Europa ruft nur ein einziges Land wirklich moralische Entrüstung hervor - Israel. Die Forderung nach Sanktionen gegen Israel dürfte die einzige Sache sein, in der sich Dozenten britischer Universitäten und skandinavische Gewerkschafter mit radikalen Islamisten und Neonazis einig sind.)

Das Wall Street Journal gestern in einem Kommentar unter der Überschrift "Israel on their minds" (Sie denken nur an Israel).

Kommentar: Der Anlaß für dieses Editorial des WSJ ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg von vergangener Woche. Es weist die Klage des ehemaligen Bürgermeisters von Seclin in Frankreich, Jean- Claude Willem, ab, der von einem französischen Berufungsgericht zu einer Geldstrafe von 1000 Euro verurteilt worden war, weil er den Boykott von Waren aus Israel in seiner Gemeinde angekündigt hatte.

Seclin ist eine kleine Stadt in Nordfrankreich, in der Nähe von Lille nahe der belgischen Grenze. Also altes Industriegebiet. Die Stadt ist fest in kommunistischer Hand. Der jetzige Bürgermeister Bernard Debreu ist Kommunist, und ebenso ist es sein Vorgänger Jean- Claude Willem.

Dieser Bürgermeister Willem nun hatte am 3. Oktober 2002 in einer Sitzung des Stadtrats einen Boykott israelischer Waren verkündet; und zwar - wie er in einer späteren Erklärung erläuterte - als "Protest gegen die täglichen Massaker und Morde" an Palästinensern. Dies und alle sonstigen Details des Falles findet man im französischen Juristenblog Actualités du Droit beschrieben.

Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin ein Strafverfahren gegen Willem ein, das sich auf Diskriminationsverbote im französischen Recht stützte; eines davon in einem Gesetz, das bereits seit 1881 gilt.

Das erstinstanzliche Gericht in Lille sah die betreffenden Straftatbestände nicht als erfüllt an und sprach Willem frei. In zweiter Instanz wurde er vom Berufungsgericht in Douai zu einer Geldstrafe von 1000 Euro verurteilt.

Dagegen war er vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen, der die Entscheidung des Berufungsgerichts aber bestätigte (Entscheidung vom 16. Juli 2009, Az 10883). Willem habe nicht als Privatperson oder Politiker seine Meinung geäußert, sondern in seiner Funktion als Bürgermeister die Gemeinde Seclin auf einen Boykott festgelegt, der diskriminatorischen Charakter gehabt habe.



In Europa hat dieser Fall außerhalb Frankreichs kaum Aufmerksamkeit gefunden. Eine Google- Suche in deutschen WebSites liefert keinen einzigen Treffer. Das Wall Street Journal aber findet ihn wichtig genug, um ihm ein Editorial zu widmen; einen namentlich nicht gezeichneten Kommentar also, der die Meinung der Redaktion wiedergibt.

Woher diese Diskrepanz? Warum findet man in den USA etwas wichtig, das in Europa noch nicht einmal ein Achselzucken auslöst?

Was wohl jenseits des Atlantik überhaupt nicht verstanden wird, das ist die Einseitigkeit, mit der sich moralische Empörtheit gegen Israel richtet.

Man hat Vertändnis dafür, daß Israel kritisiert wird; warum nicht. Aber welche Gemeinde in Europa ruft zum Boykott russischer Waren auf, weil dort unter offensichtlicher Duldung, wenn nicht Förderung durch offizielle Stellen kritische Journalisten ermordet werden? Wo wird zum Boykott iranischer, cubanischer, syrischer, sudanesischer Waren aufgerufen, weil in diesen Ländern die Menschenrechte mit Füßen getreten werden?

Die unsäglichen Zustände in Darfur, in Simbabwe, im Sudan lassen das moralische Empfinden der meisten Europäer unberührt. Wenn aber Israel, um sich gegen ständige Aggressionen aus Gaza zu wehren, dort einmarschiert - dann auf einmal ist es hellwach, dieses Gewissen.

Am Schluß des Editorial schreiben die Autoren:
Laws against discrimination have their uses and abuses, and we would rather have seen Mr. Willem voted out of office than sanctioned by a court. But to the extent that the judges' ruling exposes the atavistic fixations of some Europeans with the Jewish state, it does the Continent a service.

Gesetze gegen Diskriminierung haben ihren Nutzen und ihre Nachteile, und uns wäre es lieber gewesen, wenn Willem abgewählt worden wäre, statt daß man ihn gerichtlich bestraft hat. Aber in dem Maß, in dem das Urteil dieser Richter die atavistischen Fixierungen einiger Europäer auf den Staat Israel offenlegt, tut es dem Kontinent einen Gefallen.
Daß die Bürger von Seclin ihren kommunistischen Bürgermeister abgewählt hätten, weil er sich gegen Israel geäußert hat, ist ein frommer Wunsch von jenseits des Atlantik. Ansonsten scheint mir diese Passage die Sache zu treffen.

Oder vielmehr: Sie würde die Sache treffen, wenn dieses "Offenlegen" von den Europäern überhaupt bemerkt worden wäre.



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16. März 2009

Eine skandalöse Veranstaltung der UNO. Da sei nichts zu retten, sagt der Sprecher des amerikanischen Außenministeriums. Was sagt die Bundesregierung?

Die Initiative existiert schon seit dem vergangenen Jahr, aber erst nach ihrer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag findet sie ein gewisses Echo in den Medien.

In "Spiegel- Online" berichtete am Freitag Veit Medick darüber, und in "Welt- Online" erschien gestern ein Kommentar von Ansgar Graw. Er spricht von einer "skandalösen Veranstaltung". Sehr zu Recht. Damit meinte er "Durban 1". Das jetzt geplante "Durban 2" dürfte keinen Deut weniger skandalös werden.

Worum geht es? Der Boykottaufruf der Initiative beschreibt es:
Im September 2001 versammelte sich in der südafrikanischen Stadt Durban die dritte Konferenz der Vereinten Nationen gegen den Rassismus, die die öffentliche Anerkennung von Sklaverei und Kolonialismus als Verbrechen zum Ziel hatte. (...)

Schöne Absichten, aber sie führten sehr schnell zu einer Atmosphäre der Opferkonkurrenz und der Lynchjustiz gegenüber israelischen Organisationen und allen Personen, die man verdächtigte, Juden zu sein. (...)

Einige Delegierte wurden physisch bedroht, man rief "Tod den Juden". Die Farce erreicht ihren Gipfel, als der sudanesische Justizminister Ali Mohamed Osman Yasin Reparationen für die Sklaverei forderte, während in seinem eigenen Land weiterhin schamlos Menschen versklavt werden. (...)

Im Jahr 2009 soll ein Durban 2 stattfinden, das eine Wiederholung von Durban 1 verspricht. Die "Durban Review Conference" ist für 20. bis 24. April 2009 in Genf angesetzt. (...)

Am 14. September 2007 hielt Doudou Diene, der UN-Sonderberichterstatter für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, eine Rede vor den Vereinten Nationen in Genf. Darin beschuldigte er die westlichen Länder zum wiederholten Male, seit dem 11. September 2001 die perfidesten Formen der Islamophobie ins Werk zu setzen. Diese Islamophobie definiert er als einen Rassismus, der bereits auf die ersten Kontakte zwischen Islam und Christentum zurückgehe, besonders die Kreuzzüge und die spanische Reconquista. (...)

Man wird nicht erstaunt sein zu erfahren, dass dieser Bericht von der Islamischen Konferenz und einer Mehrheit der Blockfreien- Bewegung, in der sich die Demokratien an den Fingern einer Hand abzählen lassen, heftig unterstützt wird. (...) Kurz: Der Antirassismus ist in der UNO zur Ideologie der totalitären Bewegungen geworden, die ihn für ihre Zwecke benutzen.



Hier finden Sie die offizielle WebSite für diese famose Konferenz. Was da steht und verlinkt ist, klingt alles großartig. Die Hochkommissarin der UNO für Menschenrechte, Navi Pillay, die als Generalsekretärin der Konferenz fungieren wird, erklärt zum Beispiel:
I urge Member States to transcend their differences and to join efforts to confront racism and xenophobia. (...) In order to find common ground, we need to work together in good faith, with open minds and constructive thinking.

Ich empfehle den Mitgliederstaaten dringend, ihre Differenzen zu überwinden und gemeinsam Anstrengungen zu unternehmen, um Rassismus und Xenophobie die Stirn zu bieten (...) Wenn wir eine gemeinsame Grundlage finden wollen, müssen wir im Vertrauen zueinander, in geistiger Offenheit und mit konstruktivem Denken zusammenarbeiten.
Wie diese schönen Wünsche auf der Konferenz umgesetzt werden dürften, kann man sich ausmalen, wenn man weiß, wie das Organisationskomitee zusammengesetzt ist, das über die Tagesordnung entscheidet: Den Vorsitz hat Frau Najat Al-Hajjaji aus Libyen. Der Berichterstatter der UNO ist Herr Resfel Pino Álvarez aus Cuba. Zu den Organisatoren gehören der Iran, Rußland und Cuba.

