Posts mit dem Label Der Spiegel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Der Spiegel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

10. Juni 2009

Marginalie: Zum Tod von Leo Brawand eine Erinnerung an die Spiegel-Affäre vom Herbst 1962

Leo Brawand, einer der großen deutschen Journalisten der Nachkriegs- Generation, ist tot. Nachrufe findet man u.a. im "Hamburger Abendblatt" und bei "Spiegel- Online". Mir ist Brawand vor allem im Zusammenhang mit der "Spiegel- Affäre" in Erinnerung.

Nie wartete man so gespannt auf das Erscheinen eines "Spiegel"- Hefts wie auf die Nummer 45/1962 vom Mittwoch, dem 7.11. 1962.

Das Heft zuvor mit Castro und Chruschtschow auf dem Titel - es waren ja die Tage der Cuba- Krise - war zwar auch bereits nach der Polizeiaktion gegen den "Spiegel" erschienen, war aber schon zuvor weitgehend redaktionell fertiggestellt gewesen und enthielt noch kein Wort über die Aktion.

Also warteten wir alle gespannt auf diesen Mittwoch (das war damals noch der Erscheinungstag des "Spiegel"): Würde die dezimierte Redaktion, deren Räume besetzt waren, überhaupt ein Heft herausbringen können? Wenn ja, würde man sich trauen, über die Aktion zu berichten? Und was würde über sie zu erfahren sein? Ich war skeptisch und rechnete mit strenger Zensur.

Das Heft war pünktlich wie immer an den Kiosken, auf dem Titel Rudolf Augstein selbst. Und zwar bei seiner Festnahme; neben ihm sah man einen Polizisten, dessen Gesicht teilweise abgedeckt war.



Daß der "Spiegel" damals pünktlich erscheinen und bis ins Detail über die Aktion berichten konnte, hatte er teils der technischen Unterstützung aus anderen Verlagen zu verdanken; vor allem aber dem Mann, den Augstein nach seiner Festnahme per Notiz aus dem Gefängnis zum kommissarischen Chefredakteur ernannt hatte: Leo Brawand.

Im Impressum dieses Heftes 45/1962 stand das zwar nicht; und hinter den Namen der beiden Chefredakteure Claus Jacobi und Johannes K. Engel, auch sie in Haft, stand hintersinnig "im Urlaub". Im nachfolgenden Heft hat man das dann durch "zur Zeit in Haft" ersetzt.

Aber Brawand war derjenige gewesen, in dessen Fähigkeit, eine solche Krise zu meistern, Augstein offenbar das größte Vertrauen gesetzt hatte. Unter seiner Verantwortung, auch wohl teils seiner Autorschaft, erschien eine der denkwürdigsten Geschichten, die jemals im "Spiegel" standen: Die akribische Rekonstruktion der Polizeiaktion; Überschrift: "Sie kamen in der Nacht".

Sie können diese Geschichte hier nachlesen. Darin findet sich über Leo Brawands Schicksal in der Nacht der Aktion diese Passage:
Ein SPIEGEL- Redakteur hatte derweil die Deutsche Presseagentur (dpa) um Recherchen gebeten. Und über die Wechselsprechanlage hörte Chef vom Dienst Matthiesen plötzlich die Stimme von Leo Brawand, dem Leiter des Wirtschaftsressorts und stellvertretenden Chefredakteur: "Ich habe die zwei letzten Seiten jetzt gelesen und gehe nach Hause. Ich bringe sie Ihnen vorbei." Leo Brawand hatte von der Aktion nichts gemerkt. Die Räume der Wirtschaftsredaktion liegen in einem anderen Stockwerk, das die Polizei noch nicht besucht hatte. (...)

Als die Polizei in Brawands Räume kam, waren sie dunkel und leer. Brawand, der sich in einem Schrank aufhielt, hörte die Worte: "Hier haben sie auch schon dicht gemacht." Dann wurde er eingeschlossen. Er brauchte eine Viertelstunde, ehe er mit Brieföffner und Büroschere das Türschloß ausgebaut hatte. Einem Hamburger Reporter, der ihn später fragte, was er wohl im Schrank gesucht habe, antwortete er: "Ich gehe immer in den Schrank, wenn ich nachdenke."
So war er, der Redakteur Leo Brawand: Praktisch denkend, nicht ohne List, ein Mann mit unterkühltem hanseatischem Humor. Er war von Anfang an beim "Spiegel" gewesen und hat später über dessen Geschichte ein Buch geschrieben; auch eine Biografie Rudolf Augsteins. Er war lange Jahre der Leiter des Ressorts "Wirtschaft", obwohl er kein Ökonom war. Später wurde er Chef des im selben Verlag erscheinenden "Manager Magazin".



Die "Spiegel"- Affäre war ein Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik. Damals bin ich zum ersten Mal auf einer Demonstration gewesen. Nicht nur wir Studenten, sondern die gesamte liberale, die linke, selbst die konservative Öffentlichkeit empörte sich gegen diesen Versuch, die Pressefreiheit zu knebeln. Augstein blieb bekanntlich siegreich, und Strauß war der große Verlierer.

Damals, 1962, und nicht 1968 verabschiedete sich die Bundesrepublik vom Obrigkeitsstaat. Damals begann der Weg hin zu einem modernen, liberalen Rechtsstaat nach angelsächsischem Vorbild. Ein Weg, der freilich von den Achtundsechzigern nicht fortgesetzt wurde. Sie wollten in ihrer Mehrheit nicht mehr Liberalität, sondern im Gegenteil den Sozialismus. Ich habe das einmal in einer Serie nachzuzeichnen versucht.



Für Kommentare bitte hier klicken.

18. Mai 2009

Zettels Meckerecke: Wie ich am "Studenten-Pisa" teilnahm und wie es mir dabei erging. Die Redaktion des "Spiegel" als Hilfsorgan der Werbeabteilung?

Ich habe am "Studenten-Pisa" teilgenommen. Zwar bin ich dem Studentenalter entwachsen, aber der Test war ausdrücklich für alle gedacht; man sollte Alter, Ausbildung usw. angeben.

Beim Absolvieren war ich ein wenig gehandicapt, weil wir auf dem Land immer noch kein DSL haben und sich die Bilder teils so langsam aufbauten, daß mir gar keine Zeit zum Beantworten mehr blieb. Aber egal, es war ja nur ein eher dem Amüsement dienender Test.

Als ich fertig war, wurde mir zu meiner Enttäuschung nicht, wie das bei solchen Online-Tests sonst selbstverständlich ist, mein Ergebnis mitgeteilt, sondern ich wurde eingeladen, meine Mailadresse anzugeben, damit man mir eine ausführliche Auswertung zuschicken könne.

Nun gut, dachte ich, ich habe einen guten Spam- Filter, gebe ich also die Adresse an. Dafür werde ich dann ja erfahren, wie ich im Vergleich mit meiner Altersgruppe, im Vergleich mit meiner Bildungsgruppe abgeschnitten habe. Eben das, was man sich unter einer ausführlichen Auswertung vorstellt. Auch leuchtete mir ein, daß man mir diese erst nach Abschluß des Tests würde liefern können, weil man ja erst dann die Normwerte für die einzelnen Probandengruppen hat.

Kürzlich nun bekam ich diese Mail. Und was stand darin? Wieviele Punkte ich erreicht hatte und für jede einzelne Frage, ob meine Antwort richtig oder falsch gewesen war. Sonst nichts. Also genau das, was man mir auch zwanzig Sekunden nach Ende des Tests hätte liefern können.

Ärgerlich. Ärgerlicher noch war aber, daß die Mail vom "Spiegel" überwiegend aus Werbung bestand. Man hatte, so erfuhr ich, für mich ein Sonderangebot, ein Abo abzuschließen. Ein "Dankeschön- Paket"!

Als Dank für meine Beteiligung an dem Test sollte ich den "Spiegel" abonnieren. Lustig, nicht wahr?



Wer also hat nun diese "Pisa"- Umfage beim "Spiegel" zu verantworten? Die Redaktion oder die Werbeabteilung? Oder ist es schon so weit, daß die Redaktion ihre Beiträge nach Vorgabe der Werbeabteilung abliefert?

Ich erinnere mich, wie der "Spiegel" einst stolz darauf gewesen ist, daß bei ihm Redaktion und Anzeigengeschäft streng getrennt sind. Daß also niemand sich einbilden solle, er könne die redaktionelle Berichterstattung beeinflussen, indem er z.B. droht, Anzeigen zu stornieren. Lange ist's her.

Jetzt aber kommt das Dollste: Heute hatte ich wieder Post vom "Spiegel" in meiner Mailbox. Betreff: "Studenten- Pisa: Ihr Ergebnis im Vergleich, Herr Zettel!"

Na immerhin, dachte ich. Also hat man doch noch Normwerte für die Alters- und Bildungsgruppen errechnet, und ich erfahre jetzt, wo ich stehe. Und wissen Sie, was in dieser Mail stand? Hier ist sie, wörtlich und ungekürzt:
Dankeschön- Paket inklusive großem Studenten- Pisa- Bericht!

Sehr geehrter Herr Zettel,

vor kurzem haben Sie Ihre individuelle Auswertung des SPIEGEL- Wissenstests erhalten. Doch wie haben Sie im Vergleich mit den anderen Teilnehmern abgeschnitten? Und: wissen Frauen mehr als Männer? Was kann der Durchschnittsstudent? Die ausführliche Auswertung lesen Sie ab heute im neuen SPIEGEL!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Studenten-Pisa-Team

PS: Aufgrund der großen Nachfrage haben wir unser Dankeschön- Paket für Umfrageteilnehmer bis zum 30.05.2009 verlängert:

12x den SPIEGEL lesen, über 34 % sparen
Inklusive der aktuellen Ausgabe mit großem
Studenten- Pisa- Bericht!
SPIEGEL und KulturSPIEGEL bequem FREI HAUS
Ein hochwertiges Taschenset als Geschenk
Statt meinem versprochenen "Ergebnis im Vergleich" also pure Anmache. Man will mich dazu bekommen, den "Spiegel" zu abonnieren. Das offenbar war Sinn und Zweck dieses ganzen "Studenten- Pisa".

Drückermethoden. Methoden der Veranstalter von Kaffeefahrten. Und die Redaktion des "Spiegel" läßt sich für so etwas einspannen.

Den "Spiegel" von Rudolf Augstein, von Stefan Aust, diese auf ihre Unabhängigkeit zu Recht so stolze Redaktion gibt es halt nicht mehr.



Für Kommentare bitte hier klicken.

9. Mai 2009

Marginalie: Die rasenden Reporter vom "Spiegel". Eine Anmerkung zum Egon-Erwin-Kisch-Preis

Im "Zeit-Magazin" gibt es eine Rubrik, über die ich kürzlich ein "Kurioses, kurz kommentiert" geschrieben habe: die "Deutschlandkarte". Jede Woche wird Deutschland sozusagen aus einem anderen Blickwinkel kartiert - wo es zum Beispiel wieviele Schützenvereine gibt, wieviele Fahrräder oder (das war damals mein Thema) wieviele Wohnungseinbrüche.

Diese Woche zeigt die Karte, wo die Träger eines der renommiertesten deutschen Journalisten - Preise herkommen; des Egon- Erwin- Kisch- Preises, benannt nach dem "rasenden Reporter", der wie kein anderer die Reportage als journalistisches Genre geprägt hat.

Als ich die Namen der Preisträger durchzugehen begann, fiel mir etwas auf; und je länger ich las, umso größer wurde mein Erstaunen: Viele dieser Namen kannte ich als die von "Spiegel"- Redakteuren.

