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18. August 2009

CSU und FDP als Antipoden. Über die historischen Wurzeln ihrer Antipathie. Noch einmal ein Rückblick auf die "Spiegel"-Affäre

In den vergangenen Wochen konnte man zeitweilig den Eindruck haben, daß die eigentlichen Antipoden in diesem Wahlkampf nicht die Union und die SPD sind, auch nicht das bürgerliche Lager und die Volksfront, sondern die CSU und die FDP.

Niemand drosch so auf eine andere Partei ein wie die CSU auf die FDP; allen voran der bayerische Berserker Horst Seehofer, der dem Franz- Josef Strauß selig nicht nur in Rhetorik und Sprechstil, sondern auch in der Hemmungslosigkeit seiner Injurien immer ähnlicher wird.

"Seehofer: 'Westerwelle ist Sensibelchen'" titelte das "Handelsblatt" am 7. August. "Seehofer piesackt die FDP weiter" lautete die Überschrift am 9. August in der "Rheinischen Post". Die "Welt" am 14. August: "Horst Seehofer giftet weiter gegen die FDP". Und so ging es weiter. In den letzten Tagen etwas moderater; aber wie einen künftigen Partner behandelt die CSU die FDP gewiß nicht.

Was ist da los?

Sicher spielt ein taktisches Moment eine Rolle. Die CSU fürchtet eine schwarzgelbe Koalition, in der die FDP deutlich stärker ist als sie selbst; siehe die neunte Folge der Serie "Wahlen '09". Gewiß ist es auch wahr, daß die im Kern immer noch konservative CSU programmatisch in einer schwarzgelben Koalition ein Antipode der FDP wäre; mit der CDU als dickem Weltkind in der Mitten.

Aber mir scheint, daß die Animositäten zwischen den Christsozialen und den Liberalen tiefere Ursachen haben. Um sie zu verstehen, empfiehlt sich ein Blick einige Jahrzehnte zurück; in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.



Wann ging eigentlich die Adenauerzeit zu Ende? Nicht am 13. Oktober 1963, als Adenauer nach seinem Rücktritt feierlich verabschiedet wurde. Erst recht nicht mit der Bildung der Großen Koalition am 1. Dezember 1966, die nicht nur das Scheitern des Kanzlers Ludwig Erhard bedeutete, sondern auch das Ende jener "bürgerlichen" Koalition, unter der sich der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder abgespielt hatten.

Wenn man nach einem Ereignis sucht, welches das Ende der konservativ geprägten ersten Phase der Bundesrepublik markiert und damit den Eintritt in Ära, in der um die Freiheit des Bürgers gerungen und gestritten wurde, dann muß man einige Jahre weiter zurückgehen: Zur "Spiegel- Affäre" des Jahres 1962.

Ich habe einige Erinnerungen an sie kürzlich in den Nachruf auf Leo Brawand eingefügt. Brawand gehörte zu jener Gruppe von meist sehr jungen Journalisten (er war damals 22, Augstein 23 Jahre), die im Jahr 1946 vom britischen Major Seymour Chaloner dafür ausgesucht worden waren, das erste deutsche Nachrichten- Magazin zu redigieren: "Diese Woche", bald aus britischer Obhut entlassen und in "Der Spiegel" umbenannt. Brawand hat darüber viele interessante Details in seinem letzten Buch ("Der Spiegel - ein Besatzungskind. Wie die Pressefreiheit nach Deutschland kam"; 2007: Europäische Verlagsanstalt) zusammengetragen.

Bei der Lektüre dieser liebevoll- ausführlichen Beschreibung der Umstände, unter denen der "Spiegel" entstand, und der beteiligten Akteure ist mir etwas klargeworden, was ich so deutlich zuvor nicht gesehen hatte: Daß dieser "Spiegel" von Anfang an ein durch und durch liberales Blatt war.

Nicht, weil alle oder auch nur die meisten Redakteure der FDP nahegestanden hätten; das war nur bei einigen wie dem späteren Leiter des Ressorts "Deutschland I", Hans- Dieter Jaene, und bei Augstein selbst der Fall. (Zu Augsteins liberaler Gesinnung mögen Sie vielleicht meinen Nachruf lesen).