Die Regierung Obama hatte ursprünglich an der Konferenz teilnehmen wollen. Eine Vorausdelegation war im Februar bereits nach Genf gereist. Was sie dort in Bezug auf die Tagesordnung und das geplante Schlußdokument erfuhr, ließ die USA dankend verzichten. Der Sprecher des State Department, Robert Wood, in einer Erklärung vom 27. Februar:
Our delegates met with over 30 delegations, the UN High Commissioner on Human Rights, and other interested parties. In addition, the Department consulted with many governments in capitals regarding our effort. The engagement by the U.S. delegation was widely welcomed and appreciated.

Sadly, however, the document being negotiated has gone from bad to worse, and the current text of the draft outcome document is not salvageable. As a result, the United States will not engage in further negotiations on this text, nor will we participate in a conference based on this text. A conference based on this text would be a missed opportunity to speak clearly about the persistent problem of racism.

Unsere Delegierten trafen sich mit über 30 Delegationen, der UN- Hochkommisarin für Menschenrechte und anderen interessierten Seiten. Des weiteren hielt das Ministerium in Bezug auf unsere Intentionen Konsultationen mit Regierungen in zahlreichen Hauptstädten. Das Engagement der Delegation der USA wurde weithin begrüßt und gewürdigt.

Leider ist jedoch das Dokument, über das verhandelt wurde, noch schlechter geworden, als es bereits gewesen war, und der gegenwärtige Text des Entwurfs für die Schlußerklärung ist nicht mehr zu retten. Folglich werden die Vereinigten Staaten sich nicht mehr an Verhandlungen über diesen Text beteiligen und auch nicht an einer Konferenz teilnehmen, die auf diesem Text basiert. Eine Konferenz auf der Basis dieses Texts wäre eine versäumte Gelegenheit, mit klaren Worten über das weiterhin bestehende Problem des Rassismus zu sprechen.
Inzwischen haben auch Canada, Italien und Israel ihren Boykott erklärt. Frankreich hat sich noch nicht entschieden. Vergangene Woche haben aber führende Politiker, unter ihnen der Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, zum Boykott der Konferenz aufgerufen. Das französische Außenministerium hat erklärt, es strebe eine gemeinsame Haltung der EU an.

Wie diese ausfällt, dürfte entscheidend von der Haltung der deutschen Bundesregierung abhängen. Von dort ist bisher nichts zu vernehmen.



Titelvignette: Open Clip Art Library; für die Public Domain freigegeben. Bearbeitet.

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21. Februar 2009

Benedikt XVI., Bischof Williamson und die Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X (SSPX ): 3. Der aktuelle Skandal

Ein Gastbeitrag von Gorgasal

Die vier Bischöfe, deren Exkommunikation der Papst am 21. Januar 2009 aufhob, sind nicht nur konservative Theologen, sondern die SSPX ist auch - vor allem in Frankreich - mit politisch weit rechts stehenden Kreisen verbandelt. Einer der vier Bischöfe, Richard Williamson, war sogar als Holocaust- Leugner aufgefallen.

So kam es, wie es kommen musste: am 1. November 2008 gab Williamson im deutschen Priesterseminar der SSPX dem schwedischen Fernsehen ein Interview, in dessen Verlauf er erklärte, dass die historische Beweislage stark gegen eine überlegte Ermordung von sechs Millionen Juden durch Gaskammern in Deutschland spreche, wobei er den diskreditierten Leuchter- Report zitierte.

Das Interview wurde dann am 21. Januar 2009 - exakt dem Datum der Aufhebung der Exkommunikation - gesendet, und die öffentliche Reaktion war entsprechend. "Papst rehabilitiert Holocaust- Leugner" war noch die unaufgeregteste Schlagzeile.

Insbesondere in der US-Presse erschienen dann auch Berichte, die dem Papst explizit oder implizit Antisemitismus vorwarfen, beispielweise indem darauf verwiesen wurde, dass Benedikt XVI. in seiner Jugend in der Hitlerjugend war.

Da half es auch nichts, dass schon die Anti-Defamation League anlässlich der Wahl Benedikts XVI. darauf hingewiesen hatte, dass "under his leadership in Germany and Rome, the Catholic Church made important strides in improving Catholic-Jewish relations and atoning for the sin of anti-Semitism. Cardinal Ratzinger has been a leader in this effort and has made important statements in the spirit of sensitivity and reconciliation with the Jewish people.", dass also unter seiner Führung in Deutschland und Rom die katholische Kirche große Schritte dabei gemacht habe, die katholisch-jüdischen Beziehungen zu verbessern und Reue für die Sünde des Antisemitismus zu zeigen. Kardinal Ratzinger habe diese Anstrengungen angeführt und wichtige Aussagen im Geiste des Verständnisses und der Aussöhnung mit dem jüdischen Volk gemacht. Ebenso wenig fanden die regelmäßigen Aussagen des Papstes zur Schoah Beachtung.



Was war schief gelaufen, und welche Alternativen zum Ablauf der Causa hätte es gegeben?

Man muss berücksichtigen, dass die Leugnung des Holocausts keine Exkommunikation oder auch nur die Verweigerung ihrer Aufhebung rechtfertigt - ebensowenig wie ein Raubmord, der auch andere Strafen und Sanktionen seitens der Kirche nach sich zieht. Insofern gehen Aufforderung an Papst Benedikt XVI., die Aufhebung im Falle Williamsons rückgängig zu machen, an der Sache vorbei.

Wenn man so will, hinkt ein Vergleich mit der Staatsbürgerschaft noch am wenigsten: Deutschland kann auch nicht einfach Holocaustleugnern die Staatsbürgerschaft aberkennen, und §130 StGB sieht auch "nur" Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren vor, nicht aber etwa den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.

Anders ist es natürlich mit der Frage nach einer Leitungs- oder sonstigen Funktion innerhalb der Kirche. Wie oben schon gesagt übt Williamson erlaubterweise kein Amt in der Kirche aus, und ein Grund für die Notwendigkeit der päpstlichen Zustimmung zu Bischofsweihen ist sicherlich auch, dass in derart exponierten Positionen niemand sitzen darf, der zentrale Überzeugungen der Kirche nicht anerkennt.

Entsprechend hat die Kurie auch am 4. Februar 2009 erklärt: "Il Vescovo Williamson, per una ammissione a funzioni episcopali nella Chiesa dovrà anche prendere in modo assolutamente inequivocabile e pubblico le distanze dalle sue posizioni riguardanti la Shoah, non conosciute dal Santo Padre nel momento della remissione della scomunica." Bischof Williamson muss sich zur Zulassung zum bischöflichen Amt in der Kirche auf absolut unmissverständliche und öffentliche Weise von seinen Positionen hinsichtlich der Schoah distanzieren, die der Heilige Vater im Augenblick der Aufhebung der Exkommunikation nicht kannte.

Unglücklich sind viele Katholiken nun insbesondere mit dem schlampigen Handling der gesamten Angelegenheit. Nach der obigen Mitteilung des Vatikans kannte der Papst die Ansichten Williamsons nicht. Vorab wurden offenbar weder die deutschen noch die französischen Bischöfe informiert. Der Papst selbst äußerte sich erst in seiner Generalaudienz am 28. Januar, und die obige Pressemitteilung kam, wie gesagt, erst am 4. Februar heraus.

Da hat ganz offensichtlich das Krisenmanagement im Vatikan versagt - wobei hier die Erklärungsansätze von einem Zusammentreffen unglücklicher Umstände mit Bandscheibenvorfällen bei zuständigen Kardinälen bis hin zu einem Versuch kurialer Kreise, Papst Benedikt XVI. bloßzustellen, reichen.




Wie geht es weiter? In der SSPX werden langsam Bruchstellen sichtbar. Bischof Williamson bekam einen Maulkorb und wurde von seinem Posten als Leiter des Priesterseminars der SSPX in La Reja (Argentinien) entbunden. Ein weiterer Priester der SSPX, Floriano Abrahamowicz, der auch durch antisemitische Hetzreden aufgefallen war, wurde aus der SSPX ausgeschlossen. Antisemitische Seiten verschwinden von der SSPX-Website. Aber einer der SSPX-Bischöfe, Tissier de Mallerais, schlägt in einem Interview wenig demütige Töne an: "Wir ändern unsere Positionen nicht, aber wir haben die Intention, Rom zu bekehren, das heißt, Rom zu unseren Positionen zu führen."

Und außerhalb der SSPX kritisieren die üblichen Verdächtigen den Papst, von Hans Küng bis hin zu diversen theologischen Fakultäten, die von sich erklären, fest auf dem Boden des II. Vatikanums zu stehen, aber doch teilweise mit eigenwilligen Ansichten zu verschiedenen kirchlichen Lehrmeinungen auftreten.

Auch die deutschen Bischöfe sind nicht durchgehend hilfreich. Der Freiburger Theologieprofessor Hubert Windisch:"Wohl aber muß es in bezug auf den Zustand der Christenheit in Deutschland nachdenklich stimmen, dass die Aufhebung einer Exkommunikation nicht mehr mit dem vor allem in der evangelischen Kirche betonten theologischen Gedanken der Voraussetzungslosigkeit von Gnade in Verbindung gebracht werden kann. Ist vielleicht die katholische Kirche in Deutschland härter als der Papst?"