Von Norden nach Süden: Rolf Kunkel (Bremen), Cordt Schnibben (Bremen), Kai Hermann (Hamburg), Jürgen Leinemann (Burgdorf), Hans Halter (Berlin), Dirk Kurbjuweit (Berlin), Hans-Joachim Noack (Berlin), Alexander Osang (Berlin), Gerd Kröncke (Hannover), Klaus Brinkbäumer (Münster), Matthias Mattusek (Oberhausen), Jürgen Neffe (Herne), Gerd Rosenkranz (Meinerzhagen), Matthias Geyer (Aachen), Hartmut Palmer (Bonn), Wilhelm Bittorf (Hildburghausen), Ullrich Fichtner (Hof), Marie-Luise Scherer (Saarbrücken), Barbara Supp (Stuttgart), Alexander Smoltczyk (Böblingen), Peter Brügge (eigentlich Ernst Hess) (München), Renate Flottau (München), Thomas Hüetlin (München), Horand Knaup (Lörrach); dazu der im Ausland geborene Carlos Widmann (Buenos Aires).

Das sind 25 Preisträger; über ein Drittel aller, die diesen Preis erhalten haben. Kein anderes Presseorgan ist auch nur annähernd so kopfstark vertreten.



Wie kommt's? Zunächst muß gesagt werden, daß nicht alle diese Journalisten den Preis für eine Arbeit erhielten, die im "Spiegel" erschien (Auflistung siehe hier). Als Publikationsort liegt der "Spiegel" nur knapp an der Spitze der Preisträger.

Erste Möglichkeit also: Der "Spiegel" holt sich die Edelfedern von den anderen Zeitungen und Zeitschriften; ähnlich, wie sich Bayern München die besten Kicker holt. Wer den Egon- Erwin- Kisch- Preis zuerkannt bekommen hat oder wer das Potential dazu zeigt, der gerät ins Visier der Headhunter vom "Spiegel".

Zweite Möglichkeit: In mehr als sechzig Jahren hat der "Spiegel" das geprägt, was als guter Reportage- Journalismus gilt: Faktengenau und faktenreich, flott geschrieben, mit menschlichem Bezug und dramaturgisch gut aufgebaut, in einer bilderreichen, gern originellen, aber schnörkellosen Sprache. Hans Detlev Becker, jahrzehntelang der eigentliche Macher des "Spiegel" im Schatten Augsteins, hatte es im Jahr 1949 in einer Anleitung aufgeschrieben, die man später das "Spiegel-Statut" getauft hat.

Und drittens muß man wohl die Gruppe von Faktoren ins Kalkül ziehen, die man unter die Überschrift "Die Geheimnisse von Jury- Entscheidungen" stellen kann. Wie ein Grüppchen vielbeschäftigter Menschen (beim Egon- Erwin- Kisch- Preis sind es ungefähr ein halbes Dutzend) es fertigbringt, alle Reportagen zu sichten, die innerhalb eines Jahres in den deutschen Medien erscheinen, und dann zielsicher und mehr oder weniger einvernehmlich die "beste" herauszupicken - das ist ein Vorgang, für dessen Verständnis man vermutlich auf die Theorie chaotischer Systeme zurückgreifen müßte.

Wobei der "Spiegel" dann so etwas wie ein Attractor wäre.



Für Kommentare bitte hier klicken.

17. September 2008

Was geschah wirklich in Georgien? Der "Spiegel", amerikanische Experten und die Chronik eines Showdowns (Teil 2)

Richtig gewonnen ist ein Krieg immer erst dann, wenn er auch propagandistisch gewonnen ist. Wir kennen das aus Xenophons Anabasis und Cäsars De bello gallico, wie Propaganda einen Krieg begleitet: Im Vorfeld, dann während der Schlachten, vor allem aber auch in der Zeit danach, wenn die Frage nach den Verantwortlichkeiten, manchmal die nach der "Kriegsschuld" in den Mittelpunkt rückt.

Eine Frage, die bekanntlich in Bezug auf den Ersten Weltkrieg auch nach fast einem Jahrhundert immer noch kontrovers diskutiert wird. Sonderlich optimistisch sollte man also nicht sein, daß die Frage nach der Schuld am Krieg in Georgien demnächst eine befriedigende Antwort finden wird.



In den Tagen nach dem Krieg habe ich drei Master Narratives diskutiert (siehe die Links in Teil 1; hier zu den Artikeln vom 12. und 13. August):
  • Ein "Hineinschliddern" in den Krieg, also eine Eskalation, die irgendwann außer Kontrolle geriet.

  • Ein georgischer Angriff auf Südossetien, geführt in der Erwartung, die Russen würden stillhalten oder vom Westen zum Stillhalten veranlaßt werden.

  • Ein vorbereiteter russischer Angriff auf Südossetien und Georgien mit dem Ziel, Saakaschwilie zu stürzen und das Land wieder in den russischen Einflußbereich zu bringen.
  • Am Ende des zweiten Teils dieser damaligen Serie habe ich am 12. August geschrieben:
    Was ist von diesen drei Master Narratives zu halten? Wirklich klären wird sich das allenfalls dann, wenn weitere Informationen vorliegen, vor allem solche aus den Berichten von Geheimdiensten. (...)

    Die drei Interpretationen schließen einander nicht völlig aus. Im Prinzip könnte es sein, daß der tatsächliche Ablauf Elemente von allen dreien enthielt. Daß beispielsweise beide Seiten zwar Pläne für diesen Krieg in ihren Schubladen hatten, daß aber eine unkontrollierte Eskalation dazu führte, daß diese Pläne jetzt umgesetzt wurden. Auch ein Plan von Tiflis, Südossetien jetzt zurückzuerobern, ist nicht unbedingt unvereinbar mit einem Plan Moskaus, Georgien zu demütigen und aus der Nato herauszuhalten.
    An dieser Sachlage hat sich bis heute nichts geändert. Auch und gerade nicht durch die ein wenig vollmundig auf der Titelseite angekündigte Story des "Spiegel" dieser Woche, auf die ich in Teil 1 eingegangen bin.

    Nach wie vor herrscht über den Beginn des georgischen Angriffs auf Tschinwali einigermaßen Übereinstimmung - in der Nacht vom 7. zum 8. August vor Mitternacht. Nach wie vor ist es aber völlig unklar, wann die russischen Truppen durch den Roki- Tunnel nach Südossetien eindrangen.

    Die auch vom "Spiegel" kolportierte Version, dies sei erst am Vormittag des 8. August geschehen, ist inzwischen noch unglaubhafter, als sie bereits am Montag war.

    Inzwischen hat die New York Times nämlich über den Mitschnitt eines Telefonats berichtet, das südossetische Grenzsoldaten über Handy (und daher genau zeitlich lokalisierbar) bereits in den Morgenstunden des 7. August geführt haben (siehe auch den Bericht darüber in der heutigen FAZ):
    "Listen, has the armor arrived or what?" a supervisor at the South Ossetian border guard headquarters asked a guard at the tunnel with the surname Gassiev, according to a call that Georgia and the cellphone provider said was intercepted at 3:52 a.m. on Aug. 7. "The armor and people," the guard replied. Asked if they had gone through, he said, "Yes, 20 minutes ago; when I called you, they had already arrived."

    "Hör mal, ist der Panzer [könnte auch heißen: Sind die Panzer] eingetroffen, oder wie?" fragte ein Überwacher im Hauptquartier des südossetischen Grenzschutzes einen Posten am Tunnel mit dem Nachnamen Gasiew bei einem Anruf, das laut Georgien und dem Provider um 3.52 Uhr am Morgen des 7. August aufgezeichnet wurde. "Der Panzer [die Panzer] und die Leute" antwortete der Posten. Auf die Frage, ob sie durch seien, sagte er: "Ja, vor 20 Minuten; als ich Sie anrief, waren sie schon angekommen".
    Nun gut, das ist wieder nur eine weitere Facette. Die Russen sagen, das seien keine Invasionstruppen gewesen, sondern Verstärkung für die Friedenstruppe.

    Vielleicht waren ja alle die Panzer und Schützenpanzer, die nach Südossetien einrückten, nur Verstärkungen für die Friedenstruppe?



    So, wie es im Augenblick aussieht, wird sich der genaue Ablauf der Ereignisse in naher Zukunft wohl nicht zuverlässig rekonstruieren lassen.

    Beide Seiten waren auf einen militärischen Konflikt vorbereitet; eben wie - siehe Teil 1 - beim Showdown im Western. Wer nun als erster eine Handbewegung zum Holster hin gemacht, wer dann als erster gezogen, wer als erster geschossen, wer als erster getroffen hat - man wird das vorläufig offen lassen müssen. Dazu brauchte man, um im Bild zu bleiben, eine Zeitlupe des Bewegungsablaufs bei beiden Kontrahenten.

    In einer anderen Hinsicht aber scheint sich der Nebel allmählich zu lichten: Was die Vorgeschichte des Konflikts angeht. Dazu wurden in der letzten Woche zwei Dokumente veröffentlicht: Die Aussage von Matthew J. Bryza, eines der zuständigen Beamten im US-Außenministerium vor der Kommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (Helsinki- Kommission) sowie die Aussage von Eric S. Edelman, Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, vor dem Verteidigungsausschuß des US-Senats.

    (Fortsetzung hier)



    Mit Dank an Califax. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    15. September 2008

    Was geschah wirklich in Georgien? Der "Spiegel", amerikanische Experten und die Chronik eines Showdowns (Teil 1)

    Wir kennen alle die Szene: Showdown im Western. In der Main Street bewegen sich die beiden Gegner aufeinander zu. Jeder hat dasselbe Problem: Zieht er als erster und erschießt den anderen, dann ist er ein Mörder und wird gehängt. Wartet er, bis der andere schießt, dann ist er ebenso ein toter Mann.

    Die Kunst - die Überlebenskunst - besteht darin, zu warten, bis der andere als erster zieht - zumindest die Hand in Richtung Holster bewegt -, dann aber selbst schneller zu schießen. Dann ist der andere tot, und man selbst hat in Notwehr geschossen. Man endet weder durch die Kugel des Gegners noch in der Schlinge des Henkers.

    Nicht leicht, das hinzubekommen. Und es wird immer deutlicher, daß dies ziemlich genau die Situation war, aus der heraus sich die Ereignisse in Südossetien in der Nacht vom 7. zum 8. August entfalteten.

    Die Spannungen waren so gestiegen, daß beide Seiten einander kriegsbereit gegenüberstanden. Jede Seite wartete darauf, daß die andere anfangen würde, und war entschlossen, ihr dann zuvorzukommen. Der andere sollte als der Aggressor dastehen, man selbst wollte aber zugleich den Vorteil des Preemptive Strike, des Präventivschlags haben.



    So jedenfalls stellen sich mir, nachdem ich fünf Wochen lang die Meldungen ziemlich genau verfolgt habe (siehe die Links am Ende dieses Artikels), das dar, was der "Spiegel" von heute die "Klärung der Schuldfrage" nennt.

    Eine eigenartige "Spiegel"- Story ist das. Nicht ganz die Titelgeschichte, aber immerhin auf die Titelseite gehoben. Dort mit der vollmundigen Frage: "Was geschah wirklich in Georgien?". Und am Ende des Artikels mit der resignativen Feststellung: "Wahrheit und Lüge über den kurzen Krieg im Kaukasus sind noch immer schwer zu trennen."

    Fürwahr. Und auch bei dem, was der "Spiegel"- Artikel (38/2008, S. 128 - 132) uns sagen will, ist schwer zu trennen zwischen Fakten, Vermutungen und Kolportiertem; vielleicht auch gezielter Desinformation. Nicht weniger als sieben Autoren haben daran mitgewirkt; ich habe nicht den Eindruck, daß sie sich in der Bewertung der Ereignisse einig geworden wären.