Aber es herrschte in dieser Redaktion vom ersten Tag an ein Geist der Freiheit, der auch vor der Autorität der Besatzungsmacht nicht halt machte. "Ihr wollt uns doch die Demokratie bringen - also müßt ihr uns auch frei schreiben lassen; gegebenenfalls auch Kritisches über die Besatzungsmacht und ihre britische Heimat": Das war das Credo dieser Truppe, die anfangs freilich eher Probleme von der Art zu lösen hatte, wie man eine Schere für das Zusammenkleben des Layouts beschafft.



Liberal ist der "Spiegel" in der Folgezeit geblieben; wozu zentral auch gehörte, den Mächtigen auf die Finger zu sehen und auch auf diese zu klopfen; ihren Machtansprüchen mindestens journalistisch entgegenzutreten.

Das führte zu dem Konflikt zwischen Rudolf Augstein und Franz Josef Strauß, aus dem schließlich die "Spiegel"- Affäre hervorging.

Augstein sah in Strauß einen zwar hochintelligenten, aber auch machtversessenen Mann, der mit seiner Unberechenbarkeit nach Augsteins Überzeugung niemals Kanzler werden durfte. Um das zu verhindern, produzierte der "Spiegel" eine Kampagne nach der anderen gegen Strauß - die "Fibag- Affäre", die "Onkel- Aloys- Affäre", die "Starfighter- Affäre".

Das Ganze gipfelte in einer Titelgeschichte im April 1961 mit dem fast hellseherischen Titel "Der Endkampf", die Augstein selbst schrieb und in der er noch einmal alles vortrug, was sich gegen Strauß sagen ließ. Fazit damals: "Strauß hält die Spielregeln eines zivilisierten politischen Lebens nicht ein".

Strauß' Rache war die von ihm mit initiierte Polizeiaktion, die am 26. Oktober 1962 mit der Durchsuchung und Besetzung der Redaktionsräume des "Spiegel" begann. Der Grund - oder, je nach Sichtweise, der Vorwand - war die Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit" im "Spiegel" gewesen, deren Autor Conrad Ahlers nach Ansicht der Staatsanwaltschaft (sich stützend auf ein Gutachten aus Strauß' Ministerium) Landesverrat begangen hatte, indem er militärische Geheimnisse publizierte.

Der Ausgang der Sache ist bekannt: Einige "Spiegel"- Redakteure wurden in Untersuchungshaft gehalten; Augstein 103 Tage. Am Ende ging es aus wie das Hornberger Schießen: Der dritte Senat des Bundesgerichtshofs lehnte es mangels eines Tatverdachts ab, auch nur ein Hauptverfahren zu eröffnen. Strauß hatte bereits zuvor zurücktreten müssen, weil sich herausstellte, daß er entgegen dem, was er vor dem Bundestag behauptet hatte, sehr wohl im Hintergrund die Fäden mit gesponnen hatte.



Was aber weniger bekannt ist, das ist die entscheidende Rolle, welche die FDP beim erfreulichen Ausgang dieser Affäre spielte.

Sie war in doppelter Weise "betroffen": Zum einen wurde in der deutschen Öffentlichkeit die Auseinandersetzung zwischen Strauß und dem "Spiegel" als ein Kampf zwischen dem durch Strauß repräsentierten Obrigkeitsstaat und dem liberalen Rechtsstaat gesehen, für den Augstein stand. Die FDP sah sich in ihrer klassischen Rolle der Verteidigerin des liberalen Rechtsstaats herausgefordert und in die Pflicht genommen.

Zum anderen gab es einen tagespolitischen Aspekt: Der von Amts wegen zuständige Justizminister Wolfgang Stammberger (FDP) war auf Betreiben von Strauß nicht in die Aktion eingeweiht worden. Nachdem das publik geworden war, erklärte Stammberger seinen Rücktritt. Die anderen vier FDP-Minister (Finanzminister Starke, Innenminister Mischnick, Schatzminister Lenz und Walter Scheel, damals Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit) traten ebenfalls zurück, weil Adenauer sich geweigert hatte, den FDP-Forderungen nach der Entlassung der an der Aktion beteiligten Staatssekretäre und der vollständigen Aufklärung der Hintergründe zu entsprechen.