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20. Februar 2009

Benedikt XVI., Bischof Williamson und die Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X (SSPX): 2. Der Weg zur Aufhebung der Exkommunikation

Ein Gastbeitrag von Gorgasal

Im ersten Teil habe ich nachgezeichnet, wie es zur Exkommunikation der vier Bischöfe der SSPX und damit dem Schisma kam. Nun war aber dieser Zustand für keinen der Beteiligten akzeptabel, auch wenn es zunächst wenig weiteren Kontakt zwischen der SSPX und dem Heiligen Stuhl gab. Seit 2000 gab es langsame und zögerliche Gespräche mit dem Ziel der Zurückführung der SSPX in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche.

Dem Bibelkundigen kommen da die Gleichnisse vom Guten Hirten ("Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins von ihnen sich verirrte, lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen und geht hin und sucht das irrende? Und wenn es geschieht, dass er es findet, wahrlich, ich sage euch, er freut sich mehr über dieses als über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind." Matth 18,12-13) und vom Verlorenen Sohn ("Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn." Lk 15,11-32) in den Sinn.

Die SSPX sah sich noch immer mit großen Widerständen in der Kirche konfrontiert, insbesondere seitens der französischen Bischofskonferenz und seitens Teilen der Kurie. Daher erwartete sie zwei Schritte des Entgegenkommens der Kirche:

Erstens sollte allen katholischen Priestern die Feier der tridentinischen Messe erleichtert werden, die bisher einer Erlaubnis des Ortsbischofs bedurfte. Diesen Wunsch erfüllte Benedikt XVI. mit seinem Schreiben Summorum Pontificum vom 14. September 2007. Sicherlich war der Wunsch der SSPX dabei nicht der einzige Faktor; der Papst hat selbst einige vorkonziliare Praktiken in seine Messen eingeführt und scheint auch selbst der alten Liturgie wieder mehr Raum geben zu wollen.

Zweitens erwartete die SSPX die Aufhebung der Exkommunikation gegen die 1988 geweihten Bischöfe.

Nun schreibt aber der CIC in Canon 1358 vor, dass einem Täter, der seine Widersetzlichkeit aufgegeben hat, "der Nachlaß [der Beugestrafe der Exkommunikation] nicht verweigert werden" kann. Soweit man die (öffentlich verkündete) Exkommunikation der vier SSPX- Bischöfe also als Beugestrafe interpretiert und den mehrfach geäußerten Wunsch des SSPX ernst nimmt, in die volle Gemeinschaft mit der Kirche zurückzukehren, trifft Can. 1358 zu, und die Aufhebung der Exkommunikation ist geboten.

Diese und andere Überlegungen - wir hatten oben schon den Guten Hirten, der 99 Schafe zurücklässt und sich auf die Suche nach dem einen verlorenen macht - haben Benedikt XVI. offenbar dazu bewogen, die Exkommunikation am 21. Januar 2009 aufzuheben - während der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen vom 18. Januar bis 25. Januar.



Wichtig ist dabei, dass die vier Bischöfe jetzt zwar wieder in voller Gemeinschaft mit der Kirche stehen, aber dass die Aufhebung der Exkommunikation keinerlei Auswirkung auf den Status der SSPX (sie bleibt nicht anerkannt) oder auf den kanonischen Status der vier Bischöfe hat: "non hanno una funzione canonica nella Chiesa e non esercitano lecitamente un ministero in essa", sie haben keine kanonische Funktion in der Kirche und üben erlaubterweise kein Amt in ihr aus.

Insbesondere wurden die vier Bischöfe nicht als Bischöfe oder auch nur als Priester "rehabilitiert", wie es irrigerweise häufig in den Medien insinuiert wurde und wie das sogar manche Theologen durcheinanderbringen, sondern nur als einfache Kirchenmitglieder. Sie üben keine Leitungs- oder sonstige Funktion aus.

Kompliziert wird die Lage dadurch, dass die SSPX insbesondere in Frankreich eng mit weit rechts stehenden Kreisen verbandelt ist, von denen monarchistische Splittergruppen noch die appetitlichsten sind. Von Lefebvre sind Zitate bekannt, in denen er das Vichy- Regime, Franco, Salazar, Pinochet und Le Pen unterstützte. Insbesondere einer der exkommunizierten Bischöfe, Richard Williamson, war schon mehrfach als Holocaust- Leugner und 9/11- Verschwörungstheoretiker aufgefallen. So kam es zu dem Skandal, der in den vergangenen Wochen die Medien beschäftigte.

(Fortsetzung folgt)



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19. Februar 2009

Benedikt XVI., Bischof Williamson und die Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X (SSPX ): 1. Wie es zur Exkommunikation und zum Schisma kam

Ein Gastbeitrag von Gorgasal

Mittlerweile ist die Aufregung um die Aufhebung der Exkommunikation von vier SSPX- Bischöfen und die Holocaust- Leugnung eines der Bischöfe etwas abgeflaut. Zeit, sich einen Überblick zu verschaffen, was da eigentlich vorgefallen ist.

Da hier eine Exkommunikation aufgehoben wurde, müssen wir uns erst einmal darüber klarwerden, was eine Exkommunikation ist (und was sie nicht ist). Die Exkommunikation in der katholischen Kirche ist kein Ausschluss aus der Kirche - ein solcher ist kirchenrechtlich gar nicht möglich. Vielmehr schließt sie den Exkommunizierten von der vollen Gemeinschaft mit der Kirche aus.

Die einschlägigen Abschnitte finden sich im geltenden kirchlichen Recht, dem Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983, in Canon 1331: dem Exkommunizierten ist es verboten, Sakramente wie die Kommunion oder die Beichte oder Sakramentalien wie das kirchliche Begräbnis zu empfangen oder zu spenden. Allerdings hat der Exkommunizierte weiterhin als Mitglied der Kirche die Verpflichtung etwa zum Besuch des Gottesdienstes.

Die Exkommunikation gibt es in zwei Varianten: als Tatstrafe oder als Beugestrafe.

Die Tatstrafe tritt ohne expliziten Urteilsspruch mit dem Vergehen ein, mit dem man sich selbst so weit von der Kirche entfernt hat, dass eine volle Gemeinschaft nicht mehr möglich ist. Sie tritt ein nach schweren Vergehen wie der Entweihung der Eucharistie, der Verletzung des Beichtgeheimnisses, dem Schwangerschaftsabbruch, Apostasie, Häresie, Schisma, Simonie bei der Papstwahl, oder auch - und jetzt wird es für uns interessant - bei einer unerlaubten Bischofsweihe, und zwar für beide Parteien: den Weihenden und den Geweihten.

Die Beugestrafe hingegen tritt durch ausdrücklichen Urteilsspruch ein: sie soll den Exkommunizierten häufig dazu bewegen, ein irriges Verhalten einzustellen, das inner- wie außerhalb der Kirche Ärgernis erregt, beispielsweise wenn ein Amtsträger der Kirche irrige Lehren verbreitet und damit die Gläubigen irreführt.



Wie kam es denn nun zu den Exkommunikationen, die von Benedikt XVI. aufgehoben wurden?

Nach dem zweiten vatikanischen Konzil (1962-1965) kamen einige konservativere Gläubige und Geistliche zunehmend zu der Auffassung, dass das Konzil mehr als "Bruch" in der katholischen Kirche denn als eines von vielen Konzilien interpretiert wurde - ihrer Ansicht nach überwog eine "Hermeneutik des Bruches" die "Hermeneutik der Kontinuität", die die Rezeption und Interpretation der früheren Konzilien dominiert hatte.

Beispielsweise wurde im II. Vatikanum die Muttersprache im Gottesdienst zugelassen: "Da bei der Messe, bei der Sakramentenspendung und in den anderen Bereichen der Liturgie nicht selten der Gebrauch der Muttersprache für das Volk sehr nützlich sein kann, soll es gestattet sein, ihr einen weiteren Raum zuzubilligen, vor allem in den Lesungen und Hinweisen und in einigen Orationen und Gesängen..." (Sacrosanctum Concilium, 36, §2).

Dennoch sollte das Lateinische weiterhin im Gebrauch bleiben: "Der Gebrauch der lateinischen Sprache soll in den lateinischen Riten erhalten bleiben, soweit nicht Sonderrecht entgegensteht." (Sacrosanctum Concilium, 36, §1). In der Praxis führte dies nicht zu einer allmählichen und schrittweisen Entwicklung, sondern zu einem abrupten Untergang der jahrhundertealten lateinischen Messe, die das Konzil von Trient im 16. Jh. kodifiziert hatte.

Wie gesagt empfanden einige Katholiken diese Entwicklung als zu schnell und der Tradition der katholischen Kirche nicht angemessen - "prüft aber alles, das Gute haltet fest" (1 Thess 5,21). Insbesondere Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) war ein Wortführer dieser "traditionalistischen" Linie. Fünf Jahre nach dem Konzil gründete er 1970 die Priesterbruderschaft St. Pius X., die sich der Bewahrung der tridentinischen Messe verschrieb. Die Bruderschaft wird meist nach ihrem offiziellen lateinischen Namen Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X als (F)SSPX abgekürzt.

Die SSPX wurde zunächst ganz regulär sechs Jahre lang ad experimentum geführt, also auf Probe. Normalerweise wird die Regularisierung einer Bruderschaft danach durch den zuständigen Ortsbischof durchgeführt.

Lefebvre hatte sehr angespannte Beziehungen zu den französischen und Westschweizer Bischöfen, die weit von seinen Ansichten entfernt standen, und versuchte, in der Frage der Regularisierung direkt an Rom zu appellieren. Das wurde weder von der französischen Bischofskonferenz noch von der Kurie gut aufgenommen, und 1975 wurde der vorläufige Status der SSPX aufgehoben - von diesem Zeitpunkt an war die SSPX nicht mehr von der Kirche anerkannt.