    Auch die "Spiegel"-Autoren sehen als entscheidend das an, was in "Zettels kleinem Zimmer" in diesem und vor allem in diesem Thread wochenlang ausführlich diskutiert wurde: Welches war genau der Zeitablauf in der Nacht vom 7. zum 8. August und in den Morgenstunden des 8. August?

    Relativ sicher scheint zu sein, wann Georgien mit dem Artilleriebeschuß von Tschinwali begann: Ungefähr um 22.30 am Abend des 7. August. So lag es der Diskussion in "Zettels kleinem Zimmer" zugrunde.

    Nach wie vor völlig unklar ist hingegen, wann die russischen Truppen in Richtung Roki- Tunnel in Marsch gesetzt wurden, wann deren Anwesenheit dort von den Georgiern entdeckt wurde und wann sie den Tunnel auf der südossetischen Seite verließen. Auch die sieben Autoren der "Spiegel"-Story sind sich darüber augenscheinlich nicht einig:
    Die georgische Behauptung, die Russen hätten provoziert und Truppen in den Roki-Tunnel einmarschieren lassen, wurde von den Nato-Experten keineswegs bezweifelt. (S. 130)

    Erst gegen elf Uhr [am 8. August vormittags; Zettel] ziehen ihre [der Russen] Truppen aus Nordossetien durch den Roki-Tunnel. (S. 130)

    Hauptmann Denis Sidristy, Kommandeur einer Kompanie des 135. motorisierten Infanterieregiments, schildert, wie er bereits in der Nacht zum 8. August mit seiner Einheit durch den Roki-Tunnel nach Zchinwali vorrückte (S. 132)
    Und am 25. August stand im "Spiegel" " zu lesen:
    Für eine friedliche Lösung ist es am nächsten Morgen [des 8. August] zu spät. Seit 2.06 Uhr am frühen Freitag laufen Meldungen über russische Panzer im Roki- Tunnel über die Ticker der Presse- Agenturen. Durch den Roki-Tunnel führen die Russen insgesamt, die Schätzungen differieren, 5500 bis 10 000 Soldaten nach Südossetien.
    Wenn die ersten Meldungen über russische Truppen im Roki- Tunnel in der Nacht zum 8. August um 2.06 von den Agenturen verbreitet wurden, dann kann dieser Angriff nicht gut erst gegen elf Uhr am Morgen des 8. August begonnen haben. Es sei denn, die Agenturen verfügten über die Fähigkeit zur Präkognition.

    Und dann kann der Einmarsch nach Südossetien auch schwerlich die Reaktion auf einen Beschuß Tschinwalis gewesen sein, der gerade einmal dreieinhalb Stunden zuvor begonnen hatte.

    Es sei denn, die russischen Befehlswege verliefen in der Art der Quanten- Verschränkung über paranormale Psi- Kanäle und die russische 58. Armee hätte die Fähigkeit, ihre Schützenpanzer und Panzer schneller marsch- und gefechtsbereit zu machen, als Houdini sich aus seinen Fesseln befreien konnte.

    Kurzum, auch wer den heutigen "Spiegel" gelesen hat, der ist, was die "Kriegsschuld" angeht, so klug als wie zuvor.



    Im zweiten Teil werde ich u.a. über das berichten, was zwei US-Experten in der vergangenen Woche zum Ablauf der Ereignisse in der Nacht zum 8. August und über die Hintergründe dieses Kriegs offiziell zu Protokoll gegeben haben; und auch über die russische Militärdoktrin.

    Zunächst aber die Links zu den Artikeln, in denen ich mich bisher mit dem Georgien- Krieg befaßt habe:
  • 9. August: Der Ossetienkrieg als postkolonialer Konflikt. Nebst einer Zusammenfassung der Ereignisse, die zu diesem Krieg führten

  • 10. August: Wer sind die Adressaten des Ossetien-Kriegs? Merkel, Steinmeier, Sarkozy. Nebst einer Erinnerung an München 1938

  • 11. August: Zitate des Tages: Zwei britische Stimmen zur russischen Invasion Georgiens

  • 12. August: Hintergründe des Kriegs in Georgien (1): In den Krieg geschliddert? Oder gepokert und verloren?

  • 12. August: Hintergründe des Kriegs in Georgien (2): Rußlands Rückkehr zu einer imperialen Politik? Nebst der Stellungnahme von Präsident Saakaschwili

  • 13. August: Hintergründe des Kriegs in Georgien (3): Präsident Saakaschwili schildert den Ablauf der Ereignisse

  • 13. August: Eilmeldung bei CNN: Russische Truppen rücken in Richtung Tiflis vor. Saakaschwili: "Wir werden uns nicht ergeben"

  • 14. August: Vier historische Parallelen zum russischen Überfall auf Georgien

  • 15. August: Zitat des Tages: Krieg zwischen der Nato und Rußland? Über eine seltsame Inkonsistenz im linken Denken

  • 16. August: Krieg in Georgien: Eine Zwischenbilanz in Zitaten

  • 17. August: Zitat des Tages: "Nach Georgien kommt die Ukraine dran". Sowie über militärische Aspekte der Invasion Georgiens

  • 20. August: Kurioses, kurz kommentiert: Die besseren Argumente der Weicheier

  • 24. August: Zitat des Tages: "Warum sollte Moskau warten?" - In Georgien zieht Rußland seine Truppen "zurück, aber nicht ab"

  • 25. August: Kriegsschuld und Kriegsziele in Georgien: Alternative Erklärungsmuster

  • 2. September: Was weiß die OSZE über den Schuldigen am Georgien-Krieg? Wie "Spiegel-Online" wieder einmal manipuliert hat
  • (Fortsetzung hier)



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    2. September 2008

    Was weiß die OSZE über den Schuldigen am Georgien-Krieg? Wie "Spiegel-Online" wieder einmal manipuliert hat

    Am vergangenen Samstag brachte "Spiegel- Online" eine Meldung, die am Samstag und am Sonntag von zahlreichen deutschen Medien zitiert wurde, zum Beispiel von der "Welt" und der "Deutschen Welle".

    Die Agentur AFP übernahm die Meldung, und so gelangte sie in alle Welt, von der Times of India über die Tehran Times bis in die australische Zeitung The Age.

    Die Meldung, auf die das alles zurückging, basierte nicht auf eigenen Recherchen von "Spiegel- Online", sondern der Bericht berief sich auf "Informationen des SPIEGEL", der bekanntlich redaktionell von "Spiegel- Online" unabhängig ist.

    Es geht um die Schuld am Georgien-Krieg. Die Meldung von "Spiegel- Online" ist ein Beispiel für das Umschreiben eines Textes, so daß er für den Leser einen anderen Sinn bekommt. Das nennt man gemeinhin Manipulation.



    Ich zitiere jetzt zunächst, was im gedruckten "Spiegel" von gestern zu lesen war, und dann, wie "Spiegel- Online" am Samstag vorab darüber berichtete.

    "Der Spiegel", Heft 36/2008 vom 1. September 2009, Seite 21f:
    ... tauchten in verschiedenen Regierungsstellen in Berlin Zweifel an der Glaubwürdigkeit des derzeit schwierigsten Freunds des Westens auf. Der georgische Präsident Saakaschwili habe offenbar Südossetien angreifen lassen, bevor russische Panzer durch den Roki- Tunnel dorthin vorgedrungen seien.

    Das haben Militärbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) erzählt, die in Georgien waren. In die Berichte, die jetzt aus der Wiener OSZE- Zentrale heraussickerten, flossen womöglich auch Informationen über abgehörte Telefonate der georgischen Führung ein.
    Und das berichtete darüber vorab "Spiegel- Online am Samstag:
    "Spiegel- Online", 30. August 2008, 16:24 Uhr:
    Die georgische Regierung am Pranger: Nach SPIEGEL- Informationen hat die OSZE Hinweise darauf, dass die Führung in Tiflis den Krieg mit Russland verschuldet hat. (...) In der Zentrale der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) häufen sich offenbar Hinweise auf ein massives Fehlverhalten der georgischen Führung, das zum Ausbruch der Krise beigetragen hat.

    Nach Informationen des SPIEGEL sind auf informellen Kanälen Berichte von OSZE- Militärbeobachtern aus der Kaukasus- Region an verschiedene Regierungsstellen in Berlin gelangt. Demnach habe Georgien den Militärschlag gegen Südossetien intensiv vorbereitet und seinen Angriff begonnen, bevor russische Panzer den Verbindungstunnel nach Südossetien befuhren.
    Ein Vergleich zwischen diesen beiden Versionen zeigt erhebliche und systematische Unterschiede. Das gilt für die Quellen und den Inhalt:



    Was die Quellen angeht, so berichtet der "Spiegel", es seien Berichte aus der OSZE- Zentrale "herausgesickert"; daß Militärbeobacher etwas "erzählt" hätten.

    Es steht nicht da, daß das schriftliche Berichte waren. Erst recht waren es laut "Spiegel" keine Berichte an die deutsche Bundesregierung. Vielmehr geht es um Gerüchte, um Behauptungen einzelner Mitarbeiter, die durchsickerten und dadurch auch deutschen Regierungsstellen zu Ohren kamen.

    Und was macht "Spiegel- Online" daraus? Es seien "auf informellen Kanälen Berichte von OSZE- Militärbeobachtern aus der Kaukasus- Region an verschiedene Regierungsstellen in Berlin gelangt." Das erweckt den Eindruck, daß es sich um formale, schriftliche Berichte handelte. Es erweckt weiter den Eindruck, daß diese - wenn auch auf "informellen Kanälen" - an Berliner Regierungsstellen geschickt worden seien.

    Natürlich kann man auch Gerüchte als "informelle Kanäle" bezeichnen. Natürlich kann man, wenn auch die Bundesregierung von diesen Gerüchten hört, sagen, sie seien "an sie gelangt". Aber der Leser wird das nicht so verstehen.

    Daß er es nicht so versteht, erhellt daraus, wie die Agenturen und wie einzelne Journalisten über das berichteten, was "Spiegel Online" als angebliche Informationen des gedruckten "Spiegel" gemeldet hatte.

    Beispielsweise schrieb die schon erwähnte australische Zeitung The Age (basierend auf AFP):
    The German weekly Der Spiegel separately reported that OSCE observers were blaming Georgia, whose bid to join NATO is championed by the United States, for triggering the crisis in a series of unofficial reports presented to the German government. OSCE monitors said Georgia had made elaborate preparations for the offensive in South Ossetia on August 7.

    Die deutsche Wochenschrift "Der Spiegel" berichtete unabhängig, daß Beobachter der OSZE Georgien in einer Reihe von inoffiziellen Berichten, die der Regierung übermittelt wurden, dafür verantwortlich machten, die Krise ausgelöst zu haben. Die Überwacher der OSZE erklärten, Georgien hätte ausführliche Vorbereitungen für die Offensive in Südossetien am 7. August getroffen.
    Es ist wie bei dem Spiel "Stille Post":

    Der "Spiegel" meldet Gerüchte aus der OSZE, von denen auch deutsche Regierungsstellen erfuhren. "Spiegel-Online" macht daraus Berichte, die an die Bundesregierung gelangt seien. Und die Autorin von Age, sich auf AFP stützend, versteht das, wie auch anders, als Berichte, die Beobachter der OSZE an die Bundesregierung übermittelt hätten, wenn auch nicht über offzielle diplomatische Kanäle.



    Ähnlich wie mit den Quellen macht es "Spiegel- Online" mit den Inhalten.

    Im gedruckten "Spiegel" ist allein davon die Rede, daß laut dem, was aus der OSZE "herausgesickert" sei, Saakaschwili "offenbar" Südossetien habe angreifen lassen, bevor russische Panzer durch den Roki- Tunnel hindurchgefahren waren.

    Das mag durchaus stimmen; aber über die Schuld an dem Konflikt sagt es exakt nichts.