Damit war die Affäre zu einer Regierungskrise geworden. Adenauer konnte Strauß nun nicht mehr halten; dieser mußte am 30. November 1962 seinen Rücktritt erklären. Er zog sich später in die bayerische Landespolitik zurück, machte dann allerdings 1980 doch noch einmal einen Versuch, Kanzler zu werden.

Er scheiterte kläglich. Der liberale "Spiegel" hatte im Verein mit der FDP verhindert, daß Strauß Kanzler wurde. In fünfzig Jahren Bundesrepublik hat es nie einen CSU-Kanzler gegeben.



Ob Strauß das Handtuch hätte werfen müssen, wenn Stammberger und seine Kollgen nicht zurückgetreten wären, ist zumindest fraglich. Erst das Handeln der FDP schuf eine Situation, in der kein Weg mehr am Rücktritt von Strauß vorbeiführte. Das hat die CSU der FDP wohl nie verziehen.

Freilich ging es eben nicht nur um solche machtpolitische Fragen. Im Herbst 1962 entschied sich, wie es mit der Bundesrepublik weitergehen würde: Ob sie weiter der (gewiß demokratische und rechtsstaatliche) Obrigkeitsstaat der Ära Adenauer sein würde, oder ob sie sich auf den Weg zu einem liberalen Gemeinwesen machen würde.

Sie hat sich damals auf diesen Weg begeben. Nicht nur dank der Arbeit der "Spiegel"- Redaktion und der aufrechten Haltung der FDP. Wesentlich waren auch die bundesweiten Proteste und die vielfältigen Beweise der Solidarität.

Damals wurde sich sozusagen das bundesdeutsche Volk seiner Souveränität bewußt. Daß dann im Lauf der sechziger Jahre dieses liberale Aufbegehren die Grundlage für sozialistische Revoluzzerei sein würde, ist freilich eine traurige Ironie der Geschichte.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Zweimal Augstein. Zwischen den beiden Aufnahmen liegen ungefähr vier Jahrzehnte. Eigenes Foto.

10. Juni 2009

Marginalie: Zum Tod von Leo Brawand eine Erinnerung an die Spiegel-Affäre vom Herbst 1962

Leo Brawand, einer der großen deutschen Journalisten der Nachkriegs- Generation, ist tot. Nachrufe findet man u.a. im "Hamburger Abendblatt" und bei "Spiegel- Online". Mir ist Brawand vor allem im Zusammenhang mit der "Spiegel- Affäre" in Erinnerung.

Nie wartete man so gespannt auf das Erscheinen eines "Spiegel"- Hefts wie auf die Nummer 45/1962 vom Mittwoch, dem 7.11. 1962.

Das Heft zuvor mit Castro und Chruschtschow auf dem Titel - es waren ja die Tage der Cuba- Krise - war zwar auch bereits nach der Polizeiaktion gegen den "Spiegel" erschienen, war aber schon zuvor weitgehend redaktionell fertiggestellt gewesen und enthielt noch kein Wort über die Aktion.

Also warteten wir alle gespannt auf diesen Mittwoch (das war damals noch der Erscheinungstag des "Spiegel"): Würde die dezimierte Redaktion, deren Räume besetzt waren, überhaupt ein Heft herausbringen können? Wenn ja, würde man sich trauen, über die Aktion zu berichten? Und was würde über sie zu erfahren sein? Ich war skeptisch und rechnete mit strenger Zensur.

Das Heft war pünktlich wie immer an den Kiosken, auf dem Titel Rudolf Augstein selbst. Und zwar bei seiner Festnahme; neben ihm sah man einen Polizisten, dessen Gesicht teilweise abgedeckt war.



Daß der "Spiegel" damals pünktlich erscheinen und bis ins Detail über die Aktion berichten konnte, hatte er teils der technischen Unterstützung aus anderen Verlagen zu verdanken; vor allem aber dem Mann, den Augstein nach seiner Festnahme per Notiz aus dem Gefängnis zum kommissarischen Chefredakteur ernannt hatte: Leo Brawand.