Lefebvre und die SSPX operierten dennoch als Bruderschaft weiter, und Lefebvre weihte entgegen einem ausdrücklichen Verbot weiterhin Priester. Entsprechend wurde er 1976 a collatione ordinum suspendiert und durfte keine Priesterweihen mehr durchführen. Allerdings änderte das nichts an der Gültigkeit seiner Weihen - jede Priesterweihe eines Bischofs ist als solche gültig, allerdings in diesem Falle unerlaubt. Nach einigen weiteren Briefwechseln wurde Lefebvre a divinis suspendiert und durfte keine Sakramente mehr spenden.



Nun wurde Lefebvre - der einzige mit der SSPX assoziierte Bischof - nicht jünger, und nach katholischer Lehre kann nur ein Bischof gültig Priester und Bischöfe weihen. Mit Lefebvres Tod wäre der SSPX also der Fortbestand unmöglich geworden.

Ursprünglich suchte Lefebvre noch die Aussöhnung mit dem Heiligen Stuhl und war nicht willens, eine unerlaubte Bischofsweihe durchzuführen und damit eine Kirchenspaltung zu riskieren. 1988 war sogar ein Memorandum of Understanding zwischen Lefebvre und der Glaubenskongregation (der ein gewisser Joseph Ratzinger vorstand) unterschriftsreif.

Die SSPX versprach darin Treue zum Papst und zur Kirche und erkannte die problematischen Aspekte des II. Vatikanums und die Gültigkeit der "neuen Messe" an. Umgekehrt versprach die Glaubenskongregation der SSPX den Status einer "Gesellschaft apostolischen Lebens" und das Recht auf die "alte Messe". Dem Papst sollte vorgeschlagen werden, dass ein Mitglied der SSPX zum Bischof geweiht werden sollte. Schließlich sollten allfällige noch strittige Punkte durch eine Kommission geklärt werden, der auch zwei Mitglieder der SSPX angehören sollten. Alles schien sich zum Besten zu wenden.

Aber der Optimismus war verfrüht. Kaum war das gemeinsame Protokoll fertig, kamen Lefebvre Gewissensbisse. Er verlangte eine frühere Bischofsweihe (zu diesem Zeitpunkt war er bereits 83 Jahre alt) dreier statt eines SSPX- Bischofs sowie eine Mehrheit von SSPX- Mitgliedern in der einzurichtenden Schiedskommission. Auf Geheiß von Johannes Paul II. drängte Ratzinger auf eine Einhaltung des ursprünglichen Protokolls.

Dies wiederum nahm Lefebvre zum Anlass, die Verhandlungen abzubrechen und am 30. Juni 1988 vier Priester des SSPX zum Bischof zu weihen: Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galarreta. Wie oben schon beschrieben zogen sich damit alle Beteiligten die Tatstrafe der Exkommunikation zu, die am 1. Juli 1988 durch die päpstliche Kongregation für die Bischöfe formell festgestellt wurde. Das Schisma war perfekt.

(Fortsetzung folgt)



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14. Januar 2009

Zitat des Tages: "Zurück zum Verbrennungsofen!" Gaza-Krieg und Antisemitismus. Über Nazi-Vergleiche

Go back to the oven! You need a big oven, that's what you need!

(Zurück zum Verbrennungsofen! Ihr braucht einen großen Verbrennungsofen, genau das!).

Äußerung einer Frau auf einer Kundgebung gegen Israel in Fort Lauderdale, Florida; mitgeteilt von Jonah Goldberg in seiner Kolumne in der Los Angeles Times.

Kommentar: Jonah Goldbergs Kolumne erschien schon vor einer Woche. Ich komme heute auf sie zurück, weil das, worüber er schreibt, in Deutschland in dieser Woche aktuell geworden ist: Reminiszenzen an die Nazi- Zeit im Zusammenhang mit dem Gaza- Krieg.

Lesen Sie bitte einmal diesen Bericht eines Augenzeugen:
... stand P. mit seiner Freundin auf der Straße, in unmittelbarer Nähe. Er hatte den Zug begleitet, weil er eventuelle Hetzparolen dokumentieren wollte. Was sich angesichts der Flaggen entwickelte, nennt P. "eine Lynchstimmung". "Tod Israel", sei von einigen Demonstranten geschrien worden, und "Verrecke!" (...)

Die Aktion der Polizei löste bei den Demonstranten Jubel aus. (...) Auch Gegenstände flogen gegen P.s Fenster, mit ziemlicher Sicherheit Eisbrocken, ein zusammengeklapptes Taschenmesser, ein Nagelknipser, möglicherweise auch Steine.

P. sagt, er sei "schockiert" gewesen. Aus Angst, in die eigene Wohnung zu gehen, sei er zunächst mit seiner Freundin in die Innenstadt weitergezogen. Etwa zwei Stunden später kam er zurück, mit seiner Freundin und einem Bekannten - doch noch immer standen Jugendliche vor dem Haus und warfen Gegenstände.
Sie werden wissen oder vermuten, worum es geht: Es ist der Bericht des Studenten, der in Duisburg Fahnen Israels in sein Fenster und an seinen Balkon gehängt hatte und dem, zwecks Entfernung der Fahnen, die Polizei die Wohnungstür eingetreten hatte. Entnommen habe ich dieses Zitat einem Artikel von Yassin Musharbash, der gestern Abend in "Spiegel- Online" erschien.

Schon zuvor hatte der Ruhrgebiets- Blog "Ruhrbarone" in zwei Beiträgen Berichte zu dem Vorfall gebracht.



Nicht wahr, was ich aus "Spiegel- Online" zitiert habe, könnte mit minimaler Veränderung (statt "Tod Israel" vielleicht "Tod den Juden") ein Bericht über eine Aktion der SA aus dem Jahr 1933 sein?

Noch beklemmender wird die Parallele, wenn man sich die Artikel in "Ruhrbaron" ansieht. Dort berichtete Stefan Laurin bereits am Samstag über den Vorfall in Duisburg und schloß Informationen aus Gelsenkirchen an:
Die Duisburger Polizei hat mit dieser Aktion ein absurdes Demokratieverständnis gezeigt. Gleiches gilt wohl auch für die Polizei in Gelsenkirchen. Am Rand der dortigen Demo, so das Blog Gelsenclan, wurde die Vergasung von Juden gefordert.
Und in dem zweiten Artikel von "Ruhrbarone" über den Duisburger Vorfall berichten David Schraven und Stefan Laurin aus einem Gespräch mit dem betroffenen Studenten unter anderem dies:
Dass die Polizei sich auf die Seite des, wie P. es nennt, "antisemitischen Mobs stellt" hat ihn erschreckt: "Ich weiß von Freunden aus den USA, dass dort die Polizei dafür sorgt, dass auch Demonstrationen für Israel in der Nähe arabischer Demonstranten stattfinden können und keine israelischen Fahnen verschwinden müssen." In Düsseldorf dagegen hätte die Polizei vor wenigen Tagen Gegendemonstranten einer pro- palästinensischen Kundgebung Platzverweise erteilt.
Was Jonah Goldberg über solche Demonstrationen in den USA berichtet, das ist - siehe das Eingangs- Zitat - nun allerdings auch beunruhigend.



Man soll mit Nazi- Vergleichen vorsichtig sein. Erstens, weil es sich meist um in der Größenordnung nicht Kompatibles handelt. Zweitens, weil solche Vergleiche häufig in propagandistischer Absicht eingesetzt werden; zur Verunglimpfung dessen, das Gegenstand des Vergleichs ist.

Ginge es nur darum, daß damals die Nazis Antisemiten waren und daß es heute - in Form von "Antizionismus" - diejenigen sind, die wie in Duisburg und Gelsenkirchen demonstriert haben, dann würde das einen Vergleich nicht rechtfertigen.

Es findet aber etwas anderes statt: Diese Antisemiten selbst stellen die Verbindung zu den Nazis her.

Sie tun das zum einen selbst mit ihrem Vokabular. Verbrennungsöfen. Vergasen. Auch Parolen wie "Verrecke" sind direkt dem Vokabular der Nazis entnommen; "Juda verrecke" war eine ihrer häufigsten Parolen.

Vor allem aber tun sie es - und das ist das Hauptthema von Goldberg - , indem sie nach der Methode "Haltet den Dieb!" ihrerseits die Israelis mit den Nazis vergleichen. Goldberg:
At a Saturday New York protest against Israel's military assault on Gaza, some carried signs that read: "Israel: The Fourth Reich"; "Holocaust by Holocaust Survivors"; "Stop Israel's Holocaust"; "Holocaust in Gaza"; and "Stop the Zionist Genocide in Gaza." Type "Israel" and "Nazi" into any news search engine and you'll be rewarded, or punished, with a bounty of such statements just over the last week or so. Gaza is the new Auschwitz, the Israeli Defense Forces are SS troops ...