    Es könnte sein, daß die Aktionen der Russen und diejenige der Georgier unabhängig voneinander für den Fall einer Eskalation geplant und ungefähr zeitgleich gestartet wurden; die der Georgier ungefähr dreieinhalb Stunden früher. Es könnte auch sein, daß Georgien nicht erst auf das Durchqueren des Roki- Tunnels reagierte, sondern schon auf den Aufmarsch der russischen Truppen auf nordossetischer Seite.

    Und so fort. Ich will das hier nicht diskutieren; für eine eingehende Diskussion siehe diesen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort wird vor allem auch erörtert, ob die Zeitdifferenz zwischen dem Beginn des Beschusses von Tschinwali - 22.30 Uhr in der Nacht zum 8. August laut "Spiegel" 35/2008 - und der ersten Meldung über das Auftauchen russischer Panzer am Ausgang des Roki- Tunnels - 2.06 Uhr laut derselben Quelle - überhaupt so groß ist, daß der Einmarsch der Russen die Reaktion auf den Angriff auf Tschinwali gewesen sein kann.

    Um diese offenen Fragen geht es mir hier nicht. Sondern darum, daß "Spiegel- Online" dem gedruckten "Spiegel" etwas zuschreibt, das dort überhaupt nicht steht: "Die OSZE" hätte Hinweise darauf "dass die Führung in Tiflis den Krieg mit Russland verschuldet hat". Es "häuften" sich Hinweise auf ein "massives Fehlverhalten" der georgischen Führung.

    Alles hinzugedichtet. Kein Wort von einer Häufung von Hinweisen steht im gedruckten "Spiegel", nichts über die Kriegsschuld.



    Und was sagt nun die OSZE selbst zu dem, was der "Spiegel" berichtet und was "Spiegel- Online" manipulativ daraus gemacht hat?

    Die in Wien, dem Sitz der OSZE, erscheinende "Presse" berichtete dazu gestern:
    "Der Spiegel" bezieht sich auf Berichte von Beobachtern der "Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (OSZE). (...) OSZE-Sprecher Martin Nesirky wies die "Spiegel"-Darstellung jedoch zurück: Die Beobachtermission erstelle regelmäßig Berichte, die über "offizielle diplomatische Kanäle" an alle OSZE-Staaten, darunter Russland und Georgien, weitergeleitet werden. "Keiner dieser Berichte enthält Informationen der Art, wie sie im Spiegel- Artikel vorkommen."
    Was ja auch der gedruckte "Spiegel" gar nicht behauptet hat. Nur hatten dessen Kollegen von "Spiegel- Online" die "Spiegel"- Geschichte so umgedeutet, daß aus Gerüchten, die Regierungsstellen in Berlin erreicht hatten, Berichte aus der OSZE an die Bundesregierung geworden waren.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    18. Juli 2008

    Zettels Meckerecke: Urin bei der Nasa. Aber bei "Spiegel Online" läuft's nicht

    Der "Spiegel" galt einmal als die zuverlässigste Publikation Deutschlands, eine der zuverlässigsten der Welt. Das lag an der peniblen, wesentlich von Heinz Klatte aufgebauten Dokumentation; an einer Schlußredaktion, bei der jedes einzelne behauptete Faktum in jedem Manuskript vom zuständigen Redakteur der Dokumentation durch Abzeichnen bestätigt werden mußte, bevor der Artikel zum Druck freigegeben wurde.

    Lange ist's her, daß man sich auf die Fakten, die im "Spiegel" standen, verlassen konnte; so, wie auch Druckfehler und orthographische Fehler so gut wie unbekannt waren.

    Seit Kurzem hat der "Spiegel" am Ende der Leserbriefspalte einen Kasten, in dem die jeweils aktuellen Korrekturen zu der vorausgehenden Nummer stehen. In der Ausgabe 29/2008 dieser Woche erfährt man zum Beispiel, daß in der Titelgeschichte über die Nuklearenergie der vergangenen Woche irreführend über den zu erwartenden Temperaturanstieg berichtet worden war.

    Ja, hätte das denn die Dokumentation nicht merken können, nein merken müssen, bevor die Titelgeschichte in Druck ging?



    Wie in der politischen Tendenz ist beim "Spiegel" auch hinsichtlich der Sorgfalt so etwas wie eine Spiegel- Onlinisierung zu bemerken.

    "Spiegel- Online" wurde schon immer schlampig redigiert. Diese Nonchalance, was die Fakten angeht (und die Vermischung von Tatsachen und Meinungungen; viele Redakteure der ersten Stunden kamen ja von der "taz") scheint jetzt auf den gedruckten "Spiegel" überzuschwappen. Daß der ehemalige Chef von "Spiegel- Online", Mathias Müller von Blumencron, jetzt einer der beiden Chefredakteure des "Spiegel" ist, dürfte diese Assimilation zumindest nicht erschwert haben.

    Ein aktuelles Beispiel zur Arbeitsweise von "Spiegel- Online": Dort steht im Augenblick ein Artikel aus der Wissenschaftsredaktion mit einer dieser albernen Meldungen, wie man sie halt gelegentlich zur Auflockerung bringt: "WELTRAUM-TOILETTE - Nasa ruft zu Urin- Spenden auf".

    Nun gut, warum nicht. Bei der Konstruktion der Toilette für das neue Raumschiff "Orion" braucht man halt zu Testzwecken Urin, und den besorgt sich die Nasa. Vermutlich auch noch Anderes, das nicht explizit genannt wird. Also eine Meldung unter "Buntes".

    Nicht daß diese Albernheit berichtet wird, macht den Artikel erwähnenswert, sondern diese Passage:
    Das neue Raumschiff "Orion" soll die alten Space- Shuttle ablösen, die bis zum Jahr 2010 ausgemustert werden sollen. "Orion" wird allerdings frühestens 2014 zur Verfügung stehen und Flüge zum Mond ermöglichen. Es stellt eine Abkehr vom Shuttle-Design dar: Wie früher beim "Apollo"- Programm werden die Astronauten wieder in einer Kapsel auf der Spitze einer Rakete sitzen - und nicht seitlich am Haupttank zweier Booster-Raketen.
    Am Haupttank zweier Booster-Raketen! Der das geschrieben hat, weiß offenkundig nicht, wie die Shuttle- Konfiguration konstruiert ist. In der Tat hängt das Raumfahrzeug seitlich am Haupttank. Aber dieser ist keineswegs der Tank der beiden Booster. Diese nämlich sind Feststoffraketen, die folglich keinen Tank benötigen. Der Haupttank enthält den flüssigen Sauerstoff und flüssigen Wasserstoff für die Triebwerke des Raumfahrzeugs selbst. Die Booster hingegen werden nach dem Ausbrennen abgesprengt und kehren zur Erde zurück.

    Der Autor des Artikels stellt sich die Shuttle- Konfiguration offenbar so vor, daß das Raumschiff keinen eigenen Antrieb hat, daß die Booster es in den Orbit befördern und daß diese mit Flüssigtreibstoff arbeiten, der sich im Haupttank befindet. Jeder amerikanische Schüler, der sich für Raumfahrt interessiert, weiß, daß das rubbish ist.

    Der Artikel ist nicht aus Agentur- Meldungen zusammengestellt, sondern mit "(lub") gezeichnet; das ist die Paraphe des Wissenschaftsredakteurs Jens Lubbadeh. Wenn der für Raumfahrt zuständige Redakteur nicht weiß, wie ein Shuttle aufgebaut ist, dann ist das mehr als eine läßliche Schlamperei; dann ist es ein Indiz für die Arbeitsweise dieser Redaktion.

    Und wenn ich darüber meckere, dann ist das keine Beckmesserei, sondern so ziemlich die härteste Kritik, die man an einer Redaktion üben kann: Daß sie ihr Handwerk nicht beherrscht.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    2. Juli 2008

    Ketzereien zum Irak (31): Wie war das doch gleich mit "Blut für Öl"? Über eine Meldung, die Beachtung verdient hat, sie aber bisher nicht findet

    Noch vor einem Jahr wäre die Meldung eine Sensation gewesen. Jetzt interessiert sie in Deutschland offenbar kaum noch. Null Treffer liefert im Augenblick Paperball, wenn man "Irak Öl" eingibt.

    Worum geht es? Der Irak hat am Montag eine weltweite Ausschreibung für den Zugang zu seinen Ölfeldern eröffnet.

    Zugang ("access") - das heißt nicht etwa, daß die Ölfelder verkauft oder auch nur verpachtet werden sollen. Es heißt "to provide services, equipment, training and advice on the country's biggest oil fields" - Hilfsdienste, Ausrüstungen, Schulung und Beratung in Bezug auf die größten Ölfelder des Landes zur Verfügung zu stellen.

    Nun gut, darunter kann sich vieles verbergen. Natürlich werden - so dürften viele denken - doch die Amis am Ende diese Ölfelder ausbeuten, wenn auch nur in der formalen Gestalt von Beratung und Hilfe.

    Die Amis? Ja, natürlich die Amis, werden sie denken, die Vielen. Denn sie haben doch schon im Januar 2003, wenn sie den "Spiegel" gelesen haben, eindringlich mitgeteilt bekommen, daß in diesem Krieg das Blut von Soldaten und Zivilisten allein für die Interessen der amerikanischen Ölindustrie, und nicht zuletzt der Familie Bush, vergossen werden würde.



    Wer das verinnerlicht hat, der wird sich freilich über das wundern, was der irakische Ölminister am Montag gesagt hat:

    "Shahristani said 35 companies -- including firms from the United States, Britain, France, Russia, China and India -- had been selected to bid on long-term contracts"; Schahristani erklärte, daß 35 Firmen - unter anderem aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Rußland, China und Indien - ausgewählt wurden, um Angebote abzugeben.

    Es geht um den Ausbau und die weitere Erschließung von Ölquellen in Kirkuk und Bai Hassan im Norden des Irak und in Rumaila, Zubair, Maysan und West- Kurnah im Süden. Von deren Entwicklung werden also sowohl die Kurden als auch die Schiiten profitieren.

    Angebote müssen bis März 2009 abgegeben werden, und bis zum Juni 2009 soll die Entscheidungen gefällt und sollen die Kontrakte unterzeichnet sein, für die eine Laufzeit von zehn Jahren vorgesehen ist. Den Zuschlag wird nur erhalten, wer eine irakische Partnerfirma vorweisen kann und sich verpflichtet, Iraker zu beschäftigen.

    Seit 1972 sind die irakischen Ölquellen verstaatlicht, so wie die in den meisten Förderländern. Es gibt niemanden von Bedeutung im Irak oder in der US-Regierung, der daran etwas ändern möchte. An der Behauptung, die USA hätten "Blut für Öl" vergossen, ist nichts, buchstäblich nichts dran.



    Nicht nur, weil diese gestrige Meldung den "Spiegel" und andere, die diese Propaganda vor fünf Jahren angeführt hatten, eindrucksvoll widerlegt, sollte sie eigentlich in Deutschland Beachtung finden. Sondern auch, weil es ja nur deshalb möglich ist, internationale Anbieter zum Engagement im Irak einzuladen, weil dort das Schlimmste überwunden ist.

    Der Irak ist nicht den Weg in den Bürgerkrieg gegangen, den viele in Deutschland ihm prophezeit (und wie viele wohl ihm klammheimlich gewünscht?) haben. Man kann es in dem Artikel der Washington Post lesen:
    In recent months, sharp declines in violence have allowed Iraq to increase production levels to 2.5 million barrels a day, its highest since the U.S.-led invasion in 2003. With the new foreign deals, said Jehad, Iraq hopes to boost production to 4.5 million barrels a day within five years.