Im Impressum dieses Heftes 45/1962 stand das zwar nicht; und hinter den Namen der beiden Chefredakteure Claus Jacobi und Johannes K. Engel, auch sie in Haft, stand hintersinnig "im Urlaub". Im nachfolgenden Heft hat man das dann durch "zur Zeit in Haft" ersetzt.

Aber Brawand war derjenige gewesen, in dessen Fähigkeit, eine solche Krise zu meistern, Augstein offenbar das größte Vertrauen gesetzt hatte. Unter seiner Verantwortung, auch wohl teils seiner Autorschaft, erschien eine der denkwürdigsten Geschichten, die jemals im "Spiegel" standen: Die akribische Rekonstruktion der Polizeiaktion; Überschrift: "Sie kamen in der Nacht".

Sie können diese Geschichte hier nachlesen. Darin findet sich über Leo Brawands Schicksal in der Nacht der Aktion diese Passage:
Ein SPIEGEL- Redakteur hatte derweil die Deutsche Presseagentur (dpa) um Recherchen gebeten. Und über die Wechselsprechanlage hörte Chef vom Dienst Matthiesen plötzlich die Stimme von Leo Brawand, dem Leiter des Wirtschaftsressorts und stellvertretenden Chefredakteur: "Ich habe die zwei letzten Seiten jetzt gelesen und gehe nach Hause. Ich bringe sie Ihnen vorbei." Leo Brawand hatte von der Aktion nichts gemerkt. Die Räume der Wirtschaftsredaktion liegen in einem anderen Stockwerk, das die Polizei noch nicht besucht hatte. (...)

Als die Polizei in Brawands Räume kam, waren sie dunkel und leer. Brawand, der sich in einem Schrank aufhielt, hörte die Worte: "Hier haben sie auch schon dicht gemacht." Dann wurde er eingeschlossen. Er brauchte eine Viertelstunde, ehe er mit Brieföffner und Büroschere das Türschloß ausgebaut hatte. Einem Hamburger Reporter, der ihn später fragte, was er wohl im Schrank gesucht habe, antwortete er: "Ich gehe immer in den Schrank, wenn ich nachdenke."
So war er, der Redakteur Leo Brawand: Praktisch denkend, nicht ohne List, ein Mann mit unterkühltem hanseatischem Humor. Er war von Anfang an beim "Spiegel" gewesen und hat später über dessen Geschichte ein Buch geschrieben; auch eine Biografie Rudolf Augsteins. Er war lange Jahre der Leiter des Ressorts "Wirtschaft", obwohl er kein Ökonom war. Später wurde er Chef des im selben Verlag erscheinenden "Manager Magazin".



Die "Spiegel"- Affäre war ein Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik. Damals bin ich zum ersten Mal auf einer Demonstration gewesen. Nicht nur wir Studenten, sondern die gesamte liberale, die linke, selbst die konservative Öffentlichkeit empörte sich gegen diesen Versuch, die Pressefreiheit zu knebeln. Augstein blieb bekanntlich siegreich, und Strauß war der große Verlierer.

Damals, 1962, und nicht 1968 verabschiedete sich die Bundesrepublik vom Obrigkeitsstaat. Damals begann der Weg hin zu einem modernen, liberalen Rechtsstaat nach angelsächsischem Vorbild. Ein Weg, der freilich von den Achtundsechzigern nicht fortgesetzt wurde. Sie wollten in ihrer Mehrheit nicht mehr Liberalität, sondern im Gegenteil den Sozialismus. Ich habe das einmal in einer Serie nachzuzeichnen versucht.



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17. Januar 2008

Marginalie: Kollektive Führung beim "Spiegel"?

Als Stalin tot war und niemand den Kampf um die Nachfolge für sich hatte entscheiden können, erfanden die russischen Kommunisten die "kollektive Führung". Erst waren es Malenkow und Chrutschtschow, die kollektiv führten, dann Chruschtschow und Bulganin.

Natürlich dauerte das nur für eine Übergangszeit, bis einer gewonnen hatte. Von 1958 an war es wieder vorbei mit der kollektiven Führung; Chruschtschow war Alleinherrscher geworden.