Bei einem Protest am Samstag in New York gegen den militärischen Angriff Israels gegen Gaza trugen einige Plakate, auf den stand: "Israel: Das Vierte Reich"; "Holocaust durch Holocaust- Überlebende"; "Stoppt Israels Holocaust"; "Holocaust in Gaza" und "Stoppt den zionistischen Völkermord in Gaza". Geben Sie "Israel" und "Nazi" in eine beliebige Nachrichten- Suchmaschine ein, und sie werden allein aus ungefähr der letzten Woche mit jeder Menge solcher Äußerungen belohnt werden, oder vielmehr bestraft. Gaza ist das neue Auschwitz, die Israelischen Verteidigungsarmee ist die SS ...



Wir stehen also nicht vor der Wahl, Parallelen zu den Nazis zu ziehen oder das aus wohlerwogenen Gründen besser nicht zu tun. Der Zusammenhang wird von den Anti- Israel- Demonstranten selbst hergestellt.

Er wird hergestellt durch ihr Verhalten - wer Andersdenkende mit Gewalt bedroht, nur weil sie im Wortsinn "Flagge zeigen", der benutzt eben SA- Methoden - ; er wird hergestellt durch ihre eigenen Parolen, ihre eigene Propaganda.

Warum sind die Feinde Israels so versessen darauf, dieses Land in die Nähe des Dritten Reichs zu rücken? Jonah Goldberg weist auf einige offensichtliche Motive hin (weil das schmerzhaft für die Juden ist, weil es Aufmerksamkeit erregt, Extremisten elektrisiert usw.), meint aber, daß das noch nicht die ganze Erklärung sei:
But I think, deep down, the desire to cast the Israelis as Nazis is fueled by the haters' need to see their own hatreds and ambitions mirrored in their enemy's actions. Hamas has an avowedly Hitlerite agenda. The only way to make such an agenda defensible is to convince yourself and others that the Israelis deserve it. (...)

It brings to mind Huey Long's reported prophecy that if fascism ever came to America, it would be called anti-fascism. Well, with Hamas, Hitlerism comes to the Middle East wearing the mask of anti-Hitlerism.

Ich glaube aber, daß tief im Inneren der Wunsch, die Israelis als Nazis darzustellen, sich aus dem Bedürfnis der Hasser speist, ihren eigenen Haß und ihr eigenes Bestreben in den Handlungen des Feindes gespiegelt zu sehen. Die Hamas hat ein eingestandenermaßen hitleristisches Programm. Die einzige Art, ein solches Programm vertretbar zu machen, besteht darin, sich selbst und anderen einzureden, daß die Israelis es nicht besser verdienen. (...)

Das erinnert an die Vorhersage, die Huey Long gemacht haben soll: Wenn der Faschismus je nach Amerika käme, würde er Anti- Faschismus genannt werden. Nun, mit der Hamas kommt der Hitlerismus in den Nahen Osten, maskiert als Anti- Hitlerismus.
In Deutschland haben wir einen unmaskierten Hitlerismus, in Gestalt der Neonazis. Mit scheint, daß uns das oft den Blick verstellt für den maskierten Hitlerismus.



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13. Januar 2009

Zitat des Tages: "Meinungsfreiheit einzelner". Die Duisburger Polizei begründet ihr Vorgehen gegen das Zeigen von zwei israelischen Flaggen

Bei der Abwägung zwischen der Unversehrtheit der Wohnung bzw. der Meinungsfreiheit einzelner und der drohenden Gefahr für zahlreiche Unbeteiligte (Körperverletzung / Sachbeschädigungen) bei einer Eskalation der Situation, entschied der Polizeiführer die Wohnung zu öffnen. Diese Entscheidung ist auch aus heutiger Sicht nicht zu beanstanden.

Aus einer gestrigen Pressemitteilung der Duisburger Polizei zu dem Vorfall, über den ich am Sonntag berichtet habe: Aus einer von der extremistischen Vereinigung Milli Görüs organisierten Demonstration heraus waren zwei israelische Flaggen, die sich in einem Wohnungsfenster befanden, beworfen worden. Die Polizei hatte daraufhin die Tür zur Wohnung "gewaltsam geöffnet" und die Flaggen entfernt.

Kommentar: Bisher konnte man noch glauben, daß ein örtlicher Polizeiführer, der bei der juristischen Schulung nicht aufgepaßt hatte, keine Vorstellung vom Rang der Grundrechte "Unverletzlichkeit der Wohnung" und "Meinungsfreiheit" hatte.

Jetzt also schließt sich die Duisburger Polizei offiziell dessen Beurteilung an.

Abzuwägen war die Verletzung von zwei Grundrechten gegen - ja, wogegen eigentlich? Die Überschrift der Pressemitteilung lautet: "10000 demonstrierten friedlich über zwei Stunden in Duisburg gegen den Krieg im Gazastreifen". In der Pressemitteilung selbst ist von keiner anderen Gewalt die Rede, als daß sich "die Gemüter erhitzten" und "Schneebälle und andere Gegenstände" flogen, und zwar "in Richtung der Fahnen".

Wieso die Gefahr einer Körperverletzung bestand, ist das Geheimnis der Duisburger Polizei; an wem denn?

Abzuwägen war die Verletzung von zwei fundamentalen Rechten gegen Erhitzung der Gemüter und fliegende Schneebälle und andere Gegenstände, die offenbar, da die Wohnung im dritten Stock lag, diese gar nicht trafen.

Da hat sie sich also gegen die Grundrechte entschieden, die Duisburger Polizei. Gegen die Grundrechte "einzelner" - als wenn es nicht das Wesen der Grundrechte wäre, Rechte jedes einzelnen zu sein.

Nicht nur diese unglaubliche "Rechtfertigung" ist ein Skandal. Ein Skandal ist es auch, wie die Pressemitteilung die Perspektive der Extremisten einnimmt: "Mehrere hundert Teilnehmer empfanden zwei israelische Fahnen in der dritten Etage eines Wohnhauses am Demonstrationsweg als Provokation".

Sie empfanden, die Sensibelchen. Die israelische Fahne hat sozusagen den Volkszorn erregt, so klingt das. Diese Fahne, die zu zeigen in Deutschland immerhin nicht verboten ist.

Während es in Deutschland bekanntlich verboten ist, sich als Teilnehmer einer Demonstration zu vermummen. In diesem Artikel können Sie einen vermummten Teilnehmer der Demonstration sehen. Daß die Duisburger Polizei gegen die Vermummung eingeschritten wäre, ist nicht bekannt.



Bitte lesen Sie auch den ausgezeichneten Kommentar von C. in "Zettels Kleinem Zimmer", dem ich auch den Hinweis auf die Pressemitteilung der Duisburger Polizei verdanke.



Nachtrag: Inzwischen - am Dienstag Abend - scheint die Sache doch auch in den Medien ins Rollen zu kommen (siehe die aktuellen Beiträge in "Zettels kleinem Zimmer"); zwei Tage, nachdem mein erster Artikel dazu erschienen war. Dieser basierte auf dem Hinweis von Califax, der die Information aus dem israelischen Blog Muquata hatte. An diesen hatten die Geschädigten eine Email geschickt - ein Beispiel dafür, wie Blogger für die Verbreitung von Nachrichten sorgen können, die sonst schwerlich das Licht der medialen Öffentlichkeit erblickt hätten.



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19. Dezember 2008

Zitat des Tages: Ein Aphorismus, ein Film. Zweimal Antisemitismus

Die Antisemiten vergeben es den Juden nicht, daß die Juden "Geist" haben - und Geld. Die Antisemiten - ein Name der "Schlechtweggekommenen".

Auf diese zwei Sätze von Friedrich Nietzsche bin ich gestoßen, als ich in der vergangenen Nacht aus einem ganz anderen Grund im Dritten Band der von Karl Schlechta herausgegebenen Werke gelesen habe.

Die beiden Sätze stehen dort unter "Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre". In früheren Ausgaben gehörte diese Passage als Aphorismus 864 zu "Der Wille zur Macht. Umwertung aller Werte", dem "Hauptwerk" Nietzsches, das er allerdings nicht geschrieben hat, sondern das vom Nietzsche- Archiv, in einer fragwürdigen Kompilation, aus dem Nachlaß zusammengestellt wurde. Den Kontext des Zitats kann man zum Beispiel bei Zeno.org nachlesen.

Kommentar: Ich habe diese Passage gelesen, kurz nachdem ich am Abend den zweiten Teil von Egon Monks Fernsehfilm "Die Geschwister Oppermann" gesehen hatte. Den Roman, den Monk kongenial verfilmt hat, schrieb Lion Feuchtwanger schon Anfang der dreißiger Jahre; er war also ein wahrer "Zeitroman", der unmittelbar Gegenwärtiges schilderte: Das Schicksal einer jüdischen Familie in den Jahren der "Machtergreifung" der Nazis.

Am Anfang die Zuversicht, daß alles schon nicht so schlimm werden würde. Antisemitisches Getöse - nun ja. Hitler, nichts als eine Galionsfigur des Großkapitals. Und er würde doch nicht so dumm sein, den Juden wirklich zu schaden; damit würde er ja der deutschen Wirtschaft schaden, also seinen eigenen Interessen.

Dann, Episode für Episode, das Einbrechen der Barbarei in die einzelnen Lebensbereiche - die Geschäftswelt des Fabrikanten, die Klinik des Arztes, die literarische Welt des Schriftstellers, die Schule, in die der Sohn des Fabrikanten geht. Exil, Freitod, Verhaftung und Mißhandlung durch die SA; Verlust der bürgerlichen Existenz.