    In den vergangenen Monaten hat ein massiver Rückgang der Gewalt es dem Irak erlaubt, das Niveau der Produktion auf 2,5 Millionen Barrel am Tag zu steigern; das höchste seit der von den USA geführten Invasion im Jahr 2003. Mit den neuen Vereinbarungen mit ausländischen Firmen hofft der Irak nach den Worten von [dem Sprecher des Erdölministeriums] Dschehad, die Produktion in den nächsten fünf Jahren auf 4,5 Millionen Barrel zu steigern.
    Sie haben sich in Bezug auf den Irak geirrt, diejenigen, die aus einer ideologischen Verblendung heraus im Irak- Krieg nur einen Krieg um Öl sehen wollten; so, wie sie sich meist irren. Sie haben sich ebenso geirrt, als sie dachten - als sie es jedenfalls verkündeten - , der Irak werde in Gewalt versinken. Nur scheint es recht lange zu dauern, bis sich das jeweils herumspricht.

    Links zu den bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    27. Februar 2008

    Mein Gott, Walter! Der "Spiegel". Die Lüge. Und warum Zuverlässigkeit in der Politik unabdingbar ist

    Lieber Leser, wir machen jetzt einen Assoziationstest. Ganz schnell: Nennen Sie spontan die Stammtisch- Weisheit über Politik, die Ihnen als erste in den Sinn kommt!

    Sie haben "Die Politiker lügen"? Prima. Gratuliere. Sie haben Ihr Ohr am Mund des Volkes. Sie wissen, was auch noch der Doofste über "die Politiker" weiß.



    Im aktuellen "Spiegel" (9/2008) darf ein Autor namens Franz Walter die gesamte Seite 22 damit füllen, diese Stammtisch- Weisheit auszubreiten.

    In zwei Punkten allerdings unterscheidet sich Bruder Franz von den anderen Stammtischbrüdern.

    Erstens redet er gebildet daher. Dazu ist er verpflichtet, denn er ist Professor.

    Also sagt er nicht: "Die Politiker lügen, diese Gauner, diese dreckerten", sondern er schreibt:
    Irreführung, Maskerade, das glanzvolle Theater verlangen weit mehr Geschick, Raffinesse, Phantasie als die komplexitätsscheue Wahrheitsliebe und die orthodoxe Werktreue.
    Oder, auch schön:
    Ein Stratege operiert geheim; er täuscht, legt falsche Spuren, hebt Fallgruben aus, lauert hinter Hecken. Ein Stratege und großer Politiker muß - ja, er muß - zuweilen Potemkinsche Dörfer errichten, ohne Skrupel von links nach rechts und zurück rochieren, mindestens den Gegner durch falsche Ankündigungen in die Irre führen.
    Er muß, meint der Autor Walter. Und da haben wir den zweiten Punkt, in dem er sich von seinen Brüdern an den Stammtischen unterscheidet:

    Nicht nur breitet er das, was diese auch wissen, aber kürzer sagen können, so geschwätzig aus, als hätte er bei Adorno studiert. Sondern er findet es vor allem gut, daß die Politiker lügen. Da geht er einen Schritt weiter als seine Brüder an den Stammtischen, wenn diese sich über die Lügen der Politiker empören.

    Franz Walter empört sich nicht. Im Gegenteil: Er schnalzt sozusagen mit der Zunge, wenn er schreibt: "Nehmen wir Konrad Adenauer, Charles de Gaulle oder Otto von Bismarck - sie alle waren große Lügner vor dem Herrn".

    Ja toll. Der Stammtisch darf sich freuen: Wußten wir's doch!



    Was ist ärgerlicher an diesem - ja was? Essay? Kommentar? "Kasten"? Ist es die Art, wie da ein Autor einen einzigen Gedanken auf Seitenformat dehnt? Ist es der armselige Gehalt dieses Gedankens, der ungefähr so viel mit wissenschaftlicher Politologie zu tun hat wie die Weisheit "Alles ist relativ" mit der Relativitätstheorie?

    Oder ist es die Weise, wie Walter seine Meinung zu einer aktuellen innenpolitischen Frage ins Bedeutend- Allgemeine hebt?

    Denn er schreibt ja nicht deshalb etwas über die Lüge in der Politik, weil das doch mal gesagt werden mußte. Sondern er schreibt - der "Kasten" ist ja nicht zufällig in den Artikel über Becks "Wende zur Linkspartei" eingerückt - als flankierende Maßnahme zu dem, was er vor ein paar Tagen in "Spiegel Online" geschrieben hat.

    Dort begeisterte er sich für "Becks Korrektur der alten Schwüre, von der Linken nicht einmal einen Kanten alten Brots anzunehmen". Die SPD dürfe "ein 'Rien ne va plus' in der Koalitionsbildung nicht noch durch Prinzipiendogmatismus und starre Abgrenzungsformeln festigen. Eine solche Partei muß sich intelligent, auch unorthodox bewegen, muß Optionen nutzen."

    Mit anderen Worten, sie muß vor der Wahl lügen. Und damit wir alle verstehen, daß das auch gut so ist, will Franz Walter uns jetzt erklären, daß derartige Lügnerei nun mal zum Wesen des Politischen gehört. Jener Franz Walter, der schon vor fast einem Jahr ein "rot- rot- grünes Bündnis" als eine der Möglichkeit für die Regierungsbildung 2009 ins Spiel gebracht hat.

    Ein Politologe also, dem man sicher kein Unrecht tut, wenn man vermutet, daß er - Mitglied der SPD seit 1972 - seine politischen Präferenzen nicht verbirgt. Daß er nicht nur mit dem kühlen Blick des Wissenschaftlers, sondern auch mit dem heißen Herzen des politisch Engagierten an seinen Gegenstand herantritt.



    In diesem Fall freilich nicht sehr nah an ihn herantritt. Denn was er über das Lügen in der Poltitik schreibt, hat eben nur Stammtisch- Niveau. Machiavelli im Comic- Format. Am Ende hat der die Nase vorn, der die anderen am besten übers Ohr haut.

    Nur ist das ja nicht so. Was einen Wissenschaftler interessieren sollte, das ist die Frage, warum nicht ständig gelogen wird, obwohl es doch scheinbar für den Lügner nur vorteilhaft ist. Das ist die Frage nach der Evolution sozialen Verhaltens, nach der Notwendigkeit des Vertrauens für das Zusammenleben.

    Eine Gesellschaft, deren führende Mitglieder sich so benehmen würden, wie Walter sich die Politik vorstellt, wäre nicht lebensfähig. Warum Gesellschaften trotzdem funktionieren, warum man dem Wort des anderen in der Regel vertrauen darf, darüber hat sich schon David Hume Gedanken gemacht. Die moderne Spieltheorie - beispielsweise die Forschungen des Nobelpreisträgers Robert Aumann zu wiederholten Spielen - befaßt sich damit.

    Ein Kernbefund, auf den diese Theorien aufbauen, ist die Änderung des Verhaltens, wenn Spiele sich wiederholen: Wer am Anfang betrügt, der kann einen Vorteil haben. Aber der andere merkt das ja irgendwann. Je öfter ein Spiel wiederholt wird, umso weniger zahlt sich also Betrug aus. Am Ende gewinnt der Zuverlässige, nicht der Lumpenhund. Jedenfalls in der Regel. Jedenfalls, nachdem das Spiel hinreichend oft wiederholt wurde und jeder weiß, wie er den Mitspieler einzuschätzen hat.

    So ist es auch in der Politik. Man kann vielleicht ein, zweimal lügen und davonkommen. Wer notorisch lügt, dem geht es - jedenfalls in einem demokratischen Rechtsstaat - wie Richard Nixon.



    Große Staatsmänner waren deshalb, entgegen Walters Vermutung, keineswegs Lügner. Sie wußten, daß sie nur dann Erfolg haben konnten, wenn ihr Wort galt; wenn andere sich auf sie verlassen konnten. Denn wer sein Wort bricht - was ist dessen Wort noch wert? Wer sich nicht an Zusagen hält - wozu mit dem Betreffenden überhaupt noch verhandeln, um Zusagen von ihm zu bekommen?

    Selbst von Adolf Hitler hat der britische Ministerpräsident Chamberlain erwartet, daß er sich an seine Zusagen von München 1938 halten würde. Er war - Churchill schildert das ausführlich im ersten Band seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs - regelrecht entrüstet, als sich herausstellte, daß Hitler ihn belogen hatte. Wozu hatte man dann überhaupt verhandelt?

    Natürlich gehört zum Politischen das, was die Kunst der klassischen Diplomatie ausmacht: Seine Ziele nicht immer offenzulegen. Bündnisse zu wechseln, wenn die Situation es verlangt. Es gehört "Öffentlichkeitsarbeit" dazu, wie sie Bismarck mit seiner verkürzten Mitteilung über die Emser Depesche perfekt vorgeführt hat.

    Aber das ist etwas anderes als Wortbruch. Es ist etwas vollkommen anderes, als ein Versprechen zu geben und sich dann nicht daran zu halten. Sei es die Zusagen gegenüber einem Verhandlungspartner. Sei es eine Garantie, wie sie Frau Ypsilanti ihren Wählern gegeben hat.



    Was Walter an historischen Beispielen anführt, belegt überhaupt nicht seine These.

    Nehmen wir Willy Brandt, dessen schnellen Vorstoß zur Bildung der sozialliberalen Koalition in der Wahlnacht des 28. September 1969 Walter am Ende seines Textes ausführlich darstellt; wohl in der Hoffnung, etwas vom Glanz Brandts auf Kurt Beck zu lenken. Hat Brandt sein Wort gebrochen, als er die Koalition mit Walter Scheel schmiedete? Hatte er den Wählern eine Garantie gegeben, in keiner Form mit der FDP zusammenzuarbeiten?

    Nein. Im Gegenteil: Brandts Parteifreund Gustav Heinemann, zu dessen Wahl zum Bundespräsidenten sich bereits im März 1969 SPD und FDP verbündet gehabt hatten, sprach wenige Tage nach seiner Wahl von einem "Stück Machtwechsel (...) Das ist hier nicht in breiter Front der Fall, das wird sich erst bei den Bundestagswahlen ergeben." Deutlicher konnte er nicht sagen, daß die SPD eine Koalition mit der FDP anstrebte.

    Als Willy Brandt in der Wahlnacht die Weichen für diese Koalition stellte, statt langwierige Verhandlungen in den nachfolgenden Tagen abzuwarten, handelt er geschickt. Er hat weder gelogen noch ein gegebenes Wort gebrochen, nicht einmal im Ansatz.

    Oder nehmen wir Konrad Adenauer, den Walter für einen großen Lügner hält. In Wahrheit war er einer der verläßlichsten Politiker seiner Zeit. Die Geradelinigkeit, mit der er seine Ziele verfolgte, machte ihn zu einem starken Partner des Westens; viel stärker, als es dem tatsächlichen Gewicht der anfangs noch nicht souveränen Bundesrepublik entsprach.

    Er war so vertrauenswürdig, der Alte Herr, daß er es sich leisten konnte, über seine rheinische Listigkeit selbst Witze zu machen. "Wie mein Freund Pferdmenges unterscheide ich drei Steigerungen der Wahrheit: Die einfache, die reine und die lautere Wahrheit. Ich will Ihnen jetzt die reine Wahrheit sagen ...", soll er einmal zum Besten gegeben haben.