Beim "Spiegel" soll - so besagt es das jüngste Gerücht - nun, nachdem die Suche nach einem Nachfolger Austs bisher wie eine Schnitzeljagd bei Neumond in der Sahara verlaufen war, ebenfalls eine kollektive Führung her. Matthias Müller von Blumencron, Dauerkandidat, seit Austs Vertrag nicht verlängert wurde, soll der eine Kollektive werden, der andere Georg Macolo, auch er schon lange als möglicher Nachfolger Austs im Gespräch. Der eine ein Kandidat der Linken, von der FR ebenso hochgeschrieben wie von der TAZ; der andere eher der Mann Austs, ein ideologiefreier Macher.



Doppelspitzen haben beim "Spiegel" Tradition. Die Ur-Doppelspitze waren Augstein und sein Zwilling Hans Detlev Becker, zuerst unter dem Herausgeber Augstein "Geschäftsführender Redakteur", dann Chefredakteur. Augstein war mehr für die große Linie zuständig, Becker war ein Detail- Fanatiker; der Hauptverantwortliche für die exzellente handwerkliche Qualität des "Spiegel".

Später wurde die doppelt besetzte Chefredaktion beim "Spiegel" üblich. Sie bestand aus einem mehr "politischen" Chefredakteur und einem, der für die weichen Themen zuständig war; Erich Böhme und Johannes K. Engel waren das erfolgreichste derartige Team.

Aber darüber, nein, nicht schwebte, sondern thronte Rudolf Augstein, der als Herausgeber im Grunde der Chef der Chefs in einer Dreier- Chefredaktion war.

Als Aust Chefredakteur wurde und er allmählich Augstein faktisch beerbte, der sich immer mehr zurückzog, wurde das Dreiermodell unter anderen Bezeichnungen fortgeführt: Aust in der Rolle Augsteins, aber nur mit dem Titel "Chefredakteur"; die beiden stellvertretenden Chefredakteure Doerry und Preuß in den Rollen, die einst Böhme und Engel als kollektive Chefredaktion zugefallen gewesen waren.



Das hatte sehr gut funktioniert. Die Last der Tagesarbeit war auf zwei Schultern verteilt; zugleich sorgte der über den beiden Thronende dafür, daß die beiden Chefs sich nicht in einem Rivalitätskampf à la "Kollektive Führung" zerrieben.

Wenn die jetzigen Gerüchte stimmen, dann soll es nun sozusagen Böhme und Engel geben, aber ohne Augstein; oder Doerry und Preuß, aber ohne einen Aust über ihnen.

Ungefähr wie die beiden römischen Konsuln scheint man sich das vorzustellen. Daß ein solches Modell funktioniert, wäre eine große Überraschung. Allenfalls zwei Busenfreunde könnten auf Dauer gleichberechtigt ohne einen ständigen Machtkampf miteinander auskommen.

Mag sein, daß er von der "Mitarbeiter KG" beabsichtigt ist, der Machtkampf, nach dem Motto: Wenn sich zwei Chefs streiten, dann freuen sich die Mitarbeiter.

Von einem "Kalb mit zwei Köpfen" schreibt ein Leserbrief- Autor zu dem Artikel von Michael Hanfeld in der FAZ. Mir fällt eher Platons Gleichnis für die Seele ein: Der Wagenlenker (der Verstand), der zwei Pferde (den Mut und die Begierden) steuert.

Was man, sollten die Berichte stimmen, beim "Spiegel" jetzt plant, das ist sozusagen Platon - nur ohne Wagenlenker.

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16. November 2007

Randbemerkung: Aus für Aust

Wievielen Kommentatoren wird dieses Wortspiel einfallen? Vermutlich allen. Nur werden sich nicht alle auf das Niveau begeben, es auch zu verwenden. Wortspiel und gehobenes Niveau - da ist auch heute noch für viele deutsche Journalisten wie Fisch und Messer.

Womit ich beim Thema bin. Was den "Spiegel", der sich selbst seit der ersten Nummer SPIEGEL schreibt, von dieser ersten Nummer an ausgezeichnet hat, das war etwas, das es damals - 1947 - in Deutschland nicht gab, und später auch nur sehr selten: Ein hohes Niveau mit Unterhaltsamkeit zu verbinden.