Ein Familienroman eignet sich für das Porträt einer Epoche; Fontane hat das exemplarisch in "Vor dem Sturm" gezeigt und dann noch einmal im "Stechlin", natürlich Thomas Mann in den "Buddenbrooks". Bei Feuchtwanger ist es keine Epoche, nur eine Wendezeit, die anhand des Schicksals einer Familie geschildert wird. Wenige Monate, in denen eine bürgerliche, gesittete Welt zerstört, in denen Demokratie und Rechtsstaat vernichtet werden.



Monk zeigt die SA-Leute als Proleten und Kleinbürger; er läßt sie berlinern. Dummdreiste Figuren, die sich nicht benehmen können, denen die Nazis Brutalität nicht erst beibringen mußten.

In einer Schlüsselszene dringt ein SA-Trupp in eine Klinik ein; er hat es auf jüdische Ärzte abgesehen und auf Patienten, die sich von ihnen behandeln ließen. Wie deren Anführer seine Unsicherheit gegenüber dem Herrn Professor, der ihm entgegentritt, durch naßforsche Unverschämtheit zu kaschieren sucht, das stellt Monk meisterhaft dar. So mag ein Jakobiner in der Französischen Revolution vor einem Adligen, einem Priester gestanden haben.

Die "Nationale Revolution" der Nazis war auch - nicht nur, natürlich - eine Aufruhr derer, die Nietzsche die "Schlechtweggekommenen" nennt. Getragen von Ressentiments gegen Bildung, Wissenschaft, Kunst. Nicht nur ihr Geld neideten diese Aufrührer den Juden, sondern vor allem, ganz wie Nietzsche schrieb, ihren Geist.

Neidet man jemandem sein Geld, dann kann man versuchen, es ihm wegzunehmen. Geistige, charakterliche Überlegenheit muß man ihm lassen. Das, so kann man vermuten, erzeugt diesen unbändigen Haß, der für den Antisemitismus charakteristisch ist. Es ist der Haß derer, die ihre eigene Minderwertigkeit sehr wohl ahnen und die wissen, daß sie daran nichts ändern können.

Zu welchem entsetzlichen Verbrechen dieser Haß bei den Nazis führen würde, konnte man 1933, 1934 noch nicht ahnen; niemand hätte es sich vermutlich vorstellen können. Aber wer Monks Film gesehen hat, der begreift, daß das, was man den "eliminatorischen Antisemitismus" nennt, in jeder Variante des Antisemitismus schon angelegt ist. Diese Art von tiefsitzendem, sozusagen existenziellem Haß auf die Überlegenen enthält den Keim dafür, bis zum äußersten Verbrechen zu gehen.



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24. Oktober 2008

Zitat des Tages: Das Existenzrecht der DDR

Die DDR hat das Existenzrecht Israels zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt, wohl aber Israel das der DDR.

Werner Pirker heute in der kommunistischen "Jungen Welt".

Kommentar: Keiner. Es gibt Sätze, bei denen mir die Spucke wegbleibt.

Die man in einem solchen Fall vielleicht brauchen könnte.



Den Hinweis auf den Artikel von Pirker verdanke ich Mark Haverkamp in "Power of Will". Für Kommentare bitte hier klicken.

17. September 2008

Marginalie: Die Amis mögen doch bestimmt die Moslems nicht. Oder?

Gestern hat das Pew Research Center die Ergebnisse seiner jährlichen vergleichenden internationalen Untersuchung über Ethnozentrismus veröffentlicht.

Was glauben Sie, wo es am wenigsten Vorurteile gegenüber Juden gibt? Richtig, in den USA.

Die größte Zahl der Befragten mit antisemitischen Vorurteilen fand Pew in den klassischen Ländern des Antisemitismus: Spanien (46 Prozent), Polen (36 Prozent) und Rußland (34 Prozent).

Auf einem beschämenden vierten Platz liegen wir Deutsche mit 25 Prozent (leider wird in der Untersuchung nicht nach Ost- und Westdeutschland differenziert; das wäre interessant). Nicht weit dahinter folgt Frankreich mit 20 Prozent.

Und welche Völker sind am wenigsten antisemitisch? Großbritannien (9 Prozent) und die USA mit 7 Prozent am Ende der Skala.

Dann sind sie aber doch wenigstens, als Opfer von 9/11, besonders moslemfeindlich, die Amis? Keineswegs. Sie liegen, zusammen mit den Briten, auch hier auf dem letzten Platz (23 Prozent).

An der Spitze finden wir wiederum Spanien mit 52 Prozent. Gefolgt von, mit 50 Prozent - na, raten Sie mal? : Deutschland.



Ein anderes Ergebnis aus dieser sehr interessanten Untersuchung: Seit 2002 ist unter Moslems weltweit die Zustimmung zu Selbstmord- Attentaten drastisch gesunken. Sehen Sie sich einmal diese Grafik an.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

3. April 2008

Zitat des Tages: "Von Israel geht ein schlechter Einfluß aus"

64 Prozent der Deutschen sehen Israel als Land, von dem ein eher schlechter Einfluss ausgeht. Das ist höchste Wert [sic] unter den befragten europäischen Ländern in der Studie; nur in Spanien wird Israels Rolle genauso kritisch gesehen.

Aus dem Bericht von "Spiegel Online" über eine aktuelle weltweite Umfrage, die am Dienstag von der BBC publiziert wurde.

Kommentar: Was glauben Sie, unter welcher Überschrift (jedenfalls in dem Augenblick, wo ich dies schreibe) "Spiegel Online" diese Meldung bringt? "Fast zwei Drittel der Deutschen israelfeindlich"? Oder vielleicht neutraler: "Umfrage: 64 Prozent der Deutschen beurteilen Israel negativ"?

Nein. Die Überschrift des Artikels lautet: "Deutschland beliebtester Staat - Ansehen der USA wächst erstmals seit Jahren". Und der redaktionelle Vorspann verdient es, vollständig zitiert zu werden:
Deutschland hat einen besseren Ruf als alle anderen großen Staaten der Welt, zeigt eine globale BBC-Studie: Fast überall wird der Einfluss der Bundesrepublik eher positiv als negativ gesehen. Das Image der USA wird langsam wieder besser - während Israel, Iran und Pakistan drastisch schlecht dastehen.
Daß Israel bei den befragten Deutschen besonders "drastisch schlecht dasteht", hält die Redaktion von "Spiegel Online" offenbar nicht für wichtig genug, um es in der Überschrift oder der Zusammenfassung zu erwähnen.

Wundert Sie diese Nonchalance von "Spiegel Online"? Nein, vermute ich. Mich jedenfalls wundert sie kein bißchen.

Und das Umfrageergebnis selbst? Darüber wird hier noch zu diskutieren sein, wenn die Umfragedaten vollständig publiziert sind. (Im Augenblick habe ich sie weder beim BBC World Service noch bei dem Institut GlobeScan finden können, das diese Umfragen über die Beliebtheit von Ländern jährlich durchführt).

Vorerst also nur eine Anmerkung: Daß Deutschland in Europa an der Spitze der Israelfeindlichkeit steht, wird jedenfalls denjenigen nicht wundern, der sich erstens über die Position der deutschen extremen Linken zu Israel im Klaren ist, und zweitens über deren Einfluß auf die Leitmedien.

Ein aktuelles Beispiel hat kürzlich Ingo Way dokumentiert.

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2. April 2008

Zitat des Tages: Sozialismus und Islam gemeinsam gegen "übersteigerten Individualismus"

Es gibt Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion: Der Islam setzt auf die Gemeinschaft, damit steht er im Widerspruch zum übersteigerten Individualismus, dessen Konzeption im Westen zu scheitern droht. Der zweite Berührungspunkt ist, daß der gläubige Muslim verpflichtet ist zu teilen. Die Linke will ebenso, daß der Stärkere dem Schwächeren hilft. Zum Dritten: Im Islam spielt das Zinsverbot noch eine Rolle, wie früher auch im Christentum.

Brandneu ist dieses Zitat nicht, aber doch, wie mir scheint, topaktuell. Es stammt von Oskar Lafontaine und stand am 13. Februar 2006 in einem Interview mit dem "Neuen Deutschland". (Der Text ist nur gegen Bezahlung zugänglich. Man kann das Zitat aber auch kostenlos bei haGalil lesen.)

Kommentar: In "Zettels kleinem Zimmer" laufen im Augenblick, ausgelöst durch diese drei Beiträge (dort Links zu den betreffenden Threads), Diskussionen darüber, warum eigentlich auf der Linken, bis weit in den linksliberalen Bereich hinein, dem rechtsextremen Islamismus nicht mit derselben Entschiedenheit entgegengetreten wird wie anderen Spielarten des Rechtsextremismus.

Das Zitat von Lafontaine liefert, so scheint mir, einen Teil der Antwort: Jedenfalls auf der extremen Linken sieht man die Islamisten als Verbündete gegen "übersteigerten Individualismus", also gegen gegen die Freiheit des Einzelnen. Und man sieht sie zweitens als Verbündeten gegen den Kapitalismus ("Zinsverbot").

Was Lafontaine in diesem Interview nicht sagte: Natürlich sieht man sie drittens auch als Verbündete gegen Israel. Ich empfehle dazu sehr die Rede, die der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, am 9. November 2006 gehalten hat. Zitat daraus;
Die Linkspartei etwa, und namentlich ihr Fraktionsvorsitzender Oskar Lafontaine, praktizieren zwanghaft und krankhaft eine konsequente Linie von Feindseligkeit und Hass gegenüber dem jüdischen Staat. (...)