    Und zum Schluß noch ein Zitat:
    Überdies hat der Wettbewerbs- und Entstrukturierungsfuror der Deutungseliten nach zwei Jahrzehnten der diskursiven Hegemonie nicht nur zu wünschenswerten Deregulierungen verknöcherter Bürokratien und zu einem löblichen Anstieg selbstverantwortlicher Individualität geführt, sondern eben auch zu einer massiven Denunziation und Entwertung sozialstaatlicher Normen - wie Fairness, Ausgleich, Integration, Verknüpfung, Zusammenhalt, Solidarität - sowie zu einer Destruktion sozialstaatlicher, klassenintegrierender, Bindungen stiftender Institutionen.
    Wenn man sich an diesem Lindwurm eines deutschen Satzes entlanggearbeitet hat und bis ungefähr zum Ansatz des Schwanzes gekommen ist, dann erfährt man: Modernen Gesellschaften fehlt es an Fairness.

    Schau an, schau an. Wer schrieb das? Sie werden es ahnen, lieber Leser; denn sonst hätte ich es ja nicht zitiert: Diesen schönen langen Satz schrieb, vor gut einem Jahr, Franz Walter.

    Mit Dank an Enha. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    24. Januar 2008

    Zettels Meckerecke: Agitprop, Agitprop, Agitprop. Mal wieder etwas zu "Spiegel Online"

    Unter der Überschrift "Ich, ich, ich" steht gegenwärtig in "Spiegel Online" ein - ja was? Soll man es einen Bericht nennen? Soll man es einen Kommentar nennen? Es ist keines von beiden.

    Es ist kein Bericht, denn es wimmelt darin nur so von Wertungen, von herabsetzenden Formulierungen.

    Es ist kein Kommentar, denn der Autor nennt an keiner Stelle explizit seine Meinung. Er äußert auch, wie es ein Kolumnist vielleicht täte, keine Vermutungen, stellt keine Analyse an, liefert keine Hintergrund- Informationen.

    Es ist auch, obwohl es um eine TV-Sendung geht, keine TV-Kritik, denn auf die Qualität der Sendung, auf die Leistung des Moderators wird mit keinem Wort eingegangen.

    Wie also sollte man ein derartiges journalistisches Produkt nennen? Mir fällt nur eine Bezeichnung ein; vielleicht weiß jemand ja eine bessere: Agitprop.



    Wäre es ein Bericht, dann könnte man als Thema nennen: Carsten Volkery, Redakteur im Berliner Büro von "Spiegel Online", berichtet über ein Interview, das Frank Plasberg mit Wolfgang Clement geführt hat und das in der Sendung "Hart, aber fair" gestern Abend in der ARD ausgestrahlt wurde.

    Es war ein kurzes Interview von ein paar Minuten; seinen Inhalt könnte man in ein wenigen Absätzen zusammenfassen. Aber darüber, was Clement nun eigentlich gesagt hat, erfährt man von Carsten Volkery nur ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Sätze. Man erfährt auch wenig über das Umfeld, die Hintergründe dieses Interviews; zum Beispiel die innerparteilichen Kämpfe in der SPD um die Linie der Partei und mögliche Koalitionen.

    Ja, womit füllt denn Volkery eigentlich die mehr als hundert Zeilen, die der Artikel immerhin lang ist? Mit Sätzen wie:

    "Allein gegen die SPD - in dieser Rolle fühlt sich Ex-Minister Wolfgang Clement am wohlsten."

    "Rache kann so süß sein."

    "Dass die SPD Amok lief, nachdem ihr früherer Parteivize am Sonntag zur Wahl des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) aufrief, kommt Clement wie gerufen. Endlich mal wieder 'News of the town'."

    "Eine schlüssige Erklärung, warum er sich ausgerechnet eine Woche vor der Wahl mit einer Attacke auf Ypsilanti zu Wort meldet, liefert Clement nicht."

    "Dass die Partei im Moment andere Sorgen hat, ist ihm schlicht - egal. Deshalb sind die Parteifreunde auch mit der Geduld am Ende."



    Und so fort. Das sind Sätze, deren Informationswert nahe Null liegt. Es sind auch keine kommentierenden Sätze; Volkery äußert ja gar keine eigene Meinung. Es ist Agitprop. Es ist der Versuch, dem Leser einen negativen Eindruck von Wolfgang Clement und seinem Auftritt in diesem Interview zu vermitteln.

    In den siebziger Jahren hat die SPD in NRW vor wichtigen Wahlen eine Zeitung namens "ZaS" (Zeitung am Sonntag) produziert, die am Sonntag Vormittag von Parteihelfern an die Haushalte verteilt wurde. Sie war natürlich - das war ihr Zweck, sie war ja ein Mittel des Wahlkampfs - vollkommen parteilich und sollte den Lesern die Ereignisse der vorangegangenen Tage, vor allem auch TV-Sendungen, so darstellen, wie die Partei sie gesehen haben wollte. Es war Agitprop. Völlig legitim und als solche sofort erkennbar.

    Journalisten wie Volkery veranstalten dasselbe, aber sie geben nicht zu erkennen, daß es Agitprop ist. Und der Chefredakteur deckt das; unterbindet es jedenfalls nicht.

    Dieser Chefredakteur, Matthias Müller von Blumencron, war - ich habe das damals kommentiert - schon im November als Nachfolger von Aust in der Chefredaktion des gedruckten "Spiegel" im Gespräch. Er schien danach aus dem Rennen zu sein. Die aktuellen Berichte sehen ihn wieder als einen von zwei Chefredakteuren in einer kollektiven Führung des "Spiegel".

    Wie sich dann der "Spiegel" entwickeln dürfte - davon geben Texte wie der von Volkery einen Vorgeschmack.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    17. Januar 2008

    Marginalie: Kollektive Führung beim "Spiegel"?

    Als Stalin tot war und niemand den Kampf um die Nachfolge für sich hatte entscheiden können, erfanden die russischen Kommunisten die "kollektive Führung". Erst waren es Malenkow und Chrutschtschow, die kollektiv führten, dann Chruschtschow und Bulganin.

    Natürlich dauerte das nur für eine Übergangszeit, bis einer gewonnen hatte. Von 1958 an war es wieder vorbei mit der kollektiven Führung; Chruschtschow war Alleinherrscher geworden.

    Beim "Spiegel" soll - so besagt es das jüngste Gerücht - nun, nachdem die Suche nach einem Nachfolger Austs bisher wie eine Schnitzeljagd bei Neumond in der Sahara verlaufen war, ebenfalls eine kollektive Führung her. Matthias Müller von Blumencron, Dauerkandidat, seit Austs Vertrag nicht verlängert wurde, soll der eine Kollektive werden, der andere Georg Macolo, auch er schon lange als möglicher Nachfolger Austs im Gespräch. Der eine ein Kandidat der Linken, von der FR ebenso hochgeschrieben wie von der TAZ; der andere eher der Mann Austs, ein ideologiefreier Macher.



    Doppelspitzen haben beim "Spiegel" Tradition. Die Ur-Doppelspitze waren Augstein und sein Zwilling Hans Detlev Becker, zuerst unter dem Herausgeber Augstein "Geschäftsführender Redakteur", dann Chefredakteur. Augstein war mehr für die große Linie zuständig, Becker war ein Detail- Fanatiker; der Hauptverantwortliche für die exzellente handwerkliche Qualität des "Spiegel".

    Später wurde die doppelt besetzte Chefredaktion beim "Spiegel" üblich. Sie bestand aus einem mehr "politischen" Chefredakteur und einem, der für die weichen Themen zuständig war; Erich Böhme und Johannes K. Engel waren das erfolgreichste derartige Team.

    Aber darüber, nein, nicht schwebte, sondern thronte Rudolf Augstein, der als Herausgeber im Grunde der Chef der Chefs in einer Dreier- Chefredaktion war.

    Als Aust Chefredakteur wurde und er allmählich Augstein faktisch beerbte, der sich immer mehr zurückzog, wurde das Dreiermodell unter anderen Bezeichnungen fortgeführt: Aust in der Rolle Augsteins, aber nur mit dem Titel "Chefredakteur"; die beiden stellvertretenden Chefredakteure Doerry und Preuß in den Rollen, die einst Böhme und Engel als kollektive Chefredaktion zugefallen gewesen waren.



    Das hatte sehr gut funktioniert. Die Last der Tagesarbeit war auf zwei Schultern verteilt; zugleich sorgte der über den beiden Thronende dafür, daß die beiden Chefs sich nicht in einem Rivalitätskampf à la "Kollektive Führung" zerrieben.

    Wenn die jetzigen Gerüchte stimmen, dann soll es nun sozusagen Böhme und Engel geben, aber ohne Augstein; oder Doerry und Preuß, aber ohne einen Aust über ihnen.

    Ungefähr wie die beiden römischen Konsuln scheint man sich das vorzustellen. Daß ein solches Modell funktioniert, wäre eine große Überraschung. Allenfalls zwei Busenfreunde könnten auf Dauer gleichberechtigt ohne einen ständigen Machtkampf miteinander auskommen.

    Mag sein, daß er von der "Mitarbeiter KG" beabsichtigt ist, der Machtkampf, nach dem Motto: Wenn sich zwei Chefs streiten, dann freuen sich die Mitarbeiter.

    Von einem "Kalb mit zwei Köpfen" schreibt ein Leserbrief- Autor zu dem Artikel von Michael Hanfeld in der FAZ. Mir fällt eher Platons Gleichnis für die Seele ein: Der Wagenlenker (der Verstand), der zwei Pferde (den Mut und die Begierden) steuert.

    Was man, sollten die Berichte stimmen, beim "Spiegel" jetzt plant, das ist sozusagen Platon - nur ohne Wagenlenker.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    31. Dezember 2007

    Zitat des Tages: Eine hoffnungsvolle Prognose zum Jahresausklang? Ach nein ...

    Am Ende bliebe ein Staat übrig, der das Land bloß noch verwaltet. Das Gestalten überließe er anderen.

    Frank Dohmen und Alexander Jung von der Wirtschafts- Redaktion des "Spiegel". Die Autoren scheinen das aber nicht als eine positive Prognose zu sehen, sondern als eine Art Horror- Szenario. In einem Artikel von seltsamer Unlogik.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    12. Dezember 2007

    Zitat des Tages: Claus Klebers Entscheidung

    Es ist also keine Entscheidung gegen das wichtigste Print- Magazin, sondern für das beste TV- Magazin.

    Claus Kleber über seine Entscheidung, beim ZDF zu bleiben und nicht Chefredakteur des "Spiegel" zu werden. - Schade. Denn mit ihm als Chefredakteur wäre der "Spiegel" nicht nur das wichtigste Print-Magazin geblieben, sondern auch das beste.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    8. Dezember 2007

    Marginalie: Claus Kleber soll neuer "Spiegel"-Chef werden

    Das war gestern für mich eine der überraschendsten Nachrichten des Jahres. Eine der erfreulichsten auch; zumal ich die bevorstehende Entscheidung über die Nachfolge von Stefan Aust weitaus pessimistischer beurteilt hatte.

    Ich habe mich geirrt. Jedenfalls sehr wahrscheinlich. Dann nämlich, wenn sich bestätigt, was seit gestern Nachmittag gemeldet wird: Claus Kleber soll Nachfolger von Stefan Aust werden.



    Ihn hatte niemand auf der Liste gehabt; außer natürlich den innersten Insidern, die aber offenbar dichtgehalten haben. Da ist wirklich - wenn die Meldungen stimmen - ein Dark Horse als erster durchs Ziel gegangen.

    Einer, der zum ersten und letzten Mal für ein Printmedium gearbeitet hat, als er als Schüler für eine Lokalredaktion des "Kölner Stadt- Anzeigers" jobbte: Mit Themen wie "Kleintierzüchter, Naherholungsheime, Tankstellenkrisen"; so erzählte er es im Februar dieses Jahres Matthias Hannemann von der FAZ.

    Einer, zweitens, der zu den wenigen politischen Journalisten gehört, die sich nicht nur von keiner Partei vereinnahmen lassen, sondern die derart sachbezogen (wenn auch alles andere als unkritisch) berichten, daß man sie noch nicht einmal als "SPD-nah", als "CDU-nah" oder als "FDP-nah" etikettieren kann.