Wer für die "Zeit" schreibt, der wird es in der Regel (falls er nicht gerade zur Rätsel- Redaktion gehört) als nachgerade beleidigend empfinden, wenn man ihm attestiert, er schreibe unterhaltsam. Vom "stern" abwärts andererseits ist es für einen Autor ein vernichtendes Urteil, wenn seine Texte als nicht unterhaltsam eingestuft werden.

Der "Spiegel" befand sich von Anfang an an der Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten des Journalismus; sozusagen zwischen E-Journalismus und U-Journalismus.

Die "Spiegel"-Redaktion (immer mit einem erklecklichen Anteil von Promovierten) schrieb stets für ein intelligentes, wenn auch nicht unbedingt intellektuelles Publikum. Aber der Stil, die "Masche", wie das Hans Magnus Enzensberger in seinem berühmten Radio- Essay von 1957 nannte, war und ist frech, respektlos, mit einem Sprachwitz, der sich oft und gern in Richtung Kalau bewegt.



Dafür war zuvorderst Rudolf Augstein selbst verantwortlich, dem die Verkaufszahlen immer ebenso wichtig waren wie das Niveau. Verantwortlich dafür waren auch Chefredakteure wie Hans Detlef Becker, Claus Jacobi, Johannes K. Engel und Erich Böhme, die sich an der Frische und Direktheit des angelsächsischen Journalismus orientierten.

Aber es gab auch andere Tendenzen, andere Phasen in der Geschichte des Blatts. Es gab die Zeit des Chefredakteurs Günter Gaus, der dem "Spiegel" seine eigene Intellektualität und sein eigenes politisches Engagement aufzustülpen versuchte. Und es gab die Zeit, als das bunte, peppige "Focus" vorübergehend zu einer ernsthaften Konkurrenz zu werden schien. Gegen einen "Spiegel", dessen Redaktion alterte, der unter dem Einfluß rotgrün angehauchter Redakteure, teils auch Ressortchefs, zu einem drögen Weltverbesserer- Organ herabzusinken drohte.

Damals, Anfang der neunziger Jahre, wurde das Blatt von zwei Chefredakteuren geführt, dem gelernten Wirtschafts- Redakteur Dr. Wolfgang Kaden und Hans Werner Kilz, der sich vom Korrespondenten in Mainz und Frankfurt über die Leitung des Ressorts Deutschland II bis in die Chefredaktion hochgearbeitet hatte. Zwei fähige, aber glanzlose und ziemlich langweilige Journalisten, die recht gut zu dem Mausgrau paßten, mit dem der immer noch überwiegend schwarzweiß gedruckte "Spiegel" in der bunten Welt der Konkurrenz- Blätter immer dröger wirkte.

Augstein erkannte die Gefahr eines Abstiegs seines Blatts, und er handelte schnell, hart und mit Erfolg; wie immer, wenn er das für erforderlich hielt.



Gegen den Widerstand eines großen Teils der Redaktion tauschte er die Chefredaktion aus. An die Stelle der "Doppelspitze", die es seit 1973 gegeben hatte (im Grunde eine Dreierspitze mit dem Herausgeber Augstein als Ober- Chefredakteur) setzte er einen einzigen Chefredakteur: Stefan Aust.

Das verstand damals kaum jemand. Auch ich war sehr verwundert. Aust hatte als junger Mann allerlei Erfahrungen in mehr oder weniger windigen Printmedien gesammelt - "Konkret", den "St. Pauli Nachrichten". Er war als Chronist der RAF hervorgetreten und hatte ansonsten beim Fernsehen gearbeitet, erst beim NDR und dann als Chef von "Spiegel-TV".

Dieser Mann, aus dem linksextremen Milieu der sechziger Jahre hervorgegangen, dann ein TV-Mann, auch gar noch ein Pferdezüchter - dieser Mann ohne Erfahrungen in der Redaktion eines großen Blatts sollte den "Spiegel" wieder nach vorn bringen?

Er tat es. Er krempelte die Optik des Blatts um. Er sorgte für einen Generationswechsel. (Damals begann der "Spiegel" mit der Sitte, hinter die Namen seiner Redakteure, wenn sie in der "Hausmittelung" genannt wurden, stets das Alter zu setzen). Er setzte sich mit den rotgrünen Weltverbesserern auseinander, von denen ein Teil das Blatt verließ. Er machte den "Spiegel" (fast) wieder so frisch und so frech, wie er es in den fünfziger Jahren gewesen war.