Ja: Das ist noch das gemeine und gemeingefährliche Erbe der SED. Denn: Auferstanden aus den moralischen Ruinen der SED, weiß doch jeder in der PDS und Linkspartei, dass die DDR, der angeblich "bessere", der "linke" deutsche Staat, über Jahrzehnte hinweg ein unversöhnlicher Todfeind des jüdischen Staates war und ihn mit allen Mitteln systematisch bekämpft hat.
Trefflich gesagt. Da haben wir, neben dem Antiliberalismus und dem Antikapitalismus, die dritte große Gemeinsamkeit zwischen den linksextremen Kommunisten und den rechtsextremen Islamisten.

"Les extrêmes se touchent", sagt man im Französischen. Die Extreme berühren sich. Oder vielmehr hier: Die Extremisten verbünden sich.

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27. Juni 2007

Marginalie: Rudolf Augstein und Israel

Als ich vor ein paar Monaten gelesen habe, daß Rudolf Augstein des Antisemitismus verdächtig sei, kam mir das so absurd vor, daß ich gar nicht darauf eingehen wollte.

Aber es gab zu meiner Hommage an Rudolf Augstein eine Diskussion darüber, und ich habe mich dadurch ein wenig darum gekümmert.



Es stellte sich heraus, daß ich in meiner Bibliothek ein nie gelesenes Buch hatte, die Augstein- Biographie eines gewissen Otto Köhler. Nachdem ich das Buch nun also gelesen habe, kann ich guten Gewissens sagen: Es ein Machwerk zu nennen würde ihm zuviel Ehre antun.

Aber aliquid semper haeret. Ich fürchte, nicht nur in "Lizas Welt", einem ausgezeichneten Blog, sondern auch anderswo hat Otto Köhler mit seinen Insinuationen Erfolg gehabt.

So etwas wird ja weitergegeben, und nicht jeder macht sich die Mühe oder hat die Zeit, die Quelle zu lesen und sich ein Urteil zu bilden.

Man muß dagegen angehen. Aber weil es ja soviel wirklichen Antisemitismus gibt, fällt ein ungerechtfertigter Vorwurf des Antisemitismus leider oft auf fruchtbaren Boden.



Ich habe mich deshalb ungemein gefreut, als ich heute diesen Beitrag der von mir hochgeschätzten Gudrun Eussner gelesen habe.

Sie hätte gern einen Kommentar von Rudolf Augstein zu Israel aus dem Jahr 1967 vollständig zitiert, aber der Spiegel- Verlag gab dafür offenbar nicht sein Einverständnis. Also hat sie sich die Mühe gemacht, die Kern- Aussagen herauszupräparieren.

Was sie zitiert, stimmt heute so, wie es vor vierzig Jahren stimmte. Und es ist ein Beweis für die klare Haltung Augsteins, der niemals ein Antisemit, der niemals israel- feindlich gewesen ist. Der allerdings mit der Groß- Israel- Politik von Schamir und Begin nicht einverstanden war.

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1. Juni 2007

Marginalie: Ausrutscher

Köln hat eine Sozialdezernentin, die auch für Integration zuständig ist. Marlis Bredehorst hat, so ist es zum Beispiel in der "Welt" zu lesen, den Holocaust einen "Ausrutscher" genannt. Und hinzugefügt: "Mit den Juden sind wir nicht so friedlich umgegangen".

In der Tat, so ganz friedlich war das nicht.



Auch in freier Rede kann es jemandem, der auch nur ein rudimentäres Verständnis für das hat, was der Holocaust war, nicht passieren, so etwas zu sagen. So etwas sagt nur, wer entweder strohdumm ist oder Antisemit.

Aber nicht das ist meines Erachtens der Skandal. Der Skandal ist, wie diese Politikerin versucht hat, das wieder auszubügeln. Zitat aus dem Artikel der "Welt":
Bredehorst betonte ihrerseits, sie habe in ihrer Rede zum Ausdruck bringen wollen, "dass Deutschland mit seinem Grundrecht auf Religionsfreiheit eigentlich stolz auf eine lange Geschichte zurückblicken kann und dass wir ein sehr friedliches Beieinander von Protestanten, Katholiken und Semiten haben."
Protestanten, Katholiken und Semiten!

Hält sie Semitismus für eine Religion, diese unsägliche Grüne?

Sie ist wirklich entweder strohdumm oder eine Antisemitin. Oder - was mir am wahrscheinlichsten vorkommt - beides.

12. April 2007

Randbemerkung: Die Scharia, Günther Oettinger und der Hut des Landvogts Geßler

Ich bin ein Gegner des Totalitarismus in allen seinen Spielarten. Also bin ich ein Antinazi (und auch ein Antifaschist, was ja nicht dasselbe ist). Ich bin ein Antiislamist und ein Antikommunist. Ich bin ein radikaler und überzeugter Gegner des Antisemitismus, auch wenn er sich als Antizionimus oder Antiimperialismus oder Fürsorge für die Palästinenser oder sonstwie tarnt.

Muß ich deshalb dann, wenn jemandem vorgeworfen wird, er sei ein Nazi gewesen, sofort zustimmen? Muß ich dann, wenn einer Richterin vorgeworfen wird, sie habe nach der Scharia geurteilt, sofort zustimmen?

Muß ich Jeden, sozusagen reflexhaft, für einen Kommunisten halten, dem das vorgeworfen wird? Muß ich jeden, der sich kritisch über einen israelischen Politiker und seine Politik geäußert hat (wie zum Beispiel seinerzeit Rudolf Augstein über die Groß- Israel- Politik der israelischen Rechten), für einen Antisemiten halten?

Muß ich Martin Walser, der sich sein Leben lang mit der deutschen Schuld gegenüber den Juden auseinandergesetzt und daran gelitten hat, für einen Antisemiten halten, nur weil er in einer Rede ehrlich seine Zweifel und Überlegungen zur Instrumentalisierung von Auschwitz mitgeteilt hat? Und weil ein Kritiker, der ihn schlecht behandelt und den er schlecht behandelt hat, zufällig Jude ist?

Natürlich muß ich das alles nicht. Aber ich habe zunehmend den Eindruck, daß viele das erwarten. Daß sie es von uns Skeptikern verlangen. Bei Strafe des Vorwurfs, wir seien in Wahrheit gar nicht gegen den Nazismus, den Kommunismus, den Islamismus, den Antisemitismus. Der Geßler- Hut, so kommt es mir manchmal vor, muß gegrüßt werden.

Zwei aktuelle Beispiele sind der Fall der Frankfurter Familienrichterin und heute der Fall Filbinger, der dabei ist, zu einem Fall Oettinger zu werden.



Ich bin entschieden und massiv dagegen, in irgendeiner Weise, auch indirekt, dem Islam einen Einfluß auf unsere Rechtsordnung einzuräumen.

Wer einen "Ehrenmord" begeht, der sollte wegen dieses Motivs nicht milder, sondern im Zweifelsfall härter bestraft werden. Denn es liegt auf der Hand, daß er aus einem niedrigen Motiv handelte; er nämlich sein soziales Ansehen höher stellte als ein Menschenleben. Daß in irgend einer Weise die Scharia unsere Rechtsordnung beeinflußen könnte, ist nach meiner Überzeugung inakzeptabel

Nur hat die Frankfurter Richterin, die so massiv unter Kritik geriet, das ja nicht getan, auch nicht ansatzweise. Sondern sie hatte bei der Entscheidung, ob ein Härtefall vorlag, der eine Scheidung vor Ablauf der gesetzlichen Trennungsfrist gerechtfertigt hätte, mit berücksichtigt, daß die klagende Frau einen frommen Moslem geheiratet hatte, über dessen Eheverständnis sie sich hätte klar sein können.

Mag sein, daß das juristisch falsch gewesen war; das kann ich nicht beurteilen. Mit der Verwendung der Scharia als Rechtsquelle hat es jedenfalls nichts zu tun.



Ich bin entschieden dagegen, Verbrechen milder zu bestrafen oder in einem freundlicheren Licht zu sehen, nur weil die Täter politisch motiviert waren. Das gilt für NS-Verbrecher, es gilt für Dschihadisten, es gilt für die RAF und andere kommunistische Verbrecher.

KZ-Mörder, Mauermörder, RAF-Mörder, islamistische Mörder werden durch ihre Motive nicht gerechtfertigt; sondern sie sollten nach meiner Überzeugung besonders hart bestraft werden, weil sie ihre Taten auch noch ideologisch zu bemänteln versuchten und versuchen. Sie sind in der Regel uneinsichtig; ein klassischer Grund für die Ausschöpfung des jeweiligen Strafrahmens.

Ich war, obwohl ich Gegner der Todesstrafe bin, damit einverstanden, daß 1962 Adolf Eichmann hingerichtet wurde; denn es gibt so etwas wie einen Anspruch der Opfer, daß an einem so exorbitant schuldigen Täter Gerechtigkeit geübt wird. Ich war und bin der Meinung, daß viele Nazi-Verbrecher zu milde bestraft wurden.