    "In zehn Jahren sollen die Leute immer noch nicht wissen, auf welcher Seite ich stehe", zitierte ihn vor drei Jahren Sebastian Hammelehle in der "Welt am Sonntag. Das hätte auch Gerd Ruge sagen können, Stefan Aust oder Friedrich Nowottny, der auf eine Frage nach seiner Parteinähe einmal geantwortet hat, er sei "Nowottny-nah".

    Kleber ist damit das genaue Gegenteil des erwarteten Aust- Nachfolgers, der - so schien es nicht nur mir, so schien es auch zum Beispiel Harald Staun in der FAZ, - "lieb, links und auf der Liste" sein würde; auf der Liste nämlich der starken linken Fraktion in der Mitarbeiter KG des "Spiegel".

    Nein, links ist er nicht - jedenfalls nicht in seiner Arbeit -, der Claus Kleber. Und "lieb"? Hm, wenn damit eine gewisse Softie- Haftigkeit gemeint ist, dann spricht wenig dafür, daß Kleber wenigstens in dieser Hinsicht das Klischee eines Hätschelkinds der Linken erfüllt.

    Seine Vita jedenfalls deutet auf Anderes hin: Kein Studium der Germanistik, der Philosophie, der Soziologie oder der Journalistik. Kleber ist promovierter Jurist; er hat als Anwalt gearbeitet. Er wollte einmal Pilot oder Astronaut werden. Als Matthias Hannemann ihn Anfang dieses Jahres in seinem Büro beim ZDF interviewte, entdeckte er in einem Regal den Bausatz für eine Saturn V- Mondrakete.



    Fast sieht es aus, als hätte die Mitarbeiter KG des "Spiegel", nachdem man Aust gefeuert und allerlei linke Gedankenspiele veranstaltet hatte, am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen.

    Als sei den Mitarbeitern, vielleicht beim Einkaufen ihrer Weihnachts- Geschenke und dem damit verbundenen Blick ins Portemonnaie, aufgegangen, daß ihnen ein Profi, der allein auf journalistische Qualität achtet, am Ende doch zuträglicher ist als einer, der nur lieb und links ist.

    Sie haben mit einem Seitensprung geliebäugelt, die Damen und Herren von der Mitarbeiter KG. Und sind am Ende zurückgekehrt - zu einem, der dieselben Qualitäten hat wie Stefan Aust.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    6. Dezember 2007

    Marginalie: Nach Aust jetzt Matussek. Der "Spiegel" wird auf Linie gebracht

    Seit ein paar Tagen wird es gemunkelt, jetzt scheint es sicher zu sein: Nach Stefan Aust ist das nächste Opfer der Wende beim "Spiegel" Matthias Matussek, den Aust zum Kulturchef gemacht hatte. Zusammen mit Dr. Romain Leick, auch er keiner aus der In-Group der die Feuilletons bevölkernden Journalisten Publizisten, sondern zuvor Korrespondent in Paris, so wie Matussek in Rio und London stationiert gewesen war.

    Ich kann nicht sagen, daß ich Matusseks meist etwas flapsige, oft oberflächliche, nur selten gut geschriebene Arbeiten sehr geschätzt hätte.

    Aber er hatte erfrischende Ideen, er rührte nicht im faden Einheitsbrei linker Konformität herum, sondern servierte schon mal Gepfeffertes.

    Und vor allem: Unter diesem Ressortleiter konnten Artikel erscheinen, die in den meisten Feuilletons nicht hätten gedruckt werden können.

    Beispielsweise eine realistische, also vernichtende Reportage über die Absurditäten gewisser Formen des Regietheaters. Eine "Spiegel"- Story, über deren Entstehung und Schicksal der Autor Joachim Lottmann im Rückblick berichtet hat.

    So etwas bringt man als Ressortleiter nicht in Deutschland, wenn man nicht als rückständig, ja als - horribile dictu - konservativ erscheinen will. (In Frankreich hingegen geht das schon; dort hat sogar der stellvertretende Chefredakteur des linken Nouvel Observateur, Jacques Julliard, kürzlich eine Philippika gegen das Regietheater vom Stapel gelassen, gegen die der Artikel im "Spiegel" ein schüchternes Zweifeln war).

    Daß beim "Spiegel" so etwas immerhin nach deutschen Maßstäben Hoch- Ketzerisches erscheinen konnte, war sozusagen der gedruckte Beweis dafür, daß es dort unter Aust, daß es in Matusseks Kultur- Ressort liberal zuging; daß neben den selbstveständlich dominierenden Linken auch Unpolitische, ja Konservative zu Wort kommen durften. Eine seltsam zusammengecastete Redaktion halt, aus der Sicht eines Autors wie Oliver Gehrs, der es als gestandener Linker beim "Spiegel" einst allerdings nur auf zwei Jahre als Redakteur gebracht hatte.

    Mit dem seltsamen Zusammencasten wird es jetzt vorbei sein. Denn es wird immer deutlicher, daß die Mitarbeiter KG sich die jetzige Gelegenheit, den "Spiegel" wieder auf eine linke Einheitslinie zu trimmen, nicht entgehen lassen wird.

    Oder, wie es die "Taz" vor ein paar Tagen formuliert hat: Der "Spiegel" dürfte "wieder ein durch und durch lesbares Blatt" werden. Von einem "Taz"-Autor geschrieben ist das ungefähr die düsterste Prognose, die man dem "Spiegel" ausstellen kann.

    Ich bin gespannt, wer die nächsten Opfer dieser Mitarbeiter KG sein werden, in der, wie gestern Wolf Lotter in der "Welt" schrieb, "typische Repräsentanten der in Deutschland so mächtigen Armee der eingebildeten Benachteiligten" das Sagen haben.

    An Stelle von Joachim Preuß, von Gabor Steingart, von Georg Mascolo und von Henryk M. Broder würde ich mich schon mal ein wenig auf dem Arbeitsmarkt umsehen.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    25. November 2007

    Zitat des Tages: Ein mitbestimmter Betrieb sucht seinen Chef

    Einen angemessen nervenstarken, selbstbewussten und erfahrenen Profi für den Job zu finden wird schon durch das Verfahren erschwert, das eher an die Bewerbung um ein WG-Zimmer erinnert.

    Harald Staun heute in der FAZ Sonntagszeitung über die Suche nach einem neuen Chefredakteur für den "Spiegel".

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    18. November 2007

    Randbemerkung: Rutscht der "Spiegel" jetzt nach links?

    In den letzten Jahren haben sich der "Spiegel" und "Spiegel Online" immer weiter voneinander entfernt; sowohl, was die journalistische Qualität angeht, als auch in der politischen Linie.

    Während der "Spiegel" unter Stefan Aust die Krise, in die er Anfang der neunziger Jahre geraten war, schnell überwand und heute wieder seinem Ruf als eines der international führenden Nachrichten- Magazine gerecht wird, gedeiht bei "Spiegel- Online" ein Agitations- Journalismus, der Nachricht und Kommentar vermischt.

    Im Stil der "Tageszeitung" ("taz") werden Nachrichten so formuliert - oder auch schon mal, wie gerade erst wieder, so umformuliert -, daß die LeserInnen gleich mitgeliefert bekommen, wie sie diese Nachrichten politisch zu bewerten haben. Parteilicher Journalismus also, wie er (in einer freilich extremeren Form) in der DDR in der Sektion Journalistik der Karl- Marx- Universität Leipzig allen Nachwuchs- Journalisten der DDR eingetrichtert worden war (der Journalist als "kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator").

    Man kann zwar auch gegen die "Spiegel"- Story als Publikationsform einwenden, daß in ihr Nachricht und Meinung nicht getrennt werden. Hans Magnus Enzensberger hat das ja schon 1957 getan. Aber das ist dem Format "Nachrichten- Magazin" nun einmal eigen, seit Henry Luce 1923 das Time Magazine erfand.

    In den international führenden Nachrichtenmagazinen wie Time und Newsweek wird das so gehandhabt, daß der Autor oder die Autoren einer Geschichte zwar die Freiheit haben, den Stoff unter einem bestimmten Blickwinkel darzustellen, daß es aber keine für alle verbindliche "politische Linie" gibt.

    So hat es Augstein (trotz seiner Bemerkung aus der Zeit der turbulenten siebziger Jahre, der "Spiegel" sei ein "lberales, im Zweifel ein linkes Blatt") immer gehandhabt; wenn auch sein Einfluß auf das Blatt nachließ, je mehr er sich aufs Altenteil zurückzog. Als in den sechziger Jahren einmal Redakteure des "Spiegel" nach ihrer politischen Präferenz gefragt wurden, outeten sich viele als Sozialdemokraten, etliche als Freie Demokraten, einige als Christdemokraten.

    Diese Vielfalt der Meinungen ist unter Aust im "Spiegel" allmählich wieder hergestellt worden. Unter seiner Leitung wurde der "Spiegel", der in den siebziger und achtziger Jahren immer weiter nach links gerückt war, wieder zu einem Nachrichtenmagazin nach dem Vorbild des angelsächsischen Journalismus. Das führte naturgemäß zu Konflikten. Es führte dazu, daß linke Redakteure wie Harald Schumann und Gerd Rosenkranz das Blatt verließen.



    Nun also wird Aust gehen. Und die Linke wittert die Chance, den "Spiegel" wieder auf linken Kurs zu trimmen. Dazu muß man jemanden als Nachfolger pushen, dem man zutraut, eine solche Wende hinzubekommen.

    Dieser jemand ist auch schon gefunden. Er heißt Mathias Müller von Blumencron. Unter seiner Verantwortung pflegt "Spiegel Online" diesen agitatorischen, vor allem gegen die USA gerichteten Stil. Ihm darf man zutrauen, auch den "Spiegel" auf diese Linie zu trimmen.

    Also rührt die Linke die Trommel für ihn.

    Die "taz" zerbrach sich am Freitag den Kopf über mögliche Nachfolger Austs. Alle (di Lorenzo, Schirrmacher, Franziska Augstein, Kleine- Brockhoff) wurden mehr oder weniger süffisant niedergemacht. Nur - aparte Idee - Gerd Rosenkranz und Harald Schumann als Doppelspitze kamen besser weg. Und dann derjenige, den die "taz" als "den Einzigen" bezeichnet: Mathias Müller von Blumencron: "Blumencron ist zudem im Grunde das Gegenmodell zu Aust. (...) Intern würde der Spiegel also nach links rücken."

    Ja gewiß doch. Also rührt einer der Autoren des "taz"- Artikels, Oliver Gehrs, gleich auch noch in einem Interview mit "n-tv" die Trommel für Müller von Blumencron.

    Unter Aust sei der "Spiegel", findet Gehrs, "restaurativ und bürgerlich und gestrig" geworden. Er sei "in seiner politischen Bewertung sehr erratisch" geworden, ja "politisch gesehen überhaupt nicht mehr verlässlich gewesen". Was wir wohl so verstehen dürfen, daß Gehrs die Parteilichkeit vermißt, die klare linke Linie. Was ist dagegen zu tun? Gehrs weiß es: "Der 'Spiegel-Online' - Chef Mathias Müller von Blumencron wäre der richtige Nachfolger".

    Und die "Frankfurter Rundschau" stimmt ein: Mathias Müller von Blumencron sei "ein gewandter Profi" dem mit "Spiegel-Online" "eine einzigartige Erfolgsgeschichte" gelungen sei und der ergo "gute Chance auf die Nachfolge Austs" habe.