Dabei sank das Niveau keineswegs. Das Ressort "Gesellschaft" wurde um etliche Edelfedern um Cordt Schnibben erweitert, die zuvor an einem gescheiterten Zeitschriften- Projekt des "Spiegel"- Verlags gebastelt hatten. Die Berichterstattung wurde überwiegend politisch neutraler, als das seit den späten sechziger Jahren der Fall gewesen war. (Mit der Ausnahme allerdings der USA-Berichterstattung). Wirtschaftlich geht es dem "Spiegel" heute bestens. Aust hat daran entscheidenden Anteil.



Er hätte wohl gern noch zwei Jahre weitergemacht. Jedenfalls hatte er bei den letzten Vertragsverhandlungen eine Option auf eine Verlängerung seines Vertrags über den 31. Dezember 2008 hinaus um weitere zwei Jahre durchgesetzt.

Jetzt hat sich die Geschäftsführung darauf verständigt, von dieser Option keinen Gebrauch zu machen. Das geschah, so wurde mitgeteilt, auf Initiative der Mitarbeiter KG - jener einzigartigen Konstruktion, die daraus hervorging, daß Augstein Anfang der siebziger Jahre den Mitarbeitern die Hälfte seines Anteils am "Spiegel"- Verlag geschenkt hatte; ein eleganter Schachzug, mit dem er den "Spiegel" unbeschädigt durch die damalige Revoluzzerei brachte.

Über die Hintergründe des jetzigen Schritts ist noch wenig bekannt. Von einem "Modernisierungs- Schub" und "frischer, neuer Kraft" ist die Rede.

Ich wünsche dem "Spiegel", daß das funktioniert und daß man wieder einen wie Aust findet. Er war unter allen, die die Geschicke des "Spiegel" geleitet haben, Augstein selbst am ähnlichsten.

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27. Juni 2007

Marginalie: Rudolf Augstein und Israel

Als ich vor ein paar Monaten gelesen habe, daß Rudolf Augstein des Antisemitismus verdächtig sei, kam mir das so absurd vor, daß ich gar nicht darauf eingehen wollte.

Aber es gab zu meiner Hommage an Rudolf Augstein eine Diskussion darüber, und ich habe mich dadurch ein wenig darum gekümmert.



Es stellte sich heraus, daß ich in meiner Bibliothek ein nie gelesenes Buch hatte, die Augstein- Biographie eines gewissen Otto Köhler. Nachdem ich das Buch nun also gelesen habe, kann ich guten Gewissens sagen: Es ein Machwerk zu nennen würde ihm zuviel Ehre antun.

Aber aliquid semper haeret. Ich fürchte, nicht nur in "Lizas Welt", einem ausgezeichneten Blog, sondern auch anderswo hat Otto Köhler mit seinen Insinuationen Erfolg gehabt.

So etwas wird ja weitergegeben, und nicht jeder macht sich die Mühe oder hat die Zeit, die Quelle zu lesen und sich ein Urteil zu bilden.

Man muß dagegen angehen. Aber weil es ja soviel wirklichen Antisemitismus gibt, fällt ein ungerechtfertigter Vorwurf des Antisemitismus leider oft auf fruchtbaren Boden.



Ich habe mich deshalb ungemein gefreut, als ich heute diesen Beitrag der von mir hochgeschätzten Gudrun Eussner gelesen habe.

Sie hätte gern einen Kommentar von Rudolf Augstein zu Israel aus dem Jahr 1967 vollständig zitiert, aber der Spiegel- Verlag gab dafür offenbar nicht sein Einverständnis. Also hat sie sich die Mühe gemacht, die Kern- Aussagen herauszupräparieren.

Was sie zitiert, stimmt heute so, wie es vor vierzig Jahren stimmte. Und es ist ein Beweis für die klare Haltung Augsteins, der niemals ein Antisemit, der niemals israel- feindlich gewesen ist. Der allerdings mit der Groß- Israel- Politik von Schamir und Begin nicht einverstanden war.

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