Nur war Hans Filbinger kein Nazi-Verbrecher. Er war kein Nazi, und er hat keine Verbrechen begangen. Er war das Opfer einer Kampagne der Abteilung X der HVA des MfS und eines eitlen Dramatikers, der später dadurch hervortrat, daß er ein Theater erwarb und als Eigentümer verfügte, daß Stücke von ihm zu spielen seien; so jedenfalls der "Tagesspiegel".

Der Ministerpräsident Oettinger hat in seiner gestrigen Trauerrede das gesagt, was die Wahrheit ist. Wer das nicht glaubt, den bitte ich, den penibel recherchierten Artikel von Günther Gillessen zu lesen. Soweit mir bekannt ist, ist in keinem einzigen Punkt bisher Gillessen eine Ungenauigkeit nachgewiesen worden.



Noch eine allgemeine Überlegung. Natürlich haben Politiker sich nach anderen Gesichtspunkten zu richten als ein Journalist oder ein Blogger, der sine ira et studio das schreiben kann, von dessen Richtigkeit er nach bestem Wissen und Gewissen überzeugt ist. Nur gebe ich dies zu bedenken:

Wenn man einen nachdenklichen und ehrenwerten Mann wie Martin Walser als Antisemiten brandmarkt - wird das nicht bei vielen die Überlegung auslösen, dann könne der Antisemitismus doch gar nicht so schlimm sein, wenn jemand wie Walser zu den Antisemiten gehört?

Wenn man den anständigen, katholisch- konservativen Hans Filbinger (von Verschwörern des 20. Juni bekanntlich für ein Amt vorgesehen) als Nazi, gar als "sadistischen Nazi" tituliert - wird das nicht zu der Überlegung führen, daß die Nazis dann so schlimm doch nicht gewesen sein können?



Am Ende zahlt sich auch in der Politik Augenmaß aus. Wer bei jedem Knacken im Gebüsch "Der Wolf!, der Wolf" ruft, dem glaubt man auch dann nicht mehr, wenn wirklich ein Rudel Wölfe im Anmarsch ist.

20. März 2007

Zum 80. Geburtstag von Martin Walser (2): Der Künstler und die Politik

Dürfen sich Künstler politisch äußern? Sollten sich Künstler, zumal Literaten, politisch engagieren, müssen sie es gar? Weil doch auch Kunst letzten Endes Politik ist? Ist es gar barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben?

Dumme Fragen. Sehr dumme Fragen. Es gibt Künstler, die sich von der Politik fernhalten. Es gibt andere, die sich gesellschaftlich, vielleicht sogar parteipolitisch engagieren. So, wie es Lyriker und Romanciers gibt, Realisten und Surrealisten, Sprachartisten und Minimalisten.

Künstlern das eine oder andere vorzuschreiben ist absurd. "L'art pour l'art" ist ebenso gerechtfertigt und begründbar wie die "Litterature engagée".

Trivialerweise. Der Kunst Vorschriften zu machen ist noch dümmer, als Menschen in anderen Lebensbereichen Vorschriften zu machen. Kunst basiert darauf, lebt davon, daß sie keinen Vorschriften folgt, daß sie incorrect ist, politisch und in jeder anderen Hinsicht.



Nur wird es, so borniert es ist, halt immer wieder versucht, der Kunst politische Zügel anzulegen. Natürlich in totalitären Systemen. Aber auch im demokratischen Rechtsstaat.

In der jüngeren Geschichte gab es zwei solche politische Strömungen, in denen Künstler bedrängt wurden, sich "politisch zu engagieren".



Erstens passierte das in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

In Frankreich vor dem Hintergrund der Erfahrung der Résistance. Während der Besatzungszeit war jeder Franzose zu der Entscheidung gezwungen gewesen, ob er sich der Résistance anschließen wollte oder nicht. Einige Literaten, wie Albert Camus, René Char und André Malraux taten das. Andere schwankten, wie Jean-Paul Sartre, oder hielten sich ganz heraus, wie André Gide, der sich nach Nordafrika absetzte.

Nach der Befreiung führte das zu heftigen Diskussionen; und gerade der während der Besatzungszeit nicht als Widerständler hervorgetretene Sartre wurde nun der Herold des Sich- Entscheidens, des politischen Engagements. Keine politische Auseinandersetzung, zu der Sartre nicht seine Meinung vernehmen ließ; bis hin zu dem gespenstischen Besuch in Stammheim. Das politische Engagement des Schriftstellers, zur Burleske geworden.

In Deutschland gab es eine ähnliche Auseinandersetzung über das politische Engagement von Künstlern; natürlich aufgrund der Erfahrungen der Nazi-Zeit und vor allem der Verbrechen der Nazis.

Theodor W. Adorno, der eine Begabung für das Erfinden griffiger Formulierungen hatte, schrieb 1951 in "Minima Moralia" den immer wieder zitierten Satz: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch". Vermutlich einer der meistzitierten Sätze zur deutschen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts; noch Günter Grass hat ihn in seiner Nobelpreisrede von 1999 aufgegriffen.

Ein auch für Adorno ungewöhnlich provokativer Satz. Der Versuch, der Kunst nicht nur politische, sondern gleich auch noch moralische Fesseln anzulegen.



Das zweite Mal fand der Versuch, die Kunst politisch zu disziplinieren, nach der Revoluzzerei von 1967, 1968 statt. "Alles ist Politik" - das war ein Schlagwort, eine Direktive, der sich sogar die Intelligenteren unter den Künstlern damals unterwarfen.

Und das ist nicht vorbei. Wer eine aktuelle Kostprobe dieses schwafligen, aufgeblasenen und schlichtgeistigen Geredes lesen möchte, das damals von allen Seiten auf uns alle eindrang, dem empfehle ich (falls er es denn ertragen kann) diesen Beitrag.

Heutige können sich das vielleicht nicht mehr vorstellen - aber so schrieben damals fast alle; zwischen 1967 und ungefähr 1985.



Nun zu Walser. Er ist ein politisch interessierter Schriftsteller, der sich diesem Bedrängen immer konsequent entzogen hat.

Er hat sich dezidiert "links" geäußert und wurde dafür kritisiert. Er hat sich zum Holocaust geäußert und wurde dafür kritisiert. Er wurde als Kommunist bezeichnet und als Antisemit. Er hat's ertragen.

Fast vermute ich, er hat's genossen.

Denn Walser versucht, so scheint mir, die Karten in dem Spiel zwischen Politik und Kunst neu zu mischen. Er weigert sich - ganz anders als der superkorrekte, hochgradig angepaßte Günter Grass (siehe seine Nobelpreisrede) - , so zu reden, wie das von der politischen Wirkung her eigentlich richtig ist. Mit anderen Wortern, wie er reden müßte, wenn er Politiker wäre.



Wenn ein Politiker etwas sagt wie Walser 1999, dann achtet er auf die Wirkung. Nein - er sagt es ja just wegen der Wirkung. Walser hat sich aber, wie mir scheint, nie wegen der Wirkung geäußert, sondern weil es das Ergebnis seines Nachdenkens gewesen war. Mit einer gewissen souveränen, man kann auch sagen arroganten, Geringschätzung der Folgen.

Martin Walser hat immer gesagt, was er dachte. Was er oft auch ins Unreine dachte, womit er sich beschäftigte. Mit den Zweifeln, den Fragen, der Unsicherheit, wie das halt bei einem Intellektuellen der Fall ist.

Und er hatte immer das Bedürfnis, das zu kommunizieren. Andere an seinen Überlegungen, seinen Zweifeln, seiner Unsicherheit teilhaben zu lassen.

Das war auch der Tenor seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 1999. Ich empfehle, sie nachzulesen.



Aber er wurde als Politiker mißverstanden, der etwas bewirken will, der nachdenkliche, selbstkritische, frei denkende Martin Walser. Seine Zweifel, seine Fragen, wurden als bewußter Tabubruch, gar als Ausdruck von Antisemitismus gebrandmarkt.

Kurz, man hat ihn so gesehen wie einen, der als Politiker auf Effekte zielt.

Und zufällig wurde nun auch noch bald danach sein Roman "Tod eines Kritikers" publiziert - ungefähr so antisemitisch, wie der "Tartuffe" antichristlich ist.

Aber da war's geschehen. Da war Martin Walser abgestempelt.

"Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, bald Helenen in jedem Weibe". Ist einer erst mal des Antisemitismus verdächtig, dann wird die Auseinandersetzung mit einer Person, schwupp, zum antisemitischen Text.



Absurd, ungerecht, ein trauriges Kapitel des deutschen Kulturbetriebs.

Nur - er hat's gut überstanden, der Martin Walser. Bei Thea Dorn, bei der er ja eh zur Hochform aufläuft, wirkte er sehr souverän.

Der erste Teil dieser Serie ist hier zu finden.

4. Januar 2007

Rückblick: Verschwörungstheorien

Hier hat es im August und September 2006 eine kleine Serie über Verschwörungstheorien gegeben; Links zu den einzelnen Folgen der Serie findet man in "Zettels kleinem Zimmer". Ergänzend dazu möchte ich jetzt auf dieses Interview mit dem Journalisten und Buchautor Tobias Jaecker aufmerksam machen, auf das ich wiederum durch Ex-Blond aufmerksam geworden bin.

Jaecker befaßt sich besonders mit antisemitischen Verschwörungstheorien. Aber andere, vor allem die antiamerikanischen, funktionieren wohl sehr ähnlich.