    In den gut dreißig Jahren, in denen das Modell der "Mitarbeiter KG" existiert, hat es meist funktioniert. Das lag im wesentlichen daran, daß erst Augstein selbst und dann Stefan Aust, den Augstein der Redaktion oktroyiert hatte, ein starkes Gegengewicht zu den jeweiligen Vertretern der Mitarbeiter bildeten. Beide haben immer auf Liberalität, auf Qualität und auf Verkäuflichkeit geachtet.

    Jetzt werden erstmals die Mitarbeiter mit ihrem Anteil von 50,5 Prozent den entscheidenden Einfluß auf die Bestimmung eines Chefredakteurs haben. Wenn es nach der "taz", nach Oliver Gehrs, wenn es nach der "Frankfurter Rundschau" geht, dann wird das mit Müller von Blumencron einer sein, der die Tradition von Augstein und Aust wohl kaum fortsetzen dürfte.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    16. November 2007

    Randbemerkung: Aus für Aust

    Wievielen Kommentatoren wird dieses Wortspiel einfallen? Vermutlich allen. Nur werden sich nicht alle auf das Niveau begeben, es auch zu verwenden. Wortspiel und gehobenes Niveau - da ist auch heute noch für viele deutsche Journalisten wie Fisch und Messer.

    Womit ich beim Thema bin. Was den "Spiegel", der sich selbst seit der ersten Nummer SPIEGEL schreibt, von dieser ersten Nummer an ausgezeichnet hat, das war etwas, das es damals - 1947 - in Deutschland nicht gab, und später auch nur sehr selten: Ein hohes Niveau mit Unterhaltsamkeit zu verbinden.

    Wer für die "Zeit" schreibt, der wird es in der Regel (falls er nicht gerade zur Rätsel- Redaktion gehört) als nachgerade beleidigend empfinden, wenn man ihm attestiert, er schreibe unterhaltsam. Vom "stern" abwärts andererseits ist es für einen Autor ein vernichtendes Urteil, wenn seine Texte als nicht unterhaltsam eingestuft werden.

    Der "Spiegel" befand sich von Anfang an an der Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten des Journalismus; sozusagen zwischen E-Journalismus und U-Journalismus.

    Die "Spiegel"-Redaktion (immer mit einem erklecklichen Anteil von Promovierten) schrieb stets für ein intelligentes, wenn auch nicht unbedingt intellektuelles Publikum. Aber der Stil, die "Masche", wie das Hans Magnus Enzensberger in seinem berühmten Radio- Essay von 1957 nannte, war und ist frech, respektlos, mit einem Sprachwitz, der sich oft und gern in Richtung Kalau bewegt.



    Dafür war zuvorderst Rudolf Augstein selbst verantwortlich, dem die Verkaufszahlen immer ebenso wichtig waren wie das Niveau. Verantwortlich dafür waren auch Chefredakteure wie Hans Detlef Becker, Claus Jacobi, Johannes K. Engel und Erich Böhme, die sich an der Frische und Direktheit des angelsächsischen Journalismus orientierten.

    Aber es gab auch andere Tendenzen, andere Phasen in der Geschichte des Blatts. Es gab die Zeit des Chefredakteurs Günter Gaus, der dem "Spiegel" seine eigene Intellektualität und sein eigenes politisches Engagement aufzustülpen versuchte. Und es gab die Zeit, als das bunte, peppige "Focus" vorübergehend zu einer ernsthaften Konkurrenz zu werden schien. Gegen einen "Spiegel", dessen Redaktion alterte, der unter dem Einfluß rotgrün angehauchter Redakteure, teils auch Ressortchefs, zu einem drögen Weltverbesserer- Organ herabzusinken drohte.

    Damals, Anfang der neunziger Jahre, wurde das Blatt von zwei Chefredakteuren geführt, dem gelernten Wirtschafts- Redakteur Dr. Wolfgang Kaden und Hans Werner Kilz, der sich vom Korrespondenten in Mainz und Frankfurt über die Leitung des Ressorts Deutschland II bis in die Chefredaktion hochgearbeitet hatte. Zwei fähige, aber glanzlose und ziemlich langweilige Journalisten, die recht gut zu dem Mausgrau paßten, mit dem der immer noch überwiegend schwarzweiß gedruckte "Spiegel" in der bunten Welt der Konkurrenz- Blätter immer dröger wirkte.

    Augstein erkannte die Gefahr eines Abstiegs seines Blatts, und er handelte schnell, hart und mit Erfolg; wie immer, wenn er das für erforderlich hielt.



    Gegen den Widerstand eines großen Teils der Redaktion tauschte er die Chefredaktion aus. An die Stelle der "Doppelspitze", die es seit 1973 gegeben hatte (im Grunde eine Dreierspitze mit dem Herausgeber Augstein als Ober- Chefredakteur) setzte er einen einzigen Chefredakteur: Stefan Aust.

    Das verstand damals kaum jemand. Auch ich war sehr verwundert. Aust hatte als junger Mann allerlei Erfahrungen in mehr oder weniger windigen Printmedien gesammelt - "Konkret", den "St. Pauli Nachrichten". Er war als Chronist der RAF hervorgetreten und hatte ansonsten beim Fernsehen gearbeitet, erst beim NDR und dann als Chef von "Spiegel-TV".

    Dieser Mann, aus dem linksextremen Milieu der sechziger Jahre hervorgegangen, dann ein TV-Mann, auch gar noch ein Pferdezüchter - dieser Mann ohne Erfahrungen in der Redaktion eines großen Blatts sollte den "Spiegel" wieder nach vorn bringen?

    Er tat es. Er krempelte die Optik des Blatts um. Er sorgte für einen Generationswechsel. (Damals begann der "Spiegel" mit der Sitte, hinter die Namen seiner Redakteure, wenn sie in der "Hausmittelung" genannt wurden, stets das Alter zu setzen). Er setzte sich mit den rotgrünen Weltverbesserern auseinander, von denen ein Teil das Blatt verließ. Er machte den "Spiegel" (fast) wieder so frisch und so frech, wie er es in den fünfziger Jahren gewesen war.

    Dabei sank das Niveau keineswegs. Das Ressort "Gesellschaft" wurde um etliche Edelfedern um Cordt Schnibben erweitert, die zuvor an einem gescheiterten Zeitschriften- Projekt des "Spiegel"- Verlags gebastelt hatten. Die Berichterstattung wurde überwiegend politisch neutraler, als das seit den späten sechziger Jahren der Fall gewesen war. (Mit der Ausnahme allerdings der USA-Berichterstattung). Wirtschaftlich geht es dem "Spiegel" heute bestens. Aust hat daran entscheidenden Anteil.



    Er hätte wohl gern noch zwei Jahre weitergemacht. Jedenfalls hatte er bei den letzten Vertragsverhandlungen eine Option auf eine Verlängerung seines Vertrags über den 31. Dezember 2008 hinaus um weitere zwei Jahre durchgesetzt.

    Jetzt hat sich die Geschäftsführung darauf verständigt, von dieser Option keinen Gebrauch zu machen. Das geschah, so wurde mitgeteilt, auf Initiative der Mitarbeiter KG - jener einzigartigen Konstruktion, die daraus hervorging, daß Augstein Anfang der siebziger Jahre den Mitarbeitern die Hälfte seines Anteils am "Spiegel"- Verlag geschenkt hatte; ein eleganter Schachzug, mit dem er den "Spiegel" unbeschädigt durch die damalige Revoluzzerei brachte.

    Über die Hintergründe des jetzigen Schritts ist noch wenig bekannt. Von einem "Modernisierungs- Schub" und "frischer, neuer Kraft" ist die Rede.

    Ich wünsche dem "Spiegel", daß das funktioniert und daß man wieder einen wie Aust findet. Er war unter allen, die die Geschicke des "Spiegel" geleitet haben, Augstein selbst am ähnlichsten.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    8. August 2007

    Ketzereien zum Irak (19): Welcome to the club, Ullrich Fichtner!

    David Harnasch hat in der "Achse des Guten" schon darauf hingewiesen; aber ich möchte das Thema doch noch aus meiner Sicht kommentieren:

    Nachdem er bereits die erstaunlich informative und objektive Titelgeschichte des aktuellen "Spiegel" geschrieben hatte, hat der "Spiegel"- Redakteur Ullrich Fichtner jetzt in einem Online-Chat noch einmal mit Geduld und Faktenkenntnis viele Vorurteile und Irrtümer zur Situation im Irak zurechtgerückt.

    Mich hat das besonders gefreut, weil ich mich - wie auch viele andere Blogger- Kollegen vor allem aus der liberal- konservativen Blogokugelzone - immer wieder einmal bemühe, authentische und zuverlässige Informationen über die Lage im Irak in Erfahrung zu bringen.

    Seit Weihnachten 2006 gibt es dazu hier die Serie "Ketzereien zum Irak", deren bisherige Folgen über die in "Zettels kleinem Zimmer" zusammengestellten Links zugänglich sind.



    Warum gibt es so wenige authentische Berichte aus dem Irak wie jetzt den von Ullrich Fichtner?

    Zum einen natürlich, weil es bequemer und vor allem sicherer ist, den Irak von Dubai, Amman oder Kairo aus zu "beobachten", statt sich in diesen zu begeben.

    Zweitens, weil diejenigen, die sich nach Bagdad trauen, dort dann in der Regel in der "Grünen Zone" festsitzen und wieder nur vom Hörensagen berichten können.

    Das sind, so scheint mir, die beiden respektablen Gründe. Hinzu kommen allerdings zwei weniger ehrenhafte.



    In den USA haben bekanntlich die Demokraten der Invasion des Irak zugestimmt; auch Hillary Clinton hat zum Beispiel dafür gestimmt.

    Als dann aber der Wiederaufbau nicht so verlief, wie man sich das vorgestellt hatte; als terroristische Gruppen entstanden, die teils einander, teils die irakische und die US-Armee bekämpfen; als es offensichlich wurde, daß die US-Truppen nicht so schnell würden abgezogen werden können, wie man es sich gedacht hatte - da kippte die Stimmung in den USA. Immer mehr Bürger wollen, wie seinerzeit beim Vietnam- Krieg, nur noch raus.

    Verantwortliche Politiker wie der Präsident widerstehen dieser Stimmung; auch auf die Gefahr hin, drastisch an Popularität zu verlieren. Die Partei der Demokraten aber nutzte sie aus und nutzt sie aus. Nächstes Jahr wird ja ein neuer Präsident gewählt.



    In Europa, zumal in Deutschland, grassiert ein Antiamerikanismus, der von dem seinerzeitigen Kanzler Schröder kräftig geschürt wurde und der in der Invasion des Irak das schlechthinnige Böse sah, veranstaltet von dem Bösewicht Bush.

    Für die derart Eingestellten, unter den deutschen Journalisten vermutlich eine dicke Mehrheit, war und ist jeder Rückschlag der USA ein Triumph. Die Berichterstattung war und ist teilweise derart einseitig, daß sie - "Spiegel-Online" hat sich da besonders hervorgetan - oft mehr an den Journalismus der DDR erinnert als an eine um Fairness bemühte Arbeit.



    Aber "Spiegel-Online" - das ist immer ein anderer, weit schlechterer Journalismus gewesen als der des gedruckten "Spiegel". Gewiß, auch in dessen Auslandsredaktion hatten - vor allem, als Carolin Emcke an der Irak- Berichterstattung beteiligt war - die Antiamerikaner zeitweise das Sagen. Aber es gibt beim "Spiegel" eben auch glänzende Journalisten, es gibt eine ausgezeichnete Chefredakion, es gibt Stefan Aust. Und es gibt das herausragende Ressort "Gesellschaft", zu dem Fichtner gehört.

    Daß Fichtners Bericht als Titelgeschichte erschien, ist ein Glanzpunkt des klassischen, des objektiven und liberalen "Spiegel"- Journalismus. Welcome to the club, Ullrich Fichtner!

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.